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Full text of "Deutsches Biographisches Jahrbuch Bd02 1917-20"

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DEUTSCHES 

BIOGRAPHISCHES 

JAHRBUCH 

HERAUSGEGEBEN  VOM 
VERBANDE  DER  DEUTSCHEN  AKADEMIEN 

QBERLEITUNGSBANDII:  1917-1920 


1928 

DEUTSCHE  VERLAGS-ANSTALT  STUTTGART 

BERLIN  UND  LEIPZIG 


PJi*>t<>iir^phisclii.j  Originalaufnahme  NicttL.i  P^iiL-hcid.   Berlin 

Max  K  linger 


REDAKTIONSAUSSCHUSS: 

KARL  BR  AND  I  Gottinger  Gesellsdiaft  der  Wissensdiaften 

WALTHER  VON  DyCK,  MunAener  Akademie 

PAUL  ERNST,  Heidelberger  Akademic 

FRITZ  FOERSTER,  Leipziger  Akademic 

ERNST  HEyMANN,  Berliner  Akademie 

ERICH  MARCKS,  Mundiener  Historisrfie  Kommission 

JULIUS  PETERSEN,  Berliner  Akademie 
RICHARD  VON  WETTSTEIN,  Wiener  Akademie 

HERAUSGEBER: 
Dr.  phii.  HERMANN  CHRISTERN  in  Berlin 

BEARBEITER  DER  TOTENLISTE: 
Dr.  phil.  JOHANNES  HOHLFELD  in  Leipzig 

GESCHAFTSSTELLE: 

Berlin  N\V  7,  Unter  den  Linden  38 
<PreufiisAe  Akademie  der  Wissensdiaften) 

VORBEMERKUNG: 

Einige  in  Aussidit  genommene  Biographien  hat  der  Herausgeber 

fur  diesen  Band  nicfat  erhalten  konnen,  die  Lucken  solien  nadi 

Moglidikeit  spater  ausgefullt  werden,-  eine  Biographie  Friedridi 

Naumanns  wird  im  nadisten  Bande  (Jahrgang  1922)  folgen. 


Alle  Rcchte  vorbehalten 

Druck  der  Deutschen  VerlagS'Anstalt  in  Stuttgart 

Papier  von  d.cr  Papierfabrik  Salach  in  Salach,  Wurttemberg 


INHALT 

Biographien :  IQ17 3 

1918 207 

1919 350 

1920 490 

Totenlisten:  1917 645 

1918 679 

1919 711 

x920 739 

Namenverzeidinis 767 

Autorenverzeichnis 769 


BIOGRAPHIEN 

1917    /    1918    /    1919    /   1920 


1917 

Baare,  Fritz,  Geheimer  Kommerzienrat  und  Dr.-Ing.  e.  h.,  *  9.  Mai  1855  in 
Bochum,  1 10.  April  1917  in  Oeynhausen.  —  Fritz  B.  wurde  als  drittaltester  Sohn 
des  Geheimen  Kommerzienrats  Louis  B.  zu  Bochum  geboren.  Schon  in  f riiher 
Jugend  zeigte  er  eine  ausgesprochene  Neigung  zum  Ingenieurberuf .  Noch  heute 
wird  eine  von  ihm  in  seiner  Jugend  hergestellte  und  gut  arbeitende  Dampf- 
maschine  aufbewahrt ;  seiner  Mutter  hat  er  als  Gymnasiast  eine  Nahmaschine 
fur  mechanischen  Antrieb  eingerichtet.  Er  besuchte  zunachst  das  Gymnasium 
zu  Bochum  und  wahrend  der  letzten  Jahre  bis  zur  Erlangung  des  Reifezeug- 
nisses  das  Gymnasium  in  Arnsberg.  Schon  als  Schiiler  hielt  er  sich  in  der  GuB- 
stahlfabrik  auf  und  kannte  viele  altere  Arbeiter,  namentlich  Facharbeiter, 
personlich.  Er  studierte  dann  auf  dem  Polytechnikum  in  Berlin  und  Karlsruhe. 
In  Berlin  wohnte  er  bei  einem  Schuhmachermeister,  dem  er  manchen  Hand- 
griff  in  der  Werkstatt  absah.  Sehr  erstaunt  war  Geheimrat  Louis  B.,  als  er 
eines  Tages  in  Marienbad  ein  Paket  von  seinem  Sohn  Fritz  erhielt,  in  dem 
dieser  ihm  ein  Paar  selbstgefertigter  Schuhe  iibersandte.  Sie  waren  zwar  nicht 
von  hochster  Eleganz,  aber  doch  recht  bequem  und  veranlaBten  den  gleichf  alls 
in  Marienbad  anwesenden  Dichter  Emil  Rittershaus  zu  poetischer  Wurdigung 
der  schusterlichen  Tat.  Nach  Beendigung  des  Studiums  ging  B.  fur  zwei  Jahre 
nach  England  zur  Firma  Tannet  Walker  &  Co.  in  Leeds.  Seiner  Dienstpflicht 
geniigte  er  bei  den  1.  Gardedragonern  in  Berlin.  Gern  hatte  er  damals  den 
Beruf  des  aktiven  Offiziers  gewahlt,  verzichtete  aber,  dem  Wunsche  seines 
Vaters  folgend,  hierauf.  Seither  gruppierte  sich  die  Arbeit  und  die  Erholung 
seines  Lebens  um  zwei  Zentren :  um  den  Beruf  zum  Ingenieur  und  um  die  Liebe 
zum  reiterlichen  Soldatentum. 

Fritz  B.sLebensweg  erscheint  dem  ihn  nach  seiner  Vollendung  tfberschauen- 
den  als  ungewohnlich  glatt  verlaufend.  Gliicklich  verheiratet  seit  1882  mit 
Hedwig  Heintzmann,  der  Tochter  des  Bergrats  Heintzmann  in  Bochum,  tatig 
auf  einem  ihm  zusagenden  und  auch  dem  Umfange  nach  seiner  groBen  Be- 
gabung  entsprechenden  Arbeitsgebiet,  lebend  in  einer  Zeit,  in  welcher  die 
deutsche  Wirtschaft  nach  dem  tiefen  Niedergang  Ende  der  siebziger  Jahre 
allmahlich  wieder  zu  erstarken  begann,  unbeschwert  von  den  driickenden 
Sorgen,  die  sein  Vater  nach  der  Griindung  des  Werkes  und  spater  hatte  durch- 
kosten  miissen,  mit  seinem  Werk  getragen  und  gehoben  von  der  steigenden 
Bedeutung  der  deutschen  Industrie,  so  sieht  sich  sein  Leben  an  als  wahrhaft 
vom  Schicksal  begnadet. 

Naheres  Betrachten  zeigt  aber  auch  in  diesem  Leben  Schwierigkeiten,  an 
deren  Uberwindung  ein  weniger  starker  Charakter,  eine  minder  kraftvolle 

DBJ  1* 


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Natur  als  Fritz  B.  gescheitert  ware.  An  den  jungen  Generalsekretar —  dies  war 
er  seit  1880  —  wurden  von  seinem  Vater  die  allergroBten  Anforderungen  an 
Arbeitskraft  und  Zeit  gestellt.  15  Jahre  lang  muBte  er  jederzeit  des  Winkes  des 
alten  Herrn  gewartig  sein ;  er  war  in  seine  tagliche  Arbeit  eingespannt  wie  kein 
zweiter.  In  diesen  langen  Jahren  hat  Fritz  B.  einen  eisernen  FleiB  und  eine 
Hingabe  an  seine  Arbeit  bewiesen,  der  auch  die  mitunter  harte  Hand  des  alten, 
an  sich  selbst  sehr  hohe  Anforderungen  stellenden  Geheimrats  keinen  Abbruch 
getan  hat,  Urlaub  im  Sinne  von  Vergniigungsreisen  kannte  er  weder  damals 
noch  spater.  Seine  Erholung  war  der  Sport  nach  Vollendung  seiner  Tagesarbeit, 
dem  er  in  vielerlei  Form  zugetan  war.  So  hatte  er  bereits  als  Student  in  Berlin 
sein  Ruderboot  auf  der  Spree  und  war  stets  ein  ebenso  eifriger  Tennisspieler 
wie  Reiter.  Abgesehen  von  tageweisen  Abwesenheiten  zur  Jagd  verbrachte  er 
irn  iibrigen  seinen  Urlaub  bei  den  militarischen  tjbungen.  Nach  langjahrigem 
Offizierdienst  in  der  Reserve  des  Dragoner- Regiments  14  wurde  er  Rittmeister 
der  Landwehrkavallerie,  erwirkte  aber  seine  Zuriickversetzung  in  die  Reserve 
und  setzte  nunmehr  bei  den  11.  Husaren  in  Diisseldorf  bzw.  Krefeld  seine 
tJbungen  fort.  Bei  diesem  Regiment  wurde  er  anlaBlich  des  ioojahrigen  Re- 
giments] ubilaums  auch  Major  d.  R.,  ein  Vorgang,  der  in  der  deutschen  Frie- 
densarmee  selten  genug  war,  um  daraus  auf  die  ungewohnliche  Wertschatzung 
riickschlieBen  zu  konnen,  deren  er  sich  auch  in  diesem  seinem  »Nebenberuf « 
erfreute.  Der  Nachruf  seines  Regiments  nennt  ihn  denn  auch  einen  hervor- 
ragenden  Soldaten,  einen  treff lichen  Kameraden  und  Freund.  Auch  der  Kreis- 
kriegerverband  und  der  Kavallerieverein  hoben  bei  seinem  Ableben  seine  treue, 
soldatische  Gesinnung  und  seine  groBen  Verdienste  fur  ihre  Sache  in  zu  Herzen 
gehender  Weise  hervor. 

Fritz  B.  war  der  geborene  Ingenieur.  Mit  den  Erfahrungen  von  Leeds  aus- 
geriistet,  trat  er  im  Jahre  1880  als  Generalsekretar  und  Stellvertreter  seines 
Vaters  in  die  Dienste  des  Bochumer  Vereins.  Neben  der  hiermit  verbundenen 
kaufmannischen  und  Verwaltungsarbeit  widmete  er  hauptsachlich  der  Technik 
einen  groflen  Teil  seiner  Zeit  und  Kraft.  Kein  Tag  verging,  an  dem  er  nicht  in 
den  Konstruktionsbureaus  und  Betrieben  des  Werkes  tatig  gewesen  ware.  Von 
ihm  personlich  entworfen  und  in  alien  Teilen  der  Ausfiihrung  bestimmt  ist  die 
1890  fertigmontierte  hydraulische  4000-t-Schmiedepresse  im  Hammerwerk  II. 
Der  Bochumer  Verein  trug  sich  schon  seit  langerer  Zeit  mit  dem  Gedanken, 
die  Herstellung  groBerer  und  groBter  Schmiedestiicke  in  seinen  Erzeugungsplan 
aufzunehmen.  Die  Absicht,  zu  diesem  Zweck  einen  schweren  Hammer  aufzu- 
stellen,  scheiterte  am  Einspruch  des  Bergbaues,  der  den  Untertagebau  durch 
eine  solche  Anlage  an  jener  Stelle  gefahrdet  glaubte.  Dieser  Widerstand  wies 
den  Weg  zur  Errichtung  einer  Schmiedepresse.  Mit  Unermiidlichkeit  und  groBer 
Hingebung  hat  Fritz  B.  sich  diesem  Werk  gewidmet,  das  insofern  fiir  deutsche 
Verhaltnisse  eine  Neuerung  darstellte,  als  hier  zum  erstenmal  ein  Differenzial- 
kolben  zur  Anwendung  kam,  der  die  Einwirkung  des  vorhandenen  Druckes  von 
50  bzw.  500  Atmospharen  auf  zwei  verschieden  groBe  Flachen  und  damit  eine 
groBere  Feinheit  der  Schmiedearbeit  ermoglichte.  Diese  Presse  steht  noch 
heute  im  Betrieb,  allerdings  in  einzelnen  Teilen  erneuert  und  abgeandert.  Um 
die  Mitte  der  neunziger  Jahre,  als  die  vom  Bochumer  Verein  an  die  Waggon- 
f abriken  zu  liefernden  Waggonzubehorteile  im  Preise  standig  gedriickt  wurden, 
errichtete  Fritz  B.  mit  uberraschender  Schnelligkeit  und  Energie  eine  voll- 


Baare  5 

standige  Waggonfabrik  auf  dem  Hiittengelande  des  Bochumer  Vereins.  DaB 
er  hierbei  groBziigig  vorging,  beweist  die  Leistungsfahigkeit  der  neuen  Anlage, 
deren  Hauptmontagehalle  geniigenden  Raum  fur  den  gleichzeitigen  Bau  von 
iiber  100  Eisenbahnwagen  bot,  und  deren  Jahreserzeugung  bis  1500  Wagen 
aller  Art  betrug. 

Durch  das  langjahrige  Zusammenarbeiten  mit  seinem  Vater  wuchs  Fritz  B. 
auBerlich  wie  innerlich  vollstandig  in  das  patriarchalische  System  der  Werks- 
fuhrung  hinein.  Der  Bochumer  Verein  war  zwar  eine  Aktiengesellschaft,  den- 
noch  war  das  Verhaltnis  zwischen  Arbeiterschaft  und  Werksleitung  nicht  etwa 
ein  unpersonliches,  sondern  im  Gegenteil  ein  geradezu  inniges  zu  nennen.  Die 
B.s  waren  derart  mit  dem  Bochumer  Verein  verwachsen,  daB  sie  vielfach  als  die 
personlichen  Besitzer  betrachtet  wurden.  Sie  waren  Autoritaten  fiir  die  General- 
versammlung  und  den  Verwaltungsrat,  ebenso  wie  fiir  Beamte  und  Arbeiter. 
Auch  das  Verantwortungsgefuhl  gegeniiber  der  Arbeiterschaft  ubertrugsichvom 
Vater  auf  den  Sohn  und  schuf  zwischen  ihm  und  der  Belegschaf t  Beziehungen , 
wie  sie  zwischen  dem  personlichen  Besitzer  eines  Werkes  und  seiner  Arbeiter- 
schaft nicht  besser  sein  konnten.  Dieses  Gefiihl  fiir  die  Zusammengehorigkeit 
gait  allgemein  als  althergebracht  beim  Bochumer  Verein.  Die  alljahrlich  statt- 
findenden  Jubilarfeste  wurden  als  die  Familienfeste  des  Werkes  bezeichnet. 
Fritz  B.  verstand  es,  bei  diesen  Gelegenheiten  in  geradezu  meisterhafter  Weise, 
seine  Zuhorer  zu  packen  und  ihnen  klar  zu  machen,  daB  sie  wie  die  Mitglieder 
einer  groBen  Familie  zusammengehorten  und  Treue  um  Treue  zu  iiben  hatten. 
Charakteristisch  fiir  seine  Auffassung  war  es,  als  er  gelegentlich  einer  Verwal- 
tungsratssitzung  dem  Vorsitzenden  Hermann  Rosenberg  anlaBlich  seiner 
25jahrigen  Mitgliedschaft  zum  Verwaltungsrat  das  fiir  25jahrige  treue  Dienste 
der  Beamten  und  Arbeiter  iibliche  Geschenk,  eine  Uhr  mit  Widmung,  ebenfalls 
verlieh.  Er  sah  in  jedem,  ob  er  am  Tisch  des  Aufsichtsrats  saB  oder  an  der  Dreh- 
bank  stand,  in  erster  Linie  den  Mitarbeiter  am  gemeinsamen  Werk.  Den  hohen, 
moralischen  und  wirtschaftlichen  Wert  dieses  Gefiihls  der  Zusammengehorig- 
keit lernte  man  nach  dem  Tode  von  Fritz  B.  erst  recht  schatzen,  als  in  den 
Zeiten  der  Revolution  manche  ihrer  Arbeit  innerlich  entfremdeten  Beleg- 
schaf ten  ihren  Werken  dauernden  schweren  Schaden  zufiigten.  Der  Bochumer 
Verein  mit  seinen  mehr  als  2500  Jubilaren  und  meist  seBhaften  Arbeiter  11  in 
der  Belegschaft  ist  zwar  von  Erschutterungen  dieser  Art  nicht  ganz  verschont 
geblieben,  aber  der  Verlauf  dieser  Vorgange  war  vergleichsweise  giinstig  zu 
nennen. 

Als  Fritz  B.  1895  der  Nachfolger  seines  Vaters  in  der  Leitung  des  Bochumer 
Vereins  wurde,  standen  Wirtschaft  und  Werk  in  voller  Bliite.  1880  beschaftigte 
das  Werk  4000  Arbeiter,  im  Jahre  1895  waren  es  8000.  Unter  seiner  Fiihrung 
dehnte  es  sich  mehr  und  mehr  aus.  In  der  letzten  Zeit  seines  Generalsekretariats, 
als  er  bereits  maBgeblichen  EinfluB  hatte,  wurden  die  Aktien  der  Gesellschaft 
fiir  Stahlindustrie  in  Bochum  angekauft.  Mit  gutem  Blick  hatte  Fritz  B.  die 
Zukunftsmoglichkeiten  dieser  Erwerbung  fiir  den  Bochumer  Verein  erkannt. 
Sie  wurden  allerdings  erst  nach  seinem  Tode  mit  der  Verarbeitung  und  Ver- 
feinerung  des  im  Hauptwerk  erzeugten  Edelstahls  ausgebaut.  Heute  sind  diese 
vortrefflichen  Werkstatten  ein  Kernwerk  der  Deutschen  Edelstahl  A.G.  Das 
Hochofenwerk  wurde  um  einen  vierten  Ofen  vergroBert  und,  1893,  eine  Gas- 
kraftzentrale  nebst  einer  NaBreinigungsanlage  fiir  Hochofengas  gebaut,  um 


b  1917 

dieses  zur  Gewinnung  elektrischer  Kraft  nutzbar  zu  machen.  Nach  seiner  1895 
erfolgten  Emenniing  zum  Generaldirektor  wurde  auBer  der  bereits  erwahnten 
Waggonbauanstalt  eine  Brikettf abrik  bei  der  Zeche  Engelsburg  gebaut  und  die 
Hammerwerke,  die  mechanischen  Werkstatten  und  die  StahlguBformerei  wur- 
den  vergroBert.  Auch  die  Walzwerke  wurden  erneuert,  desgleichen  die  Weichen- 
bauanstalt  und  die  Herzstiickwerkstatt.  Die  Erzbasis,  die  Louis  B.  durch  den 
Ankauf  von  Eisensteingruben  im  Siegerland,  im  Nassauischen  und  bei  Bucke- 
burg  geschaffen  hatte,  wurde  durch  Neuerwerbungen  in  Lothringen  erweitert. 
191 1  wurden  die  Erzgruben  Nartorpsfeld  an  der  schwedischen  Ostkiiste  und 
Intrangetsfeld  in  der  Landschaft  Dalekarlien  hinzugekauft.  Die  Kohlenbasis, 
seit  1886  vornehmlich  bestehend  aus  der  Magerkohle  der  Zeche  Engelsburg, 
wurde  von  Fr.  B.  1900  durch  den  Erwerb  der  Fettkohlenzeche  Carolinengliick 
verstarkt  und  1907  durch  die  im  Horizont  der  Gas-  und  Gasflammkohlenpartie 
abbauende  Zeche  Teutoburgia  abermals  verbreitert.  Einige  weniger  gute 
Zechen  wurden  dagegen  1904  abgestoBen. 

Der  Bochumer  Verein  war  als  Qualitatsstahlwerk  bekannt  und  angesehen 
in  der  weiten  Welt.  Fur  Kundenwerbung  wurden  Ausgaben  kaum  gemacht. 
Mit  Stolz  pflegte  Fritz  B.  zu  sagen:  »Das  haben  wir  nicht  notig. «  Nur  bei  Ge- 
legenheit  der  Diisseldorfer  Ausstellung  1902  wurde  hiervon  abgewichen  und  von 
B.  eine  Ausstellungshalle  errichtet,  die  berechtigtes  Aufsehen  erregte.  An  der 
Vorbereitung  und  Durchfuhrung  dieser  Sonderausstellung  des  Werkes  hat 
Fritz  B.  mit  dem  groBten  Eifer  gearbeitet. 

Seiner  Beamtenschaft  gegeniiber  zeigte  B.  das  groBte  Wohlwollen.  Er  gab 
gern  und  groBziigig,  wo  es  verdient  oder  aus  besonderen  Griinden  erforderlich 
war.  Freilich  war  er  weniger  geneigt,  Anspriiche,  die  er  nicht  fiir  berechtigt 
hielt,  anzuerkennen.  Hierin,  sowie  in  der  Verteilung  seiner  Sympathie  oder 
Antipathie  gegen  Mitarbeiter  war  er  schwer  beweglich  und  unbeugsam,  wie  es 
seinem  Charakter  entsprach.  Sein  personlicher  Sinn  fiir  Uberlieferung  wirkte 
sich  in  einer  Hochachtung  vor  dem  Alten  und  Gewordenen  aus.  Als  die  tech- 
nische  Leitung  indessen  der  Abneigung  gegen  notwendige  Neuerungen  und  Ver- 
besserungen  weiten  Spielraum  lieB  und  die  Selbstkosten  des  Werkes  eine  be- 
drohliche  Entwicklung  nahmen,  berief  Fritz  B.,  der  gegen  die  hemmenden  Ein- 
fltisse  einer  zum  Teil  tiberalterten  Beamtenschaft  anzukampfen  hatte,  im  Jahre 
1906  einen  neuen  technischen  Direktor,  Felix  Scharf  vom  Stahlwerk  Osnabriick, 
an  den  Bochumer  Verein.  In  der  Zusammenarbeit  mit  Scharf,  der  ein  Stahl- 
mann  von  Ruf  war,  zeigte  sich  die  groBe  Personlichkeit  B.s  im  besten  Licht.  Er 
vertrat  die  ganz  ungewohnlich  hohen  Geldforderungen  im  Verwaltungsrat  in 
meisterhafter  Weise,  schnitt  dadurch  jeden  Widerspruch  ab  und  schuf  so  die 
Moglichkeit  zur  technischen  Erneuerung  des  Werkes,  die  Scharf  und  sein  Mit- 
arbeiter, der  jetzigeGeneraldir.  des  Boch.  Ver.  Dr.-Ing.  e.  h.  Walter  Borbet  unter 
Fritz  B.s  Fuhrung  beenden  konnten.  ImLaufe  der  folgenden  Jahre  wurde  das 
Hochof enwerk  vollstandig  modernisiert,  die  zweigeriistige  SchienenstraBe  durch 
eine  viergeriistige  TriostraBe  ersetzt,  ein  neues  Siemens-Martin-Stahlwerk  mit 
einer  Leistungsf ahigkeit  von  30  000  t  im  Monat  und  eine  Agglomerieranlage 
zur  Verhiittung  von  Feinerzen  nach  dem  Dwight-Lloyd-Verfahren  mit  einem 
Ausbringen  von  bis  zu  2000  t  taglich  errichtet  und  schlieBlich,  diese  zu 
Kriegszeiten,  sehr  groBe,  mechanische  Werkstatten  in  Angriff  genommen.  Ab- 
gesehen  von  den  letzteren  war  die  technische  Erneuerung  des  Werkes  mit 


Baare  j 

den  vorstehend  bezeichneten  gewaltigen  Neuanlagen  und  Umbauten  vor 
Beginn  des  Krieges  abgeschlossen.  Der  erwartete  giinstige  EinfluB  anf  die  Er- 
zeugungskosten  blieb  nicht  aus,  insbesondere  bei  der  neuen  Stahlschmelze ; 
das  Werk  vermochte  sich  ausschlieBlich  auf  das  selbst  erblasene  Roheisen 
und  den  im  eigenen  Betrieb  entfaUenden  einwandfreien  Schrott  zu  stutzen. 
Die  Zusammenarbeit  zwischen  B.  und  Scharf  ist  jederzeit  eine  auBerst  har- 
monische  gewesen. 

B.  muBte  bei  Kriegsbeginn  zu  seinem  groBen  Leidwesen  sowohl  wegen  Un- 
abkomrnlichkeit  vom  Werk  als  auch  mit  Riicksicht  auf  seine  Gesundheit  da  von 
Abstand  nehmen,  ins  Feld  zu  ziehen.  Sicherlich  hatte  es  sonst  keine  groBere 
Freude  fiir  ihn  geben  konnen,  als  mit  seinen  Husaren  an  den  Feind  zu  kommen. 
Mit  um  so  groBerem  Eif  er  widmete  er  sich  nunmehr  der  Umstellung  des  Werkes 
auf  Kriegsbedarf,  dessen  Erzeugung  alsbald  gewaltige  Zahlen  aufwies. 

Die  Kriegsjahre  wurden  zugleich  die  letzten  I,ebensjahre  Fritz  B.s.  Seine  ge- 
schwachte  Gesundheit  war  den  besonderen  Anforderungen,  die  auch  in  der 
Heimat  an  die  schaffenden  Manner  gestellt  wurden,  nicht  mehr  gewachsen,  und 
der  bis  zu  allerletzt  rastlos  Tatige  muBte  im  Marz  1917  nach  Oeynhausen  ge- 
bracht  werden,  von  wo  er  nicht  mehr  lebend  zuriickkehren  sollte. 

Sein  Charakterbild  stand  scharf  umrissen  vor  seinen  Mitarbeitern,  sein  Name 
war  ein  Programm  fiir  den  Bochumer  Verein.  Wenngleich  Mitglied  des  Provin- 
ziallandtages,  des  Bezirksausschusses  in  Arnsberg,  des  Bezirkseisenbahnrats 
in  Koln  und  der  Handelskammer,  so  wohnte  ihm  doch  eine  starke  Abneigung 
gegen  jedes  offentliche  Hervortreten  inne,  im  Gegensatz  zu  seinem  Vater,  der 
in  den  genannten  Kollegien  eine  ungleich  groBere  Rolle  gespielt  hat.  Jede 
Tatigkeit,  in  der  er  die  Moglichkeit  einer  Ablenkung  vom  Bochumer  Verein 
witterte,  war  ihm  bedeutungslos.  Kennzeichnend  hierfiir  ist  die  grundsatzliche 
Ablehnung  ihm  angetragener  Aufsichtsratsposten  in  anderen  Gesellschaften, 
zu  deren  Ubernahme  ihn  auch  die  Aussicht  auf  bedeutende  Tantiemen  nicht 
zu  bringen  vermochte.  Ebensowenig  war  er  aus  dem  gleichen  Grunde  fiir  den 
Ankauf  von  Industrieaktien  zu  haben.  Die  Vorliebe  fiir  den  bunten  Rock  war 
und  blieb  die  einzige  Ausnahme,  die  er  sich  in  dieser  Beziehung  gestatten  zu 
diirfen  glaubte,  und  zwar  um  so  mehr,  als  er  mit  diesem  Dienst  einer  anderen 
hohen  Pflicht  geniigen  konnte.  In  seinen  Entscheidungen  war  Fritz  B.  ruhig 
und  bestimmt.  Er  verlangte  von  denen,  die  Vortrag  bei  ihm  hatten,  peinlich 
sorgfaltigste  Vorbereitung,  damit  keine  Zwischen-  und  Nachf ragen  erforderlich 
wurden.  Seine  Entscheidungen  wurden  ohne  Ubereilung  getroffen,  waren  aber 
auch  im  allgemeinen  unabanderlich.  Es  gab  auf  dem  Bochumer  Verein  nichts, 
was  sich  nicht  seiner  lebendigen  Anteilnahme  erfreut  hatte.  In  der  ersten  Zeit 
war  ihm  jede  Neukonstruktion  vorzulegen,  in  jeder  technischen  Beratung  griff 
er,  so  lange  er  sich  daran  beteiligen  konnte,  handelnd  ein. 

Neben  dem  Techniker  darf  aber  auch  der  das  Ganze  iiberschauende  Leiter 
des  Gesamtunternehmens,  der  Kaufmann  und  Finanzmann  B.,  nicht  iibersehen 
werden.  Er  besaB  einen  vollkommenen  Uberblick  iiber  die  wirtschaftlichen  Be- 
dingungen,  unter  denen  die  westdeutsche  Montanindustrie  zu  arbeiten  hatte. 
Seine  Darlegungen  aus  AnlaB  der  Generalversammlungen  erfreuten  sich  des- 
halb  der  groBten  Beachtung  bei  seinen  Fachgenossen  und  bei  der  Borse.  Im 
personlichen  wie  im  schriftlichen  Verkehr  fiir  die  Interessen  des  Werkes  war  B. 
geradezu  groB.  Lange  Eingaben  an  hochste  Behorden  diktierte  er  ohneStocken 


8  1917 

mit  fabelhafter  Sicherheit  und  legte  dabei  den  Standpunkt  des  Bochumer 
Vereins  in  den  verwickeltsten  Fragen  klar.  Auch  als  Finanzmann  war  Fritz  B. 
bedeutend.  Jedem  Schwindel  abhold  richtete  er  sein  Bestreben  stets  darauf, 
das  Unternehmen  leistungsfahig  zu  erhalten  und  nicht  mehr  Dividende  aus- 
zuschiitten,  als  nach  sorgfaltiger  Erwagung  aller  Verhaltnisse  unter  gebiihren- 
der  Beriicksichtigung  veranderlicher  und  zweifelhafter  Werte  mit  gutem  Ge- 
wissen  verantwortet  werden  konnte. 

In  der  Erinnerung  der  jetzt  Lebenden  erscheint  Fritz  B.  als  ein  von  der  steten 
Sonne  eines  wahrhaft  heiteren  Gemtits  uberglanzter  Charakter,  als  einer  der 
besten  und  witzigsten  Gesellschafter,  die  innerhalb  des  ernsten  Arbeitskreises 
im  Ruhrbezirk  je  an  hervorragender  Stelle  gestanden  haben.  Stammt  doch  z.  B. 
von  ihm  die  zunachst  nur  scherzhaft  gemeinte  Bezeichnung  »Wumba«  fur  das 
Waffen-  und  Munitionsbeschaffungsamt.  Er  hatte,  als  er  diesen  Vorschlag  ge- 
legentlich  einer  Besprechung,  einer  momentanen  Eingebung  folgend,  machte, 
nicht  entfernt  daran  gedacht,  daB  dieser  Negername  wirklich  gewahlt  werden 
konnte.  Der  Bochumer  Verein,  heute  ein  Standardwerk  der  Vereinigten  Stahl- 
werke  A.G.  sieht  in  ihm  den  Mann,  der  das  Werk  seines  Vaters  zu  stolzer  Hohe 
fortfuhrte,  seine  besten  Uberlieferungen  befestigte,  der  es  schlieBlich  im  Kriege 
zu  gewaltiger  Leistungsfahigkeit  steigerte  und  dessen  Name  mit  dem  Werk 
fur  alle  Zeiten  eng  verbunden  bleiben  wird.  Unter  den  zahlreichen  Ehrungen, 
die  ihm  zuteil  geworden  sind,  ist  die  hochste  fur  den  Ingenieur  erreichbare,  die 
Verleihung  der  Wiirde  eines  Doktor-Ingenieur  ehrenhalber  an  der  Technischen 
Hochschule  in  Aachen  besonders  zu  erwahnen.  Aber  B.  war  ein  Mann,  der  durch 
AuBerlichkeiten  hindurch  den  Kern  der  Dinge  zu  schauen  vermochte.  Sein 
Leben  war  Erfiillung  des  Dichterwortes  seines  Freundes  Emil  Rittershaus, 
eines  Wortes,  mit  dem  er  so  manche  Werkstattfahne  geweiht  hat,  und  das  ihm 
auch  in  das  Grab  nachgerufen  wurde: 

Was  mit  Kranzen  kront  die  Erde, 
Was  mit  Ehren  lohnt  die  Welt, 
Ist  nur  eine  Stundenblume, 
Die  vor  einem  Hauch  zerfallt. 
Doch  die  Pflicht,  die  treuerfiillte, 
Die  die  Menge  nimmer  preist, 
Einst  an  deinem  Sterbebette 
Steht  sie  als  dein  guter  Geist. 

Bochum.  Erhard  v.  Mutius. 

Back,  Otto,  Burgermeister  von  StraBburg  i.  E.,  Dr.  med.  h.  c,  D.  theol.  h.  c.% 
*  30.  Okt.  1834  in  Kirchberg  i.  Hunsriick,  f  15.  Januar  1917  in  StraBburg  i.  E. — 
Otto  B.  wurde  geboren  als  Sohn  des  evangelischen  Pfarrers  in  Kirchberg, 
spateren  weithin  bekannten  Superintendenten  und  D.  theol.  in  Castellaun.  Er 
besuchte  zunachst  die  Volksschule  in  letzterem  Ort,  dann  die  Gymnasien  in 
Trarbach  und  Koblenz,  wo  er  im  Herbst  1854  das  Abiturientenexamen  bestand. 
Er  studierte  auf  den  UniversitatenErlangen,  wo  er  in  das  Korps  Onoldia  ein- 
trat,  Berlin  und  Bonn  zuerst  Theologie,  dann  Rechtswissenschaft,  wurde  1858 
Auskultator,  1859  Referendar.  Als  solcher  wurde  er  zum  besoldeten  Bei- 
geordneten  der  Stadt  Barmen  gewahlt,  in  welcher  Stellung  er  bis  1866  ver- 


Baare.  Back  g 

blieb.  1864  hatte  er  sich  mit  Auguste  Timme  aus  Koblenz  verheiratet,  welche 
Ehe  aber  1868  durch  deren  Tod  gelost  wurde.  1866  bestand  er  die  Priifung  als 
Regierungsassessor  und  wurde  1867,  zuerst  kommissarisch,  zum  Landrat  des 
Kreises  Simmern  im  Hunsriick,  seiner  alten  Heimat,  ernannt.  1870  heiratete 
er  in  zweiter  Ehe  Luise  Huesgen  aus  Traben,  die  ihm  zu  der  Tochter  aus 
erster  Ehe  drei  weitere  Tochter  und  drei  Sonne  schenkte.  Der  Krieg  1870/71 
fuhrte  den  Premierleutnant  der  Landwehr  in  das  Kriegsgebiet  nach  ElsaB- 
Lothringen.  In  dem  neugewonnenen  Reichslande  fand  er  seinen  weiteren 
Lebensberuf ,  der  ihn  zu  den  hochsten  Ehrenstellen  fuhren  sollte.  Zunachst  als 
Unterprafekt  in  Metz  und  Diedenhofen  tatig,  wurde  er  1872  Polizeidirektor  in 
StraBburg  und  1876,  als  sich  ein  Weiterarbeiten  der  Regierung  mit  dem  bis- 
herigen  Biirgermeister  und  Gemeinderat  dieser  Stadt  als  unmoglich  envies, 
mit  der  Verwaltung  der  Stelle  des  Biirgermeisters  der  Stadt  StraBburg  be- 
traut.  1880  wurde  er  Bezirksprasident  des  UnterelsaB,  1887  Unterstaatssekretar 
und  Leiter  der  Abteilung  fur  Finanzen  und  Domanen.  Schon  Ende  dieses 
Jahres  kehrte  er  aber,  in  den  Gemeinderat  der  Stadt  StraBburg  gewahlt,  unter 
Zurdispositionsstellung  in  seinem  Staatsamt  auf  das  Rathaus  zuriick.  Er  wurde 
als  erster  Altdeutscher  in  den  Bezirkstag  des  UnterelsaB  und  1888  in  den 
LandesausschuB  gewahlt,  nachdem  er  schon  vorher  zum  Mitglied  des  Staats- 
rates  ernannt  worden  war.  In  Verfolg  der  Uberlieferungen  des  Elternhauses 
lieB  er  sich  1892  in  das  Presbyterium  der  lutherischen  Gemeinde  Jung-St.-Peter 
und  einige  Mbnate  spater  in  das  Oberkonsistorium  der  Kirche  Augsburgischer 
Konfession  wahlen.  1905  erhielt  er  den  Charakter  als  Wirklicher  Geheimer  Rat 
mit  dem  Pradikate  Exzellenz,  eine  fiir  einen  Biirgermeister  seltene  Auszeich- 
nung.  Im  Herbst  1906  schied  er  aus  diesem  seinem  Amte  aus,  ubernahrn  aber 
trotz  des  hohen  Alters  von  76  Jahren  1910  noch  die  Stellung  als  Kurator  der 
Kaiser- Wilhelm-Universitat  in  StraBburg,  in  welcher  er  bis  zu  seinem  Tode 
blieb.  1911  wurde  er  vom  Kaiser  zum  Mitglied  der  I.  Kammer  des  auf  Grund 
der  neuen  Verfassung  ins  Leben  gerufenen  Landtages  ernannt,  welche  ihn  zu 
ihrem  ersten  Prasidenten  wahlte.  Am  15.  Januar  1917  starb  er  im  Alter  von 
82  Jahren. 

Von  mehr  wie  mittlerer  GroBe,  breit  gebaut  war  B.  auBerlich  eine  sehr  statt- 
liche,  mannliche  Erscheinung.  Bei  dem  geistigen  Menschen  trat  vor  allem  seine 
groBe,  mit  scharfem  Verstande,  schneller  Auffassungsgabe  und  unerschiitter- 
licher  Ruhe  gepaarte  Klugheit  hervor.  Sie  war  die  Grundlage  fiir  ein  seltenes 
MaB  von  Menschenkenntnis  und  Fahigkeit  der  Menschenbehandlung  und  einen 
unfehlbaren  Blick  fiir  die  Wirklichkeiten  des  Lebens.  Selbst  immer  klar  und 
griindlich,  verlangte  er  die  gleichen  Eigenschaften  von  seinen  Mitarbeitern. 
Weil  er  in  den  Kern  der  Dinge  eindrang,  war  es  ihm  leicht,  die  Hauptsache  von 
Nebendingen  zu  unterscheiden.  Was  er  auch  angriff,  immer  war  er  groBziigig. 
Seiner  Tatkraft  gleich  kam  seine  Geduld,  mit  der  er  die  Frucht  reifen  lieB. 
Jahrelang  konnte  er  einen  Plan,  und  wenn  es  sein  Lieblingsplan  war,  zuriick- 
stellen,  bis  er  ihn  plotzlich  wieder  hervorholte  und  zur  Wirklichkeit  werden 
lieB.  Monatelang  lieB  er  schweigend  die  scharfsten  An  griff  e  iiber  sich  ergehen, 
dann  donnerte  Jupiter  und  die  Gegner  waren  zerschmettert.  Fest  im  Blut  saBen 
ihm  die  Uberlieferungen  seiner  rheinischen  Heimat  von  Freiheit  und  Unab- 
hangigkeit.  Nur  vor  wirklichem  WTissen  und  Konnen  hatte  er  Achtung,  nicht 
vor  ScheingroBen.  Aber  auch  anderen  Menschen  erkannte  er  das  Recht  auf 


10  1917 

Freisein  von  innerem  und  auBerem  Zwange  zu.  Unermudlich  fleiBig  und 
pflichttreu  im  alten  preuBischen  Sinne,  kannte  er,  wenn  die  Arbeit  drangte, 
keine  Dienststunden,  ja,  wenn  es  nicht  anders  ging,  auch  einmal  keinen  Sonn- 
tag,  so  regelmaBig  er  sonst  den  Gottesdienst  besuchte.  Den  Mann  der  festen. 
entschlossenen  Tat,  der,  wo  die  Verhaltnisse  es  forderten,  sehr  riicksichtslos 
sein  konnte,  zierte  dabei  eine  aus  dem  Herzen  kommende  Milde  und  ein  warmes 
Wohlwollen  gegeniiber  alien  Menschen,  mit  denen  das  Leben  ihn  in  dienstliche 
oder  personliche  Beriihrung  brachte.  Wohl  niemand,  der  ihm  irgendeine  Not 
geklagt  hatte,  verlieB  ihn  ungetrostet.  Sein  Scherzname  »  Vater  der  Stadt*  war 
bei  ihm  ein  wirklicher  Ehrenname.  Wie  befreiend  wirkte  in  schwierigen  Lagen 
oft  sein  nie  versagender  rheinischer  Humor,  wie  erhebend  seine  f reudige  Lebens- 
bejahung!  Zur  Vervollstandigung  seines  Lebensbildes  gehort  noch  seine  ein- 
fache,  schlicht-burgerliche  Iyebenshaltung,  die  ihn  aber  nicht  hinderte,  der 
heiterste  Gesellschafter  zu  sein,  sein  musterhaftes  Familienleben  und  sein 
ernstes,  bewuJ3t  evangelisches  Christentum. 

Mit  so  hohen  Gaben  des  Geistes  und  des  Charakters  muBte  B.  in  alien  Stel- 
lungen,  zu  denen  er  berufen  war,  Hervorragendes  leisten.  Lange  hat  man  den 
I,andrat  von  Simmern  in  seinem  Kreise  in  gutem  Andenken  gehalten ;  wer  ihn 
in  seiner  Tatigkeit  als  Bezirksprasident  in  StraBburg  beobachten  oder  gar  unter 
seiner  Leitung  arbeiten  durfte,  bekam  schnell  den  Eindruck  ungewohnlicher 
Tuchtigkeit.  ElsaB-lothringischer  Finanzminister  war  er  zu  kurz,  um  seine  be- 
sondere  Begabung  fur  dieses  Amt  entf alten  zu  konnen.  Sein  Lebenswerk,  mit 
dem  sein  Name  unausloschlich  verbunden  ist,  war  die  Entwicklung  von  StraB- 
burg zu  dem  Muster  einer  modernen  deutschen  GroBstadt.  Sie  zerfallt  nicht  nur 
auBerlich  in  die  beiden  Perioden  1873 — 1880  und  1887 — 1906.  Wahrend  von 
1873 — 1880  die  Beseitigung  der  Mangel  der  franzosischen  Verwaltung,  die  Ein- 
deutschung  des  ganzen  Gemeinwesens  im  Vordergrund  stand  und  nur  die  ersten 
Grundlagen  fiir  die  kiinftige  Entwicklung  zur  modernen  GroBstadt  gelegt  wer- 
den  konnten,  geht  es  von  1887  ab  auf  alien  Gebieten  der  Verwaltung  mit 
schnellen  Schritten  vorwarts.  Hierbei  ist  es  von  groBer  Bedeutung,  daB  B.  in 
der  ersten  Periode  nur  von  der  Regierung  bestellter  Biirgermeisterei-Verwalter 
war,  wahrend  von  1887  an  ein  einsichtiger,  arbeitsfreudiger  Gemeinderat  dem 
ordnungsmaBig  gewahlten  Biirgermeister  einen  Teil  der  Verantwortung  ab- 
nahm.  Die  Zeit  1873 — 1880  hat  B.  selbst  in  einem  klar  und  eindringlich  ge- 
schriebenen  Buch  »Aus  StraBburgs  jiingster  Vergangenheit«  geschildert.  Er 
behandelt  zunachst  die  politische  Lage,  die  1873  zur  Amtsenthebung  des 
deutschfeindlichen  Maires  Lauth  fiihrte,  und  geht  dann  auf  die  Zustande  ein, 
die  er  in  StraBburg  als  einer  nickstandigen  franzosischen  Departementalhaupt- 
stadt  von  85000  Einwohnern  vorfand.  Die  erste  Arbeit  war  die  Klarung  der 
stadtischen  Finanzlage.  B.  bewaltigte  sie  meisterhaft.  Es  gait  die  altiiber- 
lieferten  Verhaltnisse  (eine  Haupteinnahmequelle  war  und  blieb  eine  Ver- 
brauchsabgabe  auf  eine  groBe  Zahl  unentbehrlicher  Lebensbediirfnisse,  das 
Oktroi)  mit  den  Anforderungen  der  Neuzeit  (darunter  Bewilligung  auskomm- 
licher  Gehalter  an  die  Beamten)  in  Einklang  zu  bringen.  Das  gelang  damals  und 
in  der  Folgezeit  trotz  ungewohnlicher  Schwierigkeiten  so  restlos,  daB  StraBburg 
von  jeder  Finanzkrise  verschont  blieb.  Einer  volligen  Umgestaltung,  vor  allem 
auch  in  bezug  auf  die  Raumlichkeiten  bedurfte  das  deutschen  Anforderungen 
nicht  geniigende  Unterrichtswesen  (kein  Schulzwang!)  von  den  Volksschulen 


Back  II 

bis  zum  Gymnasium  und  den  hoheren  Madchenschulen.  Viel  Miihe  und  Kopf- 
zerbrechen  verursachte  die  Gelandebeschaffung  fiir  die  Neubauten  der  1872  ge- 
griindeten  Kaiser- Wilhelm-Universitat.  Klug  und  zah  wuBte  B.  schlieBlich  alle 
Hindernisse,  die  sich  einer  die  Universitats-  und  stadtischen  Interessen  zugleich 
entsprechenden  Losung  entgegensetzten,  zu  iiberwinden.  Der  Verbesserung  der 
teilweise  iiblen  Gesundheitsverhaltnisse  diente  die  tatkraftige  Durchfiihrung 
der  langst  geplanten  mustergiiltigen  Wasserleitung,  die  riickstandigen  Ver- 
kehrsverhaltnisse  wurden  durch  die  Anlage  eines  weitverzweigten  StraBenbahn- 
netzes  gefordert.  Die  Grundlage  fiir  die  kiinftige  Entwicklung  zur  GroBstadt 
brachte  die  mit  einer  Vorschiebung  der  Festungswalle  verbundene  Stadt- 
erweiterung.  Ihr  als  der  wichtigsten  und  nicht  nur  von  der  altelsassischen  Be- 
volkerung  angefochtensten  Aufgabe  wandte  B.  das  Schwergewicht  seiner  un- 
erschopflichen  Arbeitskraft  zu.  Sein  genialer  Weitblick,  sein  Wagemut,  seine 
Fahigkeit,  auch  scheinbar  aussichtslose  Verhandlungen  zu  dem  gewollten  Ende 
zu  bringen,  bewahrten  sich  hier  glanzend.  Nicht  weniger  wie  17  Millionen  Mark 
muBte  die  Stadt  dem  Militarfiskus  fiir  das  iiberlassene  Gelande  in  GroBe  von 
384  ha  zahlen,  hierzu  kamen  viele  Millionen  fiir  dessen  AufschlieBung.  Da  war 
es  ein  groBer  Erfolg,  daB  1906,  als  B.  das  Rathaus  verlieB,  das  ganze  Unter- 
nehmen  mit  einem  Plus  von  iiber  1  Million  fiir  die  Stadt  abgeschlossen  werden 
konnte. 

Auch  in  der  zweiten  Amtsperiode  (1887 — 1906)  blieb  die  Durchfiihrung  des 
Stadterweiterungsunternehmens  eine  der  Hauptaufgaben  von  B.  StraBburg  mit 
seinem  herrlichen  Miinster  war  immer  eine  interessante,  altertumliche  Stadt 
gewesen,  jetzt  erst  wurde  es  wirklich  die  »wunderschone«,  von  der  das  Lied 
singt.  Die  Neustadt  durchzogen  groBe,  breite,  vielfach  mit  Baumanlagen  und 
Vorgarten  gezierte  und  in  Schmuckplatze  miindende  StraBen.  Von  Jahr  zu 
Jahr  wurden  zahlreicher  die  meist  prunkvollen  offentlichen  Gebaude,  wie  die 
Universitatsbauten,  der  Kaiserpalast,  die  Ministerien,  das  Landtagsgebaude, 
die  Landesbibliothek,  das  Landgerichtsgebaude,  die  kath.  Jung-St.-Peter- 
kirche,  die  Synagoge,  der  Bahnhof,  die  neuen  Kasernen.  Ein  ganz  besonders 
glucklicher  Wurf  von  B.  war  es,  daB  er  es  durchsetzte,  daB  das  an  den  alten 
wundervollen  stadtischen  Garten,  die  Orangerie,  angrenzende,  1895  fiir  eine 
Ausstellung  aufgeschlossene  Gelande  in  diese  einbezogen  wurde,  womit 
StraBburg  einen  der  schonsten  offentlichen  Parks  unter  den  deutschen  GroB- 
stadten  erhielt.  B.  war  es  auch  beschieden,  die  fiir  die  Zukunftsentwicklung 
StraBburgs  entscheidende  Frage :  die  Schaf fung  eines  alien  Anf orjierungen  ge- 
niigenden  Rheinhafens  im  letzten  Jahrzehnt  des  19.  Jahrhundert  zur  Losung 
zu  bringen.  Erst  legte  er  das  ganze  Gewicht  seines  Einflusses  in  die  Wagschale 
zugunsten  einer  Rheinregulierung  im  Gegensatz  zu  dem  von  vielen  Seiten  ge- 
forderten  Bau  eines  Kanals.  Dann  schuf  er  auf  der  Sporeninsel  eine  muster- 
gultige,  erweiterungsfahige  Anlage,  deren  Entwicklung  alien  Erwartungen  voll- 
auf  entsprach.  Als  ein  Seitenstiick  zu  der  in  die  erste  Verwaltungsperiode  fallen- 
den  Wasserleitung  erscheint  in  der  zweiten  die  erst  heiB  umstrittene,  dann  aber 
von  alien  Einsichtigen  gebilligte  Durchfiihrung  der  Schwemmkanalisation  fiir 
das  ganze  Stadtgebiet.  Aber  auch  in  die  unerfreulichen  baulichen  Verhaltnisse 
der  in  mittelalterlicher  Enge  gebauten  Altstadt  griff  B.  zunachst  durch  Ver- 
besserungsarbeit  an  Pflaster,  Rinnen,  Biirgersteigen,  dann  durch  Nieder- 
legung  besonders  ungesunder  Hauser  und  endlich  durch  einen  groBziigigen 


12  1917 

StraBendurchbruch  mitten  durch  die  iibelsten  Viertel  tatkraftig  ein.  Charakte- 
ristisch  fur  ihn  ist  sein  Verhalten  gegeniiber  der  immer  dringlicher  werdenden 
Entwicklung  StraBburgs  auf  dem  Gebiet  der  Sozialpolitik.  Hier  war  fast  alles 
riickstandig:  Armenwesen,  Krankenpflege,  Wohlfahrtspflege,  Versorgungs- 
kassen  usw.,  alles  war  im  wesentlichen  so  geblieben,  wie  es  auf  den  von  der 
f ranzosischen  Revolution  geschaffenen  Grundlagen  seinerzeit  eingerichtet  war. 
Nun  kam  die  deutsche  sozialpolitische  Gesetzgebung  der  achtziger  Jahre,  die 
eingewanderten  Altdeutschen  verglichen  die  StraBburger  Einrichtungen  mit 
denen  der  alten  Heimat  und  verlangten  Reformen.  Hier  nach  modernen  Grund- 
satzen  entschieden  selbst  durchzugreifen,  hinderte  B.  die  aus  der  rheinischen 
Heimat  mitgebrachten  Anschauungen  eines  Nationalliberalen  Bennigsenscher 
Farbung,  auch  wuBte  er  wie  zah  und  aus  innerstem  Herzen  kommend  gerade 
hier  der  Widerstand  der  AltstraBburger  sein  wiirde.  So  schuf  er  sich  jiingere 
Beruf sbeigeordnete  —  auch  eine  einschneidende  Neuerung  gegeniiber  den 
f ruheren  Ehrenbeigeordneten  —  und  iibertrug  ihnen  die  ihm  nicht  in  alien 
Stiicken  liegenden  Aufgaben,  ihnen  hierbei  in  solchem  Umfange  freie  Hand 
lassend,  daB  1906  bei  seinem  Abgang  die  Armen-,  Kranken-,  Wohlfahrts-  und 
Wohnungspflege  und  die  ganze  iibrige  Sozialpolitik  voll  auf  die  Hohe  der 
iibrigen  deutschen  Stadte  stand  und  unter  seinem  Nachfolger  zu  Muster- 
einrichtungen  ausgebaut  werden  konnte. 

Selbst  auf  dem  B.  urspriinglich  ferner  liegenden  Gebiete  der  Kunst  wurde  er 
ein  Bahnbrecher.  Seiner  Tatkraft  ist  die  Griindung  des  bald  eine  beachtenswerte 
Bedeutung  erlangenden  Kunstmuseums  zu  danken,  eine  bald  groBen  Ruf  er- 
langende  Kunstgewerbeschule  und  ein  Kunstgewerbemuseum  rief  er  ins  Leben, 
das  Stadtische  Theater  wurde  nach  tJberwindung  von  allerlei  Hemmungen  all- 
mahlich  zu  einer  der  ersten  Biihnen  Siiddeutschlands  entwickelt,  fur  das  schon 
zu  f  ranzosischer  Zeit  Erhebliches  leistende  Musikkonservatorium  wurde  schlieB- 
lich  eine  so  erstklassige  Kraft,  wie  es  Hans  Pfitzner  war,  gewonnen. 

Was  B.  angriff,  geriet  ihm  wohl.  StraBburg  erreichte  unter  seiner  Verwaltung 
nicht  nur  185000  Einwohner,  sondern  war  eine  in  jeder  Richtung  auf  der  Hohe 
stehende  moderne  GroBstadt  geworden. 

Ein  eigenartiges  Abklingen  eines  tatenfrohen  Lebens  war  es,  daB  der  76- 
jahrige  noch  die  Stellung  des  Kurators  der  Kaiser- Wilhelm-Universitat  iiber- 
nahm.  Die  Universitat  StraBburg  hatte  vorher  schon  seine  Wirksamkeit  als 
Biirgermeister  durch  den  Ehrendoktor  der  Medizin  anerkannt.  Nun  lernte  sie 
ihn  in  seinem  neuen  Amte  schnell  hochschatzen  und  verehren;  auch  den  Uni- 
versitatskreisen  wurde  er  bald  Vertrauensperson. 

Ein  Wort  muB  noch  dem  einfluBreichen  Politiker  gewidmet  werden.  Seine 
Klugheit,  seine  Besonnenheit,  seine  Milde  lieBen  ihn  auch  in  den  politischen 
Korperschaften  ein  ungewohnliches  Ansehen  gewinnen,  von  dem  er  aber  nur 
den  vorsichtigsten  Gebrauch  machte.  Er  war  einer  der  entschiedensten  Ver- 
fechter  der  Verdeutschungspolitik  auf  lange  Sicht,  wollte  die  elsassische  Eigen- 
art  geschont  wissen,  und  nicht  zum  Deutschtum  zwingen,  sondern  iiberzeugen 
und  gewinnen.  Daher  genoB  er  iiberall  Vertrauen  bis  in  die  Kreise  der  elsassi- 
schen  Bevolkerung  hinein,  die  sonst  allem  Deutschen  abhold  waren.  Dieses 
Vertrauen  fand  191 1  seinen  bezeichnenden  Ausdruck  in  der  schon  erwahnten 
Wahl  zum  Prasidenten  der  Ersten  Kammer  des  Landtages. 

Als  Kirchenpolitiker  ist  B.   wenig  hervorgetreten.   Im  Oberkonsistorium 


Back.  Bassermann  1 3 

schloB  er  sich  der  Gruppe  der  Rechten  an,  war  aber  auch  dort  der  Mann  der 
Versohnlichkeit  und  des  Ausgleiches.  Die  evangelisch-theologische  Fakultat 
der  Universitat  StraBburg  anerkannte  B.s  Tatigkeit  auf  kirchlichem  Gebiet 
durch  Verleihung  des  Ehrendoktors  der  Theologie. 

Ob  man  B.  in  StraBburg  je  das  verdiente  Standbild  errichten  oder  wenigstens 
einen  der  hervorragendsten  Platze  oder  StraBen  nach  ihm  benennen  wird !  Er 
konnte  jedenfalls  im  Riickblick  auf  das,  was  er  aus  StraBburg  gemacht  hatte, 
sagen:  »Exegi  monumentum  aere  perennius.« 

Koblenz.  Hans  Freiherr  v.  d.  Goltz. 


Bassermann,  Ernst,  Rechtsanwalt  und  Stadtrat  in  Mannheim,  Reichstags- 
abgeordneter  fiir  die  Wahlkreise:  1893/98  Mannheim,  1898/1903  Jena,  1904/06 
Frankfurt  a.  d.  O.,  1907/11  Rothenburg-Hoyerswerda,  1912/17  Saarbriicken, 
*  26.  Juli  1854  m  Wolfach  i.  B.,  |  24.  Juli  1917  in  Baden-Baden,  entstammte 
einer  alteingesessenen  badischen  Familie,  aus  der  sich  im  19.  Jahrhundert  eine 
ganze  Anzahl  ihrer  Mitglieder  als  Staatsbeamte,  Parlamentarier  und  Industrielle 
einen  Namen  machte.  Er  wurde  geboren  als  Sohn  des  Referendars  Anton 
Bassermann  (1821 — 1897)  und  seiner  Frau  Marie,  geb.  Eisenlohr,  die  ebenfalls 
einer  weitverbreiteten  badischen  Familie  angehorte.  Die  schnell  aufsteigende 
Laufbahn  des  Vaters  bis  zum  Landgerichtsprasidenten  in  Mannheim  brachte 
Ernst  B.  haufigen  Schul-  und  Wohnsitzwechsel.  Er  besuchte  die  Gymnasien 
in  Rastatt,  Offenburg  und  Mannheim.  Als  Student  der  Rechte  war  er  1872 
bis  1874  bei  den  Korps  der  Schwaben  in  Heidelberg  und  der  Lausitzer  in 
Leipzig  aktiv.  Im  Winter  1874/75  studierte  er  in  Berlin,  wo  er  im  Hause  Fried- 
rich  Hammachers  in  die  erste  personliche  Beruhrung  mit  nationalliberalen 
Parlamentariern  kam,  dann  ging  er  nach  StraBburg  und  Freiburg  und  bestand 
1876  das  erste  Staatsexamen,  1880  das  zweite,  nachdem  er  1879  in  Kolmar 
i.  E.  beim  14.  Dragoner regiment  gedient  hatte.  Er  lieB  sich  als  Anwalt  in 
Mannheim  nieder  und  heiratete  1881  Julia  Ladenburg,  die  Tochter  des  In- 
habers  des  angesehenen  Bankhauses  Ladenburg.  Fast  gleichzeitig  begann  er, 
sich  am  offentlichen  Leben  zu  beteiligen.  Etwa  seit  1884,  dem  Jahre  der  Ver- 
kiindung  des  Heidelberger  Programms,  war  er  lebhaft  agitatorisch  fiir  die 
nationalliberale  Partei  tatig  und  wurde  1887  in  den  Stadtrat  von  Mannheim 
gewahlt,  dem  er  bis  zu  seinem  Tode  angehorte.  1893  trat  er  in  den  Zentral- 
vorstand  der  Nationalliberalen  Partei  ein.  Nach  der  Reichstagsauflosung  im 
Mai  dieses  Jahres  wurde  er  als  Reichstagskandidat  fiir  den  Wahlkreis  seiner 
Heimatstadt  aufgestellt  und  gewann  Mannheim,  das  seit  1890  sozialdemokra- 
tisch  vertreten  war,  noch  einmal  fiir  die  Nationalliberale  Partei  zuriick. 

Vom  Zeitpunkt  seines  Eintritts  in  den  Reichstag  bis  in  die  letzten  Wochen 
seines  Lebens  gab  es  keine  groBere  politische  Aktion  im  Reichstag,  bei  deren 
Durchfiihrung  B.  nicht  im  Vordergrund  stand.  Schon  in  der  Legislaturperiode 
1893 — 1898  wurde  er  Vorsitzender  bzw.  Berichterstatter  wichtiger  Kom- 
missionen,  fiir  die  ihn  seine  Sachkenntnis  besonders  geeignet  erscheinen  lieB, 
wie  der  Schiffahrtskommission  und  der  Kom  mission  fiir  das  Handelsgesetz- 
buch.  1897  wurde  er  Schriftfuhrer  und,  als  Rudolf  v.  Bennigsen  1898  aus 
dem  Reichstag  ausschied,  Fraktionsvorsitzender.  Stellungnahme  gegen  Um- 
sturz-  und  Zuchthausvorlage,  d.  h.  Ablehnung  aller  Ausnahmegesetze  und 


14  l9*7 

Eintreten  fiir  das  Koalitionsrecht,  fuhrende  Mitarbeit  ani  KompromiB  des 
Zolltarifs  von  1902,  an  alien  Heeres-  und  Flottenvorlagen  von  1893  bis  1913, 
die  starkste  Stiitze  Bulowscher  Blockpolitik  wie  der  Bulowschen  Kanzlerschaft 
iiberhaupt  kennzeichnen  seine  Tatigkeit  bis  Kriegsausbruch. 

Sein  Anwaltbureau  bestand  mit  wechselnden  Partnern  bis  zu  seinem  Tode 
fort,  und  die  tJbernahme  der  juristischen  Beratung  des  Bankhauses  seines 
Schwiegervaters,  das  alsbald  als  »Siiddeutsche  Diskontogesellschaft«  im  Kon- 
zern  der  Diskontogesellschaft  aufging,  hielt  ihn  mit  dem  praktischen  Leben, 
insbesondere  mit  der  deutschen  Wirtschaft  in  Verbindimg.  Er  war  Aufsichtsrat 
in  fast  anderthalb  Dutzend  Aktiengesellschaften,  die  groBtenteils  dem  Bank- 
konzern  nahestanden. 

Sechzigjahrig  zog  er  am  12.  August  1914  als  Rittmeister  und  Kommandeur 
einer  Munitionskolonnenabteilung  ins  Feld.  Er  machte  den  Franktireurkrieg 
in  Belgien  und  den  schweren  Herbstfeldzug  in  Polen  mit,  oft  8  bis  12  Stunden 
im  Sattel  und  nachts  biwakierend.  Im  September  wurde  er  zum  Major  und 
Fiihrer  einer  Gefechtstaffel  befordert  und  Ende  Oktober  zum  Adjutanten  des 
Militargouverneurs  von  Antwerpen  ernannt.  Es  litt  ihn  nicht  lange  auf  diesem 
relativ  ruhigen  Posten.  Er  sah  mit  wachsender  Sorge,  daB  die  verhaltnismaBig 
giinstige  politische  Lage  nicht  ausgenutzt  wurde.  Gerade  in  Belgien  trat  ihm 
die  Unzulanglichkeit  der  deutschen  Diplomatic  krafl  vor  Augen.  Er  horte,  wie 
er  an  Stresemann  schrieb,  jeden  Belgier  Bethmanns  Worte  vom  Fetzen  Papier 
und  der  Anerkenntnis  des  Neutralitatsbruchs  im  Munde  fuhren  und  bezweifelte, 
daB  Bethmann  einen  festen  Zukunftsplan  habe.  Er  wiinschte,  dem  Zentrum 
naher  zu  sein,  um  sich  mehr  »um  die  Zukunft  kummern  zu  konnen«. 

Im  Februar  191 5  kehrte  er  nach  Deutschland  zuriick,  war  kurze  Zeit  fiir  die 
Einrichtung  einer  Zentralstelle  zur  Beschaffung  von  Metallen  in  Lodz  tatig 
und  wurde  am  18.  Juli  19 15  als  Richter  zum  Oberkriegsgericht  des  Gardekorps 
in  Berlin  kommandiert,  das  zweimal  wochentlich  tagte.  Er  konnte  nunmehr 
seinen  politischen  EinfluB  wieder  geltend  machen,  soweit  dies  fiir  einen  Partei- 
fuhrer  in  den  ersten  Jahren  des  Weltkriegs  in  Deutschland  moglich  war. 

Bald  zeigte  sich,  daB  Bassermanns  Gesundheit,  der  er  schon  durch  den  Feld- 
zug  das  AuBerste  zugemutet  hatte,  den  politischen  Aufregungen  dieser  Zeit 
nicht  mehr  gewachsen  war.  Sein  Herzleiden,  das  1905  zuerst  ernstlicher  auf  trat, 
machte  sich  in  zunehmendem  MaBe  bemerkbar.  Trotz  mehrfacher  schwerer  An- 
falle  hielt  er  in  Berlin  aus  und  nahm  auch  an  zwei  Reisen  von  Parlamentariern 
nach  der  Tiirkei  und  Bulgarien  teil.  Im  Februar  1917  nahmen  B.s  Herzbeschwer- 
den  so  zu,  daB  er  die  parlamentarische  Tatigkeit  aufgeben  muBte.  Vergeblich 
suchte  er  zunachst  in  Mannheim,  dann  in  Kissingen  und  Baden-Baden  Heilung. 
Am  24.  Juli  starb  er. 

B.  hat  einmal  1904,  als  Hammacher  starb,  von»dieser  verworrenen  Zeit  der 
Garung  «  gesprochen,  in  der  jeder  Verlust  politischer  Krafte  besonders  schwer 
wiege.  Im  Grunde  ist  das  Deutsche  Reich,  dessen  politische  Einheit  so  viel 
j  linger  ist  als  die  der  westeuropaischen  GroBmachte,  bis  heute  nicht  aus  der 
Garung  herausgekommen.  Und  so  war  auch  B.s  Leben,  in  dem  hinter  der  Politik 
alles  andere  zuriicktrat,  ein  solches  der  Garung  und  Unruhe.  Es  ist  bezeichnend, 
daB  er  in  seiner  ganzen  politischen  Laufbahn  nicht  zweimal  den  gleichen  Wahl- 
kreis  vertrat.  Im  Kampf  des  Liberalismus  mit  der  Sozialdemokratie  um  die 
Seele  des  Arbeiters  wurde  er  stets  in  den  gefahrdetsten  Wahlkreisen  aufgestellt, 


Bassennann  15 

weil  man  hoffte,  durch  seinen  Namen  und  seine  Personlichkeit  die  Massen  dem 
Liberalismus  zu  erhalten  bzw.  zu  gewinnen.  Er  selbst  hat  es  im  Gesprach  mit 
Stresemann  als  den  Hohepunkt  seines  politischen  Wirkens  bezeichnet,  als 
bei  seiner  letzten  Reichstagskandidatur  in  Saarbriicken  ein  Arbeitervertreter 
nach  dem  anderen  das  Vertrauen  der  Arbeiterschaft  zu  ihm  betont  habe.  Die 
unruhigepolitische  Fuhrung  Wilhelms  II.  brachte  wechselnd  innen-  und  auBen- 
politische  Krisen  und  damit  gleichzeitig  der  Volksvertretung  ein  ganz  anderes 
MaB  wenn  auch  noch  nicht  staatsrechtlicher,  so  doch  moralischer  Verantwor- 
tung  als  zu  Zeiten  Bismarcks.  Weit  mehr  als  friiher  muBten  ihre  Fuhrer  vor 
und  hinter  den  Kulissen  dafiir  sorgen  —  um  mit  dem  romischen  Senat  zu 
reden  — ,  ne  quid  detrimenti  res  publica  capiat.  Die  standige  Unruhe,  schon 
auBerlich  durch  das  Hin  und  Her  zwischen  Mannheim  und  Berlin  wahrend  der 
Reichstagssessionen  und  durch  die  vielen  Reisen  zu  Aufsichtsratssitzungen 
wie  politischen  Versammlungen  gekennzeichnet,  die  gleichzeitige  Beschaftigung 
mit  den  verschiedensten  Problemen  entsprach  aber  B.s  innerstem  Wesen.  Bei 
langerem  Aufenthalt  an  einem  Ort  fuhlte  er  sich  nicht  wohl. 

Seine  Stellung  als  Parteifuhrer  und  das  groBe  Vertrauen,  das  sich  in  ihrer 
tibertragung  kundgab,  verdankte  B.  in  erster  Linie  seinem  Geschick,  tief- 
gehende  Gegensatze  auszugleichen  und  gegeniiber  dem  Trennenden  das  Eini- 
gende  in  den  Vordergrund  zu  riicken.  Diese  Begabung  war  besonders  notig  fur 
den  Fuhrer  einer  Mittelpartei  wie  der  nationalliberalen,  deren  rechter  Fliigel 
sich  gern  konservative,  der  linke  demokratische  Forderungen  zu  eigen  machte. 
Eine  eigentlich  schopferische  Natur  war  B.  nicht.  Er  hatte  ein  gutes  Verstand- 
nis  fiir  die  auBenpolitischen  Machtbelange  der  damaligen  Zeit  und  erkannte 
die  Gefahren  einer  einseitig  eine  Klasse  oder  Konfession  bekampfenden  Innen- 
politik,  trotzdem  sich  ein  erheblicher  Teil  seiner  politischen  Arbeit  gegen 
Zentrum  und  Sozialdemokratie  richten  muBte.  Aber  seinen  Briefen  und  Reden 
ist  nicht  der  weite  Blick  des  Vorgangers  Bennigsen  und  des  Nachfolgers  Strese- 
mann in  der  Parteifuhrung  eigen.  Sie  spiegeln  die  Auffassungen  des  Tages 
wider,  und  er  suchte  der  Schwierigkeiten  mit  den  Mitteln  des  Tages  Herr  zu 
werden.  Von  politischen  Personlichkeiten  iibte  Fiirst  Biilow  erheblichen  Ein- 
fluB  auf  ihn  aus.  Aus  seiner  Korrespondenz  mit  diesem  ist  klar  ersichtlich, 
daB  Bulow  nach  seinem  Abgang  durch  B.  seine  Politik  im  Reichstag  zu 
verteidigen  suchte.  Auch  Tirpitz  zog  B.  in  den  Bann  seiner  starken  Per- 
sonlichkeit. 

B,s  Wirken  als  Parteifuhrer  laBt  sich  vielleicht  in  drei  Abschnitte  teilen: 
Herstellung  der  Einheit  in  der  Partei,  Unterstutzung  der  Kanzlerschaft  Biilow, 
Bekampfung  der  Kanzlerschaft  Bethmann.  Noch  bei  den  beiden  gegen  die 
Sozialdemokratie  gerichteten  Gesetzentwiirfen  (Umsturz-  und  Zuchthausvor- 
lage),  denen  die  Mehrheit  der  Partei  mit  B.  an  der  Spitze  ablehnend  gegeniiber- 
stand,  dissentierte  ein  erheblicher  Teil  der  Fraktion  und  unterstutzte  sogar  die 
Gegenpartei.  B.  selbst  wurde  als  siiddeutscher  Demokrat  verschrieen,  auch 
Bennigsen  tadelte  seine  Haltung.  Bei  den  Abstimmungen  iiber  den  Zolltarif, 
der  die  Grundlage  der  deutschen  Wirtschaftspolitik  bis  zum  Kriegsausbruch 
wurde,  stimmte  die  Fraktion  im  Jahre  1902  mit  Ausnahme  eines  Einzelgangers 
geschlossen  fiir  die  von  B.  propagierte  mittlere  Linie,  auf  der  der  KompromiB 
der  Reichstagsmehrheit  zustande  kam.  Zwei  Jahrzehnte  friiher  war  es  be- 
kanntlich  gerade  die  Meinungsverschiedenheit  in  den  wirtschaftspolitischen 


i6  1917 

Fragen  gewesen,  die  der  Partei  ihre  ausschlaggebende  Stellung  im  Reichstag 
gekostet  hatte.  Freilich  ist  zu  beachten,  dafi  die  Fiihrung  einer  Partei  nach 
1890  leichter  war  als  zu  den  Zeiten  Bismarcks,  der  durch  sein  riicksichtsloses 
Gegeneinanderausspielen  der  Parteien  gerade  die  ihm  am  nachsten  stehenden 
immer  wieder  vor  schwere  innere  Konflikte  stellte. 

Die  wichtigste  Epoche  fur  den  Iyiberalismus  zu  B.s  Zeiten  waren  wohl  die 
Jahre  der  Blockpolitik  1907  bis  1909.  Durch  die  Zuriickdrangung  der  sozial- 
demokratischen  Vertretung  im  Reichstag  war  die  Nationalliberale  Partei  noch 
einmal  in  die  Lage  ausschlaggebender  Mitwirkung  im  Reichstag  ohne  Zentrums- 
hilfe  gelangt.  Die  »konservativ-liberale  Paarung«,  die  den  linken  Freisinn  ein- 
schlieBen  muBte,  war  nur  moglich,  wenn  die  Nationalliberalen  das  Bindeglied 
bildeten.  Ob  B.  an  der  Vorbereitung  dieser  Wendung  Biilowscher  Politik  be- 
teiligt  war,  laBt  sich  nach  dem  mir  vorliegenden  Material  nicht  feststellen.  Der 
Erfolgsmoglichkeit  soil  er  zunachst  skeptisch  gegeniibergestanden  haben. 
Die  Nachfolge  des  Staatssekretars  des  Reichsjustizamts  Nieberding  lehnte  er 
1907  ab  als  seinem  Naturell  nicht  zusagend:  er  konne  keinen  Posten  iiber- 
nehmen,  bei  dem  er  um  Urlaub  einkommen  miisse,  wenn  er  langer  als  drei  Tage 
fortbliebe.  Das  Reichsvereinsgesetz,  fur  das  die  Nationalliberale  Partei  schon 
1 87 1  einen  Entwurf  eingebracht  hatte,  und  die  Novelle  zum  Borsensteuergesetz 
brachten  dann  aber  unter  intensiver  Mitarbeit  B.s  die  Verwirklichung  alter 
liberaler  Forderungen.  Die  von  Lasker  schon  bald  nach  Griindung  der  Partei 
erstrebte  Zusammenarbeit  mit  dem  Linksliberalismus  wurde  durch  die  poli- 
tische  Konstellation  ebenfalls  Tatsache.  Der  von  linker  Seite  angeregten  Ver- 
schmelzung  der  liberalen  Parteien  zu  einer  liberalen  Gruppe  scheint  B.  nicht 
nachgegangen  zu  sein. 

Auch  den  Stimmen,  die  aus  AnlaB  der  unvorsichtigen  Veroffentlichung  des 
kaiserlichen  Interviews  im  » Daily  Telegraph «  im  Herbst  1908  verantwortliche 
Reichsministerien  verlangten,  der  alte  Programmpunkt  der  Partei  seit  1867, 
gab  B.  keine  Folge.  Er  hat  in  dieser  Zeit  offenbar  gewiinscht,  die  erschutterte 
Stellung  des  Fiirsten  Biilow  nicht  noch  mehr  zu  erschweren,  und  in  diesem 
Sinn  ist  auch  die  Rede  zu  beurteilen,  die  B.  am  10.  November  1908  im  Reichs- 
tag gegen  das  personliche  Regiment  hielt  und  die  er  als  die  schwerste  seines 
I,ebens  bezeichnete.  Er  hatte  seine  Interpellation  dem  Reichskanzler  bereits 
am  3.  November  angekiindigt.  Die  Daily-Telegraph- Affare  ist  dann  doch  die 
Ursache  des  fruhen  Endes  der  Blockpolitik  geworden.  AuBerlich  war  es  aller- 
dings  die  Reichsfinanzreform,  das  Abschwenken  der  Konservativen,  die  dem 
Reich  keine  direkten  Steuern  lassen,  d.  h.  die  Reichsgewalt  nicht  starken  woll- 
ten  und  die  vom  Zentrum  gebotene,  ihnen  genehmere  Losung  fur  die  Auf- 
bringung  der  von  der  Regierung  geforderten  500  Millionen  Mark  annahmen. 
Auch  Heydeb rands  Wort,  »eine  liberale  Ara,  die  von  konservativen  Kraften 
gestutzt  war,  hat  die  Welt  noch  nicht  gesehen«,  gibt  sicher  einen  der  Griinde 
fiir  das  Auseinanderfallen  des  Blocks  an.  Entscheidend  war  aber  doch,  daB 
Biilow  infolge  der  Vorgange  vom  November  1908  der  Riickhalt  am  Kaiser 
fehlte  und  vom  Hof  kein  EinfluB  auf  die  gouvernementalen  Konservativen 
ausgeiibt  wurde,  um  Biilows  Politik  zu  stiitzen.  Die  nachste  Folges  eines  Sturzes 
war,  daB  Konservative  und  Zentrum  als  Mehrheit  die  Friichte  des  Wahlerfolges 
1907  ernteten.  19 12  trat  dann  die  Reaktion  auf  die  unpopularen  Steuern  ein : 
die  Sozialdernokraten  errangen  mit  112  Mandaten  einen  Wahlsieg  in  noch 


Bas9ermann  1 7 

nicht  dagewesenem  AusmaB,  der  die  alte  Moglichkeit  der  schwarzroten  Mehr- 
heit  wieder  herstellte. 

Auf  B.  hat  diese  Wendung  offenbar  auBerordentlich  verbitternd  eingewirkt. 
Seine  Briefe  lassen  von  jetzt  ab  einen  Pessimismus  erkennen,  der  bis  zu  seinem 
Tode  nicht  wieder  schwindet.  Er  vermiBt  die  energische  Fuhrung  der  Reichs- 
politik,  die  er  Biilow  zugetraut  hatte,  und  hatte  von  vornherein  kein  Vertrauen 
zu  dessen  Nachfolger  v.  Bethmann  Hollweg.  Schon  im  Januar  1910  schrieb  er, 
dieser  sei  kein  Mann,  der  iiber  der  Sache  stehe,  sondera  der  kleinmiitig  ohne 
Spur  von  Genialitat  von  den  Schwierigkeiten  bedroht  und  erdriickt  werde. 
Bethmann  versuchte  dann  immer  wieder,  sich  von  dem  Odium  der  Regierung 
mit  dem  schwarzblauen  Block  zu  befreien  und  die  Nationalliberalen  unter 
dem  Schlagwort  der  »Sammlungspolitik«  zu  der  alten  Mehrheit  Konservative, 
Nationalliberale,  Zentrum  zu  gewinnen.  Demgegeniiber  beharrte  B.  auf  der 
Forderung,  daB  der  gesamte  Liberalismus  mitwirken  und  die  Erbschaftsteuer 
und  die  preuBische  Wahlreform  seitens  der  Rechten  bewilligt  werden  muBten. 
Es  ist  zu  beachten,  daB  offenbar  die  giinstigen  Erfahrungen  der  Zusammen- 
arbeit  mit  dem  jetzt  in  der  »Freisinnigen  Volkspartei«  vereinigten  Links- 
liberalismus  B.  ermoglichten,  die  Solidaritat  des  Gesamtliberalismus  energischer 
zu  betonen  als  bisher. 

Die  Wahlen  von  19 12  brachten  B.  personlich  eine  besondere  Enttauschung. 
Der  Verlust  von  9  Mandaten  lieB  sich  verschmerzen,  die  Rechtsparteien  hatten 
weit  starkere  Verluste  zu  beklagen,  und  es  blieb  die  Tatsache  bestehen,  daB 
die  Anhangerzahl  der  Nationalliberalen  im  I^ande  in  standigem  Wachsen  war 
und  an  dritter  Stelle  hinter  Sozialdemokraten  und  Zentrum  stand.  Aber  es 
waren  gerade  die  B.  nahestehenden  Abgeordneten  wie  Stresemann,  Weber  und 
Wachhorst  de  Wente  nicht  wiedergewahlt  worden.  Die  Opposition  der  Alt- 
liberalen  (Fuhrmann,  Schiffer),  die  zum  AnschluB  an  die  Rechte  neigten,  auf 
der  einen,  der  Jungliberalen  auf  der  anderen  Seite  wuchs  in  der  Fraktion  gegen 
ihn.  Im  Februar  19 14  lehnte  er  noch  einmal  den  von  konservativer  Seite  ge- 
machten  und  von  einem  Teil  der  eigenen  Fraktion  unterstiitzten  Vorschlag  ab, 
die  alte  Zolltarifmehrheit  wiederherzustellen,  um  die  Interessen  der  produ- 
zierenden  Stande  bei  den  kiinftigen  Handelsvertragen  geschlossen  vertreten 
zu  konnen.  Dann  brach  der  Krieg  aus  und  lieB  alle  innerpolitischen  Fragen 
einstweilen  verschwinden. 

B.s  Stellungnahme  war  in  den  ersten  zwei  Jahren  des  Weltkrieges  nicht 
wesentlich  anders  als  die  der  iibrigen  Parteifuhrer  von  den  Konservativen  bis 
zu  den  Sozialdemokraten :  er  hoflte,  daB  die  Gegner  trotz  ihrer  zahlenmaBigen 
Uberlegenheit  durch  ihre  militarischen  MiBerfolge  des  Krieges  miide  wiirden 
und  daB  ein  Friede  zustande  kame,  der  Deutschland  fiir  die  Kriegsopfer  ent- 
schadige.  Er  war  dagegen,  daB  man  das  Minimum,  auf  welches  man  bei  den 
Friedensverhandlungen  zuriickgehen  wiirde,  vorher  erkennen  lasse.  In  dieser 
Richtung  suchte  er  personlich  bis  zum  Friihjahr  191 7  Bethmann  zu  beein- 
flussen,  nachdem  ihn  seine  militarische  Tatigkeit  nach  Berlin  zuriickgefuhrt 
hatte.  Sein  eigentliches  Ziel  war  aber,  Bethmann  zu  stiirzen  und  ihn  durch 
den  Fiirsten  Biilow  zu  ersetzen.  Als  dies  unerreichbar  schien,  sich  die  nach 
seiner  Ansicht  falschen  politischen  Handlungen,  wie  die  Erklarung  Polens  zum 
Konigreich  und  das  Friedensangebot  vom  Dezember  1916,  mehrten  und  die 
Zahl  der  militarischen  Gegner  damit  parallelgehend  wuchs,  wurde  er  iiber  den 

DBJ  2 


i8  1917 

Kriegsausgang  immer  skeptischer.  Er  warnte  auch  vor  weiterer  Verschleppung 
der  Reform  des  preui3ischen  Wahlrechts,  die,  je  spater  vollzogen,  desto  radi- 
kaler  ausf alien  miisse.  Als  Hindenburg  Generalstabschef  wurde,  schrieb  er: 
»H.  ist  eine  Hoflnung.  Es  ist  spat,  hoflentlich  nicht  zu  spat;  ein  Jahr  haben 
wir  verloren.« 

Er  erlebte  noch  Bethmanns  Sturz.  Beteiligt  war  er  an  der  Aktion,  die  gleich- 
zeitig  den  Eintritt  von  Parlamentariern  in  die  Reichsregierung  und  damit  eine 
von  B.  schon  1910  prophezeite  Entwicklung  bringen  sollte,  infolge  seines 
schlechten  Gesundheitszustandes  nicht  mehr.  Die  Riicksichtslosigkeit,  mit 
der  er  wahrend  des  Krieges  seine  Gesundheit  einsetzte,  um  den  freiwillig  iiber- 
nommenen  militarischen  wie  politisehen  Anforderungen  zu  genugen,  hat  zu 
seinem  verhaltnismafiig  fruhen  Tod  zweifellos  erheblich  beigetragen.  Wohl  hat 
er  schon  in  Friedenszeiten  in  Augenblicken  der  Enttauschung  verschiedentlich 
mit  dem  Gedanken  gespielt,  sich  von  der  Politik  zuriickzuziehen.  In  Wahrheit 
war  ihm  der  politische  Kampf  Lebensbediirfnis  und  tiefe  Leidenschaft,  der  er 
bedenkenlos  seine  Gesundheit  opferte. 

Literatur:  Ernst  B.,  Nationalliberale.  Handbuch  der  Politik.  i.Auti.  2.  Bd.  Berlin 
1912/13.  —  Karola  B.,  Ernst  B.  1854 — 1917.  Mannheim  [1919]. —  Richard  Eickhoff, 
Politische  Profile:  S.  121/28  Ernst  B.  Dresden  1927.  —  Fritz  Mittelmann,  Ernst  B.  Reden 
und  Aufsatze.  1.  Bd.  Berlin  1914.  —  Ernst  Muller-Meiningen,  Parlamentarismus.  S.  176/77. 
Berlin  1926.  —  Wilhelm  Spickernagel,  Fiirst  Bulow.  Hamburg  [192 1].  —  Stresemann, 
Reden  und  Schriften.  1.  Bd.  S.  140/163:  Ernst  B.  Dresden  1926. 

An  ungedrucktem  Material  konnte  ich  die  mir  freundlichst  vom  Em pf anger  iiberlassenen 
Brief e  B.s  an  Stresemann  und  einige  Aufzeichnungen  B.s  iiber  politische  Vorgange  be- 
nutzen.  Der  iibrige  umfangreiche  schriftliche  NachlaB  befindet  sich  im  Besitz  von  Frau 
Julia  B.,  Mannheim;  er  konnte  von  mir  leider  nicht  eingesehen  werden. 

Potsdam.  HansGoldschmidt. 

Beck,  Theodor,  Professor,  Dr.-Ing.  ehrenhalber,  *  am  3.  Juni  1839  in  Darm- 
stadt, t  am  3°-  Jul*  I9I7  daselbst.  —  Theodor  B.  war  ein  Sohn  des  Groflh.  Hes- 
sischen  Ministerialsekretars  Friedrich  B.  in  Darmstadt;  seine  Mutter  Auguste 
war  eine  Tochter  des  Geh.  Medizinalrats  Professor  Dr.  LudwigNebel  in  Giel3en. 
Er  besuchte  das  GroBh.  Gymnasium  in  Darmstadt  1851 — 1853,  dann  vom  An- 
fange  des  Wintersemesters  1854/55  bis  zum  Schlusse  des  Schuljahres  1855/56  die 
Grofih.  Hohere  Gewerbeschule,  an  der  er  im  September  1856  mit  sehr  guten 
Noten  die  Maturitatspriifung  bestand.  Bis  zum  September  1857  arbeitete  er 
dann  praktisch  bei  dem  Schlossermeister  Carl  Schnabel  in  Darmstadt ;  in  dem 
vortreff lichen  Zeugnis  nennt  ihn  sein  Lehrmeister  »einen  ausgezeichneten 
jungen  Mann,  von  dem  bei  fortdauerndem  Fleifle  dermaleinst  GroCes  zu  er- 
warten  ist«.  Gleichzeitig  besuchte  B.  auch  den  Unterricht  im  Konstruktions- 
zeichnen  bei  I.  Schroder,  dem  Griinder  der  spater  so  bekannt  gewordenen 
Schroderschen  Modellfabrik  in  Daimstadt. 

In  denStudienjahren  1857/58  und  1858/59  besuchte  Theodor  B.  diebeiden 
Kurse  der  mechanisch-technischen  Fachschule  der  GroCh.  Badischen  poly- 
technischen  Schule  in  Karlsruhe,  die  damals  die  einzige  wirkliche  technische 
Hochschule  in  Deutschland  war.  Seine  Lehrer  waren  Redtenbacher,  Riegler, 
Eisenlohr  und  Seubert;  den  groBten  EinfluB  auf  ihn  iibte  Jakob  Ferdinand 
Redtenbacher  aus,  dem  er  bis  an  seinen  Tod  ein  treues  und  dankbares  An- 
denken  bewahrte. 


Bassermann.  Beck 


*9 


Nun  arbeitete  B.  ein  Jahr  lang  in  der  Montierwerkstatte  der  Maschinenfabrik 
und  EisengieBerei  Darmstadt,  dann  —  1861  bis  1862  —  auf  dem  technischen 
Bureau  der  Main-Weser-Bahn  in  GieBen.  Dann  ging  er  nach  Schottland  und 
arbeitete  9  Monate  hindurch  als  Zeichner  in  den  Scotland  Steel  Iron  Works  der 
Firma  Mirrlees  &  Tait  in  Glasgow,  dann  bei  David  Napier  in  London,  endlich 
—  1865/66  —  bei  C.  Hoppe  in  Berlin.  Aus  alien  diesen  Stellungen  liegen  glan- 
zende  Zeugnisse  iiber  seinen  FleiJ3,  seine  Tiichtigkeit  und  seine  Kenntnisse  vor. 

Im  Jahre  1867  wurde  B.  Teilhaber  der  Maschinenfabrik  von  Kleyer  &  Beck, 
spater  Beck  und  Rosenbaum  in  Darmstadt,  die  noch  heute  besteht.  Im  Jahre 
1885  trat  er  aus,  um  sich  seinen  wissenschaftlichen  Arbeiten  zu  widmen.  Er 
habilitierte  sich  als  Privatdozent  an  der  Technischen  Hochschule  in  Darmstadt 
und  war  in  ausgedehntem  MaBe  schrif  tstellerisch  tatig.  An  der  Hochschule  hielt 
er  viele  Jahre  hindurch  Vorlesungen  iiber  Gewichts-  und  Kostenberechnung  im 
Maschinenbau  und  erhielt  den  Professortitel.  AuBerdem  war  er  1889 — 1903 
Sekretar  der  Handelskammer  Darmstadt,  deren  Mitglied  er  von  1875  an  ge- 
wesen  war.  Gelegentlich  der  Feier  seines  25Jahrigen  Bestehens  im  Jahre  1905 
verlieh  der  Niederosterreichische  Gewerbeverein  Theodor  B.  eine  von  Professor 
Stephan  Schwartz  ausgefuhrte  Plakette,  die  der  Verwaltungsrat  des  Vereins 
hatte  anfertigen  lassen,  »um  sie  den  bewahrten  Freunden  und  Forderern  des 
technologischen  Gewerbemuseums  zu  widmen «.  Eine  noch  hohere  Ehrung 
wurde  Theodor  B.  am  26,  Juni  1909  zuteil.  AndiesemTage  ernannte  ihn  die 
GroBh.  Badische  Technische  Hochschule  zum  Dr.-Ing.  ehrenhalber  »in  An- 
erkennung  der  Verdienste  um  die  technischen  Wissenschaften,  die  er  sich  durch 
seine  umf  assenden  Forschungsarbeiten  und  Mitteilungen  iiber  die  Geschichte 
der  Technik  erworben  hat«.  Diese  hohe  Auszeichnung  bereitete  dem  riihrend 
bescheidenen  Manne  eine  groBe  Freude. 

Im  Jahre  1869  verheiratete  sich  Theodor  B.  mit  Sophie,  Tochter  des  Hofrats 
Friedrich  Baer  in  Miinchen. 

Die  wissenschaftlichen  Arbeiten  Theodor  B.s  gehoren  fast  alle  einem  leider 
nur  wenig  beachteten  und  bearbeiteten,  aber  hochst  interessanten  und  wich- 
tigen  Gebiete  an  —  der  Geschichte  des  Maschinenbaues.  Gerade  fur  uns  heutige 
Menschen,  die  wir  taglich  die  fabelhaftesten  Fortschritte  der  Technik  erleben, 
ist  es  von  hochstem  Werte,  zu  erkennen,  auf  welch  muhseligem  Wege  die 
Menschheit  sich  zu  der  Hohe  technischen  Konnens,  die  sie  heute  erreicht  hat, 
hin  auf  arbeiten  muBte.  Der  Wunsch  diesen  Weg  kennenzulernen,  hat  auch 
Theodor  B.  zu  seinen  uberaus  griindlichen  und  miihevollen  geschichtlichen 
Forschungen  veranlaBt,  die  in  so  besonderer  Weise  seiner  stets  auf  das  Griind- 
liche  und  Grundlegende  gerichteten  Natur  entsprachen. 

Die  alteren  geschichtlichen  Abhandlungen  B.s  erschienen  in  den  Jahren  1886 
bis  1896  einzeln  in  der  Zeitschrift  »Der  Zivilingenieur«,  die  spateren —  nach- 
dem  diese  Zeitschrift  eingegangen  war —  in  der  » Zeitschrift  des  Vereins  deut- 
scher  Ingenieure«.  Professor  Riedler  war  es,  der  den  Vorstand  des  genannten 
Vereins  auf  die  hohe  Bedeutung  der  Arbeiten  B.s  aufmerksam  machte  und  ihre 
Herausgabe  in  einem  stattlichen  Bande  veranlaBte.  Der  Verein  deutscher 
Ingenieure  bewilligte  einen  namhaften  Beitrag  zu  den  Herstellungskosten.  Die 
erste  Auflage  erschien  1899  unter  dem  Titel  »Beitrage  zur  Geschichte  des 
Maschinenbaues «,  die  zweite,  vermehrte  Auflage  (582  S.)  schon  1900.  (Verlag 
von  Julius  Springer  in  Berlin.) 


20  1917 

Diese  zweite  Auflage  umf afit  folgende  Abhandlungen :  Heron  der  Altere  von 
Alexandria  (um  120  v.  Chr.)  und  seine  Vorganger;  Pappus  der  Alexandriner ; 
Marcus  Vitruvius  Pollio;  Sextus  Jul.  Frontinus;  Cato  der  Altere;  Leonardo  da 
Vinci  (3  Abhandlungen) ;  Vanuccio  Biringuccio ;  Georgius  Agricola ;  Hieronymus 
Gardanus;  Jacques  Besson ;  Agostino  Ramelli ;  Buonaiuto  Lorini;  Giambattista 
della  Porta;  Skizzen  aus  der  Zeit  der  Hussitenkriege ;  Vittoria  Zonka;  Juanelo 
Turriano;  Heinrich  Zeising;  Domenico  Fontana  und  der  Transport  der  Vati- 
kanischen  Obelisken;  Salomon  de  Caus;  Faustus  Verantius;  Jacob  de  Strada; 
Giovanni  Branca;  Marinus  Mersenne;  Georg  Philipp  Harstorffer;  James  Watt 
und  die  Erfindung  der  Dampfmaschine. 

AuBer  den  in  dem  genannten  Bande  vereinigten  Abhandlungen  sind  noch  die 
folgenden  besonders  zu  bemerken:  Kinematik,  5  Abhandlungen  im  »Zivil- 
ingenieur«  1876 — 1879,  Joann  Leucheron  (»  Zeitschrift  des  Vereins  deutscher 
Ingenieure«  1901.  Bd.  45),  Kaspar  Schott  (daselbst  1902,  Bd,  46),  Leonardo 
da  Vinci,  vierte  Abhandlung:  Codice  atlantico,  nach  der  von  der  »Accademia  dei 
Lincein  veranstalteten  Ausgabe  (Band  50  derselben  Zeitschrift,  1906),  Kosten- 
berechnung  in  der  Maschinen-Fabiikation  (daselbst,  Band  37),  Biographien 
englischer  Ingenieure  von  1750 — 1850  (dieselbe  Zeitschrift  1900 — 1903),  die 
Geometrie  krummliniger  Figuren  Leonardos  da  Vinci  (» Zeitschrift  fiir  gewerb- 
lichen  Unterricht,  Jahrgang  XVIII,  Nr.  12  u,  13),  endlich  Evangelista  Torricelli 
1608 — 1647,  » Zeitschrift  des  Vereins  deutscher  Ingenieure «  1908).  Die  Summe 
sorgfaltigster,  griindlichster  Quellenforschung,  die  in  diesen  Arbeiten  nieder- 
gelegt  ist,  fordert  Staunen  und  Bewunderung  heraus.  Ihren  reichen  Inhalt  auf 
dem  beschrankten,  hier  zur  Verfiigung  stehenden  Raume  auch  nur  andeutungs- 
weise  zu  besprechen,  ist  unmoglich.  Die  meisten  dieser  Abhandlungen  bestehen 
namlich  aus  einzelnen,  oft  nur  kurzen  Beschreibungen  der  verschiedensten 
Maschinen  und  Vorrichtungen.  Schon  die  einfache  Aufzahlung  der  behandelten 
Gegenstande  wiirde  Seiten  fiillen.  Daher  kann  auch  von  einer  kritischen  Be- 
wertung  der  Arbeiten  an  dieser  Stelle  keine  Rede  sein.  Bemerkt  sei  nur,  daB  B. 
stets  bis  zu  den  eigentlichen  Quellenschriften  hinabstieg  und  sich  niemals  auf 
Mitteilungen  aus  zweiter  Hand  verlieB.  Besonders  hingewiesen  sei  auch  auf  die 
liberaus  zahlreichen,  mit  unubertrefflicher  Klarheit,  Sorgfalt  und  Sauberkeit 
gezeichneten  Figuren. 

Theodor  B.  besaB  eine  ungewohnlich  umfassende  Bildung.  DaB  er  ein  iiber- 
aus  griindlicher  Kenner  des  Maschinenbaues  war,  versteht  sich  wohl  von  selbst ; 
aber  seine  ausgedehnten  Quellenstudien  erforderten  auch  ungewohnliche  Kennt- 
nisse  in  den  alten  und  neuen  Sprachen.  Er  liebte  die  Mathematik  und  besaB 
griindliche  Kenntnisse  in  dieser,  seinem  ganzen  Wesen  so  sehr  entsprechenden 
Wissenschaft  der  Klarheit.  Ganz  besonders  stark  war  er  in  der  Geometrie  und 
zog  stets  —  ihrer  Anschaulichkeit  und  Durchsichtigkeit  wegen  —  die  geo- 
metrische  Losung  einer  Aufgabe  der  analytischen  vor.  Dennoch  war  er  auch 
ein  vortrefflicher  Rechner. 

Theodor  B.  war  die  verkorperte  Anspruchslosigkeit  und  Bescheidenheit.  Still 
lebte  er  seiner  Familie  und  seiner  Forscherarbeit.  Er  sprach  wenig  und  liebte  es 
nicht,  von  sich  reden  zu  machen.  In  der  bescheidenen  Mittelstadt,  in  der  er  ge- 
borenward,  sein  Leben  mit  kurzen  Unterbrechungen  zubrachte  und  starb, 
kannten  ihn  nur  wenige  Menschen,  und  nur  einzelne  von  diesen  wenigen  mogen 
gewuBt  haben,  einen  wie  bedeutenden  Mitbiirger  sie  in  ihm  besaBen.  Sogenannte 


Beck.  Behring  21 

Vergniigungen  liebte  er  nicht;  seine  einzige  Erholung  waren  Spaziergange  in 
die  herrliche  Umgebung  seiner  Vaterstadt.  Er  war  ein  riistiger  und  ausdauern- 
der  FuBganger.  Er  war  bis  zu  seiner  letzten  Krankheit  —  dank  seinem 
kraftigen  Korper  und  seiner  auBerst  maBigen  und  regelmaBigen  Lebensweise — 
ein  kerngesunder  Mann.  —  GroBere  Reisen  machte  er  nur  sehr  selten;  erst 
nach  vollendetem  70.  Iyebensjahre  unternahm  er  mit  seiner  Frau  eine  Reise  in 
die  Alpen . 

B.s  Charakter  war  lauter,  rein  und  edel.  Er  war  giitig,  gerecht  und  teilnahms- 
voll,  mild  und  versohnlich  in  seinem  Urteil  iiber  andere.  Ruhig  und  ausge- 
glichen,  wie  er  war,  lag  ihm  alles  Leidenschaftliche  fern.  In  unserem  jahre- 
langen,  freundschaftlichen  Verkehr — von  1893  bis  an  sein  Ende — habe  ich 
ihn  niemals  zornig  oder  aufgebracht  gesehen. 

Ein  eigentlicher  Geschaftsmann  war  Theodor  B.  auch  als  Maschinenfabrikant 
—  die  Firma  Beck  &  Rosenbaum  beschaftigte  sich  vorwiegend  mit  der  Her- 
stellung  von  Brauerei-Einrichtungen  —  niemals.  Sein  holier  Sinn  war  nicht  auf 
Geldverdienen,  sondern  nur  auf  Erkenntnis  gerichtet.  Echter  Forscherdrang 
war  es,  der  ihn  zu  seiner  ergebnisreichen  I^ebensarbeit  begeisterte. 

Literatur:  Der  Nachlafi  Theodor  B.s  —  Schriftstiicke,  Zeugnisse,  Drucksachen,  Do- 
kumente  usw.  —  befindet  sich  im  Besitze  seiner  jiingeren  Tochter,  Fraulein  Emily  B., 
Darmstadt,  SandstraBe  32.  —  Vgl.  unten  S.  218  ff.  iiber  B.s  Bruder  Ludwig  B. 

Darmstadt.  Ferdinand  Meisel. 


Behring,  Emil  v.,  Prof.  Dr.  Wirkf.  Geh.-Rat,  Exzellenz,  o.  6.  Professor  der 
Hygiene  und  experimentellen  Therapie  an  der  Universitat  Marburg,  *  am 
15.  Marz  1854  m  Hansdorf  bei  Deutsch-Eylau  in  WestpreuBen,  f  am  31.  Marz 
1917  in  Marburg.  —  Bis  zum  13.  Lebensjahr  wurde  B.  im  elterlichen  Hause 
von  seinem  Vater  August  B.,  der  Lehrer  in  Hansdorf  bei  Deutsch-Eylau  war, 
unterrichtet.  Er  besuchte  sodann  das  Gymnasium  in  Hohenstein  i.  Ostpr. 
bis  zu  seinem  Eintritt  in  das  Kgl.  Friedrich-Wilhelm-Institut  in  Berlin  im 
Oktober  1874.  Am  24.  Februar  1877  bestand  er  das  Physikum,  am  15.  August 
1878  promo vierte  er  zum  Dr.  med.y  mit  der  Dissertation:  Neuere  Beob- 
achtungen  iiber  die  Neurotomia  opticociliaris,  und  bestand  im  Juni  1880  das 
medizinische  Staatsexamen. 

Nach  Beendigung  seiner  arztlichen  Studienzeit  wurde  er  zunachst  fiir  kurze 
Zeit  als  Unterarzt  an  die  Charite  nach  Berlin  kommandiert,  hierauf  nach 
Wehlau  in  das  Fusilierbataillon  des  59.  Regiments  und  von  dort  als  Assistenz- 
arzt  zum  2.  Leibhusarenregiment  nach  Posen  versetzt.  Dort  hatte  er  im 
Laboratorium  der  Versuchsstation  unter  Dr.  Wild  Gelegenheit  zu  chemischen 
Studien,  die  sich  vorwiegend  mit  der  Frage  der  Wirkungsweise  antiseptischer 
Mittel  befafiten  und  im  Jahre  1882  teils  in  der  »Deutschen  Medizinischen 
Wochenschrift*,  teils  in  der  »  Berliner  Klinischen  Wochenschrift«  veroffentlicht 
worden  sind.  Man  wird  kaum  fehlgehen,  wenn  man  annimmt,  daB  in  diesen 
Jahren  schon  der  Grund  gelegt  wurde  fiir  die  Gedankenrichtung,  die  B.s 
spatere  Lebensarbeit  beherrschten,  die  Idee  der  biologischen  Desinfektion 
bzw.  Desintoxikation.  Im  Juli  1883  wurde  B.  auf  eigenen  Wunsch  zur  4.  Schwa- 
dron  der  WestpreuBischen  Kiirassiere  nach  Winzig  versetzt,  wo  ihm  auch 
Gelegenheit  zur  Ausiibung  einer  privatarztlichen  Praxis  und  zur  Vorbereitung 


22  1917 

auf  das  Kreisarztexamen  geboten  war,  das  er  im  Marz  1885  ablegte.  Im  gleichen 
Jahre  nahm  er  in  Wiesbaden  im  Untersuchungsamt  des  Direktor  Dr.  Schmidt 
unter  Leitung  des  Dozenten  Dr.  August  Pfeiffer  einen  Kursus  in  Bakteriologie, 
jener  neuen  Spezialwissenschaft,  die  dank  der  wenige  Jahre  zuvor  von  Robert 
Koch  gemachten  Entdeckungen  in  raschem  Aufbluhen  begriffen  war. 

Nach  Beendigung  des  bakteriologischen  Kurses  in  Wiesbaden  wurde  B. 
zunachst  nach  Bojanowo  versetzt,  und  im  August  1885  zum  kommissarischen 
Kreis-  und  Wundarzt  in  Rawitsch  bestellt.  Aber  die  rein  arztliche  bzw.  kreis- 
arztliche  Tatigkeit  befriedigte  ihn  nicht  ganz.  Zwei  Jahre  spater  finden  wir 
B.  in  Bonn,  wo  er  hauptsachlich  bei  dem  bekannten  Pharmakologen  Binz 
arbeitete.  Aus  dieser  Zeit  stammen  die  Arbeiten  iiber  Jodoform  und  Azetylen 
(» Deutsche  Med.  Wochenschrift«,  1887,  Nr.  20)  und  »t)ber  die  physiologischen 
und  die  (choleraahnlich)  toxischen  Wirkungen  des  Pentamethylendiamins 
(Cadaverin  L.  Briegers)«  in  der  »  Deutschen  Medizinischen  Wochenschrift*,  1888, 
Nr.  24.  Im  Jahre  1889  ge^ang  es  B.,  Assistent  bei  dem  damals  schon  welt- 
beriihmten  und  gefeierten  Robert  Koch  im  Hygienischen  Institut  der  Univer- 
sitat  Berlin  zu  werden.  So  wurde  auch  B.  einer  der  Schuler  Kochs.  Aber  er 
war  von  Anfang  an  mehr  als  bloB  ein  Schuler  Kochs.  Er  brachte  seine  eigenen 
Ideen  mit.  Verfasser,  dem  es  leider  nicht  vergonnt  war,  B.  personlich  zu 
kennen,  erinnert  sich  einer  Unterhaltung,  die  er  fern  von  der  Heimat  in  Schang- 
hai  im  Sommer  1917  mit  dem  gerade  zu  Besuch  dort  weilenden  bekannten 
Pathologen  H.  Welch  von  der  John  Hopkins  University  in  Baltimore  iiber 
Emil  von  B.,  dessen  Tod  uns  eben  bekannt  geworden  war,  hatte.  Welch,  der  zu 
jener  Zeit  auch  in  Deutschland  studiert  hatte,  sprach  mit  grofler  Lebhaftigkeit 
davon,  wie  man  im  Kreise  der  Kochschen  Assistenten  und  Schuler  mit  einer 
seltsamen  Mischung  von  Spott  und  Bewunderung  auf  den  »verriickten«  Stabs- 
arzt  wies,  der  im  Korper  Gegengifte  erzeugen  wollte.  Und  Max  v.  Gruber  erzahlt, 
wie  ein  fruherer  Schuler  Kochs  bereits  1888  iiber  den  jungen  Stabsarzt  B. 
berichtet  hatte:  »Niemand  im  Institut  kann  sich  seinem  EinfluB  entziehen, 
und  alle  erwarten  AuBerordentliches  von  ihm.«  In  Wernicke  fand  B.  einen 
treuen  und  zuverlassigen  Mitarbeiter,  und  schon  bald  nach  seinem  Eintritt  in 
den  Kochschen  Kreis  konnte  B.  iiber  wissenschaftliche  Ergebnisse  von  groBter 
Tragweite  berichten.  In  der  » Deutschen  Medizinischen  Wochenschrift«  Nr.  49 
(1890)  veroffentlichte  B.  zunachst  eine  kurze,  aber  inhaltschwere  Arbeit: 
»t)ber  das  Zustandekommen  der  Diphtherie-Immunitat  und  der  Tetanus-Immu- 
nitat«,  zusammen  mit  Kitasato,  der  ihm  das  zur  Tetanus-Immunisierung  not- 
wendige  Tetanusgift  geliefert  hatte.  Die  fur  die  Diphtherie-Immunisierung 
und  die  Heilserumtherapie  grundlegende,  eingehende  Mitteilung  hat  B.  1892 
zusammen  mit  Wernicke  in  der  Zeitschrift  fur  Hygiene  und  Infektionskrank- 
heiten  Bd.  XII  (Uber  Immunisierung  und  Heilung  von  Versuchstieren  bei 
der  Diphtherie)  veroffentlkht.  Behring  und  Wernicke,  unlosbar  sind  diese  bei- 
den  Namen  verkniipft  mit  der  Entdeckung  des  Diphtherieheilserums :  B.,  der 
leidenschaftliche  Schopfer  und  Trager  des  Gedankens  der  Serumtherapie, 
Wernicke,  der  unermudliche,  sorgfaltige  Experimentator  und  treue  Bundes- 
genosse  B.s  in  dem  Auf  und  Nieder  der  wechselvollen  ersten  Jahre  ihres 
Schaffens.  Nach  dieser  wissenschaftlichen  GroBtat  war  es  selbstverstandlich, 
daB  der  damalige  Stabsarzt  B.  seine  militarische  Laufbahn  auf  gab,  um 
sich  ganz  seinen  Forschungen  und  der  Bearbeitung  des  von  ihm  eroffneten 


Behring  23 

vielversprechenden  Gebietes  widmen  zu  konnen.  Auch  auBere  Ehrungen 
stellten  sich  ein.  Nachdem  B.  1893  den  Titel  Professor  erhalten  hatte,  wurde 
ihm  1894  das  Ordinariat  fur  Hygiene  an  der  Universitat  Halle  und  bald  darauf 
das  in  Marburg  iibertragen.  Die  Jahre  1890  bis  1894  waren  fur  B.  und  seine 
neue  Heilserumlehre  besonders  kritisch  gewesen.  Er  hatte  in  dieser  Zeit  den 
groBen  Sturm  der  Kritiker,  Zweifler,  Spotter  und  Gegner  seiner  neuen 
Lehre  zu  bestehen.  Und  er  hat  ihn  siegreich  bestanden.  Die  praktische  Brauch- 
barkeit  seines  Heilverfahrens  war  nunmehr  allgemein  anerkannt.  Der  preu- 
Bische  Kultusminister  wollte,  in  voller  Wiirdigung  der  groBen  Bedeutung  des 
B.schen  Werkes,  mit  der  Berufung  nach  Marburg  B.  eine  moglichst  ruhige  und 
geeignete  Arbeitsstatte  verschaffen.  Das  kleine  Marburg  mit  seiner  verhaltnis- 
maBig  geringen  Studentenzahl  schien  hierzu  besonders  geeignet,  urn  so  mehr, 
als  hier  in  der  gerade  frei  gewordenen  alten  Roserschen  Klinik  groBe  Raume 
verfiigbar  waren,  die  fur  Laboratoriumszwecke  umgebaut  werden  konnten. 
Zu  B.s  Unterstiitzung  im  Unterricht  wurde  zuerst  der  Stabsarzt  Dr. Wernicke 
nach  Marburg  versetzt.  Spater  wurde  eine  Zweiteilung  des  Instituts  vorge- 
nommen:  es  wurde  eine  Abteilung  fur  Hygiene  und  eine  Abteilung  fur  ex- 
perimentelle  Therapie  geschaffen.  Die  Hygiene  vertrat  Bonhoff,  und  dadurch 
wurde  B.  die  Sorge  fur  den  Unterricht  fast  ganz  abgenommen.  B.  selbst  iiber- 
nahm  die  Abteilung  fiir  experimentelle  Therapie  und  behielt  die  Direktion  des 
ganzen  Institutes.  Vom  Jahre  1894  bis  zu  seinem  Tode  (1917)  wirkte  B.  in  der 
reizvollen  Universitat  des  Hessenlandes,  in  Marburg.  In  der  Universitat,  in 
der  Stadt  und  ringsherum  im  Gelande  trifft  man  noch  heute  iiberall  die 
Spuren  seiner  Tatigkeit. 

Zunachst  warf  sich  B.,  unterstiitzt  von  seinen  Schiilern  und  Mitarbeitern 
Wernicke,  Boer,  Kossel,  Kitashima,  Ransom,  Siebert,  Knorr,  v.  Lingels- 
heim,  Romer,  Much  u.  a.,  mit  der  leidenschaftlichen  Energie  seiner  Person- 
lichkeit  auf  den  weiteren  wissenschaftlichen  und  praktischen  Ausbau  seiner 
Entdeckungen.  Es  gait,  die  Methoden  der  Herstellung  des  Diphtherie-  und  des 
Tetanus- Heilserums  zu  verbessern  und  technisch  so  zu  gestalten,  daB  dem 
sich  bald  einstellenden  Massenbedarf  an  Heilserum  in  der  Praxis  entsprochen 
werden  konnte.  Zu  diesem  Zwecke  trat  B.  in  Verbindung  mit  den  Farbwerken 
Meister,  Lucius  &  Briining  in  Hochst  a.  M.  und  griindete  spater  ein  eigenes 
Unternehmen,  das  » Behring- Werk«,  Marburg,  das  sich  spater  zu  der  Aktien- 
gesellschaft  »Behringwerke«  entwickelte.  Von  den  Hochster  Farbwerken 
wurde  ihm  auf  der  Hone  des  SchloBberges  ein  besonderes  Forschungsinstitut 
errichtet,  das  spater  (1920)  den  Namen  »Institut  fiir  experimentelle  Therapie 
Emil  von  Behring*  erhielt  und  1920  bis  1923  von  Uhlenhuth,  1923  bis  1927 
von  Dold  geleitet  wurde. 

Es  gait  vor  allem,  MeB-  und  Prufungsmethoden  fiir  die  Toxine  und  die  Anti- 
toxine  zu  schaffen.  Diese  grundlegenden  und  noch  heute  giiltigen  Arbeit  en 
sind  zum  groBten  Teil  in  engster  Zusammenarbeit  mit  Paul  Ehrlich  (s.  DBJ. 
1914 — 16,  S.  126  ff.),  dem  damaligen  Direktor  des  Staatlichen  Instituts  fiir 
experimentelle  Therapie  in  Berlin-Steglitz,  spater  in  Frankfurt  a.  M.,  ent- 
standen.  Neben  diesen,  dem  weiteren  Ausbau  seiner  Heilserumbehandlung 
dienenden  Forschungen  nahm  B.  ein  neues  wichtiges  Gebiet,  die  Frage  der 
Heilung  und  Verhiitung  der  Tuberkulose  in  Angriff.  Die  materiellen  Vorteile, 
die  ihm  aus  seinen  praktisch  so  bedeutungsvollen  Entdeckungen  zuflossen, 


24  *9i7 

lieB  er  seinen  viel  Geld  verschlingenden  neuen  Arbeiten  namentlich  auf  dem 
Gebiet  der  Tuberkulose  zugute  kommen.  Zuerst  sahes  aus,  als  ob  es  auch  auf 
diesem  Gebiete  B.  gelingen  wiirde,  einen  groBen  Sieg  zu  erringen.  B.  hatte  die 
Hoffnung,  auch  bei  der  Tuberkulose  wie  bei  der  Diphtheric  und  beim  Tetanus 
eine  ubertragbare  Giftimmunitat  erreichen  zu  konnen.  Da  das  Tuberkulin 
sich  fur  diesen  Zweck  als  zu  wenig  wirksam  envies,  trachtete  B.  danach,  starker 
wirksame  Gifte  aus  den  Tuberkelbazillen  zu  gewinnen.  Und  in  der  Tat  konnte 
er  Stoffe  aus  den  Tuberkelbazillen  extrahieren,  die  um  ein  Vieltausend- 
faches  giftiger  waren  als  das  Alttuberkulin.  Leider  gelang  es  aber  auch  mit 
so  hochwirksamen  Giften  nicht,  kraftige  und  praktisch  brauchbare  Heilsera 
zu  erhalten.  Nach  diesem  Fehlschlag  wandte  sich  B.  dem  alten  Pasteurschen 
Immunisierungsprinzip,  Erzielung  einer  Immunitat  gegen  virulente  Bak- 
terien  durch  Einverleibung  der  geschwachten  Bakterien  der  gleichen  Art,  zu. 
Im  Gegensatz  zu  Robert  Koch,  der  die  Tuberkelbazillen  des  Menschen  als 
von  den  Perlsuchtbazillen  (Tuberkelbazillen  des  Rindes)  artverschieden  er- 
klart  hatte,  war  B.  zu  der  Auffassung  gekommen,  daB  es  sich  hier  nur  um 
Varietaten  derselben  Art  mit  verschiedener  Virulenz  handele,  und  daB  der 
sogenannte  Typus  humanus  ein  Tuberkelbazillus  von  geringerer  Virulenz  sei. 
Er  versuchte  darum,  das  Rind  mit  Tuberkelbazillen  vom  Typus  humanus 
gegen  die  Perlsucht  zu  immunisieren.  Im  Jahre  1901  trat  B.  mit  seinem  neuen 
Tuberkuloseschutzstoff  fiir  Rinder,  dem  »Bovovakzin«  hervor,  nachdem  er 
zunachst  im  Kleinen,  dann  im  GroBen  das  Verfahren  mit  sehr  gutem  Erfolge 
erprobt  hatte.  Wieder  horchte  die  Welt  auf,  und  ahnlich  wie  nach  der  Ent- 
deckung  des  Tuberkelbazillus  und  des  Tuberkulins  durch  Robert  Koch  ging 
eine  gewaltige  Woge  der  Hoffnung  durch  die  Menschheit.  Aber  wie  damals 
blieb  auch  diesmal  der  Riickschlag  nicht  aus.  Die  ubertriebenen  Hoffnungen 
konnten  sich  nicht  erfullen.  Teils  weil  bei  den  Nachpriifungen  die  Erfolge  nicht 
so  offenkundig  waren,  wie  man  erwartet  hatte,  teils  weil  in  den  maBgebenden 
Kreisen  der  Veterinarmedizin  die  Befreiung  unserer  Rinderbestande  auf  einem 
anderen,  veterinarpolizeilichem  Wege,  durch  das  sogenannte  Tuberkulose- 
tilgungsverfahren,  angestrebt  und  die  B.sche  Methode  der  Schutzimpfung 
stark  befehdet  wurde,  flaute  das  Interesse  fiir  das  neue  Verfahren  bald  wieder 
ab,  und  das  Gefiihl  der  Enttauschung  verdunkelte  die  groBe  Bedeutung  der 
auch  hier  wieder  von  B.  gemachten  wichtigen  Entdeckung:  daB  der  einmal 
tuberkulos  infizierte  Organismus  durch  diese  Infektion  eine  betrachtliche 
Immunitat  gegen  diese  Krankheit  erwerben  kann  und  daB  diese  sogenannte 
Infektionsimmunitat  fiir  den  Verlauf  der  einzelnen  Erkrankung  sowohl 
als  auch  fiir  die  Epidemiologic  der  Tuberkulose  von  der  groBten  Bedeu- 
tung ist. 

Die  Enttauschung  liber  die  Nichtanerkennung  seiner  Auffassungen  iiber 
Tuberkulose  mag  mit  dazu  beigetragen  haben,  daB  sein  Gesundheitszustand 
in  den  folgenden  Jahren  viel  zu  wiinschen  iibrig  lieB  und  ihn  ofters  zwang, 
die  Arbeit,  die  er  so  sehr  liebte,  zu  unterbrechen  und  Erholung  zu  suchen 
auf  Reisen  und  besonders  in  Italien,  wo  er  in  Capri  ein  Besitztum  hatte. 
Zuruckgekehrt  und  wieder  im  Besitz  seiner  Arbeitskraft  griff  er  ein  neues 
Problem  auf,  das  ankniipfte  an  seine  ersten  Entdeckungen.  Bei  dem  Diphtherie- 
heilserum  handelt  es  sich  um  Antitoxine,  die  im  Organismus  von  Tieren  (Pfer- 
den)  gebildet  und  im  Bedarfsfall  dann  dem  kranken  Menschen  einverleibt 


Behring  25 

werden.  Diese  an  artfremdes  EiweiB  gebundenen  passiv  ubertragenen  Anti- 
toxine  werden  aber  bald  wieder  ausgeschieden.  Um  einen  Schutz  von  langerer 
Dauer  zu  erzielen,  versuchte  B.  durch  Einverleibung  eines  feinabgestimmten 
Gemisches  von  Diphtherietoxin  und  -antitoxin  eine  aktive  Immunisierung 
des  Menschen  und  besonders  der  Kinder  zu  erreichen.  Das  Toxin,  das  in  dem 
Toxin-Antitoxin-Gemisch  zunachst  gebunden  ist,  wird  langsam  wieder  abge- 
spalten  und  ruft  eine  allmahliche  Antitoxinbildung  im  menschlichen  Korper 
hervor,  die  dem  betreffenden  Individuum  eine  praktisch  furs  Leben  aus- 
reichende  Immunitat  gegen  Diphtherie  verleiht. 

Dieses  sogenannte  T.-A.-Verfahxen  hat  wahrend  des  Weltkrieges  und  nach- 
her  im  Auslande,  besonders  in  Amerika  durch  die  verdienstvollen  Arbeiten 
von  Park  und  seiner  Schule,  und  in  den  letzten  Jahren  auch  in  Deutschland 
mehr  und  mehr  Eingang  gefunden  und  wird  allgemein  als  ein  groBer  Erfolg 
B.s  und  als  ein  wertvolles  Mittel  im  Kampfe  gegen  die  morderische  Volks- 
seuche  der  Diphtherie  anerkannt. 

Der  Weltkrieg,  dessen  ersten  Jahre  B.  noch  erlebte,  brachte  ihm  noch  die 
groBe  Genugtuung  und  Freude,  die  wunderbare  Wirkung  seines  Tetanus- 
serums  bei  prophylaktischer  Anwendung  erleben  zu  diirfen.  Das  Tetanus- 
serum  zeigt,  bei  der  einmal  ausgebrochenen  Krankheit  angewandt,  meist  eine 
nur  geringe  Heilwirkung,  weil  das  Tetanusgift  sich  zu  schnell  und  zu  fest  am 
Nervensystem  verankert.  Aber  als  Prophylaktikum  gegeben,  unterdriickt 
es  die  Tetanusinfektion  im  Keime.  GroB  war  die  Sterblichkeit  an  Tetanus  in 
den  ersten  Kriegswochen,  ehe  die  Erkenntnis  von  der  Notwendigkeit  einer 
systematischen  Schutzimpfung  gegen  den  Wundstarrkrampf  durchgedrungen 
und  dann  geniigend  Tetanusserum  beschafft  war.  Von  da  ab  verlor  der  Wund- 
starrkrampf fur  die  Verwundeten  seinen  Schrecken.  Vielen  Hunderttausenden 
von  Soldaten  aller  Nationen  hat  B.s  Entdeckung  das  Leben  gerettet. 

Aber  in  diesen  Jahren  des  Krieges,  dessen  Ausgang  B.  sorgenvoll  entgegen- 
sah,  verschlechterte  sich  sein  Gesundheitszustand  mehr  und  mehr,  und  am 
13.  Marz  1917  schloB  Emil  v.  B.  die  Augen  fur  immer.  An  seiner  Bahre  trauer- 
ten  die  Gattin  und  sechs  Sonne,  die  Universitat  und  die  Stadt  Marburg,  deren 
Ehrenbiirger  er  war,  die  deutsche  arztliche  Wissenschaft,  die  einen  ihrer 
GroBten  verloren  hatte. 

B.s  groBe  Bedeutung  fiir  die  Medizin  liegt  darin,  daB  er  zu  einer  Zeit,  da 
Virchows  Zellularpathologie  noch  das  ganze  Denken  der  arztlichen  Welt 
allmachtig  beherrschte,  die  Einseitigkeit  und  Unzulanglichkeit  dieser  Betrach- 
tungsweise  erkannte.  Mit  der  Entdeckung  der  vom  lebenden  Organismus 
erzeugten  spezifischen  Antitoxine  war  die  groBe  Bedeutung  humoralpatho- 
logischer  Vorgange  fiir  Krankheit,  Leben  und  Tod  unzweideutig  und  weithin 
sichtbar  demonstriert.  So  wurde  B.  der  Begriinder  der  Heilserumtherapie 
als  Heilmethode  und  der  Schopfer  der  praktisch  auBerordentlich  wertvollen 
Schutz-und  Heilverfahren  bei  der  Diphtherie  und  beim  Wundstarrkrampf. 
Und  auch  auf  dem  Gebiete  der  Tuberkulose  sind  seine  Arbeiten  nicht  umsonst 
gewesen:  Sein  auf  der  sogenannten  Infektionsimmunitat  sich  aufbauendes 
Schutzimpfungsverfahren  ist  eine  der  groBten  wissenschaftlichen  Leistungen 
auf  diesem  Gebiet,  und  wir  sind  trotz  intensivster  Forschungsarbeit  bei  der 
Tuberkulose  nicht  liber  dieses  B.sche  Immunisierungsprinzip :  Immunitat 
durch  Infektion,  hinausgekommen. 


26  19 17 

B.  war  eine  mit  seltener  Energie  geladene  Natur,  eine  eigensinnige,  eigen- 
willige,  ganz  auf  sich  selbst  stehende  Personlichkeit  voll  zaher  Kraft.  Kampf 
war  sein  Leben.  Und  sein  ward  der  Sieg.  Er  hat  den  Ruhm  seiner  Taten  er- 
leben  dtirfen.  Ehrungen  durch  in-  und  auslandische  Universitaten  und  gelehrte 
Gesellschaften,  durch  Fiirsten  und  Regierungen,  Titel,  Orden,  Ernennung 
zum  Ehrenbiirger  der  Stadt  Marburg,  Erhebung  in  den  erblichen  Adelstand 
wurden  ihm  zuteil.  Und  als  arn  4.  Dezember  19 15  sich  der  Tag,  an  dem  das 
Diphtherieserum  der  Offentlichkeit  bekanntgegeben  worden  war,  zum  funf- 
undzwanzigsten  Male  jahrte,  wurde  auf  Anordnung  des  preuBischen  Kultus- 
ministers  die  Biiste  Emil  v.  B.s  im  Treppenhause  des  Hygienischen  Institutes 
der  Universitat  Marburg  aufgestellt.  GroB  und  stark  war  der  Eindruck,  den 
B.  bei  alien  Marburgern  Fakultatsmitgliedern  seiner  Zeit  hinterlassen  hat. 
Gustav  v.  Bergmann  hat  es  in  der  Chronik  der  Universitat  Marburg  nieder- 
geschrieben : 

»Wir  sehen  in  B.  ein  Leben  als  Anspannung  aller  Krafte,  Kampf  bis  zuletzt; 
geworfen,  erhob  er  sich  noch  einmal,  urn  unter  Qualen  zu  sterben.  Das  Bild 
ist  zu  groB,  um  auf  kleine  Fragen  zu  antworten:  Was  sagen  die  Studenten, 
was  sagen  die  Kollegen?  Wer  ihm  wirklich  nahe  stand,  es  mogen  auBer  Frau 
und  Kindern  nicht  sehr  viele  gewesen  sein,  verehrte,  liebte  ihn  .  .  .  Mogen 
die  anderen,  die  drauBen  standen,  nur  eines  fiihlen:  er  war  auf  einem  groBen 
Gebiet  der  Wissenschaft,  das  geradezu  sein  Gebiet  genannt  werden  darf, 
gigantisch  wie  ein  Naturphanomen,  das  man  erleben  soil  jenseits  von  Liebe 
und  HaB.  Dimensionen  fiihlen,  auch  unter  Zeitgenossen,  das  geniigt.« 

Iviteratur:  Eine  vollstandige  Zusatnmenstellung  der  zahlreichen  Veroffentlichungen 
Emil  v.  Behrings  ist  vom  Verfasser  in  der  Gedenkschrif t :  In  memoriam  Paul  Ehrlich  und 
E.  v.  Behring  zur  70.  Wiederkehr  ihrer  Geburtstage  14./15.  Marz  1924,  Frankfurt  a.  M., 
geliefert  worden.  Es  diirfte  desvvegen  geniigen,  wenn  hier  nur  einige  der  wichtigsten  Arbei- 
ten  B.s  aufgefiihrt  werden,  im  iibrigen  aber  auf  diese  an  anderer  Stelle  erschienene  voll- 
standige Bibliographic  hingewiesen  wird.  —  B.und  Kitasato,  Uber  das  Zustandekommen 
der  Diphtherie-Immunitat  und  der  Tetanus-Immunitat,  Deutsche  Medizinische  Wochen- 
schrift  1890,  Nr.  49.  —  E.  B.,  Untersuchungen  iiber  das  Zustandekommen  der  Diphtherie- 
Immunitat  bei  Tieren,  ebenda  1890,  Nr.  50.  B.  und  Wernicke,  t)ber  Immunisierung  und 
Heilung  von  Versuchstieren  bei  der  Diphtheric  Zeitschrift  f .  Hygiene  und  Infektionskrank- 
heitenBd.  12,  1892.  —  E.  B.,  Zur  Diphtherieheilungsfrage,  Deutsche  Medizinische  Wochen- 
schrift  1894,  Nr.  15 — -17.  —  E.  B.  und  P.  Ehrlich,  Zur  Diphtherie-Immunisierungs-  und 
Heilungsfrage,  ebenda  1894,  Nr.  20.  —  E-  B.  und  Boer,  Oberdie  quantitative  Bestimmung 
von  Diphtherieantitoxinlosungen,  ebenda  1894,  Nr.  21.  —  E.  B.und  Ransom,  Uber  Te- 
tanusgift  und  Tetanusantitoxin,  ebenda  1898,  Nr.  12.  —  B.,  Ransom  und  Kitashima, 
ITber  Tetanusgiftmodifikationen,  Fortschritte  der  Medizin,  1899,  Bd.  17,  Nr.  21.  —  B., 
Ransom  und  Kitashima,  t)berdie  quantitativen  Bindungsverhaltnisse  zwischen  Tetanus- 
gift  und  Tetanusantitoxin  im  lebenden  Meerschweinchenkorper,  ebenda  1899,  Bd.  17, 
Nr.  22.  —  B.,  Ober  die  Artgleichheit  der  vom  Menschen  und  der  vom  Rinde  stammenden 
Tuberkelbazillen  und  die  Tuberkuloseimmunisierung  von  Rindern,  Wiener  Klinische 
Wochenschrift  1903,  Nr.  12.  —  E.  B.,  Uber  Lungenschwindsuchtentstehung  und  Tuber- 
kulosebekampfung,  Deutsche  Med.  Wochenschrift  1903,  Nr.  39.  —  E.  B.,  Die  Bekampfung 
der  Rindertuberkulose  mit  Bovovakzin  und  Tauruman,  Vortrag  14.  Marz  1907.  Arch,  des 
Deutschen  I,andwirtschaftsrates  1907,  Bd.  31.  —  E.  v.  B.  DbereinneuesDiphtherieschutz- 
mittel,  Deutsche  Med.  Wochenschrift,  191 3,  Nr.  19. 

Berlin-Dahlem. 

Hermann  Dold. 


Behring.  Bettinger  27 

Bettinger,  Franz  v.,  Kardinal  der  romischen  Kirche  und  Erzbischof  von 
Miinchen-Freising,  Doktor  der  Theologie,  *  am  17.  September  1850  in  Land- 
stuhl  (Rheinpfalz),  f  am  12.  April  1917  in  Munchen.  —  Kardinal  B.  entstammte 
einfachen  Biirgerverhaltnissen.  Sein  Vater  war  ein  ehrsamer  und  biederer 
Schmiedemeister  in  Landstuhl,  verheiratet  mit  einer  Tochter  des  ortsansassigen 
Mullers  der  Felsenmiihle.  Der  allzeit  gliicklichen  Ehe  entsprossen  neun  Kinder, 
von  denen  zwei  friih  starben.  Ihrem  zweiten  Kinde  und  ersten  Sohne  gaben 
die  Eltern  den  Vornamen  des  Vaters.  Uber  dem  kraftigen  SproBling  lachte  der 
helle  Sonnenschein  eines  vorbildlich  schonen  Ehe-  und  Familienlebens,  von 
dem  die  schwere  Handearbeit  des  Mannes,  das  hauswirtschaftliche  Verstandnis 
und  der  rastlose  FleiB  der  Frau,  die  Geniigsamkeit  und  Sparsamkeit  beider 
ernste  Not  fernzuhalten  wuBten.  Unter  den  warmen  Strahlen  gediehen  des 
Knaben  gesunder  Korper  und  klarer  Verstand,  sowie  die  pfalzischen  Natur- 
gaben  geistiger  Lebhaftigkeit  und  heiteren  Gemiites.  Was  die  Eltern  und  das 
Elternhaus,  in  dem  christliche  Sitte  und  lebenstatiger  Katholizismus  wohnten, 
dem  Sohne  in  der  Jugend  geboten  haben,  ward  von  diesem  nie  vergessen. 
Seiner  Dankbarkeit  durfte  er,  in  selbstandige  Berufsstellung  gelangt,  dadurch 
freudigen  Ausdruck  verleihen,  daB  er  den  Vater  und  die  Mutter  bis  zu  ihrem 
Tode  in  seinem  Hausstande  vor  den  Sorgen  des  Alters  schiitzte. 

Die  vorziiglichen  Geistesanlagen  Franz  B.s  wurden  in  der  Volksschule  seiner 
Heimat  sehr  bald  als  hervorstechend  erkannt.  I^ehrer  und  Erzieher  rieten  zum 
Studium.  Geistliche  Gonner,  die  Ortskaplane  Gumbinger  und  Stadtmiiller  er- 
teilten  nacheinander  den  Vorbereitungsunterricht  zum  Eintritt  in  das  acht- 
klassige  humanistische  Gymnasium  zu  Speyer.  Die  Aufnahme  in  dieses  erfolgte 
zugleich  mit  der  in  das  bischofliche  Konvikt  im  Herbste  1864.  Nach  glanzend 
bestandener  Reifepriifung  begann  der  Absolvent  im  Herbst  1869  das  Fach- 
studium  fiir  den  langst  nach  reiflicher  Uberlegung  frei  und  fest  erwahlten 
Priesterberuf  mit  der  Philosophic  an  dem  damals  noch  bestehenden,  um 
Ostern  1880  aufgehobenen  koniglichen  Lyzeum  zu  Speyer.  Die  nachsten  zwei 
Jahre  1870 — 1872  gehorten  dem  Studium  der  katholischen  Theologie  an  den 
Universitaten  Innsbruck  und  Wiirzburg.  In  jener  Zeit  konnten  die  Theologie- 
kandidaten  die  zwei  bis  drei  ersten  akademischen  Studienjahre  noch  auBerhalb 
eines  Konviktes  oder  Seminars  zubringen.  B.  beniitzte  die  gegebene  Freiheit 
einmal,  um  neben  den  Beruf sstudien  Einblick  in  andere  Wissenschaf ten  zu  ge- 
winnen,  das  geistige  Sehfeld  zu  erweitern  und  an  freien  Tagen  die  herrliche 
Natur  in  der  Umgebung  der  Musenstadte,  Land  und  Leute  auf  Wanderungen 
kennen  zu  lernen,  dann  zum  AnschluB  an  Studentenkorporationen  und  zu 
regster  Tatigkeit  in  denselben  wie  fiir  sie.  Es  war  mehr  denn  ein  gesellschaft- 
licher  Akt,  es  war  die  glaubensmutige  Ubernahme  eines  katholischen  und 
deutschen  Lebensprogrammes  der  Tat  als  der  j  unge  Akademiker  in  Tirols  Haupt- 
stadt  zu  Beginn  des  Winterhalbjahres  1870  in  die  unterm  9.  Juni  1864  ge- 
griindete  katholische  deutsche  Studentenverbindung  Austria  eintrat  und  ein 
Jahr  danach  in  der  Musenstadt  am  Main  sich  an  der  Stiftung  der  gleich- 
gearteten  Verbindung  Markomannia  maBgebend  beteiligte  und  deren  Grund- 
satzen  Religion,  Wissenschaft  und  Freundschaft  mit  dem  Wahlspruch  »Furcht- 
los  und  treu!«  fiir  das  Leben  sich  verpflichtete.  Den  beiden  Verbindungen  und 
dem  sich  stetig  weitenden  Verbande  des  »C.V.«  (Cartellverband  der  katho- 
lischen deutschen  Studentenverbindungen)  in  alien  Landern  deutscher  Zunge, 


28  1917 

die  Jahrzehnte  hindurch  einen  harten  Kampf  um  ihr  Dasein  gegen  nicht  wenige 
erbitterte  Gegner  zu  fiihren  hatten,  blieb  er  mit  tatigem  Interesse  treu  bis  zum 
Tode.  Franz  B.  machte  sich  den  Gedanken  der  katholischen  Universitats- 
studentenverbindung  schon  in  einer  Zeit  zu  eigen,  in  der  weite  katholische 
Laien-  und  Geistlichenkreise  noch  kein  Verstandnis  fiir  ihre  Bedeutung  ge- 
wonnen  hatten.  Sein  klares  Auge  sah  scharfer  in  die  Gegen  wart  und  Zukunft. 
Sein  starker  Wille  entschied  sich  fiir  die  Politik  der  Tat.  Die  Folgezeit  gab  ihm 
recht.  An  der  kirchlichen  und  offentlichen  katholischen  Erneuerung  in  den 
deutschsprachigen  Landern  haben  die  katholischen  Studentenverbande  einen 
nicht  geringen  Anteil.  Als  Priester,  Erzbischof  und  Kardinal  f reute  er  sich  dessen 
gehobenen  Herzens  und  hiefl  jede  neu  erstehende  Vereinigung  willkommen, 
die  sich  auf  die  sittlich-religiose  Grundlage  seiner  Verbindungen  stellte.  Ihn 
erfiillte  und  leitete  die  Idee  der  unerschrockenen  auBeren  Vertretung  des  inner- 
lich  gefestigten  iiberzeugungsvollen  katholischen  Glaubens-  und  Sittlichkeits- 
bewuBtseins. 

Die  theologische  Studienordnung   rief  den  lebensfrohen,  tiichtigen  Hoch- 

schiiler  im  Oktober  1872  zur  wissenschaftlich-praktischen  Berufsausbildung 

als  Alumnus  in  das  bischofliche  Klerikalseminar  nach  Speyer.  Daselbst  emp- 

fing  er  im  Laufe  von  zehn  Monaten  die  Tonsur,  die  niederen  Weihen  und  am 

17.  August  1873  im  Kaiserdom  die  Priesterweihe.  Oberhirtliche  Anweisung 

fiihrte  den  Neupriester,  voll  von  Seelsorgeridealen,  am  30.  Oktober  darauf  als 

Stadtkaplan  nach  Zweibriicken,  als  solchen  dann  am  12.  April  1877  nach 

Kaiserslautern,  als  Hilfspriester  am  16.  September  1878  nach  Reichenbach,  als 

Pfarrverweser  am  17.  April  1879  nach  Lambsheim.  Hier  wurde  er  am  19.  August 

1879  Pfarrer  und  wirkte  in  diesem  Amte  bis  ihm  am  26.  Juni  1888  die  Pfarrei 

Roxheim  ubertragen  wurde.  Konigliche  Ernennung  beforderte  ihn  am  21.  Mai 

1895  zum  Domkapitular  in  Speyer,  woselbst  ihm  auch  die  Verwaltung  der 

Dom-  und  Stadtpfarrei  anvertraut  wurde,  am  24.  Januar  1909  zum  Domdekan 

ebenda  und  auf  Grund  des  bayerischen  Konkordates  unterm  23.  Mai  1909  zum 

Erzbischof  von  Munchen  und  Freising.  Die  papstliche  Prakonisation  erfolgte 

am  26.  Juni  1909  durch  Konsistorialdekret,   die  Bischofskonsekration  und 

Inthronisation  in  der  Metropolitankirche  zu  Unserer  Iyieben  Frau  in  Munchen 

am  15.  August  1909,  kurz  danach  die  Bekleidung  mit  dem  Pallium.  EinigeZeit 

vorher  hatte  dem  ernannten  Erzbischofe  die  theologische  Fakultat  Munchen 

den  Doktortitel  verliehen.  Mit  der  Besitzergreifung  des  erzbischoflichen  Amtes 

war  nach  der  bayerischen  Verfassung  vom  26.  Mai  18 18  der  Eintritt  in  die 

Kammer  der  Reichsrate  und  das  Recht  auf  den  Anredetitel  Exzellenz  verbun- 

den.  Die  konigliche  Erteilung  des  Verdienstordens  der  bayerischen  Krone  gab 

nach  der  Verfassungsurkunde  den  personlichen  Adel  mit  dem  Pradikate  »von«. 

Papst  Pius  X.  kreierte  den  Erzbischof  Dr.  Franz  v.  B.  im  geheimen  Konsisto- 

rium  vom  25.  Mai  1914  zum  Kardinalpriester  der  heiligen  romischen  Kirche 

mit  dem  Titel  S.  Marcelli  von  Rom,  iiberreichte  ihm  am  28.  Mai  im  offentlichen 

Konsistorium  den  Kardinalshut  und  wies  ihn  den  Kongregationen  der  Sakra- 

mente  und  Riten  zu.  Nach  dem  Tode  des  Papstes  Pius  X.  zog  Kardinal  B.  am 

31.  August  1914  in  das  Konklave  im  Vatikan  ein  und  nahm  an  der  Papstwahl 

teil,  aus  der  am  3.  September  Kardinal  Jakobus  della  Chiesa  als  Benedikt  XV. 

hervorging.  Verschiedentlich  trat  in  der  Presse  des  In-  und  Auslandes  die  Be- 

hauptung  auf,  die  Wahl  dieses  vortrefflichen,  der  schweren  Kriegszeitlage  als 


Bettinger  29 

gewachsen  bewahrten  Tragers  der  Tiara  verdanke  die  katholische  Welt  dem 
Miinchener  Kardinal,  der  im  Konklave  zuerst  auf  ihn  hingewiesen  habe  und 
mit  Eifer  und  Geschick  fur  seine  Erhebung  eingetreten  sei.  B.  sprach  nie  ein 
Wort  hieriiber.  Das  Siegel  seines  Mundes  und  sein  Wahleid  blieben  stets  un- 
verletzt.  Einer  spateren  Geschichtschreibung  mag  es  vorbehalten  sein,  aus 
Geheimakten  die  Wahrheit  zu  offenbaren.  Etwas  ist  aber  an  der  Behauptung 
zutreffend  und  erklart  vielleicht  ihre  Entstehung,  das  namlich,  daB  der  diplo- 
matische  Akt  bei  der  nieht  unschwierigen  Papstwahl  dem  Wesen  Kardinal  B.s 
nicht  fremd  gewesen  ware.  Bewies  doch  der  Mann  von  Jugend  auf  einen  auBer- 
ordentlich  scharfen  Wirklichkeitssinn  und  piaktischen  Blick  fiir  alles,  was  die 
schwebende  Stunde  heischte.  Das  unverriickbare  EbenmaB  seines  rasch  auf- 
fassenden  und  tief  schurfenden  Verstandes,  wie  seines  zielbewuBten,  zah,  aber 
unauff allig  und  nie  verletzend  schaffenden  Willens  brachte  ihm  bis  zum  letzten 
Augenblicke  des  nahezu  67Jahrigen  Lebens  den  reichsten  Berufserfolg  ein,  er- 
wirkte  die  auf richtige  Hochachtung  aller  Stande  und  Gesellschaftsklassen  ohne 
Unterschied  der  Konfession  und  Weltauffassung  vor  seiner  Wiirde  und  Person, 
sicherte  ihm  die  vertrauensvolle  Hingebung  und  Verehrung  von  Klerus  und 
Volk  und   befestigte  die  treue  Freundschaft  von  Nahestehenden,  Studien- 
genossen  und  Amtsbriidern.  Der  Zauber  und  das  Geheimnis  der  Kraft  seiner 
Personlichkeit  hatten  ihren  psychologischen  Grund.  B.s  groBe  Seele  ankerte 
in  einem  unerschiitterlichen,  mannlich  starken,  jeder  Gefahr  und  Versuchung 
trotzenden  Glauben  an  Gott  und  Kirche,  in  einer  ererbten  bodenstandigen, 
echten,  kindlichen  Frommigkeit  und  einer  streng  gepflegten,  niemals  irgendwie 
getriibten  Sittlichkeit.  All  das  verlieh  seinem  Leben  und  Wirken  eine  anziehende 
und  eindrucksvolle  Ruhe  und  Sicherheit.  Unterstiitzt  wurde  die  Wirkung  seines 
festen  Charakters  durch  eine  hohe  und  breite  Korpergestalt,  deren  schones 
GleichmaB  und  elastischer  Schwung  die  Harmonie  der  inneren  Krafte  wider- 
spiegelte.  Die  hohe  Stirne,  vollen  Ziige  und  lebhaften  schwarzen  Augen  offen- 
barten  Milde  und  Wiirde,  urwiichsige  Geradheit  und  Ehrlichkeit,  Kraft  und 
Giite  und  lieBen  eine  naturliche,  hinter  vornehmer  Zuriickhaltung  und  Selbst- 
beherrschung  durchbrechende  Lebensheiterkeit  als  Grundstimmung  erkennen. 
Frohliche  sah  er  gern  und  liebte  freundliche  Erholungsplauderei  am  Abend 
nach  getaner  Arbeit.  Unmittelbarer,  ungezwungener  Verkehr  war  ihm  Bediirf- 
nis.  Aus  ihm  schopfte  er  tiefe  Menschenkenntnis  und  gewann  griindlichen  Ein- 
blick  in  die  jeweiligen  Verhaltnisse  und  verlassiges  Urteil  iiber  das  zu  tun  Not- 
wendige  oder  Vorteilhafte.  Die  Tiire  des  Dorf-  und  Dompfarrhauses  stand  jedem 
Rat-  und  Hilfsbediirftigen  offen  und  durch  das  Portal  des  erzbischoflichen 
Palastes  flutete  ein  groBer  Verkehr.  Als  Kirchenfiirst  freute  sich  B.  auf  die  all- 
jahrlichen  Firmungs-,  Visitations-  und  anderen  Dienstreisen  in  seinem  Sprengel, 
weil  er  Klerus,  Volk  und  Land  genauer  kennenlernen  und  mit  seinem  feinen 
Natursinn  die  landschaftlichen  Schonheiten  genieBen  wollte.  Im  Verkehr  mit 
dem  Volke  fuhlte  er  sich  gliicklich  und  den  Armen  spendete  er  materiell  fast 
iiber  seine  Mittel.  Er  war  ein  Volksbischof  im  besten  Sinne  des  Wortes.  Nur 
Boswillige  konnten  dem  Wahn  verf alien,  dieser  Eigenschaft  eine  politisch  an- 
nichige  Bedeutung  unterzuschieben.    Seinem  Konig  und  Land,   Kaiser  und 
Reich  wahrte  er  stets  unentwegte  ehrliche  Treue.  Im  Leben  und  nach  dem  Tode 
ward  ihm  hieriiber  das  beste  autoritative  und  authentische  Zeugnis  ausgestellt. 
Was  er  in  der  Zeit  des  Volkerkrieges  fiir  das  Vaterland  im  Felde  und  in  der 


30  1917 

Heimat  geleistet,  laBt  in  einem  kleinen  Ausschnitt  der  Lichtkegel  schauen,  den 
das  Biichlein  »Im  Purpur  bei  den  Feldgrauen«  von  M.  Buchberger  (5. — 7.  Aufl. 
Kosel,  Kempten-Miinchen  1917)  gibt. 

Man  nannte  B.  oft  ein  »Verwaltungsgenie«  und  » seine  Laufbahn  die  des 
reinen  Praktikers«.  Zweifellos  war  er  stark  auf  dem  gemeinten  Gebiete  und  hat 
Bedeutendes  geleistet.  Ein  Mann  der  Tat,  voll  Kraft  und  Leben,  nicht  trockener 
Btichergelehrsamkeit  bei  allem  Interesse  f iir  Iyiteratur,  Wissenschaft  und  Kunst 
—  wissenschaftlich-literarisch  trat  er  niemals  hervor  —  setzte  sich  sein  Talent 
in  der  Welt  von  selbst  durch,  anspruchslos  wirkend,  gewissenhaft  die  zuge- 
wiesene  Pflicht  erfiillend  und  zuf rieden  mit  dem  auferlegten  Amte,  ohne  eigene 
Bemiihung  und  Bewerbung  emporgetragen  aus  der  Handwerkerhiitte  in  den 
hochsten  Rat  der  Weltkirche.  In  den  von  ihm  geleiteten  Landpfarreien  be- 
standen  Ordnung  und  gute  Sitten,  herrschten  streng  katholischer  Geist  und 
friedliches  Zusammenleben  mit  Andersglaubigen.  Seine  Fachkenntnisse  und 
Erfahrungen  im  Volksschulwesen  veranlaBten  die  Staatsbehorden,  ihn  zum 
Distriktsschulinspektor  zu  ernennen,  als  welcher  er  sich  sehr  verdient  machte. 
In  Speyer  weckte  der  Dompfarrer  reges  Leben  in  der  Pfarrgemeinde,  gab  dem 
Vereinsleben  machtigen  Antrieb,  beforderte  den  inzwischen  verwirklichten  Ge- 
danken  einer  zweiten  Stadtpfarrei  und  den  Bau  der  St.  Josephskirche  und 
griindete  unter  geschickter  Uberwindung  mancher  Widerstande  das  Kranken- 
haus  St.  Vinzentiusstift.  Im  Domkapitel  war  er  gleichzeitig  als  Schulreferent 
und  Offizial  tatig.  Miinchen  verdankt  dem  Kardinal  und  Erzbischof  den  Aus- 
bau  der  Seelsorge  in  der  rasch  emporgewachsenen  Haupt-  und  Residenzstadt, 
mit  deren  Entwicklung  die  kirchlichen  Einrichtungen  nicht  Schritt  gehalten 
hatten,  die  Anregung  zur  Hebung  der  Not  an  Kirchen  in  der  Peripherie,  die  Er- 
richtung  neuer  Pf  arreien  und  Expositurbezirke  mit  entsprechenden  Seelsorger- 
stellen,  die  Schaffung  der  Gesamtkirchengemeinde,  die  Erweiterung  und  Be- 
seelung  des  katholischen  Vereinslebens,  die  Belebung  und  Bekraftigung  des 
nach  innen  und  aufien  tatigen  Katholizismus.  Nichts  weniger  als  eine  Kampf- 
natur,  vielmehr  friedlich  und  versohnlich  in  seinem  ganzen  Wesen  bevorzugte 
er  in  seinem  Wirken  das  freie  Wort  und  offene  Bekenntnis,  besafi  Mut  und 
Kraft,  mit  ritterlichen  Waffen  auf  den  Plan  zu  treten,  wenn  es  gait,  die  hei- 
ligsten  Giiter  gegen  frevle  Angriffe  zu  verteidigen.  Mit  apostolischer  Uner- 
schrockenheit  trat  er  in  seinem  ersten  Hirtenbrief  am  17.  August  1909  dem 
Unglauben  entgegen,  wandte  sich  im  Sendschreiben  vom  28.  Oktober  gleichen 
Jahres  gegen  die  Angriffe  auf  die  Religion,  die  Kirche  und  das  Papsttum,  nahm 
in  der  groCen  Protestversammlung  der  Munchener  Katholiken  das  Wort  gegen 
die  kirchenfeindliche  Presse  und  hielt  als  Reichsrat  eindrucksvolle  Reden  im 
bayerischen  Standehaus,  so  am  30.  Mai  19 12  zur  Frage  der  Aufhebung  des 
Jesuitengesetzes  vom  4.  Juli  1872. 

Kardinal  B.  war  ein  geborener  Fiihrer.  GroBe  Strategen  sind  Schweiger  und 
gute  Taktik  entquillt  ruhiger  Uberlegung.  Diese  Fiihrereigenschaften  waren 
ihm  eigen  und  trugen  manch  schonen  Erfolg  ein.  Er,  der  von  den  Jugend- 
studien  an  die  Rede  und  das  Wort  meisterte,  einen  gewandten  fesselnden  Stil 
schrieb,  frei  von  Phrasen  und  Wortgedrechsel  in  kernigen  Satzen  der  Wahrheit 
und  dem  Rechte  Ausdruck  verlieh,  konnte  schweigen  wie  das  Grab,  wenn  es 
sich  um  neue  Plane  handelte,  wuBte  zu  dirigieren,  ohne  von  anderen  am  Diri- 
gentenpult  gesehen  zu  werden,  verstand  ohne  Laut  und  Larm  zu  organisieren 


Bettinger.  Bezzel  3 1 

und  umzugruppieren,  die  richtigen  Unterfiihrer  auszusuchen  und  an  die  rechten 
Platze  zu  stellen.  Man  sah  ihn  nicht,  man  fiihlte  ihn  aber. 

Gro.Be  Menschen  sterben  in  den  Sielen.  Am  Donnerstag  nach  Ostern,  12.  April 
1917,  wurde  er  durch  einen  Schlaganfall  aus  seinem  segensreichen  Arbeitsfelde 
jah  herausgerissen  imd  von  der  Hohe  beruflicher  Leistungskraft  abgerufen. 

Zwei  Kunstschopfungen  des  Miinchener  akademischen  Bildhauers  August 
Weckbecker,  eine  plastische  Biiste,  aufgestellt  im  Historischen  Museum  der 
Stadt  Miinchen,  und  ein  Standbild,  aus  rotem  Untersberger  Marmor  gehauen, 
den  Kardinal  in  der  Amtsgewandung  mit  dem  roten  Hute  wiedergebend,  am 
Eckpfeiler  der  rechten  Chorseite  der  Frauenkirche  angebracht,  erhalten  die  Er- 
innerung  an  das  korperliche  Bild  und  den  groBen  Geist  des  Verewigten. 

Literatur:  Kardinal  Dr.  v.  B.s  jahrliche  Hirtenbriefe  (Amtsblatt  fur  die  Erzdiozese 
Miinchen  und  Freising  1909— 1917).  —  Lebensskizzen:  Trauerrede  von  Domdekan 
Sebastian  Huber  (Amtsblatt  Beilage  2  vom  25.  April  191 7).  —  August  Knecht,  Kardinal 
v.  B.  zum  verehrungsvoll  treuen  Gedachtnis  (Akademia,  Berlin,  Germania  191 7,  Nr.  59 
bis  64).  —  M.  Buchberger,  Im  Purpur  bei  den  Feldgrauen.  Kempten-Miinchen  191 7.  — 
Heimgang  Sr.  Em.  des  hochwiirdigen  Herrn  Kardinals  und  Erzbischofs  Franziskus  v.  B. 
(Schematismus  der  Geistlichkeit  des  Erzbistums  Miinchen  und  Freising  fiir  das  Jahr  1918, 
S.  279 — 286).  —  Konrad  Graf  von  Preysing,  Kardinal  Bettinger,  nach  personlichen 
Erinneningen.  Regensbuxg  1918. 

Miinchen.  August  Knecht. 

Bezzel,  Hermann,  Ritter  v.,  Prasident  des  kgl.  prot.  Oberkonsistoriums  in 
Miinchen,  *  am  18.  Mai  1861  in  Wald  bei  Gunzenhausen,  f  am  8.  Juni  1917  in 
Miinchen.  —  Einem  alten  Pfarrgeschlechte  entstammend,  in  dem  die  Reihe 
der  Trager  des  geistl.  Amtes  seit  dem  Jahr  1681  nie  unterbrochen  war,  erblickte 
Hermann  B.,  der  Erstgeborene  unter  12  Geschwistern,  das  Licht  der  Welt  zu 
Wald,  einem  Pfarrdorf  im  Altmuhltal  bei  Gunzenhausen  in  Bayern,  als  Sohn 
des  dortigen  Pfarrers  Georg  Ludwig  B.  und  seiner  Ehefrau  Emma,  geb.  Frauen- 
knecht,  Stadtschreiberstochter  von  Gunzenhausen.  Unter  der  eisernen  Zucht 
des  gestrengen  Vaters,  von  dem  er  nicht  bloB  die  hohe  Statur,  sondern  auch  den 
scharfen  Verstand  und  das  phanomenale  Gedachtnis  geerbt  hatte,  unter  der 
freundlichen  Obhut  der  frommen,  feingebildeten  Mutter,  der  er  sein  tiefes  Ge- 
miit  und  mitfiihlendes  Herz  zu  verdanken  hatte,  wuchs  er  heran.  Schon  in 
seiner  Kinderzeit  trat  an  ihm  ein  auflergewohnlicher  Ernst  zutage,  den  seine 
Geschwister  in  manchem  Wort  scharfer  Zurechtweisung  zu  fiihlen  bekamen. 
Im  Jahre  1872  bezog  er  das  humanistische  Gymnasium  zu  Ansbach,  wo  ihm 
besonders  die  ersten  Jahre  viel  Kummer  und  Herzeleid  brachten.  Das  Abso- 
lutorium  (1879)  aDer  bestand  er  als  einer  der  Besten,  in  manchen  Fachern  als 
der  Beste,  schwach  nur  in  der  Mathematik,  fiir  die  er  wenig  begabt  gewesen  zu 
sein  scheint.  In  seine  Gymnasialzeit  fiel  ein  bedeutungsvoller  Wendepunkt  fiir 
seine  innere  Entwicklung  infolge  des  friihen  Todes  der  geliebten  Mutter. 

Seine  Universitatsjahre  von  1879 — 1883  verbrachte  B.  nur  in  Erlangen,  wo 
er,  dem  Wunsche  des  Vaters  und  seiner  eigenen  Neigung  f  olgend,  Philologie  und 
Theologie  studierte.  Als  Mitglied  der  Burschenschaft  Bubenruthia,  der  er  sein 
ganzes  Leben  hindurch  die  Treue  hielt,  verstand  er  es,  die  pflichtmafiige  Teil- 
nahme  an  den  studentischen  Zusammenkiinften  und  Festlichkeiten  reibungslos 
zu  verbinden  mit  regelmaCigem  Kollegienbesuch.  Fiir  studentische  Ausge- 


32  1917 

lassenheit  hatte  er  keinen  Sinn,  wohl  aber  fur  Humor  und  Satire.  Bei  seinen 
Bundesbriidern  durfte  er  sich  wegen  seines  wiirdevollen  Auftretens,  seines  be- 
stimmten  oft  auch  scharfen  Urteils  und  seines  energischen,  zielbewuBten  Han- 
delns  allgemeiner  Hochachtung  erfreuen,  wenn  er  auch  nicht  von  alien  geliebt 
wurde.  Unter  seinen  akademischen  Lehrern  waren  es  vor  allem  die  Philologen 
Iwan  Muller  und  August  Luchs,  die  Theologen  Hof mann,  den  er  allerdings  nicht 
mehr  personlich  gehort,  sondern  nur  studiert  hat,  Frank,  Zezschwitz,  Zahn  und 
Hauck,  deren  er  Zeit  seines  Lebens  in  dankbarster  Verehrung  gedachte.  Schon 
nach  drei  Jahren  (1882)  unterzog  er  sich  mit  recht  gutem  Erfolg  dem  ersten 
philologischen  Examen,  wahrend  er  das  erste  theologische  Examen  erst  im 
Jahre  1884  ablegte.  Nach  seinem  Abgang  von  der  Universitat  Erlangen  folgten 
nun  die  Jahre  seiner  beruflichen  Wirksamkeit,  die  ihn  immer  mehr  in  die  breite 
Offentlichkeit  stellte  und  seinen  Namen  weithin  bekannt  machten. 

Drei  Lebensabschnitte  sind  es,  die  wir  hier  ins  Auge  zu  f assen  haben :  1 .  S  e  i  n  e 
Regensburger  Zeit  (1883 — 1891).  Herbst  1883  wurde  er  zum  Assistenten 
an  dem  alten  Gymnasium  in  Regensburg  ernannt,  wo  ihn  der  streng  katholische 
Rektor  Seitz,  der  bis  zu  seinem  Tode  mit  ihm  im  brieflichen  Verkehr  stand, 
hochschatzen  lernte,  seine  Schiiler  mit  ehrfurchtiger  Bewunderung  zu  dem 
kenntnisreichen  Lehrer  und  energischen  Erzieher,  der  nicht  nur  an  sie,  sondern 
auch  an  sich  selbst  hochste  Anforderungen  stellte,  emporblickten.  September 
1884  wurde  ihm  vom  VerwaltungsausschuB  des  protstantischen  Alumneums 
die  erledigte  Inspektorstelle  iibertragen,  die  ihm  Gelegenheit  bot,  diese  etwas 
heruntergekommene  und  in  Verruf  geratene  Anstalt  wieder  zu  heben  und  nach 
seinen  Erziehungsgrundsatzen  umzugestalten.  Strenge  Zucht  iibend,  die  aber 
keineswegs  in  engherzigen  Rigorismus  ausartete,  sondern  sich  auch  offen  hielt 
fiir  jugendliche  Frohlichkeit,  wuBte  er  seine  Zoglinge  anzuregen  fiir  die  pflicht- 
maBigen  Arbeiten  in  der  Schule  und  dariiber  hinaus  auch  noch  fiir  eigene 
Studien.  Ein  neues  Wirkungsfeld  fiir  religiose  Beeinflussung  tat  sich  ihm  auf , 
als  er  zur  Erteilung  des  protestantischen  Religionsunterrichts  am  neuen  Gym- 
nasium berufen  wurde.  Trotz  dieses  dreifachen  Amtes  brachte  er  in  Regensburg 
auch  noch  die  Zeit  und  Kraft  auf,  sich  den  phil.  Doktorgrad  zu  erwerben  mit 
einer  Dissertation  iiber  ?>Conjecturae  Diodoreaea,  mit  Predigten  auszuhelfen 
auch  in  der  Diaspora  und  im  Jahre  1890  seine  theologische  Anstellungspriifung 
zu  machen,  bei  der  er  durch  seine  in  der  St.  Johanniskirche  in  Ansbach  ge- 
haltene  Examenspredigt  auffiel. 

2.  Seine  Neuendettelsauer  Zeit  (1891 — 1909).  Schon  wahrend  seiner 
Regensburger  Zeit  war  Neuendettelsau,  die  Griindung  Lohes,  in  seinen  Ge- 
sichtskreis  getreten,  durch  den  Verkehr  mit  hier  stationierten  Diakonissen  und 
durch  etliche  Besuche,  die  er  den  dortigen  Anstalten  abstattete,  so  in  den 
Herbstferien  1888,  wo  Neuendettelsaus  Gottesdienste  mit  den  reichen  Schatzen 
altkirchlicher  und  altlutherischer  Tradition  einen  tiefen  Eindruck  auf  ihn 
machten.  Diese,  wenn  auch  noch  ganz  losen  Beziehungen  waren  der  AnlaB, 
dafl  er  am  18.  August  1891  nach  dem  Tode  Meyers,  Lohes  unmittelbaren  Nach- 
folgers,  zum  Rektor  der  dortigen  Diakonissenanstalt  gewahlt  wurde.  Erst  in 
dieser  Stellung  konnten  sich  nun  seine  reichen  Gaben  und  Fahigkeiten  in  vollem 
MaBe  entfalten  und  auswirken.  Achtzehn  Jahre  hindurch  hat  er,  ohne  auch  nur 
ein  einziges  Mai  Ferien  zu  machen  oder  sich  eine  Erholungsreise  zu  gestatten, 
nach  der  Versicherung  seines  Nachfolgers  D.  W.  Eichhorn,  die  Arbeit  von  zwei 


Bezzel 


33 


vollauf  beschaftigten  Mannern  geleistet,  und  das  nicht  in  auBerlicher  Viel- 
geschaftigkeit,  sondern  aus  innerster  religioser  Willenshingabe.  Neben  den 
eigentlichen  Verwaltungsgeschaften  erforderte  viel  Zeit  und  Kraft  auch  seine 
reichbemessene  Predigttatigkeit  und  der  wahrend  der  Vorbereitung  auf  die 
Konfirmation  in  weit  iiber  zwanzig  Wochenstunden  erteilte  Unterricht.  Dazu 
kamen  die  vielen  Besuche  von  seiten  der  das  Mutterhaus  aufsuchenden 
Schwestern,  die  seelsorgerlichen  Beratungen  in  gelegentlichen  Aussprachen,  fiir 
die  er  immer  Zeit  hatte  und  in  der  Einzelbeichte,  die  von  Lohes  Tagen  her  in 
Neuendettelsau  fleiBig  begehrt  wird.  Auch  die  Beitrage  in  dem  von  ihm  re- 
digierten,  alle  Monate  erscheinenden  Korrespondenzblatt  fiir  Diakonissen  ent- 
stammen  fast  alle  seiner  eigenen  Feder.  In  seinen,  theologischen  Vorlesungen 
gleichenden  Einsegnungsunterrichten  stellte  er  an  seine  Horerinnen  nicht  geringe 
Anforderungen,  wie  das  ganz  besonders  sein  im  Jahre  192 1  auch  ira  Druck  er- 
schienener  Einsegnungsunterricht,  »Der  Knecht  Gottes«  beweist,  dem  auch  fiir 
die  Geschichte  der  Theologie  eine  bleibende  Bedeutung  zukommen  wird,  da 
hier  B.s  theologischer  Lieblingsgedanke,  der  Gedanke  der  gottlichen  Kondeszen- 
denz,  besonders  deutlich  in  die  Augen  fallt.  Das  auBere  Wachstum  des  Neuen- 
dettelsauer  Werkes  forderte  er  durch  mancherlei  Erweiterungen  und  verschie- 
dene  Neugriindungen  (Bruckberg,  Himmelkron,  Obernzenn).  Besonders  am 
Herzen  lag  ihm  auch  die  Ausgestaltung  des  Schulwesens,  das  er  im  innern  Be- 
trieb  mit  den  staatlichen  Forderungen  in  Einklang  zu  bringen  suchte,  nach 
auBen  durch  die  Griindung  einer  hoheren  Madchenschule  in  Niirnberg  (1901), 
die  immer  mehr  vergroBert  werden  muBte,  des  Lehrerinnenseminars  und  der 
kleineren  Seminare  fiir  Handarbeit  in  Himmelkron  und  fiir  Kindergartnerinnen 
in  Neuendettelsau  ausbaute.  Daneben  diente  er  auch  schon  damals  in  der  Nahe 
und  Feme  auch  noch  mit  Predigten  und  Vortragen,  fiir  die  er  eine  sonderliche 
Begabung  hatte,  und  verfaBte  auch  noch  manche  Betrachtungen  und  manche 
Artikel  fiir  allerlei  Zeitschriften,  besonders  fiir  den  »AltenGlauben«,  aberauch 
fiir  die  »Allgemeine  evang.-luther.  Kirchenzeitung«.  Auch  das  Verdienst  darf 
ihm,  den  am  10.  November  1904  auch  die  Erlanger  theol.  Fakultat  durch  die 
Verleihung  des  Dr.  theol.  geehrt  hatte,  zugeschrieben  werden,  daB  unter  seiner 
Leitung  die  Spannungen  zwischen  Neuendettelsau  und  der  Landeskirche,  die 
da  und  dort  noch  hervortreten  mochten,  vollig  ausgeglichen  wurden. 

3.  Seine  Miinchener  Zeit  (1909 — 1917).  Nach  dem  Tode  Dr.  Alexander 
Schneiders  wurde  B.  durch  den  bayerischen  Kultusminister  v.  Wehner  als  der 
Mann,  der  in  den  verschiedensten  Teilen  der  bayerischen  Landeskirche  treff- 
lich  Bescheid  wuBte,  dem  man  weithin  auch  aus  den  Kreisen  der  Pf  arrer  groBes 
Vertrauen  entgegenbrachte,  am  6.  Juli  1909  zum  Prasidenten  des  kgl.  Ober- 
konsistoriums  ernannt  und  damit  vom  1.  August  an  an  die  Spitze  der  baye- 
rischen evangelisch-lutherischen  Landeskirche  gestellt;  er  wurde  schon  1910 
zum  Ritter  des  Verdienstordens  der  bayerischen  Krone  und  damit  in  den  per- 
sonlichen  Adelsstand  erhoben  und  erhielt  1912  den  Titel  Exzellenz.  Wohl  wurde 
ihm,  der  nicht  gewohnt  war,  Aktenstaub  zu  schlucken,  sondern  mit  lebendigen 
Menschen,  vor  allem  solchen  jugendlichen  Alters,  umzugehen,  das  Eingewohnen 
in  den  neuen  Verhaltnissen,  das  Zusammenarbeiten  mit  seinen  neuen  Amts- 
genossen  im  Rahmen  eines  Kollegiums,  »wo  seine  Stimme  nicht  mehr  wog  als 
die  eines  jeden  Kollegialmitglieds «,  nicht  leicht,  so  daB  sich  sogar  eine  schwere 
Gemutsdepression  einstellte;  bald  aber  wuBte  er  seine  Eigenart  und  die  ihm 

DBJ  3 


34  lw 

verliehene  Gabe  nicht  bureaukratisch,  sondern  personlich  zu  regieren,  auch  in 
der  neuen  Stellung  nach  Moglichkeit  durchzusetzen.  Von  der  Mehrzahl  der 
Kirchenglieder,  aber  auch  von  vielen  Geistlichen,  wenn  auch  nicht  von  alien, 
wurde  gerade  dieser  personliche  seelsorgerliche  bald  ernst  mahnende,  bald 
freundlich  aufmunternde  Ton  aufs  freudigste  begriiBt.  Auch  bei  den  beiden 
Generalsynoden,  denen  er  zu  prasidieren  hatte,  der  Synode  zu  Ansbach  1909 
gleich  nach  seinem  Amtsantritt  und  der  zu  Bayreuth  1913,  war  es  nicht  so  sehr 
die  kundige  und  gewandte  Geschaftsfuhrung,  durch  die  er  sich  auszeichnete, 
sondern  der  aus  der  Furcht  Gottes  geborene  Ernst,  mit  dem  er  die  Verhand- 
lungen  leitete.  Fast  noch  mehr  Anerkennung  aber  als  in  seiner  Heimatkirche 
wurde  ihm  zuteil  in  der  deutsch-evangelischen  Kirchenkonferenz,  wo  er  nach 
dem  tiefen  Eindruck  seiner  gewaltigen  Eroffnungspredigt  am  6.  Juni  1912  in 
der  Kapelle  der  Wartburg  zum  1.  Vorsitzenden  gewahlt  wurde,  und  im  Kirchen- 
ausschuB,  wo  ihm  die  Stelle  des  2.  Vorsitzenden  iibertragen  wurde.  Durch  seine 
SchluBpredigt  in  Upsala  aber  auf  der  XIII.  allgemeinen  evangelisch-luthe- 
rischen  Konferenz  (191 1)  durfte  er  auch  dazu  mithelfen,  das  Zusammenge- 
horigkeitsgefiihl  der  lutherischen  Kirche  der  ganzen  Welt  zu  starken.  Auch 
jetzt,  noch  mehr  als  in  Neuendettelsau,  ubernahm  er  zu  seiner  eigentlichen 
Amtstatigkeit,  die  auch  in  dieser  Stellung  niemals  unter  bloB  kirchenpolitischen, 
sondern  stets  unter  hochsten  letzten  Gesichtspunkten  ausgeiibt  wurde,  viel 
freiwillige  Arbeit.  Von  tiberallher  wurde  er  zu  Festpredigten  begehrt  und  zu 
Vortragen  aufgef ordert ;  noch  mehr :  er  erbot  sich  auch  selbst  etwa  einem  ihm 
bekannten  Pfarrer  in  einer  kleinen  Dorfgemeinde  zur  Aushilfe  mit  einer  Predigt. 
In  Miinchen  iibte  er  neben  seinen  beruflichen  Pflichten  eine  iiberreiche  seel- 
sorgerliche Tatigkeit  aus  und  pflegte  auch  sehr  oft  zu  predigen  besonders  in 
der  Kriegszeit.  Dazu  kam  noch  seine  schriftstellerische  Tatigkeit:  in  der 
»Neuen  kirchl.  Zeitschrift«  erschienen  Jahr  fiir  Jahr  seine  bedeutsamen 
Neujahrsartikel,  in  der  »Allgem.  ev.-luth.  Kirchenzeitung*  seine  tiefernsten 
Betrachtungen  zur  Einfuhrung  in  die  Passionszeit  und  noch  manche  andere 
Beitrage.  Im  Jahre  1916  beschenkte  er  seine  Pfarrer  mit  seinem  Vademecum 
pastorale  »Der  Dienst  des  Pfarrers«,  dem  er  als  Anhang  Betrachtungen  iiber 
das  Hohepriesterliche  Gebet  Johs.  17  beigegeben  hatte,  ein  Kapitel,  das  ihm 
besonders  teuer  war.  Kein  Wunder,  daB  unter  dieser  Arbeitslast  und  bei 
solchem  Arbeitstempo  seine  schon  in  Neuendettelsau  iiberanstrengten  Krafte 
vor  der  Zeit  verbraucht  wurden.  Schon  im  Jahre  1913  hatte  seine  Gesundheit 
einen  schweren  StoB  erlitten  durch  einen  Gelenkrheumatismus,  der  eine  Herz- 
schwache  zuriicklieB  und  ihn  gegen  seine  bisherige  Gewohnheit  notigte,  auch 
einen  zweimaligen  langeren  Urlaub  zu  nehmen.  Vollig  gebrochen  aber  wurden 
seine  Krafte  durch  seine  beiden  Berufsreisen  an  die  Front  Marz  und  August 
1 916,  wo  er  in  standigem  raschesten  Ortswechsel  mit  immer  neuen  Ansprachen 
und  Predigten  und  fortwahrenden  Besuchen  bei  den  verschiedensten  Truppen- 
teilen  und  in  alien  irgendwie  erreichbaren  Lazaretten  fast  ITbermenschliches 
leistete.  Mit  verfallener  Gestalt  kehrte  der  sonst  so  kraftige  Mann  zuriick,  sich 
noch  immer  mit  auBerster  Anstrengung  dazu  auf  raff  end,  die  gewohnte  Tatig- 
keit fortzusetzen.  Am  21.  Januar  191 7  leitete  er  nochmals  eine  Sitzung  seines 
Kollegiums.  Nun  aber  kamen  fiir  ihn  Monate  schwerer  Krankheit,  die  dem 
Manne  rastloser  Tatigkeit,  der  sich  nie  Ruhe  gegonnt  hatte,  dem  Christen  froher 
Ewigkeitshoffnung,  der  so  siegesgewiB  von  der  Welt  der  Vollendung  hatte 


Bezzel.  Bissing  35 

reden  konnen,  auch  noch  Stunden  hoher  geistlicher  Anfechtung  brachten,  wo 
das  eigene  Glaubenslicht  fast  verloschen  wollte.  Am  8.  Juni  1917  ging  er,  »tiber 
dessen  Wesen  schon  hienieden  eine  feierliche  Weltentnommenheit  lag«,  heim. 
Seine  letzte  Ruhestatte  aber  hatte  er  sich  selbst  ausersehen  in  dem  gleichen 
Dorfe,  in  welchem  er  geboren  war,  an  der  Seite  seines  Vaters.  Hier  wurde  er, 
der  immer  den  einzelnen  gesucht  hatte,  der  sich  so  gerne  gerade  zu  den  Niedrigen 
und  Geringen  herabgelassen  hatte  und  die  schlichten  einf  achen  Leute,  besonders 
auch  die  Bauern  viel  mehr  liebte  als  die  Hohen  und  Vomehmen,  betrauert  und 
geehrt  wie  ein  Ftirst,  mit  einer  Predigt  seines  Bruders  Ernst,  des  dortigen 
Pfarrers  iiber  Johs.  7,38  begraben. 

Literatur:  1.  »Gedenket  an  eure  Lehrer,  die  euch  das  Wort  Gottes  gesagt  haben*. 
Zur  Erinnerung  an  D.  Dr.  Hermann  v.  B.;  herausgegeben  von  Pfarrer  Dr.  Hilmar  Schau- 
dig,  191 7,  im  Verlage  des  Evangelischen  Gemeindeblattes  Miinchen,  in  dritter,  etwas 
erweiterter  Auflage  erschienen  1925  in  der  Verlagsbuchhandlung  Miiller  &  Frohlich, 
Miinchen  unter  dem  neuen  Titel  »Lebensbild  des  verstorbenen  Oberkonsistorialprasidenten 
D.  Dr.  Hermann  v.  B.«.  —  2.  »Zum  Gedachtnis  Hermann  v.  B.s.«  Gesammelte  Aufsatze, 
Leipzig  1917.  —  3.  ♦  Hermann  v.  B.s  religids-sittliches  Ideal. «  Von  Lie.  Johannes  Rupp- 
recht, Pfarrer  in  Wunsiedel,  Niirnberg  1920.  —  4.  ^Hermann  v.  B.,  ein  Seelsorger  von 
Gottes  Gnaden.«  Von  Studienrat  Lie.  J  oh.  Rupprecht,  Halle  1925.  —  5.  » Hermann  B.  als 
Theologe*  (436  S.).  Von  Lie.  Johannes  Rupprecht,  Miinchen  1925.  Dieses  Buch  enthalt 
im  Anhang  eine  Bibliographie  samtlicher  im  Druck  erschienenen  Schriften  B.s,  auch 
seiner  Artikel  in  Zeitschriften  und  seiner  nachgelassenen  Werke.  —  NachlaB:  B.s  schrift- 
licher  NachlaB  befindet  sich  in  den  Hand  en  seines  Bruders,  des  Oberst  Oskar  B.  in 
Miinchen,  Kurfurstenstrafie  18/IV,  und  seines  Neffen,  Studienrat  Otto  B.,  Augsburg, 
Eserwallstrafle  17/0. 

Augsburg.  Johannes  Rupprecht. 

Bissing,  MoritzFreiherrv.,  Generaloberst  und  Generalgouverneur  inBelgien, 
*  am  30.  Januar  1844  in  Bellmannsdorf  in  Schlesien,  Kreis  Lauban,  f  am 
18.  April  1917  in  Trois  Fontaines  (Gemeinde  Vilvoorde)  bei  Briissel.  —  In 
der  durch  Familienerinnerungen  vorgezeichneten  und  von  Kindheit  an  er- 
sehnten  Laufbahn  als  Soldat  bis  zu  den  hochsten  Stellen  emporgeschritten, 
dabei  lange  Jahre  in  nachster  Nahe  des  Herrscherhauses,  hat  B.  iiber  seine 
militarische  Wirkung  hinaus  seine  reichen  Gaben  auch  im  innerpolitischen 
Leben  als  Mitglied  des  Herrenhauses,  besonders  auf  dem  sozialen  Gebiete  der 
Jugend-  und  Wohlfahrtspflege,  entfalten  konnen,  bis  ihn  in  hohem  Alter  das 
Geschick  zu  einer  staatsmannischen  Aufgabe  berief  und  ihn  damit  weit  iiber 
die  Grenzen  seines  bisherigen  Berufs-  und  Wirkungskreises  und  zugleich  iiber 
die  seines  von  ihm  heiB  geliebten  Vaterlandes  hinaus  zu  weltgeschichtlicher 
Bedeutung  emporhob.  Sein  an  Ereignissen  und  Taten  reiches  Leben  zeigt 
eine  scharf  ausgepragte  Personlichkeit,  deren  hauptsachlichste  Wesensziige 
sich  bereits  in  fruher  Jugend  gebildet  haben. 

B.  entstammte  einem  Geschlecht  des  sachsischen  Uradels,  das  reich  an  mili- 
tarischen  Erinnerungen  war  und  seit  langem  verschiedentlich  in  preuBischen 
Diensten  gestanden  hatte.  Sein  UrgroCvater  Friedrich  Leopold  (1723 — 1790) 
war  Major  im  preuflischen  Leib-Kurassierregiment  gewesen,  und  sein  Groi3- 
vater  Hans  August  hatte  zur  Zeit  der  Befreiungskriege  das  Landwehr- 
Kavallerie-Ulanenregiment  v.  Bissing  gefuhrt  und  war  als  Oberst  verab- 
schiedet  worden.  Die  kavalleristische  Neigung  und  Begabung  hatte  der  Enkel 
von  seinen  Ahnen  geerbt.    Dazu   kamen  Beziehungen   der  Familie  zu  dem 


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Generalfeldmarschall  Graf  Neithardt  v.  Gneisenau,  der  der  Vonnund  seiner 
Mutter  Dorothea,  geb.  Freiin  v.  Gall  gewesen  war  und  auf  dessen  Besitzung 
Erdmannsdorf  in  Schlesien  sich  seine  Eltern  kennengelernt  hatten.  Ein  Lebens- 
bild  Gneisenaus  zu  verfassen,  war  lange  Zeit  Verlangen  und  Hoffnung  B.s, 
ist  jedoch  wegen  der  sich  immer  mehr  steigernden  dienstlichen  Aufgaben  nicht 
iiber  geringe  Anfange  hinausgekommen. 

Als  er  als  sechstes  Kind  seiner  Eltern  am  30.  Januar  1844  geboren  worden 
war,  begann  seine  Mutter  zu  krankeln  und  starb  wenige  jahre  spater,  am 
19.  Mai  1847,  so  daB  der  Knabe  keine  personlichen  Erinnerungen  an  sie  be- 
wahrte  und  sie  nur  durch  die  liebreichen  Erzahlungen  seines  Vaters  Moritz 
fortlebte,  der  preuflischer  Kammerherr  und  Rittergutsbesitzer  auf  Bellmanns- 
dorf  war.  Zwischen  Vater  und  Sohn  herrschte  ein  herzliches  Verhaltnis,  und 
mit  seiner  jiingsten  Schwester  Wally,  die  zugleich  seine  Spiel-  und  Schul- 
gefahrtin  wurde,  verband  den  Knaben  eine  innige  Liebe.  Dieses  Verhaltnis 
zu  seinem  Vater  und  zu  seiner  Schwester  wurde  noch  enger,  als  sein  Vater  im 
Jahre  1849  zum  zweiten  Male  heiratete.  Die  neue  Mutter,  eine  geborene  Freiin 
v.  Kloch  und  Kornitz,  die  von  ihrer  Jugendzeit  her  dem  Weimarer  Kreise 
nahestand,  kam  dem  leidenschaftlichen  und  lebendigen  Knaben  freundlich 
und  liebevoll  entgegen;  bald  jedoch  nahm  die  Sorge  um  ihre  eigenen  Kinder  sie 
mehr  in  Anspruch,  und  so  lief  die  wohl  zu  hoch  gespannte  Erwartung  des 
Knaben,  der  bisher  die  Mutterliebe  entbehrt  hatte,  nach  der  er  sich  so  sehnte, 
auf  eine  Enttauschung  hinaus.  Als  er  mit  neun  Jahren  in  die  Pension  desDirek- 
tors  des  Maria-Magdalenen-Gymnasiums  in  Breslau,  Prof.  Schonborn,  gebracht 
werden  sollte,  damit  der  schwer  zu  bandigende  Junge  der  strengen  und  ernsten 
Zucht  einer  f remden  Hand  anvertraut  wiirde,  rief  er,  obwohl  ihm  das  Scheiden 
von  seinem  Vater,  von  seiner  Schwester  und  von  seinem  geliebten  Heimatdorfe 
fast  unmoglich  schien,  trotzig  aus:  »Gott  sei  Dank,  daI3  ich  endhch  diese  Wei- 
berherrschaft  los  werdeU  So  war  der  Knabe  schon  fruhzeitig  dazu  gekommen, 
seine  Gefuhle  zu  beherrschen  und  hinter  einer  festen,  ja  trotzigen  Miene  zu 
verbergen.  Die  Leidenschaftlichkeit,  die  den  Knaben  beseelte,  hat  auch  noch 
den  Greis  durchlodert.  Wenn  der  spatere  Mann  oftmals  kantig  und  schartig 
erschien  und  mitunter  ein  barsches  Wesen  zur  Schau  trug,  so  mag  dies  oft  nur 
ein  Mittel  gewesen  sein,  um  die  innere  Running  und  Erregung  zu  verbergen. 

Noch  zwei  weitere  Charaktereigentiimlichkeiten  haben  ihre  Wurzeln  in  der 
Kindheit.  Den  ersten  Unterricht  erhielt  B.  von  dem  evangelischen  Pf  arrer  Gustav 
Hancke  in  Bellmannsdorf ,  der  ihn  spater  auch  fur  die  Ritterakademie  vorberei- 
tete.  Dieser  Ortsgeistliche  hat  auf  den  Knaben  einen  so  nachhaltigen  EinfluB 
ausgeiibt,  da£  die  tiefe  Frommigkeit,  die  B.  bis  zu  seinem  Tode  bewahrt  hat, 
auf  diesen  ersten  Seelsorger  zuriickgeht.  Es  war  eine  Frommigkeit,  die  nichtsmit 
Fanatismus  zu  tun  hatte,  die  vielmehr  tief  genug  war,  um  spater  auch  die  Be- 
durfnisse  des  katholischen  Glaubens  zu  verstehen.  In  dieser  Frommigkeit  fand 
B.  aber  auch  wahrend  seines  ganzen  Lebens  die  Kraft  fur  die  zahlreichen  Auf- 
gaben, die  das  Leben  ihm  stellte,  eine  Frommigkeit,  in  der  er  sich  auf  das 
innigste  mit  seiner  zweiten  Gemahlin  traf . 

Wie  einesteils  die  Frommigkeit  der  tiefe  Born  fur  seine  Kraftentfaltung  war, 
so  war  die  andere  Quelle  sein  hoher  Pflichtbegriff ,  der  sich  schliefllich  zu  einem 
eisenharten  Willen  verdichtete.  Mit  13  Jahren  kam  er  1857  auf  die  Ritter- 
akademie in   Liegnitz,    wo  er  neben  einer  vorzuglichen  wissenschaftlichen 


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Ausbildung  auch  in  alien  ritterlichen  Kiinsten,  wie  Reiten,  Fechten,  Turnen, 
unterwiesen  wurde.  Drei  Jahre  spater  wurde  er  an  das  Sterbebett  des  heiB- 
geliebten  Vaters  gerufen,  der  am  5.  Februar  i860  nach  einem  langen  Leiden 
verschied.  Die  Mutter  verkaufte  das  Gut  Bellmannsdorf.  So  war  der  i6jahrige 
vollstandig  verwaist  und  heimatlos  geworden.  Er  war  von  jetzt  ab  ganz  auf 
sich  selbst  gestellt,  und  der  Ernst  der  Pflichterfullung,  die  dann  zum  hervor- 
ragendsten  Zug  seines  Wesens  geworden  ist,  hat  sich  in  diesen  Jahren  aus- 
gebildet. 

Der  igjahrige  trat  als  irmerlich  gefestigter  Mensch  nach  gut  bestandenem 
Examen  am  1.  Oktober  1863  be*  der  *•  Eskadron  des  2.  Schlesischen  Dragoner- 
regiments  Nr.  8  als  Avantageur  ein.  Am  22.  Mai  1865  wurde  er  Portepeefahnrich 
und  bezog  im  Oktober  desselben  Jahres  die  Kriegsschule  in  NeiBe,  wo  er  nach 
9  Monaten  das  Offiziersexamen  bestand.  Am  1.  September  1865  zur  3-  Es- 
kadron in  Oels  versetzt,  wurde  er  am  11.  November  desselben  Jahres  Sekonde- 
leutnant  mit  einem  Patent  vom  11.  Oktober  1865.  ^n  dieser  Zeit  besuchte  er 
als  trefflicher  Reiter  von  Oels  aus  oft  die  Giiter  in  Schlesien  und  war  bei 
Jagden,  Ballen  und  Abendgesellschaften  gem  gesehen. 

Im  bald  darauf  folgenden  Kriege  gegen  Osterreich  lag  er  am  12.  Juni  1866 
zum  ersten  Male  auf  Vorposten  vor  dem  Feinde.  Am  27.  Juni  wurde  er  als 
Ordonnanzof f izier  zum  General  Steinmetz  kommandiert.  An  diesem  Tage  erlebte 
er  auf  der  Hohe  von  Wiskow  bei  Nachod  sein  erstes  Gefecht,  und  als  er  den 
Ton  der  Trompete  horte,  der  zur  Attacke  blies,  und  sein  Regiment,  das  er 
auf  Befehl  des  Generals  Steinmetz  herangeholt  hatte,  vorstiirmen  sah,  da  war 
er,  ohne  seine  Stellung  als  Ordonnanzoffizier  zu  beachten,  mitten  unter  den 
Kiirassieren  und  Dragonern  gegen  den  Feind.  Er  war  der  einzige  iiberlebende 
Off  izier  seiner  Eskadron,  die  nur  noch  75  Mann  zahlte,  und  mit  der  er  selb- 
standig  noch  einen  Erkundungsritt  nach  Skalitz  unternahm.  Als  er  sich  am 
nachsten  Tage  bei  dem  als  streng  und  unerbittlich  geltenden  General  Steinmetz 
meldete  und  auf  dessen  Frage,  ob  er  wisse,  dafi  er  durch  sein  Verhalten  am 
vergangenen  Tage  Arrest  verdient  hatte,  bejahend  antworten  wollte,  reichte 
dieser  ihm  die  Hand  mit  den  Worten:  »Zwei  gut  mitgerittene  Attacken  machen 
groBe  Vergehen  gut,  wieviel  mehr  das  seinige,  das  ihm  eigentlich  SpaB  gemacht 
hatte. «  Diese  GroBherzigkeit,  die  er  damals  selbst  erfuhr,  hat  er  spater  auch 
geubt  und  als  Vorgesetzter  EntschluBfreudigkeit  und  ein  richtiges  selbstan- 
diges  Handeln  stets  anerkannt. 

Im  weiteren  Verlaufe  des  Feldzuges  von  1866  machte  er  die  Gefechte  bei 
Schweinsschadel  und  Gradlitz  sowie  die  Schlacht  bei  Koniggratz  mit.  Bei 
Schweinsschadel  fuhr  ihm  ein  Granatstiick  in  den  Rockarmel  und  zum  EUbogen 
wieder  hinaus,  ohne  ihn  weiter  zu  verletzen.  An  dieser  Stelle  des  Unterarmes 
setzte  aber  im  Alter  die  Krankheit  ein,  die  zu  seinem  Tode  fuhrte. 

Die  nachsten  zwei  Jahre  verlebte  er  in  Oels,  wo  er  besonders  mit  dem  Fiihrer 
seiner  Schwadron,  Rittmeister  Otto  Kaehler,  befreundet  wurde,  der  dann  als 
Generalmajor  1882  nach  der  Tiirkei  ging  und  1885  als  kaiserlich  ottomanischer 
Generalleutnant  und  Generaladjutant  des  Sultans  in  Konstantinopel  im  Alter 
von  55  Jahren  starb.  Kaehler  hat  groBen  EinfluB  auf  B.  ausgeiibt.  Er  war 
neben  dem  Prinzen  Friedrich  Karl  von  PreuBen  und  dem  General  v.  Schmidt 
der  Hauptverfechter  der  Bestrebungen,  der  Reiterwaffe  trotz  der  durch  die 
gesteigerte  Feuerwirkung  der  Infanterie  und  Artillerie  veranderten  Gefechts- 


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verhaltnisse  den  friiher  von  ihr  eingenommenen  Rang  und  Platz  wieder  zu 
verschaffen.  Er  hat  B.  wertvolle  Manuskripte  iiber  Reiterausbildung  hinter- 
lassen,  die  jetzt  im  Reichsarchiv  lagern.  Kaehler  ist  es  vor  allem  auch  gewesen, 
der  B.  veranlaBte,  sich  zum  Examen  flir  die  Kriegsakademie  vorzubereiten. 
Da  diesem  die  Kriegswissenschaften  ziemlich  gelaufig  waren,  beschaftigte  er 
sich  mit  Mathematik  und  Geschichte,  die  er  schon  auf  der  Schule  gern  ge- 
trieben  hatte.  Das  Blut  seiner  aus  Westdeutschland  stammenden  Mutter  mag 
ihn  wohl  hierzu  besonders  angetrieben  haben.  Dabei  blieb  er  aber  der  flotte 
Offizier,  der  auf  den  Gutern  der  Nachbarschaft  stets  gern  gesehen  war. 
Durch  viele  und  lange  Ritte  erhielt  er  nicht  nur  seinen  Korper  kraftig,  son- 
dern  blieb  auch  stets  in  Verbindung  mit  den  besten  und  angesehensten  Fa- 
milien  Schlesiens.  Als  Priifungsaufgabe  fur  das  Aufnahmeexamen  der  Kriegs- 
akademie erhielt  er  das  Thema :  »Der  Eintritt  der  europaischen  Staaten  in  die 
Reihe  der  GroBmachte  und  das  Ausscheiden  derselben  mit  Angabe  der  Griinde 
fiir  beides.«  Im  April  1868  bestand  er  das  Examen  und  bezog,  nachdem  er 
vom  23.  Mai  bis  15.  September  noch  ein  selbstandiges  Remontekommando 
nach  OstpreuBen  erhalten  hatte,  am  1.  Oktober  1868  die  Kriegsakademie,  wo 
er  bis  zum  15.  Juli  1870  blieb.  Wahrend  der  Herbsttibungen  des  I.  und  II.  Ar- 
meekorps  1869  war  er  als  Ordonnanzoffizier  dem  Kronprinzen  zugeteilt  ge- 
wesen. 

Den  Krieg  von  1870/71  machte  er  als  Adjutant  beim  Oberkommando  der 
3.  Armee  mit  und  zeichnete  sich  als  besonders  guter  Meldeoffizier  aus;  er 
nahm  teil  an  den  Gefechten  und  Schlachten  von  WeiBenburg,  Worth,  Beau- 
mont, Sedan,  Orleans  sowie  an  der  Belagerung  von  Paris.  Am  27.  Juni  1871 
zum  Regiment  zuruckversetzt,  ging  er  am  1.  Oktober  desselben  Jahres  zum 
Besuche  des  dritten  Kursus  auf  die  Kriegsakademie,  wo  er  bis  zum  31.  Juli 
1872  blieb.  Inzwischen  war  er  am  14.  Dezember  1871  zum  Premierleutnant 
befordert  worden.  Am  22.  August  1872  verheiratete  er  sich  in  Dresden  mit 
Myrrha  Wesendonck,  der  am  7.  August  1852  in  Zurich  geborenen  Tochter 
des  Kaufmanns  Wesendonck  und  seiner  Gemahlin  Mathilde,  der  Verehrerin 
und  Freundin  Richard  Wagners.  Die  literarischen  und  kiinstlerischen  Inter - 
essen  des  jungen  Offiziers  erhielten  durch  diese  Verbindung  neue  Nahrung. 
Vom  1.  Februar  bis  zum  30.  September  1873  wurde  er  zur  Dienstleistung 
beim  1.  Garderegiment  zu  FuB  in  Potsdam  kommandiert,  wo  ihm  am  22.  April 
sein  Sohn  Friedrich  Wilhelm,  der  spatere  Professor  der  Agyptologie,  geboren 
wurde.  Am  15.  Januar  1874  wurde  er  mit  einem  Patent  vom  16.  November 
1871  in  das  3.  Badische  Dragonerregiment  Prinz  Karl  Nr.  22  nach  Karlsruhe 
versetzt  und  am  1.  Mai  desselben  Jahres  auf  ein  Jahr  zur  Dienstleistung 
beim  Groflen  Generalstabe  kommandiert.  Seine  Laufbahn  entwickelte  sich 
nun  schnell  als  die  eines  fiir  die  hochsten  Stellen  vorgesehenen  Militars.  Nach- 
dem er  einige  Zeit  wieder  im  Regiment  Dienst  getan  hat,  wird  er  am  1.  Juni 
1875  unter  Beforderung  zum  Hauptmann  und  Stellung  d  la  suite  des  General- 
stabs  der  Armee  in  den  GroBen  Generalstab  versetzt,  vorlaufig  im  Neben- 
etat  und  vom  23.  Januar  1876  ab  in  etatmaBiger  Stellung.  Am  27.  Juni  des- 
selben Jahres  kommt  er  zum  Generalstab  des  X.  Armeekorps,  wo  er  im 
Herbst  1879  an  der  Ubung  der  Kavalleriedivision  teilnimmt.  Nachdem  er  am 
18.  September  1880  als  Rittmeister  eine  Eskadron  des  Konigs-Husarenregi- 
ments  (1.  Rheinisches)  Nr.  7  erhalten  hatte,  wird  er  am  7.  April  1883  als  Haupt- 


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mann  in  den  GroBen  Generalstab  zuriickversetzt,  am  2.  Juni  desselben  Jahres 
zum  Major  befordert  und  am  22.  April  des  folgenden  Jahres  dem  Generalstabe 
des  III.  Armeekorps  zugeteilt,  wo  er  im  Juni  1885  die  Kavallerieiibungsreise 
leitet. 

Im  Jahre  1887  tritt  B.,  der  dem  Herrscherhause  schon  verschiedentlich 
naher  getreten  war,  in  engste  Verbindung  zu  dem  spateren  Kaiser  Wilhelm  II., 
indem  er  am  8.  Marz  unter  Stellung  a  la  suite  des  Generalstabs  der  Armee  zum 
personlichen  Adjutanten  des  Prinzen  Wilhelm  von  PreuBen  ernannt  wird. 
Am  19.  Juni  1888,  drei  Tage  nach  dem  Regierungsantritt  Wilhelms  II.,  wird 
er  unter  Befdrderung  zum  Oberstleutnant  diensttuender  Fliigeladjutant,  erhalt 
am  19.  November  desselben  Jahres  als  Kommandeur  die  Leibgendarmerie 
und  wird  am  18.  Februar  1889  unter  Belassung  in  dem  Verhaltnis  eines  Fliigel- 
adjutanten  Kommandeur  des  Regiments  der  Gardedukorps  und  am  23.  Mai 
des  folgenden  Jahres  zum  Oberst  befordert. 

Inzwischen  war  seine  Gemahlin  am  20.  Juli  1888  in  Munchen  verstorben. 
Zwei  Jahre  spater,  am  15.  Oktober  1890,  verheiratete  sich  B.  zum  zweiten 
Male  mit  Alice  Grafin  von  Konigsmarck,  die  am  24.  Oktober  1867  in  Kamnitz 
geboren  war  und  dem  altmarkischen  Uradel  entstammte.  Ihrer  Ehe  entspros- 
sen  drei  Kinder.  In  seiner  neuen  Gemahlin  f  and  B.  nicht  nur  die  liebende  Gattin 
und  sorgende  Mutter  der  Kinder,  sondern  seine  treueste  Mitarbeiterin,  welche 
nicht  nur  seine  zahlreichen  Briefe,  Reden,  Vortrage  und  Denkschriften  nach 
seinem  Diktat  mit  der  Schreibmaschine  niederschrieb,  sondern  auch  den  Inhalt 
mit  ihm  gemein3am  bearbeitete,  wie  zahlreiche  Verbesserungen  von  ihrer  Hand 
neben  der  ihres  Mannes  in  den  Konzepten  beweisen. 

Unter  weiterer  Belassung  als  Fliigeladjutant  erhielt  B.  am  20.  Mai  1893  die 

4.  Kavalleriebrigade  und  wurde  am  17.  Marz  des  folgenden  Jahres  zum  General- 
major  befordert.  Jetzt  konnte  er  seine  Auffassung  uber  die  Bedeutung  der 
Kavallerie  nachdrucklich  zur  Geltung  bringen  und  ihre  Weiterentwicklung  ent- 
scheidend  beeinflussen.  Im  Juni  1894  leitete  er  die  Kavallerieiibungsreise  des 
Gardekorps  und  nahm  im  Juni  1896  an  der  grofleren  Kavallerieiibungsreise 
unter  Leitung  des  Inspekteurs  der  2.  Kavalleriedivision  teil.  Im  Mai  1897 
leitete  er  personlich  die  erste  Ubungsreise  der  1.  Kavallerieinspektion  und  im 
darauffolgenden  Juni  die  zweite  Ubungsreise  der  1.  Kavalleriedivision.  Am 

5.  August  desselben  Jahres  wurde  er  zur  Fuhrung  der  Kavalleriedivision  B 
beim  XI.  Armeekorps  kommandiert  und  erhielt  am  1.  September  1897  die 
29.  Division.  Am  10.  desselben  Monats  wurde  er  zum  Generalleutnant  befordert. 
Nachdem  er  vom  12.  bis  25.  Oktober  1899  zum  ersten  Informationskursus 
bei  der  Feldartillerieschiefischule  in  Jiiterbog  kommandiert  worden  war,  wurde 
er  am  18.  Mai  1901  im  Alter  von  57  Jahren  zum  Kommandierenden  General 
des  VII.  Armeekorps  in  Minister  i.  W.  ernannt  und  am  27.  Januar  1902  zum 
General  der  Kavallerie  befordert.  Uber  sechs  Jahre  ist  er  Kommandierender 
General  des  westfalischen  Armeekorps  gewesen. 

B.s  Streben  ging  nach  selbstandiger  Verwendung  groBerer  Kavalleriemassen, 
wobei  er  besonderen  Wert  auf  die  Ausbildung  der  Kavallerie  im  Gefecht  zu 
Fufi  legte.  Er  verfocht  seine  Gedanken  auch  schriftstellerisch  und  nahm  ver- 
schiedentlich Stellung  zu  den  literarischen  AuBerungen  anderer,  wobei  er  vor 
allem  die  Arbeiten  des  Generalleutnants  v.  Pelet-Narbonne  hoch  einschatzte. 
Aufklarung  und  Sicherung  trennte  er  scharf  als  zwei  verschiedene  Aufgaben 


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der  Kavallerie,  dzu  deren  Losung  verschiedene,  wenn  auch  sich  erganzende 
MaBnahmen  erforderlich*  seien.  Besonders  auf  die  Sicherungsfrage  legte  er 
groBen  Wert.  »Die  oft  wiederkehrende  Sehnsucht  nach  der  schiitzenden  In- 
fanterie  muB  iiberwunden  werden.*  Wenn  die  Ansicht  vorherrsche,  »dieNahe 
des  Feindes  meiden  zu  miissen,  weil  man  sich  schutzlos  fuhlt«,  dann  wiirde 
»auch  im  zukunftigen  Kriege  die  Fuhlung  am  Feinde  wieder  verlorengehen, 
seine  Spuren  sich  verwischen,  die  Aufklarung  unterbrochen  werden*.  Um  eine 
solche  Lage  der  Kavallerie  zu  verhindern,  sah  B.  das  beste  Mittel  in  einer 
weittragenden,  sicher  treffenden  und  gerade  fur  den  Sicherungsdienst  wichtigen 
SchuBwaffe.  Es  sind  immer  wieder  die  Lehren  der  Geschichte,  die  B.  bei  der 
Beurteilung  militarischer  Handlungen  oder  Notwendigkeiten  heranzieht.  Da- 
bei  zeigt  er  oft  eine  iiber  das  rein  Militarische  hinausgehende  umfassende  histo- 
rische  Bildung.  In  den  eingehenden  Abhandlungen  iiber  die  verschiedenen 
Manover  seines  Armeekorps,  die  er  im  Druck  alien  seinen  Off izieren  zuganglich 
machte,  tritt  deutlich  sein  Streben  nach  Objektivitat  in  der  Kritik,  sein  Ringen 
um  Klarheit  und  Gerechtigkeit  des  Urteils  hervor.  Er  verlangte  von  seinen 
Offizieren,  daB  seine  Auseinandersetzungen  und  Schilderungen  micht  als 
eine  zeitvertreibende  Sofalektiire*  angesehen  werden  durften,  sondern  »zum 
eifrigen  Studium,  vornehmlich  denjenigen,  welche  bereit  seien,  auch  kritisch 
seine  Ansichten  zu  uberlegen*.  Denn  wenn  er  auch  stets  scharf  seine  wohl- 
erwogene  Ansicht  vertrat,  so  war  ihm  doch  jegliche  Uberheblichkeit  fremd, 
und  er  war  sich  des  Problematischen  alles  menschlichen  Handelns  wohl  bewuBt. 
»Nichts  kann  mir  ferner  liegen,«  schreibt  er  einmal,  »als  zu  wiinschen  und  zu 
erwarten,  daB  man  glaubt,  ich  hatte  fur  alle  Verhaltnisse  brauchbare  Rezepte 
geben  wollen.  Je  mehr  man  sich  in  die  Kunst  der  Truppenfuhrung  vertieft,  je 
mehr  man  iiber  die  besten  Mittel  nachdenkt,  die  zu  Erfolgen  fuhren  konnen, 
um  so  mehr  kommt  man  zu  der  Uberzeugung,  daB  selbst  allgemein  anerkannte 
Grundsatze  nfcht  ausreichen,  um  die  wechselnden  Lagen,  die  zahlreichen 
Zwischenfalle,  welche  im  Verlauf  der  Handlungen  eintreten  konnen,  stets 
fehlerfrei  zu  iiberwinden.  Wissen  und  Konnen  muB  sich  erganzen;  die  Eigen- 
schaften  des  Charakters  tragen  wesentlich  dazu  bei,  in  kritischen  Lagen  wenn 
auch  nicht  immer  das  Beste,  so  doch  Brauchbares  zu  leisten.«  In  seinen  Erlassen 
als  Kommandeur  und  kommandierender  General  hat  B.  immer  wieder  darauf 
hingewiesen,  den  einzelnen  Mann  bei  aller  Strenge  der  Disziplin  zur  Selb- 
standigkeit  zu  erziehen  und  in  ihm  den  Mut  zu  wecken,  im  gegebenen  Falle 
unter  eigener  Verantwortung  zu  handeln.  Wie  B.  fiir  jeden  seiner  Soldaten  wie 
fiir  jeden  ihm  Untergebenen  stets  ein  vaterliches  Herz  hatte,  so  verlangte  er  aber 
auch  vom  Ersten  bis  zum  Letzten  strengste  Pflichterfiillung  ohne  irgendwelche 
Rucksicht  auf  Rang  oder  Geburt.  Das  Verhaltnis  zu  seinem  Herrscher  f aBte  er 
als Mannentreue  auf,  von  der  er  in  edelster Weise  beseelt  war;  gerade  diese Auf- 
fassung  befahigte  inn,  auch  dort  seiner  Meinung  freimiitigen  Ausdruck  zu 
verleihen.  Es  war  nur  natiirlich,  daB  die  Scharfe  seiner  Kritik  und  die  Strenge 
seiner  Anforderungen,  wenn  er  sie  auch  zuerst  gegen  sich  selbst  iibte,  manchem 
unbequem  war.  So  sehr  auch  seine  ehrliche  Sachlichkeit  riickhaltlos  anerkannt 
wurde,  so  blieb  er  doch  nicht  ohne  personliche  Gegner.  Nachdem  er  am 
ii.  September  1907  noch  den  Schwarzen-Adler-Orden  erhalten  hatte,  wurde 
ihm  bald  darauf  die  Absicht  mitgeteilt,  einen  Wechsel  im  Kommando  des 
VII.  Armeekorps  eintreten  zu  lassen.  B.  erlieB  daraufhin  im  November  an 


Bissing  41 

die  ihm  unterstellten  Truppen  folgenden  Korpsbefehl :  »Nachdem  Seine  Maje- 
stat  der  Kaiser  und  Konig  mir  hat  mitteilen  lassen,  daB  Allerhochst  derselbe 
das  VII.  Armeekorps,  das  ich  fast  7  Jahre  mit  besonderer  Auszeichnung  und 
zu  seiner  dauerden  Zufriedenheit  gefiihrt  hatte,  deshalb  neu  besetzen  wolle, 
weil  jiingere  Krafte  zu  ihrer  Verwendung  im  Ernstfalle  sich  im  Frieden  darauf 
vorbereiten  miiBten,  habe  ich  Seiner  Majestat  gemeldet,  daB  ich  am  1.  Januar 
1908  mein  Abschiedsgesuch  einreichen  werde.  Ich  hoffe,  daB  ich  in  der  Zeit, 
in  welcher  es  mir  noch  vergonnt  ist,  mein  schones  Armeekorps  zu  fiihren, 
einzelne  Standorte  besuchen  kann,  urn  meinen  Untergebenen,  die  mir  so  sehr 
ans  Herz  gewachsen  sind,  Lebewohl  zu  sagen.«  Als  dieser  Korpsbefehl,  der 
fur  den  offenen  und  geraden  Charakter  B.s  spricht  und  der  in  der  Offent- 
lichkeit  groBes  Aufsehen  erregte,  dem  Kaiser  bekannt  wurde,  lieB  dieser  B. 
am  29.  November  seine  MiBbilligung  aussprechen,  worauf  B.  am  8.  Dezember 
sein  Abschiedsgesuch  vorlegte,  welches  am  12.  Dezember  1907  bewilligt  wurde. 
B.  wurde  mit  der  gesetzlichen  Pension  zur  Disposition  gestellt.  Erst  am 
24.  Januar  191 2  hat  ihn  dann  der  Kaiser  a  la  suite  des  Regiments  der  Garde- 
dukorps  gestellt.  So  schmerzlich  B.  auch  seine  Entlassung  und  vor  allem  die 
Auslegung  seines  letzten  Korpsbefehls  trafen,  so  war  er  doch  nicht  der  Mann, 
der  sich  dadurch  hatte  beugen  lassen  oder  der  in  wohlverdienter  Ruhe  den 
Rest  seiner  Lebenszeit  in  beschaulichem  Dasein  verbracht  hatte. 

Vom  Kaiser  nach  seiner  Verabschiedung  wegen  seiner  reichen  Erfahrung  in 
das  Herrenhaus  berufen,  widmete  er  sich  sofort  mit  seiner  ganzen  Tatkraft, 
unterstutzt  von  seiner  Gemahlin,  der  Wohlfahrts-  und  Jugendpflege.  Er 
nahm  seinen  Wohnsitz  in  Rettkau  bei  Gramschutz  im  Kreise  Glogau  und 
begann  planmaBig  die  Weiterbildung  und  Erziehung  der  schulentlassenen 
landlichen  Jugend  in  ganz  Schlesien  zu  fordern.  Er  griff  die  Gedanken  auf, 
die  von  dem  »Deutschen  Verein  fur  landliche  Wohlfahrts-  und  Heimat- 
pflege*  vertreten  wurden,  der  1903  als  Nachfolger  des  seit  1896  wirkenden 
» Ausschusses  fiir  Wohlfahrtspflege  auf  dem  Lande«  gegriindet  worden  war.  Es 
kam  B.  vor  allem  darauf  an,  die  schulentlassene  Jugend  in  der  Zeit  zwischen 
der  Schulzeit  und  dem  Militardienst  zu  erf assen  und  sie  in  diesem  fiir  die  weitere 
Entwicklung  so  gefahrlichen  und  so  einfluBreichen  Alter  in  vaterlandischem 
und  konigstreuem  Sinne  weiterzubilden,  wobei  er  immer  wieder  betonte,  daB 
jede  Einseitigkeit  in  der  Ausbildung  vermieden,  vielmehr  sowohl  die  korper- 
liche  wie  die  geistige  Weiterentwicklung  beriicksichtigt  werden  musse.  Ganz 
bewuBt  war  seine  Arbeit  dabei  als  eine  Abwehrhandlung  gegeniiber  den  immer 
weiter  um  sich  greifenden  sozialdemokratischen  Gedanken  gedacht.  Seiner  an- 
spornenden  Tatigkeit  war  es  zu  verdanken,  daB  der  erwahnte  Verein  eine  Pro- 
vinzialabteilung  Schlesien  griindete,  deren  Satzungen  am  12.  Januar  1910  ge- 
fai3t  wurden  und  deren  Vorsitzender  B.  wurde.  Das  praktische  Mittel  einer 
Weiterbildung  der  Jugend  sah  dieser  in  der  Fortbildungsschule  und  suchte  des- 
halb in  zahlreichen  Vortragen  in  verschiedenen  Orten,  in  Aufsatzen  sowie  in  Re- 
den  und  Antragen  im  Herrenhause  fiir  die  Ausbreitung  dieser  Schulgattung 
auch  auf  dem  Lande  zu  wirken.  Ohne  die  Beratungen  staatlicher  Organe  abzu- 
warten,  griff  er  zur  Selbsthilfe,  indem  er  zuerst  in  seiner  Gemeinde  Rettkau 
eine  Fortbildungsschule  einrichtete  und  dann  auch  andere,  gleichgesinnte  Per- 
sonen  veranlaBte,  seinem  Beispiele  in  den  anderen  landlichen  Gemeinden  seines 
Kreises  zu  folgen.  Von  Anfang  an  war  er  darauf  bedacht,  nicht  nur  einzelne 


42  1917 

Berufskreise  zu  gewinnen,  sondern  die  Masse  der  Jugendlichen  zu  erreichen, 
weshalb  er  zwar  bereit  war,  mit  den  bestehenden  Jugendvereinen  zusammen- 
zuarbeiten,  die  vorwiegend  konfessionellen  Charakter  hatten,  ihnen  aber  keines- 
wegs  das  ausschlieBliche  Vorrechtder  Jugenderziehung  einraumen  wollte;  denn 
fur  ion  gait  es,  auch  die  der  religiosen  Einwirkung  bereits  entf remdete  Jugend 
fur  eine  sittliche  und  vaterlandische  Erziehung  zuruckzugewinnen.  Als  er  im 
Jahre  1909  in  der  Gemeinde  Rettkau  mit  seinen  Gedanken  hervortrat,  berief 
er  eine  Versammlung  der  Gemeindemitglieder  und  befragte  diese,  ob  sie  ihm 
und  dem  Lehrer  Menzel  die  Einrichtung  einer  Fortbildungsschule  in  der  Ge- 
meinde anvertrauen  wollten.  Mit  ihrer  Unterstiitzung  und  mit  Hilfe  der  Re- 
gierungsvertreter  der  Provinz,  des  Bezirks  und  des  Kreises  konnte  er  am 
1.  Dezember  1909  seine  Schule  eroffnen.  In  der  ersten  Zeit  hat  B.  den  Unter- 
richt  groBtenteils  selbst  erteilt,  wobei  er  neben  geographischen  Verhaltnissen 
der  Heimat  vor  allem  geschichtliche  Stoffe  zugrunde  legte.  Am  9.  April  des 
folgenden  Jahres  hielt  er  in  Gramschiitz  vor  70  Lehrern  des  Kreises  Glogau, 
evangelischen  und  katholischen,  einen  Vortrag  iiber » die  landliche  Fortbildungs- 
schule*, der  ungeteilten  Beifall  fand.  In  der  » Katholischen  Schulzeitung  fiir 
Norddeutschland«  veroffentlichte  B.  am  13.  und  20.  Oktober  1910  einen  Aufsatz 
iiber  »Die  landliche  Fortbildungsschule  «.  Am  2.  Juli  1910  war  der  pflichtmaBige 
Besuch  von  landlichen  Fortbildungsschulen  in  der  Provinz  Schlesien  dort,  wo 
die  Gemeinden  bereit  waren,  solche  Schulen  einzurichten,  durch  Gesetz  be- 
schlossen  worden,  wie  es  bereits  vorher  1904  fiir  die  Provinz  Hessen-Nassau 
und  1909  fiir  die  Provinz  Hannover  geschehen  war.  Als  dieser  Unterricht  dann 
auch  in  den  iibrigen  preuBischen  Provinzen  eingefuhrt  werden  sollte,  hat  B. 
191 1,  1912  und  1913  in  den  Kommissionen  und  als  Berichterstatter  im  Plenum 
des  Herrenhauses  wiederholt  das  Wort  ergriffen.  Seine  Arbeit  ging  nicht  immer 
ohne  Widerstand  vonstatten.  In  der  umstrittenen  Frage,  ob  die  Volksschul- 
lehrer  oder  die  Geistlichen  berufen  seien,  als  Fortbildungsschullehrer  zu  wirken, 
vertrat  B.,  wie  aus  Aufsatzen  von  ihm  im  »Roten  Tag*  vom  30.  Juli  und 
1.  August  1911  hervorgeht,  den  Standpunkt,  »daB  die  Volksschullehrer,  wie 
die  Verhaltnisse  auf  dem  L,and  liegen,  in  der  Regel  allein  befahigt  und  allein 
verfiigbar  seien,  den  Unterricht  im  Nebenamt  zu  ubernehmenct,  und  dafl  »dies 
auch  fast  ausnahmslos  freudig  und  mit  treuester  Hingabe  dort  geschehen  sei, 
wo  Fortbildungsschulen  errichtet  wurden*.  Seiner  ganzen,  jeder  Einseitigkeit 
und  jedem  Doktrinarismus  abholden  Einstellung  gemaB  fiigte  er  aber  hinzu, 
daB  jene  Erfahrung  nicht  zu  der  SchluBfolgerung  fuhren  diirfe,  »daB  jeder 
Volksschullehrer  als  solcher  geistig  und  korperlkih,  und  zwar  allein,  zur  Er- 
teilung  des  Unterrichts  brauchbar  sei« ;  wenn  die  notwendigen  Vorbedingungen 
fiir  eine  fruchtbringende  Tatigkeit  nicht  ausreichten,  so  miisse  fiir  Ersatz  ge- 
sorgt  werden.  »Ob  durch  Geistliche  oder  durch  geeignete  Mitglieder  anderer 
Stande,  dariiber  entscheiden  die  besonderen  Umstande.«  In  der  Frage  des 
Religionsunterrichtes  an  Fortbildungsschulen  war  B.  gegen  eine  zwangsweise 
Einfiihrung,  da  gerade  derjenige,  der  »es  ernst  meint  mit  der  Religion,  die 
Heuchelei,  welche  bei  ausgeiibtem  Zwange  unvermeidbar  ist,  verurteilen 
muB«.  Die  Erhaltung  des  religiosen  Sinnes  in  der  Jugend  lag  ihm  nichts- 
destoweniger  sehr  am  Herzen,  und  er  hat  in  seiner  gesamten  Tatigkeit  auf 
dem  Gebiete  der  Jugendpflege  viel  und  eng  mit  Geistlichen  beider  Konfes- 
sionen   zusammengearbeitet.  Die  Fortbildungsschule  hatte  aber  nach  seiner 


Bissing  43 

Auffassung  andere  Aufgaben  zu  erfiillen  und  auf  die  Gesamtheit  der  Jugend- 
Hchen  zu  wirken. 

So  sehr  B.  die  landliche  Fortbildungsschule  als  das  beste  Mittel  der  weiteren 
Erziehung  der  landlichen  Jugend  ansah,  so  hat  er  doch  auch  den  zahlreichen 
anderen  Bestrebungen,  die  von  vielen  verschiedenartigen  Vereinen  in  der 
Jugenderziehung  verfolgt  wurden,  seine  Aufmerksamkeit  und  seine  Mitarbeit 
gewidmet.  Als  der  Kaiser  ihn  im  Jahre  19 10  aufforderte,  eine  Organisation  der 
schulentlassenen  Jugend  nach  dem  Vorbild  der  von  dem  englischen  General 
Baden- Powell  errichteten  *Boy-Scouts«  zu  entwerfen,  hat  B.  in  einer  Immediat- 
eingabe  im  Juli  1910  ausfuhrlich  dazu  Stellung  genommen  und  seine  Gedanken 
dem  Kaiser  in  Gegenwart  des  Kriegsministers  und  des  Kultusministers  auch 
personlich  erlautert.  Es  ist  der  erste  Vorschlag  einer  planmaBigen  Zusammen- 
fassung  der  Jugend  gewesen,  die  spater  unter  dem  Namen  »  Jungdeutschland« 
als  Griindung  des  Generalfeldmarschalls  v.  d.  Goltz  in  das  Leben  trat.  B.  nennt 
in  seiner  Denkschrift  die  Organisation  der  Jugend,  d.  h.  die  Zusammenfassung 
aller  Bestrebungen,  welche  zum  Nutzen  der  Jugend  und  im  Belang  des  Staates 
wirken  wollen,  eine  »nationale  und  sozialpolitisch  notwendige  Aufgabe*.  Nach- 
dem  er  die  ahnlichen  Bestrebungen  in  Italien,  in  Frankreich,  Amerika  und  in 
der  Schweiz  kurz  besprochen  hat,  geht  er  auf  die  englische  Organisation  ein 
und  kommt  dabei  zu  dem  SchluB,  daB  bei  aller  Anerkennung  der  Bedeutsam- 
keit  der  Einrichtung  des  Generals  Baden-Powell  doch  dessen  *Boy-ScotUs« 
nicht  in  ihrer  auBeren  Form  von  Deutschland  iibernommen  werden  konnten. 
Denn  in  Deutschland  gabe  es  bereits,  was  in  England  bisher  nicht  der  Fall 
gewesen  sei,  eine  staatliche  Fiirsorge  und  eine — fast  zu  groBe  Anzahl  von 
Vereinen,  die  die  Grundlage  fur  den  Auf-  und  Ausbau  einer  Zusammenfassung 
geben  wurden.  Eine  neue  Organisation  wiirde  die  Wirksamkeit  der  bestehenden 
nur  schmalern.  Auch  sei  die  Freiwilligkeit  des  Beitritts  nachteilig,  weil  dadurch 
gerade  diejenigen  Elemente,  die  am  notwendigsten  zu  erziehen  seien,  fortbleiben 
wurden.  Deshalb  set  es  besser,  die  Fortbildungsschulen  als  Trager  und  die  be- 
reits bestehenden  Vereine  als  Heifer  der  Organisation  der  preuBischen  Jugend 
zu  betrachten.  B.  kam  so  zu  dem  Vorschlage:  Einheitliche  Leitung  der  be- 
stehenden verschiedenartigen  Organisationen,  die  bisher  vorwiegend  in  den 
Stadten  wirkten,  mit  gemeinschaftlichem  Programm,  und  fur  das  Land,  wo 
durchweg  Neues  geschaffen  werden  musse,  Dezentralisation  mit  einheitlicher 
Richtung  der  Vertrauensmanner  in  Orts-,  Kreis-  und  Bezirksausschiissen  unter 
Beteiligung  der  Vertreter  der  Behorden.  B.  stellte  elf  Leitsatze  auf,  aus  denen 
hervorgeht,  daB  es  ihm  nicht  um  eine  militarische  Vorbildung  der  Jugend  zu 
tun  war,  weil  dies  nach  seiner  Auffassung  gar  nicht  moglich  sei,  sondern  um 
eine  allseitige  korperliche  und  geistige  Gesundhaltung  und  Tiichtigkeit,  die 
die  beste  Gewahr  fiir  eine  spatere  erfolgreiche  militarische  Ausbildung  abgabe. 
Deshalb  betonte  er  besonders  die  Leibesiibungen  und  verstand  darunter  »das 
volkstumliche  Turnen,  die  Turn-  und  Jugendsptele,  die  Wandermarsche,  die 
Gelandetibungen,  Eislauf,  Skilauf,  Rudern  und  Schwimmen«.  Diese  »sollen 
nicht  allein  die  korperliche  Tiichtigkeit,  sondern  die  Freude  an  der  Natur, 
die  Liebe  zur  Heimat,  die  sittliche  Entwicklung  nach  jeder  Richtung  hin  for- 
dern«.  Er  schlug  vor,  die  Vorsitzenden  einer  Reihe  von  Verbanden  zu  einer  ge- 
meinsamen  Besprechung  einzuladen,  und  wies  besonders  auf  den  1891  von 
dem  Abgeordneten  v.  Schenckendorff  (s.  DBJ.  1914 — 16,  S.  167 ff.)  gegriindeten 


44  lW 

»ZentralausschuB  zur  Forderung  der  Volks-  und  Jugendspiele*  hin,  auBerdem 
auf  die  Deutsche  Turnerschaft,  die  Ruder-  und  Schwimmverbande,  die  Zentral- 
stelle  fiir  Volks wohlfahrt,  die  Jugendwehr  usw.  Vor  allem  miisse  aber  der 
©bligatorische  Fortbildungsschulunterricht  eingefiihrt  werden.  Der  Kaiser  bil- 
ligte  im  groBen  und  ganzen  die  Vorschlage  B.s  und  beauftragte  den  Kultus- 
minister,  die  weiteren  Schritte  zur  Durchfuhrung  der  Organisation  zu  unter- 
nehmen.  Dieser  fiirchtete  jedoch  einen  zu  starken  Widerstand  der  einzelnen 
Verbande  gegen  eine  einheitliche  Leitung;  und  an  dieser  Forderung  scheiterte 
B.s  Organisationsplan.  Wohl  aber  wollte  der  Kultusminister  die  in  der  Jugend- 
pflege  tatigen  Vereine  mit  staatlichen  Mitteln  unterstiitzen.  So  war  eine  un- 
mittelbare  Folge  der  B.schen  Denkschrift  der  ErlaB  des  Kultusministeriuins 
vom  18.  Januar  191 1  iiber  die  freiwillige  Jugendpflege.  Mit  Hilfe  der  Regie- 
rungsstellen  sind  dann  eine  Menge  von  Jugendvereinen  in  den  einzelnen  Orten 
und  Kreisen  entstanden.  Im  Regierungsbezirk  Liegnitz  kam  am  27.  April  191 1 
unter  dem  Vorsitz  des  Regierungsprasidenten  ein  AusschuB  fiir  jugendpflege 
zustande,  dem  B.  als  Mitglied  angehorte.  In  einer  Denkschrift  vom  12.  Marz 
wendet  er  sich  dagegen,  daB  »die  militarische  Ausbildung  der  Jugend  als  Mittel 
zum  Zweck  oder  gar  als  das  hauptsachlich  zu  erstrebende  Ziel  anzusehen«  sei. 
Er  zeigt  die  recht  erheblichen  Nachteile,  die  aus  solcher  fruhzeitigen  mili- 
tarischen  Vorbildung  entstehen  konnen,  und  schreibt  unter  Hinweis  auf  AuBe- 
rungen  des  preuBischen  Kriegsministers :  » Die  Armee  wiinscht  keinen  solchen 
Ersatz;  sie  braucht  keinen  mangelhaft  gedrillten  Ersatz,  sondern  geistig  ge- 
weckte,  zur  Selbstzucht  und  zur  treuen  Pflichterftillung  erzogene  Manner, 
deren  Korperkrafte  gestarkt  und  fiir  die  Anforderungen  des  Heeresdienstes 
zum  Wohle  des  einzelnen  wie  zum  Nutzen  der  Volks-  und  der  Wehrkraft  vor- 
bereitet  werden. «  Am  1.  Juli  191 1  wurde  B.  einstimmig  in  den  »Zentralaus- 
schuB«  gewahlt  und  hatte  damit  ein  weites  Betatigungsfeld  in  ganz  Deutsch- 
land  fiir  seine  Gedanken  gewonnen. 

Inzwischen  hatte  der  Generalfeldmaschall  v.  d.  Goltz  den  Gedanken  von 
Baden-Powell  aufgegriffen  und  in  einer  Immediateingabe  an  den  Kaiser  vom 
6.  Juli  1911  den  Plan  des  Bundes  » Jungdeutschland«  entwickelt.  Dieser  ent- 
sprach  in  den  Grundziigen  den  B.schen  Gedankengangen.  Nur  lieB  er  einmal 
die  Betonung  der  Fortbildungsschulen  auBer  acht  und  ermoglichte  anderer- 
seits,  daB  neben  den  bestehenden  Organisationen,  die  ganz  wie  bei  B.  in  einer 
einheitlichen  Leitung  zusammengefaBt  werden  sollten,  auch  selbstandige  Grup- 
pen  des  neuen  Bundes  entstehen  konnten.  Dazu  kam,  daB  der  Goltzsche 
Plan  ganz  auf  die  militarischen  Kreise  eingestellt  war.  Soweit  dieser  Plan 
von  dem  B.s  abwich,  stand  er  auch  nicht  im  Einklang  mit  den  bisherigen 
MaBnahmen  des  Kultusministeriuins.  Der  Kaiser  war  auf  die  freiwilligen  Jugend- 
wehren  nach  Art  der  englischen  Boy-Scouts  zuriickgekommen  und  lieB  am 
25.  September  191 1  durch  den  Chef  des  Zivilkabinetts  v.  Valentini  bei  B.  an- 
fragen,  ob  er  sich  noch  mit  dieser  Frage  weiter  beschaftige  und  ob  etwa  schon 
Versuche  mit  der  Bildung  derartiger  Wehren  angestellt  worden  seien.  Es  ist 
bisher  nicht  deutlich  geworden,  wie  es  zu  dieser  mit  der  fruheren  Besprechung 
in  Gegensatz  stehenden  Anfrage  gekommen  ist.  B.  war  jedenfalls  stark  iiber- 
rascht,  als  er  erst  wenige  Wochen  vor  der  konstituierenden  Versammlung  von 
»Jungdeutschland«  von  den  Goltzschen  Planen  etwas  erfuhr.  Er  auBerte  sofort 
freimiitig  den  Regierungsstellen   seine  Bedenken   gegeniiber   einer  Neugriin- 


Biasing  45 

dung.   Als  er  aber  von  dem  Kommandierenden  General  des  V.  Armeekorps 
aufgefordert  wurde,  fur  den  Bereich  der  9.  Division    im  Regierungsbezirke 
Liegnitz  das  Amt  eines  Vertrauensmannes  zu  iibernehmen,   stellte  er  seine 
Erfahrung   und  seine  Kraft  ohne  jede  Verargerung  opferbereit  zur  Verfii- 
gung.   Die  Bundesleitung,  deren  Vorarbeiten  ohne  jede  Befragung  oder  Be- 
nachrichtigung  B.s  vor  sich  gegangen  waren,  konnte  jedoch  nicht  an  ihm  vor- 
beigehen  und  wahlte  ihn  in  der  konstituierenden  Versammlung  am  13.  No- 
vember 191 1  zu  ihrem  Mitglied.  B.  hat  dann  in  den  folgenden  Jahren  in  zahl- 
reichen  Vortragen  in  den  verschiedensten  Vereinen  in  Liegnitz,  Bunzlau,  Griin- 
berg,  Liiben,  im  Verein  Deutscher  Studenten  in  Breslau  und  in  Halle,  in  der 
Vereinigung  der  Steuer-  und  Wirtschaftsreformer  in  Berlin  usw.  fur  die  Ge- 
danken  von  »Jungdeutschland«  gewirkt.  Dabei  hat  er  immer  versucht,  die 
Masse  der  Jugend  zu  erreichen,  und  auch  angestrebt,  nach  Moglichkeit  iiber  die 
militarischen  Kreise  hinaus  auch  die  anderen  Stande  zur  Mitarbeit  heranzu- 
ziehen,  wobei  er  von  dem  Regierungsprasidenten  von  Liegnitz,  dem  Freiherrn 
v.  Seherr-ThoB,  unterstiitzt  wurde,  mit  dem  er  auch  seinen  ersten  Aufruf  vom 
21.  Juni  1912  eingehend  besprach.  »Jugenderziehung«  war  ihm,  wie  er  einmal 
gesagt  hat,  »in  besonderer  Weise  personliche  Arbeit.   Nicht   als   Aufsichts- 
beamter,  auch  nicht  als  Gonner  und  Wohltater  darf  der  Leiter  unter  die  Jugend 
treten,  sondern  als  ihr  An  wait,  nicht  nui  in  ihren  religiosen,  sondern  auch  in 
ihren  sozialen  und  wirtschaftlichen  N6ten.«  Es  kam  ihm  dabei  auf  die  Aus- 
bildung  der  ganzen  Personlichkeit  an.   Mit  Sport,  Spiel  und  Leibesiibungen 
allein  kame  man  nicht  aus;  die  korperliche  Trainierung  konne  nur  als  ele- 
mentare  Vorarbeit  fiir  die  sittHche  Erziehung  gelten,   da,   wie  er  in  einer 
Rede  im  Herrenhaus  am   18.  Marz  19 14   ausfiihrte,   »in  alien  Lebenslagen, 
auch  wenn  auf  dem  Schlachtfelde  die   Kugeln  pfeifen,   das  Entscheidende 
die  Seelenkrafte  des  Menschen  sind.«  DaB  B.  bei  einer  solchen  Auffassung 
berufen  war,  eine  vermittelnde  Rolle  sowohl  in  der  Bundesleitung  wie  auch 
zwischen  dieser  und  den  verschiedenen  kirchlichen  Verbanden  zu  spielen,  ist 
nur  naturlich.  Wahrend  es  ihm  dabei  oft  gelang,  Bedenken  katholischer  Kreise 
zu  zerstreuen,  vor  allem  durch  seine  Verhandlungen  mit  dem  Fiirstbischof 
Kopp  von  Breslau  (s.  DBJ.  1914 — 16,  S.  48  ff.),  ist  es  auffallig,  daB  ihm,  dem 
Evangelischen,  gerade  die  evangelische  Synode  und  die  Superintendenten  oft- 
mals  Schwierigkeiten  bereiteten,  wahrend  die  Geistlichen  in  seinem  Bezirke 
mit  ihm  zusammenarbeiteten.   Nach  dem  Tode  des  Generalfeldmarschalls 
v.  d.  Goltz  war  B.  die  angewiesene  Person,  um  dessen  Nachfolge  anzutreten. 
Eine  im  Jahre  1916  von  den  Mitgliedern  der  Bundesleitung  Dernburg,  Do- 
minicus  und  v.  Mendelssohn  ergehende  Bitte  lehnte  er  zunachst  wegen  starker 
Arbeitsiiberlastung — B.   war  damals  Generalgouverneur  in  Belgien — und 
auch  deshalb  ab,  weil  noch  ganz  ungeklart  sei,  wie  die  Verhaltnisse  sich  nach 
dem  Kriege  entwickeln  wiirden.  Als  er  dann  aber  einstimmig  zum  Vorsitzenden 
gewahlt  wurde,  bat  er  am  14.  Oktober  19 16  den  Kaiser  in  einem  Immediat- 
gesuche,  die  Annahme  der  Wahl  zu  genehmigen.  Dabei  machte  er  sofort  wieder 
Organisationsvorschlage,    um   den  Bund  den  durch   den  Krieg  veranderten 
Verhaltnissen  anzupassen.  Die  bald  einsetzende  Krankheit  und  der  darauf- 
folgende  Tod  verhinderten  eine  Ausfuhrung  dieser  Gedanken. 

Neben  der  Frage  der  Fortbildungsschule  und  der  allgemeinen  Jugendpflege 
beschaftigten  B.  auch  andere  Fragen,  wie  die  Fursorgeerziehung  Minder jahriger 


46  1917 

und  die  Errichtung  von  Horten  f  iir  Schulkinder,  welche  Fragen  er  im  Herrenhaus 
ofter  behandelte,  oder  die  Landarbeiterfrage,  die  er  19 14  kurz  vor  Aus- 
bruch  des  Weltkrieges  zusammen  mit  dem  Landesokonomiekollegium  und  nicht 
ohne  Gegenwirkung  der  Schlesischen  Landwirtschaftskammer  in  Angriff  nahm. 
Besonders  erfolgreich  war  seine  Mitarbeit  in  der  Forderung  der  landlichen 
Krankenpflege  durch  Helferinnen,  die  der  leitende  Arzt  der  Heilanstalten  von 
Gorbersdorf,  Dr.  Weicker,  betrieb.  Seitdem  von  191 1  ab  B.  in  Zusammenarbeit 
mit  Dr.  Weicker  und  unterstiitzt  von  dem  Geschaftsfiihrer  der  Provinzial- 
abteilung  Schlesien  des  Deutschen  Vereins  f iir  landliche  Wohlfahrts-  und  Hei- 
matpflege,  dem  Lehrer  Tiffert  in  Brieg,  dieser  Frage  seine  Tatkraft  widmete, 
ging  es  mit  dieser  sozialen  Arbeit  schneller  vorwarts.  B.  hielt  auch  iiber  diese 
Seite  der  Wohlf ahrtspflege  wiederholt  Vortrage,  nicht  nur  in  Schlesien,  sondern 
auch  in  Pommern. 

Auch  sonst  war  B.  unermiidlich  tatig.  Er  verteidigte  das  Offizierkorps  gegen 
die  Angriff e  desObersten  Gaedke,  der  im  »  Berliner  Tageblatt*  am  25.  Marz  19 11 
den  Offizieren,  besonders  in  den  sogenannten  adligen  Regimentern,  allgemein 
die  Sucht  des  Hazardspieles  vorgeworfen  hatte;  B.  antwortete  ihm  in  der 
»Kreuzzeitung«  vom  18.  April  mit  einem  Artikel:  »Kein  Spielteufel  im 
Heere.«  Verschiedentlich  hielt  er  auch  Ansprachen  an  historischen  Erinnerungs- 
tagen. 

Kurz  vor  Ausbruch  des  Weltkrieges  nahm  er  ein  neues  groBes  Arbeitsfeld 
in  Angriff,  indem  er  im  Mai  1914  im  Henenhause  einen  Antrag  auf  Einfuhrung 
der  Sexualpadagogik  einbrachte.  Diesen  Gedanken,  die  Gesunderhaltung  unseres 
Volkes  durch  sexuelle  Erziehung,  nicht  durch  sexuelle  Aufklarung,  zu  sichern, 
hat  er  dann  auch  als  Generalgouverneur  in  Belgien  weiter  verfochten.  Wenige 
Wochen  nach  seiner  Ernennung  besprach  er  in  den  letzten  Tagen  des  Dezember 

1914  mit  Vertretern  der  Landesversicherungsgesellschaften,  vvie  die  schwierige 
Frage  des  Kampfes  gegen  die  Geschlechtskrankheiten  in  Feindesland  zu  losen 
sei.  Ihn  leitete  dabei  in  erster  Linie  die  Sorge  um  die  Erhaltung  der  Tiichtigkeit 
und  Leistungsf ahigkeit  der  deutschen  Truppen ;  zugleich  aber  galten  seine  MaB- 
nahmen  auch  der  Gesundung  des  belgischen  Volkes.  Seinen  eingreifenden  MaB- 
nahmen  war  es  zu  verdanken,  daJ3  die  Zahl  der  Geschlechtskranken  vom  Januar 

1915  ab  sehr  schnell  abnahm.  Doch  B.  blieb  dabei  nicht  stehen.  In  der  Er- 
offnungsrede  einer  zur  Behandlung  dieser  Frage  nach  Bnissel  einberufenen 
Versammlung  fuhrte  er  am  8.  Dezember  1915  aus,  daB  in  der  Auffassung 
dieser  Dinge  ein  grundsatzlicher  Wandel  eintreten  miisse.  Madchen  undFrauen 
fielen  der  Verachtung  anheim,  obwohl  oft  der  Mann  die  Schuld  trage;  der 
geschlechtskranke  Mann  dagegen  werde  nur  »bedauert«;  neben  den  hygieni- 
schen,  sanitaren,  charitativen  und  sozialen  MaBnahmen  sei  vor  allem  eine 
sexuelle  Erziehung  des  Mannes  notwendig.  Wenn  in  dieser  fur  die  Volksge- 
sundheit  so  wichtigen  Frage  eine  Wandlung  eingetreten  ist,  so  hat  B.  das 
Verdienst,  in  einer  Zeit,  wo  man  diese  Dinge  nur  mit  Scheu  nannte,  offen 
die  Wunde  aufgedeckt  und  auch  riickhaltlos  Mittel  zu  ihrer  Heilung  ange- 
geben  zu  haben. 

Der  Ausbruch  des  Weltkrieges  berief  B.  als  stellvertretenden  Kommandie- 
renden  General  des  VII.  Armeekorps  nach  seiner  alten  soldatischen  Wirkungs- 
statte  in  Miinster  in  Westfalen,  wo  er  vom  2.  August  bis  zum  27.  November 
blieb.  An  diesem  Tage  wurde  er  als  Nachfolger  des  nach  der  Tiirkei  versetzten 


Bissing  47 

Generalfeldmarschalls  v.  d.  Goltz  zum  Generalgouverneur  in  Belgien  ernannt. 
Am  24.  Dezember  erfolgte  seine  Beforderung  zum  Generalobent.  Damit  trat 
der  Siebzigjahrige  auf  das  Forum  der  Weltgeschichte.  Die  nicht  ganz  zwei- 
undeinhalb  Jahre,  die  ihm  noch  zu  leben  vergonnt  waren,  stellten  ihn  vor  die 
Aufgaben  eines  Herrschers  iiber  ein  reich  bevolkertes  und  von  feindlichen 
Heeren  besetztes  Land,  die  nicht  nur  militarische,  sondern  vor  allem  staats- 
mannische  Leistungen  erforderten. 

Am  8.  Dezember  1914  traf  B.  in  Briissel  ein  und  ging  sofort  mit  der  ihm 

eigenen  Tatkraft  an  die  Verwaltung  des  L,andes,  fiir  die  er  sich  allein  dem 

Kaiser  verantwortlich  fuhlte.  Diese  Stellung  als  »selbstandiger  Verwalter  des 

ihm  vom  Kaiser  anvertrauten  Okkupationsgebietes*  hat  er  wiederholt  betont, 

vor  allem  gegentiber  der  Obersten  Heeresleitung,  wenn  diese  von  ihm  MaB- 

nahmen  verlangte,  die  er  mit  seinen  Verwaltungsgrundsatzen  schwer  in  Ein- 

klang  bringen  konnte.  Dabei  vertrat  er  mit  der  alten  Leidenschaftlichkeit,  die 

oft  nicht  ohne  Scharfe  war,  seinen  Standpunkt.  Da  die  beiden  Provinzen  Ost- 

und  Westflandern  nicht  zum  Generalgouvernement   gehorten,   sondern   zur 

Etappe  der  4.  Armee  und  zum  Marinekorps,  ergaben  sich  bei  der  Durch- 

fuhrung   seiner   politischen   und  wirtschaftlichen  MaBnahmen   nicht   selten 

Schwierigkeiten,  besonders  mit  dem  Armeeoberkommando  der  4.  Armee.  Bei 

aller  Scharfe  war  B.  aber  jederzeit  bereit,  in  offener  Aussprache  strittige  Fra- 

gen  zu  klaren,  und  hat  spater  auf  diese  Weise  mit  dem  Marinekorps  eng  zu- 

sammengearbeitet.  Gegeniiber  dem  Reichskanzler  und  den  Reichsbehorden, 

denen  er  personlich  nicht  unterstand,  von  denen  aber  wohl  die  Beamten  seines 

zivilen  Stabes  ernannt  wurden,  und  welche  die  Richtlinien  fiir  die  zu  befolgende 

Politik  angaben,  hat  er  in  offener  und  ruckhaltloser  Weise  seine  Meinung  ver- 

treten  und  sie  manchmal  vor  vollendete  Tatsachen  gestellt.  In  der  Flamen- 

politik  ist  er  mit  dem  Reichskanzler  v.  Bethmann  Hollweg  in  Ubereinstim- 

mung  vorgegangen  und  hat  sich  dessen  Ansichten  angeschlossen,  auch  wenn 

er  erst  anderer  Meinung  war.  Dabei  wurde  von  der  Reichsleitung  der  Grund- 

satz  B.s,  in  »wohluberlegter,  geduldiger,  zaher  und  ausdauernder,  vorsichtig 

abwagender  Kleinarbeit«  vorzugehen,  durchaus  gutgeheiBen.  B.  hat  die  Ziigel 

in  Belgien  fest  in  der  Hand  gehalten,  was  bei  den  vielen  militarischen  und 

zivilen  Behorden  in  Belgien  und  in  Deutschland,  die  alle  mehr  oder  weniger 

etwas  zu  sagen  hatten,  nicht  leicht  war.  Er  wollte  wirklich  selbst  verwalten 

und  nicht  nur  eine  dekorative  Spitze  sein.  Er  hielt  sich  deshalb  auch  nicht  an 

den  bureaukratischen  Instanzenzug  und  lieB  sich  oft  von  nachgeordneten 

Stellen  unmittelbar  Vortrag  halten  oder  Bericht  erstatten,  ohne  den  Zwischen- 

instanzen  vorher  da  von  Nachricht  zu  geben.  Dieses  selbstandige  Eingreifen 

ermoglichte  es  ihm,  sich  schnell  iiber  Einzelheiten  zu  unterrichten,  und  zwang 

seine  Untergebenen  zu  rastloser  Tatigkeit.  Gegen  den  Willen  seines  Verwal- 

tungschefs  und  ohne  die  Reichsregierung  zu  fragen,  die  sich  die  Organisation 

der  Verwaltung  in  Belgien  vorbehalten  hatte,  machte  er  die  Abteilung  I  des 

Verwaltungschefs  zur  selbstandigen,  ihm  unmittelbar  unterstellten  Politischen 

Abteilung  (13.  Februar  1915)  und  begriindete  dies  mit  »Abkurzung  des  In- 

stanzenzuges*.  Einen  Monat  spater,  am  6.  Marz,  loste  er,  diesmal  nach  vor- 

herigen  Verhandlungen  mit  dem  Reichsministerium  des  Innern,  die  Bank- 

abteilung  als  selbstandige  Behorde  vom  Verwaltungschef  los.  Der  Grundsatz 

seiner  Verwaltung  war,  wie  er  es  einmal  in  der  Eroffnungsrede  anlaBlich  der 


48  1917 

Tagung  richterlicher  Militarjustizbeamter  in  Briissel  am  29.  Juni  1916  aus- 
gesprochen  hat,  »daB  das  Volk,  welches  jetzt  unter  unserer  Macht  stent,  nicht 
mit  HaB  und  Vergeltungswut  behandelt  wird.  Denn  es  gehdren  tatsachlich 
ganz  andere  Faktoren  dazu,  ein  feindliches  Volk  zu  leiten,  in  Ordnung  zu 
halten;  schlieBlich  ist  auch  der  Verwalter  eines  solchen  Landes  verpflichtet, 
die  Wohlfahrt  wieder  zu  heben,  das  Land  trotz  der  Not  des  Krieges  zu  starken 
und,  trotz  der  vor  alien  Dingen  zu  beachtenden  militarischen  Riicksichten, 
wieder  lebensfahig  zu  machen.«  Er  betonte,  daB  die  volkerrechtlichen  Be- 
stimmungen  seine  »Handlungen  und  MaBnahmen  auch  in  richterlicher  Be- 
ziehung  als  Grundlage  voll  und  ganz  beherrschen*,  und  hoffte,  daB  die  wich- 
tigen  Fragen  des  Volkerrechts,  die  auf  der  Tagung  behandelt  werden  sollten, 
dazu  beitragen  mochten,  »wenn  auch  nicht  fiir  den  Augenblick,  so  doch  fiir 
die  Zukunft  wieder  ein  Volkerrecht  zu  schaffen  und  die  Moglichkeit  zu  geben, 
daB  die  jetzt  feindlichen  Lander,  die  sich  bis  zum  WeiBbluten  bekampfen,  in 
absehbarer  Zeit  wieder  zur  Einigkeit,  zu  gemeinsamen  Kulturaufgaben  ge- 
langen*.  Welcher  Staatsmann  oder  Militar  der  Entente  hat  im  Jahre  1916 
solche  volkerversohnenden  Wiinsche  ausgesprochen !  B.  war  sich  der  groBen 
Schwierigkeit,  ein  besetztes  Land  zu  verwalten,  wohl  bewuBt  und  immer  darauf 
bedacht,  den  richtigen  Mittelweg  zwischen  einer  zu  strengen  und  einer  zu 
milden  Behandlung  zu  finden.  »Ich  durfte,«  schreibt  er  am  25.  November  1916 
einmal  an  den  Chef  der  Obersten  Heeresleitung,  Generalfeldmarschall  von 
Hindenburg,  »weder  den  Gefiihlen  der  Vergeltung  nachgeben  noch  danach 
streben,  die  Liebe  des  Volkes  zu  gewinnen.  Mir  muB  es  genug  sein,  wenn  ich 
mir  die  Achtung  erworben  habe.«  So  kam  es,  daB  die  Belgier,  wenn  er  die 
durch  den  Krieg  notwendigerweise  gebotenen  MaBnahmen  durchfuhrte,  in 
ihm  ihren  Bedriicker  sahen,  und  daB  andererseits  manche  deutsche  Stellen 
ihm  zu  groBe  Nachsicht  vorwarfen,  wenn  sie  bemerkten,  daB  Belgien  wieder 
aufbluhte.  Die  belgischen  Darstellungen  aus  der  Kriegszeit  geben  das  Bild 
des  bedeutendsten  Generalgouverneurs  ihres  Landes  in  blindem  HaB  verzerrt 
wieder,  und  auch  nach  dem  Kriege  hat  sich  in  Belgien  noch  keine  Feder  ge- 
funden,  die  auch  nur  den  Versuch  gemacht  hatte,  die  Gestalt  B.s  vom  Stand - 
punkt  seiner  durch  den  Krieg  ihm  ubertragenen  Stellung  in  gerechter  Weise 
zu  beurteilen.  Die  Universitat  Minister  verlieh  ihm  am  1.  Dezember  1915  die 
Wiirde  eines  Dr.  rer.  pol.  h.  c,  weil  er  ».durch  weise,  gerechte  und  zweckent- 
sprechende  Verordnungen  und  VerwaltungsmaBnahmen  geradezu  Mustergul- 
tiges  geschaffen«  habe.  In  Deutschland  hat  man  zwar  erkannt,  daB  B.  zu  den 
bedeutendsten  Personlichkeiten  des  Weltkriegesgehort,  aber  das  Fiir  und  Wider 
um  seine  Taten  und  seine  Wirkung  hat  noch  keiner  einheitlichen  Auffassung 
Platz  gemacht.  Dies  wird  so  bleiben,  solange  die  »belgische  Frage*  noch 
im  Mittelpunkt  der  innen-  wie  auBenpolitischen  Leidenschaften  stent,  da  die 
fiir  ein  abschlieBendes  Urteil  notwendigen  Quellen  auch  so  lange  der  Offent- 
lichkeit  nicht  zuganglich  gemacht  werden  diirften.  Manches  laBt  sich  aber 
mit  Bestimmtheit  heute  schon  sagen.  B.  hat  sich  scharf  gegen  den  Vorwurf 
verwahrt,  als  ob  er  Belgien  auf  Kosten  Deutschlands  zu  Wohlstand  verhelfen 
wolle.  Das  deutsche  Interesse  hat  ihm  immer  an  erster  Stelle  gestanden,  und 
es  war  nur  natiirlich,  daB  ein  besetztes  feindliches  Land  auch  zu  den  Kosten 
der  Kriegfiihrung  beitrug.  Aber  B.  faBte  seine  Verwaltung  als  die  » eines  spar- 
samen  Haushalters«,  um  fiir  die  Zeit  der  Not  Hilfe  gewahren  zu  konnen.  Der 


Bissing  4g 

Kaiser  hatte  ilnn  nicht  nur  aufgegeben,  Belgien  entsprechend  den  volkerrecht- 
lichen  Vorschriften  fiir  die  okkupierende  Macht  nutzbar  zu  machen,  sondern 
ausdriicklich  aufgetragen,  »soziale  Politik  zu  treiben«.  Dies  hat  er  auch  mit 
alien  Mitteln  getan,  deutsche  soziale  Einrichtungen  eingefiihrt,  fiir  Kranke 
und  Arme  gesorgt,  vor  allem  aber  versucht,  die  Produktionsfahigkeit  des  L,an- 
des  zu  verstarken.  Bei  Handel  und  Industrie  war  dies  bald  erschopft,  da  die  Roh- 
stoffe  fehlten  und  die  uberseeische  Einfuhr  gesperrt  war.  Urn  so  mehr  war  er 
besorgt,  die  Landwirtschaft  zu  heben,  damit  sie  »auch  bei  Unterbrechung  der 
Zuf uhr  aus  tJbersee,  wenn  auch  mit  Not,  die  belgische  Bevolkerung  unter  An- 
wendung  der  weitestgehenden  Sparsamkeit  ernahren  konnte«.  Den  Kohlenberg- 
bau  hat  er  in  vollem  Gange  erhalten,  und  gegen  die  Abschiebung  der  Arbeits- 
losen  hat  er  sich  mit  seiner  ganzen  Zahigkeit  so  lange  gestemmt,  bis  ihm  die 
Notwendigkeit  der  Zufuhrung  belgischer  Arbeiter  fiir  die  deutsche  Industrie  als 
fiir  deren  Fortbestand  so  dringend  dargestellt  wurde,  da£  er  aus  deutschem 
Interesse  nachgab.  Es  zeigte  sich  bald,  daB  die  MaBnahme  verfehlt  und  auch 
nicht  notwendig  war  und  daB  seine  Bedenken  richtig  gewesen  waren. 

Bei  dieser  Behandlung  Belgiens  leitete  ihn  einmal  sein  Pflichtgefuhl  des 
Herrschers  iiber  das  ihm  anvertraute  Volk  —  ein  Umstand,  den  anzuerkennen 
bisher  noch  kein  Belgier  den  Mut  gefunden  hat  — ,  sodann  aber,  und  dies  in 
-erster  Linie,  das  deutsche  Interesse,  wie  es  auch  nur  natiirlich  war.  Die  Schwie- 
rigkeit  der  Verbindung  dieser  beiden  Gesichtspunkte  hat  B.  gelost;  denn  er  hat 
Belgien  vor  dem  groBten  Elend  des  Krieges  bewahrt  und  hat  andererseits  in 
Belgien  dem  Deutschen  Reiche  einen  nie  versiegenden  Brunnen  von  Hilfs- 
mitteln  erhalten.  Dabei  erhebt  sich  die  Frage,  wie  er  sich  das  kiinftige  Schicksal 
Belgiens  gedacht  hat,  eine  Frage,  mit  der  seine  Flamenpolitik  in  engstem  Zu- 
sammenhang  steht.  B.  kam  mit  den  alten  Gedankengangen  von  dem  Rechte 
des  Eroberers  nach  Belgien,  jedoch  nicht  in  der  Weise,  daB  das  eroberte  Land 
unter  alien  Umstanden  zu  annektieren  sei.  Wohl  aber  war  er  der  Meinung,  daB 
*  Belgien  in  irgendeiner  Form  zur  Machterweiterung  Deutschlands  benutzt« 
werden  miisse,  wie  er  sich  in  einer  Anweisung  an  die  Zivilverwaltung  vom 
20.  Februar  19 15  ausdriickte.  Es  sollten  aber  die  Vor-  und  Nachteile  sowie 
die  Moglichkeiten  und  Hemmnisse  in  eingehendem  Studium  genau  untersucht 
werden,  und  er  gab  deshalb  in  derselben  Verfugung  dem  Verwaltungschef  den 
Auftrag,  Erhebungen  iiber  den  Zustand  verschiedener  wirtschaftlicher  und 
sozialer  Einrichtungen  in  Belgien  anzustellen,  auf  Grund  welcher  Verfugung 
in  rascher  Folge  mehr  als  vierzig  Denkschriften  hergestellt  wurden.  Die  fla- 
mische  Bewegung  war  dem  Generalgouverneur  wie  den  meisten  deutschen 
Beamten  etwas  durchaus  Neues.  Die  erste  Anregung  zu  einer  Flamenpolitik 
kam  von  einigen  privaten  Personlichkeiten,  die  dann  zum  Teil  zur  Mitarbeit 
nach  Briissel  berufen  wurden.  Den  ersten  offiziellen  AnstoB  gab  der  Reichs- 
kanzler  v.  Bethmann  Hollweg.  Dieser  hatte  bereits  am  1.  September  19 14  an 
den  Verwaltungschef  geschrieben,  »die  kulturelle  flamische  Bewegung,  die  ja 
auch  eine  Bewegung  zugunsten  der  hollandischen  Sprache  ist,  nach  Moglich- 
keit  sichtbar  zu  unterstiitzen«  und  »einige  VerwaltungsmaBnahmen  auf  dem 
Gebiete  der  Schulen  in  dieser  Richtung  zu  treffen,  wenn  sie  auch  in  der  Kiirze 
der  Zeit  nicht  viel  andern  konnen«.  Damals  dachte  man  noch  an  eine  kurze 
Dauer  des  Krieges.  Die  Folge  dieses  Schreibens  waren  mehrere  Besprechungen 
und  Verhandlungen,  aber  keine  greifbaren  WillensauBerungen.  Deshalb  wandte 

DBJ  4 


50  1917 

sich  Bethmann  Hollweg  kurz  nach  dem  Eintreffen  B.s  in  Briissel  an  diesen  mit 
einem  ausfuhrlichen  ErlaB  vom  16.  Dezember  1914.  Dieser  lautete:  »Unab- 
hangig  von  der  Frage  des  spateren  territorialen  Schicksals  Belgiens  scheinen 
mir  unsere  Interessen  schon  jetzt  zu  erfordern,  daB  das  Deutsche  Reich  bei 
einem  starken  Teil  der  belgischen  Bevolkerung  sich  die  Stellung  eines  natiir- 
lichen  Beschtitzers  und  zuverlassigen  Freundes  erwirbt  und  sichert.  Nach  Lage 
der  Verhaltnisse  kann  sich  ein  Gefuhl  der  Zusammengehorigkeit  nur  in  den 
flamischen  Landesteilen  heranbilden,  deren  tiralte  Kultur  und  Sprache  der 
unserigen  venvandt  ist  und  deren  berechtigte  nationale  Bestrebungen  ixn 
Kampf  gegen  die  franzosierenden  Einfliisse  vor  dem  Kriege  nur  teilweise  und 
zogernd  Anerkennung  gefunden  haben.  Mit  Dank  wiirde  ich  es  daher  begruBen, 
wenn  Eure  Exzellenz  dem  flamischen  Problem  nachhaltig  und  eingehend  Ihr 
Interesse  zuwenden  und  daftir  Sorge  tragen  wollten,  daB  alle  damit  in  Ver- 
bindung  stehenden  Fragen  einheitlich,  vielleicht  von  einer  besonders  damit  zu 
betrauenden  Stelle,  behandelt  werden.  Besonders  wichtig  erscheint,  neben  all- 
mahlicher  Fuhlungnahme  mit  den  geistigen  und  wohl  auch  religiosen  Fuhrern 
der  Bewegung,  die  weitestgehende  Forderung  der  flamischen  Sprache  (unter 
Verzicht  darauf,  in  den  flamischen  Landesteilen  der  deutschen  Sprache  eine 
iibergeordnete  Rolle  zuzuteilen),  ferner  die  Ausgestaltung  der  Universitat  in 
Gent  zu  einer  rein  flamischen  Lehranstalt  und  die  Herstellung  einer  fiir  die 
militarischen  Interessen  annehmbaren  publizistischen  Verbindung  zwischen 
Holland  und  den  flamischen  Gebieten.  Die  Reichsbehorden,  insbesondere  das 
Auswartige  Amt,  werden  Anweisung  erhalten,  Euer  Exzellenz  Bestrebungen 
in  jeder  Weise  zu  fordern.  Um  den  in  Ost-  und  Westflandern  aus  der  Zuge- 
horigkeit  dieser  Provinzen  zum  Operationsgebiet  etwa  erwachsenden  Schwierig- 
keiten  zu  begegnen,  werde  ich  z weeks  Verstandigung  des  Armeeoberkomman- 
dos  mich  mit  der  Obersten  Heeresleitung  in  Verbindung  setzen.*  Als  der  Ver- 
waltungschef,  dem  B.  diesen  ErlaB  zum  Vortrag  zuschrieb,  zogerte,  Mafi- 
nahmen  zu  ergreifen,  nahm  B.  die  Behandlung  selbst  in  die  Hand,  lieB  sich  von 
sachverstandiger  Seite  auBerhalb  der  Verwaltung  unterrichten  und  erlieB  am 
10.  Januar  1915  seine  Richtlinien  zur  Flamenpolitik.  Er  errichtete  den  Flamischen 
AusschuB,  dessen  erste  Sitzung  am   16.  Januar  stattfand  und  dessen  Vor- 
sitzender  bald  der  Leiter  der  neu  errichteten  Politischen  Abteilung  wurde.  In 
diesen  Richtlinien  gab  er  verschiedene  Vorschriften  liber  Anwendung  der  fla- 
mischen Sprache.  Aber  die  »an  sich  hochbedeutenden  Fragen  des  Ausbaues 
des  flamischen  Schulwesens  und  einer  flamischen  Hochschule  in  Gent*  wollte 
er  vorerst  noch  zuriickgestellt  wissen.  Die  Verhaltnisse  erschienen  ihm  damals 
dazu  noch  nicht  reif  genug.  »Die  Masse  des  flamischen  Volkes*  sei  »zur  Zeit 
durch  die  Ereignisse  und  Note  des  Krieges  stark  verstort,  zum  Teil  noch  in 
MiBstimmung   und  Vorurteilen   gegen   uns  befangen«,   welche  Stimmungen 
» durch  eine  ausgezeichnet  arbeitende  geheime  Verhetzung  von  franzosischer 
Seite  noch  fortdauernd  geschiirtd  werde.  Hier  miisse  erst  durch  geduldige  und 
zahe  Kleinarbeit  eine  Anderung  platz  greifen.    Dabei  diirfe  man  aber  »den 
leitenden  Grundgedanken  der  flamischen  Bewegung  uns  Deutschen  gegeniiber 
nicht  antasten«.  Sehr  klar  formulierte  er  diesen  mit  den  Worten:  »Es  sind  nur 
einzelne  Flamen,  welche  direkt  das  Aufgehen  in  Deutschland  wollen.  Wir,  die 
groBe  Mehrzahl  der  flamischen  Volksgenossen,  wollen  Germanen  mit  flamisch- 
niederdeutscher  Kultur  sein,  aber  nicht  zu  Hochdeutschen  mit  hochdeutscher 


Bissing  gT 

Sprache  gemacht  werden.  Wir  wollen  die  volkische  Selbstandigkeit  der  Nieder- 
lande  gewahrt  wissen.  Unsere  flamische  Bewegung  hat  als  Ziel  die  geistige  und 
materielle  Hebung  unserer  Volksgenossen  durch  das  Mittel  der  heimischen 
Muttersprache.  Die  Reichsdeutschen  erkennen  wir  als  ein  uns  befreundetes 
Volk  an,  das  uns  stammverwandt  ist,  in  dem  wir  aber  keine  Landesgenossen 
erblicken.«  So  deutlich  B.  mit  diesen  Worten  das  Wesen  der  damaligen  flami- 
schen  Bewegung  umschrieb,  so  gab  er  doch  den  Gedanken  und  Wunsch  nicht 
preis,  daB  diese  Gebiete  fur  Deutschland  gewonnen  werden  konnten,  indem 
er  am  Schlusse  seiner  Richtlinien  vermerkte:  »Sollte  die  zur  Zeit  bestehende 
Okkupation  des  Landes  sich  zu  einer  dauernden  gestalten,  so  kann  es  meines 
Erachtens  keinem  Zweifel  unterliegen,  daB  durch  diese  Tatsache  allein  auf  die 
Dauer  die  im  Flamentum  bestehenden  bedingten  Sympathien  eine  nachhaltige 
und  schlieBlich  auch  sieghafte  Starkung  erfahren  wiirden.*  In  einer  Denkschrift 
an  den  Kaiser  aus  dem  April  1915  vertrat  er  noch  durchaus  Gedankengange, 
die  in  den  alten  Gleisen  verliefen,  und  sprach  sich  gegen  eine  Teilung  Belgiens 
nach  Sprachgrenzen  und  fiir  eine  voile  Einverleibung  mit  Militardiktatur  und 
nachfolgender  Selbstverwaltung  unter  einem  mit  Vetorecht  ausgestatteten 
Statthalter  aus.  Die  Politische  Abteilung  in  Briissel,  deren  Mitglieder  die 
Trager  der  Flamenpolitik  waren,  hatte  eine  andere  Auffassung  und  trat  fiir 
Zweiteilung  des  Landes  ein.  Obwohl  diese  Abteilung  wie  die  iibrigen  Zivil- 
behorden  dem  Reichsministerium  des  Innern  unterstellt  war,  brachte  doch 
die  Zugehorigkeit  ihres  loiters  zum  Auswartigen  Amt  und  ihr  Arbeitsgebiet 
es  mit  sich,  daB  sie  auch  in  unmittelbarem  Verkehr  mit  dem  Auswartigen  Amt 
und  damit  mit  dem  Reichskanzler  stand.  In  der  Flamenpolitik  verfolgten  diese 
drei  gemeinsame  Ziele,  die  von  dem  Gesichtspunkte  ausgingen,  daB  die  »Po- 
litik  in  Belgien  alle  Eventualitaten  im  Auge  behalten  mussed  und  daB  deshalb 
»gerade  die  flamische  Frage  von  dem  Gesichtspunkt  betrachtet  werden  miisse, 
da£  der  Ausgang  des  Krieges  uns  nicht  die  Moglichkeit  gewahrt,  nach  Gut- 
dunken  iiber  das  Schicksal  Belgiens  zu  entscheiden*.  Gerade  deshalb  forderte 
der  Reichskanzler  eine  Beschleunigung  der  Losung  der  flamischen  Fragen. 
Die  Politische  Abteilung  wurde  somit  der  stets  drangende  Teil  gegeniiber  der 
stets  zogernden  Zivilverwaltung.  Es  ist  das  hohe  Verdienst  B.s  und  ein  deutliches 
Zeichen  seiner  Fahigkeiten  als  Herrscher,  daB  er  zwischen  diesen  beiden  Fak- 
toren  stets  den  richtigen  Mittelweg  suchte  und  fand,  daB  er  keineswegs  starr 
auf  seiner  Ansicht  verharrte  und  daB  er,  sobald  er  sich  von  der  Richtigkeit 
einer  anderen  Auffassung  iiberzeugt  hatte,  diese  dann  auch  mit  seiner  ganzen 
Tatkraft  zur  Durchfuhrung  brachte.  So  hat  er,  wie  er  selbst  sagt,  »nur  zogernd* 
den  Schritt  zur  Bildung  einer  flamischen  Hochschule  in  Gent  unternommen. 
Aber  nachdem  er  einmal  in  tJbereinstimmung  und  auf  besonderes  Andringen 
des  Reichskanzlers  die  grundlegende  Verordnung  fiir  die  Umwandlung  der 
Genter  Universitat  in  eine  flamische  Hochschule  am  15.  Marz  1916  erlassen 
hatte,  sorgte  er  durch  Einsetzung  einer  besonderen  Kommission  dafiir,  daB 
in  genauester  Einzelvorbereitung  ein  Werk  aus  einem  GuB  entstiinde.  Und  mit 
voller  Uberzeugung  konnte  er  in  seiner  Ansprache  bei  Eroffnung  dieser  Uni- 
versitat am  21.  Oktober  1916  sagen:  »Die  traurigen  sozialen  Zustande  unter 
der  flamischen  Mehrheit  des  belgischen  Volkes  konnten  ohne  eine  zielbewuBte 
Forderung  der  lange  vernachlassigten  Rechte  der  Flamen  nicht  behoben  wer- 
den,* und  weiter:  » Keine  deutsche  Hochschule  soil  hier  entstehen,  aber  erst 


52  1917 

recht  keine  franzosische,  sondern  eine  im  flamischen  Volke  wurzelnde  nieder- 
landische.«  Schon  vorher  hatte  B.  auf  Grund  einer  langen  Denkschrift  der  Po- 
litischen  Abteilung  am  27.  Juni  19 16  neue  Richtlinien  fiir  seine  Flamenpolitik 
herausgegeben.  Eine  eingehende  Unterredung  mit  dem  Reichskanzler  v.  Beth- 
mann  Hollweg  in  Berlin  war  vorausgegangen.  Dabei  hatte  dieser  den  Zeitpunkt 
fiir  gekommen  erachtet,  »die  Flamenbewegung  auch  dadurch  zu  fordern, 
daB  man  eine  Verwaltungstrennung  vornehme  und  Flamen  zur  Mitarbeit  besser 
wie  bisher  heranzoge«.  Der  Reichskanzler  erorterte  gegeniiber  B.  seine  Kriegs- 
ziele,  und  diesem  wurde  » dadurch  eine  festere  Grundlage  fiir  eine  lebhaftere 
Flamenpolitik  gegeben«.  Er  sagte  dem  Reichskanzler  zu,  »auf  dem  bereits  be- 
schrittenen  Wege  vorwartszugehen  und  allmahlich  MaBnahmen  zu  treffen, 
welche  seine  belgische  Politik  fordern  und  der  Flamenbewegung  Nutzen 
bringen  sollen«.  In  den  neuen  Richtlinien  betonte  er,  »daJ3  wir  uns  in  dem 
Lande,  das  wir  angeblich  mit  roher  Gewalt  vernichten  wollten,  vor  die  Aufgabe 
gestellt  sehen,  einem  lange  unterdriickten  Volke  zur  Wiederaufrichtung  und 
zu  hoherem  Leben  zu  verhelfen  und  damit  Leistungen  zu  vollbringen  haben, 
welche  gerade  die  Entente  mit  England  an  der  Spitze  als  ihr  Kriegsziel  in  alle 
Welt  hinausschreit :  ,Schutz  der  kleinen  Nationen'.  «  Es  sei  jetzt  die  Zeit  ge- 
kommen, zu  einer  Verwaltungstrennung  iiberzugehen.  Damit  kamen  die  von 
den  Flamen  seit  langem  vorgebrachten  Wiinsche  der  Verwirklichung  nahe. 
B.  ging  allerdings  auch  jetzt  in  der  Weise  seiner  wohliiberlegten  Kleinarbeit 
vor,  indem  er  zunachst  das  Kultusministerium  durch  die  Verordnung  vom 
25.  Oktober  19 16  in  eine  flamische  und  in  eine  wallonische  Abteilung  trennte 
und  fiir  die  iibrigen  Ministerien  Vorarbeiten  machen  lieB.  Als  dann  zu  Anfang 
des  Jahres  1917  die  Neujahrsfriedensbotschaft  des  Kaisers  erschien,  furchteten 
die  Flamen,  daB  ihre  Rechte,  falls  es  tatsachlich  zu  Friedensverhandlungen 
komme,  weniger  sicher  durchgesetzt  werden  konnten,  wenn  sie  keine  eigene 
Vertretung  hatten.  Deshalb  stellten  46  Obmanner  aller  Gruppen  am  7.  Januar 
1917  in  Brussel  die  Forderung  auf:  »Die  Flamen  in  Belgien  fordern  fiir  Flandern 
vollstandige  und  allseitige  Selbstandigkeit  und  Selbstregierung  und  die  un- 
verziigliche  Verwirklichung  aller  MaBnahmen,  die  dazu  fiihren  konnen«,  und 
errichteten  am  4.  Februar  in  einer  Versammlung  von  200  beauftragten  Ver- 
trauensmannern  aus  dem  ganzen  Lande  den  aus  50  Mitgliedern  bestehenden 
Rat  von  Flandern.  Dadurch  erhielt  die  Flamenpolitik  einen  Ansporn  zu  wei- 
teren  MaBnahmen,  und  nachdem  die  Reichsregierung  durch  den  Staatssekretar 
des  Innern  Helfferich  in  einer  Besprechung  am  17.  Marz  in  Brussel  deutlich 
den  Willen  zu  erkennen  gegeben  hatte,  auf  dem  einmal  eingeschlagenen  Wege 
weiterzuschreiten,  setzte  B.  eine  Kommission  fiir  die  Verwaltungstrennung 
des  Landes  ein  und  erlieB  am  21.  Marz  19 17  die  grundlegende  Verfiigung  der 
Trennung  des  Landes  in  zwei  Verwaltungsgebiete.  So  sind  alle  groBen  Verord- 
nungen  zur  Neugestaltung  und  Neubelebung  Flanderns  unter  der  Regierung 
B.s  zustande  gekommen.  Die  spatere  Zeit  brachte  dann  nur  die  Ausfuhrung 
dieser  Grundsatze.  B.  hat  in  den  letzten  Monaten  seines  Lebens  mehrere  Denk- 
schriften  an  den  Kaiser  und  an  den  Reichskanzler  gerichtet.  Darin  gibt  er  klar 
seiner  Auffassung  Ausdruck,  daB  » jede  allzu  vordringliche  deutsche  Einwirkung, 
besonders  alle  Verdeutschungsversuche  bei  diesem  zah  an  seiner  Eigenart  fest- 
haltenden  Volke  das  Gegenteil  der  beabsichtigten  Annaherung  bewirken  wiir- 
den.  Dagegen  bedeutet  die  Starkung  des  flamisch-niederlandischen  Volkstums 


Bissing  co 

an  sich,  wegen  seiner  sprachlichen  und  kulturellen  Verwandtschaft  mit  deut- 
scher  Art  und  wegen  der  friiher  beiderseits  zu  wenig  erkannten  Interessen- 
gemeinschaft  zwischen  Deutschen  und  Flamen,  auch  einen  Gewinn  fur  Deutsch- 
land  und  eine  Schwachung  des  Franzosentums. «  Diese  Denkschriften  zeigen 
in  der  grundsatzlichen  Einstellung  in  bezug  auf  die  flamische  Sprache  keine 
Anderung  gegeniiber  der  ursprunglichen  Auffassung,  wohl  aber  in  der  Form 
der  Durchfuhrung  der  Flamenpolitik.  Von  einem  ungeteilten  Belgien  ist  keine 
Rede  mehr.  Die  Forderungen  der  Flamen,  die  von  der  Politischen  Abteilung 
friihzeitig  als  richtig  und  durchfuhrbar  erkannt  und  von  der  Reichsleitung 
anerkannt  worden  waren,  werden  jetzt  auch  von  dem  Generalgouverneur  ge- 
billigt.  Man  kann  deshalb  die  Denkschrift,  die  nach  dem  Tode  B.s  in  der  Zeit- 
schxift  »Das  groBere  Deutschland«  von  Bacmeister  am  19.  Mai  1917  veroffent- 
Licht  und  als  » Testament  B.s«  bezeichnet  worden  ist,  nicht  als  sein  Testament 
ansprechen.  Diese  Denkschrift  tragt  die  Ziige  der  Zeit  um  die  Jahreswende 
von  1915  zu  1916,  also  einer  sehr  friihen  Zeit,  wo  weder  die  Genter  Hochschule 
verflamscht  noch  der  Rat  von  Flandern  geboren  noch  die  Verwaltungstrennung 
ausgesprochen  war.  Nur  das  eine  ist  richtig,  daB  B.  bis  zum  SchluB  an  dem 
Gedanken  einer  Oberherrschaft  Deutschlands  festgehalten  hat.  Aber  die  Form 
dieser  Oberherrschaft  hat  sich  auch  bei  ihm  mit  dem  Fortschreiten  der  flami- 
schen  Bewegung  gewandelt,  und  je  starker  das  Flamentum  selbst  wurde,  um 
so  geringer  vvurden  die  Moglichkeiten  einer  glatten  Annexion.  Die  Mitarbeiter 
B.s,  vor  allem  die  in  der  Politischen  Abteilung,  haben  nicht  immer  den  gleichen 
Standpunkt  wie  der  Generalgouverneur  eingenommen.  Es  war  einer  seiner 
groBen  Vorziige,  daB  er  seine  Mitarbeiter  arbeiten  lieB,  ihren  Gedankengangen 
sich  nicht  verschloB  und  fur  die  Moglichkeiten  der  von  ihnen  vertretenen 
politischen  Losungen,  die  dem  veranderlichen  Ablauf  historischen  Geschehens 
unterworfen  sind,  einen  offenen  Blick  hatte.  Dabei  half  ihm  auch  sein  hoher 
Begriff  der  Pflichterfiillung,  der  ihn  veranlaBte,  seinen  verantwortlichen  Be- 
amten  auch  die  Freudigkeit  und  den  Mut  der  Verantwortung  zu  belassen. 
Dies  war  um  so  schwieriger,  als  sich  gerade  in  der  belgischen  Frage  aus  den 
verschiedensten  Kreisen  unverantwortliche  Ratgeber  an  ihn  herandrangten, 
deren  Stellung  und  Bedeutung  oftmals  den  Anspruch  begriindeten,  gehort 
und  beachtet  zu  werden.  Ein  letztes  Urteil  iiber  B.s  Verwaltung  und  iiber  seine 
Regierungspolitik  wird  erst  moglich  sein,  wenn  die  gesamte,  sehr  verwickelte 
belgische  Frage  einmal  eingehend  untersucht  und  dargestellt  werden  kann. 
Sein  Name  wird  aber  mit  dem  politischen  BewuBtwerden  des  Flamentums  fur 
alle  Zeiten  verbunden  sein. 

Nachdem  B.  am  8.  April  19 17  seine  letzte  Denkschrift  an  den  Kaiser  ab- 
gesandt  hatte,  nahm  seine  schon  lange  wahrende  Krankheit  so  rasch  zu,  daB 
er  am  14.  April  die  Regierungsgeschafte  niederlegen  muBte.  Mit  zahester 
Energie  hatte  er  fast  bis  zum  letzten  Atemzuge  trotz  groBter  korperlicher  Be- 
hinderung  sein  Amt  erfullt.  Sein  Stellvertreter  wurde  an  diesem  Tage  der 
General  der  Infanterie  v.  Zwehl,  Gouverneur  von  Antwerpen.  Am  18.  April, 
8  Uhr  40  Minuten  nachmittags,  verschied  B.  in  Trois  Fontaines.  Wie  B.  einmal 
in  einem  ErlaB  an  seine  Gouverneure  gesagt  hat,  »daB  jeder  einzelne  von  uns, 
vom  einfachsten  Landsturmmann  bis  zu  mir  herauf,  die  Verpflichtung  hat, 
die  Ehre  und  den  Ruf  der  deutschen  Armee,  des  deutschen  Namens  auch  den- 
jenigen  gegeniiber  zu  wahren,  die  unsere  Feinde  sind«,  so  hat  er  diesen  Ehr- 


54  w? 

begriff  bis  zuletzt  vor  allem  als  Pflichterfiillung  gefaBt.  Auf  dem  Totenbett 
hat  er  sich  noch  einmal  emporgerichtet  und  in  der  Annahme,  im  Kreise  seiner 
Mitarbeiter  zu  stehen,  seine  letzte  ergreifende  Rede  gehalten,  die  von  seiner 
Gemahlin  dann  aufgezeichnet  worden  ist;  darin  hat  er  in  einer  Art  Rechen- 
schaftsbericht  im  Angesicht  des  Todes  u.  a.  die  Worte  gesprochen:  »Ich  habe 
viel  und  lange  dariiber  nachgedacht,  wie  wir  unsere  Aufgabe  gestalten  miissen, 
in  welcher  Weise  sie  ergriffen,  durchdacht  und  angefaJ3t  werden  muB,  urn  etwas 
Brauchbares,  etwas  Bleibendes  zu  schaffen,  etwas  zu  gestalten,  was  nicht  ein 
Ideal  ist,  aber  doch  einen  idealen  Wert  behalt.  Ob  es  mir  gelungen  ist,  ich  weiB 
es  nicht,  und  erst  die  Zukunft  wird  es  lehren.  Aber  wir  haben  es  versucht,  und 
wir  haben  unsere  besten  Krafte  daran  verwendet.  Die  besten  Manner  des 
Vaterlandes  haben  von  Anf ang  an,  jeder  an  seiner  Stelle,  hier  gearbeitet .  .  . 
Es  ist  eine  gewaltige  Aufgabe  gewesen,  die  an  jeden  einzelnen  gestellt  worden 
ist,  denn  es  gait,  die  Verhaltnisse,  die  sich  langsam  uberhaupt  erst  gestalteten, 
erst  heranreiften  und  noch  nicht  ausgereift  sind,  nicht  allein  zu  beherrschen, 
sondern  vorauszusehen,  sich  tastend  Schritt  fiir  Schritt  weiter  zu  wagen  und 
doch  die  Gaben,  die  Erfahrungen  jedes  einzelnen  dem  Ganzen,  dem  gewaltigen 
Plane  so  dienstbar  zu  machen,  daB  es  fiir  die  Zukunft,  welche  wir  heute  noch 
nicht  iibersehen  konnen,  Fruchte  tragen  kann,  selbst  wenn  wir  nicht  erleben 
konnten,  daB  sie  reifen  .  .  .  Als  alter  Offizier  im  Dienste  seiner  Majestat  des 
Konigs  und  als  Mann,  der  sein  deutsches  Vaterland  liebt,  habe  ich  nur  den 
einen  Begriff  von  Ehre,  namlich  den,  meine  Pflicht  zu  tun  bis  zum  letzten  Atem- 
zuge.  Das  ist  die  einzige  Ehre,  die  einen  deutschen  Mann  erfullen  darf .  Ich  habe 
oft  daran  gedacht,  daB  ich  ein  alter,  kranker,  verbrauchter  Mann  bin,  und  ich 
ware  nicht  an  dieser  Stelle  geblieben,  wenn  ich  mir  nicht  gesagt  hatte,  daB  die 
Arbeit,  die  Erfahrung,  der  Gedankengang  dieses  alten  Mannes,  welcher  von 
Anfang  an  hier  gearbeitet  hat,  jetzt  noch  fiir  die  groBe  Sache  notwendig  ge- 
wesen ist;  darum  bin  ich  noch  hier  geblieben,  darum  gebe  ich  meine  letzten 
Krafte  hin.  Es  ist  nicht  Eitelkeit  oder  Diinkel  gewesen,  aber  der  Wunsch, 
meine  Pflicht  zu  tun  bis  zum  allerletzten,  solange  mir  noch  die  Kraft  blieb, 
das  Wort  , Pflicht'  zu  erkennen.* 

Iriteratur:  Schriften  B.s:  Ausbildung,  Fuhrung  und  Verwendung  der  Reiterei  (Bei- 
heft  zum  Militarwochenblatt  1895,  He^  2)-  —  Die  Ubungen  und  Tatigkeit  der  Kavallerie- 
Division  B  im  Herbst  1897  (ebda.  1898,  Heft  5).  —  Massen- oder  Teilfuhrung  der  Kaval- 
lerie,  Berlin  1900.  —  Das  Korpsmanover  des  VII.  Armeekorps  in  den  Tagen  vom  21.  bis 
23.  September  1903,  Miinster  i.  W.  1903.  —  Das  Korpsmanover  des  VII.  Armeekorps  in 
den  Tagen  vom  21.  bis  24.  September  1904,  Miinster  i.  W.  1905.  —  AUgemeine  Bemer- 
kungen  zu  den  Manovern  im  Jahre  1905,  Miinster  i.  W.  1906.  —  Bemerkungen  iiber  Aus- 
bildung und  Verwendung  aller  Waffen,  iiber  Leitung  und  Ausfuhrung  der  Manover,  Miin- 
ster i.  W.  1907.  —  Aufierdem  zahlreiche  Aufsatze  in  Zeitungen  und  Zeitschriften,  von 
denen  einige  im  Text  genannt  sind.  —  Der  NachlaB  B.s  befindet  sich  zum  Teil  im  Reichs- 
archiv,  zum  Teil  im  Besitz  seiner  Gemahlin. 

Potsdam.  Robert  Paul  Ofiwald. 

Brentano,  Franz,  Philosoph,  *  am  16.  Januar  1838  in  Marienberg  bei  Boppard 
a.  Rh.,  f  am  17.  Marz  1917  in  Zurich.  —  B.,  Sohn  des  katholischen  Schrift- 
stellers  Christian  B.,  Neffe  des  Dichters  Clemens  B.,  Bruder  des  National- 
okonomen  Lujo  B.,  besuchte  in  Aschaffenburg,  wo  die  Familie  bald  nach  seiner 
Geburt  ihren  dauernden  Wohnsitz  nahm,  das  Gymnasium,  studierte  dann  in 


Bissing.  Brentano  55 

Miinchen,  Wiirzburg,  Berlin  (wo  ihn  Trendelenburg  in  das  aristotelische  Stu- 
dium  einfuhrte)  und  Minister  Philosophic  Anf  Grund  seiner  Schrift:  »Von  der 
mannigfachen  Bedeutung  des  Seienden  bei  Aristoteles*  1862,  welche  namentlich 
-die  Bedeutung  und  Entstehung  der  aristotelischen  Kategorienlehre  in  neues 
Licht  setzte,  wurde  ihm  von  der  Tubinger  philosophischen  Fakultat  der  Doktor- 
titel  zuerkannt.  Seine  durch  den  Geist  des  Elternhauses  genahrte  religiose  Rich- 
tung  trieb  ihn  zum  Studiura  der  katholischen  Theologie.  Er  wurde  1864  Priester, 
setzte  aber  seine  aristotelischen  Forschungen  fort  und  habilitierte  sich  1866 
mit  der  Schrift :  »Die  Psychologie  des  Aristoteles,  insbesondere  seine  Lehre  vom 
vof)$  7toirjTiK6s«  (1867)  in  Wiirzburg  fur  Philosophic  Diese  durch  sorgfaltige 
Textanalyse  und  prazise  Darstellung  ausgezeichnete  Schrift  fiihrt  zuletzt  den 
seit  Averroes  oft  in  pantheistischenv  Sinn  als  ein  Denken  Gottes  im  Menschen 
gedeuteten  nntellectus  agensn  auf  eine  begriffsbildende  Kraft  der  menschlichen 
Seele  zurtick. 

B.s  Sinn  war  aber  langst  nicht  nur  auf  geschichtliche  Studien,  sondern  auch 
auf  eine  Erneuerung  der  nach  Hegels  Tode  zusammengebrochenen  Philosophic 
gerichtet.  Er  sah  in  der  Abkehr  von  der  Erf ahrung  die  Ursache  des  Zusammen- 
bruches,  in  den  spekulativen  Systemen  selbst  also  bereits  Irrwege,  und  setzte 
sich  das  Ziel,  die  Philosophic  durch  Wiedereinfiihrung  der  naturwissenschaft- 
lichen  (induktiven)  Methode,  die  eine  seiner  Habilitationsthesen  als  die  der 
Philosophic  einzig  angemessene  bezeichnete,  von  Grund  aus  zu  reformieren,  ohne 
dabei  die  Richtung  auf  die  hochsten  Fragen  preiszugeben.  Diese  Verbindung 
cines  hochgespannten  Idealismus  mit  der  Wertschatzung  der  Tatsachen,  mit 
auBerster  Scharfe  des  logischen  Denkens,  kristallklarem  Vortrag  und  einer 
ganz  der  Sache  hingegebenen,  durch  den  Charakter  wie  die  auBere  Erscheinung 
faszinierenden  Personlichkeit  fuhrten  ihm  nicht  nur  einen  weiten  Horerkreis, 
sondern  auch  begeisterte  nahere  Schiiler  zu.  So  von  Anfang  an  den  Unter- 
zeichneten,  bald  darauf  Anton  Marty  (1876  Professor  in  Czernowitz,  1882 — 1914 
in  Prag,  als  Forscher  besonders  durch  seine  Untersuchungen  zur  Sprach- 
philosophie  und  L,ogik  hervorragend).  Auch  Georg  v.  Hertling  (s.  unten, 
S.  416  if.),  der  sich  neben  der  philosophischen  bald  auch  der  politischen  Lauf- 
bahn  widmete,  Fuhrer  der  Zentrumspartei  und  zuletzt  Reichskanzler  wurde, 
und  Hermann  Schell,  der  spatere  Fuhrer  der  »Modernisten«  unter  den  katho- 
lischen Theologen,  waren  seine  Schiiler  in  dieser  Wiirzburger  Zeit. 

In  den  Vorlesungen  ging  B.  von  der  Geschichte  der  Philosophic  zum  Aufbau 
einer  groBangelegten  Metaphysik  iiber,  sodann  zu  einer  ebenso  kuhnen  wie 
folgerichtig  aus  bestimmten  Vordersatzen  abgeleiteten  Reform  und  Verein- 
fachung  der  iiberlieferten  Logik,  endlich  zu  einer  Psychologie  im  Sinne  genauer 
Beschreibung,  Analyse  und  Klassifikation  der  psychischen  Phanomenc  Stu- 
dien iiber  A.  Comte  (dem  auch  eine  offentliche  Vorlesung  gewidmet  war)  und 
iiber  J.  St.  Mill  und  den  englischen  Empirismus  trugen  zu  dieser  rein  empi- 
rischen  Aufgabestellung  bei.  Die  Vorlesungen  dieser  Wiirzburger  Jahre,  von 
denen  teilweise  genaue  Nachschriften  vorhanden  sind,  zeugen  von  einer 
cminenten  wissenschaftlichen  Produktionskraft. 

Allmahlich  geriet  aber  B.  in  wachsende,  zuletzt  unlosbare  Schwierigkeiten 
mit  den  Dogmen  der  Kirche.  Als  iiberdies  kirchengeschichtliche  Studien  ihm 
das  Unfehlbarkeitsdogma,  dessen  Verkundigung  unmittelbar  bevorstand,  als 
mit  den  Tatsachen  unvertraglich  zeigten,  trennte  er  sich  1870  innerlich  von  der 


56  1917 

Kirche.  Doch  legte  er,  hauptsachlich  aus  Riicksicht  auf  seine  Mutter,  erst  1873 
das  Priestergewand  ab  und  erklarte  dem  Bischof  seinen  Austritt  aus  dem  geist- 
lichen  Stande.  Kurz  zuvor  hatte  er  auch  das  ihm  1872  verliehene  Extraordina- 
riat  an  der  Universitat  niedergelegt. 

1874  erschien  der  1 .  Band  seiner  »  Psychologie  vom  empirischen  Standpunkte  «. 
In  demselben  Jahre  wurde  er  unter  dem  liberalen  Ministerium  Stremayr  als 
Ordinarius  der  Philosophic  nach  Wien  berufen  und  entfaltete  nun  dort  eine 
noch  ausgedehntere  Wirksamkeit.  Seine  Vorlesungen  erstreckten  sich  jetzt 
auch  auf  die  fur  Juristen  in  Osterreich  obligatorische  »praktische  Philosophies 
(Ethik  und  Rechtsphilosophie).  Er  zog  wieder  viele  jiingere  Krafte  zur  For- 
schung  heran,  so  A.  v.  Meinong,  der  dann  in  Graz  selbst  eine  einfluBreiche 
Schule  begriindete,  Franz  Hillebrand,  der  sich  besonders  als  Experimental- 
psychologe  im  Gebiete  der  Raumlehre  auszeichnete  (1896 — 1926  Ordinarius  in 
Innsbruck),  Twardowski  (spater  Professor  in  Lemberg),  Masaryk,  der  1882  an 
die  neubegriindete  tschechische  Universitat  in  Prag  kam  und  nach  dem  Welt- 
kriege  Prasident  der  tschechoslowakischen  Republik  wurde,  Husserl  (spater 
in  Halle,  Gottingen,  Freiburg  i.  B.),  den  bekannten  Fuhrer  der  »Phanomeno- 
logen«,  v.  Ehrenfels  (Prag),  der  den  Anstofl  zur  » Gestaltpsychologie «  gab, 
Hofler  (Prag,  Wien)  u.  a.  Er  war  aber  auch  in  der  Wiener  Gesellschaft  ein  gern 
gesehener  Gast.  Ein  Zeugnis  seiner  geistbelebten  Unterhaltung  ist  die  unter 
dem  Autornamen  »  Aenigmatias«erschienene  und  mehrfach  aufgelegteSammlung 
seiner  bei  solchen  Gelegenheiten  aufgegebenen,  ebenso  scharfsinnig  erdachten 
wie  kiinstlerisch  geformten  Ratsel.  Auch  im  Schachspiel,  das  gleichermaBen 
seiner  Neigung  zur  Stellung  und  Losung  von  Problemen  entsprach,  war  er 
Meister.  1880  verheiratete  er  sich  mit  Ida  I,ieben,  einer  anmutigen  und  kunst- 
sinnigen  Wienerin,  muBte  aber,  um  seine  Ehe  gegen  alle  Einwendungen  zu 
schiitzen,  aus  dem  osterreichischen  Untertanenverband  austreten  und  seine 
Stellung  als  Ordinarius  mit  der  eines  Privatdozenten  vertauschen.  Obgleich  die 
philosophische  Fakultat  mehrmals  seine  Wiederernennung  beantragte,  konnte 
sich  das  Ministerium  Gautsch  aus  Riicksicht  auf  die  Kirche  nicht  zur  Wieder- 
anstellung  entschlieBen.  Da  ihm  1894  auch  die  Gattin  durch  den  Tod  entrissen 
wurde,  entschlofi  er  sich  1895,  Wien  und  Osterreich  uberhaupt,  dem  er  sehr 
zugetan  war,  zu  verlassen. 

1896  erwarb  er  die  italienische  Staatsbiirgerschaft  (Norditalien  war  die  Ur- 
heimat  der  Brentanos)  und  liefi  sich  in  Florenz  nieder.  Die  Sommermonate 
pflegte  er  aber  in  seinem  1887  erworbenen  idyllischen  Anwesen  zu  Schonbuhl 
bei  Melk  an  der  Donau  zu  verbringen.  1897  schloB  er  einen  zweiten  Ehebund 
mit  Emilie  Rueprecht,  die  ihm  nicht  nur  eine  sorgliche  Gattin,  sondern  auch, 
seitdem  ein  Augenleiden  ihm  das  Lesen  und  Schreibenimmer  mehr  erschwerte, 
eine  Helferin  bei  seinen  wissenschaftlichen  Arbeiten  wurde.  In  Italien,  wo  er 
gelegentlich  auch  in  Rom  und  Palermo  langeren  Aufenthalt  nahm,  trat  er  in 
Verbindung  und  Korrespondenz  mit  vielen  dortigen  Gelehrten  (Puglisi,  Amato, 
Vailati,  Enriquez  u.  a.) ;  in  Schonbuhl  wurde  er  regelmafiig  von  Marty  und  viel- 
fach  von  anderen  Schiilern  und  Freunden  aufgesucht.  Philosophische  Diskus- 
sionen  blieben  ihm  I,ebensbedurfnis,  und  jedesmal  begegneten  den  Besuchern 
neue  Erweiterungen  oder  Umbildungen  seiner  Gedankenwelt.  Als  Italien  im 
Weltkriege  auf  die  Seite  unserer  Feinde  trat,  iibersiedelte  er  nach  Zurich,  wo  er 
im8o.  Iyebensjahre,  langst  erblindet,  aber  bis  zumEnde  in  voller  Geistesfrische, 


Brentano  ^y 

gestorben  ist.  Er  hinterlieB  einen  Sohn  aus  erster  Ehe,  der  sich  der  akademischen 
Iyaufbahn  als  Physiker  gewidmet  hat  (z.  Z.  Universitatsdozent  in  Manchester). 

B.  war  seit  1876  korr.  Mitglied  der  Wiener,  seit  1914  auch  der  Berliner  Aka- 
demie  der  Wissenschaften.  Seine  Veroffentlichungen  in  der  Wiener  Zeit  waren 
zumeist  Ausarbeitungen  von  Vortragen,  zu  denen  er  aber  immer  prinzipiell 
wichtige  Fragen  wahlte.  Besonders  gehort  dahin  die  Schrift :  »Vom  Ursprung 
sittlicher  Erkenntnis«  (1889).  Aber  auch  die  aristotelischen  Studien  setzte  er  in 
Abhandlungen  fur  die  Wiener  Akademie  fort  (Kontroverse  mit  E.  Zeller  iiber 
den  aristotelischen  Gottesbegriff).  Nach  der  Wiener  Zeit  erschienen  noch 
»Untersuchungen  zur  Sinnespsychologie«  (1907),  worin  fur  die  Klassif ikation 
und  Analyse  der  Empfindungen,  besonders  der  Farben-  und  Tonempfindungen, 
neue,  zum  Teil  allerdings  nur  hypothetische,  Gesichtspunkte  aufgestellt,  aber 
auch  Beobachtungstatsachen,  wie  die  Identitat  der  Oktaventone,  in  neuer 
Weise  gedeutet  wurden;  ferner  eine  Sonderausgabe  des  Kapitels  »Von  der 
Klassif  ikation  der  psychischen  Phanomene«  aus  der  »  Psychologie  «  mit  wesent- 
lichen  Erganzungen  (Lehre  von  den  Modi  des  Vorstellens,  zu  denen  auch  die 
Zeitvorstellung  gerechnet  wird);  endlich  zwei  zusammenfassende  Schriften 
iiber  Aristoteles*  Weltanschauung.  Aber  B.  hatte  trotz  und  teil  weise  wegen  der 
bestandigen  Durchpriifung  seiner  Anschauungen  wenig  Neigung  zu  Publika- 
tionen.  Die  Friichte  seines  Nachdenkens  wurden  in  zahlreichen  diktierten  Ab- 
handlungen niedergelegt. 

Nach  seinem  Tode  haben  zwei  Schuler  Martys,  Professor  O.  Kraus  (Prag) 
und  Professor  A.  Kastil  (Innsbruck),  die  auch  noch  in  personlichem  Umgange 
B.s  spatere  Anschauungen  kennenlernten,  in  sehr  dankenswerter  Weise  mit 
der  Herausgabe  des  Nachlasses  und  einer  neuen  Ausgabe  der  wichtigsten 
friiheren  Werke  (im  Verlage  Felix  Meiner,  Leipzig)  begonnen  und  sie  mit  Ein- 
leitungen  und  Anmerkungen  versehen.  Der  NachlaB  befindet  sich  zunachst  in 
ihren  Handen;  ebenso  B.s  umfangreiche  Korrespondenz  mit  Marty  und  Kraus 
und  andere  wichtige  Briefsammlungen. 

Durchdringender  Scharfsinn,  Erfassung  des  Prinzipiellen,  Kiihnheit  der 
Konzeptionen,  weitschauende  Vergegenwartigung  logischer  Zusammenhange 
waren  hervorstechende  Ziige  des  B.schen  Denkens.  Zuweilen,  wie  in  gewissen 
Punkten  der  sinnespsychologischen  Untersuchungen  und  in  den  letzten  Aristo- 
telesschriften,  mogen  diese  Vorziige  zu  allzu  groBem  Vertrauen  auf  deduktive 
Gedankengange  gefiihrt  haben.  Aber  mehr  oder  minder  diirfte  eine  solche 
Geisteshaltung  alien  imgroBen  Stile  Philosophierenden  eigen  sein.  Zu  diesen 
intellektuellen  Ziigen  gesellte  sich  eine  nicht  geringe  kiinstlerische  Begabung. 
unbeugsame  Willenskraft  im  Bunde  mit  ethischem  Idealismus,  der  auch  seine 
politische  Einstellung  beherrschte,  ein  starkes  Freundschaftsbedurfnis,  das  sein 
Verhaltnis  zu  den  Schiilern  ganz  im  Sinne  der  antiken  Philosophenschulen  ge- 
staltete,  endlich  eine  tiefreligiose  Grundstimmung,  der  es  nicht  an  gewissen 
mystischen  Elementen  fehlte,  aber  auch  sie  in  enger  Wechselwirkung  mit 
subtiler  Reflexion.  Wer  ihn  genauer  kannte  und  vor  allem  seine  Forschertatig- 
keit  miterlebte,  der  muBte  den  Eindruck  einer  durchaus  genialen,  schopferischen 
Natur  empfangen. 

Als  Hauptpunkte  seiner  Philosophic  waren  zu  nennen:  in  der  Erkenntnis- 
t  h  e  o  r  i  e  und  L  o  g  i  k  die  Herleitung  aller  Begrif fe  aus  den  Gegebenheiten  der 
auBeren  und  inneren  Wahrnehmung,  die  Begriindung  alles  Wissens  auf  un- 


58  1917 

mittelbar  einleuchtende  Urteile,  die  Reduktion  der  allzu  detaillierten  Schlufi- 
lehre  auf  wenige  Grundformen,  die  Rechtfertigung  der  Indnktion  durch  die 
apriorischen  Wahrscheinlichkeitsgesetze ;  in  der  Psychologiedie Charakteri- 
sierung  des  Bewufitseins  durch  die  Beziehung  auf  Gegenstande  (» Inten- 
tion«),  die  Klassifikation  der  Akte  durch  die  Verschiedenheiten  dieser  Be- 
ziehung, die  Unterscheidung  des  Urteilens  vom  blofien  Vorstellen,  die  Ko- 
ordination  von  Fiihlen  und  Wollen,  die  Betonung  der  einheitlichen  Bewufit- 
seinsstruktur  gegeniiber  der  Assoziationspsychologie ;  in  der  Ethik  dieGrund- 
legung  durch  als  richtig  charakterisierte  Wertungs-  und  Vorzugsakte  und  dar- 
auf  gegriindete  unmittelbar  einsichtige  Werturteile ;  in  der  Metaphysikdie 
Theorie  der  Kontinuen  und  der  Relationen,  die  Lehre  vom  Realen  als  dem 
einzig  moglichen  Gegenstand  unseres  Vorstellens  und  Urteilens  (eine  einschnei- 
dende  Neuerung  seiner  spatesten  Zeit,  worin  die  alteren  Schuler  ihm  nicht 
folgten),  die  Lehren  von  dem  endlichen,  aber  ins  Unendliche,  selbst  in  der  Zahl 
der  Dimensionen,  zu  immer  hoheren  Stufen  fortschreitenden  Universum  und 
von  der  Gottheit,  welche  theistisch,  aber  mit  starken  Abweichungen  von  dem 
liberlieferten  christlichen  Gottesbegriffe  gedacht  wird.  Gegen  die  Darwinsche 
Theorie  hat  B.  in  Vorlesungen  immer  scharfe  Einwande  erhoben,  aber  den  all- 
gemeinen  Entwicklungsgedanken  um  so  entschiedener  festgehalten.  Sowohl 
im  Habitus  seines  Denkens  als  auch  in  vielen  inhaltlichen  Ziigen  seiner  Lehre 
steht  er  Leibniz  besonders  nahe  (Theismus,  Optimismus,  Determinismus, 
Rationalismus,  Logikreform,  Theorie  der  unmerklichen Teilempfindungenu. a.). 
Dagegen  erachtete  er  Kants  Grundlegungen  als  verfehlt. 

Als  ein  besonders  wichtiger,  auch  geschichtlich  einfluBreicher  Teil  seines 
Systems  sei  hier  die  Urteilslehre  etwas  naher  charakterisiert.  Gegeniiber  der 
liberlieferten,  namentlich  von  der  englischen  Assoziationspsychologie  ver- 
tretenen  Auffassung  des  Urteils  als  einer  Verbindung  zweier  Vorstellungen 
erkennt  B.  darin  eine  vom  blofien  Vorstellen  wesensverscbiedene  Grund- 
funktion.  Eine  vorgestellte  Materie  wird  bejaht  oder  verneint,  anerkannt 
oder  verworfen.  Sie  kann  aus  Subjekt  und  Pradikat  oder  sonstwie  zusammen- 
gesetzt,  kann  aber  auch  eingliedrig  sein  (z.  B.  bei  Impersonalsatzen).  Die  sprach- 
liche  Formulierung  (Aussage)  mufi  sorgfaltig  vom  Urteil  selbst  unterschieden 
werden ;  viele  sogenannteUrteilsunterschiede  sind  nur  Unterschiede  der  Aussage- 
form.  Es  gibt  auch  ein  sprachloses  Urteilen,  sowohl  im  hoheren  (begrifflichen) 
als  im  elementaren  (anschaulichen)  Denken.  (Uber  B.s  Interpretation  der  Aus- 
sageformen,  die  Ubersetzung  in  Existentialsatze,  in  der  er  mit  einer  damals 
noch  unverof f entlichten  Auf stellung  Leibnizens  zusammentraf ,  und  ihre  Folgen 
fur  die  Syllogistik  s.  Fr.  Hillebrand,  Die  neuen  Theorien  der  kategorischen 
Schliisse  1891).  In  der  Wiener  Zeit  hat  allerdings  die  Urteils-  und  Schlufilehre 
infolge  der  Anerkennung  von  » Doppelurteilen «  (s.  das.)  und  weiterhin  durch 
die  Beziehung  aller  Urteile  auf  Reales  viel  von  ihrer  Einf  achheit  verloren ;  aber 
zu  diesen  Konzessionen  glaubte  sich  eben  B.  durch  die  Tatsachen  genotigt.  — 
Von  der  Urteilsmaterie,  den  zugrunde  liegenden  Vorstellungen,  unterschied  B. 
den  Urteilsinhalt,  der  sprachlich  durch  die  Infinitiv-  oder  »Dafi«-Form  ausge- 
driickt  werden  kann,  z.  B.  Sein  oder  Nichtsein  Gottes.  Dieser  Begriff  des  spe- 
zifischen  Urteilsinhaltes,  fiir  den  Stumpf  den  Terminus  »Sachverhalt«  ein- 
fiihrte,  hat  bei  Marty,  Meinong,  Husserl,  aber  auch  aufierhalb  der  Schule  bei 
Kiilpe  (Logik),    Selz,    Biihler  u.  a.  weitgehende  erkenntnistheoretische  Ver- 


Brentano 


59 


wendung  gefunden.  Gegen  die  Hypostasierung  solcher  Inhalte  aber,  zu  der 
manche  moderne  Richtungen  hinzuneigen  schienen,  hat  B.  spater  nachdriick- 
lich  Stellung  genommen,  auch  darin  nicht  ohne  Beriihning  mit  Leibniz.  — 
Das  Urteilen  erfolgt  entweder  mit  Einsicht  (Evidenz)  oder  ohne  solche,  wie  bei 
den  instinktiven  oder  durch  Gewohnheit  oder  blinde  Gefiihlsmotive  bedingten 
Urteilen.  Jede  Wahrnehmung  ist  schon  ein  Urteil,  die  sinnliche  Wahrnehmung 
ein  einsichtsloses,  die  der  eigenen  augenblicklichen  BewuBtseinsakte  aber 
(innere  Wahrnehmung)  ein  unmittelbar  einsichtiges  Urteil.  Dieses,  Descartes' 
*Cogito,  ergo  sum«,  bildet  die  Grundlage  aller  Erkenntnisse  von  Tatsachen, 
auch  beziiglich  der  AuBenwelt. 

B.  betont  als  eines  der  wichtigsten  Strukturgesetze  des  Psychischen,  dafi 
Vorstellungen  alien  iibrigen  Akten  zugrunde  liegen  und  in  ihnen  eingeschlossen 
sind.  Man  hat  dies  seitens  der  voluntaristischen  Psychologie  als  Intellektualis- 
mus  bezeichnet.  Es  besagt  aber  nicht  im  mindesten  die  Umdeutung  aller 
psychischen  Funktionen  in  bloBe  Vorstellungen  oder  Verstandestatigkeiten. 
B.  dachte  nicht  daran,  die  qualitative  Eigenart  des  Fuhlens  und  Wollens  zu 
bestreiten.  In  jenem  Strukturgesetz  hat  er  aber  zugleich  einen  fur  das  psy- 
chische  Leben  charakteristischen  Zug  hervorgehoben :  die  einseitige  Abtrenn- 
barkeit  der  Vorstellungen.  Man  kann  vorstellen,  ohne  zu  urteilen  oder  zu 
wollen,  aber  nicht  umgekehrt,  wahrend  materielle  Teile  gegenseitig  trennbar 
sind. 

Von  wesentlicher  Bedeutung  fiir  die  Gesamtauffassung  der  Philosophic  bei  B. 
und  den  meisten  seiner  Schuler  ist  f erner  seine  Lehre  von  dem  allgemeinen  Ent- 
wicklungsgange  der  Philosophic  seit  dem  griechischen  Altertum.  Dieser  er- 
scheint  ihm  als  eine  in  alien  drei  Perioden  analog  (wenn  auch  mit  begreiflichen 
Unterschieden  im  einzelnen)  wiederkehrende  Auf einanderf olge  einer  auf steigen- 
den  und  dreier  absteigenden  Phasen  (Verflachung,  Skeptizismus,  Mystizismus), 
die  sich  in  einer  psychologisch  verstandlichen  Folge  ablosen.  Auf  den  Hohe- 
punkt  der  alten  Philosophie,  Aristoteles,  folgen  die  popularen  Schulsysteme  der 
Stoiker  und  Epikureer,  die  skeptischen  Richtungen  der  neuen  Akademie  und 
des  Pyrrhonismus,  endlich  die  mystisch-spekulativen  der  Neupythagoreer  und 
Neuplatoniker ;  auf  die  Hochscholastik  in  Albertus  Magnus  und  Thoma^  von 
Aquino  die  Schulstreitigkeiten  der  beiden  groBen  Orden,  der  Kritizismus  Ock- 
hams,  die  Mystik  des  ausgehenden  Mittelalters  (Nikolaus  v.  Kues) ;  auf  die 
Epoche  von  Bacon  und  Descartes  bis  Locke  und  Leibniz  das  populare  Philo- 
sophieren  der  Aufklarungszeit,  der  Skeptizismus  Humes  und  der  Kritizismus 
Kants,  endlich  die  spekulativ-mystischen  Systeme  des  deutschen  Idealismus. 
Der  Aufstieg  hangt  immer  zusammen  mit  giinstigen  allgemeinen  Kultur- 
bedingungen  und  ist  seitens  der  Philosophierenden  selbst  bedingt  durch  eine 
Verbindung  hochgesteigerten  theoretischen  Interesses  mit  Nuchternheit, 
Griindlichkeit  und  Strenge  des  Denkens.  Auch  ist  charakteristisch  das  Zu- 
sammenwirken  mit  den  Einzelwissenschaften,  insbesondere  den  Naturwissen- 
schaften  als  Vorbildern  induktiver  Methodik  und  Schopfern  des  physischen 
Weltbildes.  DaB  im  Mittelalter,  abgesehen  von  den  Arabern  und  einzelnen 
Scholastikern  wie  Albertus,  die  Naturwissenschaften  darniederlagen,  war 
neben  dem  Drucke  der  kirchlichen  Autoritat  eine  Hauptursache  fiir  den 
Mangel  an  gleich  originellen  Leistungen,  wie  sie  die  beiden  anderen  Perioden 
aufweisen. 


6o  1917 

Diese  Auffassung  des  allgemeinen  Entwicklungsganges  der  Philosophic  bil- 
dete  schon  vor  der  Wurzburger  Zeit  den  Ausgangspunkt  fur  B.s  eigene  philo- 
sophische  Lebensarbeit.  Ob  man  ihm  in  der  Bewertung  der  einzelnen  Stadien 
zustimmt,  hangt  natiirlich  von  dem  eigenen  Standpunkt  ab;  auch  kann  man 
objektiv  das  geschichtliche  Material  nach  vielen  verschiedenenGesichtspunkten 
anordnen.  Aber  daB  hier  lehrreiche  und  fruchtbare  Analogien  vorliegen,  wird 
sich  nicht  leugnen  lassen. 

Nachdem  nun  iiber  60  Jahre  seit  dem  Beginne  von  B.s  Auftreten  ver- 
flossen  sind,  laBt  sich  wohl  auch  seine  eigene  Stellung  in  der  Philosophie- 
geschichte  einigermaBen  bestimmen.  Von  besonderem  Einflusse  war  er  auf  die 
Psychologic  Im  Gegensatze  zu  Wundts,  gleichzeitig  mit  der  »Psychologie  vom 
empirischen  Standpunkte«  erschienener,  » Physiologischen  Psychologie«  hielt 
er  vor  dem  Eintritt  in  die  physiologischen  Erklarungen,  die  zunachst  immer 
hypothetisch  sein  miissen,  eine  genaue  Zergliederung  des  psychischen  Tat- 
bestandes  auf  Grund  verscharfter  Selbstbeobachtung  (er  nannte  sie  deskriptive 
Psychologie  oder  Psychognosie)  fiir  notwendig ;  und  zu  dieser  lieferte  er  muster- 
gultige,  sei  es  auch  nicht  iiberall  endgiiltige,  Grundlegungen  durch  die  Unter- 
scheidung  zwischen  den  Akten  und  den  Gegenstanden  des  BewuBtseins  (Akt- 
oder  Funktionspsychologie),  durch  seine  klassifikatorischen  Untersuchungen 
und  durch  die  Aufzeigung  der  spezifischen  Strukturverhaltnisse  zwischen  und 
innerhalb  der  einzelnen  psychischen  Zustande  (Strukturpsychologie  nach 
Diltheys  Bezeichnung).  Nur  Lotze  war  ihm  unter  den  Neueren  hierin  voraus- 
gegangen.  Das  spater  von  der  Kiilpeschen  Schule  gegeniiber  dem  Sensualismus 
betonte  unanschauliche,  begriffliche  und  symbolische  Denken  (Denkpsycho- 
logie)  bildete  von  Anfang  an  einen  wesentlichen  Bestandteil  seiner  Lehren.  In 
seiner  Schule  haben  besonders  Marty,  Meinong  und  Husserl,  auch  Twardowski 
solche  Untersuchungen  weitergefuhrt.  Die  im  engeren  Sinn  experimentelle 
Methode,  wie  sie  durch  E.  H.  Weber,  Fechner,  Helmholtz  und  Hering  in  die 
Sinnespsychologie  eingefuhrt  worden  war,  wuBte  er  gleichfalls  vom  Beginne 
seiner  psychologischen  Forschungen  an  vollauf  zu  schatzen.  Die  Beweiskraft 
seiner  eigenen  ausgedehnten  Experimente  zur  Begriindung  einer  Farbentheorie 
ist  wohl  manchem  Zweifel  ausgesetzt.  Aber  seine  Kritik  der  dem  Fechnerschen 
Gesetze  zugrundeliegenden  Voraussetzungen,  sein  Nativismus  in  der  Raum- 
lehre  und  anderes  sind  durchgedrungen.  In  seiner  Schule  haben  Hillebrand  und 
der  Unterzeichnete  die  experimentelle  Methode  gepflegt. 

Aber  nicht  nur  der  Psychologie,  auch  alien  iibrigen  philosophischen  Diszi- 
plinen  hat  B.  kraftvolle  neue  Impulse  gegeben.  Es  ist  nicht  richtig,  daB  er  sie 
ausschlieBlich  auf  Psychologie  hatte  griinden  wollen  (Psychologismus) .  Viel- 
mehr  suchte  er  die  letzten  Kriterien  fiir  Wahrheit  und  Falschheit  in  einleuch- 
tenden  Urteilen,  die  keine  psychologische  Begriindung  zulassen,  die  fiir  das 
ethisch  Gute  in  » als  richtig  charakterisierten «  Gemiitstatigkeiten,  deren  Rich- 
tigkeit  gleichfalls  keine  psychologische  Erklarung  zulaBt.  In  der  Erkenntnis- 
theorie  hielt  er  gegeniiber  dem  extremen  Empirismus  daran  fest,  daB  neben 
den  unmittelbar  gewissen  Tatsachen  des  eigenen  BewuBtseins  apriorische 
Grundsatze  die  Voraussetzungen  aller  Erfahrung  bilden,  ohne  jedoch  deren 
synthetische  Natur  im  Sinne  Kants  gelten  zu  lassen.  In  diesem  Gebiete,  der 
Auseinandersetzung  zwischen  Empirismus  und  Rationalismus,  ist  zwar  noch 
lange  keine  definitive  Einigung  zu  erwarten  und  sind  auch  innerhalb  der 


Brentano.  Dyckerhoff  6 1 

B.schen  Schule  Abweichungen,  beispielsweise  beziiglich  der  mathematischen 
Axiome  und  der  obenerwahnten  elementarlogischen  Fragen,  hervorgetreten. 
Aber  die  intensive  Beschaftigung  mit  erkenntnistheoretischen  Problemen  ist 
alien  seinen  Schiilern  gemeinsam.  Dasselbe  gilt  von  der  Ethik,  in  deren  Auf- 
fassung  als  allgemeinster  Wertlehre  in  der  Schule  kaum  Unterschiede  bestehen, 
wahrend  im  einzelnen  Kraus  und  der  Unterzeichnete  sich  enger  als  Meinong 
und  Ehrenfels  an  B.  anschliefien.  Fur  die  Rechtsphilosophie  hat  besonders 
Kraus  B.s  psychologische  und  ethische  Grundlegungen  verwertet.  In  der 
Asthetik  steht  Utitz  (Theorie  der  Funktionslust)  unter  dem  Einflusse  B.scher 
Psychologic  Zur  Geschichte  der  Philosophic  haben  zahlreiche  Schiiler  und 
Enkelschiiler  B.s,  wie  Arleth,  A.  v.  Berger,  Hugo  Bergmann,  v.  Hertling, 
Kastil,  Kraus,  v.  Meinong,  Schell,  Stumpf  u.  a.  Beitrage  geleistet.  So  vielseitig 
aber  auch  die  von  B.  ausgegangenen  Anregungen  und  die  bevorzugten  Arbeits- 
felder  seiner  Schiiler  sind :  als  Zentrum  und  letztes  Ziel  des  Philosophierens  gilt 
sicher  alien  wie  B.  selbst  weder  Psychologie  noch  Erkenntnistheorie  noch 
Ethik,  sondern  eine  neue,  auf  die  Gesamtheit  dieser  Forschungen  zu  begriin- 
dende  Metaphysik.  Am  weitesten  hat  bisher  er  selbst  sich  in  dieses  zeitweilig 
verrufene,  heut  aber  wieder  vielfach  anerkannte  Gebiet  vorgewagt. 

Vielleicht  hat  niemals  auCer  im  16.  Jahrhundert  eine  solche  Menge  wider- 
streitender  philosophischer  Richtungen  gleichzeitig  bestanden  wie  heute. 
Inner halb  dieses  gahrenden  Chaos  hat  B.  als  Denker  strengster  Observanz 
bahnbrechend  gewirkt,  als  Lehrer  das  Streben  nach  scharfer  Begriffsbildung 
und  methodischem  Aufbau  der  Untersuchungen  den  Schiilern  zur  obersten 
Regel  gemacht.  DaB  die  Philosophic  den  AnschluB  an  die  Naturwissenschaften 
und  konkreten  Geisteswissenschaften  wiedergewonnen  hat,  ist  nicht  zum 
wenigsten  seinem  Einflusse  zu  danken.  Sehr  zu  wiinschen  ware  aber  eine  Ge- 
samtdarstellung  seines  Gedankensys terns  einschlieBlich  der  Umwandlungen,  in 
der  alles  Wesentliche,  unbeschadet  der  Genauigkeit,  in  einer  leichter  zu  gang- 
lichen  Form  wiedergegeben  ware. 

Literatu r:  Naheres  zur  Biographie  und  Charakteristik  B.s  findet  man  in  folgenden 
Darstellungen :  »  Franz  B.«  von  O.  Kraus,  mit  Beitragen  von  C.  Stumpf  und  E.  Husserl; 
Miinchen  bei  O.  Beck,  1919  (mit  zwei  Bildnissen) ;  Lebenslaufe  aus  Franken,  Bd.  II,  1922, 
Art.  »  Franz  B.«  von  C.  Stumpf,  Neue  osterreichische  Biographic,  Bd.  Ill,  Art.  »Franz  B.« 
von  O.  Kraus,  1926.  In  diesem  Artikel  zugleich  ein  vollstandiges  Verzciclmis  der  zu  B.s  Leb- 
zeiten  erschienenen  Schriften  und  Hinweise  auf  weitere  biographische  Darstellungen  und 
Quellen.  Verzeichnisse  der  Schriften  auch  in  dem  vorher  erwahnten  Krausschen  Buche 
und  in  der  Neuausgabe  der  » Psychologies,  S.  XCIV. 

Berlin-Lichterfelde.  Carl  Stumpf. 

Dyckerhoff,  Rudolf,  Professor,  Dr.-Ing.  e.h.,  Portlandzementfabrikant,  *  am 
25.  Marz  1842  in  Mannheim,  f  am  23.  Februar  19 17  in  Amoneburg  bei  Biebrich 
am  Rhein.  —  Nach  dem  Besuch  der  Realschule  seiner  Vaterstadt  bezog  er  die 
Technische  Hochschule  in  Karlsruhe  und  die  Universitat  Heidelberg,  um 
Chemie  und  Physik  zu  studieren.  Im  Jahre  1864  trat  er  in  die  von  seinem  Vater 
gegriindete  Portlandzementfabrik  in  Amoneburg  bei  Biebrich  ein,  um  die 
Leitung  des  Betriebes  zu  iibernehmen.  Es  darf  nicht  iiberraschen,  da(3  der 
junge  Chemiker  gleich  den  Betrieb  ubernahm.  War  es  doch  zu  einer  Zeit,  als 
die  ersten  Portlandzementfabriken  in  Deutschland  eingerichtet  wurden,  und 
Erfahrungen,  die  noch  nicht  vorhanden  waren,  gesammelt  werden  muBten. 


62  1917 

Fur  diese  Aufgabe  war  der  junge,  aufstrebende,  wissenschaftlich  geschulte 
Rudolf  D.  sehr  geeignet.  Seine  Entwicklung  geht  parallel  mit  der  Entwicklung 
der  deutschen  Portlandzementindustrie,  die  seit  der  Begriindung  der  ersten 
groBeren  Zementfabrik  in  Ziillichow  bei  Stettin  im  Jahre  1850  nur  langsam 
voranschritt.  Der  englische  Zement  beherrschte  damals  den  deutschen  Markt, 
und  es  gait,  das  deutsche  Fabrikat  in  einer  ganz  besonderen  Gute  herzustellen, 
wenn  es  das  beliebte  auslandische  Erzeugnis  ersetzen  sollte. 

Rudolf  D.  fiihrte  dank  umfassender  wissenschaftlicher  Kleinarbeit  Ver- 
besserungen  in  der  Zementherstellung  ein,  und  es  gelang  ihm  bald,  das  Vor- 
urteil  der  Uberlegenheit  des  auslandischen  Zementes  zu  zerstreuen.  Er  war 
von  der  Notwendigkeit  einer  wissenschaftlichen  Durchdringung  der  Zement- 
fabrikation  erfiillt,  und  in  diesem  Sinne  arbeitete  er  ein  Leben  lang  mit  groBem 
Erfolge.  Uberzeugt,  da6  die  Gute  des  in  der  eigenen  Fabrik  hergestellten  Port- 
landzementes  nur  verbessert  werden  konnte  durch  einwandfreie  Nachweise 
seiner  Eigenschaften,  arbeitete  D.  an  der  Verbesserung  der  Priifungsmethoden 
des  Portlandzementes  und  wirkte  so  zugleich  im  allgemeinen  Interesse.  Im 
Jahre  1876  erschien  seine  erste  grundlegende  Arbeit  iiber  die  Priifung  des  Port- 
landzementes in  der  Zeitschrift  der  »Ton-,  Zement-  und  Kalk-Industrie«.  Im 
Jahre  1877  folgte  die  Veroffentlichung  iiber  Priifungsmethoden  von  Portland- 
zement  (» Deutsche  Bauzeitung«  Nr.  38).  Diese  Arbeiten  bildeten  die  Grund- 
lage  fiir  die  Beratungen  der  Kommission,  die  zu  der  Einfuhrung  der  einheit- 
lichen  Priifung  von  Portlandzement  in  der  Mitte  der  siebziger  Jahre  aus  Fach- 
leuten  der  Zement-  und  Bauindustrie  und  der  Behorden  eingesetzt  wurde.  Die 
Ergebnisse  der  Kommissionsarbeit  waren  in  den  ersten  Normen  fiir  die  ein- 
heitliche  Lieferung  und  Priifung  von  Portlandzement  niedergelegt,  die  inner- 
halb  und  auBerhalb  des  Deutschen  Reiches  bei  der  Priifung  der  Eigenschaften 
von  Portlandzement  allgemeine  Anerkennung  gefunden  haben.  Eine  wert voile 
Arbeit  ist  die  Abhandlung  Rudolf  D.s  fiir  das  Deutsche  Museum  fiir  Meister- 
werke  der  Naturwissenschaft  und  Technik  in  Miinchen  iiber  die  Entwicklung 
des  Priifungsverfahrens  fiir  Portlandzement  insbesonders  in  Deutschland,  die 
in  der  » Deutschen  Bauzeitung*  1906  Nr.  9  veroffentlicht  wurde. 

Im  Jahre  1865  entstanden  die  ersten  Zusammenschliisse  in  der  Kalk-  und 
Zementindustrie,  und  im  Jahre  1877  wurde  der  Verein  deutscher  Portland- 
zementfabrikanten  unter  Mitwirkung  von  Rudolf  D.  gegriindet,  der  wie  kein 
anderer  von  der  Notwendigkeit  der  Zusammenarbeit  von  Wissenschaft  und 
Praxis  durchdrungen  war.  In  diesem  Sinne  wirkte  der  Verein  vorbildlich  dank 
dem  Einflusse  Rudolf  D.s  und  der  Gleichgesinnten.  Nach  der  Griindung  des 
Vereins  Deutscher  Portlandzementfabrikanten,  der  in  diesem  Jahre  (1927)  sein 
50jahriges  Bestehen  feierte,  trat  Rudolf  D.  sehr  bald  durch  Verof  fen  tlichungen 
und  Vortrage  auf  Grund  seiner  Arbeiten  im  Laboratorium  hervor,  die  zum 
groBen  Teil  in  den  Protokollen  des  Vereins  niedergelegt  sind.  Unter  den  Ar- 
beiten sind  f olgende  besonders  zu  nennen :  »  Der  EinfluB  einer  Kalkbeimengung 
zu  Zement«,  1879;  »Herstellung  von  Beton  aus  Portlandzement «,  1880;  »t)ber 
die  Beimengung  von  Hochofenschlacke  zu  Portlandzement «,  1883 — 1885 ;  »t)ber 
die  Wirkung  der  Magnesia  im  gebrannten  Zement «,  1888.  Im  Jahre  1893  ff. 
wurden  die  Arbeiten  » Uber  die  Einwirkung  von  Meerwasser  auf  Zement  und 
auf  hydraulische  Bindemittel«  veroffentlicht. 

Rudolf  D.  hat  sich  rasch  Anerkennung  und  einen  guten  Namen  in  der  Fach- 


Dyckerhoff.  Flex  63 

welt  des  In-  und  Auslandes  erworben.  Neben  Delbriick  gehorte  er  seit  der 
Griindung  des  Vereins  Deutscher  Portlandzementfabrikanten  als  2.  Vorsitzen- 
der  durch  mehr  als  zwei  Jahrzehnte  dem  Vorstand  an.  Die  meisten  Kom- 
missionen  des  Vereins  zahlten  ihn  zu  ihrem  Mitglied.  Im  internationalen  Ver- 
band  fiir  Materialpriifung  der  Technik  war  er  Mitglied  der  Meerwasserkommis- 
sion. 

Im  Jahre  1905  wurde  Rudolf  D.  auf  Grund  seiner  hervorragenden  und  grund- 
legenden  Verdienste  um  die  Entwicklung  des  Portlandzementes  von  der  Tech- 
nischen  Hochschule  Dresden  zum  Dr.-Ing.  e.  h.  ernannt,  und  im  Jahre  1912 
erhielt  er  von  der  hessischen  Regierung  den  Titel  »  Professor «.  Rudolf  D.  genoB 
groBes  Ansehen  in  wissenschaftlichen  Kreisen  und  innerhalb  der  Zement- 
industrie.  Er  besaB  ernstes  Streben,  hohes  Verantwortungsgefiihl  und  ist  in 
hervorragender  Weise  an  der  machtvollen  Entwicklung  der  deutschen  Port- 
landzement-Industrie  beteiligt.  Er  war  ein  Forscher,  der  bei  seinen  Arbeiten  im 
Laboratorium  die  Zusammenhange  mit  der  Praxis  stets  beachtete,  und  es  ist 
ihm  zu  danken,  wenn  sich  der  »Dyckerhoff-Zement«  bis  zum  heutigen  Tage  das 
Vertrauen  der  Ingenieure  und  der  Zement  verarbeitenden  Industrien  erworben 
hat.  Als  Mensch  war  er  einfach,  von  lauterem  Charakter,  liebenswiirdig  und 
bescheiden. 

Karlsruhe  i.  B.  Emil  Probst. 


Flex,  Walter,  Dr.  phil.,  Dichter,  *  am  6.  Juni  1887  in  Eisenach,  gef alien  am 
16.  Oktober  1917  in  den  Kampfen  auf  der  Insel  Oesel.  —  Walter  F.  gilt  vielen 
als  der  Dichter  des  Weltkrieges  —  und  sicherlich  hat  er  am  reinsten  und 
packendsten  dem  Geiste  der  Kriegsfreiwilligen,  dem  bejahenden  Opfergeist  der 
deutschen  Jugend  Ausdruck  gegeben.  Wer  sich  den  Menschen  F.  nach  Bildern, 
mehr  nach  seinen  Werken  und  den  biographischen  Nachrichten,  die  iiber  ihn 
verbreitet  sind,  vorstellen  will,  hat  wohl  unwillkurlich  das  Bild  kraftvoller 
Frische,  tiefer  Innerlichkeit,  besonderer  Reinheit.  Aus  seinem  »Wanderer 
zwischen  beiden  Welten«,  seinem  verbreitetsten  Werk,  erwachst  dieses  Bild, 
und  es  steigt  auch  aus  seinen  Kriegsgedichten  auf,  die  den  so  gliicklich  ge- 
wahlten  Titel  » Sonne  und  Schild«  tragen.  Ist's  nicht,  als  ob  der  junge  Dichter 
damit  selbst  die  Sinnbilder  seines  Schaffens  bezeichnete?  Zur  Sonne,  zum 
Lichte  strebte  er  in  all  seinen  Gedanken  und  Taten ;  und  dabei  war  er  doch  ganz 
erdnahe,  war  Schild  des  Vaterlandes,  war  innerlich  ganz  bereit,  sich  zu  opfern. 

Sein  Wesen  erklart  sich  klarer  als  das  vieler  anderer  Dichter  aus  Herkunft 
und  Umgebung.  Walter  F.  war  der  zweite  von  den  vier  Sohnen  des  Gymnasial- 
oberlehrers  Dr.  Rudolf  F.  (f  1918)  und  seiner  Ehefrau  Margarete,  geb.  Pollack. 
Sein  Geburts-  und  Heimatsort  war  Eisenach.  Seiner  Stammesart  nach  war  er 
aber  Schlesier,  denn  die  Vorfahren  des  Vaters  waren  Bauern  und  Handwerker 
in  Konigshain  bei  Gorlitz,  die  Mutter  stammte  aus  Rawitsch.  Eine  reiche 
Jugend  hatte  der  Dichter.  Vielgestaltig  waren  die  Bildungsmachte,  die  auf  ihn 
einwirkten.  Ihn  umfing  die  liebliche  Thiiringer  Landschaft,  und  in  frohem 
Wanderleben  wurde  die  Freude  an  der  Schonheit  des  Waldes,  der  Wiesen,  der 
einfachen  und  ewigen  Pracht  deutschen  L,andes  in  ihm  wach.  Taglich  griiBte 
ihn  die  Wartburg,  und  die  Kulturepochen  der  deutschen  Geistesgeschichte  ge- 
wannen  I^eben  fiir  ihn  auf  historischem  Boden. 


64  J9i7 

Der  stete  und  unmerklich  wirkende  EinfluB  der  Umwelt  wurde  durch  die 
Eltern  geklart  und  gestarkt.  Der  Vater  war  im  besten  Sinne  der  Typ  des  geistig 
regen  Vorkriegsdeutschen,  des  Akademikers,  der  in  dem  erstarkenden,  reichen 
Deutschland  mit  Stolz  und  Begeisterung  an  alien  of fentlichen  Fragen  teilnahm : 
er  war  Bismarckverehrer,  sprachlich  und  historisch  interessiert,  warb  durch 
Gelegenheitsgedichte  und  Festspiele  fur  seine  Gedanken.  Idealismus  und  Sich- 
einsetzen  fiir  seine  Uberzeugung  —  das  war  selbstverstandlich  im  F.schen 
Hause.  Der  Oberlehrer  Dr.  F.  war  noch  einer  von  denen,  die  es  fiir  nationale 
Pflicht  hielten,  in  Vereinen  und  Ausschiissen  mitzuarbeiten.  Bald  gait  es  ein 
Denkmal  zustande  zu  bringen,  bald  in  den  Wahlkampfen  fiir  die  national- 
liberale  Partei  zu  werben.  Staat  und  Geschichte  wurden  durch  das  unermiid- 
liche  Wirken  des  Vaters  sehr  lebendige  Machte  fiir  den  Knaben.  Der  Wille  zu 
dichterischem  Schaffen  und  zur  Beherrschung  der  Sprache  wurde  in  nicht  ge- 
wohnlichem  MaBe  in  ihm  geweckt. 

Doch  mehr  bedeutete  ihm  die  Mutter.  So  selten  bei  F.  Liebesszenen,  Liebes- 
gedichte  im  iiblichen  Sinne  sind,  so  haufig  sind  innige,  tief  empfundene  Worte 
des  Dankes  und  der  Verehrung  fiir  seine  Mutter.  »Wenn  er  von  der  Mutter 
erzahlte,  lag  es  wie  Weihestimmung  iiber  ihm;  ich  habe  niemals  eine  so  reine, 
zarte  Ehrfurcht  vor  dem  Miitterlichen  erlebt  wie  bei  Walter  F.«,  so  wird  noch 
der  DreiBigjahrige  geschildert.  —  Eine  tief  innerliche,  phantasiebegabte  Frau 
war  sie,  von  echtem  religiosen  Empfinden  —  eine  Frau,  die  Wahrtraume  hatte, 
die  soziale  und  weltanschauliche  Fragen  durchdachte,  die  vor  allem  durch  ein 
natiirliches  Erzahltalent  ihre  Kinder  anregte.  Die  Mutter  und  deren  unver- 
heiratete  Schwester  hiiteten  und  pflegten  auch  die  fruherwachten  dichterischen 
Neigungen  des  Knaben  und  Junglings. 

Der  begabte,  allgemein  beliebte  Junge  verlebte  eine  gliickliche  Schulzeit  auf 
dem  Karl-Friedrich-Gymnasium  zu  Eisenach,  an  dem  er  Ostern  1906  das 
Abiturientenexamen  bestand.  Hatte  er  weniger  Selbstkritik  gehabt,  so  hatte 
es  ihm  gefahrlich  werden  konnen,  daB  er  schon  als  Gymnasiast  mit  lyrischen 
Gedichten  und  dramatischen  Versuchen  reiche  Anerkennung  fand.  L,auten  Er- 
folg  brachte  ihm  eine  dramatische  Skizze:  »Die  Bauernfiihrer«,  die  1905  von 
einem  Gymnasiastenverein  unter  Mitwirkung  des  jungen  Dichters  aufgefiihrt 
wurde.  Andere  Dramenentwiirfe  entstanden  in  der  Primanerzeit.  Der  Acht- 
zehnjahrige  wurde  bereits  »literarisch«  bekannt.  Schon  als  Student  konnte  er 
in  der  »DeutschenRomanzeitung«  zahlreiche  Gedichte  und  Novellen  verof fent- 
lichen. 

Eine  reiche  Jugend  war  es,  durch  die  Walter  F.  heranreifte.  Er  nahm  das 
Beste  aus  ihr  ins  Leben  mit :  nicht  Verwohnung  und  Eitelkeit,  sondern  Lebens- 
freude  und  Natursinn,  tatigen  Idealismus  und  den  Willen  zu  dichterischem 
Schaffen. 

Die  gliickliche  Jugend  fand  ihre  Fortsetzung  in  einer  noch  gliicklicheren 
Studentenzeit.  Ostern  1906  ging  er  als  Student  der  deutschen  Literatur  und 
Geschichte  nach  Erlangen,  zwei  Jahre  spater  nach  StraBburg.  Zunachst  schob 
er  alle  Studiensorgen  beiseite  und  genoB  die  unvergangliche  Poesie  deutschen 
Studentenlebens,  erfuhr  an  sich  die  frohliche  und  doch  strenge  Schulung  des 
Waffenstudenten turns.  F.  besaB  eine  iiberschaumende  Jugendkraft,  eine  fast 
leidenschaftliche  Liebe  zur  Frohlichkeit.  Und  diese  Anlagen  tobte  er  in  diesen 
vier  Erlanger  Semestern  in  vollem  MaBe  aus.  Die  sittliche  Starke  seiner  Person- 


Flex 


65 


lichkeit  blieb  unangetastet.  Nie  vernahm  einer  aus  seinem  Munde  ein  zwei- 
<ieutiges  Wort.  So  bedeuteten  die  vier  Semester,  die  er  bei  der  Burschenschaft 
Bubenruthia-Erlangen  zubrachte,  fur  seinen  Werdegang  unendlich  viel.  Es  ist 
bezeichnend  fiir  F.,  daB  er,  der  mit  Schmissen  bedeckte  Couleurstudent,  spater 
der  Verkunder  des  Wandervogelideals  wurde.  Ihm  blieb  das  geniiBliche,  ge- 
dankenlos  hintorkelnde  Sauf-  und  Raufstudententum  fern.  Und  weil  er  in  der 
Burschenschaft  die  doppelte  Entwicklungsmoglichkeit  zu  reinem  Idealismus 
und  zu  couleurstudentischer  Straff heit  fand,  darum  fiihlte  er  sich  jenem  Kreis 
stets  innig  verbunden. 

In  StraBburg  wandte  er  sich  mit  frischem  Eifer  geistigem  Schaffen  zu.  Das 
Studium  wurde  gefordert,  im  philosophischen  Seminar  war  F.  bald  ein  ge- 
schatztes  Mitglied.  Er  bewies  in  diesen  Jahren  die  groBe  Schwungkraft  des 
geistigen  Schaffens,  die  er  bis  zuletzt  an  sich  hatte,  derart,  daB  er  auch  im  Felde 
unter  den  widrigsten  auBeren  Verhaltnissen  oft  wie  unter  hoherer  Eingebung 
seine  Dichtwerke  niederschrieb.  Bei  aller  notwendigen  Examenarbeit  verfaBte 
er  in  der  StraBburger  Zeit  eine  groBe  Zahl  von  Novellen,  die  er  in  der  » Roman- 
zeitung«  veroffentlichte.  Er  liebte  die  historische  Novelle  und  miihte  sich  um 
die  Gestaltung  vor  allem  » religios-psychologischer  Probleme,  in  eine  starke, 
reiche  Handlung  inkarniert,  in  einem  dieser  Handlung  adaquaten  sinnlich  wir- 
kenden  Sprachstil,  der  .  .  .  jeden  Satz  mit  dem  eigentiimlichen  Zeitgeist  durch- 
trankt«.  Conrad  Ferdinand  Meyer  war  ihm  Vorbild.  —  GewiB,  diese  literarische 
Arbeit  war  Gelegenheitsproduktion,  war  oft  leicht  hingeworfen.  Aber  er  kam 
vorwarts,  erkannte  immer  klarer  Weg  und  Ziel  seines  Schaffens. 

Er  straubte  sich  entschieden  gegen  den  vom  Vater  gewiinschten  »gesicherten 
Lebensberuf «  als  Lehrer.  Ihm  geniigte  es,  daB  er  1910  in  Erlangen  mit  einer 
Arbeit  »t)ber  die  Entwicklung  des  tragischen  Problems  in  den  deutschen 
Demetriusdramen  von  Schiller  bis  auf  die  Gegenwart«  den  Doktortitel  erwarb. 
—  Andererseits  hatte  er  ernste  Bedenken,  ob  er  sich  wohl  als  Schriftsteller 
werde  durchsetzen  konnen.  Ein  Drama  » Demetrius «  war  in  der  StraBburger 
Zeit  vollendet  worden  und  wurde  1909  im  Eisenacher  Stadttheater  aufgefiihrt. 
Die  Novelle  »Der  Schwarmgeistd,  —  ein  Gedichtband  »Im  Wechsel«  erschienen 
im  Buchhandel  und  fanden  auch  Anerkennung,  aber  doch  nicht  derart,  daB  er 
•darauf  sein  auBeres  Leben  griinden  konnte. 

So  suchte  er  Zeit  zur  Entwicklung  und  zum  Schaffen,  ohne  dem  Vater  weiter 
auf  der  Tasche  zu  liegen.  Er  wurde  Hauslehrer  in  adligen  Hausern:  zunachst 
Erzieher  des  jungen  Graf  en  v.  Bismarck  in  Varzin,  mit  dem  er  auch  spater 
freundschaftlich  verbunden  blieb.  Dann  berief  ihn  die  Fiirstin  Bismarck  nach 
Friedrichsruh.  Dort  unterrichtete  er  Gottfried  und  Wilhelm  v.  Bismarck  und 
half  bei  der  Ordnung  des  Familienarchivs.  —  Von  dort  ging  er  als  Hauslehrer 
zu  dem  Freiherrn  v.  Leesen  nach  Retschke  in  der  Provinz  Posen,  wo  ihm  warme, 
herzliche  Teilnahme  fiir  sein  dichterisches  Schaffen  entgegengebracht  wurde. 
Von  1910  bis  1914  wahrte  diese  Tatigkeit,  und  er  fand  dadurch  die  ersehnte 
MuBe  und  reiche  stoffliche  Anregung  fiir  manches  Werk.  Erzahlende  und  dra- 
matische  Dichtungen  entstanden  in  rascher  Folge.  Die  Beschaftigung  mit  der 
Geschichte  des  Hauses  Bismarck  regte  ihn  zu  dem  Novellenband  »Zwolf  Bis- 
marcks«  und  zu  der  Tragodie  »  Klaus  v.  Bismarck «  (Erstauffiihrung  1913  in 
Koburg)  an.  Er  griff  auch  auf  Stoffe  der  friihen  deutschen  Geschichte  zuriick 
wie  in  seinem  » deutschen  Konigsdrama  IyOthar«. 
dbj  5 


66  *  1917 

Es  lohnt,  dieses  Vorkriegswerk  des  Dichters  naher  zu  betrachten.  Alle  diese 
Dichtungen  bekunden  es,  daB  F.  nicht  erst  durch  den  Krieg  die  bestimmende 
Richtung  seines  Wesens  erhielt.  —  Seine  Dichtung  stand  im  Gegensatz  zu  alien 
asthetisierenden,  experimentierenden,  oft  international  gerichteten  Kunst- 
richtungen  der  Vorkriegszeit.  Dem  Begriff  »Vaterland«  suchte  er  neuen  Inhalt 
zu  geben,  die  Zerrissenheit  und  soziale  Not  der  Zeit  beschaftigte  ihn  immer  ein- 
dringlicher.  Die  Iyiebe  fur  groBe  Personlichkeiten,  fiir  Manner,  die  sich  selbst 
treu  bleiben  wie  die  Bismarcks,  deren  trotzige  Fiihrerkraft  ihn  begeisterte,. 
klingt  aus  den  Werken  jener  Jahre  heraus.  So  wird  der  verschiedenartige  Stoff^ 
dessen  Gestaltung  der  junge  Dichter  von  allem  Rohen  und  HaBlichen  fernhalt, 
zum  Trager  eines  menschlich  und  kunstlerisch  hohen  Willens.  Immer  bewuBter, 
immer  klarer  findet  er  schon  in  diesen  Jaliren  die  Formulierung  seiner  kiinst- 
lerischen  Absichten.  Im  Begleitwort  zu  »Lothar«  legt  er  seine  tragische  Theorie 
dar,  indem  er  die  Gedanken  seiner  Dissertation  ausfiihrt.  Seine  Theorie  hat 
deutliche  Beziehungen  zu  Hebbel.  Bezeichnend  fiir  F.  ist  aber,  daJ3  ihm  das 
Wesen  des  Tragischen  vor  allem  darin  zu  liegen  scheint,  daB  ein  GroBer  den 
Zusammenhang  mit  seinem  Volk  verliert.  Das  kann  geschehen,  indem  er  durch 
eigene  Schuld  sich  dieser  Verbindung  beraubt,  oder  indem  sie  ihm  zerschnitten 
wird.  Der  Dichter  sagt  selbst:  »tragisch  endet,  wer  sich  selbst  entwurzelt,  vom 
Du  gelost  wird  oder  sich  von  ihm  lost,  wer  das  Ziel  auch  des  Einzelnen  ver- 
kennt,  die  Gesellschaft. «  Das  Bezeichnende  an  dieser  Theorie  ist  die  Selbst- 
verstandlichkeit,  mit  der  F.  voraussetzt,  daB  der  einzelne  seine  hochsten  Auf- 
gaben,  den  eigentlichen  Sinn  seines  Lebens,  nur  erfiillen  kann  in  der  tiefsten 
Verbundenheit  mit  seinem  Volk.  —  Das  Vaterland  war  ihm,  wie  er  ebenso  klar 
ausfiihrt,  nie  etwas  anderes  als  die  Gesamtheit  aller  Volksgenossen.  So  wurde 
ihm  der  Gedanke  der  sozialen  Versohnung,  mit  dem  er  sich  immer  wieder  be- 
schaftigte, zum  Problem,  um  dessen  Losung  er  rang.  Kurz  vor  dem  Kriege 
plante  er  einen  Roman,  der  die  Welt  des  deutschen  Arbeiters  darstellen  sollte. 

Walter  F.  war  wahrlich  auf  den  Krieg  vorbereitet.  Ihm  war  es  langst  be- 
wuBte  Erkenntnis,  daB  der  einzelne  nichts,  daB  das  Volk  alles  bedeutete.  In 
einer  Zeit  satter  Zufriedenheit  sah  er  die  Not  der  Armen,  Bedriickten —  be- 
geisterte sich  in  seinen  Werken  fiir  das  Beispiel  des  Fiihrers,  der  Personlichkeit. 
Und  bei  all  dieser  freien,  stolzen  Entwicklung  hatte  er  sich  ein  kindliches,  reines 
Herz  bewahrt,  das  empfanglich  blieb  fiir  die  Schonheit  der  Natur,  fiir  echtes 
Menschentum,  wo  immer  es  ihm  entgegentrat. 

Da  kam  der  Krieg!  —  Fiir  F.  bedeutete  der  Ruf  zur  Verteidigung  des  Vater- 
landes  den  ersehnten  Zwang,  das  zu  verwirklichen  und  vorzuleben,  was  er  ge- 
lehrt  hatte:  den  unbeugsamen  Idealismus.  Allzusehr  wirkt  heute  die  nieder- 
ziehende,  triibe  Erinnerung  an  die  letzten  Kriegsjahre  in  uns  nach.  Da  sollten 
wir  uns  recht  oft  an  den  August  1914  erinnern,  den  F.  »eine  Flutmarke  Gottes* 
nannte,  »die  die  Nachgeborenen  des  eigenen  und  der  fremden  Volker  iiber  sich 
sehen  werden  an  den  Ufern,  an  denen  sie  vorwartsschreiten«.  F.  blieb  dem 
August  1914  treu  bis  zuletzt.  Im  Oktober  1917,  in  einem  seiner  letzten  Briefe, 
schrieb  er:  »Ich  bin  heute  innerUch  so  kriegsfreiwillig  wie  am  ersten  Tag.  Ich 
bin's  und  war  es  nicht,  wie  viele  meinen,  aus  nationalem,  sondern  aus  sittlichem 
Fanatismus.  Was  ich  von  der  Ewigkeit  des  deutschen  Volkes  und  von  der  welt- 
erlosenden  Sendung  des  Deutschtums  geschrieben  habe,  hat  nichts  mit  natio- 
nalem Egoismus  zu  tun,  sondern  ist  ein  sittlicher  Glaube,  der  sich  selbst  in  der 


Flex  67 

Niederlage  oder  .  .  .  im  Heldentode  eines  Volkes  verwirklichen  kann.«  So  ging 
Walter  F.  in  unerschuttertem  Idealismus,  in  festem  Glauben  an  sein  Volk  seinen 
Weg  bis  zuletzt. 

Der  Siebenundzwanzigjahrige,  der  bisher  wegen  einer  Sehnenschwache  der 
rechten  Hand  nicht  gedient  hatte,  trat  als  Kriegsfreiwilliger  bei  dem  Inf  .-Reg.50 
in  Rawitsch  ein.  Bald  kam  er  ins  Feld  und  nahm  am  Stellungskrieg  in  den  Ar- 
gonnen  teil.  Von  den  Strapazen  des  Winterfeldzuges,  den  er  als  Musketier  mit- 
machte,  blieb  ihm  nichts  erspart.  Mit  Eifer  nahm  er  an  alien,  auch  an  den 
niedrigsten  Arbeiten  teil.  Kriegsgedichte  und  das  Buchlein  »  Vom  groBen  Abend- 
mahl«  machten  seinen  Namen  bekannt.  Im  Vorfriihling  des  Jahres  1915  wurde 
er  mit  mehreren  Kameraden  nach  dem  Warthelager  bei  Posen  kommandiert, 
wo  er  zum  Offizier  ausgebildet  wurde.  Er  trat  als  Leutnant  in  das  Inf  .-Reg.  138 
ein,  nahm  an  der  Eroberung  Wilnas  teil  und  machte  die  Kampfe  bei  Postawy 
und  am  Narotschsee  mit. 

Hart  packte  ihn  der  Ernst  des  Krieges.  Sein  geliebter  j lingerer  Bruder  war 
gleich  zu  Beginn  des  Krieges  gefallen.  Im  August  1915  verlor  er  den  Freund, 
den  Wandervogel  Ernst  Wurche,  den  er  aus  dem  Kreise  der  Kameraden  zu 
reinster  geistiger  Gemeinschaft  gewann.  1916  erschien  das  Buch,  das  vor  alien 
anderen  seinen  Namen  weitertragen  und  verklaren  wird:  »Der  Wanderer 
zwischen  beiden  Welten«,  das  Buch,  das  nichts  ist  als  ein  wirkliches  Kriegs- 
erlebnis,  das  schlicht  und  innig  von  seiner  Freundschaft  mit  Ernst  Wurche  er- 
zahlt.  Aber  was  F.  da  erstehen  lieB,  war  das  Bild  der  neuen  Jugend,  das  Wider- 
hall  findet  iiberall  da,  wo  die  Sehnsucht  lebt  nach  Erlosung  aus  dem  Schmutz 
der  Zeit,  aus  Geld-  und  Sinnengier.  Der  singende  Wandervogel  —  der  Theologe, 
der  das  Neue  Testament,  Nietzsches  Zarathustra  und  Goethe  mit  gleichef  Liebe 
bei  sich  fiihrt,  der  deutsche  Jiingling,  der  im  Geistigen  sich  ebenso  rein  badet 
wie  in  Strom,  Sonne  und  Wolke,  wurde  das  Ideal  einer  neuen  Jugend.  »Rein 
bleiben  und  reif  werden  «,  das  ist  die  Forderung,  die  aus  diesem  Buchlein  in  viele, 
viele  Herzen  dringt. 

Zuletzt  war  Walter  F.  von  dem  Plane  erfiillt,  die  Geschichte  eines  Kriegs- 
freiwilligen  zu  schaffen,  das  Buch  seines  eigenen  Ich  zu  schreiben.  Nur  zwei 
Kapitel  sind  von  diesem  Werk  »Wolf  Eschenlohr«  vollendet.  Auf  hoherer  Stufe 
sollte  diese  Dichtung  darstellen,  was  F.  von  der  Menschheit  forderte:  ein  neues 
Verhaltnis  der  deutschenMenschen  zueinander  durch  Versohnung  der  Schichten, 
ein  neues  Verhaltnis  aber  auch  zum  t)berirdischen.  Die  harte  Wirklichkeit  mit 
ihren  unerbittlichen  Pflichten  lieB  nicht  zu,  daJ3  dieses  Werk  ausreifte.  F.  war 
Feldsoldat  und  wollte  nichts  anderes  sein.  Aber  er  empfand  mehr  als  ein  an- 
derer  die  Qual,  nicht  gestalten  zu  konnen,  was  in  ihm  zur  Niederschrift  drangte. 
»Ich  beklage  mich  gewiB  nicht, «  schreibt  er  einmal  im  Marz  1917  aus  dem 
Felde,  »und  eine  Anfrage,  ob  ich  ins  Presseamt  eintreten  wolle,  habe  ich  kiirz- 
lich  abgelehnt,  weil  ich  fiihlte,  daB  ich  in  die  Front  gehore. «  Aber  er  fahrt  auch 
traurig  fort:  »Ein  paar  ruhige  Wochen,  und  der  Wolf  Eschenlohr  ware  ge- 
schrieben.  a 

Sein  Wunsch,  an  den  Kampfen  im  Westen  teilzunehmen,  blieb  unerfullt. 
Statt  dessen  wurde  er  Anfang  Juli  1917  nach  Berlin  berufen,  um  in  einer  volks- 
tumlichen  Abhandlung  (Der  GroBe  Krieg  in  Einzeldarstellungen)  im  Auftrage 
des  GroBen  Generalstabes  die  russische  Fruhjahrsoffensive  1916  darzustellen. 
Die  wenigen  Wochen  scharfster  Arbeit  gaben  ihm  dennoch  MuBe,  ein  Kapitel 


68  1917 

des  »Eschenlohr«  niederzuschreiben.  Anfang  August  war  er  wieder  bei  seinem 
Regiment.  Er  machte  den  Ubergang  iiber  die  Diina  und  die  Eroberung  von 
Riga  mit.  Wie  froh  war  er,  wieder  dabei  sein  zu  diirfen!  Voller  Kampffreude 
nahm  er  an  dem  Unternehmen  gegen  Oesel  teil.  Als  er  beim  Vormarsch  zu 
Pferde  gegen  die  Russen  anstiirmte,  traf  ihn  am  15.  Oktober  die  todliche  Kugel 
aus  einer  Russenschar,  die  gleich  darauf  sich  gefangen  geben  muBte.  Innere 
Organe  im  Unterleib  waren  zerrissen,  und  eine  Operation  war  aussichtslos.  Der 
todlich  Verwundete  f ragte  vor  allem  nach  dem  Stand  des  Gefechts,  diktierte  eine 
beruhigende  Karte  an  die  Eltern  und  sandte  seinem  Regiment  GriiBe.  Am 
Nachmittag  des  16.  Oktober  1917  starb  Walter  F.  Auf  dem  Dorffriedhof  von 
Peude  auf  Oesel  liegt  er  bestattet. 

In  seiner  Kartentasche  fanden  sich,  von  dem  GeschoB  durchldchert,  die 
Blatter  des  zweiten  Kapitels  des  »Eschenlohr«.  Aus  den  Entwtirfen,  die  mit 
dieser  Niederschrift  zusammen  gefunden  wurden,  geht  hervor,  wie  sieghaft  und 
kraftvoll  der  Dichter  in  diesem  seinem  letzten  Werk  um  die  ewigen  Fragen  der 
Menschheit  rang.  Der  Tod  traf  ihn  als  einen  Geweihten.  Er  hatte  uberwunden 
und  iiber  Verzagtheit  gesiegt.  Hoch  iiber  irdische  Schwachheit  erhebt  er  sich, 
wenn  er  die  Uberzeugung  ausspricht,  daB  wir  von  Gott  keine  Durchbrechung 
der  Kausalitatsgesetze  erwarten  und  erbitten  diirfen.  »Nicht  um  die  Pfennige 
in  Gottes  Hand  sollen  wir  beten,  sondern  um  die  Hand  selbst,  und  die  gottliche 
Giite  auch  da  noch  verehren,  wo  das  zerstorende  Schicksal  unser  irdisches 
Dasein  zermalmt.« 

So  wurde  Walter  F.  das  hohe  Gliick  zuteil,  mit  seinem  Tode  seine  Worte  zu 
besiegeln,  so  wurde  dem  deutschen  Volke  ein  Fiihrer  entrissen,  den  es  heute 
mehr  als  je  brauchte. 

Es  ist  miiBig,  kritisch  festzustellen,  daB  manches  in  den  Werken  des  Dich- 
ters,  der  als  DreiBigjahriger  aufhoren  muBte  zu  schaffen,  noch  gedanklich  kon- 
struiert,  zu  grell,  zu  wenig  abgerundet  ist.  Die  deutsche  Jugend  hat  seine  Dich- 
tung  angenommen  als  ein  heiliges  Vermachtnis.  Der  Mensch  Walter  F.  und  sein 
Werk  sind  eins.  Durch  seine  Lieder  und  durch  sein  Leben  wird  er  weiterwirken 
als  der  deutsche  Kriegsfreiwillige,  der  die  heilige  Flamme  der  Augusttage  des 
Jahres  1914  als  unantastbares  Heiligtum  rein  durch  die  Bluttage  getragen  hat, 
der  sittliche  Forderungen  nicht  nur  aufstellte,  sondern  sie  auch  erfiillte. 

In  den  Notizen  zu  »Wolf  Eschenlohr«  findet  sich  das  Wort:  »Die  Sieger 
werden  unter  den  Toten  sein!«  Ein  solcher  Sieger  war  Walter  Flex! 

Iviteratur:  Gesammelte  Werke  von  Walter  F.,  2  Bande,  Miinchen  (1926).  Nicht  in 
dieser  Ausgabe  enthalten:  »Der  Schwarcngeist«,  Erzahlung;  oZwolf  Bismarcks«,-Novellen, 
beide  Berlin;  »Sonne  und  Schild«,  Gedichte,  Braunschweig;  » Klaus  von  Bismarck*,  Er- 
zahlung, Stuttgart;  »Die  Bauernfiihrer«,  drainatische  Skizze,  Berlin;  »Die  evangelische 
P^rauenre  volte  in  L,6wenberg«,  ein  lustiges  Spiel,  Eisenach.  —  Brief e  von  Walter  Flex, 
herausgegeben  von  Eggers-Windegg,  Miinchen  1927.  —  Fur  biographische  Angaben  und 
Grundsatzliches  zur  Dichtung  und  Weltanschauung:  Einleitung  von  Dr.  Konrad  Flex. 
Gesammelte  Werke  Bd.  1.  —  Personlichkeit  und  Werk  wurden  in  mehreren  Aufsatzen 
in  den  » Burschenschaf tlichen  Blattern«,  Heft  7,  S.  H.  1926,  40.  Jahrg.  dargestellt,  und 
zwar  von:  Hans  Herding,  Frau  Fine  Hiils,  Dr.  Schunk,  Dr.  Menn.  —  Der  gesamte  Nach- 
laB  befindet  sich  in  den  Handen  des  Bruders  Dr.  Konrad  Flex  (Anschrift  durch  Becksche 
Verlagsbuchhandlung  Miinchen) . 

Danzig-Langfuhr,  Walter  Millack. 


Flex.  Freeh  69 

Freeh,  Fritz,  Geh.  Bergrat,  ord.  Professor  der  Geologie  und  Palaontologie  an 
der  Friedrich-Wilhelms-Universitat  und  Technischen  Hochschule  Breslau,  *  am 
16.  Marz  1861  in  Berlin,  f  am  28.  November  1917  in  Aleppo.  —  Das  Werk: 
Das  Kennen  der  Dinge  und  das  Wissen  um  die  Dinge  sind  zwei  Ziele  der  Natur- 
forschung.  Fur  das  erste  sind  die  Dinge  nur  ein  Objekt  der  Beschreibung,  fur 
das  zweite  sind  sie  mehr  —  ein  Symbol,  ein  Ausdruck  der  iiberpersonlichen 
Wirklichkeit.  Das  Kennen  der  Dinge  ist  zwar  die  erste  unbedingte  Voraus- 
setzung  der  Forschung,  aber,  letzten  Endes,  nur  ein  Ergebnis  von  FleiB  und 
Gedachtnis,  nur  das  handwerksmaBige  Material,  aus  dem  der  Meister  seinen 
Dom  errichtet.  Das  Wissen  um  die  Dinge  aber  ist  eine  Gottesgabe  und  ein  Aus- 
druck der  Naturverbundenheit ;  es  ist  eine  hohere  Stufe,  auf  der  die  Natur- 
wissenschaft  zur  Weltanschauung  wird.  Wer  den  Seherblick  hat,  zu  erkennen 
*wie  alles  sich  zum  Ganzen  webt«,  der  wird  den  Meistern  zugerechnet. 

Freilich,  wie  jedes  Bauwerk  vom  anderen  verschieden  ist,  so  wird  auch  jedes 
Weltbild  seine  individuellen  Ziige  tragen.  Diese  mogen  uns  zum  Teil  fremd,  ja 
sogar  falsch  erscheinen,  da  ja  kein  irdischer  Blick  die  ganze  Wirklichkeit  um- 
fassen  kann;  aber  dankbar  nennen  wir  die  Namen  derer,  die  uns  wenigstens 
einen  Teil  der  verborgenen  GesetzmaBigkeit  offenbaren  durften. 

Fritz  F.  gehorte  zweifellos  zu  diesen  Naturen  grofien  Formats,  welche  durch 
amfassende  Kenntnis  zu  einem  Wissen  vorgedrungen  waren,  welches  die  Dinge 
nicht  nur  klassifiziert,  sondern  in  ihrer  gegenseitigen  Bezogenheit  erkennt  und 
zum  Baue  eines  Weltbildes  verwendet.  Bedeutsam  ist  in  dieser  Hinsicht  sein 
Werdegang:  er  wurzelte  in  der  exakten  palaontologisch-stratigraphischen 
Schule  Beyrichs  und  wuchs  in  einer  Zeit  auf,  die  —  damals  mit  vollem  Recht  — 
in  der  Vermehrung  der  empirischen  Kenntnisse  das  Hauptziel  der  Wissenschaft 
sah.  Aber  schon  an  seinen  ersten  Arbeiten  merkt  man,  daB  er  in  dem  von  ihm 
beschriebenen  Fossilien  mehr  sieht,  als  bloBe  Objekte  der  Rubrizierung,  daB 
sie  ihm  Probleme  bedeuten,  die  iiber  eine  bloBe  Photographie  der  Wirklichkeit 
hinausgehen.  Zwei  Problemgruppen  birgt  das  Steingeriist  der  Fossilien:  die 
biologischen  Fragen,  d.  h.  die  Zoologie  der  Vorzeit  und  der  entwicklungs- 
geschichtliche  Zusammenhang  von  einst  und  jetzt,  und  die  geologischen  Fragen 
—  die  Geschichte  der  Erde  und  die  GesetzmaBigkeit  ihres  Werdens,  aus  dem 
L,eben  der  Vergangenheit  rekonstruiert.  Beide  Wege  hat  F.  beschritten,  viel- 
f  ach  als  Neuerer  und  Bahnbrecher  und  die  palaontologische  Basis  seines  Lebens- 
werkes  leuchtet  wie  ein  roter  Faden  durch  alle  seine,  spater  so  mannigfaltigen, 
Arbeiten  hindurch. 

Auffallend  klar  ist  die  Entwicklung  und  Erweiterung  seines  Arbeitsgebietes. 
Von  den  palaonzoischen  (devonischen)  Korallen  Deutschlands  ging  er  aus  und 
ist  dann  zu  der  Untersuchung  anderer  Korallenfaunen  geschritten.  (*)  Diese 
Arbeiten  bestimmten  schon  die  beiden  wichtigsten  Problemstellungen  seines 
Wirkens :  Biologie  und  Entwicklungsgeschichte  fossil  wichtiger  Tierstamme  an 
entscheidenden  Stellen  ihres  Werdens,  insbesondere  an  der  Grenze  der  Alt- 
und  Neuzeit  der  Erde,  und  die  Geschichte  der  Erde  selbst  in  diesen  Zeiten.  Das 
Palaozoikum,  seine  Tiergemeinschaften,  seine  Geographie,  sind  die  Fragen, 
denen  nun  viele  Jahre  seine  bedeutsamsten  Arbeiten  gelten.  Fast  stets  geht 
dabei  die  Untersuchung  von  gewissen,  sorgfaltig  aufgesammelten  Tiergruppen 
aus,  und  die  Kenntnis  des  Lebens  wird  zur  Kenntnis  der  Umwelt  erweitert.  (a) 
Dabei  zieht  die  Untersuchung  immer  weitere  Kreise.  Vom  Devon  Deutschlands 


70  1917 

geht  er  zum  Palaozoikum  Siidfrankreichs  iiber,  dann  zu  den  Karnischen  Alpen, 
die  fiir  lange  sein  Arbeitsgebiet  bleiben,  schliefilich  zu  den  eigenartigen  permo- 
karbonischen  Faunen  Armeniens.  (3) 

Eine  glanzende  Zusammenfassung  fand  diese  Arbeitsperiode  in  der  Lethaea 
geognostica  (1897 — 1902),  einem  von  Roemer  begonnenen  (1880),  von  F.  fiir  das 
Palaozoikum  abgeschlossenem  Werke,  an  dessen  anderen  Teilen  (Trias,  Quar- 
ter) er  auch  mitgearbeitet  hat.  Das  Buch  war  wohl  zuerst  als  Handbuch  der 
Stratigraphie  gedacht,  aber  F.  hat  ihm  erst  den  Odem  eingeblasen,  indem  er  es 
zu  einer  einzig  dastehenden  Synthese  unserer  Kenntnisse  von  der  Lebewelt  und 
Geographie  der  Altzeit  der  Erde  erweiterte.  Fiir  die  biologischen  Resultate 
seiner  Arbeiten  fehlt  eine  ahnliche  Zusammenfassung;  aber  solche  sind  fast  in 
alien  seinen  Spezialarbeiten  enthalten,  und  daneben  veroffentlichte  er  kleinere 
Aufsatze,  welche  einzelne  palaobiologische  Probleme  in  oft  iiberraschender 
Weise  klaren.  (4)  Diese  Klarung,  stets  origineller  Art,  ergibt  sich  meist  von  selbst 
aus  der  Betrachtungsmethode,  den  Stempel  des  »gesunden  Menschenverstandesd 
tragend  —  ein  Lob,  welches  man  durchaus  nicht  alien  wissenschaftlichen 
Spekulationen  zollen  kann! 

Wenn  auch  die  Methode  der  F.schen  Arbeit  eigentlich  bis  zuletzt  die  gleiche 
blieb —  sein  191 1  erschienenes  Werk  iiber  China  in  Richthofens  fiinfbandiger 
Monographic  mit  wertvollen  Beitragen  zur  alten  Lebewelt  Ostasiens  ist  ein 
Beweis  dafiir  — ,  so  lafit  sich  doch  allmahlich  eine  Verschiebung  des  Schwer- 
punktes  der  Forschung  erkennen.  Diese  kann  man  indessen  leicht  logisch  be- 
gninden.  Das  Studium  der  Faunen  mufite  zu  der  Frage  nach  den  Ursachen  ihrer 
Wandlung  f iihren ;  von  hier  richtet  sich  der  Blick  auf  die  Zeiten  dieser  Wand- 
lung  —  die  Revolutionen  der  Erde  oder  die  Perioden  der  Gebirgsbildung. 
Schon  die  erwahnte  Lethaea  bringt  wertvolle  Beitrage  dazu.  Mehr  auBerlich 
wurde  diese  Umstellung  durch  die  Arbeit  in  den  Ostalpen  unterstiitzt,  denen 
F.  auch  als  begeisterter  Alpinist  ein  besonderes  Interesse  entgegenbrachte.  Da- 
mit  wurde  seine  Tatigkeit  durch  einen  ganz  neuen  Gedankenkomplex  be- 
reichert.  Neben  den  Karnischen  Alpen,  deren  alte  Gebirgsbildung  zu  einem 
Vergleich  mit  Mitteleuropa  herausforderte,  muBte  ihn  hier  die  junge  Gebirgs- 
bildung des  alpinen  Hauptzuges  fesseln.  (5)  Als  Basis  diente  ihm  auch  hier  wieder 
das  palaontologische  Studium  der  in  den  Ostalpen  so  eindrucksvoll  entwickelten 
Triasformation,  zu  der  ihn  ja  schon  seine  Korallenstudien  gefuhrt  hatten.  Auch 
eine  synthetische  Zusammenfassung  iiber  den  Bau  der  Alpen  hat  er  gegeben, 
und  ich  mochte  betonen,  daB  diese,  trotz  unserer  heute  ungeheuer  vermehrten 
Kenntnisse,  sich  durch  ihre  ruhig  abwagende  Kritik  vorteilhaft  von  einigen 
Auswiichsen  moderner  Phantasie  unterscheidet.  F.  war  eben,  schon  dank  seiner 
exakten  palaontologischen  Schulung,  niemals  »reiner  Tektoniker«,  sondern 
suchte  stets  in  der  historischen  Rekonstruktion  einen  Anker,  den  eine  rein 
mechanische  Betrachtung  nie  geben  kann. 

Vom  palaontologisch-stratigraphischen  Fragenkomplex  ausgehend,  gelangte 
F.  zu  den  Alpen ;  von  hier  fuhrte  ihn  die  junge  Tektonik  und  das  Studium  der 
Trias  weiter  nach  Stidosten  —  nach  dem  Balkan,  nach  Griechenland  und  Klein  - 
asien.  Auch  hier  blieb  seine  Basis  faunistisch-stratigraphisch,  wenn  er  auch 
sein  Hauptaugenmerk  auf  die  Klarung  des  Gebirgsbaus,  insbesondere  der  euro- 
paisch-asiatischen  Beziehungen  richtete.  (6)  Diesen  weitausgreifenden  Arbeiten 
seiner  letzten  Lebensjahre  war  ein  AbschluB  nicht  mehr  beschieden! 


Freeh  7 1 

Wenn  die  allgemeine  Linie:  von  der  Fauna  zur  Schichtenfolge,  von  dieser 
zum  Gebirgsbau  —  eigentlich  in  alien  Arbeiten  F.s  klar  hervortritt,  so  darf  doch 
nicht  iibersehen  werden,  daB  ein  anderes  »historisches«  Problem  ihm  minde- 
stens  ebenso  nahe  am  Herzen  lag  —  die  Palaogeographie  und  insbesondere  das 
Klima  der  Vorzeit.  Auch  hier,  wo  er  zum  Teil  bahnbrechend  wirkte,  schafften 
Spezialstudien  im  jiingeren  Palaozoikum  (Karbon,  Perm)  die  Basis.  Charakte- 
ristisch  fiir  seinen  weitblickenden  Geist  ist  der  groBziigige  Versuch,  zwischen 
Stratigraphie,  Gebirgsbau  und  Klima  eine  Briicke  zu  schlagen,  und  zwar  auf 
der  Grundlage  der  von  ihm  geologisch  ausgebauten  Kohlensauretheorie  von 
Svante  Arrhenius.  Vermehrte  Vulkanausbriiche  steigern  den  Kohlensaure- 
gehalt  der  Luft;  die  Kohlensaure  absorbiert  die  Sonnenstrahlen ;  dadurch 
wachst  die  mittlere  Temperatur  und  wird  ein  iippiger  Pflanzenwuchs  be- 
giinstigt.  Dieser  wieder  bindet,  neben  einigen  Gesteinen  des  Meeres,  den  Uber- 
schuB  an  Kohlensaure  und  die  Temperaturen  sinken  wieder,  letzten  Endes  bis 
zu  einer  Eiszeit,  wenn  nicht  neue  vulkanische  Tatigkeit  den  ProzeB  neu  ent- 
facht.  So  baut  F.  einen  groBziigigen  Rhythmus  des  Erdgeschehens  auf,  der  in 
dem  inneren  Kraftehaushalt  der  Erde  wurzelt,  und  alles  —  Klima,  Leben, 
geographische  Gestaltung — reguliert. 

Diese  geniale  Theorie  ist,  trotz  manchen  Widerspruches,  kaum  restlos  zu 
widerlegen  und  hat  jedenfalls  ungemein  befruchtend  auf  die  Forschung  ge- 
wirkt,  wenn  man  auch  in  bezug  auf  einige  Einzelheiten  Vorbehalte  machen 
muB.  (7) 

Mit  den  aufgezeichneten  Arbeiten  hangt  auch  eine  andere  Forschungsrich- 
tung  eng  zusammen,  die  er  besonders  in  den  letzten  Jahren  seines  Lebens  ein- 
geschlagen  hat —  die  Wirtschaftsgeologie.  Auch  hier  wurde  der  AnstoB  durch 
das  Studium  des  Jungpalaozoikums  gegeben,  welches  ihn  auf  den  wichtigsten 
Bodenschatz  dieser  Zeit  —  die  Kohle  —  hinwies.  Auch  die  Heimatkunde 
Schlesiens  fuhrte  ihn  zu  dem  gleichen  Problem,  dessen  Studium  in  einer  In- 
ventarisierung  der  deutschen  Steinkohlenfelder  einen  Niederschlag  fand ;  aber 
schon  in  dem  erwahnten  Chinawerk  wird  das  wirtschaftsgeologische  Motiv 
kraftig  angeschlagen.(8)  Nach  Ausbruch  des  Krieges  war  auch  der  auBere  AnstoB 
gegeben,  um  diese  Arbeitsrichtung  weiter  auszubauen,  und  es  entstanden  eine 
Fiille  von  Arbeiten,  welche  teils  allgemein  die  wirtschaftliche  Bedeutung  der 
wichtigsten  Bodenschatze  erlautern,  teils  die  einzelnen  Kriegsschauplatze,  be- 
sonders den  F.  so  vertrauten  Siidosten,  vom  Standpunkt  ihrer  Bedeutung  fiir 
die  deutsche  Rohstoffversorgung  behandeln.  Im  Dienste  seines  heiBgeliebten 
Vaterlandes  geschaffen,  von  reifem  Wissen  und  klarem  Allgemeinblick  ge- 
tragen,  bergen  diese  Arbeiten  manchen  wertvollen  Gedanken;  es  ist  eine  iiber- 
personliche  Tragik,  daB  sie  durch  den  ungliicklichen  Ausgang  des  Krieges  nicht 
die  Auswirkung  erhalten  durften,  die  ihnen  zugedacht  war! 

Ich  habe  im  Vorhergehenden  versucht,  die  Leitlinien  aufzuzeigen,  welche  F.s 
Lebenswerk  bestimmen.  DaB  durch  diese  Hauptarbeiten  auch  zahlreiche  Er- 
kenntnisse  gewonnen  wurden,  die  auf  andere  Gebiete  der  Geologie  ubergreifen, 
sei  nur  kurz  erwahnt.  Die  Heimatkunde  Schlesiens,  schlesische  Bodenschatze 
und  Mineralquellen,  die  Gestaltung  der  Alpen,  Erdbebenkunde  und  Geologie 
der  Eiszeit  sind  einige  der  Gebiete,  auf  denen  F.  auch  Wertvolles  geleistet  hat. 
Auch  hier  zeigte  sich  seine  Fahigkeit,  hinter  dem  auBeren  Erscheinungsbilde 
die  Grundprobleme  und  tieferen  Zusammenhange  zu  sehen.  (9) 


72  1917 

AuBerordentlich  verdienstvoll  ist  ferner  F.s  organisatorische  Tatigkeit  ge- 
wesen,  als  deren  Frucht  vor  allem  der  von  ihm  ins  Leben  gerufene  Fossilium 
Catalogus  zu  nennen  ist,  ein  Verzeichnis  aller  bekannten  Fossilien ;  die  Arbeit 
wurde  natiirlich  unter  viele  internationale  Mitarbeiter  verteilt ;  F.  hat  indessen 
neben  der  ungeheuren  Organisationsarbeit  auch  eigene  Beitrage  dazu  geliefert. 
Hier  sei  auch  seiner  Tatigkeit  als  Herausgeber  des  Neuen  Jahrbuchs  fur 
Mineralogie,  Geologic  und  Palaontologie  gedacht  (1912 — 1917),  an  dessen  Ent- 
wicklung  er  auch  durch  zahlreiche  Referate  auf  den  verschiedensten  Gebieten 
tatig  mitwirkte. 

Nicht  unerwahnt  soil  schlieBlich  bleiben,  daJ3  F.  die  Fahigkeit  hatte,  die  Er- 
gebnisse  seiner  und  fremder  Arbeit  in  gemeinverstandlichen  Schriften  auch 
einem  groBeren  Laienpublikum  zu  erlautern.  Fur  die  Verbreitung  des  allge- 
meinen  Interesses  an  unserer  Wissenschaft  hat  er  viel  gewirkt.  Zeugnis  davon 
geben  sechs  Bandchen  » Aus  der  Vorzeit  der  Erde«  (191 1 — 1917),  welche  durch 
ihre  klare  und  originelle  Fassung  einen  weiten  Leserkreis  gefunden  haben,  da- 
neben  zahlreiche  Aufsatze  iiber  allgemeinere  Fragen  der  Geologie  in  den  Natur- 
wissenschaften,  der  Umschau,  der  Zeitschrift  des  Deutsch-osterreichischen 
Alpenvereins  und  anderen  Zeitschriften. 

Das  Iyeben  :  Ich  habe  absichtlich  die  Schilderung  von  F.s  Lebenswerk 
an  den  Anfang  gestellt,  weil  hier,  wie  selten  sonst,  Werk  und  Mensch  or- 
ganisch  verbunden  sind,  und  dieser  zum  Teil  nur  aus  dem  Werk  verstandlich 
wird. 

Schon  in  fruher  Jugend  zeigte  F.,  der  Sohn  eines  hohen  preuBischen  Justiz- 
beamten,  eine  ausgesprochene  Liebe  zu  den  beschreibenden  Naturwissenschaften 
und  sammelte  schon  als  Gymnasiast  zoologische  und  palaontologische  Objekte. 
Nach  Beendigung  des  Berliner  Wilhelms-Gymnasiums  (1880)  studierte  er  in 
Berlin,  wo  Beyrich  und  Dames  seine  Lehrer  waren  und  auf  die  Entwicklung 
seiner  spezifisch  palaontologisch-stratigraphischen  Einstellung  entscheidend 
eingewirkt  haben.  Neben  diesen  beiden  hat  dann  vor  allem  Ferdinand  v.  Richt- 
hofen,  der  ihm  auBerlich  und  innerlich  ahnlich  war,  einen  groBen  EinfluB  auf 
ihn  ausgeiibt.  Richthofen  verdankt  er  wohl,  in  einem  gewissen  Gegensatz  zu  der 
Berliner  Geologenschule,  die  Scharfung  des  Blickes  fur  groBe  Zusammenhange 
und  allgemeine  Problemstellungen.  1885  promovierte  F.  mit  der  genannten 
Arbeit  iiber  oberdevonische  Korallen;  1886  unternahm  er  seine  erste  groBere 
Reise  nach  Siidfrankreich  zur  Erweiterung  seiner  palaozoischen  Basis;  1887 
habilitierteersich  in  Halle  mit  einer  Arbeit  iiber  das  Devon  vonHaiger  (Nassau). 
1891  erfolgte  seine  erste  Reise  nach  Nordamerika,  die  fiir  seine  innere  Ent- 
wicklung sehr  wdchtig  war.  1893  erhielt  er  den  Ruf  als  auBerordentlicher  Pro- 
fessor nach  Breslau.  Der  Lehrstuhl  des  1891  verstorbenen  F.  Romer  wurde  da- 
mals  geteilt,  aber  F.  iibernahm  das  eigentliche  Erbe  des  um  das  Palaozoikum 
Deutschlands  hochverdienten  Forschers,  dessen  berufenster  Nachf olger  er  schon 
durch  die  Fortsetzung  seines  Lebenswerkes —  der  Lethaea  paldozoica,  war.  In 
diese  Zeit  fallen  vor  allem  seine  Studien  in  den  Karnischen  Alpen. 

1894  vermahlte  er  sich  mit  Vera  Klopsch,  der  Tochter  eines  bekannten  Bres- 
lauer  Chirurgen ;  es  muB  an  dieser  Stelle  der  verstandnisvollen,  zum  Teil  aktiven 
Mitarbeit  gedacht  werden,  mit  der  seine  Gattin  23  Jahre  sein  Iyebenswerk  be- 
gleitete,  insbesondere  auch  als  treue  und  aufopfernde  Weggenossin  auf  seinen 
Reisen. 


Freeh  73 

1897  wurde  F.  zum  ordentlichen  Professor  in  Breslau  ernannt  und  iibernahm 
dann  auch  die  Professur  fur  Geologie  an  der  neugegriindeten  Technischen 
Hochschule  daselbst.  In  demselben  Jahre  erfolgte  die  fur  seine  spatere  Tatigkeit 
so  bestimmende  Reise  nach  Hocharmenien,  welche  an  den  internationalen 
KongreB  in  RuBland  anschloB. 

Seine  alpine  Tatigkeit  hat  alle  diese  Jahre  angedauert.  1906  besuchte  er  den 
internationalen  GeologenkongreB  in  Mexiko.  1907  erfolgte  die  erste  Reise  nach 
dem  Balkan  (Bosnien  und  Dalmatien),  die  fur  die  Arbeiten  seiner  letzten 
Lebensperiode  bestimmend  war.  Es  folgte  dann  1908  eine  Reise  nach  Nord- 
albanien,  Montenegro,  den  Ionischen  Inseln  und  Kykladen,  1909  eine  Reise 
nach  Anatolien,  1911  Forschungen  in  Attika  und  langs  der  Trace  der  Bagdad- 
bahn  von  Konstantinopel  zum  Euphrat.  1913  besuchte  er  den  Geologenkon- 
greB in  Kanada. 

Seine  groBen  Verdienste  um  die  Palaontologie  wurden  durch  Ernennung  zum 
Prasidenten  der  internationalen  Kommission  fiir  die  »  Paldontologia  universalis  «. 
und  durch  die  Wahl  zum  Vizeprasidenten  der  Palaontologischen  Gesellschaft 
gewiirdigt  (1912).  1913  wurden  ihm  derTitel  Geheimer  Bergrat  und  der  Rote- 
Adler-Orden  verliehen. 

Nach  Ausbruch  des  Krieges  war  es  sein  heiBester  Wunsch,  Gaben  und  Er- 
fahrung  in  den  ausschlieBlichen  Dienst  des  Vaterlandes  zu  stellen;  auf  seine 
Tatigkeit  in  dieser  Richtung  wurde  ja  schon  oben  hinge wiesen.  Im  August  1917 
folgte  er  dann  freudig  der  Ernennung  zum  leitenden  Geologen  beim  Armee- 
kommando  der  syrischen  Front.  Hier  entriB  ihn  schon  nach  zwei  Monaten  ein 
todlicher  Malariaanfall  der  ihn  so  besonders  begluckenden  vereinten  Tatigkeit 
fiir  Vaterland  und  Wissenschaft. 

Die  unbedingte  GroBziigigkeit,  welche  alle  seine  wissenschaftlichen  Arbeiten 
auszeichnet,  war  ihm  auch  als  Mensch  eigen.  Die  gerade  in  Angrifl  genommenen 
Probleme  erfiillten  ihn  vollkommen,  und  da  der  Glaube  an  die  tJberzeugungs- 
kraft  seiner  Ideen  und  das  Temperament  nicht  fehlten,  so  hatte  er  sich  auch 
manchen  Feind  gemacht  und  manche  Polemik  auszufechten.  Die  innere  Treue 
gegen  seine  Wissenschaft  und  seine  Freunde  hat  er  dabei  nie  verleugnet,  und 
eine  groBe  Herzensgiite  leuchtet  vor  allem  aus  dem  Verhaltnis  zu  seinen  Schu- 
lern,  fiir  die  er  sich  wissenschaftlich  und  menschlich  voll  einsetzte. 

So  erkennen  wir  noch  heute,  nach  10  Jahren,  den  Menschen  und  das  Werk 
als  Einheit,  —  auBerlich  mannigfaltig  und  auf  die  verschiedensten  Gebiete 
iibergreifend,  innerlich  logisch  aufgebaut  und  in  sich  so  geschlossen,  wie  das 
in  dem  zersplitterten  Wollen  und  Schaffen  unserer  Zeit  kaum  mehr  erreichbar 
ist.  Die  letzte  Synthese,  zu  der  er  wohl  befahigt  war,  hat  sein  friiher  Tod  ihm 
und  uns  versagt ;  der  ausgestreute  Samen  wird  aber  noch  lange  weiter  keimen ! 

I/iteratur:  (l)  Die  Korallenfauna  des  Oberdevon  in  Deutschland.  Zeitschr.  d.  Deutschen 
Geol.  Ges.  1885;  Die  Cyathophylliden  und  Zaphrentiden  des  deutschen  Mitteldevons, 
eingeleitet  durch  einen  Versuch  der  Gliederung  derselben,  Palaont.  Abhandl.  3,  1886; 
ttber  unterdevonische  Korallen  der  Karnischen  Alpen,  Zeitschr.  d.  Deutschen  Geol. 
Ges.  1895;  Die  Korallenfauna  der  Trias,  Palaontographica  1890,  37,  und  1896,  43; 
Palaozoische  Korallen  aus  China,  wissenschaftliche  Ergebnisse  der  Reise  des  Grafen 
Szecheny  in  Ostasien  1899.  —  (2)  Die  devonischen  Aviculiden  Deutschlands,  Abh.  PreuC. 
Geol.  Landesanstalt  1891 ;  t)ber  devonische  Ammoneen,  Beitr.  z.  Geol.  u.  Pal.  Osterreich- 
Ungarns  und  des  Orients,  1902,  14;  Neue  Cephalopoden  aus  den  Buchensteiner,  Wengener 
und  Raibler  Schichten  des  siidlichen  Bakony,  Result,  d.  wiss.  Erforschung  d.  Balaton- 


74  l^l7 

sees,  i,  1903 — 1904  usw.  Hier  ist  auch  die  w.ertvolle  Studie  iiber  Graptolithen  in  der 
Lethaea  pal&ozoica  zu  nennen.  —  (*)  Die  palaozoischen  Bildungen  von  Cabrieres,  Zeitschr. 
d.  Deutschen  Geol.  Ges.  1887,  89;  ttber  das  Devon  der  Ostalpen  I — III,  daselbst  1888, 
1 891,  1894;  Devon  und  Carbonfaunen  aus  Zentralasien,  Abh.  d.  Wiener  Akad.  1899; 
t)ber  das  Palaozoikum  in  Hocharmenien  und  Persien,  Beitr.  z.  Geol.  u.  Pal.  Osterreich- 
Ungarns  und  des  Orients,  1900,  12.  —  (4)  t)ber  das  Kalkgeriist  der  Tetrakorallen. 
Zeitschr.  d.  Deutschen  Geol.  Ges.  1885;  Explosive  Entwicklung  der  oberdevonischen 
Ammoneen,  daselbst,  1904;  t)ber  die  Griinde  des  Aussterbens  der  vorzeitlichen  Tierwelt, 
Arch,  f .  Rassen-  und  Ges.-Biologie,  1906;  Loses  und  geschlossenes  Gehause  der  tetra- 
branchiaten  Cephalopoden,  Centr.  f.  Miner.,  Geol.  u.  Palaont.  191 5.  —  (5)  Die  Tribulaun- 
gruppe  am  Brenner,  Richthofen-Festschrift,  1893  '>  Die  Karnischen  Alpen,  Abh.  d.  Naturf  .- 
Ges.  Halle,  18,  1894;  Geologie  der  Radstatter  Tauern,  geol.  u.  pal.  Abhandl.  1901;  Ge- 
birgsbau  der  Tiroler  Zentralalpen,  Wiss.  Erg.-Hefte  d.  D.  u.  Osterr.  Alpenvereins,  1905; 
t)ber  den  Gebirgsbau  der  Alpen,  Peterm.  Mitt.  1908.  —  (6)  Die  Hallstatter  Kalke  bei  Epi- 
dauros  und  ihre  Cephalopoden,  Neues  Jahrbuch  f.  Min.  usw.  1907;  Neue  Triasfunde  auf 
Hydra  und  in  der  Argolis,  daselbst,  Beil.-Bd.  XXV,  1908;  Sur  la  repartition  du  Trias 
&  faci&s  ocianique  en  Grice,  Compte  rendus  ac.  d.  Sciences,  Paris,  1906;  letztere  beiden  mit 
Renz;  Geol.  Forschungsreisen  in  Nordalbanien,  nebst  vergleichenden  Studien  iiber  den 
Gebirgsbau  Griechenlands,  Mitt.  d.  k.  k.  Geogr.  Ges.  Wien  1909;  t)ber  den  Gebirgsbau  des 
Tauros  in  seiner  Bedeutung  fur  die  Beziehungen  der  europaischen  und  asiatischen  Gebirge, 
Sitz.-Ber.  d.  Berliner  Akad.  1912;  Geologie  Kleinasiens  im  Bereiche  der  Bagdadbahn, 
Zeitschr.  d.  Deutschen  Geol.  Ges.  19 16.  —  (7)  Studien  iiber  das  Klima  der  geol.  Vergangen- 
heit,  Zeitschr.  d.  Berliner  Ges.  f.  Erdkunde,  1902,  1906;  t)ber  Klimaanderungen  in  der 
geolog.  Vergangenheit.Congr.  internat.  geol.  Mexiko,  1909.  —  (8)  In  welcher  Teufe  liegen  die 
Floze  der  inneren  niederschlesisch-bohmischen  Steinkohlenmulde  ?  Zeitschr.  f .  Berg-, 
Hiitten-  und  Salinenwesen  1909;  Deutschlands  Steinkohlenf elder  und  Steinkohlenvorrate, 
Stuttgart  1 91 2;  Die  Kohlenvorrate  der  Welt,  Finanz-  und  volkswirtschaftliche  Zeitfragen, 
H.  43,  191 7;  daneben  zahlreiche  kleinere  Aufsatze.  —  Uber  den  Bau  der  schlesischen  Ge- 
birge, Geogr.  Zeitschrift,  1902;  Schlesiens  Heilquellen  in  ihrer  Beziehung  zum  Bau  der 
Gebirge,  Berlin  1 9 1 2 ;  Schlesiens  Landeskunde  Bd.  I,  191 3 ;  L,awinen  und  Gletscher  in  ihren 
gegenseitigen  Beziehungen,  Zeitschr.  d.  Deutsch-Osterr.  Alpenvereins  1908;  Erdbeben  und 
Gebirgsbau,  Peterm.  Mitt.  1907;  t)ber  die  Machtigkeit  des  europaischen  Inlandeises  und 
das  Klima  der  Interglazialzeiten.  Congr.  intern,  geol.  Stockholm  1912;  t)ber  die  geolog.- 
technische  Beschaffenheit  und  die  Erdbebengefahr  des  Bagdadbahngebietes  bis  zum 
Euphrat,  Neues  Jahrb.  f.  Min.  usw.  I,  191 3.  Diese  kleine  Auswahl  soil  nur  die  Grund- 
richtung  der  iibrigen  Arbeitsgebiete  aufzeigen. 

Quellen:  Zu  der  vorhergehenden  Schilderung  habe  ich  vor  allem  zwei  Nachrufe  be- 
nutzt:  J.  Pompeckj,  Fritz  F.,  Neues  Jahrbuch  f.  Mineral.,  Geol.  und  Palaont.,  1919, 
S.  I — XXXVIII,  mit  Bildnis  und  Schriftenverzeichnis,  und  W.  Volz,  Fritz  F.,  Jahres- 
bericht  der  Schles.  Gesellsch.  f.  vaterland.  Kultur,  1918,  S.  1 — 10.  Besonders  die  erste 
dieser  gedankenreichen  Arbeiten  bildet  eine  fast  erschopfende  Darstellung,  wie  sie  hier 
auf  beschranktem  Raum  nicht  gegeben  werden  konnte.  Ich  mochte  indessen  hervorheben, 
daC  diese  formvollendete  Schilderung  mir  oft  als  Anregung  gedient  hat,  wenn  auch 
natiirlich  durch  das  Studium  von  F.s  Schriften  dieser  mir  seit  Jahren  ein  vertrautes  und 
verehrtes  Vorbild  war.  Fur  manche  personliche  Angaben  bin  ich  schliefilich  Frau  Vera 
v.  Miaskowski,  verwitwete  Frau  Geheimrat  Freeh,  zu  grofiem  Danke  verpflichtet.  Ein 
ausf iihrliches  Schriftenverzeichnis  konnte  ich  hier  nicht  aufnehmen  und  habe  nur  das  mir 
besonders  wesentlich  Erscheinende  genannt;  ich  verweise  fur  das  "Obrige  auf  die  erwahnte 
Arbeit   von  Pompeckj. 

Breslau.  Serge  v.  Bubnoff. 

Friedrich,  Johann,  Kirchenhistoriker,  Geschichtschreiber  des  vatikanischen 
Konzils,  *  5.  Mai  1836  zu  Poxdorf  bei  Forchheim  in  Oberfranken,  f  19-  August 
1917  zu  Munchen.  —  Als  Sohn  eines  I,ehrers  in  bescheidenen  Verhaltnissen 
aufgewachsen,  legte  er  seine  humanistischen  Studien  als  Zogling  des  Auf- 
sessianischen  Seminars  zu  Bamberg  zuriick,  worauf  er  am  dortigen,  mit  tiich- 
tigen  Lehrkraften  besetzten  Lyzeum  den  philosophisch-theologischen  Fachern 


Freeh.  Friedrich  75 

oblag  (1854 — 1858).  Mit  gediegenen  Kenntnissen  ausgeriistet,  verlieB  er,  von 
Erzbischof  Deinlein  1859  zum  Priester  geweiht,  das  Klerikalseminar  und  fand 
seine  erste  Anstellung  als  Kaplan  in  Markt  Scheinfeld  in  Mittelfranken,  wo 
$j  Jahre  zuvor  auch  Dollinger  kurze  Zeit  in  der  Seelsorge  tatig  gewesen  war. 
Friedrich  fuhlte  sich  durch  die  praktische  Wirksamkeit  nicht  befriedigt.  Er 
sehnte  sich  nach  seinen  geliebten  Biichern  und  Studien  zuriick  und  richtete 
daher  an  seinen  Erzbischof  das  Gesuch,  behufs  weiterer  Ausbildung  die  Uni- 
versitat  Miinchen  beziehen  zu  diirfen.  Es  sah  wie  ein  Zufall  aus  und  war  doch 
sichtlich  hohere  Fiigung,  dai3  eben  damals  auch  Dollinger  den  Oberhirten, 
seinen  ehemaligen  Studiengenossen,  um  einen  jungen  Geistlichen  bat,  welcher 
ihm  bei  seinen  wissenschaftlichen  Arbeiten  an  die  Hand  gehen  konnte.  So  kam 
F.  nach  Miinchen  und  in  den  Bannkreis  des  Mannes,  der  das  Schicksal  seines 
Lebens  ward.  Selten  ging  ein  Schiller  so  ganz  und  mit  solcher  Hingebung  in 
seinem  Lehrer  auf ,  wie  F.  in  Dollinger.  Er  wohnte  nicht  nur  seinen  Vorlesungen 
an,  sondern  genoB  auch,  von  ihm  in  seine  Hausgemeinschaft  aufgenommen, 
das  seltene  Gliick,  in  stetem  Verkehr  und  Gedankenaustausch  mit  dem  groBen 
Gelehrten,  von  ihm  mannigfach  angeregt  und  geistig  befruchtet,  sein  Gesichts- 
feld  standig  erweitern,  sein  Wissen  ausbreiten  und  vertiefen  zu  diirfen. 

Dollinger  hatte,  als  F.  Ende  1859  zu  ihm  zog,  den  Zenit  seines  Ruhmes  in 
.streng  kirchlichen  Augen  bereits  uberschritten.  Diistere  Wolken  am  Gelehrten- 
himmel  verkiindeten  ein  nahes  schweres  Gewitter.  Zwei  theologische  Rich- 
tungen  gab  es  im  katholischen  Lager,  welche  die  Geister  schieden :  die  deutsche 
historische  und  die  romisch-jesuitische,  neuscholastische.  Noch  in  der  ersten 
Halfte  des  18.  Jahrhunderts  beherrschte  die  scholastische  Wissenschaft  auch 
in  Deutschland  alle  geistlichen  Schulen,  siechte  aber  bereits  unaufhaltsamem 
Zerfalle  entgegen.  Da  wirkte  das  lebendige  Beispiel  emsiger  kirchengeschicht- 
licher  und  patristischer  Studien,  wie  sie  von  den  franzosischen  Benediktinern 
^o  erfolgreich  betrieben  wurden,  erfrischend  und  neubelebend  auf  ihre  Ordens- 
genossen  in  Deutschland  und  besonders  in  Osterreich.  Ein  osterreichischer 
Benediktiner,  Stephan  Rautenstrauch,  Abt  von  Braunau  (|  1785),  war  es,  der 
das  theologische  Studien wesen,  das  noch  immer  schwer  unter  den  Nachwehen 
des  DreiBigjahrigen  Krieges  litt,  neu  organisierte,  indem  er  ohne  Beeintrachti- 
gung  der  kirchlichen  Dogmatik  an  Stelle  der  abgelebten  Scholastik  nach  prote- 
stantischem  Vorbilde  die  kirchengeschichtlichen,  bibelwissenschaftlichen  und 
patristischen  Studien  in  den  Vordergrund  des  theologischen  Unterrichts  riickte 
und  den  Lehrplan  entwarf,  welcher  fortan  nicht  bloB  in  den  osterreichischen, 
sondern  auch  in  den  deutschen  katholisch-theologischen  Schulen  die  Herrschaft 
behauptete.  Die  gewaltige  Reaktion,  welche  nach  dem  Zusammenbruche  der 
Franzosischen  Revolution  iiberall  einsetzte,  und  der  blendende  Zauber,  mit 
welchem  die  Romantik  die  seligen  Zeiten  des  mittelalterlichen  Papsttums  ver- 
klarte,  brachte  es  nun  aber  mit  sich,  daB  sich  im  SchoBe  des  Katholizismus  eine 
Stromung  breit  machte,  welche  in  der  entschlossenen  Riickkehr  zur  Papst- 
herrschaft  und  zur  Scholastik  das  Heil  der  Kirche  und  der  burgerlichen  Gesell- 
schaft  erblickte.  Die  Sonne  des  hi.  Ignatius  von  Loyola,  von  Clemens  XIV. 
aufgehoben,  von  Pius  VII.  zu  neuem  Leben  erweckt,  waren  die  Bannertrager 
der  neuen  Richtung,  und  ihre  Schiiler,  welche  sie  im  sogenannten  Collegium 
Germanicum  zu  Rom  mit  ihrem  Geiste  erfiillten,  wirkten,  unter  dem  Einflusse 
des  immer  mehr  erstarkenden  Ultramontanismus  auf  bischofliche  Stiihle  und 


76  19*7 

theologische  Katheder  erhoben,  mit  Feuereifer  in  ihrem  Sinne.  Des  festen  Ruck- 
haltes  in  Rom  versichert  und  gleich  ihren  Meistern  gewohnt,  kirchliche  Recht- 
glaubigkeit  mit  der  von  ihnen  vertretenen  Scholastik  in  eins  zu  setzen,  iiber- 
trugen  sie  ihren  ungeziigelten  HaB  gegen  Protestantismus  nnd  Auf klarung  auf 
die  nach  ihrer  Anschauung  aus  demselben  Geiste  geborene  und  daher  im 
hochsten  Grade  anriichige  deutsche  Schule.  Angriffslustig  und  siegesgewiB  er- 
offneten  sie  den  Sturm  zunachst  auf  philosophischem  Boden  und  ruhten  nicht, 
bis  die  Fiihrer  der  aufbluhenden  deutschen  Philosophic,  Manner  wie  Hermes, 
Giinther,  Frohschammer,  Oischinger,  dem  romischen  Index  verfallen  waren. 
Und  schon  griff  der  Kampf  auch  ins  theologische  Bereich  iiber.  Schon  war  der 
edle  Hirscher,  seit  1857  in  Freiburg,  von  Rom  verurteilt,  schon  sah  sich  der 
Tubinger  Dogmatiker  Kuhn  vom  selben  Lose  bedroht.  Der  Bamberger  Dom- 
dekan  Gengler,  F.s  Lehrer,  von  Konig  Max  II.  zum  Erzbischof  von  Bamberg 
erkoren  (1858),  wagte  die  Ernennung  nicht  anzunehmen,  aus  Furcht,  daJ3  er, 
in  Rom  langst  verdachtigt,  die  papstliche  Bestatigung  doch  nicht  erhalten 
wtirde.  Schon  wurden  die  katholischen  Fakultaten  und  die  Universitatsbildung 
der  Geistlichen  fiir  bedenklich  erklart  und  die  Griindung  einer  »freien«  katho- 
lischen Universitat  gefordert.  Schon  verkiindeten  der  Mainzer  »Katholik«,  die 
Zeitschrift  der  Neuscholastiker,  die  Theologie  der  Orden  (Jesuiten)  und  der 
Germaniker  sei  auch  die  Theologie  Roms  und  der  ganzen  katholischen  Welt. 
Schon  erklarte  er  of  fen,  es  gebe  im  Katholizismus  zwei  Richtungen,  welche 
nicht  friedlich  nebeneinander  bestehen  konnen,  sondern  sich  gegenseitig  auf- 
heben.  Schon  war  also  der  deutschen  Schule  der  Vernichtungskrieg  unverblumt 
angekiindigt.  Nur  einer  stand  in  Deutschland  noch  unbesiegt  —  Dollinger,  das 
gefeierte  Haupt  der  Miinchener  historischen  Schule.  Aber  es  ging  das  gefltigelte 
Wort,  das  Dogma  musse  die  Geschichte  besiegen,  und  so  muBte  friiher  oder 
spater  auch  er  fallen.  Einen  Sturm  der  Entriistung  erregten  im  ultramontanen 
Lager  schon  die  Odeonsvortrage  (1861)  iiber  den  nahen  Sturz  des  Kirchen- 
staates,  zumal  da  deutsche,  belgische,  englische  und  hollandische  Bischofe  den 
Kirchenstaat  soeben  noch  als  einen  wesentlichen  Bestandteil  der  Kirche  be- 
zeichnet  hatten.  Aufs  heftigste  prallten  die  Gegensatze  anlaBlich  der  Miinchener 
Gelehrtenversammlung  (September  1863)  zusammen,  auf  welcher  Dollinger 
einen  nach  Form  wie  Inhalt  ausgezeichneten  Vortrag  iiber  » Vergangenheit  und 
Gegen  wart  der  katholischen  Theologie «  hielt. 

F.  hatte  wie  an  den  Odeonsvortragen,  so  an  der  Gelehrtenversammlung  und 
den  damit  zusammenhangenden  Beratungen  lebhaften  Anteil  genommen,  und 
so  war  es  unausbleiblich,  daJ3  er,  als  getreuer  Schiiler  seines  Meisters  bekannt, 
die  unversohnliche  Gegnerschaft,  welche  sich  dieser  seitens  der  Neuschola- 
stiker zugezogen  hatte,  auch  am  eigenen  Leibe  zu  spuren  bekam.  Schon  als  er 
seine  erste  Schrift,  mit  welcher  er  sich  den  theologischen  Doktorgrad  erwarb, 
iiber  »Joh.  Wessel.  Ein  Bild  aus  der  Kirchengeschichte  des  15.  Jahrhunderts« 
(Regensburg  1862)  herausgab,  sah  er  sich  gezwungen,  geharnischte  Verwahrung 
gegen  einen  neuscholastischen  Kritiker  einzulegen,  welcher  die  Arbeit,  noch 
ehe  sie  gedruckt  war,  aus  dem  Pulte  des  Verlegers  an  sich  zu  bringen  gewuBt 
hatte  und  sich  nun  voller  Entriistung  iiber  das  vom  Verf  asser  entworf  ene  diistere 
Bild  kirchhchen  Verderbens  der  Vorreformationszeit  aussprach.  Als  nun  F. 
nach  seiner,  auf  Grand  einer  neuen  Schrift  iiber  »Die  Lehre  des  Joh.  HuB  und 
ihre  Bedeutung  fiir  die  neuere  Zeit«  (Regensburg  1862)  erfolgten  Habilitation 


Friedrich 


77 


(1862)  zum  auBerordentlichen  Professor  der  Kirchengeschichte  ernannt  werden 
sollte,  trug  der  Erzbischof  von  Miinchen  Bedenken,  seine  Zustimmung  zu  geben, 
da  sein  »  Wessel«  AnstoB  bei  ihm  erregt  habe,  und  erst  als  sich  der  junge  Gelehrte 
auf  das  giinstige  Urteil  des  Erzbischofs  Deinlein  von  Bamberg  und  des  Bischofs 
Dinkel  von  Augsburg  berufen  konnte,  erlitt  seine  Anstellung  (1865)  keinen  Auf- 
schub  mehr.  In  der  Tat  war  sie  vollauf  verdient.  F.  entfaltete  eine  ungemein 
riihrige  literarische  Tatigkeit.  Er  hatte  den  groBen  Plan  einer  » Kirchen- 
geschichte Deutschlands«  gefaBt,  von  welcher  jedoch  nur  der  erste  Band  und 
die  erste  Halfte  des  zweiten  erscheinen  konnte  (1867 — 1869),  worauf  das  Werk 
wegen  aUgemeiner  Teilnahmslosigkeit  eingestellt  werden  muBte.  Von  ganz  an- 
deren  Fragen  waren  damals  die  Gemiiter  bewegt.  Pius  IX.  hatte  1864  den 
Syllabus  verkiindet  und  darin  die  Kulturideale  der  modernen  Gesellschaft  ver- 
dammt  —  ein  Vorgehen,  welches  der  Mainzer  Neuscholastiker  Heinrich  als 
»die  groBte  Tat  des  Jahrhunderts  und  vielleicht  vieler  Jahrhunderte«  pries. 
Im  Jahre  1867  aber  hatte  der  Papst  ein  allgemeines  Konzil  angesagt,  und  es 
hieB,  es  solle  bei  dieser  Gelegenheit  die  papstliche  Unfehlbarkeit,  vielleicht  sogar 
per  acclamalionem,  zum  Dogma  erhoben  werden.  Unter  solchen  Umstanden 
war  eine  griindliche  Beschaftigung  mit  der  Geschichte  der  friiheren  Konzilien, 
besonders  des  letzten,  des  tridentinischen,  aufs  dringlichste  geboten.  F.  widmete 
sich  ihr  sofort  mit  Feuereifer  und  begab  sich  auf  Doilingers  Rat  nach  Trient, 
um  hier  an  Ort  und  Stelle  auch  Quellenstudien  zu  obliegen.  Es  war  die  Stunde, 
die  iiber  sein  ferneres  Leben  entschied,  als  er  einen  Brief  Doilingers  vom 
25.  September  1869  mit  der  iiberraschenden  Mitteilung  erhielt,  KardinalHohen- 
lohe  habe  um  einen  deutschen  Theologen  geschrieben,  der  wahrend  des  Konzils 
bei  ihm  in  Rom  wohnen  und  ihm  mit  Ratschlagen  beistehen  konne.  Er,  Dol- 
linger, habe  ihn  als  den  rechten  Mann  vorgeschlagen,  F.  moge  sich  die  prachtige 
Gelegenheit  nicht  entgehen  lassen,  »hinter  den  Kulissen  stehend  ein  groBes, 
weltgeschichtliches  Drama  (hoffentlich  weder  Komodie  noch  Trauerspiel)  auf- 
gefiihrt  zu  sehen«. 

Im  November  1869  reiste  er  nach  Rom  ab.  Dollinger  hatte  sich  in  ihm  nicht 
getauscht  —  er  war  der  rechte  Mann,  der  es  mit  seiner  Aufgabe  ernst  nahm 
und  fur  ihre  Lbsung  durch  seine  Studien  iiber  das  Trienter  Konzil  wohl  aus- 
geriistet  war.  Mit  klarem  Blicke  betrachtete  er  Personen  und  Verhaltnisse,  mit 
sicherem,  unbeirrbarem  Urteile  durchschaute  er  die  voile  Tragweite  der  den 
Bischofen  von  der  Kurie  vorgelegten  Entwiirfe  und  Formeln.  Von  Anfang  an 
erkannte  er,  wie  ihm  der  preuBische  Gesandte  v.  Arnim  spater  ausdriicklich 
bezeugte,  daB  angesichts  der  geschlossenen,  von  ein  em  Willen  zielbewuBt  ge- 
leiteten,  zahlenmaBig  weit  uberlegenen  Mehrheit,  und  der  unsicher  hin  und 
her  schwankenden,  in  sich  vielfach  gespaltenen  und  uneinigen  Minderheit  der 
Sieg  des  Papalsystems  unabwendbar  sein  werde.  Angelegentlich  bemuhte  er 
sich,  den  meist  nur  mangelhaft  vorbereiteten,  erst  durch  ihre  nunmehrigen  Er- 
fahrungen  und  Wahrnehmungen  aus  ihrer  friiheren  Vertrauensseligkeit  auf- 
geriittelten  Bischofen  der  Minoritat  mit  Gutachten  und  Aufschliissen  beizu- 
springen.  Unablassig  stand  er  auf  seinem  Posten,  mahnend,  warnend,  studie- 
rend,  priifend,  beobachtend.  In  den  Aufzeichnungen  seines  nachher  durch  den 
Druck  veroffentlichten  Tagebuches  sowie  in  den  ausfiihrlichen  Briefen  an 
Dollinger,  die  er  noch  kurz  vor  seinem  Tode  ebenfalls  im  Wortlaute  mitteilte, 
schilderte  er  die  verschiedenartigen  Gestalten,  welche  auf  der  buntbewegten 


78  1917 

Schaubuhne  des  Konzils  auftraten,  die  mannigfachen  Vorgange  und  Ereignisse, 
die  sich  vor  seinen  Augen  abspielten.  Damals  erreichte  in  ihm  ein  geistiger 
Kampf  sein  Ende,  der  sein  ganzes  Wesen  erschiitterte.  Er  erkannte  die  unsicht- 
bare  Hand,  welche  ihn  nach  Rom  gefuhrt  hatte,  und  je  tiefer  die  Einblicke 
waren,  welche  er  Tag  fur  Tag  aus  nachster  Nahe  in  das  Konzilsgetriebe  tun 
durfte,  desto  mehr  fuhlte  er  sich  von  ihm  abgestoBen.  »Was  war  Rom,«  rief  er 
in  seinem  Tagebuch  (2.  Aufl.,  S.  196)  aus,  »einst  fiir  mich!  Wie  betete  ich  ge- 
wissermaBen  alles  an,  was  von  da  kam!  Jetzt  sehe  ich,  daB  nicht  bloB  die 
grauenhaf teste  Ignoranz,  sondern  noch  weit  mehr  Hochmut,  Luge  und  Siinde 
hier  herrschen.  Nach  zwei  Hinsichten  hat  mein  Leben  seine  Aufgabe  jetzt  be- 
zeichnet  erhalten:  es  ist  von  jetzt  an  dem  Kampf e  gegen  die  Kurie,  nicht  aber 
(gegen  den)  Primat,  sowie  gegen  die  Jesuiten  gerichtet.  Gehe  ich  dabei  zugrunde, 
so  glaube  ich,  daB  es  der  Herr  so  gewollt  hat. «  Er  rechnete  seinen  romischen 
Aufenthalt  zu  den  triibsten  Tagen  seines  L,ebens  und  war  entschlossen,  dieses 
Konzil  niemals  als  okumenisches  anzuerkennen. 

Mitte  Mai  1870  in  die  Heimat  zuriickgekehrt,  hatte  er  nur  zu  bald  Gelegen- 
heit,  seinen  EntschluB  in  die  Tat  umzusetzen.  Am  18.  Juli  erfolgte  die  Dogma- 
tisierung  des  Universalprimats  und  der  personlichen  Unfehlbarkeit  des  Papstes, 
welcher  sich  die  Konzilsminderheit  nachtraglich  ausnahmslos  unterwarf .  Da 
wie  Dollinger  auch  F.  die  Annahme  dieser  ihrer  Uberzeugung  gemaB  neuen,  in 
Schrift  und  apostolischer  Uberlieferung  nicht  begriindeten,  von  einer  moralisch 
unfreien,  dem  starksten  Drucke  durch  die  Kurie  unterworfenen  Versammlung 
beschlossenen,  fiir  Kirche  wie  Staat  gleich  verhangnisvollen  Glaubenssatze  ver- 
weigerten,  so  wurde  Dollinger  am  17.,  F.  am  18.  April  1871  vom  Erzbischofe 
Gregor  v.  Scherr  von  Miinchen  exkommuniziert.  Die  groBe  Frage  war  nun: 
was  sollte  weiter  geschehen?  Dollinger  und  F.  waren  anfangs  gesonnen,  den 
Kirchenbann  iiber  sich  ergehen  zu  lassen,  ohne  an  eine  kirchliche  Organisation 
ihrer  Gesinnungsgenossen  zu  denken.  Bald  aber  drangte  die  Macht  der  Verhalt- 
nisse  in  andere  Bahnen.  Da  die  »Altkatholiken« —  die  Bezeichnung  geht  allem 
Anscheine  nach  auf  den  Abt  Haneberg  von  S.  Bonifaz  in  Miinchen,  spateren 
Bischof  von  Speier,  zuriick  —  durch  die  romischen  Kirchenbehorden  von  den 
Sakramenten,  namentlich  von  der  damals  auch  zur  staatlichen  Giiltigkeit  einer 
EheschlieBung  erforderlichen  pfarrlichen  Assistenz,  sowie  vom  kirchlichen  Be- 
grabnisse  ausgeschlossen  waren,  so  sahen  sie  sich  in  die  Zwangslage  versetzt, 
eine  regelmaBige  altkatholische  Seelsorge  in  die  Wege  zu  leiten.  Dollinger  wollte 
davon  anfangs  nichts  wissen;  eindringlich  widerriet  er,  » Altar  gegen  Altar  zu 
stellen.«  F.,  der  in  manchen  Dingen  scharfer  sah,  vertrat  in  dieser  praktisch  so 
wichtigen  Angelegenheit  den  entgegengesetzten  Standpunkt,  welchem  sich  auf 
die  Dauer  auch  Dollinger  nicht  zu  verschlieBen  vermochte.  Mit  vorbildlicher 
Hilfsbereitschaft  und  Opferwilligkeit  leistete  F.,  solange  die  Gemeindebildung 
mit  eigenen  Geistlichen  noch  nicht  durchgefiihrt  war,  in  Miinchen  selbst  wie 
auswarts,  wo  ein  Kranker  nach  geistlichem  Troste,  ein  Sterbender  nach  den 
Sakramenten  verlangte,  den  ersehnten  Beistand.  Als  es  gait,  an  der  Universitat 
Bern  eine  altkatholische  Fakultat  einzurichten,  entsprach  er  auf  Dollingers 
Wunsch  der  an  ihn  ergangenen  Einladung  und  hielt  wahrend  der  beiden  ersten 
Semester  (1874/75)  kirchengeschichtliche  Vorlesungen,  welche  er  mit  einer  be- 
deutsamen  Rede  iiber  den  » Kampf  gegen  die  deutschen  Theologen  und  theo- 
logischen  Fakultaten  in  den  letzten  zwanzig  Jahren«  eroffnete.  Auf  verschie- 


Friedrich 


79 


denen  Kongressen,  wie  in  zahlreichen  Versaminlungen  trat  er  als  Redner  auf . 
Mit  unerschrockenem  Bekennermute  und  riicksichtsloser  Entschiedenheit  ver- 
teidigte  er  die  altkatholische  Sache  auch  in  wuchtigen  Broschiiren,  und  hielt 
mit  nnbeugsamer  Festigkeit  den  leidenschaftlichen  Angriffen  der  Gegner  stand, 
welche  ihn,  der  freilich  auch  selbst  eine  schneidige  Klinge  schlug,  mit  einer  Flut 
gehassiger  Schmahungen  und  Beschimpfungen  iiberhauften,  gegen  welche  er 
gelegentlich  auch  gerichtliche  Hilfe  in  Anspruch  nehmen  muBte. 

Und  doch  hinderte  ihn  alles  dies  nicht,  das  groBe  Werk  seines  Lebens  zu  voll- 
enden,  zu  dem  er  wie  sonst  niemand  berufen  war,  die  »Geschichte  des  vatika- 
nischen  Konzils «  in  3  bzw.  4  Banden,  von  welchen  der  erste  (1877)  die  Vor- 
geschichte  bis  zur  Eroffnung  des  Konzils,  der  zweite  (1883)  die  unmittelbaren 
Vorbereitungen,  der  dritte,  um  seines  groBen  Umfanges  willen  in  zwei  Halften 
geteilt,  den  Verlauf  des  Konzils  bis  zum  entscheidenden  18.  Juli  behandelte 
(1887).  Das  Werk  wird  nie  veralten  und  fur  alle  Zeiten  ebenso  wie  das  Tagebuch 
und  die  Berichte,  welche  der  Verfasser  wahrend  seines  romischen  Aufenthaltes 
an  Dollinger  gelangen  lieB,  eine  Hauptquelle  der  Geschichte  des  vatikanischen 
Konzils  bilden.  Seine  Glaubwiirdigkeit  und  Zuverlassigkeit  besteht,  bei 
manchen  Irrtumern  und  Fehlern  in  Einzelheiten  und  Kleinigkeiten,  die 
strengste  kritische  Prufung.  Selbst  ein  bald  darauf  von  jesuitischer  Seite  auf 
Grund  der  samtlichen  vatikanischen  Aktenstiicke  verfaBtes  Gegenwerk  ver- 
mochte  es  nicht  zu  iiberholen  oder  auch  nur  in  seinen  Hauptergebnissen  zu  er- 
schuttern.  Die  Palme  gebuhrt  unter  den  drei  Banden  unstreitig  dem  ersten. 
Mit  musterhafter  Griindlichkeit  legt  er  die  Machte  und  Triebkrafte  bloB,  welche 
zur  Verkiindigung  der  Unfehlbarkeit  fiihrten,  und  bietet  eine  unerschopfliche 
Fundgrube  kostbarsten,  zum  Teile  sehr  entlegenen  Stoffes  zur  Geschichte  des 
Ultramontanismus  im  19.  Jahrhunderte.  Die  gebiihrende  Anerkennung  blieb 
denn  nicht  aus.  W.  v.  Giesebrecht  befurwortete  1880  F.s  Wahl  zum  ordent- 
lichen  Mitgliede  der  Miinchener  Akademie,  und  wenn  dieser  auch  1882  auf 
Drangen  der  ultramontanen  Kammermehrheit  gegen  seinen  Willen  aus  der 
theologischen  Fakultat  ausgeschieden  und  in  die  philosophische  versetzt  wurde, 
so  konnte  er  doch  seine  Vorlesungen  ungestort  wieder  aufnehmen  und  seine 
wirtschaftliche  Zukunft  fur  gesichert  halten.  Der  schwerste  Schlag  traf  ihn, 
als  am  10.  Januar  1890  Meister  Dollinger  aus  dem  Leben  schied.  Am  13.  Januar 
segnete  er  ihn,  der  Gebannte  den  Gebannten,  zur  ewigen  Ruhe  ein  und  widmete 
ihm  am  offenen  Grabe,  aufs  tiefste  ergriffen,  tief  ergreifende  Abschiedsworte. 
Dem  Wunsche  des  Entschlafenen  gemaB  besorgte  er  1892  die  neue  Auflage  der 
1869  in  der  ganzen  gebildeten  Welt  als  formliches  kirchenpolitisches  Ereignis 
gewiirdigten  Schrift  »Der  Papst  und  das  Konzil  von  Janus «,  deren  machtiger 
Eindruck  durch  den  ihr  vom  Wtirzburger  Professor  und  spateren  Kardinal 
Hergenrother  entgegengesetzten  »Antijanus«  nicht  mehr  hatte  verwischt  wer- 
den  konnen.  Die  Schrift,  von  F.  mit  sorgfaltigen  Quellenbelegen  versehen  und 
dadurch  in  ihrem  wissenschaftlichen  Werte  noch  gehoben,  erschien  nunmehr 
unter  dem  Titel  »Das  Papsttum  von  J.  v.  Dollinger*,  wodurch  zugleich  die 
bisher  noch  immer  ungeklarte  Frage  der  Urheberschaft  des  Janus  aufgehellt 
wurde.  F.  war  es  auch,  der  zuverlassigen  AufschluB  uber  den  wahren  Verfasser 
der  wahrend  des  Konzils  in  der  Augsburger  »Allgemeinen  Zeitung«  veroffent- 
lichten  und  ob  der  Verlassigkeit  ihrer  Mitteilungen,  ihrer  ungewohnlichen  Ge- 
lehrsamkeit  und  geistvollen  Sprache  iiberall,  besonders  auch  in  Rom  selbst  von 


8o  1917 

den  Konzilsvatern  gierig  verschlungenen  »R6mischen  Briefe«  erteilen  konnte, 
die  Ende  1870  in  Buchfonn  unter  dem  Namen  »Quirinus«  erschienen  waren. 
Ihr  Verfasser  war  wiederum  Dollinger,  der  sich  hierbei  nicht  nur  der  schon  er- 
wahnten  Briefe  F.s,  sondern  auch  der  ihm  zur  Verfugung  gestellten  amtlichen 
Berichte  des  bayerischen  Gesandten  Tauffkirchen  und  seines  Attaches,  Grafen 
Arco,  ganz  besonders  aber  der  aufierst  aufschluflreichen  Zuschriften  seines 
Freundes  und  Schulers,  des  I/>rds  Acton,  bedienen  konnte,  der  die  engsten  Be- 
ziehungen  zu  den  fuhrenden  Bischofen  der  Minderheit  unterhielt,  zu  Darboy 
von  Paris,  Dupanloup  von  Orleans  und  Strofimayer  von  Diakovar.  Mit  ihren 
lebendigen  Stimmungsbildern  und  ihren  aus  genauester  Kenntnis  der  Personen 
und  Verhaltnisse  geschopften  Angaben  zahlen  die  »R6mischen  Briefe «  zu  den 
zuverlassigsten  und  wichtigsten  Quellen  der  Konzilsgeschichte,  die  von  keinem 
Forscher  ungestraft  beiseite  geschoben  werden  konnen  und  auch  von  F.  fleiBig 
zu  Rate  gezogen  wurden,  als  er  seine  Konzilsgeschichte  verfaBte.  Das  monu- 
mentum  aere  perennius  setzte  F.  seinem  Lehrer  in  der  dreibandigen  Biographie 
»Ignaz  von  Dollinger «.  Sein  Leben  auf  Grund  seines  schriftlichen  Nachlasses 
(Miinchen  1899 — 1901),  in  der  er  mit  pietatvollem  Griffel  ein  lebenswarmes 
Bild  des  grofien  Theologen  zeichnete  und  dabei  ein  Jahrhundert  katholischer 
Gelehrtengeschichte  an  unseren  Augen  voriiberziehen  laBt.  Waren  damit  nun 
auch  seine  groBeren  Werke  geschlossen,  so  legte  er  die  unermiidliche  Feder  doch 
noch  lange  nicht  aus  der  Hand.  Zahlreiche  wissenschaftliche  Arbeiten,  teils  in 
den  Abhandlungen  der  Munchener  Akademie,  teils  als  selbstandige  Schriften 
erschienen,  legten  von  der  ungeschmalerten  Geistesfrische  des  nun  auch  selbst 
schon  ins  Greisenalter  getretenen  Gelehrten  riihmliches  Zeugnis  ab.  Und  frisch 
und  riistig  blieb  auch  der  Korper.  Ungebeugt  und  ungebrochen  durch  die  Last 
der  Jahre  oder  die  rauhen  Sturme,  die  iiber  ihn  hinweg  gebraust  waren  und  so 
manchen  anderen  entwurzelt  hatten,  stand  er  trotzig  und  zah,  wie  die  knorrigen 
Eichen  seiner  frankischen  Heimat,  das  ausdrucksvolle  Haupt,  aus  dem  die 
blauen  giitigen  Augen  so  schalkhaft  leuchteten,  aber  zuweilen  auch  zornige 
Blitze  spriihten,  von  ehrwtirdigen  weiBen  Locken  umwallt.  Der  altkathohschen 
Sache  blieb  er  bis  zum  Tode  unerschutterlich  treu.  RegelmaBig  nahm  er  an  den 
Veranstaltungen  und  gottesdienstlichen  Feiern  der  Gemeinde  seines  Munchener 
Wohnsitzes  teil,  wenn  er  auch  in  den  letzten  Jahren  keine  kirchlichen  Ver- 
richtungen  mehr  vornahm.  Unstreitig  war  er  ein  groBer  Gelehrter.  Aber  er  war 
viel  mehr.  Er  war,  was  so  selten  ist,  von  der  FuBsohle  bis  zum  Scheitel  jeder 
Zoll  ein  ganzer  Mann.  Was  er  am  Grabe  Dollingers  diesem  nachruhmte,  das 
gait  ebenso  von  ihm  selbst:  »Sein  ganzes  Leben  war  ein  ununterbrochener, 
seinem  Herrn  gewidmeter  Dienst.« 

Literatur:  H.  Prutz,  Jahrbuch  der  Bayerischen  Akademie  der  Wissenschaften  1918, 
S.  69  ff.  —  O.  K.,  Beilage  zur  Allgemeinen  Zeitung  1906,  Nr.  104.  —  F.  Hacker,  J.  F.  als 
Fiihrer  der  altkatholischen  Bewegung,  Internationale  Kirchliche  Zeitschrift  1918,  S.252ff. 

—  Friedr.  Nippold,  Ein  Jahr  aus  dem  Leben  von  Prof.  F.,  Der  romfreie  Katholik,  191 3, 
Nr.  32,  S.  250  f.  —  J.  F.,  Rdmische  Briefe  iiber  das  Konzil  (1869/70),  Revue  Internationale 
de  Thiologie  XI  (1903),  621  ff.  —  Derselbe,  Meine  Briefe  an  Dollinger  aus  dem  Konzils- 
jahre  1869/70,  Internationale  Kirchliche  Zeitschrift  VI  (1916),  27  ff.,  174  ff.,  300  ff.,  401  ff. 

—  Th.  Granderath,  S.  J.,  Geschichte  des  Vatikanischen  Konzils,  herausgegeben  von 
K.  Kirch,  S.  J.,  3  Bande  1903 — 1906.  —  K.  Mirbt,  Die  Geschichtschreibung  des  Vatika- 
nischen Konzils,  Hist.  Zeitschr.  CI  (1908),  529  ff. — .Derselbe,  Vatikanisches  Konzil,  Real- 
Enzyklop.  f.  protest.  Theologie  XX  3,  445.  —  E.  A.  Roloff,  Die  »R6mischen  Briefe  vom 


Friedrich.  Fxoriep  8l 

KonziU,  Zeitschr.  f .  Kirchengeschichte  XXXV  (1914),  204  ff.  —  Jahrbiich  der  Ludwig- 
Maximilians-Universitat  Miinchen  fur  die  Jahre  1914 — 1919(1927)  S.  46 — 52  (Hermann 
Grauert  [f]:  J.  F.). 

Miinchen.  Joseph  Schnitzer. 

Froriep,  August,  Professor  der  Anatomie  zu  Tiibingen,  *  am  10.  September 
1849  in  Weimar,  f  am  11.  Oktober  1917  zu  Tubingen.  —  F.  entstammte  einer 
alten  Weimarer  Familie,  war  Sohn  und  Enkel  eines  Arztes  und  wandte  sich,  der 
Familientradition  folgend,  dem  Studium  der  Medizin  zu,  zunachst  in  Gottingen 
(1868 — 1870),  spater  in  Tubingen  (von  1870  an),  wo  sein  Groflvater  Ludwig 
Friedrich  F.  ehemals  Professor  der  Anatomie  gewesen  war.  Sein  erster  Aufent- 
halt  in  Tubingen  war  jedoch  nur  von  kurzer  Dauer,  da  der  Krieg  ausbrach,  den 
F.  als  Freiwilliger  mitmachte.  Erst  im  Herbst  1871  kam  F.  nach  Tubingen 
zuriick,  betrieb  hier  klinische  Studien  und  arbeitete  bei  Hoppe-Seyler,  ging 
spater  nach  Leipzig  und  beendete  dort  seine  Studien.  Ostern  1875  trat  der 
junge  F.  an  der  anatomischen  Anstalt  zu  Leipzig  bei  Braune  als  Assistent  ein 
und  kam  dadurch  auch  in  nahere  Beriihrung  mit  His,  dem  damaligen  Leiter 
der  Anstalt.  Im  gleichen  Jahre  verheiratete  er  sich  zum  ersten  Male  mit  Elise 
Lenoir,  einer  Genferin,  die  ihm  jedoch  schon  1887  durch  den  Tod  entrissen 
wurde. 

Es  ist  ganz  zweifellos,  dafl  die  Arbeitszeit  an  der  anatomischen  Anstalt  zu 
Leipzig  in  gewissem  Sinne  fur  F.  entscheidend  war,  denn  seine  embryologischen 
Neigungen,  denen  er  sein  ganzes  Leben  iiber  treu  blieb,  leiten  sich  jedenfalls 
auf  die  von  His  empfangenen  Anregungen  zuriick,  wahrend  seine  topogra- 
phischen  Studien  in  Braune  ihre  letzte  Wurzel  haben.  In  Leipzig  kam  er  auch 
in  Beriihrung  mit  der  dortigen  Kunstschule,  an  welcher  er  mehrere  Monate 
lang  den  Lehrer  der  Anatomie  zu  vertreten  hatte,  und  von  diesem  Ursprunge 
her  entwickelte  sich  seine  Vorliebe  f iir  plastische  Anatomie  und  seine  »  Anatomie 
fur  Kiinstler<(,  die  im  Jahre  1880  zum  ersten  Male  erschien. 

Als  1878  Dursy,  der  erste  Prosektor  und  a.o.  Professor  der  Anatomie  zu 
Tubingen,  starb,  bewarb  sich  F.  bei  Henke,  dem  Vorstande  der  Anstalt,  um 
dessen  Nachfolge  und  erhielt  die  Stelle  freundlichst  zugesichert.  So  las  er  also 
im  Wintersemester  1878/79  sein  erstes  Kolleg  an  der  Universitat  und  hatte  vor 
alien  Dingen  auch  viel  mit  den  Praparieriibungen  zu  tun.  Da  er  jedoch  auch  den 
Unterricht  in  der  mikroskopischen  Anatomie  hatte  iibernehmen  miissen,  so 
ging  er  im  Friihjahre  1879  auf  drei  Monate  nach  Paris  zu  Ranvier,  welcher  da- 
mals  einen  wohlbegriindeten  Ruf  in  der  Histologic,  besonders  als  Techniker, 
besaB,  um  sich  dort  in  diesem  Fache  nach  den  Regeln  der  Kunst  ausbilden  zu 
lassen.  Dieser  EntschluB  ist  darum  bemerkenswert,  weil  damals  eigentlich 
Kolliker  in  Wiirzburg  im  Bereiche  der  Histologic  der  anerkannte  Herrscher  war, 
wenigstens  was  Deutschland  anlangt.  F.  ist  die  Liicken  seiner  franzosischen 
Ausbildung  in  diesem  Fache  Zeit  seines  Lebens  nicht  los  geworden.  So  kam  es, 
dafl  die  mikroskopische  Anatomie  f iir  ihn  immer  ein  Nebenfach  blieb ;  er  hatte 
zwar  auch  fur  dieses  Gebiet  ein  erhebliches  Interesse,  fand  aber  keine  Gelegen- 
heit  mehr,  sich  nach  dieser  Richtung  hin  fortzubilden.  Was  die  weiteren  Lebens- 
daten  anlangt,  so  wurde  F.  1884  a.o.  Professor  und  ubernahm  1895  an  Stelle 
Henkes  das  Ordinariat  fur  Anatomie.  Im  Jahre  1890  ging  er  mit  Marie  Freiin 
v.  Hermann  eine  zweite  Ehe  ein,  die  erst  durch  den  Tod  F.s  geldst  wurde. 
dbj  « 


82  1917 

Die  Beschaftigung  mit  der  schon  erwahnten  Kunstleranatomie  fallt  in  die 
Jahre  1878 — 1880;  sie  erschien  im  Todesjahre  F.s  zum  5.  Male,  ein  schlichtes 
Werk  mit  klaren,  kraftigen  Abbildungen,  welches  dem  Kiinstler  das  brauchbare 
Handwerkszeug  tibermittelt.  Hierzu  ist  zu  erwahnen,  daB  F.  zweifellos  der 
Anlage  nach  kiinstlerische  Interessen  besaB,  auch  im  Unterrichte  die  plastischen 
Werke  der  Antike  gerne  projizierte,  urn  an  diesen  die  wesentlichen  Tatsachen 
der  plastischen  Anatomie  zu  erlautern. 

F.s  Hauptgebiet  jedoch  war  die  Embryologie  und  dies  entsprach  dem  Zuge 
der  Zeit.  Seitdem  im  Jahre  1859  die  »Entstehung  der  Arten«  von  Darwin  er- 
schienen  war,  waren  zahlreiche  Forscher  bemiiht  gewesen,  die  Grundbegriffe 
der  Deszendenzlehre  auf  die  Morphologie  anzuwenden  und  die  Lehre  Darwins 
auf  ihren  Nutzungswert  zu  priifen.  Die  einschlagigen  Arbeiten  bewegen  sich 
naturgemaB  auf  den  Gebieten  der  vergleichenden  Anatomie  und  Embryologie 
und  eben  hieran  wollte  der  junge  F.  teilnehmen.  Er  wandte  sich  der  Wirbel- 
theorie  des  Kopfes  zu,  welche  seinerzeit  von  Goethe  und  Oken  begriindet  wor- 
den  war  und  die  nunmehr  in  abgeanderter  Form  wieder  auftauchte.  An  die 
Stelle  der  Wirbel  traten  die  Metameren  oder  Folgestiicke,  welche  entwicke- 
lungsgeschichtlich  durch  die  Erscheinung  der  Ursegmente  oder  Urwirbel  cha- 
rakterisiert  sind.  F.  wies  nach,  daB  nur  in  dem  hinter  der  Ohrgegend  gelegenen 
Abschnitte  des  Kopfes  Urwirbel  nachweisbar  sind  und  daB  somit  nur  dieser  Teil 
als  ein  modifizierter  Teil  des  Rumpfes  angesehen  werden  kann.  Diese  Arbeiten 
zur  Morphologie  des  Kopfes  ziehen  sich  durch  das  ganze  Leben  F.s  hindurch ; 
die  letzte  Veroffentlichung  erschien  in  seinem  Todesjahr  (1917). 

F.  hat,  von  den  genannten  Arbeiten  ausgehend,  auch  andere  Gebiete  der 
Anatomie  des  Kopfes  eingehend  bearbeitet.  Vor  alien  Dingen  war  er  ein  vor- 
trefflicher  Kraniologe  und  hat  zu  Tubingen  eine  reiche  anthropologische 
Schadelsammlung  angelegt.  Hierher  gehoren  auch  seine  Veroffentlichungen 
iiber  die  Schadel  verschiedener  historischer  Personlichkeiten  (Hugo  v.  Mohl, 
Schiller,  Fraulein  v.  Gochhausen).  In  den  beiden  letztgenannten  Fallen  handelt 
es  sich  um  die  Identifizierung  des  Schadels  nach  dem  vorhandenen  Bildnis- 
material,  Untersuchungen,  die  jedesmal  auBerst  schwierig  sind,  aber  gelegent- 
lich  auch  durch  die  Umstande  erforderlich  werden.  So  hatte  schon  His  seinerzeit 
den  Schadel  Joh.  Seb.  Bachs  auf  Ansuchen  des  Rates  der  Stadt  Leipzig  iden- 
tifiziert.  Nachdem  nun  Welcker  die  Echtheit  des  in  der  Weimarer  Fiirstengruft 
aufbewahrten  Schiller-Schadels  angezweifelt  hatte,  suchte  F.  an  der  Hand  des 
Bildnismaterials  den  Schadel  unter  vielen  neu  zu  bestimmen.  Es  ist  bekannt, 
daB  er  in  der  Tat  einen  anderen  Schadel  als  den  echten  bezeichnete;  da  diese 
Untersuchung  mit  dem  Aufgebote  aller  technischen  Hilfsmittel  durchgefuhrt 
worden  war,  muB  man  sich  mit  dem  Resultate  geniigen  lassen ;  es  ist  kaum  an- 
zunehmen,  daB  das  gesamte  Material  noch  einmal  durchgearbeitet  werden  wird. 

Weiterhin  hat  F.  seine  Untersuchungen  am  Kopfe  auch  auf  die  Lage  des 
Gehirns  zum  Schadel  ausgedehnt.  Es  gelang  ihm,  ein  topographisches  Werk 
ersten  Ranges  zustande  zu  bringen,  welches  auf  diesem  Gebiete  als  klassisch 
bezeichnet  werden  muB,  und  die  solide  Grundlage  fur  die  operativen  MaBnahmen 
am  GroBhirn  geworden  ist. 

Im  ganzen  gewinnt  man  von  den  Arbeiten  F.s  (umfassend  52  Nummern)  den 
Eindruck,  daB  er  ein  auBerordentlich  peinlicher  und  gewissenhafter  Forscher 
gewesen  ist,  der  sich  nirgend  genug  tun  konnte.  Jederzeit  wurden  alle  nur  er- 


Froriep.  Gillhausen  83 

denklichen  Hilfsmittel  ausgenutzt,  urn  das  Resultat  sicherzustellen.  Auch  als 
Chef  des  Institutes  hat  er  sich  sehr  erhebliche  Verdienste  erworben,  denn  die 
anatomische  Anstalt  zu  Tubingen  in  ihrer  jetzigen  verbesserten  Gestalt  ist  sein 
Werk.  Auch  hat  er  die  Sammlungen  reichlich  vermehrt  und  den  Unterricht  in 
vorbildlicher  Weise  gepflegt. 

Literatur:  M.  Heidenhain,  August  v.  F.  Anatom.  Anzeiger,  Bd.  50,  191 7,  mit  Bildnis. 

Tubingen.  Martin  Heidenhain. 

Gillhausen,  Gisbert,  Geh.  Baurat  und  Dr.-Ing.  e.  h.,  *  am  28.  Juli  1856  zu 
Sterkrade  bei  Oberhausen,  |  am  16.  Marz  1917  in  Essen.  —  Gisbert  G.  war 
der  Sohn  eines  Hiittenbeamten  der  Gutehoffnungshiitte,  die  damals  noch 
unter  der  Firma  Gewerkschaft  Jacobi,  Haniel  &  Huyssen  bekannt  war,  und 
so  wurde  er  schon  durch  Geburt  und  Umgebung  in  die  technische  Laufbahn 
gewiesen,  fiir  die  er  eine  fruhe  und  entschiedene  Begabung  mitbrachte.  Unter 
acht  Geschwistern  in  engen  Verhaltnissen  aufwachsend  und  durch  den  friihen 
Tod  des  Vaters  vor  die  Notwendigkeit  raschen  Vorwartskommens  gestellt, 
vertauschte  der  Knabe  schon  mit  16  Jahren  das  Gymnasium  zu  Wesel  mit 
dem  Polytechnikum  zu  Aachen,  wo  ihn  sein  Fleifl  und  seine  friih  hervor- 
tretende  mathematische  Begabung  in  dem  gewahlten  Fache  des  Maschinen- 
baus  rasch  forderten. —  Schon  nach  vierjahrigem  Studium,  noch  nicht  ganz 
zwanzigjahrig,  trat  G.  als  Ingenieur  in  die  Gutehoffnungshiitte  ein,  wo  er 
an  groBeren  Eisenbauten,  u.  a.  an  den  Briicken  fiir  die  Gotthardbahn  und 
an  der  Koblenzer  Rheinbrticke,  sein  konstruktives  Talent  weiter  ausbildete. 
Einige  Jahre  spater  finden  wir  ihn  schon  in  selbstandig  verantwortlicher 
Stellung  als  Oberingenieur  bei  den  Rheinischen  Stahlwerken,  und  hier,  wo 
er  nach  seinen  eigenen  Worten  die  schonsten  Jahre  seines  Lebens  verlebte 
und  zur  Familiengriindung  schritt,  eroffnete  sich  auch  seiner  seltenen  Arbeits- 
kraft  und  Energie  ein  breites  dankbares  Feld.  Die  deutsche  Industrie  trat 
damals,  am  Beginn  der  achtziger  Jahre,  mit  dem  nach  schweren  Kampfen 
errungenen  Zolltarif  nach  langem  Darniederliegen  wieder  in  eine  hoffnungs- 
vollere  Tatigkeitsperiode  ein.  Gleichzeitig  eroffnete  sich  durch  den  vor  kurzem 
erschlossenen  ThomasprozeC  gerade  fiir  die  deutschen  Hiitten  eine  Moglichkeit 
kraftigen  Auf schwunges :  die  gewaltigen  Eisensteinschatze  des  jiingst  er- 
worbenen  Lothringens  konnten  durch  das  neue  Verfahren  erschlossen  und  ein 
wertvolles  Erzeugnis  billig  dem  Weltmarkte  zugefiihrt  werden.  An  diesem 
grofien  Umschwunge  als  einer  der  ersten  mitgearbeitet  zu  haben,  hat  G.  immer 
als  eins  der  gliicklichsten  Ereignisse  seiner  technischen  I,aufbahn  bezeichnet. 
Die  Rheinischen  Stahlwerke  begannen  mit  der  Einfuhrung  des  Thomasver- 
fahrens  unmittelbar  nach  G.s  Eintritt,  er  nahm  an  alien  einschlagigen  Arbeiten 
starksten  Anteil,  entwarf  einen  groBen  Teil  der  erforderlichen  Hiittenanlagen, 
Walzwerke  und  bereicherte  zugleich  seine  eigenen  Erfahrungen,  die  er  dann  im 
Dienste  der  Firma  Krupp  auf  der  breitesten  Grundlage  verwerten  konnte. 

Im  JahreiSgo,  zehn  Jahre  nach  G.s  Eintritt  bei  den  Rheinischen  Stahlwerken, 
erfolgte  sein  Ubertritt  zu  Krupp.  Man  berief  ihn  als  Loiter  des  Technischen 
Bureaus,  in  welchem  samtliche,  den  weiten  Umkreis  der  Kruppschen  Werke 
betreffenden  Neuanlagen  entworfen  und  ausgefiihrt  werden,  und  an  welcher 
Stelle  nach  einer  natiirlichen  Pause  des  Stillstandes  in  den  letzten  L,ebensjahren 


84  lw 

und  nach  dem  Abscheiden  des  groBen  Alfred  Krupp  ein  neuer,  wissenschaftlich 
durchgebildeter  Betrieb  wiinschenswert  erschien.  G.  brachte  fur  eine  Erneue- 
rungsarbeit  dieser  Art  alle  Eigenschaften  in  reichem  MaBe  mit,  ein  griindliches 
akademisches  Wissen,  reiche  Erfahrung  trotz  seiner  Jugend  und  eine  unver- 
siegbare,  vor  keiner  Schwierigkeit  zuriickschreckende  Energie  des  Wollens  und 
der  Tat.  Sein  Tatendrang,  mit  einer  klaren  Erkenntnis  des  Notwendigen  und 
einem  eisernen  FleiB  vereinigt,  war  nach  dem  Zeugnis  seiner  damaligen  Mit- 
arbeiter  und  spateren  Nachfolger  derart  ungestiim  und  unaufhaltsam,  daB  der 
Fernerstehende  ihm  schwer  zu  folgen  vennochte.  Sein  gliickliches  Geschick 
wollte  es,  daB  er  in  dem  Sonne  und  Nachfolger  Alfred  Krupps  einen  Chef  und 
Auftraggeber  fand,  der,  bei  bemerkenswerter  eigener  Einsicht  in  die  technischen 
Zusammenhange,  frei  von  Kleinlichkeit  und  Eifersucht  war  und  groBe  Talente 
hochherzig  zu  unterstiitzen  verstand.  Friedrich  Alfred  Krupp  brachte  den  weit 
ausgreifenden  Planen  G.s  voiles  Vertrauen  entgegen,  und  aus  diesem  Zusam- 
menwirken  entstand  zunachst  jenes  groBdurchdachte  Werk  neuzeitlicher  In- 
genieurkunst,  die  Friedrich- Alfred-Hiitte  am  Niederrhein,  das  zur  Zeit  seiner 
Entstehung  bis  weit  tiber  die  Grenzen  Deutschlands  als  eins  der  leistungs- 
fahigsten  und  besteingerichteten  Hiittenwerke  Europas  anerkannt  wurde.  Die 
groBen  Fragen  des  Transportes,  der  Warmeausnutzung,  des  Ineinandergreifens 
aller  Arbeiten  vom  Schmelzen  der  Erze  bis  zum  Fertigwalzen  der  Schiene  sind 
in  Rheinhausen  fruhzeitig  mit  einer  amerikanischen  Verhaltnissen  zu  ver- 
gleichenden  GroBziigigkeit  gelost  worden.  Nach  dem  Zusammenbruche  der 
alten  Grundlagen  der  Kruppschen  GuBstahlfabrik  infolge  des  verlorenen 
Krieges  und  des  Machtf riedens  der  Feinde  ist  dieses  groBe  Hiittenwerk  der  feste 
Grundpfeiler  bei  der  Wiedererneuerung  des  Gesamtunternehmens  ge worden. 
Mit  der  Kiihnheit,  die  ihn  bei  dem  Entwurf  groBer  Plane  auszeichnete,  hat  G. 
in  Rheinhausen  auch  die  damals  neue  Frage  der  Gasverwertung  in  GroB- 
maschinen,  die  zu  den  Grundztigen  der  modernen  Hiittentechnik  gehort,  mit 
einem  Schlage  gelost  zu  einer  Zeit,  als  die  GroBgasmaschine  noch  eine  viel- 
umstrittene,  keineswegs  geloste  Aufgabe  war.  Er  besaB  das  groBe  MaB  von 
Verantwortungsgefiihl,  das  die  Folgen  eines  neuen,  ktihnen  Schrittes  wohl  zu 
berechnen,  aber  auch  auf  sich  zu  nehmen  versteht. 

G.s  ganze  Vielseitigkeit  zeigte  sich  in  den  nachsten  Jahren  beim  Neubau  der 
Germaniawerft  in  Kiel,  die  Krupp  um  die  Jahrhundertwende  seinen  alteren 
Betrieben  angliederte.  Die  Germaniawerft  ist  ja,  abgesehen  von  ihren  sonstigen 
Kriegsschiffbauten,  die  Wiege  des  deutschen  Unterseebootes  geworden,  und 
auch  auf  diesem  Felde  war  es  G.  beschieden,  tatkraftig  einzugreifen,  indem  er 
fruhzeitig  die  Bedeutung  des  Dieselmotors  erkannte  und  die  Unterstiitzung 
dieser  groBen  Erfindung  durch  die  Firma  Krupp  nachdrucklich  beeinfluBte. 
Was  in  der  Maschinenfabrik  Augsburg  -  Niirnberg  Buz  (s.  unten  S.  225  ff.) 
leistete,  das  war  in  Essen  G.,  und  die  U-Boots-Dieselmaschine,  die  das  deutsche 
Unterseeboot  in  erster  Linie  zu  glanzenden  Leistungen  wahrend  des  Krieges 
befahigt  hat,  hatte  ohne  die  Tatkraft  dieser  beiden  Manner  schwerlich  ihre 
Tasche  Vollendung  erfahren.  Es  ist  wenig  bekannt,  daB  die  erste  Anregung  zur 
Verwendung  des  Dieselmotors  als  Schiffsmaschine  schon  im  Jahre  1897  von  G. 
ausging. 

Nach  dem  beendigten  Ausbau  der  Germaniawerft  kehrte  G.,  seit  1899  ins 
Direktorium  der  Firma  Krupp  berufen,  etwa  mit  dem  Jahre  1900  mitdoppeltem 


Gillhausen  85 

Eifer  zu  der  Vollendung  seiner  liebsten  Schopfung,  des  Hiittenwerks  in  Rhein- 
hausen,  zuriick.  Aber  auch  als  diese  Aufgabe  voll  gelost  war  und  Krupp  damit 
zeitweilig  iiber  das  groBte  und  modernste  Stahlwerk  Europas  gebot,  kannte  G. 
kein  Ausruhen.  Schon  seit  Jahren  drangte  die  Modernisierung  und  Zusammen- 
fassung  der  in  50  Jahren  langsam  entwickelten  Kruppschen  Kanonenwerk- 
statten  als  wichtigste,  aber  auch  schwerste  Aufgabe  der  Essener  Betriebe.  Auch 
diese  Arbeit,  die  sich  im  wesentlichen  als  die  Uberfuhrung  der  Kruppschen 
Werke  in  den  neuzeitlichen  GroBbetrieb  bezeichnen  laBt,  fiel  schlieBlich  G.  zu. 
Sie  nahm  eine  Reihe  von  Jahren  in  Anspruch  und  bezeichnet  im  groBen  und 
ganzen  den  AbschluB  seiner  umfassenden  Tatigkeit  fiir  Krupp,  ein  Jahr  vor 
dem  Ausbruche  des  Weltkrieges  schied  er  aus  der  Firma  aus.  Er  stellte  sein 
Wissen  und  seine  Erfahrungen  fortan  durch  gelegentliche  Arbeiten  fiir  eine 
Reihe  der  groBten  Werke  nicht  nur  in  den  Dienst  der  gesamten  deutschen 
Industrie,  sondern  ubte  auch  tiefgehenden  EinfluB  aus  in  den  groBen  wirtschaft- 
lichen  Verbanden  des  Rheinlandes  und  in  der  Verwaltung  der  machtig  auf- 
strebenden  GroBstadt  Essen.  Hier  behielt  er  auch  nach  dem  Ausscheiden  aus 
der  Firma  Krupp  seinen  Wohnsitz  und  brachte  damit  seine  Zugehorigkeit  zum 
Mittelpunkte  der  technisch  gesteigerten  deutschen  Wirtschaft  bewuBt  zum 
Ausdruck. 

Zu  Beginn  des  Jahres  1917  wurde  G.  von  dem  Leiter,  Generalleutnant 
Groener,  zur  Mitarbeit  im  deutschen  Kriegsamt  berufen,  aber  ein  tragisches 
Geschick  riB  ihm  diese  ersehnte  Gelegenheit,  dem  Vaterlande  mit  seinen  reichen 
Gaben  dienen  zu  konnen,  aus  der  Hand.  Eine  kurze  tiickische  Krankheit,  die 
er  sich  auf  einer  mit  seiner  neuen  Berufung  im  Zusammenhang  stehenden 
Reise  zuzog,  raffte  den  anscheinend  kraftigen  Mann  in  wenigen  Tagen  hin.  Er 
starb  am  16.  Marz  1917  im  Alter  von  noch  nicht  61  Jahren.  An  seiner  Bahre 
wurde  das  nachfolgende,  seine  Bedeutung  kennzeichnende  Wort  gesprochen: 
»Jedes  U-Boot,  das  die  Germaniawerft  verlaBt,  jedes  Geschiitz,  das  von  den 
Essener  Werken  zur  Front  rollt,  geben  Zeugnis  von  seinem  Wirken.  a  Die  Firma 
Krupp  ehrte  das  Andenken  eines  ihrer  groBten  Ingenieure  durch  den  im  Jahre 
192 1  vollendeten  groBen  Erzdampfer  , Gillhausen*. 

Die  besten  Eigenschaften  Gisbert  G.s  hat  einer  seiner  Freunde,  der  ver- 
storbene  Dr.-Ing.  Hartwig,  der  seinerzeit  Assistent  G.s  gewesen  war,  mit  kurzen 
Worten  zusammengef aBt :  »Er  besaB  in  seltenem  MaBe  jene  Gaben,  die  den 
rechten  Ingenieur  ausmachen :  technisches  Wissen  in  engster  Fuhlung  mit  den 
Forderungen  der  Praxis,  eisernen  Willen,  der  sich  riicksichtlsos  durchzusetzen 
wuBte,  wenn  es  Wichtiges  zu  er  reichen  gait,  zahe  Ausdauer,  unermiidlichen 
FleiB,  gewissenhafte  Pflichttreue,  treffsicheres  Urteil,  stark  entwickelten  Ord- 
nungssinn,  kaufmannisches  Empfinden  und  rasches  Erfassen  des  springenden 
Punktes;  in  alien  Fragen  das  Herz  auf  dem  rechten  Fleck,  war  er  zuverlassig 
in  Gesinnung  und  gerecht  im  Tun,  streng  gegen  sich  selbst  und  gegen  seine 
Untergebenen,  aber  zugleich  ein  wohlwollender  Berater  und  ein  gerechter  Vor- 
gesetzter.  Den  Ingenieurstand  suchte  G.  mit  alien  ihm  zur  Verfiigung  stehenden 
Mitteln  hochzuhalten ;  jungeren  strebsamen  Ingenieuren  half  er  nicht  nur  gern 
vorwarts,  sondern  hatte  auch,  wo  es  notig  war,  eine  mildtatige  Hand  fiir  sie, 
wie  er  iiberhaupt  seinen  Opfersinn  in  zahlreichen  Fallen,  insbesondere  wahrend 
des  Krieges,  gern  bekundete.« 

Kosel  (Kreis  Eckernforde).  Wilhelm  Berdrow. 


86  19*7 

Hocheder,  Karl,  Architekt  und  o.  Professor  der  Baukunst,  *  7.  Marz  1854  zu 
Weiherhammer  (Oberpfalz),  f  21.  Januar  1917  in  Miinchen. —  H.  entstammt 
einer  bayerischen  Beamtenf amilie ;  der  Vater,  Adolf  H. ,  war  zur  Zeit  der  Geburt 
seines  Sohnes  Karl  Bergmeister  in  Weiherhammer,  spater  Generaldirektor  der 
bayerischen  Verkehrsanstalten.  H.  selbst  war  sich  des  ganz  innigen  Verwachsen- 
seins  mit  dem  altbayerischen  Boden  immer  bewuflt ;  nicht  ohne  Stolz  erzahlte 
er,  daB  »die  Wiege  seiner  Ahnen  kaum  vier  Stunden  weit  von  Salzburg  weg  in 
jenem  bekannten  Pfarrdorf  Anger  stand,  das  Kdnig  Ludwig  I.  als  das  schonste 
Dorf  seines  Landes  gepriesen  hat«.  Das  ist  in  der  Tat  eine  gesegnete  Gegend, 
aus  der  ein  rechtes  Geschlecht  heranwachsen  konnte,  nahe  der  klassischen 
Landschaft  Salzburgs  und  gegenuber  dem  romantischen  Untersberg. 

Die  Schulen  wurden  in  Miinchen  besucht;  erst  das  humanistische  Gymna- 
sium, dann  das  Realgymnasium.  Auf  der  Technischen  Hochschule  traf  H.  zu- 
nachst  als  Lehrer  Gottgetreu  und  Geul,  zu  denen  er  kein  naheres  Verhaltnis 
f inden  konnte ;  einfluBreicher  war  der  Unterricht  Neureuthers  gegen  Ende  des 
vierjahrigen  Studiums,  das  1878  durch  die  Prufung  abgeschlossen  worden  ist. 
Nachdem  die  praktische  Ausbildung  bei  der  Eisenbahnsektion  L,andshut,  bei 
der  Generaldirektion  der  Verkehrsanstalten  in  Miinchen  und  beim  Landbau- 
amt  daselbst  erledigt  war,  unterzog  sich  H.  der  praktischen  Staatspriifung  im 
Jahr  1881,  fand  darauf  Verwendung,  aber  kein  Geniigen  beim  Iyandbauamt  in 
Amberg  und  stellte  sich  dem  nur  wenige  Jahre  alteren,  als  Nachfolger  Neu- 
reuthers berufenen  neuen  Professor  der  Baukunst  Friedrich  Thiersch  (s.  DBJ. 
1921,  S.  252 — 257)  als  Assistent  zur  Verfugung.  Das  war  nun  allerdings  ein 
frohliches  Schaffen,  anders  als  in  den  verstaubten  Stuben  der  Bauamter.  Neben, 
nicht  unter  der  glanzenden  Person  Fr.  Thierschs  zu  arbeiten,  war  fur  den 
auflerlich  weit  weniger  glanzenden  H.  sicher  eine  Freude,  vielleicht  auch  manch- 
mal  ein  Anlafi  zur  Ubung  des  ihm  durchaus  gelauf igen  Ein-  und  Unterordnens ; 
kunstlerisch  genommen  konnte  es  aber  kaum  groBere  Gegensatze  geben: 
Thierschs  Klassizitat  und  H.s  warmbliitige,  suchende  Romantik.  Ich  erinnere 
mich  heute  noch  mit  Vergniigen,  welches  kopfschiittelnde  Staunen  bei  uns 
Studierenden  und  beim  Chef  ein  unter  H.s  besonderer  Aufsicht  entstehender, 
ganz  und  gar  verschnorkelter  Deutsch-Renaissance-Entwurf  hervorgerufen  hat. 
So  blieb  H.  auf  seiner  Bahn,  trotzdem  er  vier  Jahre  bei  Thiersch  assistierte; 
menschlich  aber  traten  sich  die  beiden  nahe  und  wurden  spater  als  Kollegen 
gute  Freunde. 

Sollte  der  AnschluB  im  Staatsdienst  nicht  verpaBt  werden,  so  muBte  H. 
dahin  zuriickkehren.  Als  Bauamtassessor  zog  er  1885  noch  einmal  nach  dem 
schonen  Stadtchen  Amberg,  ein  Jahr  spater  wurde  er  an  das  Landbauamt 
Miinchen  versetzt.  Allein  die  Aufgaben,  die  H.  fur  sich  wiinschte,  waren  hier 
kaum  zu  f inden ;  viel  eher  mochte  dies  bei  der  Stadt  sein ;  er  siedelte  als  Bau- 
amtmann  an  das  Stadtbauamt  Miinchen  iiber.  Und  nun  begann  eine  Tatigkeit, 
die  ebenso  fruchtbar  wie  segensreich  fur  Miinchen  geworden  ist,  eine  Tatigkeit, 
die  eine  Zeitlang  das  Munchener  Stadtbauamt  zum  Gegenstand  der  Bewunde- 
rung  und  Nachahmung  f iir  ganz  Deutschland  machte  —  dies  letzte  sehr  zum 
MiBbehagen  H.s.  Denn  seine  Arbeit  ruhte  breit  und  fest  im  heimatlichen  Boden ; 
ihm  muBte  der  nachgemachte  »Miinchner  Barock«  in  Mittel-  oder  Norddeutsch- 
land  ein  Greuel  sein. 

Die  Zustande  am  Stadtbauamt  waren  nach  einer  langen  Epoche  stark  per- 


ttocheder  87 

sonlicher  Leitung  unter  Zenetti  reif  zur  Erneuerung.  Zenettis  Nachfolger, 
W.  Rettig,  bedeutete  eine  kometenhaft  schnell  voriiberziehende  Epoche ;  erst 
die  tJbernahme  der  Oberleitung  durch  Adolf  Schwiening  brachte  Ruhe  und 
GleichmaB  in  das  Amt.  Es  ist  Schwienings  groBes  Verdienst,  daB  er,  eigener 
Bautatigkeit  ganz  entsagend,  H.  voile  freie  Bahn  gewahrte,  ihm  und  seinem 
ebenbiirtigen,  bald  nachher  eintretenden  Kollegen  Hans  Grassel. 

Die  Bauaufgaben,  die  nun  in  rascher  Folge  von  H.  zu  bewaltigen  waren, 
betrafen  zunachst  Schulen,  von  denen  die  ersten  noch  gebunden  und  unfrei 
Zeugnis  davon  ablegten,  daB  Uberkommenes  zu  verarbeiten  war.  Bald  aber 
brach  die  frohliche  bayerische  Art  durch;  heller  Putz,  rote  schone  silhouet- 
tierende  Dacher,  freie  schwingende  Ornamentik  und  lichte  Raume  zeichnen 
u.  a.  die  Schulen  an  der  ColumbusstraBe  und  die  an  der  StielerstraBe  aus.  189 1 
ubernahm  H.  auBerdienstlich  den  Neubau  der  Kranken-  und  Pflegeanstalt  des 
bayerischen  Frauenvereins  vom  Roten  Kreuz  in  der  Vorstadt  Neuhausen.  Das 
war  wieder  gluckliche  Uberwindung  der  Schwere  und  Tnibseligkeit — fast 
heiter,  soweit  ein  Krankenhaus  heiter  sein  darf .  Ahnlicher  Aufgabe  gait  drei 
Jahre  spater  H.s  Arbeit  an  dem  stadt.  Armenversorgungsheim  an  der  Martin- 
straBe.  Auch  da  kein  finsterer  Versorgungsbau,  sondern  ein  biirgerlich  statt- 
liches,  breit  und  behaglich  daliegendes  Haus.  Industriebauten  faBte  nun  aller- 
dings  H.  nicht  in  moderner  »Neuer  Sachlichkeit«  auf,  sondern  er  suchte  iiber 
das  Harte,  damals  wenigstens  als  hart  Empfundene  mit  einer  Anleihe  bei  der 
burgerlich-klosterlichen  Architektur  hinwegzukommen ;  sogar  der  hohe  Kamin 
des  Elektrizitatswerkes  an  der  StaubstraBe  muBte  eine  dekorative  Verkleidung 
erfahren.  Aber  wer  wiinschte  statt  des  kostlichen  kleinen  Turbinenhauses  in 
den  Maximiliansanlagen,  das  mit  seiner  griinen  Haube  an  einen  SchloBpavillon 
recht  lebhaft  erinnert,  ein  Bauwerk  in  neuer  Sachlichkeit  zu  sehen  ?  Diese  Art 
hat  dann  H.  zu  einer  Hochstleistung  gesteigert  in  seinem  Volksbad,  das  nach 
dem  Stifter  das  Mullersche  heiBt.  Dieser  verlangte  um  jeden  Preis  italienische 
Renaissance;  H.  aber  wollte  nicht  und  setzte  sich  mit  manchen  Unan- 
nehmlichkeiten  durch.  Er  wollte  auch  nicht  an  eine  akademisch  zusamraen- 
fassende  Kastenarchitektur ;  er  verlangte  die  Vielheit  der  Bauteile,  die  zwei 
Schwimmhallen,  die  Wannenbader  und  alles  andere  klar  und  deutlich  auszu- 
driicken,  und  das  Hochreservoir  war  ihm  gerade  recht,  einen  Turm  daraus  zu 
machen.  Durch  dieses  Volksbad  ist  H.  volkstumlich  geworden,  fast  so  sehr  wie 
Gabriel  Seidl,  dem  er  freundschaftlich  bewundernd  zugetan  war. 

Neben  diesen  groBen  Arbeiten  lief  en,  wie  das  in  einem  viel  beschaftigten 
Bauamt  zu  erwarten  ist,  eine  Reihe  minder  wichtiger  her:  der  Pfarrhof  der 
Giesinger  Kirche — fast  iibermaBig  bewegt,  das  Feuerhaus  an  der  Kirchen- 
straBe  u.  a.  m.  Die  Bauausfiihrung  des  Volksbades  iiberdauerte  die  amtliche 
Tatigkeit  bei  der  Stadt ;  einige  wichtige  Entwiirfe  muBte  er  seinem  Nachf olger 
Rehlen  iibergeben. 

Denn  nun  trat  eine  neue  entscheidende  Wendung  im  Leben  H.s  ein,  er  wurde 
1898  auf  den  Lehrstuhl  Professor  Geuls  gerufen  mit  dem  L,ehrauf trag :  Ge- 
baudekunde.  Zunachst  war  das  nach  den  fruchtbaren  9  Jahren  des  stadtischen 
Dienstes  ein  Entsagen,  denn  die  Aufgaben  pflegen  den  Hochschulprofessoren 
nicht  in  Menge  in  den  SchoB  zu  fallen ;  aber  H.  f and  viel  Gentigen  in  der  Lehr- 
tatigkeit,  da  ihm  neben  dem  unermiidlichen  kunstlerischen  Tatendrang  eine 
starke  Neigung  zur  Theorie  innewohnte.  Er  war  nun  aufgenommen  in  einen 


88  1917 

Kreis  von  Mannern,  mit  denen  ihn  bald  gleiches  Streben  nnd  Freundschaft 
verband.  Die  Beziehungen  zu  Friedrich  Thiersch  sind  schon  erwahnt.  Dessen 
Bruder  August,  Jakob  Biihlmann  und  Heinrich  v.  Schmidt,  bald  darauf  auch 
Paul  Pfann  waren  die  bedeutenden  Glieder  dieses  harmonischen  Kreises.  Die 
Vorlesungen  iiber  Gebaudekunde,  ein  schwieriges  und  recht  undankbares 
Thema,  arbeitete  H.  mit  der  groBten  Gewissenhaftigkeit  fast  wortlich  aus,  in 
jedem  Jahr  abandernd,  Veraltetes  streichend  und  Neues hinzuf ugend.  Aber  die 
»t)bungen«  waren  ihm  weitaus  wichtiger.  Er  verlegte  sich  mit  Feuereifer  auf 
die  Korrektur,  so  griindlich,  daB  bald  lauter  Hocheder  auf  den  ReiBbrettern 
zu  finden  waren.  Diese  stark  subjektive  Art  seiner  Lehre  hatte  naturlich  ihre 
Vorteile  und  ihre  Nachteile.  Die  Vorteile  waren  sehr  augenfallig  und  nach- 
haltig,  denn  neben  dem  vorbildlichen  EinfluB  seiner  Bauten  war  es  dieser  kon- 
sequent  gleichgerichtete  Unterricht,  dessen  Wirkung  auf  die  jiingere  Genera- 
tion, und  nicht  nur  die  geringer  begabte,  die  Architektur  in  Bayern  fiir  zwei 
Jahrzehnte  und  mehr  festlegte.  Mehr  noch  fast  als  die  Kunst  Seidls  hat  H.s  Art 
auf  die  allgemeine  Bautatigkeit  Miinchens  und  von  hier  aus  weithinaus  einge- 
wirkt,  bis  sie  das  Schicksal  traf,  das  die  Nachahmung  notwendig  macht:  diese 
wurde  leer  und  verwassert  und  hat  als  solche  der  Meinung  uber  die  eigene  Ar- 
beit H.s  selbst  fiir  einige  Zeit  geschadet. 

1900  war  das  Miillersche  Volksbad  fertig  geworden.  Nach  der  durch  den 
Ubertritt  in  das  akademische  Leben  veranlaBten  Pause  entstand  1904  die  schone 
kleine  Kirche  der  Protestanten  in  Pasing,  dann  kamen  Wohnhauser  fiir  Kol- 
legen  und  fiir  sich  selbst,  das  SchloB  Hirschberg  am  Haarsee,  eine  Villa  in 
Levico,  das  Rathaus  in  Bozen,  das  eine  eigenartige  Mischung  aus  siidtiroler 
Stimmung  und  der  reichstromenden  Phantasie  H.s  zeigt.  Beziehungen,  die  H. 
als  der  erfahrene  Baderbaumeister  zunachst  als  Gutachter  angekniipft  hatte, 
brachten  ihm  einige  Auftrage  in  der  Feme:  1904 — 1906  baute  er  eine  Bad-  und 
Kuranstalt  in  Hermannstadt  in  Siebenbiirgen ;  spater  hat  er  ein  Thermalbad 
fiir  Banki  bei  Sofia  entworfen.  Dazwischen,  im  Jahr  1903,  war  eine  starke  Ver- 
suchung,  von  Miinchen  fortzugehen,  an  ihn  herangetreten.  Die  reiche  Stadt 
Frankfurt  a.  Main  bot  ihm  die  Stelle  des  Stadtbaurates  an.  Eine  ungleich  be- 
deutendere  Tatigkeit  hatte  ihn  verlocken  konnen,  aber  die  Heimat  hielt  ihn 
fest,  und  nun  besann  sich  der  Staat  darauf,  daB  der  Hochschullehrer  H.  ein 
um  so  besserer  Lehrer  sein  konnte,  wenn  der  Architekt  H.  eine  groBe  Aufgabe 
zu  bewaltigen  hatte.  Nach  einer  nicht  ganz  ernst  zu  nehmenden  Konkurrenz 
erhielt  H.  den  Auftrag,  ein  Geschaftshaus  fiir  das  bayerische  Verkehrsministe- 
rium  zu  bauen.  Das  Geschaftshaus  sollte  aber,  so  war  es  die  Absicht  der  gesetz- 
gebenden  Korperschaften,  »einen  iiber  die  Befriedigung  des  nackten  Raum- 
bediirfnisses  hinausgehenden  reprasentativen  Ausdruck  haben,  als  Sitz  der 
obersten  Verwaltungsstelle  des  gesamten  bayerischen  Verkehrswesens«.  Dies 
war  nun  freilich  nach  dem  Herzen  H.s,  anders  hatte  es  den  Mann  mit  der  un- 
erschopflichen  Phantasie,  den  Vorkampfer  groBer  stadtebaulicher  Auffassungen 
kaum  gereizt.  Der  Platz  liegt  nordlich  an  den  Hauptbahnhof  angelehnt  nicht 
weit  vom  Empfangsgebaude.  Der  groBere  Teil  wird  durch  die  ArnulfstraBe 
abgetrennt,  nur  ein  schmaler  Streifen  bleibt  langs  des  Bahnhofes  liegen.  Diese 
ArnulfstraBe  einfach  an  einem  Baukorper  voriiberzufuhren,  lag  nicht  im  Sinn 
Hs. ;  er  hatte  zu  viel  iiber  Platzwirkungen,  iiber  dasWesen  des  architektonischen 
Raumes  nachgedacht;  er  brauchte  einen  umschlossenen  Raum,  und  die  Arnulf- 


Hocheder  89 

straBe  wurde  gleichsam  angehalten  in  ihrem  Lauf,  sie  wird  uberbaut  mit  aus- 
reichend  groBen  Torbogen  und  so  das  » Forum «  des  Verkehrspalastes  gebildet, 
das  erst  im  Jahr  1926  durch  H.s  Sohn,  den  Regierungsbaurat  Karl  H.  gegen 
die  Bahnhofseite  nach  dem  Plan  des  Vaters  geschlossen  worden  ist.  Sieben 
Jahre  hat  H.  dieser  gewaltigen  Arbeit  gewidmet.  Die  stadtebauliche  Seite  der 
Aufgabe  beschaftigte  ihn  wohl  am  meisten ;  aber  die  Sorge  um  das  Innere  war 
nicht  gering.  Die  vielen,  teils  in  gleichmaBigen  GroBen  wiederkehrenden,  teils 
sich  schwer  verbindenden  ungleichen  Raumerfordernisse  mit  der  gewiinschten 
Monumentalitat  zu  umkleiden,  war  eine  harte  Aufgabe  fur  den  GrundriB- 
entwerfer.  Nicht  iiberall  ist  die  Verarbeitung  bis  zur  vollen  Klarheit  und  t)ber- 
sichtlichkeit  gelungen.  Der  Bauteil,  der  der  reinen  Reprasentation  dient,  der 
Kuppelraum,  ist  nicht  mit  der  iiberzeugenden  Sicherheit  eingefugt,  daB  man 
die  Notwendigkeit  ohne  weiteres  anerkennen  miiBte.  Das  sind  aber  Bedenken, 
die  im  Vergleich  zum  Ganzen  nicht  stark  in  die  Wagschale  fallen.  Niemand,  der 
im  Munchener  Bahnhof  einfahrt,  wird  sich  dem  zwingenden  Eindruck  dieser 
phantastischen  Baugruppe  entziehen  konnen,  und  niemand,  der  den  jetzt  gliick- 
lich  geschlossenen  Platz  betritt,  wird  sich  durch  Einzelbedenken  von  der  Freude 
liber  diese  groBe  in  ihrer  Zeit  einzig  dastehende  Raumgestaltung  ablenken 
lassen. 

Die  Schilderung  der  Werke  H.s  sei  mit  diesem,  seinem  groflten  und  wich- 
tigsten  abgeschlossen.  Aber  eben  dieses  Verkehrsministerium  bietet  die  er- 
wiinschte  Gelegenheit,  H.s  Art  noch  klarer  zu  stellen.  Vielfach  wurde  diese 
Arbeit  angegriffen;  die  Verteidigung  hat  H.  selbst  zum  Teil  ubernommen,  und 
seinen  Gedanken  zu  folgen,  ist  wohl  das  beste  Mittel,  ihm  als  Kiinstler  naher 
zu  kommen.  Unfreundliche  Beurteiler  fanden  die  Anwendung  des  Barocks  an 
einem  modernen  Bau  falsch  und  tadelten  den  Mangel  an  Charakteristik. 
Freundliche  Beurteiler  priesen  H.  als  den  »letzten  Barockmeister«.  Er  selbst 
war  mit  beidem  nicht  einverstanden ;  er  f uhlte  sich  als  ein  Moderner ;  er  nahm 
fiir  sich  in  Anspruch,  daB  diese  Form  eine  ihm  iiberlieferte  Sprache  sei,  in  der 
er  doch  ziemlich  viel  auszudriicken  habe.  Die  Gleichsetzung  der  Stilform  mit 
der  Sprache  hatte  er,  wie  viele  anderen  Gedankenwege,  von  Adolf  Hildebrand 
(s.  DBJ.  1921,  S.  I42ff.)  ubernommen.  Weit  von  sich  weist  er  eine  Gleich- 
stellung  mit  den  Stilarchitekten  der  letztvergangenen  Epoche,  denen  die  Stil- 
form nicht  Mittel  des  Ausdrucks,  sondern  Endziel  iiberhaupt  war.  Der  Aner- 
kennung,  die  im  »letzten  Barockmeister«  liegen  sollte,  miBtraute  er  mit  Recht, 
denn  sie  schmeckte  stark  nach  einer  Entschuldigung.  Entschuldigung  aber 
konnte  er  gut  entbehren,  ein  Mann,  der  so  sehr  im  Zug  seiner  Zeit  schritt,  selbst 
die  Entwicklung  vorwarts  trieb  und  auf  solche  Erfolge  weisen  konnte. 

Wie  klar  er  seine  Stellung  zur  Zeit  und  zu  seiner  Umgebung  sah,  sollen  einige 
Satze  aus  einer  Rede  bezeugen,  die  er  191 1  hielt:  »Ich  habe  das  Gliick,  oder 
wenn  Sie  wollen,  das  Ungliick,  daB  man  von  meinen  Bauten  aussagt,  sie  hatten 
alle  etwas  Katholisches  an  sich.  Ich  weiB  nicht,  was  daran  schuld  ist,  etwa  daB 
uns  Bayern  katholisches  Wesen  und  Barock  unzertrennlich  verbundene  Be- 
griffe  sind.  Unsere  Kloster  und  Fiirstensitze  gehoren  fast  ausschlieBlich  dem 
Barockstil  an.  Oder  sind  Eindriicke  meiner  fnihesten  Jugend,  die  ich  in  dem 
schonen  Salzburg  zu  verbringen  das  Gliick  hatte,  so  machtig  gewesen,  daB  sie 
fiir  das  spatere  Berufsleben  noch  nachhielten  ?  Oder  liegt  mir  das  katholische 
Barock  im  Blute  ?  Kurz  so  manchen  projektierten  und  verwirklichten  Bauten 


go  1917 

meiner  Hand  hangt  der  Titel  eines  Klosters  an.  Wenn  ich  dem  auch  nicht  eine 
l^esondere  Bedeutung  beimesse,  so  habe  ich  dabei  doch  wenigstens  die  Beruhi- 
gung,  daB  ich  in  meiner  gewohnten  Ausdrucksweise  durch  all  die  Jahre  hin- 
durch  recht  konsequent  geblieben  bin.* 

Derart  betrachtete  er  mit  kritischem  Blick  sich,  seine  Kunst  und  die  Kunst 
tiberhaupt.  Von  Zeit  zu  Zeit  fielen  Friichte  ab  vom  Baume  seiner  Erkenntnis. 
Vortrage  oder  Schrif ten  etwa  mit  dem  Titel :  »  Konvexe  und  konkave  Formen 
in  der  Baukunst«;  »Baukunst  und  Bildwirkung*;  der  Vortrag  iiber  das  Ver- 
kehrsministerium,  dem  die  obigen  Satze  entnommen  sind  (191 1);  »Die  Fort- 
schritte  der  Technik«  (1916).  Stark  beeinfluBt  von  dem  Hildebrandschen 
♦  Problem  der  Form*  behandelt  H.  mit  Vorliebe  das  Raumliche  im  Gegensatz 
zum  Korperlichen.  Wie  Hildebrand  geht  er  von  physiologischen  Dingen  aus, 
um  seine  Vorliebe  fur  das  Konkave  zu  begriinden.  Unter  »amphitheatralischem 
Aufbau«  versteht  er  die  der  Hohlkugelform  sich  annaherade  Anordnung  der 
Baumassen,  von  der  er  im  Gegensatz  zu  der  harten  Wirkung  des  Konvexen  die 
besten  Wirkungen  erwartet.  Seine  Theorie  ist  der  Praxis  entwachsen  und  hat 
als  solche  zum  mindesten  den  Wert  der  begriindeten  Empiric  Freilich  sind 
diese  Dinge  auch  nicht  befreit  vom  Wechsel,  zum  mindesten  nicht  vom  Wechsel 
der  ihnen  zufallenden  Aufmerksamkeit. 

Mitten  aus  einer  noch  regen  praktischen  und  geistigen  Tatigkeit,  umdiistert 
allerdings  von  Sorgen  um  das  Schicksal  der  Sonne  im  Krieg,  starb  H.  am  21.  Ja- 
nuar  1917  plotzlich  am  Herzschlag.  Er  hinterlieB  seine  Freunde  in  tiefer  Trauer. 
Sie  schatzten  nicht  nur  den  ausgezeichneten  Kunstler  in  ihm,  ebensosehr  den 
vortrefflichen  Menschen.  Bescheiden  und  fast  angstlich  sich  zuriickhaltend, 
lebte  er  in  erster  Linie  seiner  Kunst  in  nie  ermudender  Arbeit.  Fast  weichen 
Gemtits  und  doch  hartnackig,  wenn  es  gait,  wie  etwa  bei  der  Stilf rage  des  Volks- 
bades,  seiner  Uberzeugung  zum  Recht  zu  helfen,  war  H.  kein  Mann  der  per- 
sonlichen  Wirkung  im  offentlichen  Leben.  Die  Wirkung,  die  er  ausiibte,  ge- 
schah  durch  seine  Stetigkeit  und  durch  seine  Kunst. 

Miinchen.  Theodor  Fischer. 


Jacob!,  Hugo,  Kommerzienrat,  Dr.-Ing.,  e.  h.,  *  am  28.  Oktober  1834  auf 
St.  Antonyhiitte  bei  Sterkrade,  f  am  17.  Oktober  1917  in  Diisseldorf.  —  In 
Hugo  J.  finden  wir  die  Anlagen  und  Gaben  einer  Reihe  von  Ahnen  wieder, 
sein  geistiges  und  moralisches  Gut,  seine  ganze  Wesensart  darf  man  wohl 
als  eine  Mitgift  seiner  Vorfahren  ansehen.  Er  war  der  Sprofi  einer  Familie, 
die  seit  Generationen  im  Hiittenfach  gearbeitet  und  darin  AuBergewohnliches 
geleistet  hatte  und  die  auch  ethisch  hochstehend  war.  Hugos  UrgroCvater 
Johann  Heinrich  J.,  aus  Eisleben  stammend,  der  Erbauer  der  Sayner  Hiitte 
bei  Koblenz,  der  auch  die  Saarbriicker  Steinkohlenbergwerke  einrichtete  bzw. 
»sie  in  bessere  Verfassung  brachte«,  genoB  als  Hiittenmann  und  Bergwerks- 
sachverstandiger  einen  groBen,  weit  iiber  seinen  eigentlichen  Wirkungskreis 
hinausgehendes  Ansehen  und  wurde  vielerorts  als  Gutachter  herangezogen. 
So  auch  Ende  des  18.  Jahrhunderts  von  der  furstlichen  Hofkammer  des  Hoch- 
stiftes  Essen  fur  den  im  dortigen  Gebiet  vorkommenden  Eisenstein.  Man 
plante  fur  seine  Verarbeitung  die  Errichtung  einer  Hiitte.  J.s  giinstig  lautendes 
Gutachten  lieB  den  Plan  zur  Ausfiihrung  kommen  und  fuhrte  zur  Griindung 


Hocheder.  Jacobi  01 

der  Eisenhiitte  Neuessen,  eines  Werkes,  das  einen  Teil  der  heutigen  Gute- 
hoffnungshiitte  bildet  und  in  dem  seine  Kinder  und  Kindeskinder  ihre  Lebens- 
arbeit  finden  sollten.  Sein  Sohn,  Gottlob  Julius  J.  wurde  der  Erbauer  und  Leiter 
dieser  Hiitte ;  er  kann  als  der  Mitbegriinder  und  Durchkampfer  unserer  Eisen- 
industrie  betrachtet  werden  (W.  Grevel,  Die  Anfange  der  GuBstahlfabrikation 
im  Stifte  Essen).  Wahrscheinlich  hat  er  auch  mit  Friedrich  Krupp,  der  einige 
Zeit  auf  der  Sterkrader  Hiitte  tatig  war,  an  der  Losung  des  GuBstahlproblems 
gearbeitet. 

Die  heutige  Gutehoffnungshutte  ist  aus  der  Vereinigung  dreier  Werke  ent- 
standen,  die  gegen  Ende  des  18.  Jahrhunderts  gegriindet  wurden:  1753  die 
St.  Antony  hiitte  bei  Recklinghausen,  im  kurkolnischen  Gebiet,  1781  die  Gute- 
hoffnungshutte bei  Sterkrade,  die  spater  den  vereinigten  Werken  den  Namen 
gab,  im  clevisch-preuBischen  Gebiet,  und  1791  die  Eisenhiitte  Neuessen  (Ober- 
hausen) ,  der  Fiirstabtissin  des  Stif tes  Essen  gehorig.  Bald  nach  der  Griindung 
Neuessen  hielt  man  die  Verschmelzung  aller  Hiitten  fur  notig,  denn  das  Vor- 
handensein  dreier  Hiitten  auf  so  engem  Raum  war  unwirtschaftlich,  weil  die 
dort  vorhandenen  Rohstoffe,  Eisenerz  und  Holzkohle,  nur  fiir  eine  Hiitte 
geniigten.  Aber  die  Vereinigung  kam  nicht  zustande,  nur  die  der  Hiitten 
Neuessen  und  Antony  gelang;  erstere  wurde  kurz  darauf  stillgelegt,  weil  die 
Antonyhiitte  vorteilhafter  betrieben  werden  konnte.  Weltgeschichtliche  Er- 
eignisse  waren  es,  die  aber  doch  endlich  zur  Verschmelzung  der  drei  Hiitten 
fuhrten.  Durch  den  Frieden  zu  LuneVille  1801  gelangte  das  Fiirstentum  Essen 
in  PreuBens  Besitz.  Die  Fiirstabtissin  wunschte  den  eigenen  Weiterbetrieb 
aufzugeben  und  bot  die  beiden  Hiitten  der  preuBischen  Regierung  zum  Kauf 
an,  hatte  damit  aber  keinen  Erfolg.  Die  Begriindung  fiir  die  Ablehnung  ist 
eine  Anerkennung  der  Geschaftstiichtigkeit  G.  J.  J.s,  des  GroBvaters  von 
Hugo  J.  Es  heiBt  darin,  »der  groBe  Absatz  der  Antonyhiitte  riihre  daher,  daB 
der  beteiligte  J.  sehr  erfinderisch  sei,  modische  Formen  zu  Of  en  und  anderen 
GuBwaren  sich  zu  verschaffen  und  zu  verkaufen.  Der  Absatz  wiirde  aufhoren, 
wenn  andere  benachbarte  Hiitten  einen  ebenso  gewandten  und  geistreichen 
Herren  an  ihrer  Spitze  hatten  oder  die  Antonyhiitte  den  J.  verlore.*  Im 
Jahre  1805  fanden  sich  Kaufer  fiir  die  beiden  Hiitten  in  den  Briidern  Franz 
und  Gerhard  Haniel,  mit  denen  sich  J.,  ihr  Schwager,  verband.  Durch  Ver- 
mittlung  Heinrich  Huyssens,  des  Schwagers  der  Haniels,  gelang  es  1808,  die 
im  Besitz  der  Witwe  Krupp  befindliche  Gutehoffnungshutte  anzukaufen  und 
Heinrich  Huyssen  als  Gesellschafter  zu  gewinnen.  Seitdem  wurden  die  drei 
Hiitten  auf  gemeinsame  Rechnung  betrieben,  und  nachdem  der  Gesellschafts- 
vertrag  1810  schriftlich  und  notariell  beurkundet  war,  erhielt  die  Firma  den 
Namen  »Hiittengewerkschaft  &  Handlung  Jacobi,  Haniel  &  Huyssen «.  J.  hatte 
die  alleinige  Direktion,  weil  er  allein  die  zum  Betriebe  notigen  Kenntnisse 
besaB.  Nach  dem  Vertrage  durfte  er  unter  keinen  Umstanden  austreten,  muBte 
sonst  auf  seinen  Anteil  verzichten.  Unter  seiner  Leitung  nahmen  die  vereinigten 
Werke  einen  ungeheuren  Aufschwung.  Er  starb  1823,  an  seine  Stelle  trat  bis 
1864  Wilhelm  Lueg,  der  ehemalige  Erzieher  und  Hauslehrer  in  der  Familie  J., 
der  das  Werk  J.s  mit  Geschick  und  Energie  weiter  ausbaute.  Gottlob  J.s 
Sohn  August  war  Hiitteninspektor  in  St.  Antony,  er  starb  als  sein  Sohn 
Hugo  erst  acht  Jahre  zahlte. 

Die  im  Jahre  1808  vereinigten  drei  Werke  wiesen  grundsatzlich  gleiche  oder 


92  1917 

doch  ahnliche  Verhaltnisse  auf,  man  legte  den  Hauptwert  weniger  auf  die 
Roheisenerzeugung  als  auf  die  Weiterverarbeitung.  So  blieb  es  bis  Mitte  des 
Jahrhunderts,  dann  wurde  die  Herstellung  des  Roheisens  in  den  Vordergrund 
geschoben,  um  sie  in  Einklang  mit  der  Weiterverarbeitung  zu  bringen.  Dies 
bedeutete  einen  entscheidenden  Wendepunkt,  weil  sich  daran  eine  entspre- 
chende  VergroBerung  des  Erzfelderbesitzes,  unter  anderem  auch  in  Lothringen, 
und  der  t)bergang  zum  Kohlenbergbau  schloB.  Die  Entwicklung  der  Gute- 
hoffnungshiitte  spiegelt  den  wirtschaftlichen  und  kulturellen  Werdegang 
Deutschlands  im  19.  Jahrhundert  zum  Teil  wider.  Diesem  folgend  schritt 
das  Werk  zur  Einrichtung  neuer  Betriebe  und  Aufnahme  neuer  Produktions- 
zweige.  Vor  und  in  den  zwanziger  Jahren  wurde  der  Grund  zur  Maschinenbau- 
anstalt  gelegt,  in  der  Hugo  J.  spater  einer  der  Leiter  war.  Durch  Franz  Dinnen- 
dahl,  den  Vater  der  Dampfmaschine  fur  den  Ruhrkohlenbergbau,  wurde  die 
Gutehoffnungshiitte  mit  den  Anfangen  des  Maschinenbaus  in  Rheinland  und 
Westfalen  verkniipft.  Zunachst  stellte  man  nur  Maschinenteile  her,  bis  man 
im  Jahre  181 9  zum  Bau  der  ersten  Dampfmaschine  iiberging.  Mit  Griindung 
der  Rheindampfschiffahrtsgesellschaften  und  der  Rheinschleppdampfer  hangt 
die  Errichtung  der  Schiffsbauwerft  in  Ruhrort  (stillgelegt  1899)  in  den  zwan- 
ziger und  dreiBiger  Jahren  zusammen.  Die  Anfange  des  Eisenbahnbaus  in  den 
dreiBiger  und  vierziger  Jahren  lieBen  fiir  dessen  Belieferung  Puddel,  SchweiB- 
und  Walzwerke  erstehen.  Es  folgte  die  Briickenbauanstalt,  die  Herstellung 
von  Siemens-Martin-Stahl  und  die  Einfuhrung  des  Thomasverfahrens  in  den 
siebziger  bis  neunziger  Jahren.  1905  legte  das  Werk  einen  eigenen  Hafen  am 
Rhein  oberhalb  des  Dorfes  Walsum  an  als  Umschlagshafen  fur  Kohle,  Erz- 
und  Huttenerzeugnisse,  der  mit  samtlichen  Betriebsabteilungen  in  Verbindung 
steht. 

Inmitten  dieses  komplizierten  Riesengebildes  flieBt  das  auBerlich  so  ein- 
fache  Leben  Hugo  J.s  dahin.  Die  St.  Antonyhiitte,  die  Statte,  wo  die  Werke 
der  Gutehoffnungshiitte  ihren  Anfang  nahmen,  war  seine  Geburtsstatte.  »Vor 
seinem  Geburtshause  stand  noch  der  Holzkohlenofen,  unter  dem  Fenster  seines 
Geburtszimmers  ging  noch  das  Hiittenrad  und  hinter  seinem  elterlichen  Hause 
lag  der  Huttenteich. «  (Stahl  und  Eisen  1918  Nr.  11.)  Er  bewahrte  dieser  Statte 
wahrend  seines  ganzen  Lebens  seine  Liebe  und  Treue  und  kam  mit  seiner 
Familie  von  Sterkrade  allsonntaglich  hierher,  um  Erholung  zu  suchen.  Als 
sein  Vater  starb,  waren  er  und  seine  sechs  Geschwister  noch  unmiindig.  Hugo 
besuchte  zuerst  die  Schule  in  Sterkrade  und  darauf  die  in  Schermbeck  an  der 
Lippe.  An  den  Schulbesuch  schloB  sich  praktische  Arbeit  in  der  Sterkrader 
Hutte.  Von  1850  bis  1852  besuchte  er  die  Provinzialgewerbeschule  in  Hagen 
unter  Zehme.  Nachdem  er  dann  zwei  Jahre  als  Zeichner  auf  der  Gutehoffnungs- 
hiitte tatig  gewesen  war,  ging  er  zum  Studium  des  Maschinenbauf aches  nach 
Karlsruhe  1854  bis  1856,  wo  Redtenbacher  sein  I^ehrer  war.  Nach  Beendigung 
seines  Studiums  begann  er  seine  Laufbahn  in  der  Sterkrader  Hutte  als  Inge- 
nieur  und  wurde  spater  Oberingenieur.  1872/73  fand  die  Umwandlung  der 
Firma  Jacobi,  Haniel  &  Huyssen  in  den  Aktienverein  fiir  Bergbau  und  Hiitten- 
betrieb  statt,  dessen  Vorstandsmitglied  Hugo  J.  wurde  und  gleichzeitig  Leiter 
der  Sterkrader  und  Ruhrorter  Betriebe.  Nach  48jahriger  Tatigkeit  in  der 
Gutehoffnungshiitte  setzte  er  sich  1905  zur  Ruhe  und  zog  sich  nach  Diissel- 
dorf  zuriick,  blieb  aber  Aufsichtsratmitglied  und  stand  bis  zu  seinem  Tode 


J  acobi  03 

dem  Werke  mit  seinem  Rate  zur  Verfugung.  Im  Jahre  1912  tat  er  den  ersten 
f  eierlichen  Spatenstich  zu  einer  neuen  Doppelschachtanlage  der  Gutehof  fnungs- 
hiitte  in  Osterfeld,  die  in  Erinnerung  an  seinen  GroBvater  » Jacobi-Schachte* 
genannt  wurde.  Bei  seinem  letzten  Besuche  auf  der  Gutehof fnungshutte  sah 
er  noch  die  Umstellung  des  Werkes  auf  die  Kriegswirtschaft.  An  seinem 
80.  Geburtstag  verlieh  ihm  die  Technische  Hochschule  Aachen  die  Wurde 
eines  Doktoringenieurs  ehrenhalber. 

Hugo  J.s  Haupttatigkeitsfeld  und  eigenstes  Gebiet  war  die  Sterkrader 
Briickenbauanstalt  und  die  Sterkrader  Maschinenbauanstalt,  in  der  er  schon 
als  junger  Ingenieur  gearbeitet  hatte  und  die  unter  ihm  neu  eingerichtet  wurde, 
ebenso  das  Hammer-  und  PreBwerk ;  er  paBte  diese  Werke  immer  wieder  den 
Anforderungen  der  Neuzeit  an  und  sie  verdanken  ihm  ihre  iiberaus  giinstige 
Entwicklung.  Die  von  ihm  Anfang  der  achtziger  Jahre  eingefuhrte  Ketten- 
fabrikation  war  von  besonderer  Bedeutung  fur  die  deutsche  Volkswirtschaft, 
weil  bis  dahin  die  Ketten  ausschlieBlich  aus  England  bezogen  wurden. 

Der  Gedanke  des  Industriezusammenschlusses  fand  in  Hugo  J.  einen  eifrigen 
Forderer ;  er  war  f uhrend  in  der  Wahrung  der  wirtschaf tlichen  Interessen  des 
Maschinenbaues  und  griindete  im  Jahre  1890  mit  Majert  und  Sehmer  den 
Westdeutschen  Maschinenbau-Verband,  den  Vorlaufer  des  Vereins  deutscher 
Maschinenbau-Anstalten  mit  Sitz  in  Diisseldorf .  Er  fuhrte  den  Vorsitz  in  dem 
ersteren  Verband  und  war  stellvertretender  Vorsitzender  in  dem  letzteren 
Verein  im  Jahre  1892.  Von  diesem  Posten  trat  er  1907  aus  Altersriicksichten 
zuriick.  Er  war  aucn  der  Griinder  des  Ruhrorter  Dampfkessel-tlberwachungs- 
vereins  und  dessen  Vorsitzender  von  1898  bis  1900.  Bei  der  Griindung  des 
Vereins  deutscher  Briicken-  und  Eisenbaufabrikanten,  ebenso  im  Verein  deut- 
scher Eisenhiittenleute  war  er  tatig. 

Hugo  J.s  rastlosem  Tatigkeitsdrang  geniigte  nicht  die  Arbeit  auf  seinem 
eigentlichen  Arbeitsfelde  und  der  damit  zusammenhangenden  Verbandstatig- 
keit,  er  widmete  weit  dariiber  hinaus  seine  Arbeitskraft  der  Allgemeinheit. 
Lange  Zeit  war  er  Gemeindevorsteher  der  Gemeinde  Sterkrade,  spater  Bei- 
geordneter,  und  zeichnete  sich  auch  hier  durch  seine  Tatkraft  und  seinen  Weit- 
bHck  aus.  In  der  evangelischen  Kirchengemeinde  erfreute  sich  seine  Mitarbeit 
der  groBten  Wertschatzung. 

Allen  ihm  Unterstellten  bewies  er  groBes  Wohlwollen  und  wirkte  durch  seine 
Punktlichkeit,  Bescheidenheit  und  sein  einf aches,  anspruchsloses  Wesen  er- 
ziehlich  auf  die  mit  und  unter  ihm  Arbeitenden.  Sowohl  bei  den  Arbeitern  wie 
bei  den  Bewohnem  von  Sterkrade  genoB  er  Liebe  und  Verehrung. 

Hugo  J.  war  ein  Mann  von  strenger  Lebensauffassung,  wahrer  Herzensgiite, 
vornehmer  Gesinnung  und  von  nie  versiegender  Schaffensfreudigkeit.  Sein 
groBes  Verdienst  um  die  deutsche  Industrie  und  Volkswirtschaft  besteht  darin, 
daB  er  durch  Hingabe  seiner  ganzen  Kraft,  seines  reichen  Wissens  und  Konnens 
geholfen  hat,  einem  der  groBten  und  glanzendsten  Werke  Deutschlands  seinen 
Weltruf  zu  erhalten  und  zu  mehren.  Er  gehorte  den  Wirtschaf tsfuhrern  an, 
welche  der  deutschen  Industrie  aus  den  verhaltnismaBig  engen  Verhaltnissen 
der  fiinfziger  Jahre  in  den  darauffolgenden  Jahrzehnten  zur  Weltgeltung 
verhalfen. 

Literatur:  »Die  Gutehoffnungshiitte  Oberhausen,  Rheinland.«  Zur  Erinnerung  an  das 
loojahrige  Bestehen  1810 — 1910.  —  Zeitschrift  »Stahlund  Eisen«,  Nr.  1 1,  1918.  —  Grevel, 


94  W7 

Wilhelm,  Die  Gutehoffnungshiitte  A.  V.  fiir  Bergbau  und  Huttenwesen  zu  Oberhausen 
an  der  Ruhr,  Geschichte  der  Griindung  und  ersten  Entwicklung,  Essen  1 88 1 .  —  »Sterkrader 
Volkszeitung*.  1900,  191 7.  —  Historischer  Riickblick  iiber  die  Gutehoffnungshiitte  von 
Gillhausen. 

Hagen  i.  W.  Auguste  Elbers. 

Lange,  Friedrich,  Dr.  phil.,  Tagesschriftsteller  und  Politiker,  *  am  10.  Ja- 
nuar  1852  in  Goslar,  f  am  26.  Dezember  191 7  bei  Detmold,  bestattet  auf  dem 
alten  Friedhof  zu  Berlin-Lichterfelde.  —  L-,  der  Sohn  eines  Topfermeisters, 
wuchs  auf  unter  den  Eindrlicken  der  alten  Kaiserstadt  und  des  Harzes.  Sein 
Leben  lang  hat  er  sich  freudig  als  Niedersachse  gefiihlt.  1870  verlieB  er  das 
Gymnasium  und  erlebte  durch  den  Krieg  eine  gliickhafte  Erweckung  seines 
deutschnationalen  politischen  Bewufitseins,  wenn  auch  sein  gliihender  Wunsch, 
am  Kampfe  teilzunehmen,  unerfullt  blieb.  Als  Gottinger  Student  dann  schloB 
er  sich  der  Burschenschaft  an,  und  nach  langen  Jahren  hat  er  ihr  wesentlichen 
Anteil  am  Werden  seiner  volkischen  Uberzeugungen  zugesprochen.  Das  philo- 
logische  Studienwesen  erschien  ihm  lebensfern  und  schal,  auch  vermochte  ihn 
selbst  des  verehrten  Lotze  freies  und  tiefes  Denken  nicht  an  die  Philosophie 
zu  binden.  Erst  nachdem  er  1873  bis  1876  Gymnasiallehrer  in  Wolfenbiittel 
und  am  Johanneum  in  Hamburg  gewesen  war,  unzufrieden  mit  seinem  Amte 
und  zugleich  doch  angeregt  zu  Erwagungen  iiber  allgemeine  Schulreform, 
fand  er,  entschlossen  sich  vom  Lehrbeamtentum  abwendend,  seinen  selbst- 
gewiesenen  Beruf.  Er  trat  beim  » Braunschweiger  Tageblatt«  ein  und  blieb 
dort  fiinf  Jahre,  in  denen  er  auch  Wilhelm  Raabe  nahestand.  Dann  eroffnete 
sich  ihm  ein  grofier  Wirkungsbereich  mit  seinem  Eintritt  in  die  »Tagliche 
Rundschau «  1882.  Von  nun  an  fuhrte  er  in  der  Reichshauptstadt,  in  enger 
personlicher  Fiihlung  mit  den  Menschen  und  Kraften  des  politischen  und 
geistigen  Geschehens,  seinen  Kampf  um  eine  nationale  Presse  als  wirkliche 
Fuhrerschaft  der  deutschen  offentlichen  Meinung.  So  gelang  es  ihm  zunachst, 
die  »Tagliche  Rundschau*,  die  als  »Zeitung  fiir  Nichtpolitiker«  sich  dem 
Parteigetriebe,  damit  zugleich  aber  auch  dem  wirklichen  geschichtlichen 
Werden  des  Reiches  ferngehalten  hatte,  zu  einer  »Unabhangigen  Zeitung  fiir 
nationale  Politik«  umzugestalten.  Er  machte  sich  zum  Vorkampfer  der  Ko- 
lonialpolitik  und  der  Schulreform.  Aber  die  journalistische  Wirksamkeit  ge- 
niigte  seinen  Zielen  nicht,  die  mehr  und  mehr  auf  eine  Belebung,  ja  Erneue- 
rung  des  gesamten  nationalen  Lebens  in  Deutschland  gingen.  So  griindete  er 
1895  den  Deutschbund,  der  als  eine  enge  personliche  Gemeinschaft  durch  Bei- 
spiel  und  personlichen  Einsatz  eine  Fuhrerschaft  zum  »Reinen  Deutschtum« 
erringen  sollte.  Denn  »Reines  Deutschtum«  blieb  die  Iyosungsformel  von  L.s 
Wirken,  seit  er  1893  (und  in  vermehrter  Auflage  1904)  seine  grundsatzlichen 
Aufsatze  unter  diesem  Titel  zusammengefafit  hatte.  Indessen  muBte  er  noch 
im  Jahre  1895,  nach  einem  nicht  zum  Erfolge  gefiihrten  Versuche,  in  der 
»Volksrundschau«  ein  nationales  Blatt  fiir  die  breiten  Schichten  zu  schaffen, 
von  der  »Taglichen  Rundschau «,  die  den  Verleger  gewechselt  hatte,  sich 
trennen.  Da  gelang  es  ihm,  mit  unerwarteter  Unterstiitzung  von  Gleichgesinn- 
ten,  ein  eigenes  Tageblatt,  die  » Deutsche  Zeitung «,  ins  Leben  zu  rufen.  Sie 
warb,  unabhangig  von  den  Parteien,  fiir  eine  volkische  Politik  nach  auCen 
wie  innen,  fiir  machtvolle  Weltpolitik  und  innere  Uberwindung  der  Sozial- 


Jacobi.  Lange  95 

demokratie  mit  einem  nationalen  Wirtschaftsprogramm.  Wieder  schloB  sich 
daran  der  Versuch  politischen  Handelns,  zuerst  1902  mit  dem  Reichswahl- 
verband,  der  unabhangig  von  der  Regierung  die  nationalen  Parteien  fur  den 
Wahlkampf  einigen  sollte,  dann  mit  mancherlei  Bestrebungen  zur  Forderung 
einer  wirtschaftsfriedlichen  volkischen  Arbeiterbewegung.  Im  Jahre  191 2  zog 
sich  L.  auch  von  der  Leitung  der  »Deutschen  Zeitung«  zuriick,  wahrend  er 
noch  an  der  Beilage  »  Deutsche  Welt«,  die  er  zu  einem  Sprechsaal  der  volkischen 
geistigen  Bestrebungen  ausgestaltet  hatte,  bis  in  den  Krieg  hinein  mitgearbeitet 
hat.  Er  lebte  nun,  zuletzt  verdiistert  durch  ein  nervoses  Leiden,  in  Detmold, 
unter  dem  Hennannsdenkmal,  das  friih  zum  Sinnbilde  seiner  Arbeit  geworden 
war,  bis  zu  seinem  Ende  ziemlich  zuriickgezogen  mit  seiner  Familie. 

Er  hatte  den  deutschen  Sinn  fur  reines  und  inniges  hausliches  Leben,  den 
er  immer  pries.  (Zweimal  war  er  vermahlt,  1876  mit  Elise,  geborene  Kohler, 
sie  starb  1895;  dann,  1897,  mit  Elli,  geborene  Rettig.)  Doch  es  drangte  ihn 
stets  zu  offentlicher  Tatigkeit.  Die  nationalpolitische  Leidenschaft  erfullte  ihn 
ganz ;  und  er  war  riicksichtslos  gegen  Menschen  und  Verhaltnisse  in  der  Ver- 
tretung  seiner  Ziele,  ohne  Scheu  vor  Einseitigkeit,  ohne  problematische 
Schwere.  Dabei  stellte  er  an  Freunde  und  Mitarbeiter  scharfste  Forderungen, 
schroff  bis  zur  Scheidung.  Wie  denn  iiberhaupt  Weichheit  und  Liebenswiirdig- 
keit,  Gedanklichkeit  und  zeitfremde  Phantasie  hinter  dem  durchstoBenden 
Stolz  und  schnellen,  sich  auf  Instinkt  und  Praxis  berufenden  Urteil  zuriick- 
traten.  In  jiingeren  Jahren  hat  er  sich  dichterisch  versucht;  Bleibendes  ist 
ihm  dabei  nicht  gelungen.  Aber  er  behielt  eine  Offenheit  fur  die  Entwicklung 
des  geistigen  und  ktinstlerischen  Lebens,  die  ihn  Mannern  wie  Richard  Dehmel 
(s.  unten,  S.  513  ff.)  und  den  Briidern  Hart  nahebrachte.  —  Sein  Streben 
nach  entscheidender  einheitlicher  Fuhrerschaft  der  volkischen  Bewegung  ist 
nicht  zum  Ziele  gekommen,  er  blieb  ein  Anreger  und  Beginner,  seine  Ab- 
sichten  sind  von  den  Erben  seiner  Werke  nicht  rein  bewahrt  worden,  waren 
in  sich  auch  nicht  endgultig  reif  geworden.  Doch  ist  er  in  den  wesentlichen 
Aufgaben  seines  offentlichen  Lebens  von  dauernder  Wirkung  fiir  die  volkische 
Bewegung  gewesen.  Wenn  auch  der  Wahlverband  schon  1905  durch  ihn  in 
den  groBen  Reichsverband  gegen  die  Sozialdemokratie  aufgelost  wurde,  wenn 
auch  die  nationale  Arbeiterbewegung  erst  nach  seinem  Ende  und  auf  anderen 
Wegen  sich  zusammenschloB :  in  Kolonialpolitik  und  Schulreform  hat  er  all- 
gemeinen  Bestrebungen  zur  Durchsetzung  geholfen,  die  ^Deutsche  Zeitung<t 
und  der  Deutschbund  aber  iiberleben  ihn  und  stehen  noch  heute  unter  dem 
Anspruch  seiner  Ziele. 

In  der  Kolonialpolitik  ist  L.s  Name  verbunden  mit  dem  von  Carl  Peters 
(s.  unten,  S.  285  ff.)  und  Ostafrika.  Fiir  das  zunachst  unbestimmt  auf  Afrika 
geplante  Unternehmen  hatten  sie  sich  mit  mehreren  zusammengef  linden, 
hatten  gemeinsam  die  Hemmungen  durch  die  Regierungen,  Hohn  und  Vor- 
wurf  der  Offentlichkeit  ausgestanden ;  L.  hatte  dabei  vor  allem  fiir  die  publi- 
zistische  Werbung  gewirkt,  auch  viel  zur  finanziellen  Sicherung  des  Werkes 
getan.  Er  hat  schlieBlich  die  »Tagliche  Rundschau*  gerade  hier  fiir  eine 
deutschnationale  Aufgabe  eingesetzt.  Aber  an  der  Ausfahrt  konnte  er  selber 
nicht  teilnehmen,  mit  seiner  Unterstiitzung  erlangte  Peters  die  unbedingte 
Vollmacht.  Als  dieser  heimkam  und  seinen  Herrschaftsanspruch  fernerhin 
geltend  machte,  als  L.  in  den  organisatorischen  und  finanziellen  Anordnungen 


g6  1917 

und  Planen  des  Griinders  eine  gesunde  sachlich-unselbstische  Begriindung 
nicht  mehr  zu  sehen  vermochte,  als  endlich  auch  die  selbstwilligen  Tempera- 
men  te  aufeinanderstieBen,  hat  sich  L,.  von  der  Ostafrikanischen  Gesellschaft 
gelost.  Der  Gegensatz  zu  Peters  blieb  freilich  bestehen  und  sollte  sich  noch 
einmal  leidenschaftlich  auBern,  als  I,,  auf  das  begriindete  Geriicht,  jener 
wolle,  nachdem  er  so  schmahlich  im  Vaterlande  behandelt  worden,  in  eng- 
lische  Dienste  iibertreten,  ihn  (1896)  in  einem  Aufsatze  »Reislaufer«  angriff, 
was  zu  gerichtlichem  Austrag  und  Vergleich  fiihrte.  Im  Grunde  wiederum  er- 
hielt  sich  unter  dem  alten  Kampfgenossen  eine  schlieBliche  t)bereinstimmung, 
die  auch  in  L.s  spaterer  Betrachtung  der  deutschen  Kolonialtatigkeit  sich 
aussprach :  aus  dem  machtpolitischen  und  siedlungspolitischen  Denken  heraus 
findet  er  eine  herbe  Verurteilung  des  Sansibar-Vertrags  und  vor  allem  der 
preuBischen  Beamtenpolitik,  die  alles  urspriingliche  und  fahige  Streben  ge- 
hemmt  und  verdorben  habe,  sowie  der  Einsichtslosigkeit  der  groBen  Wirtschaft. 

L.  glaubte  nun  in  diesem  Erobererpatriotismus  der  ersten  Kolonialzeit  ein 
inneres  Gebrechen  zu  finden,  ihm  schien  da  nur  Nachahmung  der  englischen 
und  franzosischen  Art  zu  entstehen.  Er  meinte  die  innere  Notwendigkeit  der 
deutschen  Reform  zu  fassen,  wo  der  Ursprung  der  Weltfremdheit,  des  For- 
malismus  und  des  Kastengeistes  allein  zu  liegen  schien,  in  der  Schule.  So  warf 
er  sich  in  den  Streit  gegen  das  humanistische  Gymnasium.  1889  begriindete 
er  mit  anderen  den  Verein  fur  Schulreform.  Der  Kampf  schien  zunachst  am 
Widerstande  des  Ministeriums  in  PreuBen  scheitern  zu  sollen ;  aber  nicht  zum 
mindesten  durch  das  personliche  Eingreifen  des  Kaisers,  in  dem  L.  damals 
dankbar  wie  auch  oft  spater  den  Vorfechter  neuen,  frischen  nationalen  Geistes 
erblickte,  drang  das  Verlangen  durch,  und  die  Begriindung  der  Realanstalten 
hatte  mit  maBiger  amtlicher  Forderung  einen  glanzenden  Erfolg.  L.s  Absicht 
dabei  erschopfte  sich  nun  nicht  in  der  Ablehnung  des  klassischen  Humanis- 
mus,  im  heftigen  Widerspruch  gegen  die  Bildungsziele  Goethes  und  Hum- 
boldts,  gegen  die  abstrakte  Philosophic  auch  nicht  im  Willen  zur  Naturwissen- 
schaft.  Am  wenigsten  wollte  er  bei  allem  Realismus  einer  bloBen  Niitzlich- 
keitsgesinnung  in  der  Erziehung  dienen.  Ihm  lag  vielmehr  der  »Idealismus« 
einer  bei  politischer  Reife  innerlich  rein  deutschen,  bewuBt  echten  Bildung 
am  Herzen,  die  er  mit  dem  allerdings  »gereinigten«  Inhalt  der  ganzen  deut- 
schen Geschichte  nahren  wollte.  Der  beste  Sinn  der  lateinlosen  Mittelschule 
war  auch  ihm  die  demokratische  Einheit,  die  Zerstorung  geldlich  begriindeter 
Bildungsklassen,  die  Adelung  alien  Strebens.  So  erschien  ihm  die  Schulreform 
durchaus  als  »Kulturreform«.  In  solchen  Gedanken  wurde  er  zum  Vorlaufer 
von  Versuchen,  die  heute  bei  ganz  anderen  Uberzeugungen  geschehen  und 
fruchtbar  werden.  Die  Bewegung  indessen,  der  er  zum  Siege  half,  blieb  im 
Niitzlichkeitsrealismus  stecken.  Nicht  einmal  der  staatsbiirgerliche  Unterricht, 
fur  den  er  sich  spater  so  einsetzte,  wurde  verwirklicht.  Nun  der  Idealismus 
des  Gymnasiums  zuriickgedrangt  war,  so  war  doch  das  Bildungsideal,  das  L. 
wollte,  zu  wenig  tief  in  der  deutschen  Geschichte,  im  deutschen  Beruf  und  im 
menschlichen  Geiste  gegriindet,  um  schopferisch  zu  sein. 

Ein  inneres  Ungeniigen  blieb  auch  fur  L,.  in  alien  diesen  Bestrebungen  und 
ihren  Erfolgen.  Noch  mehr  aus  dem  Kerne  wollte  er  die  Erneuerung  des 
Volkstums  zu  befordern  suchen.  Aus  dem  Wunsche,  »den  Gemeinschaftswert 
xeinen  Deutschtums  sozusagen  in  einem  Ausschnitt  des  Volkes  zu  erleben«, 


Lange  gy 

kam  er  zur  Griindung  des  Deutschbundes.  Wenn  der  Alldeutsche  Verband, 
den  einst  Peters  ins  Leben  rief,  vornehmlich  um  die  Weltgeltung  des  Deutsch- 
tums  kampfte,  so  sollte  der  Deutschbund  als  eine  briiderliche  Gemeinde  mit 
der  Kraft  »  einer  gleichen  Weltanschauung,  eines  in  alien  gleich  starken  und 
zu  religioser  Glut  verklarten  Deutschideals*  das  Volk  durchdringen.  Etwas 
wie  eine  » Burschenschaf t  der  Erwachsenen«  sollte  da  entstehen,  gegriindet 
auf  den  Glauben  an  Blutserbschaft  auch  im  Geistigen,  erfiillt  von  den  rein 
volkstumlichen  Uberlieferungen  der  Geschichte,  streitbar  gegen  alles  bloBe 
Weltbiirgertum  und  gegen  die  volksfremden  Einfliisse,  besonders  des  Juden- 
tums,  ohne  Beachtung  der  religiosen  Bekenntnisgegensatze.  L.  wollte  indessen 
nicht,  daB  sein  Bund  sich  auf  Theorie  irgendwelcher  Art,  der  Rasse,  der 
Politik  oder  der  Kultur  festlege.  Strebend  aus  vorurteilsloser  Liebe  sollte  er, 
gegriindet  auf  das  »deutsche  Gewissen,  in  unserer  Brust,  das  innere  Gesetz, 
an  dem  sich  Gott  fur  jeden  einzelnen  von  uns  in  der  Geschichte  unseres  ganzen 
Volkes  offenbarte«,  als  » Pflanzschule  und  Versuchsfeld  fur  alle  natiirlichen 
Triebe  unseres  deutschen  Wesens,  die  auf  dem  freien  Felde  unseres  offent- 
lichen  I^ebens  noch  nicht  oder  nicht  mehr  gedeihen  wollen«,  wirken.  Dabei 
hat  L.  jede  Romantik,  alle  nur  auf  Vergangenes  gewendete  Schwarmerei  immer 
mit  Spott  abgewiesen.  Der  Gegenwart  dienen  sollte  sein  Bund  vor  allera  in 
der  Vertretung  eines  nationalen  Wirtschaftsprogramms,  mit  dem  die  Sozial- 
demokratie,  unter  Erfullung  der  berechtigten  Forderungen  der  unteren 
Schichten,  besonders  aber  durch  Starkung  des  Mittelstandes,  zu  iiberwinden 
ware.  L,.  sah  wohl  eine  innere  Notwendigkeit  im  Entstehen  der  sozialistischen 
Bewegung,  auch  er  war  geneigt,  bei  aller  Ablehnung  proletarischer  Klassen- 
politik,  sich  gegen  den  Kapitalismus  zu  wenden.  Er  suchte  das  Heil  in  einer 
nationalen  berufsstandischen  Organisation  durch  Zwangsgenossenschaften  in 
niodernem  Sinne,  zu  denen  er  die  Ansatze  uberall  zu  sehen  meinte.  Hier  zeigt 
sich,  wie  L.  dem  Deutschbunde  bei  aller  Betonung  seines  innerlichen  Ge- 
meinschaftscharakters  doch  groBere  politische  Wirkung  in  der  Allgemeinheit 
vorgesetzt  hatte,  als  er  mit  ihm  erreichen  konnte. 

So  sah  sich  L,.  am  Ende  doch  auf  die  Tatigkeit  verwiesen,  zu  der  ihn  seine 
Natur  am  meisten  forderte,  das  Wirken  fur  eine  nationale  Presse.  Zwei 
Richtungen  nahm  da  sein  Streben.  Einmal  gait  es  iiberhaupt  eine  unabhangige, 
rein  national  bestimmte  Tagespresse  erst  ins  L,eben  zu  rufen,  gegentiber  all 
dem  Unwesen  der  Parteien  und  Interessen,  dann  aber  diese  Blatter  auch  mit 
neuem  Geist  und  BewuBtsein,  mit  dem  Gehalt  einer  wirklichen  volkischen 
Erneuerungsgesinnung  zu  erfiillen.  Nun  hat  gleich  die  »Tagliche  Rundschau*, 
wie  L.  sie  gestalten  konnte,  eine  schone  und  bedeutende  Wirkung  gehabt, 
mehr  noch  ist  die  »  Deutsche  Zeitung«,  in  dem  engeren  Iyebens-  und  Gedanken- 
bereich,  der  ihr  gegeben,  eine  personliche  Schopfung  ihres  Griinders  und  das 
bahnbrechende  Beispiel  einer  Gesinnungszeitung  geworden.  Aber  es  liegt  doch 
ein  tragischer  Schimmer  iiber  diesem  Schaffen.  L.  ist  endlich  doch  der  Ge- 
walten  seines  Berufes  nicht  Herr  geworden.  Er  konnte  auch  seine  Blatter 
nicht  auf  die  Dauer  dem  EinfluB  der  wirtschaftlichen  Krafte  und  der  Massen- 
interessen  entziehen ;  so  daB  weder  in  der  iiberlegehen  politischen  Zielsetzung 
noch  in  der  Reinheit  wesentlicher  Gesinnungen  seiner  Forderung  genuggetah 
ward.  Die  hinreiBende  Macht,  die  er  seiner  Botschaft  uberall  verleihen  wollte, 
hat  sich  ihm  immer  wieder  versagt ;  und  das  hat  doch  auch  den  innereh  Grund , 

BBJ7 


<)8  1917 

daB  diese  Lehre  selber  mit  publizistischem  Streben  und  tagespolitischer  Ar- 
beit verwachsen,  zu  wenig  aus  tieferen  Griinden  gesattigt,  nicht  zu  den  hoch- 
sten  Lebenszielen  gesteigert  war. 

Mag  man  indessen  auch  das  Unzulangliche  von  L.s  Wirksamkeit  heraus- 
finden,  so  gilt  es  doch  noch  einmal  den  eigentlichen  Gehalt  und  die  wesent- 
liche  Leistung  seines  Strebens  ins  Licht  zu  setzen.  Als  er  begann  war  nach 
dem  siegreichen  Kriege  jener  Zustand  der  Sattigung  und  Tragheit  im  deut- 
schen  Burgertum  eingetreten,  die  MiBgestaltung  des  Lebens  durch  den  Kapi- 
talismus  und  die  Zersetzung  durch  die  Parteigegensatze  und  den  Klassen- 
kampf.  Neben  der  Verstandnislosigkeit  fur  die  wirklichen  Aufgaben  eines 
Weltvolkes  machte  sich  ein  lauter  inhaltloser  Patriotismus  breit;  gegen  die 
offenbare  Wucherung  wesensfremder  Krafte  in  der  deutschen  Gesellschaft, 
vor  allem  des  Judentums,  wandte  sich  nur  ein  agitatorischer,  im  Grunde 
dummer  und  barbarischer,  noch  keines  allgemeinen  Zieles  fahiger  Anti- 
semitismus.  Diesem  gerade  muBte  L.  entgegentreten,  wollte  er  zu  fruchtbarer 
Politik  eine  noch  unreife  Nation  erziehen  und  fuhren.  Er  sah  sich  dabei  nicht 
unterstutzt  von  den  Gebildeten  und  ihrem  Geltungswillen,  die  im  Epigonen- 
tum  beharrten.  Anlage  und  Beruf  veranlafiten  ihn  auch,  stets  von  praktischen 
Fragestellungen  auszugehen  und  auf  Dogma,  System,  ja  auch  geschlossene 
Begriindung  in  der  Idee  Verzicht  zu  tun.  So  ward  er  der  erste  bedeutende 
volkische  Journalist. 

L.s  erstes  Ziel  war  nun  die  Politisierung  des  deutschen  Volkes.  Ahnlich  wie 
Peters,  aus  einem  naturlichen  Bedurfnis  der  Zeit,  nahm  auch  er  den  welt- 
politischen  Geist  der  Englander  zum  Vorbilde.  Das  riicksichtslose  Selbst- 
bewuBtsein,  die  unbedingte  Voransetzung  aller  Wiinsche  des  Vaterlandes,  den 
niichternen  Blick  fiir  die  baren  Interessen  hinter  alien  internationalen  Pro- 
grammen  sollte  nach  Bismarck  ins  Denken  aller  ubergehen;  noch  iiber  Bis- 
marck hinaus  mit  der  riicksichtslosen  inneren  Kampfstellung  gegen  das  Juden- 
tum  und  der  Forderung  nach  wirtschaftlicher  und  sozialer  Neugestaltung  des 
nationalen  Lebens.  Wenn  die  weltburgerliche  Bildungsidee  Goethes  abgelehnt 
wurde,  so  sollte  doch  der  Deutsche  aus  dem  BewuBtsein  seiner  angeborenen, 
treu  gepflegten  Werte  sich  als  Vorkampfer  der  besten  Menschheit  fuhlen 
lernen.  Diese  inneren  Werte  allerdings  schienen  zweifelhaft  geworden. 

Hier  nun  trifft  L.s  Nachdenken  zu  dem,  was  seit  Lagarde  Gehalt  volkischei 
Erneuerungsbestrebungen  war.  Auch  er  geht  aus  von  dem  Verhaltnis  dei 
echten  Personlichkeit  zur  Nation  und  fordert  Erlosung  unseres  offentlichen 
Lebens  von  alien  starren  Schranken,  von  alien  formalistischen  Hemmungen, 
die  der  preuBische  Beamtenstaat  erzeugte,  verjiingte  Volkstiimlichkeit,  in 
bestimmtem  Sinne  Demokratie,  zugleich  aber  Herrschaft  einer  aristokratischer 
Lebensgesinnung,  die  sich  auf  Blut  und  Leistung  beruf t.  Seine  Hoffnung  ist 
daB  aus  dem  Geiste  und  den  Daseinsformen  des  Volksheeres  ein  neuer  An- 
trieb  fiir  die  Allgemeinheit  kommen  werde,  sei  es  auch  im  Gefolge  eines  groBec 
Machtkampfes,  den  er  schon  als  Lauterung  und  Wesensprobe  wiinscher 
mochte.  Denn  im  Grunde  sind  dem  deutschen  Volke  alle  notwendigen  und 
heiligen  Gehalte  schon  eingeboren,  die  rechte  Aufgabe  des  Erziehers  und 
Politikers  scheint  Wiederfindung  und  Reinigung  des  verschiitteten  Wesens 
nicht  so  sehr  schopferisch  neues  Wollen.  Darin  ist  L.  bestarkt  von  den  Ge- 
danken   Gobineaus,   den   er   als  Verkunder  j>arischer«   Blutaristokratie   mil 


Lange.  Matthias  qq 

Nietzsche  vergleicht  und  hoherstellt.  Das  »Reine  Deutschtum «,  das  ist  ihm 
der  »eingeborene  Idealismus  «  unseres  Volkes,  der  zu  sich  selber  finden  wird, 
wenn  erst  die  humanistische  Traumseligkeit  und  Entfremdung  verschwindet, 
der  Idealismus  des  Tapferen,  als  solcher  wesentlich  dem  weichen  Christentum 
iiberlegen.  Das  Christentum  namlich  kann  weder  als  Weltansicht  noch  als 
Sittlichkeit  dem  heutigen  bewuBten  Deutschen,  wie  L,.  ihn  will,  geniigen,  nur 
der  » Idealismus*  daran,  dem  der  ererbte  arische  Sinn  schon  entgegenkommt, 
soil  uns  erhalten  bleiben.  Ubrigens  ist  ihm  Religion,  als  Gottverbundenheit, 
wesenhaft  dogmenlos  und  so  verstanden  im  »Reinen  Deutschtum  «  unmittel- 
bar  gegeben. 

Erstrebt  L.  also  eine  Bestimmung  des  deutschen  Wollens  aus  sittlichem 
Ziel  der  Menschheit,  die  sich  in  Volkern  verwirklicht,  so  ist  doch  aus  der  Fiille 
angeregter  Probleme  nicht  die  Idee  geklart.  Fiir  die  Wesenserkenntnis  des 
Deutschtums  und  seiner  Sendung  beruft  sich  I,,  grundsatzlich  nicht  auf  ein- 
dringend-umfassende  Gultigkeit  des  Denkens,  noch  auf  klare  GewiBheit  einer 
unmittelbaren  Anschauung,  sondern  nur  auf  den  instinkthaften  Willen.  Seine 
Auffassung  der  deutschen  Geschichte  geht  iiber  alles  hinweg,  was  nicht 
realistisch-volkstumlich  gemeint  war.  Und  so  muJ3  Weltgrund  und  Weltziel 
hinter  dem  nationalen  Begehr  nach  berechtigter  Macht  verschwimmen  im 
» Idealismus «  fiir  alles  edel  und  gut  Gefuhlte,  in  einem  letzten  bewahrten 
Glauben  an  den  Gott,  der  ein  Volk  nicht  ohne  Sinn  berufen  hat.  —  Damit 
bleibt  L.  seiner  Zeit  unterworfen,  der  die  Einheit  innerlichen  Lebens,  die 
wahre  iiberweltUche  Religion,  entgangen  war,  in  der  Geist  und  Sinn  von  Trieben 
und  Zwecken  uberwuchert  wurden.  Auch  er  hatte  zugleich  auf  die  Uber- 
lieferung  des  deutschen  Idealismus  verzichtet,  als  er  sich  von  Lotzes  religio- 
ser  Philosophic  unzuf rieden  trennte ;  die  tieferen  Forderungen  seines  Glaubens 
fanden  nicht  den  ersehnten  Widerhall. 

Im  Weltkriege  glaubte  If.  die  Erfullung  seines  Lebenszieles  nahe.  Die  f urcht- 
bare  Enttauschung  von  1918  ist  ihm  erspart  geblieben,  aber  er  durfte  nun 
auch  nicht  mehr  erfahren,  wie  die  besten  Inhalte  seines  Kampferdaseins  auch 
der  Verzweiflung  vexjiingt  und  gelautert  entstiegen  sind.  Im  Bemuhen  um 
Vereinigung  deutschen  nationalen  Machtwillens  und  deutscher  geistiger  Welt- 
bestimmung  und  Weltverantwortung  zu  volklicher  Selbstbesinnung  war  er 
Wegbereiter  einer  wartenden  Zukunft. 

Literatur:  ^Deutsche  Zeitung*  1.  April  1921  (Karl  Berger).  —  »Deutschbundb latter* 
1927  (Fuchs).  —  Adolf  Rapp:  Der  deutsche  Gedanke.  Bonn  1920.  —  Schriften: 
Reines  Deutschtum,  Grundziige  einer  nationalen  Weltanschauung  (Anhang:  Nationale 
Arbeit  und  Erlebnisse),  4.  Auflage,  Berlin  1904  (Neuherausgabe  durch  den  Deutschbund 
geplant);  Deutsche  Worte,  Deutschbundreden,  Berlin  1907;  Harte  Kopfe,  Roman,  Leipzig 
1885;  ijothar,  Epos,  Hamburg  1889;  Der  Nachste,  Drama,  Hamburg  1890;  Gedichte  und 
Erzahlungen  in  der  »Taglichen  Rundschau*  u.  a.;  Aufsatze  in  der  »Deutschen  Welt^.  — 
Nach  la  ft:  Liter  arische  Entwurfe,  Kindheitserinnerungen,  Reiseschilderungen ;  person - 
licher  und  politischer  Brief wechsel,  bei  Frau  Dr.  E.  Lange,  Berlin-Friedenau. 

Berlin-Steglitz.  Rudolf  Craemer. 

Matthias,  Adolf,  Dr.,  Wirklicher  Geheimer  Oberregierungsrat  und  Vortra- 
gender  Rat  im  preuBischen  Kultusministerium,  *  am  1.  Juni  1847  in  Hannover, 
t  am  8.  Juni  1917  in  Diisseldorf.  —  In  dem  demokratischen  Massengetriebe 


100  1917 

unseres  heutigen  Staatslebens  verblaBt  die  Erinnerung  an  fiihrende  Manner 
schneller  als  in  der  patriarchalischen  Einfachheit  vergangener  Zeiten.  Auch 
die  hervorstechendste  Personlichkeit  ordnet  sich  bescheiden  ein  in  das  schnell- 
abnutzende  Gefuge  der  Beamtenmaschinerie,  tritt  in  ihrer  Bedeutung  und 
in  der  nachwirkenden  Kraft  ihres  Schaffens  bald  zurtick  und  legt  ihr  ganzes, 
des  personlichen  Reizes  immer  mehr  entbehrendes  Werk  beim  Ausscheiden 
aus  dem  Amte  entsagungsvoll  in  andere  Hand. 

Wie  lebendig  und  scharf  umrissen  stehen  in  der  Geschichte  des  hoheren 
Bildungswesens  noch  Gestalten  wie  die  eines  Joh.  Wilh.  Siivern  (1775 — 1829), 
der  im  Verein  mit  Wilhelm  v.  Humboldt  das  gesamte  Unterrichtswesen 
PreuBens  auf  der  neuhumanistischen  Grundlage  einer  harmonischen  Allgemein- 
bildung  aufbaute  und  ihm  dabei  ein  universelles  Geprage  gab,  das  jahrzehnte- 
lang  bestimmend  blieb  —  oder  eines  Joh.  Schulze  (1786 — 1869),  der  40  Jahre 
lang  dem  preuBischen  Kultusministerium  angehorte  und  einen  groBen  Teil 
dieser  Zeit  hindurch  das  preuBische  Bildungswesen  leitete,  ihm  in  Lehr- 
verfassung,  Lehrzielen  und  Methoden  feste  Formen  vorzeichnend  —  eines 
Ludwig  Wiese  (1806 — 1900),  der  fast  ein  Vierteljahrhundert  hindurch  den 
hoheren  Schulen  seinen  Geist,  den  Geist  kirchlich  humanistischer  Strenge  auf- 
pragte  —  oder  auch  noch  eines  Hermann  Bonitz  (1814 — 1888),  dem  die  Auf- 
gabe  zufiel,  die  hoheren  Schulen  den  Anforderungen  der  durch  die  Reichs- 
griindung  bestimmten  neuen  Kultur  anzupassen. 

Diese  Reihe  glanzender  Namen  bricht  ab  mit  der  infolge  der  Industriali- 
sierung  einsetzenden  Verbreiterung  des  offentlichen  Bildungswesens  und 
seiner  Verwaltung.  Die  Namen  der  nunmehr  fiihrenden  Personlichkeiten  treten 
zuriick  hinter  der  Sache.  Aber  an  einem  Namen  wird  die  Geschichte  des  preu- 
Bischen Bildungswesens  bei  der  Darlegung  der  padagogischen  Bestrebungen 
um  die  Jahrhundertwende  nicht  voriibergehen  konnen:  Christian  Wilhelm 
Adolf  M.,  dem  Namen  eines  Mannes,  der  durch  seine  eigenartige  Personlich- 
keit in  seltenem  MaBe  EinfluB  auf  eine  neuzeitliche  Reform  des  hoheren 
Schulwesens  und  auf  seine  Trager  gewann. 

Adolf  M.  war  einer  althannoverschen  Familie  entsprossen.  Urspriinglich  fur 
den  Apothekerberuf  bestimmt,  studierte  er  spater  in  Marburg  und  Gottingen 
klassische  Philologie,  Deutsch  und  Geschichte.  Seine  Studien  erlitten  eine 
Unterbrechung  durch  den  Deutsch-Franzosischen  Krieg,  den  er  als  Freiwilliger 
im  8.  Westfalischen  Infanterieregiment  Nr.  57  mitmachte.  Fur  tapferes  Ver- 
halten  in  der  Schlacht  bei  Beaume  la  Rolande  und  in  den  Gefechten  von 
Villeporcher  und  Villethion  wurde  ihm  das  Eiserne  Kreuz  verliehen.  Nach 
Wiederaufnahme  seiner  Universitatsstudien  bestand  er  im  Juli  1873  die  Lehr- 
amtspriifung,(  und  noch  im  November  desselben  Jahres  wurde  ihm  von  der 
Gottinger  Philosophischen  Fakultat  die  Doktorwiirde  verliehen.  Das  Probe- 
jahr  leistete  er  am  Herzoglichen  Gymnasium  zu  Holzminden  und  am  Gym- 
nasium zu  Essen  ab.  Als  ordentlicher  Lehrer  wirkte  er  sodann  vom  1.  Oktober 
1874  bis  zum  1.  April  1880  an  dem  unter  Dr.  Edm.  Vogts  Leitung  stehenden 
Gymnasium  zu  Essen,  als  Oberlehrer  an  den  Gymnasien  zu  Bochum  (1.  April 
1880  bis  31.  Marz  1882)  und  Neuwied  (1.  April  1882  bis  1.  Oktober  1884). 
Von  hier  aus  erhielt  er  einen  Ruf  als  Direktor  an  das  Lippische  Gymnasium 
in  Lemgo,  der  Geburtsstadt  Siiverns,  die  er  aber  bald  wieder  verlieB,  um 
Ostern  1885  die  Leitung  des  Gymnasiums  und  Realgymnasiums  in  der  Kloster- 


Matthias  10 1 

strafie  zu  Diisseldorf  zu  ubernehmen.  Anfangs  1898  trat  er  als  schultechnischer 
Rat  in  das  Provinzialschulkollegium  in  Koblenz  ein,  von  wo  er  gleichzeitig 
das  wissenschaftliche  Priifungsamt  in  Bonn  leitete.  Zwei  Jahre  spater  erfolgte 
seine  Berufung  in  das  preui3ische  Kultusministeriura.  Hier  wurde  er  am 
2.  April  1900  zum  Geheimen  Regierungsrat,  am  14.  Dezember  1903  zum  Ge- 
heimen  Oberregierungsrat  ernannt.  Ein  Herzleiden  zwang  ihn  im  Sommer  19 10 
seine  Versetzung  in  den  Ruhestand  zu  erbitten,  die  ihm  unter  Verleihung  des 
Charakters  als  Wirklicher  Geheimer  Oberregierungsrat  bewilligt  wurde.  Er 
starb  zu  Diisseldorf,  der  Statte  seiner  friiheren  Wirksamkeit,  wo  er  bei  seinem 
Sohn  zur  Erholung  weilte,  kurz  nach  Vollendung  seines  70.  Lebensjahres. 

Die  Diisseldorf  er  Direktorzeit  ist,  wie  M.  in  seinen  »L,ebenserinnerungen« 
(Aus  Schule,  Unterricht  und  Erziehung)  selbst  erzahlt,  fiir  ihn  derjenige 
Lebensabschnitt  gewesen,  in  dem  er  die  meisten  wissenschaftlichen,  pad- 
agogischen  und  rein  menschlichen  Anregungen  empfangen  hat  und  aus  dem 
ihm  die  meisten  freundschaftlichen  Beziehungen,  die  schonsten  Erinnerungen 
erwachsen  sind.  Hier  konnte  sich  seine  sonnige,  herzenswarme  Personlichkeit, 
seine  Zuversicht  in  alles  Gute  im  Menschen  und  besonders  in  der  Jugend  frei 
entfalten  undweiter  entwickeln.  Hier  konnte  im  Verkehr  mit  seinen  Schiilern, 
denen  er  niemals  als  »Gendarm  des  Zwanges«,  sondern  immer  als  treuer, 
wohlmeinender,  auch  die  kleinen  Schwachen  der  jugendlichen  Unreife  ver- 
stehender  Freund  gegeniibertrat,  sein  reiches  Wissen,  sein  kraftiges  Empfinden 
und  Wollen,  sein  gesunder  Humor  reiche  Anregungen  geben  und  auf  weite 
Kreise,  bei  Eltern,  Lehrern  und  Behorden,  aufmunternd  und  erfrischend 
wirken.  Ein  Zeichen  dessen  sind  die  beiden  Werkchen  » Wie  erziehen  wir  unseren 
Sohn  Benjamin  ?«  und  »Wie  werden  wir  Kinder  des  Glucks?«,  die  beide  aus 
seinen  Vortragen  vor  Lehramtskandidaten  erwachsen  sind. 

Von  Diisseldorf  aus  nahm  er  als  Realgymnasialdirektor  auch  an  der  groBen 
Schulkonferenz  in  Berlin  im  Dezember  1890  teil,  wo  er  bereits  fiir  eine  Rein- 
erhaltung  und  gleiche  Einschatzung  der  drei  Schultypen  Gymnasium,  Real- 
gymnasium,  lateinlose  Schule  eintrat,  eine  Verminderung  der  Gesamtstunden- 
zahl,  eine  Konzentration  auf  wenige,  aber  kraftig  bildende  Unterrichtsgegen- 
stande,  insbesondere  Deutsch,  Geschichte,  Religion  forderte  und  so  die  An- 
erkennung  der  Gleichberechtigung  der  drei  hoheren  Schularten  vertrat,  der 
er  dann  auf  der  Junikonferenz  vom  Jahre  1900  zum  Siege  verhelfen  konnte. 

Der  Weiterfuhrung  der  auf  dieser  Konferenz  beschlossenen  und  in  dem 
kaiserlichen  Erlasse  vom  26.  November  1900  angeordneten  Schulreform  gait 
sein  ganzes  ferneres  Wirken.  In  ihren  Dienst  stellte  er  die  von  ihm  in  Ver- 
bindung  mit  R.  Kopke  begriindete,  aber  von  ihm  allein  geleitete  »Monats- 
schrift  fiir  hohere  Schulen«,  ihr  widmete  er  seine  hervorragende  schriftstelle- 
rische  Begabung  und  seine  iiberzeugende  Beredsamkeit.  Immer  war  er  bestrebt, 
frei  von  engherzigen  und  kleinlichen  Vorurteilen,  neben  dem  guten  Alten  auch 
dem  werdenden  Neuen  freie  Bahn  zu  schaffen,  und  unbekummert  urn  alle 
Angriffe,  die  auch  ihm  nicht  erspart  blieben,  iiberall  da,  wo  er  dem  hoheren 
Schulwesen  noch  anhaftende  Mangel  sah,  scharfe  Kritik  zu  iiben.  Gerade 
dieser  Freimut  des  Urteils,  der  ein  kraftiges  Wort  nicht  verschmahte,  ver- 
bunden  mit  dem  frohlichen  Humor  seiner  leichtflieBenden  Darstellungsweise, 
haben  seinen  zahlreichen  Schriften,  besonders  seiner  Praktischen  Padagogik, 
einen  zahlreichen  und  dankbaren,  iiber  die  engeren  Fachkreise  weit  hinaus- 


102  19*7 

gehenden  Leserkreis  erworben.  Versenkt  man  sich  heute,  nachdem  ein  voiles 
Jahrzehnt  iiberschaumender  Reformfreude  aus  selbstgeschaffenen  Triimmeni 
heraus  eine  neue  Padagogik  aufbauen  zu  konnen  wahnte,  in  die  M.schen 
Schriften,  so  ist  man  geradezu  erstaunt  uber  den  fortschrittlichen  Geist,  der 
uns  daraus  entgegenweht  und  der  an  Mut  und  Frische  hinter  den  mit  urn- 
stiirzlerischer  Geste  vorgetragenen  Forderungen  unserer  »entschiedenen  Schul- 
reformer*  keineswegs  zuriicksteht.  Das  lag  daran,  daB  M.,  nach  seinen  eigenen 
Worten,  sich  in  seiner  langen  Berufslaufbahn  bei  all  seinem  Tun  warnend  das 
Goethe- Wort  vorhielt:  »Der  Philister  negiert  nicht  nur  andere  Zustande,  als 
der  seine  ist ;  er  will  auch,  daB  alle  iibrigen  Menschen  auf  seine  Weise  existieren 
sollen.«  Und  alle  Philisterei,  alle  Pedanterie  war  ihm  in  der  Seele  zuwider. 
»Unter  Pedanterie, «  sagt  M.,  »verstehe  ich  Formalklauberei,  Methoden- 
karikatur,  Systemfuchserei,  Beschranktheit  bei  Verwirklichung  groBer  Ideen 
und  Abgeschmacktheit  in  ihrer  Formgebung,  vor  allem  aber  Angstlichkeit, 
wo  es  sich  urn  groBen  Gewinn  und  groBe  Ziele  handelt,  und  Sklaverei  kon- 
ventioneller  Lebensregeln,  die  sich  im  Entwicklungsgange  der  Kultur  als  un- 
brauchbar,  iiberlebt  oder  gar  als  schadlich  erwiesen  haben.  Pedanterie  aber 
ist  eine  Haupteigenschaft  aller  Schul-  und  Erziehungsphilister.  Unter  Eltern, 
Lehrern  und  besonders  in  der  Schulverwaltung  bis  in  die  hochsten  Spitzen 
hinein  habe  ich  so  viele  Philister  angetroffen,  daB  ich  fast  glaube,  sie  haben 
noch  immer  die  Majoritat  bei  uns«  (Deutsche  Revue,  Marz  191 1). 

Was  aber  M.  vor  den  heutigen  Reformern  auszeichnete,  das  war  seine  in 
langer,  freudig  geleisteter  Schularbeit  erworbene  tiefgehende  Sachkenntnis, 
seine  tiefe  Einsicht  in  die  Grenzen  padagogischer  Schulweisheit,  seine  Ab- 
neigung  gegen  alles  Reglementieren  und  gegen  ministerielle  Richtlinien.  Seine 
Achtung  vor  der  Menschenwiirde  im  Lehrer  und  Schiiler  war  zu  fest  begriindet, 
als  daB  er  es  jemals  gewagt  hatte,  das  Freiheits-  und  Selbstgefiihl  der  Schiiler 
oder  das  VerantwortungsbewuBtsein  der  Lehrer  durch  bureaukratisch-engher- 
zige  Bestimmungen  zu  schmalern.  »  Bewegungsf reiheit « fiir  Lehrer  und  Schiiler, 
das  war  das  Ziel  seines  Strebens,  das  auch  in  den  von  ihm  bearbeiteten  Lehr- 
planen  und  Prufungsordnungen  deutlich  erkennbar  ist. 

M.sche  Tradition  ist  leider  nach  mancher  Richtung  hin  von  der  offiziellen 
Padagogik  verlassen  worden,  die  mit  Herrschergewalt  das  Ganze  des  mensch- 
lichen  Daseins  nach  ihrem  Willen  formen  und  gestalten  will.  Um  Jahrzehnte 
ist  dadurch  die  deutsche  hohere  Knabenschule  mit  ihren  jetzt  vorhandenen 
37  verschiedenen  Formen  in  ihrer  fortschrittlichen  Entwicklung  zuriick- 
geworfen  worden.  Aber  jetzt  schon  ringt  sich  in  der  padagogischen  Literatur 
iiberall  die  Uberzeugung  durch,  daB  eine  Wiedergesundung  unseres  hoheren 
Bildungs-  und  Erziehungswesens  nur  durch  Ankniipfung  an  M.sche  Ideen  zu 
erhoffen  ist. 

Lange  Jahre,  von  1893  bis  1917,  hat  der  Unterzeichnete  mit  M.  in  enger 
Freundschaft  zusammengearbeitet,  dabei  bis  zum  Sommer  19 10,  als  ein  Herz- 
leiden  M.  zwang,  seine  Versetzung  in  den  Ruhestand  zu  erbitten,  mit  ihm 
und  Karl  Reinhardt  sich  in  die  Leitung  des  hoheren  Schulwesens  PreuBens 
geteilt:  kostliche  Jahre  eines  freundschaftlichen,  durch  keine  Dissonanzen  ge- 
triibten  Ineinanderwirkens  und  eines  freudigen  Schaffens,  das  nicht  in  iiber- 
stiirzten  Reformversuchen  sein  Ziel  sah,  sondern  in  einer  fortschrittlichen, 
von  freiheitlichem  Geiste  getragenen,  aber  auch  in  Achtung  vor  dem  geschicht- 


Matthias.  Mehrtens  10  3 

lich  Gewordenen,  sorgsam  erwogenen  Weiterentwicklung,  in  der  Verbreitung 
frohlicher  heller  Sonne  in  den  Schulraumen,  in  Unterricht  und  Erziehung,  im 
Bereiten  einer  freien  Bahn  fiir  ungezwungenes  »Werden«,  nicht  fur  gewalt- 
sames  »Gemachtwerden«. 

Und  so  konnten  seine  Freunde  in  der  ihm  zum  70.  Geburtstage  iiberreichten 
Adresse  ihn  mit  vollem  Rechte  feiern  als  den  Vertreter  einer  hoffnungsfreu- 
digen  Auffassung  von  der  deutschen  Jugend  und  der  Aufgabe  ihrer  Erzieher, 
als  den  Mitbegriinder  einer  freiheitlichen  und  weitschauenden  Richtung  in 
unserem  Schulwesen,  als  einen  wahren  Lehrer  der  Lehrer. 

Literatur:  J .  Norrenberg,  Nachruf  auf  Ad.  M.  im  Deutschen  Reichsanzeiger  vom 
12.  Juni  191 7,  Nr.  137.  Dieser  Aufsatz  hat  auch  den  vorstehenden  Ausfiihrungen  zugrunde 
gelegen.  —  Rud.  Lehmann,  Adolf  M.,  im  Deutschen  Philologenblatt,  1917,  S.  347. — 
Schmitz-Mancy,  Adolf  M.  zum  Gedachtnis.  Zeitschr.  f.  lateinl.  hoh.  Schulen,  191 7,  S.  145. 

Griechische  Wortkunde,  2.  Aufl.  1886;  Xenophons  Anabasis,  Kommentar  und  Text, 
1884,  3.  Aufl.  1 914;  Heilungdes  Orest  in  Goethes  Iphigenie,  1887;  Bedeutung  der  hoheren 
Biirgerschule,  1888;  Deutsches  Volkslied,  1889,  4.  Aufl.  191 3;  Goethes  Gedankenlyrik, 
1002,  2.  Aufl.  1914;  Schillers  Gedankenlyrik,  1902;  Grillparzers  Ahnfrau,  Leipzig,  Teub- 
ner  1904;  Grillparzers  Sappho,  1903;  Hilfsbuch  fiir  den  deutschen  Sprachunterricht,  1892, 
8.  Aufl.  1912;  Frau  Rat  Goethe,  1912;  Praktische  Padagogik  fiir  hohere  L,ehranstalten, 
1895,  4.  Aufl.  1912;  Die  patriotische  Lyrik  der  Befreiungskriege,  1897;  Wie  erziehen  wir 
unseren  Sohn  Benjamin  ?  Ein  Buch  fiir  deutsche  Vater  und  Mutter.  Beck,  Munchen  1897, 
10.  Aufl.  191 5;  Wie  werden  wir  Kinder  des  Gliicks?  Ebenda  1899,  4.  Aufl.  1916;  Die 
soziale  und  politische  Bedeutung  der  Schulreform  von  1 900.  1 905 ;  Geschichte  des  deutschen 
Unterrichts.  Ebenda  1907;  Aus  Schule,  Unterricht  und  Erziehung,  1901;  Meine  Kriegs- 
erinnerungen,  191 1,  3.  Aufl.  1912;  Bismarck,  sein  Leben  und  sein  Werk,  191 5;  Krieg  und 
Schule  191 5.  Kriegssaat  und  Friedensernte  191 5.  Deutsche  Wehrkraft  und  kommendes 
Geschlecht  191 5;  Erlebtes  und  Zukunftsfragen,  191 3;  Handbuch  des  deutschen  Unter- 
richts (Herausgeber) ;  Zahlreiche  Aufsatze  in  Zeitschriften  und  Zeitungen. 

Bonn.  Johann  Norrenberg. 

Mehrtens,  Georg  Chrlstoph,  Ingenieur,  Regierungs-  und  Baurat,  o.  Professor 
fiir  Statik  der  Baukonstruktionen,  Festigkeitslehre  und  eiserne  Briicken  an 
der  Technischen  Hochschule  Dresden,  *  am  31.  Mai  1843  in  Bremerhaven, 
f  am  9.  Januar  1917  in  Dresden.  —  Nach  AbschluB  der  Gymnasialbildung  in 
Bremerhaven  arbeitete  M.  zwei  Jahre  in  den  Werkstatten  der  Maschinenfabrik 
Balke  in  Altona  und  bezog  darauf,  18  Jahre  alt,  die  Technische  Hochschule 
Hannover,  an  der  er  bis  zum  Jahre  1866  Ingenieurwissenschaften  studierte. 
Im  Jahre  darauf  bestand  er  die  Regierungsbaufuhrerpriifung  und  trat  als 
solcher  bei  der  Kgl.  Eisenbahndirektion  Hannover  in  den  preuBischen  Staats- 
dienst.  Im  Jahre  1869  wurde  M.,  nachdem  er  die  zweite  Staatshauptpriifung 
bestanden  hatte,  bei  derselben  Verwaltung  Regierungsbaumeister  und  blieb 
in  deren  Diensten  bis  zum  Jahre  1872.  Die  auBergewohnliche  Belebung  des 
Eisenbahnbaus  nach  dem  AbschluB  des  Deutsch-Franzosischen  Krieges  ver- 
anlaBte  ihn  zum  Ubertritt  zu  Privatbahngesellschaften,  deren  Aufgaben  seine n 
Schaffensdrang  und  seine  ingenieurtechnische  Begabung  besser  befriedigten. 
Er  war  zunachst  als  Sektionsbaumeister  beim  Bau  der  Luneburg — Witten- 
berger  Bahn,  spater  als  Abteilungsbaumeister  beim  Bau  der  Berlin — Dresdener 
Bahn  tatig.  Hierauf  wurde  ihm  der  Bau  der  Eisenbahnstrecke  Frankfurt  a.d.O. — 
Kottbus  als  Oberingenieur  iibertragen. 

In  diesen  Jahren  hatte  M.  Gelegenheit,  reiche  Erfahrungen  auf  dem  Gebiete 
des  Bauwesens  zu  sammeln,  die  die  groBen  Erfolge  begriindeten,  die  ihm  in 


104  igi? 

der  zweiten  Periode  seines  I^ebens  beschieden  waren.  Er  trat  im  Jahre  1878 
in  den  preuBischen  Staatsdienst  zuriick  und  wurde  im  Ministerium  der  offent- 
lichen  Arbeiten  in  Berlin  mit  Vorarbeiten  fur  den  Bau  der  Bahnlinie  Erfurt — 
Ritschenhausen  betraut.  Gleichzeitig  ubernahm  er  an  der  Technischen  Hoch- 
schule  Charlottenburg  die  Stellung  eines  Assistenten  bei  Professor  Winkler, 
einem  der  bedeutendsten  Vertreter  der  Baustatik  und  des  Briickenbaus.  Die 
hiermit  verbundene  wissenschaftliche  Tatigkeit  fiihrte  nach  kurzer  Zeit  zu 
seiner  Habilitation  an  derselben  Hochschule.  Er  las  zunachst  iiber  die  Gebiete, 
denen  er  bisher  nahegestanden  hatte,  iiber  die  Ausfiihrung  von  Briicken,  auBer- 
dem  iiber  den  Entwurf  beweglicher  Briicken.  Diese  Tatigkeit  ist  fur  seine  kiinf- 
tige  Entwicklung  entscheidend  geworden.  Wenn  sie  auch  durch  seine  Ver- 
setzung  nach  Frankfurt  a.  d.  O.  im  Jahre  1883  unterbrochen  wurde,  so  konnte 
doch  O.  Schwedler,  der  damalige  Dezernent  fiir  die  Briickenbauten  der  preuBi- 
schen  Staatsbahn  im  Ministerium  der  offentlichen  Arbeiten  im  Jahre  1888 
keinen  geeigneteren  Mann  zum  Bau  der  neuen  Weichselbriicken  bei  Dirschau, 
Marienburg  und  Fordon  finden,  als  M.  Er  wurde  der  Leiter  des  hierfiir  ein- 
gerichteten  Bureaus  der  Eisenbahndirektion  Bromberg. 

Diese  Berufung  war  vor  allem  durch  eine  Reihe  wissenschaftlicher  Arbeiten 
begriindet,  deren  Anregung  in  seiner  Tatigkeit  an  der  Technischen  Hochschule 
zu  suchen  sein  wird  und  die  in  diesen  Jahren  veroffentlicht  wurden.  Eine 
Studienreise  im  Auftrage  des  preuBischen  Ministeriums  der  offentlichen  Ar- 
beiten fiihrte  zu  einer  Arbeit  »Notizen  iiber  die  Fabrikation  des  Eisens  und 
der  eisernen  Briicken«.  Darauf  folgte  ein  Aufsatz  iiber  »Das  Eisen  im  Altertum«. 
Ein  groBeres  Werk  erschien  im  Jahre  1885  und  behandelte  »Die  Mechanik  fester 
K6rper«.  Eine  weitere  Arbeit  wurde  im  Jahre  1887  der  Offentlichkeit  iiber- 
geben;  sie  betraf  » Eisen  und  Eisenkonstruktion  in  geschichtlicher  und  techno- 
logischer  Beziehung«.  In  alien  diesen  Schriften  kam  schon  das  groBe  Interesse 
zum  Ausdruck,  das  M.  der  geschichtlichen  Entwicklung  von  Briickenbau 
und  Baustatik  entgegenbrachte  und  das  auch  seine  spateren  Werke  kenn- 
zeichnet. 

Die  Arbeiten,  die  M.  mit  dem  Jahre  1888  an  der  Weichsel  ubernahm,  haben 
seine  Bedeutung  fiir  die  Entwicklung  des  Eisenbriickenbaus  begriindet. 
Wenn  der  Bau  dreier  groBer  Strombriicken  in  diesen  Jahren  an  und  fiir  sich 
fiir  die  Entwicklung  des  Eisenbriickenbaus  eine  bedeutsame  Aufgabe  war,  so 
ist  ihre  Losung  durch  seine  Initiative  deshalb  zu  einer  geschichtlich  denkwiirdi- 
gen  Leistung  geworden,  weil  hierbei  alte  Wege  in  der  Herstellung  des  Baustoffes 
aufgegeben  und  auch  in  Deutschland  das  SchweiBeisen  auf  Grund  jahrelanger 
Versuche  der  Bauverwaltung  in  Bromberg  durch  ThomasfluBstahl  ersetzt 
wurde.  Die  Nogatbriicke  in  Marienburg  und  die  Weichselbriicke  in  Dirschau 
sind  noch  mit  SchweiBstahl  gebaut  worden.  Dagegen  wurde  fiir  die  fiinf  Strom- 
offnungen  der  Weichselbriicke  in  Fordon  basischer  Siemens-Martin-Stahl  der 
Gute-Hoffnungshutte  venvendet.  Die  dreizehn  Flutoffnungen  wurden  aus 
basischem  Thomasstahl  der  Aachener  Hiitte  »Rote  Erde«  errichtet.  Die  Be- 
denken,  die  das  In-  und  Ausland  der  Anwendung  des  basischen  FluBstahls  im 
Briickenbau  entgegenbrachten,  sind  bald  geschwunden.  Damit  verfiigte 
Deutschland  iiber  einen  dem  englischen  sauren  Martinstahl  gleichwertigen 
Briickenbaustoff,  der  schon  bei  der  Briicke  iiber  den  Firth  of  Forth  An- 
wendung gefunden  hatte. 


Mehrtens  105 

Der  basische  FluBstahl  hat  sich  in  kurzer  Zeit  die  Welt  erobert,  so  daB  die 
weitsichtigen  Entscheidungen  M.s  nicht  zum  wenigsten  die  fuhrende  Stellung 
der  deutschen  Eisenindnstrie  begriinden  halfen  und  der  Entwicklung  des 
deutschen  Eisenbaus  den  Weg  zu  der  beherrschenden  Hohe  gewiesen  haben, 
die  dieser  in  der  Gegenwart  einnimmt.  Diese  Verdienste  M.s  sind  schon  zu 
seinen  Lebzeiten  gewiirdigt  worden.  R.  Krohn  tat  dies  gelegentlich  der  Ver- 
sammlung  der  deutschen  Naturforscher  und  Arzte  mit  den  Worten,  »daB  die 
deutschen  Eisenhiittenleute  alle  Ursache  hatten,  Georg  M.  fur  die  Einf tin- 
ning des  FluBeisens  im  Eisenbruckenbau  ein  Denkmal  zu  setzen«. 

Die  Arbeiten  M.s,  die  diesen  bedeutungsvollen  Abschnitt  technischer  Ent- 
wicklung in  Deutschland  begleitet  haben,  behandeln  im  wesentlichen  die  Ver- 
suche,  die  die  Anwendung  des  ThomasfluBstahls  im  Briickenbau  rechtfertigen. 
Sie  sind  in  den  Jahrgangen  1891 — 1893  der  Zeitschrift  »Stahl  und  Eisen«  ver- 
offentlicht.  Die  Erfahrungen,  die  hierin  niedergelegt  sind,  wurden  gelegentlich 
der  Weltausstellung  in  Chicago  im  Jahre  1893  von  ihm  auch  vor  der  inter- 
national Offentlichkeit  vertreten.  Mit  seinem  Vortrage  »The  use  of  mild 
steel  for  engineering  structures «  hatte  M.  Gelegenheit,  sein  Wissen  und  seine 
ganze  Uberzeugungskraft  fiir  seine  Ideen  einzusetzen  und  der  Einfuhrung  des 
basischen  FluBstahls  im  Briickenbau  auch  auBerhalb  seiner  Heimat  den  Weg 
zu  ebnen. 

Um  die  Moglichkeit  zu  besitzen,  das  ihm  liebgewordene  Fachgebiet  weiter 
wissenschaftlich  zu  durchdringen,  gab  M.  im  Jahre  1894  seine  Tatigkeit  im 
praktischen  Baudienst  auf  und  folgte  einem  Ruf  der  Technischen  Hochschule 
Aachen  als  Professor  der  Ingenieurwissenschaften.  Ein  Jahr  spater  ubernahm 
er  nach  dem  Tode  W.  Frankels  dessen  Lehrstuhl  fiir  Baustatik  und  Eisen- 
bruckenbau an  der  Technischen  Hochschule  Dresden  und  gliederte  diesem 
nach  dem  Rucktritt  O.  Mohrs  (s.  unten  S.  282  fT.)  auch  die  Festigkeitslehre 
fiir  Bauingenieure  an. 

Dieser  akademischen  Tatigkeit  gait  der  Rest  seines  Lebens.  Sein  formvoll- 
endeter  Vortrag,  die  reichen  Erfahrungen,  die  sich  aus  seiner  groBen  Bautatig- 
keit  ergaben,  fesselten  den  Studenten  in  hohem  MaBe.  War  er,  der  einen  groBen 
Teil  der  Entwicklung  des  Eisenbaus  selbst  erlebt  und  beeinfluBt  hatte,  doch 
wie  kein  anderer  berufen,  die  geschichtliche  Entwicklung  kritisch  zu  behan- 
deln und  daraus  die  Voraussetzungen  fiir  neuzeitliche  Durchbildung  abzu- 
leiten.  Das  erste  Ergebnis  dieser  Arbeiten  war  das  Werk,  das  im  Auftrage 
einiger  deutscher  Briickenbauanstalten  fiir  die  Pariser  Weltausstellung  in  drei 
Sprachen  gedruckt  wurde:  »Der  deutsche  Briickenbau  im  19.  Jahrhundert«. 
Auch  seine  Arbeiten  auf  dem  Gebiete  der  Baustatik  haben  einen  gewissen 
historischen  Einschlag.  Sie  sind  in  den  ersten  drei  Banden  seiner  »Vorlesungen 
iiber  Ingenieurwissenschaften «  zusammengefaBt  und  bilden  im  wesentlichen 
den  Inhalt  der  Vorlesungen,  die  er  iiber  dieses  Gebiet  an  der  Technischen 
Hochschule  Dresden  gehalten  hat.  M.  ist  auf  diesem  Gebiet  nicht  schopferisch 
tatig  geweseu.  Er  war  kein  Theoretiker,  der  der  Berechnung  des  Tragwerkes 
neue  Wege  gewiesen  hat.  Daher  erscheint  auch  sein  Werk  iiber  Eisenbrucken- 
bau, dessen  erster  Band  im  Jahre  1908  veroffentlicht  wurde,  von  groBerer 
Bedeutung.  Neben  den  allgemeinen  Grundlagen  wird  hier  die  einzige  zu- 
sammenfassende  geschichtliche  Darstellung  des  Briickenbaus  gegeben,  die 
bei  den  zahlreichen  personlichen  Beziehungen,  die  M.  im  L,aufe  seines  I,ebens 


io6  1917 

mit  den  fiihrenden  Mannern  verkniipft  haben,  dauernden  Wert  behalten  durfte. 
Zahlreiche  Aufsatze,  die  sich  mit  der  jiingsten  Entwicklung  des  Eisenbaus 
befassen,  sind  von  ihm  in  der  Zeitschrift  »Der  Eisenbau«  veroffentlicht  worden, 
deren  Schriftleitungsansschni3  er  vom  Jahre  ihres  Erscheinens  angehorte. 

M.  hat  es  an  auBeren  Ehxen  nicht  gefehlt.  Das  Vertrauen  seiner  Kollegen 
belief  ihn  in  den  Jahren  1901/02  zum  Rektor  der  Technischen  Hochschule. 
Im  Jahre  1903  wurde  er  zum  Geheimen  Hofrat  ernannt.  Sein  klares,  sicheres 
Urteil  war  in  der  Praxis  sehr  geschatzt,  so  daB  er  bei  zahlreichen  bedeutenden 
Wettbewerben  als  Preisrichter  berufen  wurde.  Von  diesen  sind  besonders  die 
mittlere  Rheinbnicke  in  Basel,  die  im  Jahre  1914  fertiggestellte  Hangebriicke 
iiber  den  Rhein  in  Koln  imd  die  FesthaUe  in  Frankfurt  zu  erwahnen. 

M.  war  mit  Eva  Barbara,  geb.  Wittig,  verheiratet  und  ist  mit  dieser  bis  zu 
deren  Tode  im  Jahre  1904  in  einem  iiberaus  gliicklichen  Familienleben  ver- 
bunden  gewesen.  Er  selbst  starb  nach  kurzem  Krankenlager  an  den  Folgen 
einer  Lungenentziindung,  nahezu  bis  zuletzt  wissenschaftlich  tatig.  Seine  Ar- 
beiten  sind  nicht  durch  theoretische  Tiefe  ausgezeichnet ;  er  gehorte  vielmehr 
zu  den  Ingenieuren,  die  die  Bewaltigung  der  Aufgaben  in  deren  baulicher 
Durchbildung  und  schoner  Form  erblickte.  Er  war  eine  feine,  durchgeistigte 
Personlichkeit,  ein  Mann  von  groBer  Liebenswurdigkeit,  der  seine  Horer  durch 
einen  lebendigen  Vortrag  zu  fesseln  verstand,  in  den  er  die  vielen  eigenen  Er- 
innerungen  an  Manner  verflocht,  die  in  der  Entwicklung  des  Briickenbaus 
eine  Rolle  gespielt  haben.  Er  war  ein  geistreicher  Gesellschafter  und  ein  in 
der  Verfolgung  seines  Ziels  unbekummerter  Kampfer,  dessen  geistige  Waffen 
nicht  zum  wenigsten  die  Stellung  des  deutschen  Briickenbaus  in  der  Welt  er- 
fochten  haben. 

L,iteratur:  F.  Bleich,  G.  Chr.  M.  Zum  70.  Geburtstage.  —  Der  Eisenbau,  1913,  S.  155. 
Dresden.  Kurt  Beyer. 


Meyer  (aus  Speyer),  Wilhelm,  Philologe,  *  am  1.  April  1845  in  Speyer, 
t  am  9.  Marz  1917  in  Gottingen.  —  Wilhelm  M.  ist  als  der  Sohn  kleiner  Hand- 
werksleute  geboren,  die  spat  geheiratet  hatten  und  deren  einziges  Kind  er  blieb. 
Er  vergaB  nie,  was  er  seinen  Eltern  zu  danken  hatte,  und  wollte  auch  auf  der 
Hohe  des  Lebens  die  schlichte  Herkunft  nicht  verleugnen,  wie  er  denn  auf  Titel 
jeder  Art  wenig  Wert  legte:  die  Doktorwiirde  hat  dem  vierzigjahrigen  Biblio- 
thekssekretar  die  philosophische  Fakultat  der  Universitat  Erlangen  honoris 
causa  verliehen —  den  » Geheimen  Regierungsrat*  schiittelte  er  mit  grimmiger 
Energie  ab. 

Schon  auf  dem  Gymnasium  seiner  Vaterstadt  Speyer  trat  M.s  Neigung  fur 
die  klassischen  Sprachen  stark  hervor.  Eine  Empfehlung  an  L.  Urlichs  fiihrte 
den  Abiturienten  zu  Ostern  1863  zunachst  auf  die  Universitat  Wiirzburg,  wo 
er  aber  weder  die  erhoffte  auBere  noch  starkere  wissenschaftliche  Forderung 
fand.  Von  Ostern  1864  ab  hat  er  in  Munchen  studiert  und  hier  1867  mrt  dem 
Staatsexamen  abgeschlossen.  Seine  Lehrer  waren  in  erster  Li  nie  Spengel  und 
Halm,  von  denen  er  aber  weder  in  der  Methode  noch  in  der  Stoff wahl  seiner 
Arbeiten  anders  als  vonibergehend  beeinfluBt  wurde,  so  wenig  wie  spater  im 
personlichen  Verkehr  von  Christ  oder  Wolfflin.  Dagegen  verdankte  er  vielseitige 


Mehrtens.  Meyer  IO7 

Anregungen  und  zugleich  die  ersten  Stunden  heiteren  Lebensgenusses  einem 
Kreise  gleichaltriger  Freunde,  an  den  er  sich  stets  gern  zuriickerinnerte. 

Die  Studienjahre  und  die  Zeit,  die  ihnen  folgte,  waren  fur  den  Mittellosen,  der 
bald  auch  die  greisen  Eltern  unterstutzen  muBte,  hart  und  entbehrungsreich. 
Durch  viele  Jahre  hat  er,  in  Miinchen  und  auch  in  Rom,  Privatstunden  ge- 
geben,  da  sein  karges  Gehalt  nicht  ausreichte.  Anfangs  Hilfslehrer  am  Maxi- 
milians-Gymnasium und  vorubergehend  in  Bayreuth,  wurde  er  im  Herbst  1872 
aus  dem  Schuldienst  beurlaubt,  um  Halm  bei  der  Katalogisierung  der  latei- 
nischen  Handschriften  der  Staatsbibliothek  dauernd  zu  helfen.  Nachdem  dann 
seine  ersten  Arbeitenzur  mittellateinischen  Philologie  (»Waltharius«und  »Rade- 
win«)  erschienen  waren  und  er  die  Ausgabe  der  Horazscholien  der  Porphyrio  im 
Manuskript  abgeschlossen  hatte  (sie  kam  1874  heraus),  ging  er  im  Herbst  1873 
mit  einem  Staatsstipendium  nach  Rom  und  verblieb  im  Siiden  anderthalb 
Jahr,  eine  gewaltige  Arbeit  von  Abschriften  und  Kollationen  bewaltigend. 
Dann  erreichte  er  im  Friihjahr  1875  sein  Ziel,  eine  feste  Anstellung  an  der 
Miinchener  Bibliothek ;  und  er  ist  der  Anstalt,  die  er  seit  langem  liebte,  treu 
geblieben  bei  nur  bescheidenen  Fortschritten  und  Aufbesserungen,  auch  als  inn 
PreuBen  1876  fur  die  Greifswalder  Bibliothek,  1885  fiir  die  philosophische 
Fakultat  von  Kiel  zu  gewinnen  suchte.  Ein  Jahr  spater  folgte  er  dann  doch 
einem  Rufe  an  die  Universitat  Gottingen,  der  in  ehrenvollster  Form  an  ihn 
erging,  nachdem  Ulrich  v.  Wilamowitz  die  Zuweisung  eines  philologischen  Lehr- 
stuhles  an  einen  Mann  von  der  Bedeutung  Wilhelm  M.s  als  eine  Ehrensache 
erklart  hatte.  —  Seit  1877  war  er  Mitglied  der  Kgl.  Bayerischen  Akademie, 
1892  wurde  er  auch  in  die  Gesellschaft  der  Wissenschaften  zu  Gottingen 
gewahlt. 

Nicht  alle  Hoffnungen  hat  der  Lehrer  erfullt,  die  der  Gelehrte  geweckt  hatte. 
Wilhelm  M.  sehnte  sich  vom  Katheder  und  aus  dem  philologischen  Seminar,  die 
ihm  fremd  gebliebene  und  lastig  bleibende  Pflichten  aufburdeten,  hinweg  zu 
seinen  geliebten  Manuskripten.  Er  war  sich  mit  Stolz  bewuBt,  fiir  die  Ordnung 
der  Handschriftenbestande  der  Miinchener  Bibliothek  das  Beste  geleistet  und 
dabei  der  Wissenschaft  eine  Fiille  wertvollen  Materials  erschlossen  zu  haben ; 
und  so  unterbreitete  er  dem  Kultusministerium  auf  Althoffs  Aufforderung  einen 
umf  assenden  Plan  zur  Bearbeitung  der  Handschriften  im  preuBischen  Staate  und 
wurde  1889  daftir  beurlaubt.  Bis  zum  Jahre  1894  hat  M.  den  dreibandigen 
Katalog  der  Gottinger  Handschriften  fertig  gestellt:  ein  Muster  von  Sorgfalt 
und  gleichmaBiger  Ftirsorge  fiir  die  verschiedenartigsten  Bestande.  Aber  das 
Unternehmen  erschien  Althof f  in  dieser  Form  zu  umstandlich  und  kostspielig ; 
so  trat  M.  im  Jahre  1895  zuriick  und  nahm  seine  Lehrtatigkeit  an  der  Univer- 
sitat wieder  auf :  mit  der  Erweiterung  seines  Lehrauf trages  auf  die  lateinische 
Sprache  und  Literatur  des  Mittelalters.  Wie  es  M.  selbst  auffaBte,  war  es  viel 
mehr  eine  Einschrankung :  denn  in  den  ihm  noch  beschiedenen  20  Jahren  hat 
er  sich  fast  ganz  auf  diese  Seite  seiner  Lehrtatigkeit  beschrankt  und  daneben 
nur  mit  Eifer  und  Erfolg  die  Palaographie  gepflegt,  fiir  die  er  auch  durch  selbst- 
losen  Ausbau  des  diplomatischen  Apparats  der  Universitat  sorgte. 

Innerhalb  des  Mittellateins  beschrankte  er  sich  in  der  Hauptsache  auf  die 
Dichter:  von  Venantius  Fortunatus  bis  auf  die  Sanger  und  Dramatiker  des 
12.  und  13.  Jahrhunderts.  Er  war  durchdrungen  vom  Wert  und  der  Wichtigkeit 
dieser  Literatur  und  suchte  die  stets  nur  kleine  Schar  seiner  Schiiler,  die  er  wie 


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ein  Vater  liebte,  mit  warmem  Eifer  von  dem  Reiz  ihres  Studiums  zu  iiberzeugen. 
Aber  er  konnte  das  nicht  anders  als  indem  er  sie  in  seine  eigene  Arbeit  ein- 
fiihrte,  er  stellte  ihnen  keine  Probleme,  die  er  nicht  selbst  loste,  iiberlieB  ihnen 
keine  Aufgaben,  die  er  nicht  zuvor  zu  den  seinen  gemacht  hatte.  Dieser  herzens- 
giitige  und  stets  hilfsbereite  Mensch  hat  doch  kaum  je  einen  Fund  aus  der  Hand 
gegeben,  der  seinera  Gliick  und  Geschick  zugef alien  war.  Und  so  hinterlaBt  er 
auf  einem  Felde,  wo  es  noch  so  unendlich  viel  zu  tun  gibt,  keine  Schule,  wie  sie 
sein  weitblickender  Freund  Ludwig  Traube  sichtbar  geschaffen  hat.  M.  fuhrte 
die  Studenten  auf  den  Bahnen,  die  er  selbst  beschritten  hatte,  aber  er  erzog  sie 
nicht  zu  seinen  Mitarbeitern  und  Nachfolgern. 

M.s  literarische  Produktion  ist  ebenso  vielseitig  wie  umf angreich :  sie  um- 
faflt  annahernd  hundert  selbstandige  Publikationen  und  groBere  Aufsatze. 
Schnitzel  hat  er  nicht  publiziert,  Rezensionen  grundsatzlich  niemals  geschrie- 
ben:  nur  zweimal  hat  er  in  eigener  Sache  (gegen  Havet  und  Milchsack)  die 
Schranken  der  Gott.  Gel.  Anzeigen  betreten.  Immer  deutlicher  tritt  dabei 
zweierlei  zutage :  die  durch  die  Munchener  Bibliotheksschatze  geweckte  Freude 
am  Ungedruckten  (die  ihn  aber  niemals  Wertloses  uberschatzen  lieB!)  und  das 
fruh  lebendige  und  bis  ans  Lebensende  festgehaltene  Interesse  an  Fragen  der 
Metrik  und  Rythmik.  Die  Prosa  sowohl  des  Altertums  wie  des  Mittelalters 
interessiert  ihn  nur  von  seiten  des  Rythmus,  insbesondere  des  rythmischen 
Satzschlusses,  und  hierf iir  freilich  verdankt  man  ihm  die  wertvollsten  Beobach- 
tungen,  die  er  vollig  unabhangig  von  dem  Franzosen  Havet  gefunden  hat. 

M.  war  unendlich  fleiBig,  aber  er  hat  sich  friihzeitig  gegen  aufgetragene 
Arbeit  gewehrt  und  die  von  ihm  allzufriih  ubernommenen  Verpflichtungen 
hinausgeschoben  oder  abgeschiittelt,  wie  die  Ausgaben  des  Prokop,  des  Cas- 
siodor  oder  des  Placidus.  Aber  leider  lieB  er  sich  auch  von  eigenen  groBeren 
Editionen,  die  er  bestimmt  in  Aussicht  gestellt  hatte,  immer  wieder  durch  neue 
Funde  und  Interessen  abdrangen:  so  ist  er  zu  der  kritischen  Ausgabe  der 
Carmina  Burana,  die  wir  seit  den  ebenso  durch  neue  Funde  wie  durch  ein- 
dringende  Kritik  bedeutungsvollen  »Fragmenta  Burana «  M.s  in  der  Festschrift 
der  Gottinger  Gesellschaft  der  Wissenschaften  (1901)  erhofften,  nicht  mehr 
gelangt. 

Den  Ausgangspunkt  fur  M.s  metrische  Arbeiten  haben  unzweifelhaft  die 
mittellateinischen  Studien  (seit  1872)  gebildet,  aber  ihre  Hohenleistungen 
kamen  ein  Jahrzehnt  spate  r  auch  der  klassischen  Philologie  zugute,  die  Schriften 
»Uber  die  Beobachtung  des  Wortakzents  in  der  altlateinischen  Poesie«  (1884) 
und  »Zur  Geschichte  des  griechischen  und  lateinischen  Hexameters  «  (1884). 
Gerade  der  groBe  Zusammenhang  seiner  metrischen  Untersuchungen  war  es, 
der  M.  zur  Erkenntnis  der  Grundgesetze  fur  die  Bildung  der  jambischen  und 
trochaischen  Metra  fuhrte  und  ihn  vor  allem  eine  wesentlich  neue  Anschauung 
von  der  Natur  des  romischen  Dialogverses  begriinden  lieB.  Und  ebenso  hat  er 
fur  den  Hexameter  der  alexandrinischen  Griechen  wie  der  Romer  die  wich- 
tigsten  Feststellungen  getroffen:  die  drei  Hauptgesetze  fur  den  SchluB  des 
Hexameters  tragen  jetzt  Wilhelms  M.s  Namen. 

Er  selbst  legte  den  groBten  Wert  auf  diejenigen  Arbeiten,  welche  er  im  Jahre 
1905  in  den  » Gesammelten  Abhandlungen  zur  mittellateinischen  Rythmik « 
(2Bde.)  vereinigte.  An  die  Spitze  hat  er  hier  die  Arbeit  »t)ber  Ursprung  und 
Bliite  der  mittellateinischen  Dichtungsf ormen  «  (aus  den  »Fragmenta  Burana  <c 


Meyer  IO9 

1901)  gestellt,  weil  er  selbst  die  Empfindung  haben  mochte,  daB  sie  mit  ihrer 
inneren  Warme  am  besten  geeignet  sei,  fur  die  junge  Wissenschaft  zu  werben, 
der  er  selbst  mit  stets  noch  wachsender  Liebe  diente.  Mit  den  Ausgaben  von 
Radewins  »Theophilus«  (1873),  dem  »Ludus  de  Antichristo*  (1882)  und  den 
*Planctus«  des  Abaelard  (1885.  1890)  verbindet  sich  ein  an  neuen  Erkenntnissen 
reicher  Uberblick  iiber  die  verschiedensten  Formen  der  Metrik  und  Rythmik 
des  11.  und  12.  Jahrhunderts.  Weiter  zuriick  greift  der  zweite  Band:  »Anfang 
und  Ursprung  der  lateinischen  und  griechischen  rythmischen  Dichtung«  (1885) ; 
»Der  akzentuierte  SatzschluB  in  der  griechischen  Prosa  vom  4.  bis  16.  Jahr- 
hunderU  (1891);  »Die  rythmische  lateinische  Prosa«  (1893);  woran  sich  dann 
die  Abhandlungen  iiber  byzantinische  Strophik  (1896),  den  Ursprung  der  Mo- 
tetten  (1898);  »Ein  Kapitel  spatester  Metrik  «  (trochaische  Septenare,  metrisch- 
rhythmische  Senare  1903) ;  ein  wenig  gliicklicher  Versuch,  die  Alliteration 
den  Germanen  abzustreiten  (1909)  und  schlieBlich  ein  knapper,  meisterhafter 
Uberblick  iiber  »Liturgie,  Kunst  und  Dichtung  im  Mittelalter  «  (1903)  reihen.  — 
Daran  haben  sich  in  M.s  letztem  Jahrzehnt  noch  weitere  Arbeiten  ange- 
schlossen,  die  (hoffentlich  bald)  einen  dritten  Band  fiillen  werden;  als  die 
wichtigsten  seien  genannt:  » Lateinische  Rythmik  und  byzantinische  Strophik  « 
(1908),  »Die  mozarabische  Liturgie«  (1914) ;  » Die  Verskunst  der  Iren  in  ryth- 
mischen lateinischen  Gedichten«  (1916).  Danebenher  geht  eine  Fiille  von 
groBeren  und  kleineren  Textpublikationen,  aus  denen  nur  berausgehoben 
seien:  »Der  Gelegenheitsdichter  Venantius  Fortunatus«  (1901),  »Die  Oxforder 
Gedichte  des  Primas«  (1907);  »Die  Arundel  -  Sammlung  mittellateinischer 
Lieder«  (1908);  »Die  Preces  der  mozarabischen  Liturgies  (1914). 

Aus  M.s  palaographischer  Unterrichtstatigkeit  erwuchs  die  umfangreiche 
Arbeit  iiber  »Die  Buchstabenverbindungen  der  sog.  gotischen  Schrift«  (1897) 
und  aus  weiterem  Interesse  ahnlicher  Art  »Henricus  Stephanus  iiber  die  Regii 
Typi  Graeci«  (1902). 

Was  M.  dariiber  hinaus  veroffentlicht  hat,  ist  hochst  mannigfaltiger  Natur 
und  schwer  unter  eine  andere  Einheit  als  die  des  Bibliothekars  und  gliicklichen 
Finders  zu  bringen :  M.  laBt  sich  in  dieser  Beziehung  nur  mit  seinem  Miinchener 
Vorganger  Johann  Andreas  Schmeller  oder  mit  seinem  groBen  Wolfenbiitteler 
Kollegen  Lessing  vergleichen.  Seit  er  nach  seinem  friihen  Eintritt  in  die  Baye- 
rische  Akademie  die  Festrede  iiber  Calderons  Sibylle  des  Orients  gehalten  (1879) 
und  gleich  darauf  die  Gratulationsschrift  zum  Jubilaum  des  deutschen  Archa- 
ologischen  Instituts  (»Zwei  antike  Elfenbeintafeln  der  K.  Staatsbibliothek «) 
verfaBt  hat,  hat  er  nicht  aufgehort,  die  gelehrte  Welt  mit  mehr  oder  weniger 
wertvollen  Funden  zu  iiberraschen,  die  er  stets  trefflich  auszuwerten  und 
lehrreich  zu  erlautern  verstand:  Rohmaterial  hat  er  nie  herausgegeben,  aber 
auch  nur  zogernd  denen  ausgeliefert,  in  deren  Hand  er  es  am  besten  auf- 
gehoben  wuBte.  Solche  Funde  bringen  die  »Vita  Adae  et  Evae«  (1879),  »Nurn- 
berger  Faustgeschichten«  (1895),  »t)ber  Lauterbachs  und  Aurifabers  Samm- 
lungen  der  Tischreden  Luthers «  (1896),  »Die  Spaltung  des  Patriarchats  Aqui- 
leja«  (1898),  »Die  Legende  des  hi.  Albanus«  (1904)  und  viele  kleinere  Arbeiten. 

Uberall  zeigt  er  sichere  Orientierung,  obwohl  er  keineswegs  immer  aus  dem 
paraten  Wissen  eines  Polyhistors  schopft,  aber  kaum  je  hat  er  sich  ad  hoc  die 
eigene  Belehrung  verschafft,  ohne  zugleich  andere  belehren  zu  konnen.  Alle 
Dokumente  der  Literatur  und  Kunst,  der  Buch-,  Musik-  und  Kirchengeschichte, 


no  1917 

die  ihm  Findergliick  und  Findergabe  zufiihren,  versteht  er  nicht  nur  histo- 
risch  einzuordnen,  sondern  auch  in  ihrem  Eigenwert  zu  erfassen  und  zu  charak- 
terisieren,  und  iiberall  wo  es  sich  um  literarische  Individualitaten  und  kunst- 
lerische  Werte  handelt,  bekundet  er  ein  feines,  einfiihlendes  Verstandnis.  Vor 
Paul  v.  Winterfeld,  der  selbst  ein  Dichter,  noch  iiber  ihn  hinauswuchs,  hat  uns 
kein  Gelehrter  die  lateinischen  Dichter  des  Mittelalters  so  als  Personlichkeiten 
und  schaffende  Kiinstler  verstehen  gelehrt  wie  Wilhelm  M.f  dessen  Erfassung 
des  Waltharius-Dichters  Ekkhard  I  (Ztsch.  f.  d.  Alt.  43,  1899)  ein  Meisterstiick 
der  Liter aturwissenschaft  bleiben  wird. 

Literatur:  Nachr.  d.  Kgl.  Ges.  d.  Wiss.  zu  Gottingen  1917,  Geschaftl.  Mitteilungen, 
S.  76  ff.  (E.  Schroder).  —  Neue  Jahrb.  f.  d.  klass.  Altertum  etc.  39,  269  ff.  (K.  Plenio)  — 
Jahrb.  d.  Kgl.  Bayr.  Ak.  d.  Wiss.  1917,  20  ff.  (F.  Vollmer).  —  ZentralbL  f.  Bibliothek- 
wesen  34,  209 — 221  (O.  Glauning:  Wilhelm  M.  und  die  Staatsbibliothek  in  Miinchen). — 
Den  Nachlafl  Wilhelm  M.s,  wertvoll  besonders  durch  die  zahlreichen  Mss.-Photographien, 
verwahrt  als  Geschenk  seines  Sohnes  (erster  Ehe)  Dr.  Rudolf  Meyer  die  Universitats- 
bibliothek  in  Gottingen  (vgl.  ZentralbL  f.  Bibliothekwesen  41,  266  f.)f  deren  alphabetischer 
Katalog  auch  das  vollstandigste  Verzeichnis  der  Druckschriften  bietet.  Soweit  diese  nicht 
selbstandig  erschienen  sind,  finden  sie  sich  fast  samtlich  in  den  Sitzungsberichten  und  Ab- 
handlungen  der  Bayerischen  Akademie  (seit  1873)  un^  m  den  Abhandlungen,  Nachrichten 
und  Anzeigen  der  Gottinger  Gesellschaft  der  Wissenschaften  (bis  1893);  dariiber  hinaus 
kommen  nur  noch  die  Zeitschrift  f.  deutsches  Altertum  (Bd.  43  und  50)  und  die  Fest- 
schriften  fiir  K.'Hofmann  (1890)  und  P.  Rajna  (191 1)  in  Betracht. 

Gottingen.  Edward  Schroder. 

Neumann,  Karl  Johannes,  o.  Professor  der  alten  Geschichte  an  der  Universitat 
StraBburg  i.  E.,^*  am  9.  September  1857!  in  Glogowo  bei  Krotoschin,  f  am 
12.  Oktober  191 7  in  Miinchen.  —  Da  in  Glogowo,  wo  N.s  Vater  ein  Landgut 
bewirtschaftete,  keine  hohere  Schule  vorhanden  war,  wurde  Karl  N.  mitfg  Jahren 
auf  das  Gymnasium  in  Krotoschin  gebracht.  Er  lebte  dort  im  Hause  seiner 
GroBmutter,  einer  hervorragend  begabten  Frau,  die  die  griechische  Sprache  be- 
herrschte  und  mit  ihrem  Enkel  die  Klassiker  in  der  Ursprache  las.  Unzweif el- 
haft  hat  sie  auf  N.s  Jugend  und  seine  Bildung  einen  groflen  EinfluB  ausgeiibt, 
Nachdem  dieser  am  8.  Februar  1875  das  Reifezeugnis  in  Krotoschin  erworben 
hatte,  bezog  er  zunachst  die  Universitat  Leipzig,  wo  wir  ihn  vom  Sommer- 
semester  1875  bis  zum  Wintersemester  1877/78  als  Studierenden  der  Philologie 
inskribiert  finden.  Bereits  in  dieser  Zeit  hat  er  Anregungen  erfahren,  die  in  der 
Folge  die  wichtigsten  seines  Lebens  werden  sollten.  Zwar  lag  es  in  dem  nor- 
malen  Gang  seines  Studiums  begriindet,  daB  er  bei  den  Philologen  Ludwig 
Lange  und  Friedrich  Ritschl  horte.  Aber  von  diesen  beiden  hatte  Lange,  dem 
N.   in   Bursians  biographischem   Jahrbuch   1886,   S.  31 — 61   einen  Nekrolog 
widmete,  in  immer  starkerem  Mai3e  die  sogenannten  Realien  zu  behandeln  be- 
gonnen,  und  es  ist  bezeichnend,  daB  sich  N.,  in  welchem  ein  starkes  historisches 
Interesse  vorhanden  war,  von  ihm  mehr  angezogen  f unite,  als  von  dem  reinen 
Philologen  Ritschl.  Noch  wichtiger  aber  sollte  seine  Verbindung  mit  dem 
jugendlichen  a.  o.  Professor  der  Kirchengeschichte  an  der  Universitat  Leipzig, 
Adolf  Harnack,  werden;  denn  auf  seinen  EinfluB  wird  man  es  zuriickfuhren 
durfen,  wenn  im  wissenschaftlichen  Denken  N.s  kein  Problem  eine  solche  Be- 
deutung  gewinnen  sollte,  wie  die  Frage  nach  dem  Verhaltnis  des  romischen 
Kaisertums  zur  christlichen  Kirche.  Bereits  im  Jahre  1877  bemiiht  sich  der  im 


Meyer.  Neumann  III 

5.  Semester  stehende  Student  um  Kyrillhandschriften  fur  die  von  ihm  geplante 
Ausgabe  der  Schrift  Kaiser  Julians  gegen  die  Christen.  Im  AnschluB  an  die 
Leipziger  Studentenzeit  ist  er  Ostern  1878  zum  Studium  einer  weiteren  Kyrill- 
handschrift  nach  Venedig  gereist.  Von  dort  aber  wandte  er  sich  zur  Fort- 
setzung  seines  Studiums  nach  Tubingen,  wo  er  vom  Sommersemester  1878  bis 
zum  Wintersemester  1879/80  verblieb  und  in  Alfred  v.  Gutschmid  denjenigen  Ge- 
lehrten  fand,  der  neben  Ludwig  Lange  und  Adolf  Harnack  den  nachhaltigsten 
EinfluB  auf  ihn  ausiibte  und  ihn  wohl  bestimmte,  das  Studium  der  alten  Ge- 
schichte  als  Lebensberuf  zu  wahlen.  Vor  allem  hat  Gutschmid  den  Horizont  des 
jungen  Studenten  geweitet  und  ihn  iiber  das  griechisch-romische  Gebiet  hinaus 
in  den  spatantiken  Orient  eingef  iihrt ;  um  mit  Erf  olg  diese  Studien  durchf  iihren 
zu  konnen,  studierte  er  bei  dem  Theologen  Franz  v.  Himpel  die  armenische 
Sprache  und  Literatur.  Auch  dem  feinsinnigen  Erwin  Rohde  hat  N.  von  seiner 
Tubinger  Zeit  ein  dankbares  Andenken  gewahrt  und  dessen  Arbeiten  zur  grie- 
chischen  Chronographie  als  Muster  methodischer  Forschung  hingestellt. 

Nach  Beendigung  der  Tubinger  Studienzeit  wurde  N.  am  14.  Marz  1880  in 
Leipzig  zum  Dr.  phil.  auf  Grund  seiner  Dissertation :  Prolegomena  in  Juliani 
imperatoris  libros  quibus  impugnavit  Christianos  promoviert  und  trat  in  den 
Dienst  der  Universitatsbibliothek  Halle  ein,  wo  er  im  Sommersemester  1881 
zum  1.  Amanuensis  aufstieg.  Nur  wenig  spater  erfolgte  seine  Zulassung  als 
Privatdozent  in  der  philosophischen  Fakultat  Halle,  vor  der  er  am  24.  Oktober 
1 88 1  die  offentliche  Antrittsvorlesung  iiber  das  Thema  hielt  »Der  literarische 
Kampf  des  Heidentums  gegen  das  Christentum*.  Die  Aufmerksamkeit  der  ge- 
lehxten  Welt  wurde  sehr  bald  auf  den  jugendlichen  Forscher  gelenkt ;  bereits 
im  Jahre  1884  erfolgte  seine  Berufung  nach  StraBburg,  wo  er  zunachst  als 
a.  o.  Professor,  sodann  vom  9.  April  1890  als  ordentlicher  Professor  und  Direk- 
tor  des  Instituts  fur  Altertumswissenschaft  wirkte.  Am  19.  November  1909 
wurde  er  zur  Zeit  seines  Rektorats  Ehrendoktor  von  Briissel. 

Nicht  die  auBeren  Daten  sind  es,  welche  bei  der  Betrachtung  eines  Gelehrten- 
lebens  in  den  Mittelpunkt  geriickt  werden  miissen ;  den  Vorrang  hat  die  geistige 
Arbeit  zu  beanspruchen,  wie  sie  sich  in  Schrift  und  Lehre  dokumentiert.  Dabei 
durfen  wir  eine  systematische  Gruppierung  des  Stoffes  vornehmen,  da  N.  im 
wesentlichen  in  den  Bahnen,  die  er  anfanglich  eingeschlagen  hatte,  verblieb. 
Als  dasjenige  Gebiet,  auf  welchem  seine  groBten  Leistungen  liegen,  muB  un- 
zweifelhaft  die  Frage  des  Verhaltnisses  von  Staat  und  Kirche  wahrend  der 
romischen  Kaiserzeit  bezeichnet  werden.  Ihm  gilt  bereits  das  Thema  der  Disser- 
tation, welche  in  erweiterter  Form  unter  dem  Titel  Juliani  imperatoris  librorum 
contra  Christianos  quae  super  sunt  collegit  recensuit  prolegomenis  instruxit  C.J. 
Neumann  Lipsiae  1880  erschien  und  mit  Recht  des  Verfassers  Namen  zu  Ehren 
brachte.  Kaiser  Julians  Schrift  gegen  die  Christen  oder,  wie  sie  wohl  richtiger 
heiBt,  gegen  die  Galilaer,  ist  zuerst  literarisch  bekampft,  spater  der  Vernichtung 
anheimgegeben  worden.  Wer  sie  wieder  erstehen  lassen  will,  hat  daher  die 
schwierige  Aufgabe  zu  erfiillen,  aus  der  Argumentation  der  Gegner,  d.  h.  vor 
allem  des  Kyrill  von  Alexandrien,  den  Gedankengang  der  Schrift  wiederzu- 
gewinnen.  N.  hat  diese  Aufgabe  in  geradezu  vorbildlicher  Weise  gelost,  aber 
seinen  Blick  zugleich  auf  weitere  Zusammenhange  gelenkt.  Es  versteht  sich, 
daB  die  Argumentation  der  Christenbekampfer  vielfach  ubereinstimmte,  und 
so  war  es  ein  richtiger  Gedanke,  samtliche  Christenbekampfer  in  einer  Samm- 


112  1917 

lung  zu  vereinigen.  N.  hat  diesem  Gedanken  dadurch  einen  auBeren  Rahmenge- 
geben,  daB  er  seine  Julian-Ausgabe  als  3.  Band  einer  Schriftenfolge  aufgefaBt 
wissen  wollte,  welche  als  Ganzes  den  Titel  trug:  Scriptorum  Graecorum  qui 
Christianam  impugnaverunt  religionem  quae  super  sunt,  und  auBer  Julian  vor 
allem  den  Celsus,  Porphyrius  und  Hierokles  enthalten  sollte.  Zur  Ausgestaltung 
dieses  Werkes  sollte  es  allerdings  nicht  kommen,  wie  iiberhaupt  N.s  weitaus- 
schauenden  Planen  vielfach  die  Verwirklichung  versagt  blieb.  Dies  gilt  auch 
von  dem  Werke,  dem  er  den  Titel  gab  »Der  romische  Staat  und  die  allgemeine 
Kirche  bis  auf  Diocletian  «,  und  dessen  erster  Band  im  Jahre  1890  erschien,  bis 
Philippus  Arabs  reichend.  Dieses  Werk  zeigt  N.  auf  der  vollen  Hohe  seiner 
wissenschaftlichen  und  schriftstellerischen  Leistungsf  ahigkeit ;  durch  die  Jahr- 
hunderte  hindurch  begleitet  er  die  Fiille  der  Probleme,  welche  zu  einer  Kolli- 
sion  zwischen  der  sich  bildenden  Kirche  und  dem  festgefugten  Reiche  fiihren 
muBten.  GewiB  ist  dies  auch  von  anderer  Seite  geschehen,  aber  was  N.s  Werk 
gegeniiber  anderen  Darstellungen  charakterisiert,  ist  die  Tatsache,  daB  es  den 
Staat  und  die  Kirche  auf  Grund  eigener  Forschung  in  gleicher  Weise  beriick- 
sichtigt.  Jede  Einseitigkeit  ist  dadurch  vermieden,  und  die  Darstellung  auch 
stilistisch  auf  eine  Hohe  gebracht,  aus  der  man  die  Sorgfalt  erschlieBen  kann, 
mit  der  der  Verfasser  an  seinem  Texte  feilte,  der  gewiB  nicht  leicht  zu  lesen  ist, 
aber  dem  aufmerksamen  Leser  einen  tiefen  GenuB  bereitet.  Bereits  in  dieser 
Schrift  hat  N.  eine  langere  Betrachtung  dem  Bischof  Hippolytos  von  Rom  ge- 
widmet;  als  sodann  die  Hippolytos- Ausgabe  der  Berliner  Akademie  im  Jahre 
1897  erschien,  verwertete  er  dieses  Material  zu  einer  Monographic  »Hippo- 
lytus  von  Rom  in  seiner  Stellung  zu  Staat  und  Welt «,  deren  erste  Abteilung, 
9  Bogen  umfassend,  im  Jahre  1902  erschien.  Auch  hier  blieb  die  Fortsetzung 
aus.  Was  aber  N.  gab,  war  ein  wiederum  auf  voller  Beherrschung  der  christ- 
lichen  Literatur  und  der  Kaisergeschichte  gestiitzter,  historisch  orientierter 
Kommentar  zu  Hippolytus'  Schrift  iiber  Christus  und  den  Antichristen ;  eben 
hier  griff  er  an  einem  Brennpunkt  den  Gegensatz  von  Staat  und  Kirche.  Immer- 
hin  brachte  der  »  Hyppolytus  «  mehr  eine  Erganzung  und  nahere  Ausf iihrung  zu 
dem  ersten  Band  von  »  Staat  und  Kirche  «,  als  die  so  dringend  gewiinschte  Fort- 
f iihrung  dieses  wichtigen  Werkes.  Es  versteht  sich,  daB  der  durch  die  Schriften- 
folge Julian,  Staat  und  Kirche,  Hippolytos  bezeichnete  Problemkreis  auch  im 
akademischen  Unterricht  N.s  stark  hervortrat.  Vor  groBerem  Publikum  pflegte 
er  mit  starkem  Erfolge  iiber  » Staat  und  Kirche  in  der  romischen  Kaiserzeit«  zu 
lesen;  auch  darf  in  diesem  Zusammenhang  auf  die  von  ihm  beeinfluBte,  aus- 
gezeichnete  Arbeit  seines  Schiilers  Georg  Mau,  die  Religionsphilosophie  Kaiser 
Julians  (1907)  hingewiesen  werden. 

Wenn  N.  auf  diesem  Gebiete  den  Anregungen  nachging,  die  Harnack  ihm 
gegeben  hatte,  so  war  es  Alfred  v.  Gutschmid,  welcher  ihn  auf  die  antike 
Lander-  und  Volkerkunde  hingewiesen  hatte.  N.s  eigene  literarische  Tatigkeit 
ist  hier  allerdings  weniger  reich,  aber  die  Arbeiten  seiner  Schiiler  zeugen  auch 
hier  fur  die  von  ihm  ausgehenden  Anregungen.  N.  selbst  hatte  sich  in  Halle  mit 
einer  Arbeit  habilitiert,  die  durch  einen  Nachtrag  bereichert  in  den  Jahrbiicheru 
fur  klassische  Philologie  Suppl.  XIII,  1884,  S.  322 — 354  unter  dem  Titel 
»Strabons  Landeskunde  von  Kaukasien,  eine  Quellenuntersuchung«  wiederholt 
wurde.  N.  sah  in  dieser  Schrift,  die  er  nicht  ohne  ein  inneres  Widerstreben  er- 
scheinen  lieB  (vgl.  S.  351),  nur  eine  Abschlagszahlung ;  denn  er  war  in  der 


Neumann 


113 


Priifung  des  wichtigsten  erhaltenen  Werkes  aus  dem  Gebiet  der  antiken  Geo- 
graphic bereits  weiter  vorgeschritten,  als  auBere  Griinde  ihn  zur  Publikation 
zwangen.  Und  doch  hat  er  personlich  —  von  einigen  kleineren  Beitragen  ab- 
gesehen  —  nur  noch  einmal  zu  den  Fragen  der  antiken  Lander-  und  Volker- 
kunde  Stellung  genommen,  als  er  in  dem  Gottinger  gelehrten  Anzeiger  1887, 
S.  275 — 288,  Hugo  Bergers  Geschichte  der  wissenschaftlichen  Erdkunde  der 
Griechen  I  in  einer  durchaus  originalen  und  fordernden  Besprechung  der  ge- 
lehrten Welt  naher  brachte.  Dagegen  haben  mehrere  seiner  Schiller  die  von  ihm 
begonnenen  Untersuchungen  fortgesetzt  und  dabei  zum  guten  Teil  die  Ideen 
verbreitet,  die  ihnen  N.  iibermittelt  hatte.  Hervorgehoben  seien,  weil  zur  Ab- 
rundung  des  Lebenswerks  N.s  gehorig,  die  StraBburger  Dissertationen  von 
Wilhelm  Fabricius,  Theophanes  von  Mytilene  und  Quintus  Dellius  als  Quellen 
der  Geographie  des  Strabon  1888;  P.  Bolchert,  Aristoteles*  Erdkunde  von 
Asien  undLibyen  1908;  Ferd.  Strenger,  Strabons  Erdkunde  von  Libyen  1913. 
Ein  dritter  Fragenkomplex,  der  N.  von  seiner  Studentenzeit  her  beschaftigte, 
war  das  romische  Staatsrecht.  Sein  Lehrer  Ludwig  Lange  war  nicht  allein  Ver- 
fasser  der  mehifach  aufgelegten  romischen  Staatsaltertiimer,  sondern  hatte 
auch  als  Dozent  gerade  auf  diesem  Gebiete  die  groBten  Erfolge  aufzuweisen. 
Freilich  war  sich  N.  auch  der  Schwachen  von  Ranges  wissenschaftlicher  Tatig- 
keit  wohl  bewuBt;  sie  lagen  einmal  auf  dem  kritischen  Gebiet,  insofern  Lange 
die  tlberlieferung  der  innerpolitischen  Geschichte  Roms  in  den  ersten  Jahr- 
hunderten  der  Republik  fur  zuverlassiger  hielt,  als  N.  anerkennen  wollte  (vgl. 
K.  J.  Neumann,  StraBburger  Festschrift  zur  46.  Philol.  Vers.  1901,  S.  309ff.), 
zum  andern  aber  hat  sich  N.  dem  iiberragenden  EinfluB  von  Mommsens  ro- 
mischem  Staatsrecht  nicht  entzogen  und  den  ungeheuren  Fortschritt  erkannt, 
der  an  die  Stelle  der  in  den  Altertumern  behandelten  Einzelerscheinungen  das 
logische  System  des  juristischen  Aufbaus  setzte.  Wohl  hat  er  in  seinem  Beitrag 
zu  der  von  Gercke  und  Norden  herausgegebenen  Einleitung  in  die  Altertums- 
wissenschaft  III2  1914,  S.  435 — 481  denTitel » Staatsaltertiimer «  beibehalten, 
in  Wahrheit  war  es  jedoch  ein  AbriB  des  Staatsrechts,  und  unter  dieser  Be- 
zeichnung  pflegte  er  seine  einschlagigen  Vorlesungen  zu  halten,  die  zu  seinen 
FiiBen  eine  groBe  Schar  von  Juristen  und  Historiker  vereinigten.  N.  blieb  aber 
bei  dieser  Verbindung  von  Recht  und  Geschichte  nicht  stehen,  vielmehr  be- 
trachtete  er  wohl  selbst  als  das  Chrakteristische  seiner  Leistung  die  Hinzu- 
fiigung  der  Wirtschaft.  Das  Studium  von  G.  F.  Knapps  Werk  iiber  die  Bauern- 
befreiung  und  den  Ursprung  der  Landarbeiter  in  den  alteren  Teilen  PreuBens 
(1887)  sowie  die  Teilnahme  an  Vorlesungen  dieses  seines  StraBburger  Kollegen 
gewahrte  ihm,  wie  er  selbst  auBerte,  einen  iiberraschenden  Einblick  in  den 
Zusammenhang  von  Wirtschaftsordnung  und  Verfassung;  mit  Hilfe  des  Ge- 
dankens  der  Bauernbefreiung  glaubte  er  die  groBen  Krisen  der  altromischen 
Geschichte  in  seiner  Rede  »Die  Grundherrschaft  der  romischen  Republik,  die 
Bauernbefreiung  und  die  Entstehung  des  Servianischen  Verfassung «  (1900)  und 
das  Problem  der  altspartanischen  Geschichte  in  der  Abhandlung  »Die  Ent- 
stehung des  spartanischen  Staates  in  der  Lykurgischen  Verfassung «  (»Hist. 
Zeitschr.«  Bd.  96, 1905)  erklaren  zu  konnen;  von  gleichen  Gedanken  ausgehend 
hat  er  in  Ullsteins  Welt  geschichte  (1909)  bei  Behandlung  der  hellenistischen 
Staaten  und  der  romischen  Republik  den  Versuch  eines  Neuaufbaus  der  alt- 
romischen Geschichte  gemacht. 

DBJ  8 


ii4  lgl7 

N.  war  nicht  allein  Historiker  der  alten  Geschichte,  sondern  er  kannte,  wie 
wohl  nur  wenige,  die  Geschichte  seiner  Wissenschaft,  wobei  er  es  verstand,  sie 
in  die  allgemeine  Geistesgeschichte  einzufiigen.  Bereits  der  Nachruf  auf  seinen 
I*ehrer  Ludwig  Lange  laBt  neben  den  biographischen  Elementen  diese  weite 
Orientierung  erkennen ;  als  Theodor  Mommsen  gestorben  war,  verof fentlicht  er 
in  der  »Histor.  Zeitschrift*  Bd.  92,  1904,  S.  193 — 238  unter  fast  vdlligem  Ver- 
zicht  auf  biographische  Stiicke  eine  Umschau  iiber  die  Lage  der  Wissenschaft, 
wie  sie  vor  Mommsens  Auftreten  war  und  wie  sie  sich  durch  Mommsens  Werk 
gestaltet  hatte.  SchlieBlich  gab  ihm  seine  Rektoratsrede  vom  1.  Mai  1909, 
welche  den  Titel  »Entwicklung  und  Aufgaben  der  alten  Geschichte  trug«,  die 
Gelegenheit,  in  den  dem  Drucke  angefiigten  Anmerkungen  seine  weite  Belesen- 
heit  in  den  Dienst  der  Aufhellung  der  > Geschichte  der  alten  Geschichte*  zu 
stellen.  Daran  aber  war  N.  gelegen.  Sein  eigenes  Iyebenswerk  sollte  sich  in  den 
Rahmen  der  geistigen  Entwicklung  einftigen,  und  so  suchte  und  fand  er  immer 
wieder  Ankniipfungen  an  die  Gedanken  der  GroBen  im  deutschen  Geistesleben. 
Gerade  hierauf  beruhte  ein  guter  Teil  der  Anregungen,  die  von  ihm  im  person- 
lichen  Verkehr  ausgingen.  Seine  Vorlesungen  pflegte  er  in  freiem  Vortrag  zu 
halten;  ohne  jede  Schwierigkeit  floB  ihm  die  miindliche  Rede.  Wohl  fehlte  dem 
Vortrag  nicht  eine  gewisse  Einseitigkeit ;  die  Probleme,  die  N.  beschaftigten 
und  deren  Skizzierung  oben  versucht  wurde,  nahmen  ofters  einen  breiteren 
Raum  ein,  als  die  Gesamtdisposition  der  Vorlesungen  gestattete,  und  so  kam 
es,  daB  er  andererseits  iiber  wichtige  Perioden  hinwegeilen  muBte.  Aber  gerade 
dadurch  pragte  er  seinen  Schulern  eine  Vorstellung  von  seiner  Forschungsarbeit 
ein  und  lieB  sie  an  ihr  teilnehmen ;  denn  das  was  er  sich  in  hartem  Kampfe  er- 
arbeitet  hatte,  hatte  schlieBlich  auch  auBerlich  eine  feste  Form  gewonnen,  in 
der  er  seine  Gedanken  mundlich  vortrug  und  schriftlich  festhielt.  Dem  engeren 
Schulerkreis  der  Doktoranden  war  er  ein  hingebender  Berater.  Das  Vertrauen 
seiner  Kollegen  berief  ihn  1909/10  auf  das  Rektorat  der  Universitat  StraBburg; 
deren  Zusammenbruch  im  Jahre  1918  zu  erleben,  ist  ihm  erspart  geblieben.  Im 
Juni  1916  ist  N.  schwer  erkrankt,  am  12.  Oktober  1917  befreite  ihn  der  Tod 
von  langem  Siechtum.  Die  Beisetzung  erfolgte  auf  dem  Friedhof  in  Baden- 
Baden,  wo  er  neben  einer  groBeren  Zahl  seiner  StraBburger  Kollegen  ruht.  N. 
war  seit  1885  mit  der  Tochter  des  Apothekers  Dr.  Ernst  Biltz  in  Erfurt  ver- 
heiratet.  Seine  Schrift  iiber  Hippolytus  hat  er  ihm  gewidmet. 

L,iteratur:  Die  im  Obigen  zitierten  Schriften  K.  J.N.s.  —  Das  in  den  Akten  der 
philosophischen  Fakultat  zu  Halle  befindliche  curriculum  vitae  von  1881.  —  Briefliche 
Mitteilungen  der  Witwe  N.s.  —  Personliche  Krinnerungen  des  Verfassers  aus  der  Stu- 
dentenzeit  (1898 — 1903)  und  der  Tatigkeit  an  der  Seite  N.s  (1909 — 1912). — Werner  Schur, 
K.  J.  N.  in  Bursians  Jahresbericht  f.  Altertumswissenschaft  Bd.  214,  1927. 

GieBen.  Richard  Laqueur. 

Niemann,  Albert,  Heldentenor,  *  am  15.  Januar  1831  in  Erxleben  bei  Magde- 
burg, |  am  I3-  Januar  1917  in  Berlin.  —  Als  Sohn  eines  wohlhabenden 
Anwesenbesitzers,  erhielt  er  in  Magdeburg  und  Aschersleben  Schulunterricht 
bis  zum  Einjahrig-Freiwilligen-Zeugnis,  um  zum  technischen  Beruf  in  eine 
Maschinenfabrik  einzutreten.  Wie  von  ungefahr  kam  er  im  Alter  von  18  Jahren 
zum  Theater:  Direktor  Martini,  der  in  Dessau  und  Helmstedt  spielte,  warb 
ihn  fur  stumme  und  kleine  Rollen,  zunachst  ohne  I/)hn.  In  Halberstadt  be- 


Neumann.  Niemann  n  «c 

trat  er  zuerst  die  Biihne.  In  Dessau  entdeckte  der  Komponist  Friedrich 
Schneider  N.s  stimmliche  Begabung;  seitdem  wurde  er  fur  die  Oper  im  Chor 
verwendet.  An  den  verschiedensten  Theatern  in  Stettin,  Worms,  Halle,  Darm- 
stadt, Berlin,  Konigsberg  usw.  bekam  er  kleine  Rollen.  Der  Berliner  Intendant 
Botho  v.  Hulsen  lieB  ihn  durch  Mantius  unterrichten.  Bei  seinem  ersten  Auf- 
treten  als  Sever  in  Bellinis  Norma  im  August  1853  wurde  er  von  der  Berliner 
Kritik  abgelehnt.  Am  25.  Juli  1854  sang  ¥•  *n  Insterburg  unter  dtirftigsten 
auBeren  Umstanden  den  Tannhauser  mit  der  Erkenntnis:  »Wird  eine  sehr 
gute  Rolle  von  mir  werden.*  Am  31.  August  1854  ftihrte  er  sich  als  Max  im 
Freischiitz  in  Hannover  ein,  wo  er  seine  Lehr-  und  Meisterjahre  bis  Mai  1866 
erlebte.  In  klassischen  und  italienischen  Opern  ernster  und  heiterer  Art  iibte 
er  seine  Stimme,  fur  deren  Ausbildung  er  im  Juni  1855  die  Unterweisung  des 
Sangers  Duprez  und  das  anfeuernde  Beispiel  des  Heldentenors  Roger  in  Paris 
genoB.  Vor  allem  aber  vertiefte  er  seine  dramatischen  Helden:  Rienzi,  Tann- 
hauser, Lohengrin,  die  er  bei  Gastspielen  auf  den  groBen  deutschen  Theatern 
so  vorziiglich  darstellte,  daB  er  bald  als  der  groBte  und  unvergleichliche 
Wagner-Sanger  gait.  Nach  dem  Kriege  von  1866  kam  er  ans  Berliner  Hof- 
theater,  wo  er  nach  LiUi  Lehmanns  Worten  »der  fiihrende  Geist,  nach  dem 
sich  alles  richtete«,  wurde.  In  der  Meistersinger-Auffuhrung  vom  April  1870 
stand  er  als  Walter  Stolzing  im  Vordergrund.  Im  Marz  1876  sang  er  Tristan, 
nach  Wagners  eigenem  Ausspruch  »eine  fabelhafte  Tat«,  trotz  erheblicher 
Striche  und  Zugestandnisse  aller  Art,  die  in  der  Berliner  Hofoper  unvermeid- 
lich  waren.  Am  8.  September  1888  stand  er  zum  letzten  Male  als  Tristan  am 
Steuer,  urn  bald  darauf  klanglos  von  der  Biihne  zurtickzutreten.  Vierzig  Jahre 
seines  Lebens  hatte  er  der  Kunst  geweiht,  einmal  war  er  zu  einem  Gastspiel 
nach  Amerika  gereist;  still  und  vornehm  zog  er  sich,  ohne  eine  Abschieds- 
vorstellung  anzukiindigen,  ins  hausliche  Leben  zuriick.  In  seinem  schonen 
Heim  in  der  AhornstraBe  verbrachte  er  seine  letzten  Lebensjahre.  N.  war 
zweimal  verheiratet:  zuerst  mit  der  gefeierten  Schauspielerin  Marie  Seebach 
(1859)  *n  Hannover,  von  der  er  sich  1867  trennte,  in  zweiter  Ehe  mit  Hedwig 
Raabe  (1870). 

Albert  N.  besafi  die  Macht  bezwingender  Personlichkeit.  Seine  Gestalt  hatte 
»etwas  Altgermanisches:  als  wenn  sich  aus  grauer  Vorzeit  durch  Geheimnis 
des  Blutes  ein  SproB  in  eine  kleine  Gegenwart  verirrt  hatte,  die  ihn  furchtsam 
bewundert,  so  steht  er  da  mit  dieser  unverwustlichen  Korperkraft,  diesem 
unbezahmbaren  Hang  zur  Jagd  und  Fischerei,  zum  Spielen  und  Zechen,  zum 
Durchsetzen  seines  Willens  und,  wenn  notig,  zum  Dreinschlagen  «.  Den  Mittel- 
punkt  seines  Lebens  und  Schaffens  bilden  die  Beziehungen  zu  Richard  Wagner, 
der  ihm  1857  schrieb:  » Alles,  was  ich  von  Ihnen  hore,  bringt  mir  den  Glauben 
bei,  daB  ich  in  Ihnen  den  mit  Bangen  gesuchten  Sanger  meines  Siegfried  ge- 
funden  habe.«  Im  Juli  1858  erfolgte  die  personliche  Bekanntschaft,  ein  Be- 
such  N.s  in  Zurich,  beim  Tannhauser  in  Paris  1860/61  das  erste  Zusammen- 
wirken  Wagners  und  N.s,  iiber  den  der  Meister  noch  am  12.  Februar  1861 
nach  Zurich  berichtete:  »Er  ist  durch weg  erhaben,  ein  groBer  Kiinstler  der 
allerseltensten  Art.«  I^eider  aber  erlag  N.  den  feindseligen  Einfliissen  und 
verlor  das  Vertrauen  auf  den  Sieg  des  Werkes;  er  schrieb  am  Tage  nach  der 
Pariser  Auffuhrung,  am  14.  Marz  1861 :  »Der  Tannhauser  ist  buchstablich  aus- 
gezischt,  ausgepfiffen  und  schliefilich  ausgelacht  worden;  Gott  sei  Dank  hat 


n6  1917 

der  Darsteller  des  Tannhauser  seine  kiinstlerische  Ehre  gerettet. «  Die  Pariser 
Presse  erwahnte  mit  vielsagender  Wendung,  Meyerbeer  habe  N.  die  Tenor- 
rolle  im  Propheten  zugedacht!  So  war  das  Einvernehmen  zwischen  Wagner 
und  N.  auf  Jahre  hinaus  zerstort.  In  Ludwig  Schnorr  von  Carolsfeld  fand 
Wagner  vollen  Ersatz,  aber  nur  fur  kurze  Zeit,  da  der  Sanger  bald  nach  den 
Miinchener  Tristan- Auf fuhrungen  im  Juli  1865  starb.  Als  die  Zeit  der  Bay- 
reuther  Festspiele  herannahte,  bezwang  Wagner  seinen  Groll  und  schrieb  an 
N.,  der  1872  bei  der  Grundsteinlegung  das  Tenorsolo  in  Beethovens  9.  Sinfonie 
sang.  Auf  die  Aufforderung  zur  Teilnahme  an  den  Spielen  schrieb  N.  im 
Marz  1874:  »Hoher  Meister!  Fur  Ihre  groBe  Sache  stehe  ich  stets  und  stiind- 
lich  mit  Leib  und  Seele  zur  Verf  tigung.  Ich  werde  mit  voller  Selbstverleugnung 
nur  der  Sache  zu  dienen  suchen.«  Freilich  war  er  dem  jungen  Siegfried,  fur 
den  er  einst  ausersehen  wurde,  entwachsen.  Wagner  erkor  ihn  zum  Darsteller 
des  Siegmund,  fiir  den  er  wie  geschaffen  erschien.  Im  Riickblick  auf  die  Fest- 
spiele 1876  nennt  Wagner  N.  »das  eigentliche,  Enthusiasmus  treibende  Element 
unseres  Vereins«,  das  » Genie  der  Darstellung,  wogegen  alles  iibrige  nur  durch 
FleiJ3  und  edlen  Willen  sich  beteiligen  konnte«.  Auch  nach  seinem  Riicktritt 
von  der  Biihne  und  nach  des  Meisters  Tode  hielt  N.  getreu  zu  Bayreuth  und 
setzte  sich  mit  dem  Ansehen  seines  Namens  fiir  den  Parsifal-Schutz  ein.  Zu 
den  Festspielen  kam  er  wiederholt  als  freudig  begriiBter  Ehrengast. 

N.  gehort  zu  den  seltenen,  wahrhaft  mitschopferischen  Kunstgenossen  Wag- 
ners, die  nicht  nur  Anregungen  empfingen,  sondern  auch  gaben.  Die  Harten 
und  Schwachen  verschwinden  vor  der  groBen  Personlichkeit,  die  nicht  nach 
DurchschnittsmaB  bemessen  werden  darf.  Seine  kiinstlerische  Entwicklung 
fallt  in  eine  Zeit,  wo  der  Vortragsstil  fiir  das  Drama  Wagners  erst  gesucht 
wurde.  Aus  eigener  Erfindung  und  Gestaltungskraft  gab  er  ein  Beispiel,  das 
auBerlicher  Nachahmung  entriickt  ist.  Er  nahm  in  seine  Darstellung  auf,  was 
seiner  Art  verwandt  war.  Er  hatte  keine  Vorbilder,  denen  er  folgen  konnte, 
er  trug  die  AusmaBe  und  Gesetze  des  kiinstlerischen  Schaffens,  das  er  gefuhls- 
maBig  austibte,  in  sich.  DaB  er  sich  den  heute  fiir  den  Wagner-Stil  giiltigen 
Anforderungen  hatte  unterwerfen  konnen,  ist  zweifelhaft.  Auch  war  seine  ge- 
sangliche  Leistungsfahigkeit  beschrankt:  auBer  Siegmund  sang  er  keine  Rolle 
strichlos.  In  den  Jahren  seines  Aufstiegs  (1861 — 1872)  muBte  er  der  unmittel- 
baren  personlichen  Anleitung  Wagners  entbehren,  weil  er  sein  Vertrauen  ver- 
loren  hatte:  das  war  die  schlimmste  Folge  des  Pariser  Zerwtirfnisses.  Auch 
Schnorr  traute  sich  anf  angs  die  L,6sung  der  von  Wagner  gestellten  Forderungen 
nicht  zu,  bis  er  im  personlichen  Verkehr  eines  Besseren  belehrt  wurde.  Frau 
Wagner  schrieb  im  Januar  1905:  »Sie  sind  der  eigentliche  Recke  unserer  Fest- 
spiele 1876  gewesen ;  niemals  kommt  Siegmund  auf  die  Biihne,  ohne  daB  Ihrer 
mit  Bewunderung  fiir  Ihre  Leistung  wie  fiir  Ihre  begeisternde  Haltung  ge- 
dacht  wird. «  N.  bleibt  auch  im  Schicksal  seiner  Kiinstlerlaufbahn  Siegmund : 
»in  wildem  Leiden  erwuchs  er  sich  selbst,  mein  Schutz  schirmte  ihn  nie«.  So 
steht  er  als  der  groBte  deutsche  Heldensanger  des  19.  Jahrhunderts  neben 
Schnorr  v.  Carolsfeld :  Tannhauser,  Tristan,  Siegmund ! 

Literatur:  Richard  Sternfeld,  Albert  N.,  Berlin  1904  (Das  Theater,  Band  4).  — 
R.  Wagner  und  A.  N.,  ein  Gedenkbuch  von  W.  Altmann,  nebst  einer  Charakteristik  N.s  von 
Dr.  Gottfried  Niemann  (seinem  Sohn),  Berlin  1924;  darin  auch  N.sTagebuch  1849 — 1855 

Rostock.  Wolfgang  Golther. 


Niemann.  Olde  jj  7 

Olde,  Hans  (Johann  Wilhelm),  Maler  und  Graphiker,  *  am  27.  April  1855 
in  Suderau  (Holstein),  f  am  25.  Oktober  1917  in  Kassel.  —  O.  entstammte 
einem  alten  Marschenbauerageschlecht  und  war  bestimmt,  den  vaterlichen 
Stammsitz  spater  zu  ubernehmen.  Obgleich  sich  in  dem  Knaben  fruhzeitig 
der  kiinstlerische  Sinn  regte,  wurde  O.  nach  dem  Besuch  der  Schulen  zu  Horn, 
Altona  und  Kiel  —  der  Tradition  seiner  Familie  gemafi  —  zunachst  Landwirt 
und  iiberaahm  als  Verwalter  ein  Gut.  Erst  mit  24  Jahren  entschloB  er  sich 
fur  die  Laufbahn  des  Malers,  studierte  1879  bis  x^^4  bei  Ludwig  v.  Loefftz 
an  der  Miinchener  Akademie  und  bildete  sich  1886/87  in  Paris  an  der  Acad^mie 
Julian  weiter.  Nach  Deutschland  zuriickgekehrt,  lebte  er  zunachst  bis  1892 
in  Miinchen,  dann  meist  auf  seinem  Gute  Seekamp  bei  Friedrichsort  in  Hoi- 
stein.  1902  wurde  er  als  Leiter  der  Kunstschule  nach  Weimar  berufen,  an 
der  er  bis  1911  wirkte.  Im  November  dieses  Jahres  erfolgte  seine  Berufung 
zum  Direktor  der  Kunstakademie  in  Kassel,  wo  O.  bis  zu  seinem  Tode  an- 
sassig  blieb.  —  Hinsichtlich  des  Stoffgebietes  sehr  vielseitig,  hat  O.  das  Por- 
trat,  das  Tierfach,  die  Landschaft,  das  Genre  und  das  Interieurbild  gepflegt. 
Seine  Hauptbedeutung  hat  er  als  Bildnismaler.  Er  ist  einer  der  geschmack- 
vollsten  Vertreter  des  gemaBigten  Impressionismus,  fiir  den  ihm  der  Pariser 
Aufenthalt  die  entscheidenden  Anregungen  gegeben  hat.  Die  innige  Ver- 
trautheit  des  auf  eigener  Scholle  Aufgewachsenen  und  leidenschaftlichen 
Jagers  mit  der  Natur  kommt  schon  in  den  ersten  Arbeiten  O.s  zum  Ausdruck; 
aus  seinem  von  Jugend  auf  gepflegten  engen  Verhaltnis  mit  der  Natur  er- 
wuchs  ihm  geradezu  das  Wesen  seiner  Kunst,  die  kerndeutsch  blieb,  obgleich 
Paris  die  technische  Grundlage  vermittelte  und  namentlich  Claude  Monet, 
bei  dem  er  alles  das  realisiert  fand,  was  er  selbst  erstrebte,  zweifellos  einen  be- 
deutenden  EinfluB  auf  ihn  ausgeiibt  hat.  Da  er  bis  zuletzt  jedes  Jahr  wahrend 
der  Sommermonate  den  Landwirt  auf  Seekamp  machte,  so  erhielt  sein  Natur- 
gefuhl  in  regelmaBigen  Zeitabstanden  eine  Fulle  immer  wieder  neuer  An- 
regungen, die  die  Gefahr  einer  mahlichen  Verblassung  seiner  Naturempfindung 
ausschlossen.  Wie  sehr  er  die  freie  Natur  als  den  gegebenen  Rahmen,  die 
selbstverstandliche  Folie  fiir  alles  Figurliche  empfand,  ersieht  man  nicht  nur 
aus  seinen  Genrebildern,  wie  dem  liebenswiirdigen,  ganz  auf  Goldblond  gestimm- 
ten  Bildchen  des  Lubecker  Museums,  sondern  vor  allem  auch  daraus,  daJ3  er 
seine  Portratf iguren  mit  Vorliebe  ins  Freie  gegen  einen  landschaftlichen  Hinter- 
grund  stellt ;  so  hebt  sich  die  charakteristische  Gestalt  Klaus  Groths  von  dem 
kraftigen  Griin  eines  Laubenganges  ab ;  seinen  Liliencron  hat  er  auf  eine  weiBe 
Bank  vor  dichtem  Wald  placiert ;  ahnlich  ist  das  Arrangement  auf  dem  Bildnis 
der  Frau  Forster-Nietzsche ;  die  pompose  Gestalt  der  Schriftstellerin  Adelheid 
v.  Schorn  laBt  er  im  griinen  Seidenkleide  die  StraBe  iiberschreiten.  Diese 
genremaBige  Einkleidung  empfindet  man  nicht  etwa  als  zufalliges  Akzesso- 
rium,  sondern  im  Sinne  einer  Steigerung  der  dekorativen  Bildwirkung  und 
zugleich  eines  Mittels  zur  geistigen  Charakterisierung  der  Dargestellten  vom 
Kiinstler  verwendet.  Viel  weniger  gliicklich  ist  O.,  wenn  er  wie  in  seinen 
offiziellen  Staatsportraten  auf  diese  liebenswiirdige  genremaBige  Note  zu  ver- 
zichten  genotigt  wird;  hier  wirkt  er  dann  leicht  kalt  und  gelegentlich  selbst 
akademisch.  Wie  O.s  Bildnisse  alle  auf  eine  diskrete,  aber  nichtsdestoweniger 
sehr  deutlich  sprechende  Hervorhebung  der  individuellen  Eigenschaften  des 
Modells  ausgehen,  so  auch  seine  von  Licht  und  Luft  erfiillten  Landschaften, 


n8  1917 

deren  Motive  er  anfanglich  dem  Holsteiner-  und  Thuringerlande,  spater 
vornehmlich  dem  Hessenlande  entlehnte.  —  Ohne  daB  O.s  Stil  eine  besonders 
markante  Entwicklungslinie  aufwiese,  ist  doch  der  Ubergang  von  den  Prin- 
zipien  des  Impressionismus  zu  denen  des  Neuimpressionismus  mit  seiner 
intensiven  Farbigkeit  deutlich  in  seinem  Werk  zu  erkennen,  ja  in  seinen  letzten 
Lebens  jahren  hat  er  sich  sogar  mit  den  expressionistischen  Problemen  aus- 
einanderznsetzen  versucht,  wie  einige  hessische  Stadtebilder  aus  den  Jahren 
1915  und  1916  zeigen.  Die  Hauptleistungen  O.s  fallen  in  die  Zeit  seines  Weima- 
rer  Direktorats.  Aus  den  neunziger  Jahren  stammen  einige  bereits  ganz  plei- 
nairistisch  aufgefaBte  Tierstiicke  (holsteinische  Weiden),  Landschaften  und 
Interieurs,  in  denen  der  Beobachtung  der  Licht-  und  L,uftstimmungen  ein 
besonderes  Augenmerk  geschenkt  ist.  In  diese  vorweimarische  Zeit  gehoreu 
Bilder  wie:  »Die  Schnitter«,  von  1893;  »Die  Diele  des  Herrenhauses  in  Wal- 
tershof«,  von  1894  (Hamburg,  Kunsthalle);  » Holsteinischer  Stier«,  von  1896 
(Dresden,  Gemaldegalerie) ;  »Wintersonne«,  von  1892  (Berlin,  Nationalgalerie). 
Auch  als  Bildnismaler  hat  sich  O.  in  dieser  Friihzeit  schon  ausgezeichnet, 
wie  namentlich  die  Bildnisse  der  Hamburger  Schriftstellerin  und  Philanthropin 
Elise  Averdieck,  von  1894,  und  des  Dichters  Klaus  Groth  (in  ganzer  Figur 
im  Freien  dargestellt),  von  1899,  beide  im  Besitz  der  Hamburger  Kunsthalle, 
beweisen.  Aus  der  Weimarer  Zeit  stammen  dann  u.  a.  das  Bildnis  der  Schwester 
Friedrich  Nietzsches,  der  Frau  Elisabeth  Forster-Nietzsche,  das  auf  der  Kiinst- 
lerbund-Ausstellung  in  Weimar  1906  groBes  Aufsehen  erregte,  das  auf  grau 
und  rot  gestimmte,  sehr  feine  Bildnis  seines  eigenen  Tochterchens  im  Winter- 
mantel  und  mit  Pelzbarett,  vor  einer  Gardine  stehend,  das  hochst  vornehme 
Bildnis  seiner  Schwiegermutter,  die  Bildnisse  der  Dichter  Theodor  Storm, 
Detlev  v.  L,iliencron  und  Gustav  Falke,  ein  lebensgroBes  Bildnis  der  jugend- 
lichen  Groflherzogin  von  Sachsen- Weimar,  Studien  fur  ein  Bildnis  Nietzsches 
und  die  beiden  Kniebildnisse  der  Herzoge  von  Sachsen- Altenburg  und  von 
Sachsen-Meiningen  fur  die  Universitat  Jena.  AuBer  den  schon  erwahnten 
besitzen  folgende  offentlichen  Sammlungen  Bilder  O.s:  Kaiser-Friedrich- 
Museum  in  Magdeburg  (Bildnis  des  Magdeburger  Oberburgermeisters  Schnei- 
der), die  Kunsthalle  in  Kiel  (Kuhe  auf  der  Weide),  das  Behnsche  Haus  in 
Lubeck  (Am  Gartentor),  die  Kunsthalle  in  Bremen  (Bildnis  Klaus  Groths; 
ein  drittes  Bildnis  des  Dichters  im  Museum  zu  Oldenburg)  und  das  Museum 
in  Weimar  (Ernte).  O.s  bekannteste  Radierungen  sind  das  ergreifende  Bildnis 
des  kranken  Friedrich  Nietzsche  und  der  markante  Profilkopf  Klaus  Groths, 
die  beide  zuerst  in  der  Kunstzeitschrift  »Pan«  erschienen.  Hervorgehoben 
seien  ferner  die  radierten  Bildnisse  des  Admirals  von  Hollmann,  des  Dichters 
Casar  Flaischlen,  das  geschabte  Huftbild  des  Philosophen  Eucken  im  Armstuhl, 
das  geschabte  Halbfigurbildnis  des  Anatomen  His  und  das  in  Schabkunst 
und  kalter  Nadel  ausgefuhrte  Bildnis  der  Frau  Geheimrat  Luise  Delbriick. 
Auch  auf  lithographischem  Gebiet  hat  sich  O.  wiederholt  versucht ;  so  schuf 
er  in  dieser  Technik  ein  groBes  Bildnis  Elise  Averdiecks,  das  die  verehrte 
Greisin  in  ihrem  Arbeitszimmer  darstellt,  und  das  auf  Anregung  der  Ham- 
burger Kunsthalle  zum  Jubilaum  der  Lithographie  1897  entstanden  ist.  Eine 
im  Kasseler  Kunstverein  am  1.  Mai  1918  eroffnete  Gedachtnisausstellung,  in 
der  O.s  umfangreicher  klinstlerischer  NachlaB  gezeigt  wurde  (ca.  65  Bilder 
und   Studien,   dazu   viele   Bildnisradierungen),   lieB   die   Entwicklung  dieses 


Olde.  Philippovich  von  Philippsberg  no 

feinen,  liebenswurdigen  Kiinstlers  gut  iibersehen.  Die  Stadt  Kassel  erwarb 
auf  dieser  Ausstellung  ein  sonniges  Interieur  »Diele  in  BorgfekU  (1899)  und 
eine  Stimmungslandschaft  »Reinhardswald«  (1914).  O.s  sympathische  auflere 
Erscheinung  ist  uns  in  einem  friihen  Selbstbildnis  aus  der  Miinchener  Zeit 
und  in  einer  Marmorbuste  seines  Freundes  und  Landsmannes  Adolf  Briitt 
erhalten.  Die  Erfullung  eines  alten  Lieblingswunsches,  seinen  Lebensabend 
auf  seinem  holsteinischen  Giitchen  zu  verleben,  sollte  ihra  nicht  zuteil  werden; 
unerwartet  schnell  wurde  er  wenige  Tage,  nachdem  ihn  die  Nachricht  getroffen 
hatte,  daB  sein  altester  Sohn  den  Seemannstod  fur  das  Vaterland  erlitten  hatte, 
aus  einem  arbeitsreichen  Leben  durch  den  Tod  gerissen.  Von  den  zahlreichen 
Ehrungen,  die  ihm  seine  Kunst  gebracht  hat,  seien  genannt:  Silberne  Medaille 
in  Paris,  Goldene  Medaille  in  Diisseldorf  und  Ernennung  zum  Ehrenmitglied 
der  Weimarer  Hochschule  fur  bildende  Kunst. 

Literatur:  Fr.  Jansa,  Deutsche  bild.  Kiinstler  in  Wort  und  Bild,  Leipzig*Ji9i2. — 
W.  Schafer,  H.  O.  (Deutsche  Monatshefte  1910  [=  Jahrg.  10  der  »  Rheinlande  «] ,  S.  213 
bis  216  (mit  4  Textabbildungen,  1  Rad.  und  4  Tondrucktafeln).  —  G.  Gronau,  H.  O.  (Vel- 
hagen  &  Klasings  Monatshefte,  Jahrg.  34,  Bd.  I,  Januar  1920,  S.  514/28.  —  Kunst  und 
Kiinstler,  XVI  (1918)  1 56  (Nekrolog  von  J.  Elias).  —  Kunstchronik,  N.  F.  XXIX  (1917/18) 
Sp.  81/84  (G.  Gronau).  —  Nucleus,  Neues  aus  dem  alten  Weimar  (Zeitschrift  fur  bild. 
Kunst.  N.  F.  XIX  [1908]  in  ff.,  mit  4  Abbildungen). 

Leipzig.  Hans   Vollmer. 

Philippovich  von  Philippsberg,  Eugen,  o.  Professor  der  Nationalokonomie  in 
Wien,  *  am  15.  Marz  1858  in  Wien,  |  am  4.  Juni  1917  in  Wien,  —  Sohn  des 
osterreichisch-ungarischen  Obersten  Nikolaus  v.  P.,  entstammt  einer  stidoster- 
reichischen  Offiziersfamilie,  der  auch  der  Eroberer  Bosniens  angehorte.  E.  P. 
studierte  in  Graz,  Wien  und  Berlin,  habilitierte  sich  1884  in  Wien,  wurde 
1885  nach  Freiburg  i.  B.  als  aufierordentlicher  Professor  berufen,  wurde  dort 
1888  ordentlicher  Professor,  ging  1893  in  gleicher  Eigenschaft  nach  Wien,  wo 
er  bis  zu  seinem  Tode  lehrte. 

Man  hat  P.s  Hauptbedeutung  vielfach  in  dem  Versuch  erblicken  wollen, 
zwischen  der  Grenznutzen-  und  der  historischen  Schule  zu  vermitteln.  Ein 
genauer  Blick  iiber  seine  Arbeiten,  in  denen  auch  die  Einzelheiten  in  iiber- 
raschend  tiefer  Weise  ausgearbeitet  sind,  zeigt  jedoch,  daB  diese  Ansicht 
seinem  Wirken  unrecht  tate.  Er  kam  von  der  Grenznutzschule  her  als  Lieb- 
lingsschuler  KarlMengers  (s.  DBJ.  1921,  S.  192  ff.),  der  ihn  hoch  iiber  Bohm- 
Bawerk  (s.  DBJ.  1914 — 16,  S.  3  ff.)  und  Wieser  stellte,  und  er  stand  mit 
Schmoller  (s.  unten  S.  124  ff.)  als  zweiter  Fiihrer  des  Vereins  fur  Sozialpolitik 
in  guter  Fuhlung.  Aber  er  erkannte  deutlich  den  Epigonencharakter  beider 
Richtungen.  Sein  innerster  Ehrgeiz  war,  eine  Synthese  zwischen  Adam  Smith 
und  Karl  Marx  zu  versuchen.  Viele  Ansatze  dazu  sind  in  seinem  Lehrbuch  ent- 
halten.  Die  enzyklopadische  Beherrschung  des  ganzen  Materials  der  national- 
okonomischen  Wissenschaft  gab  dem  Lehrbuch  Bedeutung,  erschwerte  aber 
seine  Fortfuhrung.  Das  Buch  iiber  die  »Bank  von  England*  gilt  in  England 
als  die  klassische  Darstellung  des  wichtigsten  Teils  der  Geschichte  der  Noten- 
bank.  Dem  scharfen  Angriff ,  der  gegen  Grundanschauungen  von  P.  in  der  be- 
riihmten  Produktivitatsdebatte  des  Vereins  fiir  Sozialpolitik  in  Wien  von  Max 
Weber  (s.  unten  S.  593  ff.)  und  Werner  Sombart  gerichtet  wurde,  ist  nach 


120  1917 

scheinbarem  Erfolge  wahrend  eines  Jahrzehntes  die  Dauerwirkung  versagt 
geblieben.  Die  neueste  Entwicklung  der  Wissenschaft,  namentlich  auch  in 
den  Vereinigten  Staaten,  bewegt  sich  zweifellos  in  der  Richtung,  die  P.  ge- 
gangen  war. 

L»iteratur:  Seine  Werke  sind:  Die  Bank  von  England  im  Dienste  der  Finanzverwal- 
tung  des  Staates  (1885),  2.  Aufl.  (1914),  auch  in  englischer  Sprache. —  t)ber  Aufgabe 
und  Methode  der  politischen  Okonomie  (1886).  —  Die  direkten  Steuern  des  GroBherzog- 
tums  Baden  (1888).  — Der  badische  Staatshaushalt  1868— 1889  (1889).  —  Wirtschaft- 
licher  Fortschritt  und  Kulturentwicklung  (1892).  —  Grundrifl  der  politischen  Okonomie. 
1.  Band :  Allgemeine  Volkswirtschaftslehre  (1893),  zuletzt  von  P.  bearbeitet  19 14  (7.  Aufl.), 
derzeit  18.,  unveranderte  Aufl.;  2.  Band:  Volkswirtschaftspolitik,  1.  Teil  (1899),  seit  1918 
bearbeitet  von  Somary,  derzeit  18.  Aufl.,  2.  Teil  (1907),  seit  der  10.  Aufl.  bearbeitet  von 
Somary.  —  Wiener  Wohnungsverhaltnisse  (1894).  —  Die  Entwicklung  der  wirtschafts- 
politischen  Ideen  im  19.  Jahrhundert  (19 10).  —  Zahlreiche  Aufsatze  in  Fachzeit- 
schriften,  Schriften  des  Vereins  fiir  Sozialpolitik,  Archiv,  Conrads  Jahrbuch,  Finanzarchiv, 
Jb.  f .  G.  V.,  Zeitschrift  fiir  Volkswirtschaft,  Revue  d'Economie  politique,  Quarterly  Journal, 
Mitarbeit  am  Handworterbuch  der  Staatswissenschaften  und  Stengels  Worterbuch,  Her- 
ausgeber  der  Wiener  Staatswissenschaftlichen  Studien  (mit  Bernatzik)  und  der  Zeitschrift 
fiir  Volkswirtschaft  (zusammen  mit  Bohm-Bawerk  und  Inama).  —  P.s  Bibliothek  wurde 
von  der  Universitat  Utrecht  angekauft. 

Zurich.  Felix  Somary. 

Puttkamer,  Jesko  Albert  Eugen  v.,  Gouverneur  a.  D.,  *  am  2.  Juli  1855  in 
Berlin,  f  am  23.  Januar  1917  in  Berlin.  —  Sein  Vater  war  der  langjahrige 
konservative  preuBische  Minister  des  Innern  v.  P.  Jesko  v.  P.  besuchte  das 
Wilhelms-Gymnasium  zu  Berlin  und  das  Gymnasium  zu  Gumbinnen,  wo  er 
im  Jahre  1873  das  Abiturientenexamen  machte.  Seiner  Militarpflicht  geniigte 
er  als  Einjahrig-Freiwilliger  beim  Schleswig-Holsteinschen  Ulanenregiment 
Nr.  15  in  StraBburg.  Er  studierte  in  StraBburg,  Leipzig,  Freiburg,  Breslau 
und  Konigsberg  Jurisprudenz  und  trat  nach  abgelegtem  1.  Staatsexamen  am 
1.  Mai  1881  als  Referendar  beim  Oberlandesgericht  in  Konigsberg  ein.  Vom 
1.  April  1882  bis  Marz  1883  war  er  beim  Kammergericht  in  Berlin  beschaftigt. 
Damals  entschloB  sich  v.  P.,  in  den  Konsulatsdienst  einzutreten,  und  er 
wurde  zunachst  dem  Kaiserlichen  Konsulat  in  Chikago  zur  Beschaftigung 
iiberwiesen. 

Im  April  1884  wurde  er  zu  seiner  weiteren  Ausbildung  im  Konsulatsfach 
in  das  Auswartige  Amt  eingezogen.  Wahrend  seiner  Tatigkeit  im  Auswartigen 
Amt  wurden  die  Schutzgebiete  von  Togo,  Kamerun,  Siidwestafrika  und  Ost- 
afrika  durch  das  Reich  erworben,  und  nun  meldete  sich  P.  zum  Kolonial- 
dienst.  Im  Mai  1885  wurde  er  dem  ersten  deutschen  Gouverneur  von  Kamerun, 
dem  Freiherrn  v.  Soden,  als  Kanzler  beigegeben.  Er  war  nun  in  den  folgenden 
Jahren  abwechselnd  als  Kanzler  von  Kamerun,  stellvertretender  Gouverneur 
von  Kamerun  und  stellvertretender  Kommissar  von  Togo  tatig. 

Eine  fiir  seine  ganze  koloniale  Tatigkeit  besonders  wichtige  Episode  war 
seine  Entsendung  nach  Lagos.  Am  6.  August  1888  wurde  er  mit  der  interi- 
mistischen  Leitung  des  deutschen  Konsulats  in  Lagos  betraut.  Er  hatte  hier 
nicht  nur  Gelegenheit,  die  Methoden  der  damaligen  englischen  Kolonial- 
verwaltung  kennenzulernen,  sondern  er  erhielt  auch  den  Auftrag,  sich  durch 
eine  Reise  den  Niger  aufwarts  uber  die  politischen  Verhaltnisse  im  Innern 
Nigeriens  zu  unterrichten.  Diese  Reise,  die  er  zum  groBen  Teil  unter  den  da- 


Philippovich  von  Philippsberg.  Puttkamer  121 

maligen  primitiven  Verhaltnissen  im  Kanu  machen  mufite,  brachte  ihn  auch 
mit  der  englischen  Nigerkompagnie  in  Verbindung,  die  damals  auf  Grund 
einer  Royal  Charter  den  groflten  Teil  des  ostlichen  Nigeriens  verwaltete  und 
durch  ihr  Monopol  wirtschaftlich  beherrschte. 

Nachdem  P.  im  Oktober  1889  wieder  mit  der  Vertretung  des  Kaiserlichen 
Kommissars  von  Togo  betraut  worden  war,  wurde  er  im  Dezember  1891  end- 
gultig  zum  Kommissar,  spater  zum  Landeshauptmann  von  Togo  ernannt. 
Als  nach  dem  Dahomey- A uf stand,  Ende  1894,  Herr  v.  Zimmerer  aus  dem 
Amte  des  Gouverneurs  von  Kamerun  ausschied,  wurde  P.  nach  Kamerun  als 
Vertreter  des  Gouverneurs  gesandt.  Im  August  1895  wurde  er  endgiiltig  zum 
Gouverneur  von  Kamerun  ernannt,  welches  Amt  er  bis  zum  Jahre  1907  ver- 
waltete, worauf  er  in  den  einstweiligen  Ruhestand  versetzt  wurde.  1908  wurde 
er  pensioniert  und  war  dann  nur  noch  privatim  fur  die  koloniale  Sache  tatig 
als  deutscher  Vertreter  bei  einigen  franzosischen  Kolonialgesellschaften,  deren 
Gebiet  durch  das  deutsch-franzosische  Abkommen  vom  4.  November  191 1 
zum  Teil  an  das  Schutzgebiet  Kamerun  gef alien  war. 

Als  P.  im  Januar  1895  von  dem  bisherigen  Gouverneur  v.  Zimmerer  die 
Verwaltung  des  Schutzgebietes  von  Kamerun  ubernahm,  stand  er  vor  einer 
ungewohnlich  schwierigen  Aufgabe.  Das  Schutzgebiet  war  im  Anfang  der  Ent- 
wicklung  steckengeblieben.  Die  Ergebnisse  der  Expeditionen  von  Zintgraff, 
Morgen,  Stetten,  Ramsay,  die  bis  nach  Adamaua  vorgedrungen  waren,  hatten 
aus  Mangel  an  Mitteln  nicht  ausgenutzt  werden  konnen.  Durch  den  Dahomey- 
Aufstand  war  am  Sitz  des  Gouvernements  ein  groBer  Teil  der  Gebaude  schwer 
beschadigt  worden.  In  die  Verwaltung  war  Verwirrung  gekommen,  die  Polizei- 
truppe  war  aufgelost  und  in  eine  Schutztruppe  umgewandelt  worden.  Die 
Beziehungen  der  Schutztruppe  zum  Gouverneur  waren  unklar.  Der  Komman- 
deur  der  Schutztruppe,  Rittmeister  v.  Stetten,  glaubte  von  dem  Gouverneur 
vollstandig  unabhangig  zu  sein  und  weigerte  sich,  seine  Unterstellung  anzu- 
erkennen..  Dazu  kam  ein  personliches  Moment.  Der  Kommandeur  der  Schutz- 
truppe, Rittmeister  v.  Stetten,  war  der  Ansicht,  dafi  ihm  die  Nachfolge  des 
Gouverneurs  v.  Zimmerer  im  Auswartigen  Amt  zugesichert  worden  sei  und 
glaubte,  dafi  P.  ihm  diese  Stellung  weggenommen  habe.  So  begann  die  Tatig- 
keit  des  neuen  Gouverneurs  mit  einem  Konflikt  mit  dem  Kommandeur  der 
Schutztruppe.  Trotzdem  ist  es  der  Tatkraft  und  der  Geschicklichkeit  P.s  in 
kurzer  Zeit  gelungen,  die  Entwicklung  des  Schutzgebietes  in  geordnete 
Bahnen  zu  bringen  und  auch  ein  ertragliches  Verhaltnis  zur  Schutztruppe 
herzustellen. 

Seine  nachste  Aufgabe  war,  die  Verwaltung  an  der  Kiiste  neu  zu  organisieren. 
Zu  den  beiden  vorhandenen  Bezirksamtern  Victoria  und  Kribi  bildete  er  ein 
drittes  Bezirksamt,  das  Bezirksamt  der  Mitte,  damals  als  Bezirksamt  Kamerun, 
spater  als  Bezirksamt  Duala  bezeichnet. 

Um  wenigstens  den  Rest  der  Ergebnisse  der  Zintgraffschen  Expedition  zu 
retten,  wurde  am  Barombisee  bei  Kumba  eine  neue  Station  eingerichtet,  die 
der  Gouverneur  nach  dem  hochverdienten  Prasidenten  der  Deutschen  Kolonial- 
gesellschaft,  Herzog  Johann  Aibrecht  zu  Mecklenburg  (s.  unten  S.  547  ff.), 
Johann-Albrechts-Hohe  nannte.  Diese  Station,  die  Zivilstation  war  und  in 
erster  Linie  wirtschaftliche  Aufgaben  hatte,  sollte  den  Einflufi  des  Gouver- 
nements am  oberen  Mungo  sichern  und  ausdehnen.  Dieselbe  Aufgabe  hatte 


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am  Sanaga  die  Zivilstation  Edea  bei  den  Sanagaf alien.  Die  beiden  Stationen 
im  Siiden  Lolodorf  und  Jaunde  wurden  zu  reinen  Militarstationen  gemacht 
mit  der  Aufgabe,  den  Siiden  gegen  die  rauberischen  Ngumbas  bei  Lolodorf 
und  die  kriegerischen  Wutes  hinter  Jaunde  zu  sichern. 

Zu  gleicher  Zeit  wurden  die  Besitzverhaltnisse  an  der  Kiiste  einer  eingehen- 
den  Priif  ung  unterzogen.  Mit  den  an  der  Kiiste  ansassigen  deutschen  und  schwe- 
dischen  Firmen,  die  auf  Grund  von  Vertragen  mit  den  Eingeborenen  beinahe 
das  ganze  Kiistenland  als  Privateigentum  beanspruchten,  wurde  im  Vergleichs- 
wege  ein  Abkommen  getroffen,  das  die  Anspniche  der  Firmen  auf  einzelne, 
bereits  in  Betrieb  genommene  Plantagen  beschrankte.  Da  der  Gouverneur 
durch  seine  Reisen  nach  St.  Thome'  die  dortigen  ertragreichen  Kakaokulturen 
kennengelernt  hatte,  beschloB  er  zur  wirtschaftlichen  Entwicklung  des  Ge- 
bietes  an  den  Abhangen  des  Kamerunberges  eine  groBe  Kakaokultur  ins  Leben 
zu  rufen.  DaB  er  dabei  nicht  den  Weg  der  Eingeborenenkulturen  wahlte,  son- 
dern  den  europaischer  Plantagenunternehmungen,  lag  in  der  Natur  der  Sache. 
Die  Eingeborenen  am  Kamerunberg  waren  mit  Ausnahme  der  wenigen  Victo- 
rianer,  die  nicht  aus  dem  Lande  selbst  stammten,  kulturell  noch  so  weit 
zuriick,  daB  an  eine  Forderung  der  Kakaokultur  durch  Eingeborene  nicht  zu 
denken  war.  War  doch  erst  um  Weihnachten  1894  Buea,  der  Sitz  des  trotzigen 
Bakwirihauptlings  Kuba,  eingenommen  worden  und  damit  einigermaBen 
Ruhe  und  Sicherheit  im  Gebirge  eingekehrt. 

Auch  den  Handel  mit  denjenigen  Produkten,  die  die  Eingeborenen  selbst 
gewannen,  besonders  Palmkerne,  Palmol  und  Kautschuk,  suchte  der  Gouver- 
neur in  jeder  Weise  zu  fordern,  indem  er  durch  Verhandlungen  mit  den  ein- 
zelnen  Stammen  oder  durch  militarische  Expeditionen  das  Monopol  der 
Kustenstamme  zu  brechen  suchte.  Das  gelang  am  Wuri  und  Mungo  auf 
friedlicbem  Wege,  im  Siiden  durch  die  Militarstationen  Lolodorf  und  Jaunde. 
Schwieriger  lagen  die  Verhaltnisse  in  der  Gegend  zwischen  Sanaga  und  Njong, 
weil  es  der  Expedition  von  Stetten  im  Jahre  1895  nicht  gelang,  die  kriege- 
rischen Bakokos  zwischen  Edea  und  Jaunde  zur  Freigabe  des  Handels  zu 
zwingen. 

Die  Bestrebungen  des  Gouverneurs  auf  Ausdehnung  und  Befestigung  der 
deutschen  Herrschaf t  und  wirtschaf tliche  ErschlieBung  des  Landes  beschrankte 
sich  aber  nicht  auf  die  Kiiste.  Er  suchte  vielmehr  moglichst  bald  das  ganze 
durch  die  Vertrage  mit  Englandern  und  Franzosen  gesicherte  Gebiet  bis  zum 
Tschadsee  im  Norden  und  Sanga-Ngoko  im  Siiden  der  deutschen  Verwaltung 
zu  unterstellen  und  dem  deutschen  Handel  zu  offnen.  Diesem  Zwecke  diente 
die  groBe  Expedition  unter  Hauptmann  v.  Kamptz  nach  Adamaua  1888/89 
und  die  Errichtung  einer  Station  in  Molundu  in  der  Siidostecke  des  Schutz- 
gebietes. 

Zur  wirtschaftlichen  ErschlieBung  des  Landes  aber  fehlten  vor  alien  Dingen 
die  erforderlichen  finanziellen  Mittel.  Der  Gouverneur  glaubte  in  Uberein- 
stimmung  mit  der  damaligen  Abteilung  des  Auswartigen  Amtes  die  Entwick- 
lung des  Schutzgebietes  rasch  fordern  zu  konnen  durch  Hereinziehung  deut- 
schen Kapitals  im  Wege  der  Verleihung  groBer  Landkonzessionen.  Es  kamen 
die  Konzessionen  vpn  Siidkamerun  und  Nordwestkamerun  zustande,  die  spater 
zu  auBerordentlich  starken  Angriffen  nicht  nur  gegen  diese  Landgesellschaften, 
sondern  auch  gegen  den  Gouverneur  fiihrten. 


Puttkamer  1 23 

Zu  gleicher  Zeit  war  durch  die  Einrichtung  einer  Reihe  von  Plantagen  am 
Kameninberg  die  Arbeiterfrage  kritisch  geworden.  Die  Ktistengebiete  waren 
zu  schwach  bevolkert,  um  die  notigen  Arbeiter  stellen  zu  konnen.  Auch  waren 
die  Bewohner  dieser  Urwaldzone  aui3erordentlich  schwer  zu  regelrechter  Ar- 
beit zu  bewegen.  Es  blieb  also  nur  iibrig,  entweder  die  Arbeiter  in  fremden 
Kolonien  anzuwerben,  was  auf  der  einen  Seite  zu  teuer  geworden  ware,  auf 
der  anderen  Seite  von  Tag  zu  Tag  schwieriger  wurde,  weil  die  fremden  Kolo- 
nien ihre  Arbeitskrafte  selbst  brauchten,  oder  aber  die  kraftigen  und  kulturell 
hoher  stehenden  Stamme  des  Binnenlandes  als  Arbeiter  an  die  Kiiste  zu  ziehen. 
Zu  gleicher  Zeit  ergaben  sich  bei  Abgrenzung  der  Plantagen  fortdauernde 
Streitigkeiten  zwischen  den  Eingeborenendorfern  und  den  I^eitungen  der  Plan- 
tagen. Gegen  die  monopolartigen  Handelsrechte  der  groBen  Landgesellschaften 
wandten  sich  nun  aber  auch  die  Ktistenfirmen,  so  da  13  der  Gouverneur  vor 
einer  Reihe  schwerwiegender  Fragen  stand,  die  um  so  schwerer  zu  losen  waren, 
als  an  der  Frage  der  geordneten  Abgrenzung  der  Eingeborenendorfer  auch  die 
Missionen  interessiert  waren  und  die  Landkonzessionen  die  offentliche  Mei- 
nung  Deutschlands  stark  erregten. 

Es  kam  noch  dazu,  daB  durch  die  rasche  Ausdehnung  der  Verwaltung  auf 
Gebiete,  die  beinahe  so  groB  waren,  wie  das  Deutsche  Reich,  eine  fortdauernde 
Personalvermehrung  notwendig  wurde,  die  im  Reichstag  auf  Widerstand 
stiefi,  weil  ganz  natiirlicherweise  die  Einnahmen  aus  den  neubesetzten  Ge- 
bieten  nicht  von  vornherein  die  Verwaltungskosten  decken  konnten.  Auch 
die  Frage  der  wirtschaftlichen  ErschlieBung  des  Schutzgebietes  durch  Bau 
von  StraBen,  Reinigung  der  schiffbaren  Teile  der  Fliisse  und  Bau  von  Eisen- 
bahnen  vermehrte  die  Arbeit  des  Gouvernements.  Das  Reich  war  nicht  dazu 
zu  bringen,  Mittel  zum  Bau  von  Eisenbahnen  zur  Verfiigung  zu  stellen.  Es 
muBte  auch  hier  der  Weg  der  Erteilung  von  Konzessionen  beschritten  werden, 
und  das  fuhrte  zu  neuen  Kampfen.  SchlieBlich  erhielt  die  Kameruner  Eisen- 
bahngesellschaft  die  Konzession  zum  Bau  einer  Eisenbahn  von  Duala  mungo. 
aufwarts  nach  den  Hochlandern  des  Innern. 

Trotz  aller  dieser  Kampfe  ging  die  wirtschaftliche  Entwicklung  des  L,andes 
in  raschem  Tempo  vorwarts.  Nachdem  die  Plantagen  an  der  Kiiste  ihre 
Kinderkrankheiten  iiberwunden  hatten  und  ein  regelmaBiger  Arbeiterzuzug 
gesichert  war,  entwickelten  sie  sich  in  gesunder  Weise.  Im  Siiden  drang  der 
deutsche  Handel  sehr  rasch  nicht  nur  iiber  den  Sanga,  sondern  auch  auf  der 
StraBe  Kribi,  Lolodorf,  Jaunde  ins  Innere  weit  vor,  und  als  im  siidlichen 
Hinterland  groBe  Bestande  eines  Gummibaumes,  der  Kickxia  elastica,  ge- 
funden  wurden,  nahm  die  Kautschukgewinnung  einen  ungeahnten  Aufschwung. 

Mitten  aus  dieser  Entwicklung  wurde  der  Gouverneur  v.  P.  herausgerissen. 
Es  waren  infolge  der  allgemeinen  Krisis,  in  die  die  deutsche  Kolonialverwal- 
tung  durch  den  groBen  Eingeborenenaufstand  in  Siidwestafrika  hineingerissen 
wurde,  in  Deutschland  eine  Reihe  Angriffe  nicht  nur  gegen  seine  Verwaltung, 
sondern  auch  gegen  ihn  personlich  gerichtet  worden.  Im  Januar  1906  wurde 
Gouverneur  v.  P.  abberufen. 

Die  Tatigkeit  des  Gouverneurs  v.  P.  hat  in  der  Zeit,  in  der  er  als  Gouverneur 
in  Kamerun  wirkte,  die  verschiedenste  Beurteilung  gefunden,  je  nach  dem 
Standpunkt,  den  der  Beurteiler  zu  kolonialen  Fragen  iiberhaupt  einnahm. 
Heute,  nachdem  zwei  Jahrzehnte  seit  seinem  Ausscheiden  aus  Kamerun  hin- 


124  lgl? 

gegangen  sind,  laBt  sich  diese  Tatigkeit  ruhiger  beurteilen,  und  da  ist  es  kein 
Zweifel,  daB  P.  seine  ganze  Kraft  an  die  kolonialen  Aufgaben  gewandt  hat. 
Er  war  ein  Mann  von  Geist  und  Energie  und  hatte  dabei  groBe  kunstlerische 
Interessen.  Besonders  nachdem  er  Gouverneur  von  Kamerun  war,  setzte  er 
seine  ganze  Kraft  daran,  das  Land  wirtschaftlich  vorwarts  zu  bringen.  Er  hat, 
nie  rastend  beinahe  das  ganze  Schutzgebiet  bereist ;  war  nicht  nur  im  ganzen 
Kustengebiet,  sondern  auch  in  Adamaua  und  am  Sanga-Ngoko.  Durch  seine 
vielen  Reisen  nach  englischen  Kolonien,  nach  dem  Kongo,  nach  spanischen 
und  portugiesischen  Kolonien  hatte  er  einen  Einblick  gewonnen  in  die  ganze 
Entwicklung  Westafrikas.  Im  allgemeinen  richtete  er  seine  Kolonialpolitik 
nach  englischem  Muster  ein.  Besonders  auch  auf  dem  Gebiete  der  Eingeborenen- 
politik.  Er  war  nicht,  wie  vielfach  behauptet  worden  ist,  ein  Vertreter  der 
Unterdriickung  der  Eingeborenen ;  im  Gegenteil,  er  suchte  die  Eingeborenen 
nicht  nur  zur  wirtschaftlichen,  sondern  auch  zur  politischen  Entwicklung  des 
Landes  heranzuziehen.  Unter  seiner  Regierung  wurde  von  der  Kiiste  aus  bis 
nach  Jaunde  ein  Netz  von  Eingeborenenschiedsgerichten  gebildet,  die  wohl 
als  Grundlage  dienen  konnten  fur  eine  selbstandige  politische  Entwicklung 
der  Eingeborenen.  Dem  heute  in  der  Offentlichkeit  iiberall  vertretenen  Satz, 
daB  der  Eingeborene  nicht  zu  einem  Zerrbild  des  Europaers  heranzubilden 
sei,  sondern  sich  seiner  Fahigkeit  entsprechend  eine  eigene  Kultur  schaffen 
soil,  stand  P.  durchaus  nicht  ablehnend  gegenuber.  Wenn  er  mit  seinen  MaB- 
nahmen  haufig  auf  den  Widerstand  einzelner  Kreise  stieB,  so  lag  das  eben 
daran,  daB  die  verschiedenen  Interessen  der  groBen  Pflanzer,  der  Kaufleute 
und  der  Missionen  haufig  schwer  zu  vereinen  waren.  Auch  die  Eingeborenen- 
kulturen  hat  P.  nicht  grundsatzlich  abgelehnt.  Wenn  er  sie  nicht  in  dem 
MaBe  forderte,  wie  das  durch  die  Basler  Mission  an  der  englischen  Goldkiiste 
geschehen  ist,  so  lag  das  zum  groBen  Teil  daran,  daB  es  viel  schwerer  war, 
die  Eingeborenen  in  Kamerun  zur  selbstandigen  wirtschaftlichen  Tatigkeit 
zu  bringen,  als  an  der  weiter  fortgeschrittenen  englischen  Goldkiiste. 

Das  Verdienst  aber  wird  man  ihm  nicht  abstreiten  konnen,  daB  er  unter 
den  schwierigsten  Verhaltnissen  und  fortdauernden  Angriffen  von  alien  Seiten 
das  Schutzgebiet  erheblich  vorwarts  gebracht  hat.  Der  beste  Beweis  ist  das 
Anwachsen  der  Ein-  und  Ausfuhr  von  1895  bis  1905.  Wahrend  im  Jahre  1895 
der  Gesamtwert  der  Ein-  und  Ausfuhr  des  Schutzgebietes  rund  10400000  Mark 
betrug,  war  er  im  Jahre  1905  auf  das  Doppelte,  rund  20300000  Mark,  gestiegen. 

Das  Ende  des  Weltkrieges  hat  Gouverneur  v.  P.  nicht  mehr  erlebt,  er  starb 
am  23.  Januar  1917. 

I/iteratur:  v.  P.,  Gouvemeurs jahre  in  Kamerun,  Berlin  1912. 

Berlin-Charlottenburg.  Theodor  v.  Seitz. 

Schmoller,  Gustav  v.,  Professor  der  Staatswissenschaften  an  der  Universitat 
Berlin,  Wirklicher  Geheimer  Rat,  *  am  24.  Juni  1838  in  Heilbronn,  f  am 
27.  Juni  1917  (auf  einer  Reise  in  Harzburg.  —  Sch.  war  der  Sohn  eines  wiirttem- 
bergischen  Kameralverwalters,  dessen  Urahn  als  Kriegskommissarius  Bern- 
hards  von  Weimar  im  DreiBigjahrigen  Kriege  nach  Schwaben  gekommen 
und  dort  ansassig  geworden  war;  miitterlicherseits  stammte  er  aus  dem 
kaufmannischen  Patriziat  des  bedeutendsten  altwurttembergischen  Industri  e- 


Puttkamer.  Schmoller 


125 


zentrums  Calw,  wo  sein  GroB  vater  und  sein  UrgroB  vater  Gartner  als  nam- 
hafte  Privatgelehrte,  Naturforscher  und  Botaniker,  ein  vornehm  zuriick- 
gezogenes  Leben  fuhrten,  der  UrgroBvater  Mitglied  der  Petersburger  Aka- 
demie  unter  der  Kaiserin  Katharina  II.,  der  GroBvater  im  Verkehr  mit  Goethe 
und  in  wissenschaftlichem  Brief wechsel  mit  Darwin.  Die  Mutter  hat  er  fruh 
verloren;  der  Vater,  ein  giitiger  Mann  von  ernster  Gesinnung,  aber  heiterem 
Temperament,  hat  seine  wie  seiner  Geschwister  Erziehung  hauptsachlich 
selbst  geleitet  und  ihm  den  Trieb,  nach  etwas  Ordentlichem  und  Tuchtigem 
in  stetiger  Arbeit  zu  streben,  von  Jugend  auf  durch  Mahnung  und  Beispiel 
eingefloBt.  Er  gait  in  der  Jugend  als  Schwindsuchtskandidat  und  ist  dadurch 
zu  hygienischer  Lebensfuhrung  und  planvoller  Arbeitsokonomie  erzogen 
worden.  Der  Gymnasialunterricht  in  seiner  Vaterstadt  hat  ihn  nicht  besonders 
angesprochen ;  philologische  Studien  und  Methoden  haben  auch  in  seinem 
spateren  Leben  keine  besondere  Rolle  gespielt.  Ihn  interessierten  mehr  die 
Dinge  des  praktischen  Lebens,  Menschen  und  Zustande  der  heimischen  Um- 
gebung  und  allgemeinere  wissenschaftliche  Betrachtungsweisen.  Der  Vater 
hatte  ihn  zum  Beamten  bestimmt,  wie  es  in  der  Familientradition  lag,  und 
beschaftigte  ihn,  nachdem  er  das  Gymnasium  absolviert  hatte,  zugleich  mit 
Rucksicht  auf  seine  schwachliche  Gesundheit,  vor  dem  Universitatsstudium 
noch  ein  Jahr  lang  in  seiner  Amtskanzlei,  wo  er  nicht  nur  die  Elemente  des 
Finanz-  und  Verwaltungsrechts  kennenlernte,  sondern  auch  eine  lebendige 
Anschauung  von  Land  und  Leuten,  von  Sozial-  und  Wirtschaftsverhaltnissen 
gewann.  Seine  Universitatsbildung  hat  er  ausschlieBlich  auf  der  heimischen 
Hochschule  Tubingen  in  den  vier  Jahren  von  1857  D^s  I^01  genossen.  Die 
nationalokonomischen  Professoren  Schiiz  und  Helferich  haben  keinen  bedeu- 
tenden  EinfluB  auf  ihn  geiibt,  ebensowenig  die  Juristen.  Starkere  Eindriicke 
empf  ing  er  von  den  historischen  Vorlesungen  Max  Dunckers.  AuBer  Geschichte 
und  Philosophie  trieb  er  mit  Vorliebe  auch  Physik,  Chemie,  Maschinenlehre. 
Am  SchluB  seiner  Studienzeit  machte  er  sich  an  die  Bearbeitung  einer  von 
Schiiz  gestellten  Preisaufgabe  iiber  die  volkswirtschaftlichen  Anschauungen 
der  Reform  ationszeit.  Er  gewann  den  Preis  und  wurde  auf  diese  Arbeit  hin, 
die  in  der  »Tiibinger  Zeitschrift«  erschien,  zum  Doktor  der  Staatswissenschaften 
promoviert.  Zugleich  bestand  er  damals,  186 1,  das  erste  kameralistische  Exa- 
men  und  durfte  das  erste  Studium  der  Vorbereitungszeit  als  Finanzreferendar 
bei  seinem  Vater  in  Heilbronn  absolvieren,  wo  er  MuBe  zu  wissenschaftlicher 
Lektiire  fand.  Er  begann  ein  griindliches  Studium  der  philosophischen  Systeme, 
die  von  1750  bis  1850  von  EinfluB  auf  die  Ausbildung  der  nationalokono- 
mischen Theorien  gewesen  waren.  Er  war  schon  damals  von  der  historischen 
Richtung  ergriffen,  die  Hildebrand  und  Roscher  eingeschlagen  hatten  und  die 
auch  Knies  verfolgte.  DaB  das  sogenannte  klassische  System  der  englischen 
Nation alokonomie  auf  ganz  anderen  tatsachlichen  Voraussetzungen  beruhte, 
als  sie  die  Wirklichkeit  des  Lebens  in  Deutschland  darbot,  war  schon  seit  List 
ein  Hauptargument  gegen  die  Allgemeingiiltigkeit  dieser  Lehre;  Sch.  ge- 
dachte  nun  auch  ihre  Abhangigkeit  von  philosophischen  Anschauungen  nach- 
zuweisen,  die  in  Deutschland  damals  als  iiberwundener  Standpunkt  erschienen. 
Das  Buch,  in  dem  er  diesen  Nachweis  fiihren  wollte,  ist  nicht  zustande  ge- 
kommen,  aber  die  Vorarbeiten  dazu  haben  in  Sch.s  spateren  Produktionen 
nachgewirkt. 


126  1917 

Besonders  wichtig  wurde  es  fur  Sch.s  weitere  Ausbildung,  dafi  er  das  zweite 
Stadium  seiner  Vorbereitungszeit  bei  dem  Statistischen  Amt  verbringen  durf  te, 
dessen  Leitung  sein  Schwager  Gustav  Riimelin  nach  dem  Riicktritt  vom 
Kultusdepartement  tibernommen  hatte.  Dieser  bedeutende  Mann,  der  auch 
aus  Heilbronn  stammte  und  1847,  damals  Rektor  einer  Lateinschule,  eine 
Scliwester  Sch.s  geheiratet  hatte,  1848  im  Frankfurter  Parlament  Mitglied 
der  erbkaiserlichen  Partei  und  1849  Mitglied  der  Deputation  gewesen  war, 
die  Friedrich  Wilhelm  IV.  die  Kaiserkrone  anbot,  hat  einen  sehr  starken  Ein- 
fluB  auf  den  jungen  Sch.  geiibt,  einmal  durch  das  Vorbild  eines  Gelehrten 
von  weiter,  allgemeiner  Bildung,  das  er  ihm  gab,  dann  aber  auch  durch  die 
in  Wurttemberg  damals  seltene  Schatzung  des  preufiischen  Staatswesens, 
die  er  ihm  einfloBte.  Er  iibertrug  ihm  jetzt  die  Bearbeitung  der  eben  damals 
vorgenommenen  wiirttembergischen  Gewerbezahlung ;  und  diese  statistische 
Arbeit,  die  1862  in  dem  Wiirttembergischen  Jahrbuch  erschien,  hat  spater  den 
Kurator  der  Universitat  Halle,  den  fruheren  Posener  Oberprasidenten  v.  Beuer- 
mann,  veranlafit,  die  Berufung  des  Verfassers  als  Extraordinarius  an  die  Uni- 
versitat Halle  in  Vorschlag  zu  bringen.  Eben  damals  hatte  sich  der  junge 
Sch.  die  wiirttembergische  Beamtenlaufbahn  verschlossen  durch  eine  Broschure, 
welche  in  der  durch  den  preuBisch-franzosischen  Handelsvertrag  von  1861 
herbeigefuhrten  Krisis  des  Zollvereins  fiir  die  preuBische  Sache  und  gegen  die 
im  Lager  Osterreichs  stehende  wiirttembergische  Regierung  eintrat.  Im  Friih- 
jahr  1864  nahm  er  daher  ohne  Zogern  den  Ruf  nach  Halle  an.  Vor  dem  Antritt 
der  Professur  schrieb  er  noch  einen  bedeutenden  Artikel  iiber  die  Arbeiter- 
frage  fiir  die  »PreuBischen  Jahrbucher«,  den  man  wohl  als  das  erste  Programm 
einer  neuen  sozialpolitischen  Richtung  in  der  deutschen  Nationalokonomie 
bezeichnen  kann. 

Die  Verpflanzung  nach  Halle,  zumal  die  Nachfolge  in  das  Ordinariat  von 
Eiselen  (1865),  der  eine  Art  von  preuBischer  Staatskunde  vorzutragen  pflegte, 
brachte  fiir  Sch.  die  Aufgabe  mit  sich,  auf  dem  Boden  des  preufiischen  Staates, 
seiner  Verfassung,  Verwaltung  und  Volkswirtschaft  sich  in  derselben  Weise 
zurechtzufinden  wie  einst  in  seinem  wiirttembergischen  Heimatlande.  Er  wurde 
Stadtverordneter  in  Halle,  urn  die  stadtische  Verwaltung  aus  eigener  An- 
schauung  kennenzulernen,  und  arbeitete  in  den  Ferien  in  dem  Berliner  Archiv, 
wobei  er  mit  richtigem  Blick  die  Verwaltungsgeschichte  der  Epoche  Friedrich 
Wilhelms  I.  zum  Hauptgegenstand  seiner  Studien  machte.  Preufien  wurde 
ihm  mehr  und  mehr  das  Paradigma,  an  dem  er  die  Verknupfung  von  Staats- 
und  Wirtschaftsleben,  namentlich  im  Finanzwesen,  in  konkreter  Anschau- 
lichkeit  studierte. 

In  Halle  hat  sich  der  junge  Professor  auch  seinen  Hausstand  gegriindet 
durch  die  Verheiratung  mit  Lucie  Rathgen,  der  Tochter  eines  weimarischen 
Geheimen  Rates  und  Enkelin  des  von  ihm  hochverehrten  Niebuhr.  Aus 
dieser  sehr  gliicklichen  und  harmonischen  Ehe  sind  zwei  Kinder,  ein  Sohn  und 
eine  Tochter  entsprossen.  Das  literarische  Hauptwerk  der  Hallischen  Jahre 
war  die  »Geschichte  des  deutschen  Kleingewerbes  im  19.  Jahrhundert*  (1870), 
das  angesichts  des  soeben  zum  Durchbruch  gekommenen  Prinzips  der  Ge- 
werbefreiheit  auf  die  Notwendigkeit  hinwies,  nicht  alles  dem  freien  Spiel 
der  Konkurrenz  zu  iiberlassen,  sondern  hie  und  da  im  Interesse  des  Gemein- 
wohls  doch  auch  wieder  hemmend,  fordernd,  regulierend  einzugreifen.  Das 


Schmoller 


127 


war  ein  neuer  Ton,  der  in  dem  Imager  des  damals  maBgebenden  liberalmanche- 
sterlichen  Kongresses  der  Volkswirte  Aufsehen  und  MiBfallen  erregte.  Gegen 
dies  Buch  von  Sen.  und  zugleich  auch  gegen  das  von  Brentano  liber  die  eng- 
lischen  Gewerkvereine  schrieb  einer  der  einfluBreichsten  Publizisten  jener 
Richtung,  Heinrich  Bernhard  Oppenheim,  einen  beruhmt  gewordenen  Artikel 
in  der  »Nationalzeitung«,  in  dem  die  neue  Schule  von  Sozialpolitikern  als  »Kathe- 
dersozialisten«  vor  der  Offentlichkeit  angeklagt  wurde.  Brentano,  damals 
Privatdozent  in  Berlin,  nahm  den  Fehdehandschuh  auf;  durch  ihn  angeregt, 
setzte  sich  Adolf  Wagner  (s.  unten  S.  1735.),  der  Ordinarius  in  Berlin,  der 
bis  dahin  sozialpolitisch  noch  nicht  hervorgetreten  war,  mit  Sch.  in  Verbindung; 
und  in  dessen  Hause  zu  Halle  wurde  von  einer  kleinen  Gruppe,  zu  der  auch 
Hildebrand  und  sein  Schuler  Conrad  gehorten,  jene  Zusammenkunft  in  Eise- 
nach verabredet,  auf  der  am  5.  und  6.  Oktober  1872  der  Verein  fiir  Sozial- 
politik  gegriindet  worden  ist.  Sch.  hielt  dabei  die  einleitende  Ansprache;  der 
Vorsitz  wurde  zunachst  an  den  Bonner  Professor  Erwin  Nasse  iibertragen ;  als 
dieser  gestorben  war  (1890),  wurde  Sch.  sein  Nachfolger. 

Die  Berufung  an  die  neu  begriindete  Universitat  StraBburg  (1872)  fuhrte 
Sch.  zu  eingehenden  wirtschafts-  und  sozialgeschichtlichen  Untersuchungen, 
die  der  Vergangenheit  StraBburgs,  namentlich  der  Zeit  vom  13.  bis  15.  Jahr- 
hundert  gewidmet  waren  und  aus  denen  schlieBlich  das  Buch  iiber  die  Tucher- 
tmd  Weberzunft  hervorgegangen  ist,  das  1879  erschien.  In  diesem  Werke, 
das  ganz  auf  urkundlichem  Material  aufgebaut  war,  bei  dessen  Bearbeitung 
ein  talentvoller  Schuler,  Wilhelm  Stieda,  geholfen  hatte,  gait  es,  das  Wesen 
der  mittelalterlichen  Stadtwirtschafts-  und  Gewerbepolitik  an  einem  ty- 
pischen  Beispiel  darzustellen  und  wissenschaftlich  zu  erlautern.  Der  Lehrbetrieb 
in  dem  mit  Knapp  und  I^exis  zusammen  geleiteten  staatswissenschaftlichen 
Seminar  gab  Sch.  Veranlassung  zur  Begriindung  der  groBen  Reihe  »staats- 
und  sozialwissenschaftlicher  Forschungen«,  die  seit  1878  im  Verlage  von 
Duncker  &  Humblot  (Carl  Geibel)  erschien,  eine  Sammelstelle  fiir  die  konkret- 
realistische  Tatsachenforschung,  mit  der  er  die  Theorie  des  Wirtschaftslebens 
zu  fundamentieren  bestrebt  war.  Die  Verbindung  mit  Berlin  und  den  preuBi- 
schen  Studien  wurde  nicht  abgebrochen.  Ein  Vortrag  iiber  die  soziale  Frage 
und  den  preuBischen  Staat,  den  Sch.  in  den  Osterferien  1874  in  Berlin  ge- 
halten  hatte  und  der  in  den  » PreuBischen  Jahrbiichern*  gedruckt  wurde,  gab 
dem  Herausgeber,  H.  v.  Treitschke,  AnlaB  dazu,  in  einigen  gleich  darauf 
folgenden  Artikeln  iiber  den  Sozialismus  und  seine  Gonner,  gegeniiber  dem 
von  Sch.  aufgestellten  sozialpolitischen  Reformprogramm  seinen  eigenen, 
auf  die  Notwendigkeiten  einer  hoheren  Kultur  sich  berufenden  sozialaristo- 
kratischen  Standpunkt  zur  Geltung  zu  bringen,  worauf  Sch.  in  einem  langeren 
offenen  Sendschreiben  » iiber  einige  Grundfragen  des  Rechts  und  der  Volks- 
wirtschaft*  antwortete,  das  die  ethischen  und  rechtsphilosophischen  Ideen 
seines  Programms  mit  siegreicher  Warme  verfocht.  Bald  darauf,  1875,  als 
Sch.  Rektor  in  StraBburg  war,  sagte  ihm  Bismarck  einmal,  er  sei  eigentlich 
auch  »Kathedersozialist«,  er  habe  nur  noch  nicht  recht  Zeit  dazu.  Einige 
Jahre  darauf  vollzog  sich  der  groBe  Umschwung,  der  mit  der  Steuer-  und 
Wirtschaftsreform  auch  die  Ara  der  neuen  sozialpolitischen  Gesetzgebung 
eroffnete.  Die  Ideen  Sch.s  und  seiner  Gesinnungsgenossen,  die  bisher  nur  als 
eine  Unterstromung  sich  bemerkbar  gemacht  hatten,  erhielten  jetzt  Ober- 


128  1917 

wasser  und  sollten  bald  die  Muhlen  der  Gesetzgebung  treiben.  Mit  dieser  Wen 
dung  stand  es  auch  in  Zusammenhang,  daB  Sch.  d1'e  Leitung  des  seit  einigen 
Jahren  im  Verlage  von  Duncker  &  Humblot  erscheinenden  Jahrbuchs  fiir 
Gesetzgebung,  Verwaltung  und  Volkswirtschaft  iibernahm,  das  erst  der  Staats- 
rechtslehrer  Franz  v.  Holtzendorff  und  dann  Lujo  Brentano  herausgegeben 
hatten.  Es  war  das  zweite  groBe  literarische  Instrument,  dessen  er  zur  Ver- 
wirklichung  seiner  Ideen  und  Plane  bedurfte,  neben  den  staats-  und  sozial- 
wissenschaftlichen  Forschungen, 

So  war  Sch.  eine  fertige  Gelehrtenpersonlichkeit  mit  stark  und  deutlich 
ausgepragter  Eigenart  und  festbegriindetem  Ansehen,  als  er  im  Jahre  1882 
nach  Berlin  iibersiedelte,  wo  er  schon  zweimal  (1870  und  1879)  vergeblich 
zum  Ordinarius  vorgeschlagen  worden  war,  wo  aber  jetzt  erst  die  Bedenken 
des  Ministeriums  gegen  seine  sozialpolitische  Richtung  hinwegfielen.  Diese 
war  es,  die  ihn  mit  seinem  Fachkollegen  Adolf  Wagner  dauernd  verband, 
wahrend  dessen  theoretische  Einstellung  im  offenen  Gegensatz  zu  Sch.s 
historisch-realistischer  Betrachtungsweise  stand.  Aber  nicht  mit  diesem  her- 
vorragenden  Vertreter  der  theoretischen  Richtung,  sondern  mit  dem  Wiener 
Volkswirtschaftslehrer  Karl  Menger  (s.  DBJ.  1921,  S.  192  ff.,  bes.  S.  196  f.) 
ist  Sch.  in  den  ersten  Jahren  seiner  Berliner  Wirksamkeit  in  einen  Aufsehen 
erregenden  Methodenstreit  geraten.  Menger  hatte  in  seinen  »Untersuchungen 
liber  dieMethode  der  Sozialwissenschaften  usw.«  1883  einen  scharfen  Angriff 
gegen  die  historisch-psychologische  Behandlungsweise  der  Nationalokonomie, 
wie  sie  Sch.  iibte,  gerichtet.  Sch.  besprach  diese  Schrift  mit  sehr  abfalliger 
und  temperamentvoller  Kritik  und  behauptete  seinen  Standpunkt  mit  aller 
Entschiedenheit.  Menger  antwortete  durch  eine  neue,  noch  scharfere  Schrift 
tiber  die  Irrtumer  des  Historismus  in  der  deutschen  Nationalokonomie  1884; 
aber  Sch.  schickte  das  ihm  zugesandte  Buch  unter  Protest  zuriick  und  lehnte 
es  ab,  sich  auf  eine  weitere  Diskussion  einzulassen,  die  bei  der  Verschieden- 
artigkeit  der  personlichen  Einstellung  zu  den  methodischen  Problemen  zu 
keinem  ersprieBlichen  Ergebnis  fuhren  konnte.  Es  war  ein  Akt  der  Selbst- 
behauptung  seines  innersten  wissenschaftlichen  Wesens;  aber  er  hatte  zu- 
gleich  die  verhangnisvolle  Wirkung,  daB  zwischen  der  nun  bald  herrschend 
werdenden  historischen  Richtung  der  Nationalokonomie  in  Deutschland 
und  der  zukunftreichen  osterreichischen  Schule,  die  eine  neue  auf  die  soge- 
nannte  Grenznutzentheorie  begriindete  Wertlehre  ausbildete,  ein  jaher  Bruch 
eintrat,  der  erst  nach  Jahrzehnten,  wo  auch  Sch.  jene  Bestrebungen  gerecht 
und  vorurteilsfrei  wiirdigte,  wieder  einer  gegenseitigen  Annaherung  Platz 
gemacht  hat. 

Sch.  kam  es  jetzt  vor  allem  darauf  an,  ohne  Kraft-  und  Zeitverlust  durch 
methodische  Kontroversen,  seinen  groBen  Lebensplan,  die  historisch-rea- 
listische  Grundlegung  zu  einem  neuen  System  der  Staats-  und  Sozialwissen- 
schaften, zu  fordern  und  womoglich  selbst  noch  zur  Ausfuhrung  zu  bringen. 
Mit  neuer  Energie  wandte  er  sich  den  Studien  iiber  die  preuBische  Verwal- 
tungs-  und  Wirtschaftsgeschichte  zu.  Er  faBte  seine  langjahrigen  archivalischen 
Forschungen  zu  einer  Reihe  von  groBen  Aufsatzen  iiber  die  brandenburgisch- 
preuBische  Wirtschaftspolitik  im  16.,  17.  und  18.  Jahrhundert  zusammen, 
aus  denen  nicht  nur  ein  lebendiges  Bild  von  der  Geschichte  des  Elb-  und  Oder- 
handels,  der  Verwaltung  der  neuen  magdeburgischen  Provinz  und  des  Halli- 


Schmoller 


129 


schen  Salzwesens,  der  Handelsstreitigkeiten  zwischen  Brandenburg,  Sachsen 
und  Hamburg  sich  ergab,  sondern  vor  allem  eine  ganz  neue  Beleuchtung  und 
Wiirdigung  des  Merkantilsystems,  das  erst  jetzt  in  seiner  relativen  Berechti- 
gung  als  ein  niitzliches  und  notwendiges  Durchgangsstadium  in  der  Geschichte 
der  wirtschaftychen  Politik  der  neueren  Staaten,  als  die  natiirliche  wirtschaft- 
liche  Begleiterscheinung  des  groBen  Prozesses  der  modernen  Staatenbildung 
sich  darstellte.  Dazu  kamen  tiefschiirfende  Aufsatzreihen  iiber  die  Reform 
der  stadtischen  Verfassung  und  Verwaltung  durch  Friedrich  Wilhelm  I., 
iiber  die  neue  Regelung  des  Innimgswesens  tmd  der  Gewerksprivilegien  imter 
seiner  Regierung,  iiber  die  Entstehung  des  preuBischen  Heeres  im  17.  und 
18.  Jahrhundert,  sein  Verhaltnis  zur  Verwaltung  und  zum  Wirtschaftsleben, 
seine  Einfiigung  in  die  Staats-  und  Gesellschaftsordnung.  Das  alles  waren 
Bruchstiicke  und  Anfange,  zu  der  geplanten  Verwaltungsgeschichte  unter 
Friedrich  Wilhelm  I.;  aber  im  iibrigen  miindete  dieser  Plan  in  eine  groB- 
angelegte  Quellenpublikation  der  Akademie  der  Wissenschaften,  die  bald 
nach  Sch.s  Eintritt  in  diese  Korperschaft  (1887)  unter  dem  verstandnisvollen 
Entgegenkommen  des  Generaldirektors  der  preuBischen  Staatsarchive,  Hein- 
richs  v.  Sybel,  seit  dem  Jahre  1888  unter  dem  Namen  »Acta  Borussica: 
Denkmaler  der  preuBischen  Staatsverwaltung  im  18.  Jahrhundert«  in  die 
Wege  geleitet  wurde  und  bis  zum  Anfang  des  groBen  Krieges,  wo  eine  lang- 
andauernde  Stockung  eintrat,  auf  22  Bande  anwuchs.  Sch.  selbst,  dessen 
Vorarbeiten  dabei  iiberall  zugrunde  lagen,  eroffnete  die  Reihe  iiber  »  Behorden- 
organisation  und  allgemeine  Verwaltung «  mit  einer  stoff-  und  gedankenreichen 
Studie  iiber  die  Entstehung  imd  das  Wesen  des  Beamtentums  in  den  neueren 
Staaten,  insonderheit  Deutschlands :  Mit  der  Leitung  dieser  groBen  Akten- 
publikation  kam  Sch.  in  einen  engeren  und  festeren  Zusammenhang  mit  den 
historischen  Studien  uberhaupt,  die  der  Geschichte  des  preuBischen  Staates 
gewidmet  waren ;  er  nahm  auch  teil  an  der  Leitung  der  Urkunden  und  Akten- 
stiicke  zur  Geschichte  des  GroBen  Kurfiirsten;  er  hat  fiir  diese  Publikation 
eine  Erweiterung  iiber  den  urspriinglichen  Rahmen  hinaus  auf  das  Gebiet 
der  inneren  Politik,  namentlich  der  Domanen-  und  Kommissariatsverwaltung 
durchgesetzt  und  in  die  Wege  geleitet.  Er  iibernahm  den  Vorsitz  des  Vereins 
fiir  die  Geschichte  der  Mark  Brandenburg,  der  unter  seinem  EinfluB  zu  einer 
landesgeschichtlichen  Publikationsanstalt  ausgebildet  wurde,  —  imd  dessen 
Organ,  die  »Forschungen  zur  brandenburgischen  und  preuBischen  Geschichte«, 
in  einen  engen  Zusammenhang  mit  den  »Acta  Borussica «  trat. 

Zugleich  mit  diesen  historischen  Quellenpublikationen  behielt  Sch.  die 
Zusammenfassung  seiner  sozialwissenschaftlichen  Forschungen  im  Auge.  Er 
stellte  tiefgriindige  Untersuchungen  an  iiber  Arbeitsteilung,  iiber  soziale 
Klassenbildung,  iiber  die  Formen  der  Unternehmung.  Er  hat  den  okonomischen 
Stufengang  Hildebrands:  Naturalwirtschaft  —  Geldwirtschaft —  Kreditwirt- 
schaft —  erganzt  durch  die  aus  dem  konkreten  Beispiel  der  deut  schen  Wirt- 
schaftsgeschichte  abgeleiteteEpochenfolge  der  Stadtwirtschaft,  Territorialwirt- 
schaft,  Volkswirtschaft,  und  er  hat  alle  diese  drei  Epochen  in  aufschluBreichen 
Untersuchungen  beleuchtet,  in  denen  die  Verbindung  des  Wirtschaftslebens 
mit  der  Staatenbildung  zu  eindringlicher  Anschauung  gebracht  wurde. 

Auf  eine  Anregung  seines  Verlegers  Carl  Geibel  unternahm  Sch.  schlieBlich 
auch  den  Versuch  einer  zusammenfassenden  historisch-systematischen  Dar- 
dbj  0 


130  1917 

stellung  seiner  Forschungsergebnisse  in  einem  »GrundriB  der  Volkswirtschafts- 
lehre*.  Es  war  ein  KompromiB  zwischen  der  Forderung  des  Tages  und  dem 
Plan,  der  ihm  urspriinglich  vorschwebte.  Seine  Meinung  war  immer  gewesen, 
daB  erst  in  einigen  Jahrzehnten  monographischer,  wirtschaftsgeschichtlicher 
und  statistisch-deskriptiver  Einzelforschung  eine  feste  Grundlage  geschaffen 
werden  miisse,  auf  der  dann  ein  neues  Lehrgebaude  errichtet  werden  konne. 
Er  glaubte  aber,  jetzt  nicht  langer  damit  saumen  zu  durfen,  wenn  er  nicht 
alles  der  kommenden  Generation  iiberlassen  wollte.  Seine  akademische  Lehr- 
tatigkeit  hatte  ihn  ja  immer  wieder  veranlaBt,  eine  theoretische  Zusammen- 
fassung  und  Verarbeitung  des  allmahlich  anwachsenden  Stoffes  vorzunehmen. 
So  entstand  der  »GrundriB  der  Volkswirtschaftslehre«,  trotz  der  gedrangten 
Kiirze  ein  monumentales  Werk ;  ein  groBartiges  Mosaikgemalde,  in  dem  jedes 
Steinchen  das  Resultat  einer  Spezialforschung  war;  es  enthielt  den  Stoff  zu 
einer  sozialen  Universalgeschichte  oder  universalgeschichtlichen  Soziologie, 
aber  noch  in  den  Rahmen  und  das  Fachwerk  einer  freilich  soziologisch  unter- 
bauten  Volkswirtschaftslehre  hineingepreBt.  Man  kann  es  hier  mit  Handen 
greifen,  wie  aus  der  Volkswirtschaftslehre  die  neue  Disziplin  der  Soziologie 
herauswachst,  wie  sie  die  alten  Formen  vielfach  sprengt  ohne  doch  schon 
ihre  eigene,  selbstandige  Form  zu  finden. 

Wie  in  seinen  Vorlesungen,  so  war  Sch.  auch  in  diesem  ^GrundriB*  vor 
allem  bestrebt,  anschauliche  Vorstellungen  zu  geben,  die  der  weiteren  Ver- 
standesarbeit  als  Stoff  und  Unterlage  dienen  konnten.  Aber  andererseits 
htitete  er  sich,  die  Dinge  als  einfacher  und  klarer  darzustellen,  als  sie  in  der 
Wirklichkeit  sind.  Er  betonte  das  Hypothetische  in  den  theoretischen  Grund- 
anschauungen,  das  Problematische  in  den  praktischen  Aufgaben  der  Wirt- 
schaftspolitik,  die  relative  Berechtigung  der  entgegengesetzten  Standpunkte, 
die  ortliche  und  zeitliche  Bedingtheit  aller  wirtschaftspolitischen  MaBregeln. 
Allen  radikalen  Losungen  und  schematischen  Vereinfachungen  war  er  ab- 
hold;  es  war  nicht  Schul-  sondern  Lebensweisheit,  was  er  lehren  wollte.  Es 
war  der  Niederschlag  einer  mehr  als  35jahrigen  Forschungs-  und  Lehrtatig- 
keit;  aber  doch  eben  nur  ein  »GrundriB«:  gedrangt,  kompendios,  gedampft 
im  Ton.  Wenn  man  die  Kraft  und  den  Schwung  des  Stils,  den  kuhnen  Gedanken- 
flug  der  besten  Jahre  Sch.s  kennenlernen  will,  so  muB  man  auch  seine  fruheren 
Werke,  namentlich  seine  Reden  und  Aufsatze,  zur  Hand  nehmen. 

Wer  Sch.  lediglich  nach  seinen  Leistungen  fiir  die  Fortbildung  der  theore- 
tischen Nationalokonomie  beurteilt,  wird  zu  einem  schiefen  Ergebnis  ge- 
langen.  Er  ist  aber  wohl  als  der  Wegbereiter  der  neuen  » verstehenden  Sozio- 
logie* anzusehen,  wie  sie  namentlich  Max  Weber  (s.  unten  S.  593  ff.)  und 
Sombart,  beide  seine  Schuler,  aller  dings  sehr  selbstandige,  ausgebildet  haben. 
Dem  Kern  seines  wissenschaftlichen  Wesens  kommt  man  am  nachsten,  wenn 
man  von  seiner  Neigung  zu  »anschaulichem  Denken«  ausgeht,  wie  er  es  nannte. 
Der  Kern  des  Methodenstreits,  in  den  er  verwickelt  war,  liegt  nicht  in  dem 
Gegensatz  von  deduktivem  und  induktivem  Verfahren  —  Schlagworte,  die 
damals  im  AnschluB  an  die  Millsche  Logik  vielfach  gebraucht  wurden.  Er 
liegt  vielmehr  in  dem  Gegensatz  von  Begriff  und  Anschauung.  Die  Gegner 
hatten  ein  System  von  Begriffen  im  Auge,  wie  sie  die  Naturwissenschaft 
braucht  oder  auch  die  Jurisprudenz ;  Sch.  schwebte  eine  Typenlehre  vor, 
die  nicht  Begriff e  definieren,  sondern  anschauliche  Abstraktionen,  und  zwar 


Schmoller 


131 


nicht  eigentlich  von  substantiellen  Dingen,  sondern  mehr  von  sozialen  Hand- 
lungen,  Verhaltungsweisen  und  Ordnungen  beschreiben  wollte.  Daher  die 
Fordening  historisch-realistischer  Einzelforschnng,  die  er  erhob:  sie  sollte 
das  Material  zu  solchen  Typenbildungen  liefern  und  muBte  daher  so  an- 
schaulich  und  detailliert  wie  moglich  sein.  Er  wollte  solch  typisches  soziales 
Handeln  nicht  bloJ3  von  auBen  »begreifen«,  wie  es  die  Naturwissenschaft 
mit  ihren  Objekten  tut,  sondern  er  wollte  es  von  innen  heraus  »verstehen«, 
d.  h.  auf  menschliche  Motive  zuriickfiihren,  die  uns  bekannt  sind.  »Forschend 
zu  verstehen*  war  ja  auch  die  Aufgabe,  die  der  von  ihm  verehrte  J.  G.  Droysen 
dem  Historiker  gestellt  hatte.  Er  traf  auch  mit  dem  Philosophen  Dilthey,  dem 
er  besonders  nahe  stand,  in  dieser  Auffassungsweise  zusammen.  Daher  seine 
Betonung  der  Psychologic  tJber  die  bisherigen  Vertreter  der  historischen 
Richtung  in  der  Nationalokonomie  ging  er  insofern  hinaus,  als  er  bereit  war, 
das  iiberlieferte  theoretische  System  ganz  oder  doch  groBenteils  preiszugeben, 
urn  auf  Grund  historisch-realistischer  Forschung  ein  ganz  neues  System  auf- 
zubauen.  Dabei  kam  es  ihm  im  Grunde  gar  nicht  allein  auf  die  eigentliche 
Volkswirtschaftslehre  an,  sondern  auf  die  Gesamtheit  der  Staats-  und  Sozial- 
wissenschaften  —  ein  Programm,  das  der  GrundriB  der  Volkswirtschaftslehre 
allerdings  nur  unvollkommen  realisiert  hat,  das  erst  die  neuere  Soziologie  im 
vollen  Umfange  auszufuhren  versuchte.  Jedenfalls  aber  stand  die  Verbindung 
der  Volkswirtschaft  mit  dem  Staat  und  seiner  Geschichte  fiir  Sch.  im  Mittel- 
punkt  seiner  wissenschaftlichen  und  praktischen  Interessen.  Ebenso  fest  hielt 
er  an  dem  Zusammenhang  des  Wirtschaftslebens  mit  Sitte,  Moral  und  Recht, 
mit  dem  Ganzen  der  ethischen  Kultur  und  Zivilisation.  In  seinen  letzten 
methodologischen  Auseinandersetzungen  mit  Max  Weber  und  dessen  Ge- 
sinnungsgenossen  (Handworterbuch  der  Staatswissenschaften  1911,  3.  Aufl., 
Bd.  VIII)  hielt  er  an  seinem  Standpunkt  mit  Entschiedenheit  fest.  Sein  prak- 
tischer  Verstand  straubte  sich  gegen  die  Fordening,  daB  die  Sozialwissenschaft 
auf  Werturteile  prinzipiell  verzichten  sollte;  er  verlangte  nur  Takt  und  maB- 
volle  Beschrankung  im  Urteil.  Wie  hatte  auch  der  Mann,  der  im  Namen  der 
sozialen  Gerechtigkeit  gegen  die  Manchesterlehre  in  der  Nationalokonomie 
zu  Felde  gezogen  war,  diese  Idee  als  Leitstern  seines  wissenschaftlichen  Denkens 
verleugnen  sollen!  Die  Wissenschaft  erschien  ihm  iiberhaupt  nur  als  ein 
integrierender  Bestandteil  der  allgemeinen  geistigen  Kultur;  wie  diese  schien 
auch  sie  ihm  untrennbar  verbunden  zu  sein  mit  ethischen  Anschauungen  und 
Werturteilen.  Seine  philosophischen  Ansichten  wurzelten  zwar  im  deutschen 
Idealismus,  aber  sie  hatten  einen  stark  realistischen  Zug  angenommen  unter 
dem  EinfluB  des  franzosischen  und  englischen  Positivismus,  von  dem  er  ebenso 
wirksam  beruhrt  worden  war  wie  etwa  Scherer  und  Dilthey.  Er  hat  von 
Comte  und  Spencer,  zuletzt  auch  noch  von  Wundt  gelernt.  Mit  Comte  stimmte 
er  (wie  auch  Dilthey)  uberein  in  der  Meinung,  daB  die  gegenwartige  Epoche 
des  Denkens  dem  Zeitalter  der  Metaphysik  entwachsen  sei.  Aber  die  Illusion 
des  Positivismus,  als  ob  eine  vollige  Ersetzung  der  metaphysisch-teleologischen 
Anschauungen  durch  exakte  wissenschaftliche  Forschung  erreichbar  sei, 
teilte  er  nicht.  Er  erkannte  an,  daB  doch  immer  nur  ein  verhaltnismaBig 
kleiner  Teil  der  uns  gegebenen  Wirklichkeit  durch  exakte  wissenschaftliche 
Forschung  kausal  erklart  werden  konne,  daB  im  iibrigen  die  teleologischen 
Vorstellungen,   wie  sie  namentlich  aus  den   Religions-   und  Moralsystemen 


132  1917 

stammen,  ihren  Platz  weitgehend  behaupten  werden.  Nur  wollte  er,  dafl  das 
Gebiet  der  exakten  Erkenntnis  fortschreitend  ausgedehnt  werden  sollte,  und 
daB  die  metaphysischen  Vorstellungen  zu  einem  entspreclienden  Zurtick- 
weichen  oder  zur  Anpassung  an  die  wissenschaftlichen  Ergebnisse  sich  genotigt 
sehen  sollten.  In  diesem  Sinne  sah  er  mit  Dilthey  das  Wesen  der  Geistes- 
wissenschaften  und  so  auch  der  Staats-  und  Sozialwissenschaften  in  der  fort- 
schreitenden  Analyse  eines  im  unmittelbaren  anschaulichen  Wissen  und  im 
Verstandnis  von  vornherein  besessenen  Ganzen. 

Die  exakte  Wissenschaft  sollte  also  seiner  Meinung  nach  durch  die  Welt- 
anschauung mit  ihren  sittlichen  Idealen  erganzt  werden.  Die  sittlichen  Ideen 
aber,  die  unser  Handeln  regulieren,  erschienen  ihm  nicht  als  transzendente 
Machte,  sondern  als  Erzeugnisse  eines  Gemeingeistes  und  Gemeinwillens, 
der  zuletzt  auf  dem  Zusammenwirken  individual-psychologischer  Prozesse 
mit  den  uberlieferten  Kulturordnungen  beruht.  Anthropologic  und  Psycho- 
logic erschienen  ihm  —  auch  darin  stimmte  er  mit  Dilthey  uberein  —  als  die 
Grundlagen  aller  Geisteswissenschaften. 

Dabei  hatte  er  freilich  eine  praktische  Psychologie  im  Auge,  wie  sie  mehr 
aus  der  Beobachtung  des  Lebens  und  aus  dem  Studium  von  Geschichte  und 
Literatur  stammte,  als  aus  psychophysischen  Experimenten.  Er  war  ein  aus- 
gezeichneter  Menschenkenner  und  besaB  eine  natiirliche  Gabe  der  Beob- 
achtung von  Lebensverhaltnissen,  die  fruhzeitig  geschult  und  fortgebildet 
worden  war.  Die  leichte  und  geschickte  Behandlung  schwieriger  Geschafte 
des  praktischen  Lebens,  die  Fahigkeit  zu  organisieren  und  zu  leiten  beruhte 
ebenso  darauf  wie  die  glanzende  Gabe,  Charakterbilder  zu  entwerfen,  die  ihn 
als  Schriftsteller  auszeichnete.  Er  hatte  das  Bediirfnis,  sich  die  Menschen 
nach  ihren  verschiedenen  Lebenskreisen  und  Berufen,  nach  Herkunft  und 
Bildung,  nach  Rasse  und  Nationalitat  in  bestimmten  Charaktertypen  vorzu- 
stellen,  wie  er  sie  zum  Teil  auch  in  seinem  GrundriB  mit  wenigen  Strichen 
meisterhaft  gezeichnet  hat.  Aus  solchem  Vorstellungsmaterial  belebte  und  er- 
ganzte  er  die  historische  Uberlieferung  naher  und  ferner  Vergangenheit ; 
es  war  ihm  zugleich  aber  auch  ein  Mittel,  die  Gegenwart,  Menschen  und  Ver- 
haltnisse,  zu  durchschauen  und  zu  meistern.  Seine  fuhrende  Stellung  im  Verein 
fiir  Sozialpolitik  beruhte  nicht  etwa  darauf,  daB  er  der  scharfste  und  ent- 
schiedenste  Vertreter  der  Reformideen  ge wesen  ware,  sondern  darauf,  daB  er 
unter  den  entschiedenen  Anhangern  der  Reform  der  maBvollste  war,  der  es 
am  besten  verstand,  die  auseinandergehenden  Meinungen  und  Wiinsche  durch 
den  Hinweis  auf  das  Gemeinwohl  immer  wieder  zusammenzuhalten,  daB  er 
die  relative  Berechtigung  der  einander  entgegenstehenden  Interessen  am  klar- 
sten  zu  erkennen  und  am  feinsten  abzuwagen  wuBte,  daB  er  iiberhaupt  ein  so 
hohes  MaB  von  personlichem  Takt  und  politischem  Verstand  besaB.  Das 
war  es  auch,  was  ihm  und  seiner  Richtung  auf  Jahrzehnte  eine  fuhrende  Stel- 
lung im  Kreise  der  staatswissenschaftlichen  Fachgenossen  verschafft  hat, 
daneben  freilich  auch  noch  der  Umstand,  daB  er  von  jeher  von  einem  so  groB- 
artigen  Vertrauen  zur  Leistungsfahigkeit  der  Staatsgewalt  und  des  Beamten- 
tums  erfiillt  war.  Mit  Staatsmannern  wie  dem  Fiirsten  v.  Biilow,  dem  Finanz- 
minister  Miquel,  dem  Handelsminister  v.  Berlepsch,  mit  hohen  Verwaltungs- 
beamten  vom  ersten  Range,  wie  den  Ministerialdirektoren  Lohmann,  Thiel, 
Althoff,  stand  er  in  vertrauensvollem  und  einfluBreichem  Verkehr.    Er  war 


Schmoller  1 33 

seit  1884  Mitglied  des  preuBischen  Staatsrats  und  vertrat  seit  1899  die  Berliner 
Universitat,  deren  Rektor  er  kurz  vorher  (1897/98)  gewesen  war,  im  Herren- 
hause.  Er  hatte  selbst  etwas  von  einem  Staatsmann,  wenn  er  auch  immer  ein 
Gelehrter  blieb  und  nichts  anderes  sein  wollte.  Die  Nobilitierung  und  der 
Exzellenzentitel,  die  ihm  in  seinen  alten  Tagen  zuteil  wurden,  waren  ge- 
wissermaBen  das  Siegel  auf  diese  hervorragende  personliche  Stellung,  die  er 
sich  errungen  hatte.  Aber  auch  eine  groBe  Anzahl  von  auswartigen  Akademien 
und  gelehrten  Gesellschaften  erwahlte  ihn  zum  Mitglied;  seit  1899  war  er  Mit- 
glied der  Friedensklasse  des  Ordens  »Pour  le  m£rite«. 

Es  gehorte  zu  seinen  festesten  Uberzeugungen,  daB  der  Staat  die  groB- 
artigste  sittliche  Institution  der  Geschichte  sei,  daB  er  namentlich  in  den  neue- 
ren  Jahrhunderten  die  eigentliche  Erziehungsschule  der  Volker  darstelle. 
Insonderheit  dem  Konigtum  der  Hohenzollern  schrieb  er  den  historischen 
Beruf  zur  sozialen  Reform  zu.  Seine  preuBischen  Geschichtsstudien  sind  durch 
diese  Idee  wenn  nicht  geradezu  beherrscht,  so  doch  belebt  und  angeregt  wor- 
den,  ahnlich  wie  einst  die  Droysens  durch  die  Idee  des  Beruf  es  PreuBens 
zur  nationalen  Einigung  Deutschlands.  Eingehendere  Forschung  hat  dann 
wohl  eine  ubertriebene  Auffassung  von  der  sozialpolitischen  Bedeutung  der 
friderizianischen  wie  der  Stein-Hardenbergschen  Epoche  auf  das  richtige 
MaB  zuriickgef uhrt ;  aber  die  Idee  vom  sozialen  Konigtum,  die  schon  Lorenz 
v.  Stein  vertreten  hatte,  saB  fest  im  Geiste  Sch.s  und  bildete  das  Zentrum 
seiner  politischen  Uberzeugungen.  Eben  darum  war  er  ein  so  iiberzeugter 
.Monarchist,  weil  er  eine  starke  Monarchic  und  ein  von  ihr  erzogenes  und  ge- 
leitetes  Beamtentum  fur  das  unentbehrliche  Mittel  hielt,  urn  die  Klassen- 
gegensatze  von  einem  neutralen  Standpunkt  aus  zu  maBigen  und  den  bru- 
talen  Klassenkampf,  der  alle  Kultur  vernichtet,  durch  rechtzeitige  Reformen 
zu  verhiiten.  Er  sah  iiberhaupt  den  Staat  mehr  unter  dem  Gesichtspunkt 
der  sozialen  Wohlfahrt  und  Gerechtigkeit,  als  unter  dem  der  Macht.  Darum 
hielt  er  sich  mehr  an  Friedrich  Wilhelm  I.,  den  eigentlichen  Begriinder  der 
preuBischen  Zucht  und  Ordnung,  als  an  Friedrich  den  GroBen;  und  der  Bis- 
marck von  1878  bis  1888  war  ihm  noch  inter essanter,  als  der  von  1864  bis 
1870.  Die  Monarchic  erschien  ihm  mehr  noch  als  eine  sozialpolitische,  wie 
als  eine  machtpolitische  Notwendigkeit.  Darum  war  er  auch  nicht  fiir  parla- 
mentarische  Regierungsweise,  weil  sie  im  Grunde  immer  ein  Partei-  und  Klassen- 
regiment  bedeute.  Eine  fortschreitende  Demokratisierung  des  Staates  aber, 
die  auch  er  als  eine  Notwendigkeit  empfand,  hielt  er  fiir  wohl  vereinbar  mit 
einer  starken  monarchischen  Regierung. 

Der  iiberragende  EinfluB  Sch.s  als  Haupt  der  historischen  Schule  der 
Nationalokonomie  schuf  ihm  manche  Gegner  in  den  Kreisen  derer,  die  sich 
durch  ihn  in  ihrer  eigenen  Geltung  beeintrachtigt  glaubten.  Im  Jahre  1904 
unternahm  der  damals  in  Tubingen  lehrende  Verfassungs-  und  Wirtschafts- 
historiker  Georg  v.  Below  einen  umfassend  angelegten  Angriff,  der  darauf  be- 
rechnet  war,  Sch.  aus  seiner  dominierenden  Stellung  in  der  gelehrten  Welt 
zu  verdrangen.  Er  beleuchtete  umstandlich  alle  Schwachen  der  Arbeiten 
Sch.s,  die  darauf  zuruckzufuhren  waren,  daB  dieses  beruhmte  Schulhaupt 
selbst  niemals  eine  methodische  historisch-kritische  Schule  durchgemacht 
hatte  und  eigentlich  iiberhaupt  kein  zunftgerechter  Historiker  war.  Der  von 
personlicher  Gehassigkeit  getragene  Angriff,  der  freilich  auch  manches  Tref- 


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fende  enthielt,  blieb  unerwidert ;  aber  bei  der  schulmaBig-beschrankten  und 
unfruchtbaren  Art  der  hier  geiibten  Kritik  vermochte  er  das  wissenschaf tliche 
Ansehen  Sch.s,  das  doch  im  Grunde  auf  dem  lebendigen  Eindruck  einer  auBer- 
ordentlichen  Personlichkeit  beruhte,  nicht  ernstlich  zu  erschiittern,  was  sich 
vier  Jahre  spater  an  den  zahlreichen  spontanen  Kundgebungen  zu  Sch.s 
70.  Geburtstag  zeigte. 

FunfunddreiBig  Jahre  umfaBt  die  Berliner  Wirksamkeit  Sch.s.  In  stetiger, 
unermudlicher  Arbeit  ist  er  frisch  geblieben  bis  in  das  hochste  Greisenalter. 
Ein  Aneurisma  war  die  Ursache  des  Todes,  der  ihn  anf  einer  Erholungsreise 
in  Harzburg,  kurz  nach  dem  Eintritt  in  das  achte  Jahrzehnt  seines  I^bens, 
iiberraschte.  Ein  gnadiges  Schicksal  hat  es  ihm  erspart,  den  Zusammenbruch 
der  Ideale  und  Ordnungen,  an  die  er  geglaubt  und  fur  die  er  gearbeitet  hatte, 
zu  erleben.  Sein  Lebenswerk  gehort  einer  vergangenen  Epoche  an.  Wissenschaft 
und  Politik  gehen  heut  andere  Wege  als  die,  welche  er  beschritten  hat.  An 
kleinlicher  und  gehassiger  Kritik  seines  Wirkens  und  Wesens  fehlt  es  auch 
heute  nicht.  Aber  die  Spur  seiner  fortwirkenden  Gedanken  und  Leistungen 
ist  fiir  den  tieferen,  vorurteilsfreien  Blick  auch  heute  noch  wohl  erkennbar. 

Literatur:  Ein  Verzeichnis  der  Schriften  Sch.s  bis  191 1  findet  sich  in  dem  Artikel 
iiber  ihn  im  Handworterbuch  der  Staatswissenschaften,  3.  Aufl.  (191 1),  VII,  S.  31  iff. 
Hinzuzufiigen  sind  noch  die  aus  seinem  Nachlafl  herausgegebenen  Werke:  Die  soziale 
Frage  (Klassenbildung,  Arbeiterfrage,  Klassenkampf),  Miinchen  und  Leipzig,  Duncker 
&  Humblot,  19 1 8  (673  Seiten),  und :  Deutsches  Stadtewesen  in  alterer  Zeit.  [Bonner  Staats- 
wissenschaftliche  Untersuchungen,  Heft  5],  B6nn  und  Leipzig,  Kurt  Schroeder,  1922 
(428  Seiten). 

Der  handschriftliche  NachlaC  wird  bei  der  Preuflischen  Staatsbibliothek  aufbewahrt.  — 
Biographische  Daten  in  dem  angefiihrten  Artikel  des  Handworterbuchs  der  Staatswissen- 
schaften. —  Autobiographisches  Fragment  von  G.  Sch. :  »Meine  Heilbronner  Jugendjahre* 
in  dem  Kalender:  »Von  schwabischer  Scholle«,  1918  (Verlag  Eugen  Salzer,  Heilbronn), 
mit  genealogischen  Angaben  iiber  die  Familie  Sch.,  die  der  Sohn  des  Verf.,  Major  a.  D. 
Ludwig  v.  Sch.,  Dufilingen  bei  Tubingen,  aus  dem  NachlaC  hinzugefiigt  hat.  —  Viel  bio- 
graphische Aufschliisse  in  »Reden  und  Ansprachen,  gehalten  bei  G.  Sch.s  70.  Geburtstag*. 
Als  Handschrift  gedruckt  1908.  —  Biographische  Wiirdigungen  von  O.  Hintze  in  For- 
schungen  zur  brandenburgischen  und  preuCischen  Geschichte  XXXI,  2,  in  den  Abhand- 
lungen  der  Preufl.  Akademie  der  Wissenschaf  ten ,  Jahrg.  191 8,  Philosophisch-historische 
Klasse,  in  der  Historischen  Zeitschrift  n 8,  3.  —  Abfallige  Kritik  des  Sch.schen  Lebens- 
werkes  von  G.  v.  Below  in  Zs.  f.  Sozialwiss.  (herg.  v.  Jul.  Wolf)  Bd.  VII  (1904)  und  von 
Edgar  Salin  in  einer  Geschichte  der  Volkswirtschaftslehre  [Enzyklopadie  der  Rechts- 
und  Staatswissenschaft,  Abteilung  Staatsvvissenschaft,  hrsg.  von  Arthur  Spiethoff, 
XXXIV,  Berlin,  Julius  Springer,  1923].  Dazu  H.  Herkner  im  Jahrbuch  fiir  Gesetzgebung 
usw.,  Jahrg.  47  (1923) :  Zur  Stellung  G.  Sch.s  in  der  Geschichte  der  Nationalokonomie.  — 
Joseph  Schumpeter:  Gustav  Sch.  und  die  Probleme  von  heute  (Jahrbuch  f.  Gesetzgebung) 
usw.,  50.  Jahrgang,  3.  Heft  (1926). 

Berlin.  Otto    Hintze. 


Schonleber,  Gustav,  Maler,  *  am  3.  Dezember  1851  zu  Bietigheim  a.  d.  E. 
(Wurttemberg) ,  f  am  1.  Februar  19 17  zu  Karlsruhe  i.  B.  —  Seine  Jugendzeit, 
die  1870  abschlieBt,  verlauft  im  Wechsel  von  Schulen,  Aufenthaltsort  und 
Tatigkeit.  Das  ist  gewissermaBen  symptomatisch  fiir  sein  spateres  kiinst- 
lerisches  Schaffen,  mit  dem  fast  von  Jahr  zu  Jahr  wechselnden  Schauplatz 
seiner  Studien  fiir  das  Lebenswerk,  das  sich  auf  die  suddeutsche  Heimat,  die 
Nord-  und  Ostseekiiste,  Italien  und  ganz  Westeuropa  erstreckt. 


Schmoller.  Schonleber  Ijc 

Die  Unterklassen  der  Lateinschule  wurden  in  Bietigheim  besucht  (1861  bis 
1863),  dann  das  Gymnasium  in  Stuttgart  (1864 — 1866).  Hierauf  trat  Sch. 
in  die  Maschinenbaulehre  (1866 — 1868)  zu  Hemmingen,  danach  kam  er  in 
die  Oberrealschulen  zu  Ludwigsburg  und  EBlingen  (1868 — 1869)  und  1869  an 
das  Polytechnikum  zu  Stuttgart,  wo  die  Professoren  Kurtz  und  Conz  sein 
zeichnerisches  Talent  erkannten  und  seine  Begabung  fur  die  Kiinstlerschaft 
hervorhoben.  In  den  Ferienzeiten  waren  gelegentlich  Studienreisen  ins  Zaber- 
gau,  ins  Hohenlohesche,  nach  Bebenhausen  und  anderen  Orten  gemacht 
worden,  deren  zeichnerische  Ergebnisse  in  den  friihen  Skizzenbiichern  auf- 
bewahrt  werden. 

1870  wurde  der  EntschluB  gefaBt,  sich  ganz  der  Kunst  zu  widmen.  Sch. 
kam  in  der  Lier-Schule  zum  rechten  Lehrer  und  zu  den  rechten  Studien- 
genossen  (Baisch  und  Wenglein).  Lier  hatte  bei  Dupre*  die  Leistungen  der 
Barbizon-Schule  kennengelernt  und  nach  Deutschland  gebracht.  Trotz  seiner 
Verehrung  fiir  den  Lehrer  und  der  Achtung  vor  den  Strebensgenossen  ge- 
wann  Sch.  zunachst  nicht  allzuviel  in  der  Lier-Schule.  187 1  brachte  er  aus 
StraBburg  ein  Bild  der  zerschossenen  Stadt,  mit  dem  er  gleich  Erfolg  hatte. 
Im  Sommer  desselben  Jahres  ging  er  mit  seinem  Vetter  Conz  durch  Tirol  iiber 
den  Gardasee  nach  Verona  und  Venedig  und  zeichnete  und  malte  allerhand. 
Heimgekehrt,  arbeitete  er  diese  Studien  zu  Bildern  aus,  mit  denen  er  seine 
groBen  ersten  Erfolge  erzielte.  Die  dekorativen  Mannen  mit  Segelschiffen  und 
Staff  age  nebst  bedeutendem  Hintergrund,  in  Farbe  und  Aufbau  etwas  ganz 
anderes  als  »Heimatkunst«,  lenkten  die  Aufmerksamkeit  der  Kunstkreise  auf 
den  jungen  Maler.  Seine  Bilder  gingen  rasch  in  offentlichen  und  privaten  Besitz 
iiber.  Das  nachste  Jahr  (1872)  brachte  Sch.  von  Genua  aus  an  der  Riviera  zu 
und  erwarb  sich  mit  einer  »Gasse  in  Genua  «  die  Medaille  auf  der  Wiener  Welt- 
ausstellung.  Die  atmospharischen  Verhaltnisse  an  der  Riviera  sagten  aber 
Sch.  nur  »bei  schlechtem  Wetter «  zu,  das  ihm  die  silbrigen  Tone,  Wolken  und 
dunkelfarbiges  Wasser  gab.  Deshalb  suchte  er  1873  die  hollandische  Kiiste 
auf  und  fand  auch  bei  van  der  Meer  und  Mesdag  Anregungen  fiir  seine  Kunst, 
die  sich  in  Bildern  und  Zeichnungen  von  Rotterdam,  Dordrecht  und  Sche- 
veningen  aussprachen. 

In  diesem  Jahr  erhielt  er  auch  den  Auftrag  der  Verlagsbuchhandlung 
Ad.  Kroner  (Stuttgart)  fiir  Illustrationen  zu  einem  Werk  iiber  die  Nord-  und 
Ostseekiiste;  diese  Arbeit  beschaftigte  ihn,  mit  Reiseunterbrechungen  nach 
Italien,  zwei  Jahre  (1875  und  1876).  1877  arbeitete  Sch.  in  Chioggia  und  1878 
in  Nordwestfrankreich  und  England,  wo  ihn  Werke  von  Constable  und  Turner 
fesselten.  Zuriickgekehrt,  studierte  er  die  heimatliche  Natur  in  EBlingen  und 
erwarb  mit  dem  »Stadtgraben«  1879  in  Miinchen  die  kleine  goldene  Medaille. 

Die  rasch  sich  folgenden  offentlichen  Erfolge  lenkten  die  Aufmerksamkeit 
weiter  Kunstkreise  auf  den  jungen,  eigenartigen,  tiichtigen  Maler.  Sch.  wurde 
1880  als  Professor  fiir  Landschaftsmalerei  an  die  Kunstakademie  nach  Karls- 
ruhe berufen.  Hier  erwarb  er  durch  seine  Kunst  und  seine  hervorragende  Lehr- 
gabe  sich  den  hochsten  Ruhm  und  die  treue  Anhanglichkeit  einer  groBen 
Schiilerschaft,  unter  der  Namen  von  hohem  Klang  zu  finden  sind.  Von  nun 
an  wechseln  Sch.s  Studienplatze  regelmaBig  zwischen  Holland  und  Heimat 
und  auch  Italien  und  Heimat.  Den  Charakter  dieser  drei  Hauptgebiete  hat 
Sch.  mit  zunehmender  Klarheit  und  Wahrheit  in  den  folgenden  Jahren  immer 


136  1917 

starker  herausgearbeitet.  1880  malte  er  in  Antwerpen  und  Vlissingen,  1881 
in  Amsterdam  und  EBlingen,  1882  in  Delft,  Overschie  und  Dordrecht,  sowie 
in  Schwaben,  wo  er  sich  1882  zu  EBlingen  auch  verheiratete. 

Nun  war  der  Boden  fur  die  groBen  Arbeiten  in  der  Heimat,  im  Siiden  und 
im  Nordwesten  geschaffen.  Die  achtziger  und  neunziger  Jahre  brachten  die 
groBen,  in  Raum,  Farbe  und  Stimmung  dekorativen  Werke,  die  Sch.s  Namen 
ilber  Deutschlands  Grenzen  hinaustrugen,  aber  zugleich  auch  sein  Schaffen 
und  Leben  in  Karlsruhe  verwurzelten  und  die  eigentliche  Heimatkunst  vor- 
bereiteten.  So  entstanden  Overschie  (1882),  die  Mondnacht  am  Neckar  (1883), 
Rom  (1884)  und  Heiligenberg  fur  den  Fiirsten  von  Fiirstenberg.  Dann  trat 
Italien  wieder  in  den  Vordergrund  mit  Venedig  und  der  Riviera,  mit  der  er 
sich  mit  »  Quinto  at  maren  (1886)  die  groBe  goldene  Medaille  holte.  Hierauf 
entstanden  neben  bedeutsamen  Kiistenbildern  von  der  Riviera  hollandische 
Strandbilder  aus  Vlissingen,  Ostende  und  Amsterdam,  deren  bewegte  Ge- 
staltungen  das  sonst  ruhige  Schauen  und  Schaffen  Sch.s  ins  Dramatische  um- 
bildeten.  In  die  Jahre  1888/89  ^llt  der  Hausbau  Sch.s  in  Karlsruhe,  der  nach 
eigenen  Planen  durchgefiihrt  und  schlieBlich  von  der  Hand  des  Freundes 
W.  Volz  d.  A.  an  der  AuBenf ront  mit  phantastischen  Fresken  geschmiickt  wurde. 

Die  tonigen,  dramatisch  belebten  Bilder  von  der  Kiiste  der  Nordsee,  der 
Riviera  und  des  Kanals  schienen  noch  einer  Steigerung  fahig  zu  sein.  Sch. 
glaubte  diese  an  Englands  Kiistengebieten  zu  finden  und  bereiste  1890  die 
Siidkiiste,  fand  aber  in  dem  regnerischen  Sommer  nur  wenige  ihm  zusagende 
Motive.  Von  Ventnor  und  Clovelly  und  Isle  Fracombe  brachte  er  Stoff  zu 
einigen  Bildern  mit.  Die  folgenden  drei  Jahre  galten  der  venezianischen 
Lagune  (1891)  und  der  Riviera  (1892  und  1893).  Namentlich  der  Aufenthalt 
auf  Castello  di  Paraggi  bei  Montefino  war  ertragreich.  Sch.  erreichte  in  diesem 
Winteraufenthalt  die  hochste  Steigerung  im  Farbigen  und  Dekorativen 
(Meeresufer,  Castello  di  Paraggi,  Punta  di  Madonetta,  S.  Fruttuoso,  Bei 
Montefino  usw.).  Aber  die  nachstfolgenden  Jahre  boten  im  Studium  der  nahen 
Heimat  ein  Gegengewicht  gegen  diese  starkfarbige,  oft  an  Bocklins  Farben- 
freudigkeit  und  Stimmungsfulle  gemahnende  Malerei.  Sch.  schlagt  in  den 
Jahren  1894  und  1895  erstraals  die  Tone  einer  groBziigigen  und  intimen 
Malerei  an:  die  Studien  zum  Bild  »StraBburg  i.  E. «  und  »Rothenburg«  fur 
den  Reichstagssaal  und  zu  »Besigheim«  entstehen  und  werden  zum  Teil  aus- 
gearbeitet,  so  daB  1897  »StraBburg«  in  seiner  monument alen  und  zugleich 
mythisch-topographischen  Fassung  abgeliefert  werden  konnte.  Dasselbe  Jahr 
lieB  auch,  nachdem  Studien  in  Neapel,  Capri,  Sorrent,  Amalfi,  Rom  und 
Genua  eindringlich  intime  Werke  dieser  siidlichen  Welt  hatten  entstehen 
lassen,  das  in  Sch.s  Heimatkunst  entscheidende  Werk  heranreifen,  das  1899  als 
»  Heimat «  den  vollen  Zauber  seiner  intimen  Landschaftsauf fassung  entfaltet. 

Die  nachfolgenden  Jahre  sind  dem  eindringlichen  Studium  der  siiddeutschen 
Heimat  (Kocher-,  Jagst-,  Neckar-  und  Donautal),  sowie  der  flamischen  Kiiste 
bei  La  Panne  und  Sluis  gewidmet.  Hier  vollendet  Sch.  die  wundervoll  spre- 
chende  Darstellung  einzelner  Schiffskorper,  die  wie  lebende  Wesen  im  Wasser 
und  im  Schlick  stehen.  Dort  werden  jene  ganz  einfachen,  naturgegebenen 
Motive  in  die  Bildform  gebracht,  die  nur  durch  die  technische  Sprache  der 
bald  zeichnerischen,  bald  malerischen  Behandlung  in  die  Poesie  des  Aus- 
drucks  gehoben  werden.  Sch.  faBt  mit  diesen  Werken  die  dichterische  Art  der 


Schonleber  13  7 

Uhland,  Kerner  und  Morike  in  seiner  Kunst  zusammen;  »Zwischen  Himmel 
und  Erde«  (1903),  Dinkelsbuhl  (1903),  Sersheim  (1904),  Friihling  in  Sersheim 
(1906).  Wahrend  der  Studien  in  der  Heimat  und  in  Italien  kam  der  Auftrag 
an  ihn,  die  den  stromtechnischen  Unternehmungen  am  Oberrhein  zum  Opfer 
fallenden  Laufenburger  Schnellen  noch  ins  Bild  zu  retten.  Sch.  entsprach  dem 
seitens  der  badischen  Regierung  geauBerten  Wunsche  und  gewann  nunmehr 
dem  Oberrhein,  den  er  zu  Anfang  seiner  Kunstlerlaufbahn  und  auch  spater 
ohne  nennenswerte  Bilderfolge  besucht  hatte,  eine  Reihe  machtvoller  Werke 
aus  der  I^aufenburger  Gegend  ab.  Zugleich  entstand  das  im  Reichstagsgebaude 
aufbewahrte  groBe  »Rothenburg  o.  d.  T. «  (1907).  Damit  war  in  gewissem  Sinn 
ein  AbschluB  erreicht.  Ein  beginnendes  Herzleiden  lieB  groBe  Reisen  nicht 
mehr  ratsam  erscheinen.  Nur  noch  zweimal  ging  er  auf  weite  Studienf ahrt : 
1909  nach  Italien  (Florenz,  Rom,  Porto  d'Anzio)  und  1912  nach  Nieuport, 
Ostende  und  Brugge.  Sonsthin  blieb  er  in  der  Nahe,  zur  Erholung  und  zum 
Studium :  Ebersteinburg  (1910  und  1911),  Baden-Baden  (1913)  und  ins  Kocher- 
und  Jagsttal  (1914).  Von  1910 — 1914  waren  auch  eine  Reihe  groBer  Aus- 
stellungen  zu  veranstalten  und  zu  besichtigen  (Rom,  Stuttgart,  Berlin,  Weimar, 
Jena,  Miinchen  usw.).  Erholungsaufenthalte  in  Baden-Baden,  im  Hohenlohe- 
schen,  in  Lichtental  und  Heidelberg  (1913,  1914,  1915  und  1916)  fielen  da- 
zwischen.  Aber  die  Beunruhigungen  wahrend  des  Weltkrieges,  der  den  Sohn  als 
Arzt  in  den  Lazaretten,  den  Schwiegersohn  an  der  Front  forderte,  und  die 
iiber  Karlsruhe  haufigen  Fliegeriiberfalle  lieBen  eine  dauernde  Genesung  nicht 
mehr  zu.  Am  1.  Februar  1917  erlag  Sch.  seinem  Herzleiden.  Gedachtnis- 
ausstellungen  in  Karlsruhe  1917,  Stuttgart  1918  usw.  offenbarten  noch  ein- 
mal  den  Reichtum  und  die  Vielseitigkeit  des  Sch.schen  Konnens. 

Sch.s  Kunst  ist  eine  vollig  selbstwtichsige  und  eigenartige  Sache.  Man  kann 
seine  Werke  weder  der  Heimatkunst,  noch  der  dekorativen  Landschaft,  noch 
der  historischen,  stilistischen  oder  der  naturalistischen  oder  poetischen  Land- 
schaftskunst  zuschreiben,  obgleich  sie  Elemente  aus  jeder  dieser  kiinstlerischen 
Gestaltungsweisen  hat.  Es  sind,  kurz  gesagt,  durch  Form,  Farbe  und  Raum 
verklarte  Naturbetrachtungen,  die  ganz  aus  dem  Erleben  und  aus  der  Ge- 
staltungsweise  des  Meisters  herausgewachsen  sind  und  sich  von  den  zeitlichen 
Richtungen  und  Malweisen  fernhalten. 

Im  Technischen  des  Bildaufbaues  und  des  Farbenauftrags  hat  Sch.  groBe 
Wandlungen  durchgemacht,  ohne  je  sein  Personliches  aufzugeben.  Von  einem 
anfanglich  fast  breiten  und  pastosen  Farbenauftrag  ging  er  nach  und  nach 
zur  sparsamen,  hauchartigen  und  oft  zeichnerisch  wirkenden,  verschmolzenen 
Malweise  iiber.  Aus  dem  Wechsel  und  Gegensatz  von  kalten  und  warmen 
Farben  stellte  er  in  jedem  Bildzustand  eine  Harmonie  her,  die  durch  die 
Ausgewichtung  der  Massen  und  Farbflecken  wohllautend  zum  Beschauer 
spricht.  Beschaulichkeit  und  Harmonie  der  Farben  sind  die  Grundsteine  der 
Sch.schen  Kunst. 

Sch.  war  Mitglied  der  Berliner,  Miinchener  und  Dresdener  Akademien.  Aus- 
stellungsmedaillen  erster  Klasse  hatte  er  in  Berlin,  Miinchen  und  Wien  und 
auf  allerhand  kleineren  Ausstellungen  erhalten. 

Von  seinen  Werken  sind  in  offentlichem  Besitz  in  Berlin  (Nationalgalerie,  Reichstag), 
Breslau  (Schles.  Museum),  Krefeld  (Kaiser-Wilhelm-Museum),  Darmstadt  (L,andes- 
museum),  Dresden(  Galerie),  DiisseJdorf  (Stadt.  Kunsthalle),  Frankfurt  (Stadelsches 


138  1917 

Institut),  Freiburg  i.  B.  (Stadt.  Samnilungen),  Hamburg  (Kunsthalle) ,  Hannover 
(Provinzialmuseum),  Karlsruhe  (Landeskunsthalle),  Mannheim  (St.  Kunsthalle), 
Miinchen  (Neue  Pinakothek),  (Miinster  (Westf.  Museum),  Stuttgart  (Galerie),  Wien 
(Mod.  Galerie).  Das  meiste  ist  in  Privatbesitz  in  Deutschland,  Osterreich,  Italien  und 
Amerika. 

Der  kiinstlerische  NachlaC  befindet  sich  bei  Frau  Professor  Dr.  Sch.  in  Stuttgart. 

Literatur:  Beringer,  J.  A.,  Bad.  Malerei,  Karlsruhe  1922.  —  Monographic:  Jos.  A. 
Beringer,  G.  Sch.,  Karlsruhe  1924.  —  Fr.  Pecht,  Kunst  f.  Alle,  is.Februar  1891.  — 
A.  Rosenhagen,  Velhagen  &  Klasings  Monatshefte  1901.  —  O.  Reutter,  Die  weite  Welt 
1901.  — W.  Schafer,  Rheinlande  1906.  —  A.  Spier,  Die  Kunst  unserer  Zeit  1909.  — 
A.  Dobsky,  Reclams  Universum  191 1.  —  C.  Storck,  Tiirmer  1912.  —  A.  Dobsky,  Leipz. 
111.  Zeitung  191 3.  —  A.  Spier,  Kunst  fur  Alle  191 5.  —  J.  A.  Beringer,  Deutsche  Kunst 
und  Dekoration  1917.  —  H.  O.  Schonleber,  Wiirttemb.  Nekrolog,  Archiv.  —  J.  A.  Be- 
ringer, Skizzenbuch  II,  1925,  Stuttgarter  Kunstverlag,  sowie  die  Ausstellungskataloge 
191 1   (Karlsruhe),   191 2  (Stuttgart),   191 7  (Karlsruhe)  und   19 18  (Stuttgart). 

Mannheim.  Jos.  Aug.  Beringer. 

Schroder,  Richard  Karl  Heinrich,  o.  Professor  der  deutschen  Rechtsgeschichte 
in  Heidelberg,  *  am  19.  Juni  1838  zu  Treptow  in  Pommern,  f  am  3.  Januar  1917 
in  Heidelberg.  —  Richard  Sch.  war  neben  vier  Schwestern  der  einzige  Sohn 
des  leitenden  Richters  am  Land-  und  Stadtgericht  seiner  Heimat,  Kreisjustiz- 
rat  Sch.,  und  dessen  Ehefrau  Ida,  geborene  Kolling.  Das  schwachliche  Kind 
durchlebte  eine  gliickliche  erste  Jugend  im  sonnigen  Elternhause.  Der  Knabe 
besuchte  die  Stadtschule  in  Treptow,  wo  er  ein  Liebling  von  Fritz  Reuter  ward, 
der  seinem  Vater  nach  Art  und  Gesinnung  verwandt  war ;  zeitlebens  gedachte 
Sch.  dankbar  Fritz  Reuters,  von  dem  er  die  Liebe  zur  Volkssprache  empfing, 
die  dann  in  Sch.s  Hingabe  an  die  deutschen  Quellen  des  Mittelalters  wieder- 
klingt.  Die  Schulzeugnisse  ruhmen  den  FleiB  und  das  musterhafte  Betragen 
des  Schulers.  Von  1851  bis  1857  besuchte  Sch.  das  Gymnasium  Anklam.  Sein 
Knabenwunsch  war,  Naturforscher  zu  werden.  Doch  sammelte  er  schon  als 
Gymnasiast  Miinzen  und  begeisterte  sich  fiir  die  deutsche  Vergangenheit  am 
Nibelungenlied.  Abiturient  geworden,  wollte  Sch.  anfanglich  in  Bonn  Jura 
und  daneben  bei  Simrock  deutsche  Philologie  studieren,  wandte  sich  dann 
aber  doch  ausschlieBlich  der  Rechtswissenschaft  zu.  Seine  juristischen  Stu- 
diensemester  verbrachte  er  1857  bis  J868  in  Berlin,  einzig  unterbrochen  im 
Sommer  i860  durch  ein  Semester  in  Gottingen,  wohin  ihn  das  Seminar  von 
Georg  Waitz  lockte.  Schon  in  Berlin  hatte  Sch.  neben  den  juristischen  Vor- 
lesungen  philologische  und  historische  Kollegien  besucht,  Gotisch  bei  H.  F. 
MaBmann,  mittelhochdeutsche  Dichtung  bei  Moritz  Haupt  gehort.  Von  des 
letzteren  Vorlesung  iiber  die  Germania  des  Tacitus  fuhlte  er  sich  besonders 
angezogen;  noch  in  spaten  Jahren  in  Heidelberg  hat  er  dieselbe,  zusammen 
mit  dem  Philologen  Zangemeister,  in  einem  reizvollen  Doppelkolleg  zu  neuem 
Leben  erweckt.  Die  wissenschaftliche  Grundrichtung  nach  dem  deutschen 
Recht  hin  gewann  Sch.  bei  v.  Richthofen,  Homeyer  und  Beseler;  Beseler,  den 
Systematiker  des  deutschen  Privatrechts  und  warmherzigen  Patrioten,  be- 
trachtete  er  spater  als  seinen  eigentlichen  Lehrer,  zu  dessen  FuBen  gleichzeitig 
mit  Sch.  auch  Otto  v.  Gierke  (s.  DBJ.  1921,  S.  in)  saB.  Vor  allem  aber  durfte 
Sch.  in  Berlin  Jakob  Grimm  nahertreten ;  von  diesem  fiel,  um  mit  K.  v.  Amiras 
Worten  zu  reden,  »aus  der  Abendrote  der  germanistischen  Heroenzeit  ein 
letzter  Strahl  auf  seine  wissenschaftliche  Entwicklung«. 


Schonleber.  Schroder  130, 

In  Berlin  wurde  Sch.  unter  Beselers  Dekanat  1861  zum  Dr.  jut.  promo viert. 
Es  folgte  eine  zweijahrige  praktisch-juristische  Lehrzeit  in  Berlin  und  Stettin, 
das  erste  Jahr  war  auBerdem  durch  den  Militardienst  als  Einjahrig-Freiwilliger 
ausgefullt.  Schon  in  diese  praktischen  Vorbereitungsjahre  reichen  aber  die 
rechtsgeschichtlichen  Erstlingsarbeiten  herein;  damals  wurde  Sch.  der  Ge- 
hilfe  von  J.  Grimm  bei  der  Sammlung  der  Weistumer.  Die  akademische  Lauf- 
bahn  erschloB  sich  dem  Funfundzwanzigjahrigen  1863  zu  Bonn  durch  seine 
Habitation  fur  deutsches  Recht,  in  dessen  geschichtlichen  und  praktischen 
Fachern.  Sie  brachte  Sch.  in  raschem  Zuge  voran.  Er  wurde  1866  Titular- 
extraordinarius  und  stieg  bereits  1870  an  der  rheinischen  Hochschule  zum 
o.  Professor  auf .  1872  wurde  er  als  Nachfolger  Dahns  nach  Wiirzburg  be- 
rufen ;  er  blieb  seiner,  der  bayerischen  Regierung  gegebenen  Zusage,  dorthin  zu 
gehen,  treu,  trotzdem  ihn  unmittelbar  darauf  Angebote  von  StraBburg  und 
selbst  von  Berlin  trafen.  Ulrich  Stutz  berichtet  als  Zeugnis  fiir  Sch.s  Be- 
scheidenheit,  er  habe  im  Alter  geauBert,  »die  Rollen  seien  damals  wohl  richtig 
verteilt  worden«.  Gluckliche  Jahre  am  frankischen  Main  waren  jedenfalls  sein 
nachster  Lohn.  Noch  dreimal  hat  dann  Sch.  seine  Wirkungsstatte  gewechselt. 
Er  zog  1882  doch  an  die  junge  Reichsuniversitat  StraBburg  und  folgte  1885 
einem  Ruf  nach  Gottingen.  Nach  der  »wunderschonen  Stadt«  hatte  ihn  sein 
vaterlandisches  Herz  gelockt,  nach  Gottingen  das  Ansehen  der  Hochschule 
und  die  Erinnerung  an  die  eigene  Studentenzeit.  In  StraBburg  war  er  Heinrich 
Brunners  mittelbarer  Nachfolger  und  R.  Sohms  (s.  unten  S.  150  ff.),  seines 
naheren  Landsmannes,  Kollege;  in  Gottingen  ersetzte  er  H.  Tohl,  den  Be- 
griinder  des  Handelsrechts.  Als  O.  Gierke  1888  von  Heidelberg  nach  Berlin 
ging,  riickte  Sch.  an  seine  Stelle.  t)ber  50  Lehrsemester  waren  ihm  hier  noch 
beschieden.  Als  »der  Heidelberger  Schroder «  zumal  hat  er  seinen  Ruhm  be- 
grundet,  mit  Heidelberg  und  dem  geistig  regsamen  badischen  Staatswesen 
und  Volkstum  ist  er  eng  verwachsen.  Hier  wurde  der  Vielgewanderte  seBhaft. 
Tausende  junger  Juristen  horten  ihn  hier  und  verehrten  ihn.  Mitten  heraus 
aus  seinem  akademischen  Wirken  und  Schaffen  ist  Sch.  nach  kurzem  Kranken- 
lager  zu  Beginn  1917  von  uns  gegangen. 

Die  Bedeutung  Sch.s  griindet  sich  auf  den  Reiz  seiner  Personlichkeit,  auf 
seine  Qualitaten  als  akademischer  Lehrer,  auf  seine  rastlose  Forschertatigkeit. 

Dem  Reiz  der  Personlichkeit  erschlieBt  sich  zuerst  der  junge  Musensohn. 
Von  Sch.  ging  dieser  Reiz  in  hohem  Grade  aus,  das  ist  das  ubereinstimmende 
Urteil  aller.  In  ihm  paarte  sich  der  Ernst  des  Gelehrten  mit  der  Giite  des 
Lehrers  und  der  schlichten  Art  eines  frohgemuten  Menschen.  Mit  Gliicks- 
giitern  zeitlebens  nicht  gesegnet,  muBte  Sch.  sich  seine  Stellung  im  Iveben 
durch  unausgesetzte  Arbeit  erringen.  Von  Anbeginn  darum  seine  ausgedehnte 
Lehrtatigkeit.  Schon  in  Bonn  wurde  sein  urspriinglicher  Lehrauftrag  auf 
preuBisches  Landrecht  erweitert,  auBerdem  vertrat  er  mehrere  Jahre  an  der 
Akademie  Poppelsdorf  das  Iyandwirtschaftsrecht  fiir  die  angehenden  rhei- 
nischen Landwirte.  In  Wiirzburg  las  er  mehrere  Jahre  auch  Kirchenrecht. 
Erst  das  Aufsteigen  in  bessere  Gehaltsstufen  machte  seine  Hande  freier  fiir 
die  Forschertatigkeit.  Manchmal  hat  er  sich  zuviel  zugemutet  und  muBte  noch 
am  Ende  seiner  Gottinger  Zeit  infolge  Uberanstrengung  ein  Jahr  aussetzen. 

Die  Freude  an  arbeitsreicher  Pflichterfiillung  iibertrug  Sch.  auf  seine  Horer. 
Dazu  kam  anderes.  Ein  warmfiihlendes  deutsches  Herz  in  des  Germanisten 


140  1917 

Bnist  ist  vielleicht  eine  Selbstverstandlichkeit.  Der  religiose  Grundton  seines 
Wesens  paarte  sich  in  dem  iiberzeugten  Protestanten,  der  noch  in  Heidelberg 
Mitglied  der  badischen  Kirchensynode  wurde,  mit  Toleranz  gegen  Anders- 
glaubige;  aller  Kulturkampferei  war  er  abhold.  Seiner  politischen  Gesinnung 
nach  war  Sen.  ein  rechtsgerichteter  Liberaler  burschenschaftlicher  Pragung 
mit  einem  SchuB  Demokratie,  den  ihm  Fritz  Reuter  vererbt  hatte.  Er  hielt 
schon  1873  in  Wiirzburg  im  Verein  fur  Volksbildung  Vortrage.  In  Heidelberg 
stand  er  jahrelang  an  der  Spitze  der  Organisation  des  Roten  Kreuzes  zur  Heran- 
bildung  freiwilliger  Krankenpfleger. 

Sein  bescheidenes  Wesen  wurde  durch  auBere  Ehrungen  nicht  uberheblich. 
PreuBische,  badische  und  bayerische  Orden  zierten  seine  Brust.  Hoher  standen 
ihm  wissenschaftliche  Anerkennungen.  Er  wurde  1892  korrespondierendes 
Mitglied  der  bayerischen,  1895  auswartiges  Mitglied  der  hollandischen,  1900 
korrespondierendes  Mitglied  der  Berliner  Akademie,  1909  bei  Begriindung  der 
Heidelberger  Akademie,  wie  sich  von  selbst  verstand,  auch  deren  ordentliches 
Mitglied.  1893  verlieh  ihm  seine  alte  Gottinger  Universitat  die  Wiirde  eines 
Dr.  phil.  h.  c,  1908  die  Universitat  Miinster  den  Dr.  rer.  pol.  h.  c.  Daneben 
zollten  ihm  historische  und  andere  Vereine  ihren  Dank  durch  Cbertragung  der 
Ehrenmitgliedschaft. 

Niemals  Einganger,  war  Sch.  von  Jugend  auf  Optimist  in  der  Beurteilung 
seiner  Mitmenschen,  gern  schloB  er  Iyebensfreundschaften.  DaB  ihn  solche  mit 
den  fuhrenden  Mannern  seines  eigenen  Fachs  verbanden,  war  sein  besonderes 
Gliick.  Kein  schonerer  Beweis  fiir  seine  groBe  Auffassung  der  Freundschaft 
als  die  Tatsache,  daB  Sch.,  als  er  mit  H.  Brunner  (s.  DBJ.  1914 — 1916,  S.  119  ff.) 
im  Wettlauf  an  einer  Gesamtdarstellung  der  deutschen  Rechtsgeschichte  ar- 
beitete,  dem  Freunde  die  eigenen  Druckbogen  zur  Verwertung  fiir  die  Zwecke 
des  Konkurrenzwerkes  zugesandt  hat. 

Aus  der  religios-sittlichen  Grundlage  von  Sch.s  Lebensfiihrung  entsprang 
jener  heitere  Frohmut,  der  Sch.  zeitlebens  auszeichnete ;  darin  ganz  besonders 
fiihlte  er  sich  als  Schiiler  Reuters.  Schon  als  krankelnder  Knabe  hatte  er  die 
Schlagfertigkeit  des  Witzes  gelernt,  mit  dem  er  das  Hanseln  seiner  Kameraden 
quittierte.  Zu  Heidelberg  hob  sich  in  den  letzten  Jahrzehnten  seines  Lebens 
gegenuber  der  uberschaumenden  Lebenslust  der  Pfalzer  sein  niederdeutscher 
Humor  oft  prachtig  ab.  Im  Kolleg  und  in  geselliger  Unterhaltung  brach  er 
iiberall  durch  und  erfreute  die  anderen.  Viele  Scherzgeschichten  von  ihm  und 
iiber  ihn  machten  die  Runde  und  leben  heute  noch ;  selbst  wenn  sie  ans  Derbe 
und  Burleske  grenzten,  konnte  sie  ihm  niemand  veriibeln. 

Allem  Luxus  abhold,  liebte  der  bei  einfacher  Lebensfiihrung  doch  so  gebe- 
freudige  Mann  zeitlebens  die  Formen  gemiitlicher  Geselligkeit.  Er  war  im 
iibrigen  zufrieden,  wenn  ihm  das  Leben  fiir  des  Lebens  Notdurft  reichte. 
Ein  riihrender  Zug  seines  treuen  Familiensinns  spiegelt  sich  in  der  Tatsache, 
daB  er,  als  sein  Vater  1869  infolge  einer  Biirgschaft  wider  Erwarten  iiber- 
schuldet  verstarb,  jahrelang  die  nicht  groBen  Einkiinfte  seiner  Professur  mit 
dazu  verwandte,  diese  Schulden  des  Vaters  zu  tilgen.  Eine  seltene  Eignung 
fiir  Hauslichkeit  zeichnete  Sch.  aus.  Nachdem  ihm  seine  erste  Gattin,  eine 
Offizierstochter,  die  er  als  junger  Berliner  Student  kennengelernt  und  nach 
Jahren  brautlichen  Wartens  1866  heimgefiihrt  hatte,  friih  gestorben  war, 
trauerte  er  der  Toten  elf  Jahre  nach  und  war  indessen  seinen  Kindern  ein 


Schroder  141 

treusorgender  Vater.  Erst  1895  fand  Sch.  in  der  Witwe  seines  Verlegers  Saunier 
von  Stettin  ein  zweites  Lebensgliick  an  der  Seite  einer  alten  Jugendliebe. 
Wiederum  war  es  eine  ideale  Heirat,  die  die  vaterliche  Fiirsorge  fur  die  Stief- 
kinder  seinem  schon  vorher  nicht  leichten  hauslichen  Pflichtenkreis  hinzu- 
fiigte. 

Fiir  jeden  Studenten  hatte  Sch.  ein  offenes  Herz.  Er  schuf  seine  Werke 
nicht  in  weltentriickter  Einsamkeit  eines  genialen  Geistes;  lebensnah  blieb 
er  stets  ein  Lernender  nnd  darum  ein  Freund  der  Jungen.  Darum  war  er 
auch  kein  Diktierprofessor,  sondern  schopfte  in  der  Vorlesung  mit  Vorliebe 
frei  aus  dem  Erlebten  und  in  sich  Aufgebauten.  Dabei  konnte  es  seinem 
Temperament  passieren,  dafl  er  sich  vertat;  das  genierte  ihn  nicht,  sich  vor 
seinen  Studenten  selbst  zu  verbessern.  Da  er  alien  etwas  bieten  wollte,  hielt 
er  seine  Vorlesungen  so,  dafi  sie  der  Durchschnittsstudent  mit  Gewinn  auf- 
nahm.  Nur  die  Unfertigkeit  der  Verhaltnisse  in  StraBburg  und  die  Sprodig- 
keit  der  Niedersachsen  in  Gottingen  schien  ihm  voriibergehend  den  vollen 
Lehrerfolg  zu  versagen.  Ganz  als  freundlicher  Lehrer  gab  er  sich  in  seinen 
Ubungsvorlesungen.  Aus  ihnen  erwuchs  eine  seiner  wertvollsten  Veroffent- 
lichungen,  die  »Urkunden  zur  Geschichte  des  Deutschen  Privatrechts«,  die 
er  in  Bonn  zusammen  mit  dem  Freunde  H.  Loersch  angelegt  hatte  und  die 
1874  als  Festgabe  fiir  Waitz  erschien.  So  besafl  Sch.  alle  Eigenschaften  eines 
akademischen  Lehrers. 

Sch.s  Forschung  baute  sich  in  klarer  Gliederung  auf.  In  ihrem  AusmaB  ist 
sie  ein  Denkmal  des  Selbstvertrauens,  der  Beharrlichkeit  und  nie  versagenden 
GelehrtenfleiBes.  Von  einem  wichtigen  Einzelgebiet  der  Rechtsgeschichte  ging 
Sch.  aus,  als  Synthetiker  des  Fachs  beschloB  er,  vielfach  bewahrt,  sein  reiches 
Leben.  Obwohl  nicht  ohne  philologische  Bildung,  beschrankte  sich  Sch.  im 
wesentlichen  auf  die  Rechtsgeschichte  der  deutschen  Stamme.  Er  zog  zwar 
das  angelsachsische  Recht  in  seinem  Erstlingswerk  mit  heran,  iiberlieB  aber 
die  Pflege  des  nordgermanischen  Rechts  anderen.  Seit  den  Bonner  Jahren 
zeigte  Sch.  lebhaftes  Interesse  auch  fiir  die  westlichen  Grenzgebiete,  schon 
seit  seiner  Studentenzeit  hatte  er  auf  seiner  akademischen  Wanderung  iiberall 
Beziehungen  zur  landesgeschichtlichen  Forschung  gefunden.  Er  gehorte  von 
Anfang  an  der  Gesellschaft  fiir  rheinische  Geschichtskunde  an.  Er  war  Mit- 
begriinder  der  Badischen  Historischen  Kommission,  bei  der  er  die  Heraus- 
gabe  der  Oberrheinischen  Stadtrechte  anregte  und  dabei  selbst  mitarbeitete. 
Seine  rechtsdogmatischen  Interessen  galten  vor  allem  dem  deutschen  Privat- 
recht,  nachstdem  dem  Handelsrecht  und  Seerecht.  Je  tiefer  er  aber  ins  Leben 
hereinkam,  um  so  ausschlieBlicher  wurde  er  ein  fiihrender  Forscher  auf  dem 
Gebiet  der  deutschen  Rechtsgeschichte. 

Eine  Preisaufgabe  der  Berliner  Juristenfakultat,  von  Beseler  gestellt,  hatte 
dem  jungen  Sch.  den  Weg  zu  seiner  Forschung  liber  die  Entwicklung  des 
ehelichen  Guterrechts  gewiesen.  Die  Preisaufgabe  handelte  von  der  Bedeu- 
tung  der  Dos  in  den  Volksrechten.  Unter  dem  bescheidenen  Kennwort 
•  Lehrstiick  ist  kein  Meisterstiick«  hatte  sie  Sch.  der  Fakultat  eingereicht  und 
damit  den  Preis  errungen.  Die  bei  seiner  Promotion  gelieferte  Interpretation 
vom  Sachsenspiegel-Landrecht  III,  73,  §  1,  die  dann  1863  in  Bonn  zur 
Probevorlesung  erweitert  wurde  und  1864  unter  dem  Titel  »Zur  Lehre  von 
der  Ebenburtigkeit  nach  dem  Sachsenspiegel«  erschienen  ist,  fuhrte  Sch.  zu 


142  1917 

den  Standefragen  und  zum  beriihmten  Rechtsbuch  des  Mittelalters.  Dieser 
doppelte  Vorgang  beleuchtet,  wie  sehr  schon  dem  jungen  Sch.  die  Fahigkeit 
eignete,  auf  fremde  Anregungen  einzugehen  und  darauf  weiterzubauen ;  es 
war  jene  geistige  Beweglichkeit,  die  Sch.  spater  zum  gewissenhaften  Mentor 
der  Entwicklung  einer  ganzen  Wissenschaft  gemacht  hat. 

Allezeit  stand  fur  Sch.  die  Herausarbeitung  der  Forschungsergebnisse  un- 
mittelbar  aus  den  Quellen  im  Vordergrund,  in  zweiter  Linie  zog  er  darum 
nicht  weniger  gewissenhaft  die  Literatur  heran.  So  hatte  er  es  bei  Waitz 
gelernt.  Aber  wie  niemand  Rechtshistoriker  sein  kann,  ohne  die  Quellen  zu 
kennen  und  immer  wieder  vorzunehmen,  so  kann  sich  auch  kein  Rechts- 
historiker der  Bereitstellung  der  Quellen  aus  dem  gedruckten,  mehr  noch 
aus  dem  ungedruckten  Material  ganz  entziehen,  zumal  in  Sch.s  Lebenszeit, 
die  gerade  damit  beschaftigt  war,  eine  Fulle  unbekannter  Quellen  aus  den 
Archiven  zu  heben.  Auch  Sch.  nahm  an  dieser  Herausgebertatigkeit  Anteil, 
ja  er  begann  damit  sehr  friih.  Wir  vernahmen,  wie  der  junge  Doktor  den 
greisen  J.  Grimm  bei  der  Herausgabe  der  Weistiimer,  jenen  vielgestaltigen 
Denkmalern  des  Rechts  von  Dorfern  und  Grundherrschaften,  unterstiitzt  hat. 
Kurz  vor  seinem  Tod  handigte  Grimm  1863  dem  eben  nach  Bonn  ziehenden 
Privatdozenten  das  Material  fur  Band  V  der  Weistiimer  aus.  Die  damals  be- 
griindete  bayerische  Historische  Kommission  betraute  dann  Sch.  damit,  unter 
G.  L.  v.  Maurers  Leitung  das  Weistiimerwerk  zu  Ende  zu  fuhren.  In  sechzehn- 
jahriger  Arbeit  hat  Sch.  das  Vermachtnis  des  groBen  Meisters  erfullt,  zwei 
Bande  Text  und  in  Band  VII  die  umfassenden  Namen-  und  Sachregister  her- 
gestellt,  die  letzteren  in  ihrer  Kleinarbeit  der  unentbehrliche  Schliissel  zu  dem 
reich  aufgestapelten  Material  des  Gesamtwerkes.  Wiederholt  hat  Sch.  diese 
» iiber  jede  Beschreibung  muhseligen  Register  «,  ein  Sisyphuswerk  von  418  Seiten, 
als  die  starkste  Arbeitsleistung  seines  Lebens  bezeichnet.  Die  Weistiimerarbeit 
wirkte  in  Bonn  auch  noch  nach  anderer  Richtung;  hier  gab  Sch.  Clevesche 
und  andere  niederrheinische  Rechtsquellen  heraus  und  kam  damit  dem  hoi- 
landischen  Quellenkreis  und  den  dortigen  Rechtshistorikern  nahe.  Sch.s  Mit- 
arbeit  an  den  oberrheinischen  Stadtrechten  wurde  schon  gedacht;  seit  die 
badische  Historische  Kommission  19*10  auch  den  Plan  der  Herausgabe  badi- 
scher  Weistiimer  faBte,  bildete  dessen  Forderung  Sch.s  besondere  Hoffnung 
und  Freude ;  auf  die  Arbeit  am  Rechtsworterbuch,  das  gleichf  alls  eine  Quellen- 
erschlieBung  groBten  Stiles  werden  sollte,  ist  noch  zuriickzukommen. 

Seinen  Namen  als  Rechtshistoriker  von  Rang  hat  Sch.  durch  zwei  Haupt- 
werke,  die  in  vier  Teilen  herausgebrachte  »Geschichte  des  ehelichen  Giiter- 
rechts  in  Deutschland«  und  sein  »Lehrbuch  der  deutschen  Rechtsgeschichte*, 
begriindet.  Das  erstere  Werk  ist  im  ganzen  heute  noch  nicht  libertroffen,  es 
hielt  Sch.  in  Bonn  und  Wiirzburg  neben  der  Weistiimerarbeit  in  Atem.  Aus- 
gebreitete  Quellenkenntnis  befahigte  ihn  zu  dem  Wagnis,  von  Beseler  und 
Waitz  hatte  Sch.  den  Hinweis  auf  die  hohe  Bedeutung  der  Urkunden,  als 
Niederschlag  der  Praxis,  gerade  fiir  die  Bearbeitung  eines  derartigen  Gebietes 
empfangen.  Um  Sch.s  Rechtsgeschichte  des  Ehegiiterrechts  gerecht  zu  be- 
urteilen,  mufl  man,  worauf  Stutz  aufmerksam  macht,  beachten,  daft  die  An- 
lage  des  Werkes  zeitlich  vor  den  entscheidenden  Forschungen  iiber  die  Ehe- 
schlieBung  liegt,  die  durch  Friedberg  und  Sohm  veranlaBt  wurden.  Man  muB 
auch  bedenken,  wie  ungeklart  damals  noch  die  Grundlagen  des  alteren  deut- 


Schroder  1 43 

schen  Schuld-  und  Haftungsrechts  waren,  die  in  EheschluB  und  Ehevertrag 
doch  iiberall  hineinragen. 

Aus  der  Berliner  Preisarbeit  war  Band  I  des  Werkes,  die  Zeit  der  Volks- 
rechte  umfassend,  geworden,  1864  als  Habilitationsschrift  erschienen.  Unter 
Verzicht  auf  die  Heransarbeitung  eines  einheitlichen  Urgiiterrechts,  stellte 
hier  Sch.  das  Gebiet,  wie  es  in  der  Verschiedenheit  der  Stammesrechte  im 
frankischen  Zeitalter  in  die  historische  Erkenntnis  eintritt,  dar.  Das  Mundial- 
guterrecht,  ein  AusfluB  der  vormundschaftlichen  Stellung  des  Mannes  iiber 
die  Frau,  von  Sch.  nicht  ganz  glucklich  mit  dem  seitdem  herrschend  gewor- 
denen  Ausdruck  »Verwaltungsgemeinschaft<<  bezeichnet,  hatte  Sch.  in  seiner 
iiberragenden  entwicklungsgeschichtlichen  Bedeutung  wohl  erkannt.  Den 
zweiten  Teil  des  Werkes,  das  deutsche  Mittelalter  umfassend,  gliederte  Sch. 
bei  der  Fulle  des  Stoffes  nach  Landschaften  in  drei  Unterteile.  Davon  war 
Teil  I  1868  erschienen,  eine  fast  vollige  Neuschopfung,  die  das  mittelalterliche 
Ehegiiterrecht  Siiddeutschlands  einschlieBlich  von  Osterreich  und  der  Schweiz 
darstellte.  In  Teil  III,  2  (erschienen  1871)  behandelte  Sch.  die  frankischen 
Rechte  mit  ihren  oberrheinischen  Auslaufern;  Teil  II,  3  beschloB  1873  das 
Werk  mit  der  Darstellung  der  norddeutschen  Giiterrechte  des  Mittelalters 
von  den  Niederlanden  bis  zum  Baltikum.  Der  ausbleibende  buchhandlerische 
Erfolg  verleidete  dem  Verleger  und  Sch.  selbst  die  Ausfuhrung  eines  urspriing- 
lich  geplanten  III.  Teiles,  der  die  Entwicklung  des  ehelichen  Giiterrechts  von 
der  Rezeption  des  romischen  Rechts  bis  zur  Neuzeit  behandeln  sollte.  Sch. 
trostete  sich  mit  der  relativen  Diirre  dieser  Rechtsperiode  der  Romanisierung 
und  der  Erstarrung.  GewissermaBen  als  Ausklang  bot  Sch.  ein  Gesamtbild  in 
einer  Abhandlung  der  Historischen  Zeitschrift:  »Das  eheliche  Giiterrecht  und 
die  Wanderungen  der  deutschen  Stamme  im  Mittelalter*  (1874).  Dagegen 
plante  Sch.  noch  1874  ein  dogmatisches  Werk  iiber  das  geltende  eheliche 
Giiterrecht  und  machte  sich  begriindete  Hoffnung,  fur  diesen  Abschnitt  des 
Familienrechts  in  die  Kommission  zur  Ausarbeitung  des  Biirgerlichen  Gesetz- 
buchs  berufen  zu  werden.  Sch.  legte  1874  und  1875  dem  deutschen  Juristen- 
tag  Gutachten  iiber  die  zweckmaBigste  Ausgestaltung  des  ehelichen  Giiter- 
rechts im  neuen  Reichszivilgesetzbuch  vor,  erlebte  aber  dabei  eine  doppelte  Ent- 
tauschung:  weder  fand  das  von  ihm  zunachst  vorgeschlagene  Regionalsystem, 
das  den  einzelnen  Landschaften  ihr  traditionelles  Giiterrecht  belassen  sehen 
wollte,  allgemeine  Billigung;  noch  auch,  als  Sch.  dem  auf  nationale  und  prak- 
tische  Griinde  gestiitzten  Drangen  nach  groBerer  Vereinheitlichung  des  Giiter 
rechts  nachgab,  sein  Vorschlag,  eine  erweiterte  Errungenschaftsgemeinschaft 
als  normalen  gesetzlichen  Giiterstand  in  den  Mittelpunkt  des  neuen  Rechts 
zu  stellen.  So  kam  Sch.  weder  in  die  Kommission,  noch  gewann  seine  sachliche 
Auffassung  die  Oberhand,  die  »Verwaltungsgemeinschaft«  hatte  gesiegt.  Doch 
geht  es  auf  einen  Antrag,  den  Sch.  1876  auf  dem  Juristentag  zu  Salzburg  ver- 
trat,  zuriick,  wenn  das  Biirgerliche  Gesetzbuch  neben  dem  gesetzlichen  Giiter- 
stand die  anderen  Hauptsysteme  des  deutschen  ehelichen  Giiterrechts  als 
sogenanntes  dispositives  Giiterrecht  zur  Erleichterung  der  Ehegatten  beim 
AbschluB  von  Ehevertragen  gleichfalls  normierte.  Getreu  seiner  vornehmen 
Gesinnung  hat  iibrigens  Sch.  auch  weiterhin  die  Arbeiten  am  Entwurf  zum 
Biirgerlichen  Gesetzbuch  durch  Einzelaufsatze  befruchtet  und  es  189 1  auf 
dem  Juristentag  durchgesetzt,  daB  die  Verwaltungsgemeinschaft,  statt  in  der 


144  I9I7 

romanistischen  Gestaltung  des  sachsischen  Biirgerlichen  Gesetzbuchs  in  einer 
mehr  deutschrechtlichen  Formulierung  ausgestaltet  wurde.  Auch  der  Ein- 
biirgerung  des  neuen  Rechts  leistete  der  Meister  des  ehelichen  Giiterrechts 
durch  eine  gemeinverstandliche,  wiederholt  aufgelegte  Darstellung  des  letz- 
teren,  wie  es  Gesetz  geworden  war,  gute  Dienste.  Aber  der  Plan  einer  dog- 
matischen  Darstellung  des  geltenden  Ehegiiterrechts  war  von  Sch.  iiber  den 
gemachten  Erfahrungen  endgiiltig  begraben  worden. 

An  Fragen  des  geltenden  Rechts  interessierte  Sch.,  wie  schon  angedeutet, 
auBer  dem  ehelichen  Guterrecht  hauptsachlich  das  Handels-  und  Seerecht. 
Seine  Textausgabe  des  Handelsgesetzbuches,  eine  Frucht  der  Bonner  Jahre, 
erlebte  zahlreiche  Auflagen;  in  zwei  derselben  lieB  er  das  Buch  als  ^Corpus 
juris  civilis  fur  das  Deutsche  Reich  und  Osterreich,  erster  Teil«  hinausgehen 
und  lieB  diesem  ersten  Teil  1877  in  einem  Teil  2  die  privatrechtlichen  Neben- 
gesetze  beider  Reiche  folgen.  Dem  Verfechter  des  deutschen  Privatrechts 
schwebte  damit  der  in  unseren  Tagen  wieder  aufgenommene  Plan  vor,  durch 
solche  Zusammenfassung  die  innere  Zusammengehorigkeit  des  deutschen  und 
des  osterreichischen  Rechts  zu  pflegen.  Mit  besonderer  Liebe,  die  sich  auch 
im  Handelsrechtskolleg  auBerte,  gab  sich  Sch.  als  Mann  von  der  Waterkant 
den  seerechtlichen  Fragen  hin,  in  deren  Nonnenwelt  so  viel  altdeutsches  Recht 
enthalten  ist ;  fur  W.  Endemanns  Handbuch  des  Handelsrechts  bearbeitete 
er  1882  bis  1884  eine  groBere  Anzahl  seerechtlicher  Kapitel  in  mustergultiger 
Darstellung. 

Von  der  Geschichte  des  ehelichen  Giiterrechts  aus  aber  reifte  in  Sch.  das 
zweite  Hauptwerk,  das  seinen  Namen  in  den  weitesten  Kreisen  bekannt  machte, 
das  »L,ehrbuch  der  deutschen  Rechtsgeschichte«.  Wohl  hat  Sch.  vor  und  nach 
seinem  Erscheinen  noch  wiederholt  rechtsgeschichtliche  Einzelfragen  behan- 
delt,  die  ihm  teils,  wie  die  Abhandlung  iiber  die  Erbsalzer  zu  Werl  (1872), 
aus  Rechtsgutachten  auf  landesrechtsgeschichtlichem  Gebiet  erwuchsen,  teils 
aber  auch  wissenschaftlicher  Neigung  entsprangen:  so  die  Arbeiten  (1867  bis 
1870),  in  denen  er  als  Freund  der  Literaturdenkmaler,  einer  Anregung 
Simrocks  folgend,  die  deutsche  Dichtung  des  Mittelalters  in  den  Dienst  der 
Rechtsgeschichte  zog,  oder  seine  Heidelberger  Rektoratsrede  iiber  die  deutsche 
Kaisersage  (1891);  so  seine  verschiedenen  Beitrage  zu  den  Rechtsbiichern 
(1869 — ^92)»  von  denen  ihn  besonders  der  Sachsenspiegel  und  die  im  Halb- 
dunkel  der  Vergangenheit  verschwimmende  Gestalt  Eikes  v.  Repkow  anzogen. 
Zu  den  komplizierten  Fragen  der  sachsischen  Gerichtsverfassung  und  des 
Standewesens  nahm  Sch.  (1884)  in  einem  seiner  reifsten  Aufsatze  Stellung, 
der  als  StraBburger  Festgabe  fur  G.  Beseler  erschien.  Als  Otto  v.  Zallinger  die 
Standegliederung  Eikes  in  ihrer  Realitat  in  Zweifel  zog  und  darin  eine  sub- 
jektive  standerechtlich  interessierte  Spekulation  des  Verfassers  des  Rechts- 
buchs  vermutete,  fand  er  bei  Sch.  wohl  iiber  Gebiihr  Zustimmung.  Noch  in 
den  letzten  Zeiten  seines  Lebens  hat  Sch.  bei  der  Neubearbeitung  seines  Lehr- 
buchs  fur  die  6.  Auflage  kaum  einem  anderen  Gebiet  ein  so  lebhaftes  Interesse 
zugewandt,  wie  den  Fragen  der  sachsischen  Standegeschichte  und  Gerichts- 
verfassung. Sch.s  lebhaftem  Sinn  fur  Symbol  und  Wort  im  Recht  entsprangen 
seine  Arbeiten  zur  Roland-Forschung  (1890 — 1906),  in  denen  es  freilich  frag- 
lich  erscheint,  ob  er  der  sogenannten  Spieltheorie  von  Heldmann  und  Jostes 
gerecht  wurde,  sowie  seine  Aufsatze  zur  Bedeutung  der  Marktkreuze,  die  ihn 


Schroder  145 

im  Streit  der  Stadtrechtstheorien  an  die  Seite  der  Marktrechtstheorie  und 
damit  an  die  Seite  seines  Freundes  Sohm  drangten.  Zu  der  Ausgabe  von 
K.  Zeumers  frankischen  Urkundenformeln  steuerte  Sch.  wertvolle  Beitrage 
bei  (1883 — 1892),  die  vor  allem  dem  Wirken  des  Erzbischofs  Arno  von  Salz- 
burg galten. 

Doch  waren  alle  diese  und  andere  Arbeiten,  von  denen  noch  Sch.s  Unter- 
suchungen  zum  frankischen  Recht,  Vorstudien  zu  einem  geplanten  Werk 
iiber  die  Franken,  genannt  seien,  die  in  der  Abhandlung  »Die  Franken  und  ihr 
Recht*  (1881)  ihre  Bekronung  fanden,  Parerga  zu  Sch.s  Deutscher  Rechts- 
geschichte.  Die  Anregung  zur  letzteren  kam  ihm  schon  in  den  Bonner  I^ehr- 
jahren  von  keinem  Geringeren  als  von  Friedrich  Althoff ;  begonnen  hat  Sch. 
mit  der  Ausarbeitung  in  StraBburg,  in  der  auptsache  fertiggestellt  wurde 
das  Werk  in  Gottingen,  vollendet  in  Heidelberg. 

Es  war  ein  einzigartiges  Zusammentreffen,  daB,  wie  schon  bemerkt,  zwei 

so  angesehene  Forscher, '   .  Brunner  und  Sch.,  zu  gleicher  Zeit  demselben  Ziele 

zusteuerten.  Sicherlich  war  von  beiden  Brunner  der  groBere  und  scharfsinnigere. 

Aber  wahrend  dieser  von  Anfang  an  auf  ein  universales  Handbuch  abzielte, 

fur  das  er  dann  nur  die  der  germanischen  und  frankischen  Zeit  —  auch  letztere 

mit  AusschluB  des  Privatrechts  des  Zeitalters  —  gewidmeten  Bande  vollenden 

durfte  (s.  a.  a.  O.,  S.  123),  gelang  Sch.  der  Wurf,  das  Ganze  der  deutschen 

Rechtsgeschichte  bis  herab  zur  Schwelle  der  Gegenwart  zu  meistern.  Wohl 

lag  auch  bei  ihm  von  vornherein  das  Schwergewicht  der  Darstellung  in  den 

mittelalterlichen  Perioden  der  nationalen  Rechtsentwicklung.  In  den  folgen- 

den  Auflagen  aber  beseitigte  er  immer  mehr  das  Skizzenhafte,  das  zunachst 

seiner  Darstellung  der  Rechtsgeschichte  der  Neuzeit  anhaftete. 

Durch  sein  I^ehrbuch  war  der  Jurist  Sch.  mit  einem  Schlag  auch  in  den 
Kreisen  der  Historiker  beruhmt,  war  sein  Buch  ein  unentbehrliches  Hand- 
werkszeug  aller  rechts-  und  verfassungsgeschichtlichen  Forschung  geworden 
und  hat  diese  Geltung  dank  der  nie  rastenden  Verbesserungsarbeit  seines  Ver- 
fassers  bis  iiber  dessen  Tod  hinaus  behalten.  Dieses  Buch  ersetzt  »zugleich 
die  fehlende  Bibliographic  der  deutschen  Rechtsgeschichte «  bis  heute.  Wohl 
hat  Sch.s  Schmiegsamkeit  gegenliber  neuen  Forschungsergebnissen,  die  doch 
das  schonste  Zeugnis  seiner  wissenschaftlichen  Aufgeschlossenheit  und  Ehr- 
lichkeit  ist,  die  Einheitlichkeit  der  Darstellung  allmahlich  beeintrachtigt  — 
Wichtiges  steht  heute  im  Anmerkungsapparat,  was  bei  urspriinglicher  Beriick- 
sichtigung  sicherlich  im  Text  Platz  gefunden  hatte  — ,  als  Lebenswerk  Sch.s, 
und  als  getreuer  Spiegel  der  reichen  Entwicklung  des  Fachs  wird  sein  Lehr- 
buch  stets  fortleben,  mag  auch  allmahlich  die  Zeit  eine  von  Grund  aus  neue 
Schopfung  ahnlicher  Art  gebieterisch  verlangen.  Und  noch  eines,  worauf  Ulrich 
Stutz  mit  Recht  abhebt:  die  Neigung  mancher  Modernen,  alles  bisher  Erarbei- 
tete  in  Zweifel  zu  ziehen,  hat  Sch.  manchmal  verbittert  und  ihn  zum  Mahner 
und  Warner  gemacht.  Gleichwohl  hat  er  die  Grenzen  maBvoller  Auseinander- 
setzung,  er,  der  personlich  niemandem  bose  sein  konnte,  kaum  je  iiberschritten. 
AuBerungen  des  Zornes  und  der  Entriistung  lieB  er  miindlich  in  seinen  vier 
Wanden  verrauchen,  stets  zur  Versohnung  bereit  und  als  Vermittler  gern 
gesehen.  v.  KiinBberg  berichtet,  daB  er  »eine  sarkastische  Vorrede  mit  Hor- 
nern  und  Zahnen«  noch  kurz  vor  dem  Druck  abgemildert  habe. 

Als  eine  groBe  Geldstiftung  die  Berliner  Akademie  instand  setzte,   auf 
dbj  10 


I46  1917 

Heinrich  Brunners  und  K.  v.  Amiras  Vorschlag  der  Herausgabe  eines  Worter 
buchs  der  deutschen  Rechtssprache  naherzutreten,  und  dam  it  einem  Bediirf- 
nis  der  rechtsgeschichtlichen  Forschung  abzuhelfen,  erschien  keiner  besser 
geeignet,  das  neue  Unternehmen  zu  leiten,  als  Sch.,  der  Mann  des  Lehrbuchs 
und  der  feinsinnigen  Forschung,  der  zugleich  durch  seine  Registerarbeit  an 
Grimms  Weistumern  den  Befahigungsnachweis  zur  Bearbeitung  eines  Rechts- 
worterbuchs erbracht  hatte.  In  der  Sitzung  der  Berliner  Akademie  vom 
3./4.  Januar  1897  ubernahm  Sch.  die  wissenschaftliche  Leitung.  »Mit  Feuer- 
eifer  ging  der  beinahe  Sechzigjahrige  an  die  Arbeit «,  so  berichtet  v.  KiinBberg, 
der  ihm  bei  derselben  bald  am  nachsten  stehen  durfte.  t)ber  den  Fortgang 
der  Vorarbeiten,  die  in  rasch  anschwellendem  Tempo  die  Schatze  der  deut- 
schen Rechtssprache  in  die  Heidelberger  Werkstatt  sammelten,  erstattete  Sch. 
seitdem  alljahrlich  Bericht.  Aus  der  Exzerptorentatigkeit,  an  der  Sch.  selbst 
ruhrigen  Anteil  nahm,  entstand  allmahlich  in  Heidelberg  das  Archiv  des 
Rechtsworterbuchs  mit  mehr  als  einer  Million  Zetteln.  Die  Vollendung  zogerte 
sich  hin.  »Hatten  die  Freunde  urspriinglich  gedacht,  in  zwolf  Jahren  das 
Werk  vor  sich  zu  sehen,  so  auBerten  sie  nach  zehn  Jahren  nur  mehr  bescheiden 
die  Hoffnung,  vielleicht  den  Anf ang  noch  zu  erleben. «  Freilich  war  die  Kraft 
Sch.s  bei  herannahendem  Alter  nicht  mehr  voll  ausreichend,  um  der  Arbeit 
am  Rechtsworterbuch  die  fur  seinen  friiheren  AbschluB  erforderlichen  Im- 
pulse zu  geben.  Sch.  selbst  lieB  wohl  den  Artikel  Weichbild  in  wiederholter 
Bearbeitung  als  Probeartikel  erscheinen.  1912  gab  er  ein  Quellenheft  und  1914 
sogar  ein  erstes  Heft  von  Band  I  des  Werkes  selbst  heraus,  starb  aber  liber 
dem  durch  den  Kriegsausbruch  verlangsamten  Druck  des  zweiten  Heftes. 
Die  Arbeitsgenossen  am  Rechtsworterbuch  hatten  Sch.  noch  zum  70.  Geburts- 
tag  (1908)  mit  einer  Sammlung  »Beitrage  zum  Worterbuch  der  deutschen 
Rechtssprache «  iiberrascht;  es  war  seine  groBte  Geburtstagsfreude,  lieB  doch 
dieses  Heft  den  Jubilar  und  die  wissenschaftliche  Welt  »die  Fiille  und  Tiefe 
der  noch  zu  hebenden  Schatze  ahnen«.  Aber  bei  seinem  Tod  hinterlieB  Sch. 
in  der  Hauptsache  nur  den  Torso  des  gewaltigen  Zettelarchivs,  dessen  Be- 
meisterung  im  engeren  Rahmen  jetzt  geplant  ist.  Gleichwohl  behalt  G.  Roethe 
recht,  wenn  er  dem  verstorbenen  Freund  in  den  Berliner  Sitzungsberichten 
nachrief :  »Wie  er  mit  ungetriibter  SiegesgewiBheit  den  Gefahren  und  Schwan- 
kungen  des  Krieges  sicheren  Herzens  zuschaute,  so  leitete  ihn  auch  bei  seiner 
Arbeit  am  Deutschen  Rechtsworterbuch  ein  frohgemutes  Zutrauen  zum  guten 
Erfolg,  das  er  auf  alle  seine  Freunde  und  Mitarbeiter  ausstrahlte.  Brunner 
und  er  haben  als  die  eigentlichen  Vater  des  Deutschen  Rechtsworterbuchs  zu 
gelten :  ihr  Name  ist  mit  seiner  Geschichte  wurzelhaft  verwachsen. «  Und  doch 
werden  wir  schlieBlich  Ulrich  Stutz  darin  recht  geben,  daB  Sch.  mehr  zum 
Eigenforscher  als  zum  Organisator  geschaffen  war,  eine  Tatsache,  die  Ulrich 
Stutz  auch  an  Hand  der  Schicksale  der  Zeitschrift  der  Savigny-Stiftung  illu- 
striert,  deren  deutschrechtliche  Abteilung  Sch.  von  1886  bis  1897  geleitet  hat, 
ohne  daB  es  ihm  gelungen  ware,  namentlich  den  Literaturteil  zu  einer  voll- 
standigen  und  hochwertigen  Uberschau  der  Neuerscheinungen  zu  gestalten. 
So  wird  Sch.  in  der  Gelehrtengeschichte  der  deutschen  Rechtsgeschichte 
als  Lehrer  und  als  Forscher  von  Format  fortleben.  Wohl  iiberstrahlt  ihn  der 
Ruhm  anderer,  die  zu  seinen  Zeiten  Bahnbrechenderes  auf  dem  Gebiet  der 
Deutschen  und  der  Germanischen  Rechtsgeschichte  geleistet  haben.  Was  ihm 


Schroder.  Simson  147 

aber  keiner  streitig  macht,  ist  die  Schopfung  des  Gesamtbildes  seiner  Wissen- 
schaft  und  ihres  jeweiligen  Forschungsstandes  in  den  sechs  Auflagen  seines 
Lehrbuches,  und  ist  der  Reiz  einer  bedeutenden  menschlichen  Personlichkeit, 
deren  Kardinaltugenden  Gute,  ein  mit  Frohsinn  selten  gepaarter  Lebensernst 
und  beharrlicher  FleiB  gewesen  sind. 

Literatur:  Biographisches  iiber  Sch.:  Karl  v.  Amira  (Jahrb.d.bayer.  Akad.d.Wissen- 
schaften  1917,  S.  80 — 87) ;  Ernst  Heymann  (Deutsche  Juristenztg.  1917,  Spalte  206 — 208) ; 
Eberhard  Frhr.  v.  Kiinflberg  (Ztschr.f.d.  Gesch.  d.  Oberrheins,  Neue  Folge,  Bd.  32,  1917, 
S.  330 — 334);  Ernst  Landsberg  (Gesch.  d.  dtsch.  Rechtswiss.  Ill  2,  1910,  S.  898!.); 
K.  Lehmann  (Ztschr.  f.  d.  ges.  Handelsrecht,  Bd.  80,  1917.  S.  439  f.) ;  Gustav  Roethe 
(Sitzungsber.  d.  Berliner  Akad.d.Wiss.  191 7,  S.  97);  Ulrich  Stutz  (Ztschr.  d.  Savigny- 
Stiftung  f.  Rechtsgesch.,  Germ anist.  Ab tig.,  Bd.  38,  191 7,  S.  1 — 45;  auch  separat  er- 
schienen  Weimar  191 7  mit  Bild). 

Munchen.  Konrad  Beyerle. 

Simson,  Paul,  Professor,  *  am  5.  Februar  1869  in  Elbing,  f  am  6.  Januar  1917 
in  Danzig.  —  Als  Sohn  wohlhabender  Eltern  geboren,  verlebte  S.  seine  erste 
Jugend  in  dem  schonen,  freilich  gegen  Danzig  nicht  aufkommenden  Elbing, 
bis  Ende  der  siebziger  Jahre  seine  Eltern  nach  Danzig  iibersiedelten.  Die 
Sommeraufenthalte  in  dem  reizenden  See-  und  Haffbadeorte  Kahlberg  gaben 
seiner  groBen  und  ihn  fur  das  ganze  Leben  begleitenden  Freude  an  der  Natur 
die  erste  Nahrung.  In  Danzig,  das  damals  noch  von  dem  jahrhundertealten 
Festungsgurtel  eingeengt  war,  erschlossen  sich  den  Augen  des  Jungen  staunen- 
erregende  Bilder.  Die  engen  malerischen  Gassen,  die  hochgiebeligen  Hauser, 
die  stattlichen  offentlichen  Gebaude  und  Kirchen,  vor  allem  die  Marienkirche, 
alle  diese  Zeugen  einer  groBen  geschichtlichen  Vergangenheit  muBten  in  der 
Seele  des  aufgeweckten  Knaben  tiefe  Eindriicke  hervorrufen,  die  den  Sinn 
fur  die  geschichtliche  GroBe  seiner  neuen  Heimat  wecken  und  dauernd  an- 
regen  konnten.  Es  blieb  denn  auch  nicht  aus,  daB  er  sich  bald  mit  Gleich- 
gesinnten  in  immer  fester  sich  gestaltender  Gemeinschaft  im  Elternhause  zu- 
sammenfand,  wo  man  durch  schriftliche  Arbeiten,  Vortrage  mit  oft  recht 
stiirmischer  Aussprache  dem,  was  die  Eindriicke  der  alten  StraBen  und  ihrer 
Vergangenheit  in  den  jungen  Seelen  angeregt  hatten,  Ausdruck  gab.  Diese 
geistige  Vereinigung  iiberdauerte  die  Schule,  ja  sie  iibte  noch  in  der  Studenten- 
zeit  ihre  einigende  Kraft  auf  die  zu  den  Ferien  heimkehrenden  Musen- 
sohne  aus. 

Seine  wissenschaftliche  Ausbildung  begann  im  Jahre  1876  im  Koniglichen 
Gymnasium  in  Elbing,  wurde  in  Danzig  im  Koniglichen  Gymnasium  fort- 
gesetzt  und  fand  ihren  ersten  AbschluB  im  Jahre  1887,  wo  er  mit  dem  Reife- 
zeugnis  die  Schule  verlieB,  um  sich  dem  Universitatsstudium  zu  widmen. 
Welchem  Zweige  der  Wissenschaft,  war  ihm  selber  noch  nicht  recht  klar.  Es 
drangte  ihn  nur  mit  elementarer  Gewalt  hinaus,  und  der  Vater,  obgleich 
Kaufmann,  legte  dem  mehr  zum  Gelehrten  als  zum  Handelsleben  veranlagten 
Sohne  keinerlei  Schwierigkeiten  in  den  Weg,  stellte  nur  die  einzige  Bedingung, 
daB  er  sich  dem  Lehrberufe  widmen  solle.  So  entschloB  sich  S.  zum  Studium 
der  Philologie,  wobei  aber  die  Geschichte  von  Anfang  an  im  Vordergrunde 
stand.  Sein  erstes  Ziel  war  Heidelberg,  wo  er,  wie  er  oft  freudig  erzahlte,  die 
schonsten  Monate  seines  Lebens  verbrachte,  und  seine  Zeit  zwischen  fleiBigem 


I48  1917 

Studium  und  froher  studentischer  Ungebundenheit,  zwischen  Kolleghoren  und 
Ausfliigen  in  lustiger  Gesellschaft  in  das  bliihende  Neckartal  oder  in  den 
Odenwald  teilte.  Die  zwei  folgenden  Semester  verbrachte  S.  in  Konigsberg 
und  folgte  auch  hier  seinem  ihn  im  ganzen  Leben  treu  begleitenden  Drange, 
fleiBiges  Studium,  namentlich  der  Geschichte,  mit  Wanderungen  in  der  Natur 
zu  verbinden. 

Von  Konigsberg  aus  besuchte  er  die  Universitat  Leipzig.  Den  AbschluB 
seiner  Studien  bildete  ein  Aufenthalt  in  Berlin  im  Jahre  1891.  Hier  promo- 
vierte  er  mit  einer  Arbeit  aus  der  Danziger  Geschichte,  und  zwar  aus  einem 
Gebiete,  das  ihn  gleich  mitten  in  das  groBe  Ringen  der  Stadt  im  sogenannten 
dreizehnjahrigen  Kriege  (1454 — 1466)  fiihrte. 

Nach  Beendigung  der  Studien  und  Ablegung  des  philologischen  Staats- 
examens  fiir  Geschichte,  Geographie  und  Deutsch,  zu  denen  durch  eine  Er- 
ganzungspriifung  im  Jahre  1894  auch  Lateinisch  kam,  sowie  nach  Ableistung 
seiner  militarischen  Dienstpflicht  (1892/93)  trat  er  in  Danzig  am  1.  April  1894 
als  junger  L,ehrer  beim  Stadtischen  Gymnasium  ein,  ging  aber  schon  1895 
zu  dem  damaligen  Realgymnasium  St.  Petri  iiber.  Ihm  gehorte  er  dann  bis 
zu  seinem  Tode  an  und  unterrichtete  da  in  Geschichte,  Geographie  und  Deutsch 
und,  soweit  sie  in  Betracht  kamen,  in  den  humanistischen  Fachern.  In  beson- 
derer  Anerkennung  seiner  wissenschaftlichen  Leistungen  wurde  ihm  schon  im 
Jahre  1906  der  Titel  Professor  verliehen,  obgleich  er  seinem  Alter  nach  noch 
lange  nicht  an  der  Reihe  gewesen  ware. 

Alljahrlich  schiittelte  er,  sobald  die  Schulpforten  sich  geschlossen  hatten, 
den  Staub  der  Stadt  ab  und  eilte  in  die  Ferae  hinaus,  viele  Jahre  hindurch 
wie  ein  Zugvogel  nach  den  Tiroler  und  Schweizer  Alpen,  von  denen  er  nament- 
lich die  ersteren  nach  alien  Seiten  durchstreifte.  Andere  Reisen  fuhrten  ihn 
durch  die  freundlichen  Stadte  Siiddeutschlands,  oder  die  Versammlungen  des 
Hansischen  Geschichtsvereins  in  den  Pfingsttagen  nach  den  Stadten  Nieder- 
sachsens.  Im  Friihling  1914  erfullte  sich  ihm  ein  langjahriger  Sehnsuchts- 
wunsch  durch  eine  Reise  nach  Italien,  auf  die  er  sich  griindlich  vorbereitete, 
und  die  fiir  ihn  eine  Quelle  hochsten  Genusses  wurde,  obwohl  er  durch  einen 
ungliicklichen  Zufall  in  der  Villa  Adriana  bei  Tivoli  sich  eine  Knieverletzung 
zuzog,  die  ihn  wochenlang  an  das  Deutsche  Krankenhaus  in  Rom  fesselte. 
Sein  Weg  fiihrte  ihn  bis  Neapel,  und  von  der  unverganglichen  Schonheit  der 
naheren  und  weiteren  Umgebung  dieser  Stadt  der  Freude,  von  Sorrent,  Capri, 
Amalfi  und  den  Herrlichkeiten  Pompejis  konnte  er,  genuBfahig  wie  er  war, 
sich  in  Erzahlungen  nicht  genug  tun. 

Und  doch  nagte  auch  an  diesem  starken  Baume  ein  Wurm,  der  ihn  eher 
fallen  sollte,  als  irgend  jemand  geahnt  hatte.  Eine  schwere  Blinddarmerkran- 
kung  im  Jahre  1901,  die  mehrere  Operationen  ndtig  gemacht  hatte,  und  dauernd 
ihre  Spuren  hinterlieB,  scheint  auch  unter  Hinzutritt  einer  Phlegmone  der 
Ausgangspunkt  seiner  todlichen  Erkrankung  geworden  zu  sein. 

S.s  Bedeutung  fiir  die  Danziger  Geschichtschreibung  ist  auch  heute  noch, 
obgleich  manche  seiner  Forschungsergebnisse  im  einzelnen  vielleicht  iiberholt 
sind,  auBerordentlich  groB,  ja  man  kann  wohl  sagen,  er  ist  der  erste  groBe 
Danziger  Historiker  nach  einem  Jahrhunderte  des  Stillstandes  geworden.  Alle 
seine  Arbeiten  sind  der  AusfluB  zweier  grundlegenden  Eigenschaften  seines 
Charakters.   Neben  durchdringendem  Verstande,   staunenswertem  Gedacht- 


Simson  I4Q 

nisse  selbst  fiir  die  kleinste  Einzelheit  und  feinem  Gefiihle  ftir  die  inneren 
Zusammenhange  des  geschichtlichen  Werdens,  eiserner  unbeugsamer  FleiB, 
der  vor  keiner  noch  so  groBen  Arbeit  zuriickschreckte,  und  eine  Griindlichkeit 
und  Gewissenhaftigkeit,  die  sich  nie  genug  tun,  keiner,  auch  der  schlimmsten 
Schwierigkeit  nicht,  ausweichen  konnte,  sondern  jede  Frage  griindlich  priifte, 
und  darum  auch  nie  vor  Bergen  von  Arbeit  zuriickschreckte,  die  einen  anderen 
hatten  verzagen  lassen. 

Sein  Lebenswerk,  die  Geschichte  Danzigs  zu  vollenden,  ist  ihm  leider  nicht 
vergonnt  gewesen.  Mitten  aus  der  Arbeit  heraus  hat  ihn  der  Tod  abgerufen, 
und  so  ist  das  groBangelegte  Werk  ein  Bruchstuck  geblieben,  von  dem  nur 
die  beiden  ersten  Bande  (bis  zum  Jahre  1626)  nebst  einem  Urkundenbande 
fertig  wurden.  Und  selbst  von  diesen  ist  nur  der  erste  Band  und  ein  Heft  des 
zweiten  bei  seinen  Iyebzeiten  erschienen,  der  Rest  erst  nach  seinem  Tode  von 
dem  Direktor  der  Stadtbibliothek,  Professor  Dr.  Gunther,  und  mir  nach  seinem 
Manuskripte  herausgegeben  worden.  Erstaunlich  ist  die  Fiille  von  Aufsatzen 
in  den  verschiedensten  wissenschaftlichen  Zeitschriften,  die  alle  die  Vorziige 
der  S.schen  Griindlichkeit  zeigen.  Manche  von  ihnen  konnten  getrost  als 
selbstandige  Werke  gelten.  So  der  Aufsatz:  WestpreuBens  und  Danzigs  Kampf 
gegen  die  polnischen  Unionsbestrebungen  in  den  letzten  Jahren  des  Konigs 
Sigismund  August  (1568 — 1872),  oder  seine  Geschichte  der  Schule  zu  St.  Petri 
und  Pauli  in  Danzig.  Grundlegend  ist  noch  heute  seine  Geschichte  der  Danziger 
Willkur,  der  Artushof  in  Danzig  und  seine  Briiderschaften,  die  Banken,  sowie 
sein  grofles  Danziger  Inventar  (als  dritter  Band  hansischer  Archive  des 
16.  Jahrhunderts  vom  Vereine  fiir  hansische  Geschichte  herausgegeben).  Alles 
Werke,  von  denen  jedes  allein  einem  Manne  Ehre  machen  konnte. 

Dabei  war  S.  alles  eher  als  ein  weltfremder,  trockener  Stubengelehrter.  Im 
Gegenteile,  sein  aufs  Praktische  gerichteter  Sinn  lieB  ihn  auch  mit  den  Lebenden 
leben,  in  den  Fragen  des  Tages  seinen  Mann  stehen,  ob  er  als  Stadtverordneter 
oder  als  Mitglied  eines  politischen  Vereins,  von  dem  Vertrauen  seiner  Mit- 
biirger  getragen,  oder  in  einem  neben  rein  asthetischen  auch  sehr  praktischen 
Fragen  dienenden  Vereine,  wie  dem  zur  Erhaltung  der  Bau-  und  Kunstdenk- 
maler  der  Stadt  Danzig,  als  langjahriger  Vorsitzender  tatig  war. 

Und  wie  er  als  Gelehrter  von  Einseitigkeit  frei,  menschlich  verstandnisvoll, 
eine  harmonische  Personlichkeit  war,  so  besaB  er  auch  nicht  zum  wenigsten 
als  Lehrer  der  Jugend  die  Gabe  liebevollen  Begreifens  und  Eingehens  auf  die 
Regungen  der  jugendlichen  Seele,  verstand  er  es  mit  der  Jugend  jung  zu  bleiben 
und  auch  ihren  Torheiten,  wenn  sie  nur  nicht  Roheiten  waren,  freundliche 
Seiten  abzugewinnen.  Dabei  war  er  als  Lehrer  streng  und  stellte  groBe  An- 
spriiche  an  seine  Schiiler.  Aber  wie  er  ihnen  den  Stoff  interessant  zu  gestalten 
wuBte,  so  war  er  auch  in  seinem  Urteile  gerecht  und  unabhangig  von  person- 
licher  Ab-  und  Zuneigung.  Darum  liebten  ihn  seine  Schiiler  auch,  wie  das 
zahlreiche  Briefe  ehemaliger  Schiiler  aus  dem  Felde  im  groBen  Weltkriege 
deutlich  zeigen. 

So  lebt  S.  im  Gedenken  aller  derer,  die  ihn  liebten  und  verehrten,  nicht  nur 
als  hervorragender  Gelehrter,  sondern  auch  als  Mensch,  der,  mit  reichen  Gaben 
des  Herzens  und  Geistes  ausgestattet,  in  straffer  Selbstzucht  sich  zur  Hohe 
wahrer  Humanitat  emporgearbeitet  hatte,  fiir  alle,  die  seine  Hilfe  brauchten, 
als  stets  gewissenhafter  Berater  und  treuer  Heifer,   der   aus   dem  reichen 


150  1917 

Schatze  seines  Wissens  selbstlos  und  verschwenderisch  seine  Gaben  austeilte. 

Sein  Tod  ist  auch  heute  noch  ein  nicht  ausgeglichener  Verlust  fur  die  ganze 

wissenschaftliche  Erforschung  der  groBen  Vergangenheit  Danzigs. 

Literatur:  Kaufmann,  Paul  S.,  in  den  Mitteilungen  des  WestpreuCischen  Geschichts- 
vereins,  Jahrgang  16,  Nr.  2,  wo  auch  eine  genaue  Bibliographic  seines  gesamten  Schaffens 
zusammengestellt  ist. 

Danzig.  Karl  Josef  Kaufmann. 

Sohm,  Gotthard  Julius  Rudolf,  Professor  der  Rechte  in  Leipzig,  German  ist, 
Kirchenrechtshistoriker,  Rechtsphilosoph,  *  am  29.  Oktober  1841  in  Rostock, 
f  am  16.  Mai  1917  in  Leipzig.  —  Rudolf  S.  war  im  tiefsten  Grunde  seines  Wesens 
eine  religiose  Natur.  Religios  im  zwief achen  Sinne :  erf ullt  von  der  Liebe  und 
Hoheit  des  lebendigen  Gottes  (Gotteskindschaft,  nicht  Gottesfurcht!)  und  be- 
seelt  vom  Glauben,  da£  hochste  Erkenntnis  und  reinste  Wahrheit  aus  der 
Intuition  stammen.  Das  sind  die  Grundpfeiler,  auf  denen  S.s  Arbeit  und  Leben 
ruhte.  Von  ihnen  ist  er  niemals  abgewichen.  Ihnen  verdankt  er  das  GroBartige, 
wie  auch  das  Einseitige  seiner  Schopfungen.  Alles,  was  zu  diesen  Grund- 
pfeilern  hinzutritt,  ist  Mauerwerk.  Es  fullt  und  macht  reicher  und  vielgestal- 
tiger.  Aber  es  andert  das  Wesen  des  gesamten  Aufbaues  nicht. 

S.s  Vater  war  Advokat,  spater  Landesarchivar  in  Rostock ;  dessen  Ehef rau, 
Auguste  Sofie  Friederike  war  eine  geborene  Walter.  Der  Spruch,  den  der  junge 
Konfirmand  bei  seiner  Einsegnung  in  der  Kirche  zu  Rostock  erhielt,  kann  als 
Leitmotiv  fiir  sein  ganzes  Leben  angesehen  werden :  » Verteidige  die  Wahrheit 
und  das  Recht  bis  an  den  Tod,  so  wird  Gott  der  Herr  fiir  dich  streiten«  (Sirach 
4»  33)-  So  war  es:  S.  fuhlte  sich  als  GefaB  des  Herrn,  als  ein  Kampfer,  dessen 
Waff  en  Gott  fuhrte.  Wer  seine  kirchenrechtlichen  Schriften  aufmerksam  liest, 
wird  an  dieser  Einstellung  nicht  zweifeln.  An  Ostern  im  Jahre  i860  machte 
er  an  der  »Gro£en  Stadtschule«  sein  Gymnasialexamen,  das  er  mit  der  Note  I 
bestand.  Bald  darauf  erkrankte  er  an  einem  schweren  Typhus,  erholte  sich 
jedoch  relativ  rasch  und  konnte  im  Oktober  i860  als  Student  der  Rechte  an  der 
heimatlichen  Universitat  immatrikuliert  werden.  Den  groBten  Eindruck  machte 
dem  Akademiker  mit  den  f rischen  klaren  Augen  der  Jurist  Wetzell.  Im  Winter- 
semester  1861/62  begab  er  sich  nach  Berlin  (dort  starker  EinfluB  Bruns),  im 
Sommersemester  1862  nach  Heidelberg  (nachhaltiger  EinfluB  Vangerows), 
dann  bis  1864  wieder  nach  Rostock,  wo  nun  Bohlau  wesentlich  auf  ihn  wirkte. 
In  dieser  Zeit  verfaBte  er  die  von  der  Juristenfakultat  Rostock  preisgekronte 
Schrift  uber  »Die  Lehre  vom  Subpignus*  (erschienen  Rostock  1864).  Das  ist 
kennzeichnend  fiir  den  Gelehrten :  das  romische  Recht  zog  ihn  mit  unwider- 
stehlicher  Gewalt  an,  sein  ganzes  Leben  lang.  Weshalb?  Weil  S.  ein  typischer 
Vertreter  der  Begriffsjurisprudenz  war.  Im  Begriff  sah  er  das  erlosende  Zauber- 
wort.  »Die  Begriffsjurisprudenz  allein  setzt  uns  in  den  Stand,  uns  des  ge- 
gebenen  Rechts  zu  bemachtigen,  seinen  gesamten  Inhalt  mit  einem  Blick  zu 
iibersehen.  J  a,  sie  allein  setzt  uns  in  den  Stand,  die  Welt  der  Rechtssatze  zu 
bewegen:  auf  den  Inhalt  zu,  den  die  Gerechtigkeit  der  Gegenwart  verlangt,« 
schreibt  er  einmal  spater  (t)ber  Begriffsjurisprudenz,  Deutsche  Juristenzei- 
tung,  Festnummer  fiir  Leipzig,  1909).  Und  welches  Rechtssystem  bietet  den 
geeigneteren  Tummelplatz  fiir  die  Begriffe  als  das  romische  Recht?  Kein 
anderes.  — 


Simsdn.  Sohm 


151 


Am  13.  Juni  1864  bestand  S.  sein  juristisches  Doktorexamen  in  Rostock 
mit  der  Auszeichnung  magna  cum  laude.  Schon  war  der  wissenschaftlicheTrieb, 
schon  war  die  Gelehrtenlust  in  ihm  erwacht.  Aber  nicht  mehr  das  romische 
Recht,  sondern  die  Entwicklung  des  deutschen  Rechts  begann  ihn  zu  fesseln, 
und  so  wandte  er  sich  nach  Miinchen,  wo  damals  Paul  Roth  deutsche  Rechts- 
geschichte  und  deutsches  Privatrecht  las.  Er  setzte  sich  wieder  auf  die  Schul- 
bank  und  horte  den  hervorragenden  Germanisten.  Seit  Waitz  und  Roth  war 
das  Auge  besonders  stark  auf  die  frankischen  Rechtsquellen  gelenkt  worden 
(f riiher  mehr  auf  die  sachsischen) .  Roth  hatte  seine  Geschichte  des  Benef  izial- 
wesens  (1863)  bereits  geschrieben,  ein  Werk,  das  auf  unseren  jungen  Gelehrten 
»einen  unausloschlichen  Eindruck<(  machte.  Trotzdem  habilitierte  S.  sich  nicht 
bei  Roth,  sondern  bei  der  damals  noch  hannoverschen  Juristenfakultat  Got- 
tingen  mit  der  Arbeit:  t)ber  die  Entstehung  der  Lex  Ribuaria  (1866).  (S.  gab 
spater  die  Lex  Ribuaria  et  Lex  Francorum  Chamavorum  fur  die  Mon.  Germ, 
hist.  Leges  vol.  V  und  fur  die  Schulausgabe  der  Leges  heraus;  Hannover  1883.) 
Er  schreibt:  »Unter  den  Donnern  des  Krieges  habilitierte  ich  mich  1866  in 
Gottingen  f ur  deutsches  Recht.  Bei  den  Gottinger  Professoren  f and  ich  wah- 
rend  meiner  Privatdozentenzeit  das  freundlichste  Entgegenkommen  und  ge- 
noB  angeregtesten  Verkehr  in  einem  Kreise  von  gleichstrebenden  jungen 
Leuten.«  Rasch  ging's  vorwarts.  Schon  1870  wurde  er  auBerordentlicher  Pro- 
fessor und  noch  im  gleichen  Jahre  rief  ihn  die  Freiburger  Fakultat,  nament- 
lich  auf  Betreiben  Bindings  (s.  unten  S.  495  ff.)  und  Degenkolbs,  in  ihre  Mitte. 
Unterdessen  war  sein  groBes,  von  den  Ideen  Roths  stark  beeinfluBtes  Werk 
herangereif t :  Die  Frankische  Reichs-  und  Gerichtsverfassung,  gedacht  als 
erster  Band  der  »altdeutschen  Reichs-  und  Gerichtsverfassung «  (Weimar  1871). 
Nun  gait  es,  im  neuen  Reichsland  die  besten  Krafte  zu  sammeln.  Zu  diesen 
gehorte  bereits  Rudolph  S.  1872  kam  er  nach  StraBburg,  wo  er  als  Fachge- 
nossen  den  bedeutenden,  freilich  ganz  anders  gerichteten  Heinrich  Brunner 
(s.  DBJ.  1914 — 16,  S.  119  ff.)  fand.  Auch  trat  er  in  nahe  Beziehungen  zu 
dem  Theologen  Holtzmann,  der  auf  seine  religiosen  Anschauungen  starken 
EinfluB  ausiibte.  Dort  erlebte  er,  trotz  seiner  zunehmenden  Schwerhorigkeit, 
die  Freude,  beim  zehnjahrigen  Jubilaum  der  Universitat  zum  Rektor  gewahlt 
zu  werden.  Hier  spielte  sich  auch  der  wissenschaftlich  erbitterte  Kampf  mit 
dem  evangelischen  Oberkirchenrat  und  mit  dem  Kirchenrechtslehrer  Emil 
Friedberg  ab.  Mit  aller  Energie  griff  S.  die  Behauptung  an,  die  obligatorische 
Zivilehe  fordere  notwendig  die  Beseitigung  der  kirchlichen  Trauung  und  die 
Verwandlung  in  eine  bloBe  kirchliche  Segnung.  Mit  schwerem  historischem 
fanzer  gewappnet  und  unter  der  Deckung  einer  kuhnen  juristischen  Kon- 
struktion  (die  Wirkung  der  Ehe  zerfalle  in  zwei  Teile,  in  eine  negative  und  in 
^ine  positive)  stellte  er  fest,  die  kirchliche  Trauung  des  spateren  Mittelalters 
sei  keine  EheschlieBung,  sondern  nur  der  kirchliche  Vollzug  der  bereits  ge- 
schlossenen  Ehe  gewesen.  Und  so  stehe  es  noch  heute.  (Das  Recht  der  Ehe- 
schlieBung aus  dem  deutschen  und  kanonischen  Rechte  geschichtlich  ent- 
wickelt,  Weimar  1875.)  Friedberg  antwortete  und  ging  in  seinem  Zorne  iiber 
S.s  These  so  weit,  ihm  »Fabrikation  von  Stellen,  zum  mindesten  Falschung« 
vorzuwerfen,  ein  Vorwurf ,  der  gehassig  und  unwahr  ist.  Denn  gefalscht  hat 
S.  niemals.  Noch  einmal  griff  S.  ein  und  schrieb  ein  Buch  iiber  »Trauung  und 
Verlobung.  Eine  Entgegnung  auf  Friedberg «  (Weimar   1876).   Es  war  eine 


152  1917 

heiJ3e  Fehde,  welche  die  beiden  Gelehrten  ausfochten  und  aus  welcher  weder 
S.  noch  Friedberg  als  volliger  Sieger  hervorging. 

Schweres  Leid  traf  ihn  im  Jahre  1879.  Nach  einer  kurzen  Ehe  von  sechs 
Jahren  wurde  ihm  seine  Frau,  Clara,  die  Schwester  des  Dichters  Heinricli 
Seidel,  durch  den  Tod  entrissen.  Ein  langes  Krankenlager  brachte  Leid  und 
Entsagung  in  die  Familie.  Drei  Jahre  spater  schritt  S.  zu  einer  zweiten  Ehe 
mit  Charlotte  Kehrhahn,  einer  sorgenden,  treu  ergebenen  Gefahrtin,  die  kurz 
vor  Ausbruch  des  Weltkrieges  im  Juni  1914  von  ihm  schied. 

Unterdessen  war  S.  an  die  Universitat  Leipzig  berufen  worden  (1887),  und 
es  begann  fiir  ihn  eine  Zeit  groBter,  einflui3reichster  Wirksamkeit,  zugleich 
aber  auch  eine  Epoche  stiller  Resignation.  In  Leipzig  entfaltete  er  vor  einem 
gewaltigen  Horerkreis  seine  hohe  Rednergabe.  Die  Plastik  der  Rede,  die  Kunst 
der  Formgebung  bestrickte  alle.  Jeder  wurde  fortgerissen,  ob  er  wollte  oder 
nicht.  Ich  hatte  selbst  noch  das  Gliick,  diesen  wissenschaftlichen  Kunstler  zu 
horen  und  dabei  wahrzunehmen,  wie  er  jedes  Kolleg  neu  schuf  und  dadurch 
unendlich  lebendig  wirkte.  Und  doch  war  es  nicht  dieses  dialektische  Konnen, 
das  so  sehr  fesselte.  »Das  war  nicht  nur  ein  GenuB  fiir  die  Sinne.  Das  ging 
zu  Herzen.  Das  richtete  auf.  Das  drang  ins  innerste  Gewissen.  Da  stand  nicht 
der  Redner,  nicht  der  Gelehrte  vor  einem.  Der  ganze,  groBe,  reine,  fiir  Staat 
und  Recht  und  Kirche  begeisterte  Mensch  tat  sich  auf  und  zog  einen  in  seinen 
unwiderstehlichen  Bannkreis  hinein.  Nicht  die  Formgabe,  die  tJberzeugung 
war  das  starkste  an  S.  Nicht  der  geniale  Mensch,  sondern  die  ethische,  eisen- 
hart  geschlossene  und  doch  so  giitige  Personlichkeit  strahlte  ihren  Zauber  auf 
die  Studenten  aus  und  stiftete  unendlich  reichen  Gewinn,«  so  schrieb  ich  im 
Nachruf  von  1917. 

Aber  auBerhalb  des  Kollegs  wurde  es  immer  stiller  urn  den  groBen  Mann. 
Sein  Gehorleiden  steigerte  sich  von  Jahr  zu  Jahr.  Der  Verkehr  mit  ihm  wurde 
fast  unmoglich.  Nur  mit  seiner  Familie  und  mit  einem  kleinen  Kreis  ver- 
trautester  Freunde  pflegte  er  innigere  menschliche  Beziehungen.  Er  mied  alle 
Zerstreuungen  und  Gesellschaften  und  wurde  immer  einsamer.  Als  seine  Gattin 
von  ihm  genommen  war  und  zwei  seiner  Sohne  auf  dem  Felde  der  Ehre  ihr 
Leben  gelassen  hatten,  war  er  ein  gebrochener  Mann,  fast  allein  noch  getragen 
von  seinem  tiefen,  unerschiitterlichen  Glauben  an  Gott  und  die  Richtigkeit 
seiner  Wege.  Es  war  fiir  ihn  Erlosung,  als  er  am  16.  Mai  1917  sein  Leben  be- 
schlieBen  durfte. 

Bei  dieser  seelischen  Einstellung  und  den  herben  Grenzen,  die  ihm  seine 
Gesundheit  und  das  auBere  Leben  setzten,  ist  es  leicht  verstandlich,  daB  sich 
der  Gelehrte  immer  mehr  seinem  ureigensten  Gebiete,  seinem  lebhaftesten 
Begehren  zuwandte,  der  Kirche,  ihrem  ganzen  Wesen  und  ihrem  Rechte.  Er 
veroffentlichte  eine  Kirchengeschichte  im  GrundriB  (1887;  19.  Aufl.  1917), 
einen  wundervollen  kleinen  AbriB.  1892  erschien  sein  Kirchenrecht,  1.  Band: 
Die  geschichtlichen  Grundlagen,  in  Bindings  Handbuch,  ein  Werk,  von  welchem 
Kahl  damalssagte,  es  sei  die  hervorragendste  kirchenrechtlicheErscheinung  der 
Neuzeit.  1909  schrieb  er  iiber  » Wesen  und  Ursprung  des  Katholizismus«  (2.  Ab- 
druck  1912)  und  19 14  gab  er  Freund  und  Feind  kund,  wie  er  sich  grundsatzlich 
zum  Wesen  des  Rechts  stelle  und  was  ihm  die  Unterscheidung  von  weltlichem 
Recht  und  geistlichem  Recht  ganz  allgemein  bedeute  (Weltliches  und  geist- 
liches  Recht,  Festgabe  der  Leipziger  Juristen  fiir  Binding,  Miinchen  1914).  Im 


Sohm  153 

Jahre  1915  trat  er  mit  seinem  Riesenwerke  hervor :  Das  altkatholische  Kirchen- 
recht  und  das  Dekret  Gratians  (in  der  Festschrift  der  Leipziger  Juristen  f  iir  Wach, 
Munchen  1918),  das  er  seinem  altgetreuen  Freunde  Adolf  Wach  widmete.  Im 
Vorwort  findet  sich  das  bemerkenswerte  Gestandnis:  »Als  ich  (seit  dem  Jahre 
1 881)  am  Kirchenrecht  in  der  Arbeit  war  und  im  AnschluB  insbesondere  an 
den  ersten  Korintherbrief  eine  Ausfuhrung  iiber  das  religiose  Wesen  der  ur- 
christlichen  Ekklesia  und  iiber  die  daraus  folgende  leitende  Stellung  der 
Propheten  bereits  niedergeschrieben  hatte,  erschien  die  Didache,  und  siehe  da : 
gerade  dieses  (und  natiirlich  noch  anderes  Wichtiges)  stand  darin.  So  auch 
jetzt.  Schon  hatte  ich  iiber  die  religiose  Art  auch  des  altkatholischen  Kirchen- 
begriffs  und  die  daraus  folgende  Bedeutung  des  altkatholischen  Sakraments 
eine  langere  Abhandlung  ausgearbeitet,  als  ich  noch  einmal  griindlich  in 
Gratian  und  die  altesten  Summen  zum  Dekret  mich  vertiefte,  und  siehe  da: 
gerade  dieses  stand  darin.  Was  sich  als  der  Sinn  des  altkatholischen  Kirchen- 
rechts  ergab,  der  ,Meister  Gratian'  hatte  es  schon  damals  bewuJ3t  erkannt  und 
ausgesprochen. «  S.  eilte  also  gleichsam  der  eigenen  Forschung  voraus.  Seine 
starke  Intuition  wies  ihm  den  richtigen,  durch  die  Quellen  nachher  bestatigten 
Weg. 

Und  dies  war  noch  nicht  alles.  S.  war  gestorben  unter  Hinterlassung  eines 
reichen  kirchengeschichtlichen  Materials.  Dies  erschien  so  wertvoll,  daB  sich 
zwei  seiner  Kollegen,  Erwin  Jacobi  und  Otto  Mayer,  entschlossen,  es  in  Buch- 
form  zu  publizieren,  namlich  des  Kirchenrechts  2.  Band  in  Binding-Oetkers 
Handbuch  (1923).  Es  ist  ein  Torso  geblieben.  Es  verarbeitet  im  wesentlichen 
den  Stoff  des  friiher  herausgegebenen  Dekrets  Gratians. 

Das,  was  S.  ebenfalls  bis  zu  seinem  Lebensende  beschaftigte,  freilich  nicht 
mit  der  gleichen  inneren  Anteilnahme,  das  waren  seine  Institutionen  des  romi- 
schen  Rechts.  (Mit  dem  Untertitel:  Ein  Lehrbuch  der  Geschichte  und  des 
Systems  des  romischen  Privat rechts,  1887.)  Einem  Zufall  verdankte  das  Buch 
seine  Entstehung.  S.  hatte  einst  fiir  seinen  erkrankten  Kollegen  die  Vorlesung 
iiber  romisches  Recht  in  StraBburg  iibernehmen  miissen  und  schrieb  damals 
seine  Institutionen  jeweils  in  der  freien  Zeit  »zwischen  zwei  Kollegien«  nieder. 
Darf  man  dies  wirklich  einen  Zufall  nennen  ?  Ich  mochte  umgekehrt  sagen : 
Nur  ein  Zufall  hatte  S.  abhalten  konnen,  sich  literarisch  mit  dem  romischen 
Rechte  zu  beschaf tigen.  Denn  wie  ich  schon  sagte,  die  gesamte  logisch-begrif flich 
zugespitzte  Denkweise  des  Mannes  drangte  mit  Notwendigkeit  dem  romischen 
Rechte  entgegen.  So  war  es  denn  mit  die  letzte  Arbeit,  die  S.  vollfuhrte:  die 
Fertigstellung  der  16.  Auflage  seines  Lehrbuches.  Ein  beispielloser  Erfolg 
war  diesem  padagogisch  so  ausgezeichneten,  so  anschaulich  geschriebenen 
Werke  beschieden  (17.  Auflage,  bearbeitet  von  Ludwig  Mitteis,  herausgegeben 
von  Leopold  Wenger,  1924). 

Auch  die  Kodifikation  und  der  Ausbau  des  biirgerlichen  Rechts  lag  ihm  am 
Herzen.  Seines  Leidens  wegen  wurde  er  nur  zum  nichtstandigen  Mitglied  der 
zweiten  Kommission  fiir  das  Burgerliche  Gesetzbuch  ernannt.  Am  13.  November 
1895  hielt  er  in  einer  Sitzung  dem  Kaiser  Vortrag  iiber  die  Regelung  der 
bauerlichen  Grundbesitzverhaltnisse.  Und  spater,  1906,  hat  er  in  Hinnebergs 
Kultur  der  Gegenwart  eine  groBziigige,  sehr  lebendige  Darstellung  des  ge- 
samten  neuen  Zivilrechts  »Das  burgerliche  Recht «  gegeben.  Mit  Feuereifer 
drang  er  in  den  Geist  der  neuen  Gesetzgebung  ein  und  seine  beruhmte  Abhand- 


154  igi? 

lung  iiber  den  »Gegenstand,  ein  Grundbegriff  des  BiirgerlichenGesetzbuches* 
(Festgabe  fur  Degenkolb,  Leipzig  1905)  beweist,  wie  stark  dieser  forschende 
Verstand  nach  den  letzten  Grundbegriffen  innerhalb  einer  geltenden  Rechts- 
ordnung  suchte.  Es  war  eine  Stoffbehandlung  von  hdchster  Warte  aus  gesehen, 
vielleicht  das  begrifflich  Konstruktivste,  was  S.  jemals  geschrieben  hat. 

Einen  politischen  Kopf  kann  man  ihn  nicht  nennen.  Aber  er  ging  von  der  An- 
schauung  aus,  da£  das  schwere  Geschiitz,  welches  die  Welt  beherrsche,  bei 
den  Gebildeten  zu  suchen  sei,  dafi  daher  die  Universitaten  und  ihre  Lehrer  die 
Pflicht  hatten,  ihr  Wissen  und  ihre  Uberzeugung  fruchtbar  zu  machen  fur  den 
Staat,  das  hiefl  bei  S.  fur  das  Volk.  Immer  ist  sein  Herz  warm  und  empfanglich 
gewesen  fur  alle  Bewegungen  im  Volke.  Ihm  erschien  es  als  Pflicht,  die  roman- 
tische  Idee  vom  christlichen  Staat  zu  stiirzen.  Daher  forderte  er  auf  dem  Kon- 
greB  fiir  Innere  Mission  in  Posen  (1895)  und  ein  Jahr  spater  bei  der  Griindung 
des  nationalsozialen  Vereins  in  Erfurt  die  Trennung  der  beiden,  innerlich  ge- 
schiedenen  Lebenskreise,  des  geistlichen  und  des  weltlichen.  Die  Gegenwart 
hat  ihm  recht  gegeben.  Als  Freund  und  Berater  Pfarrer  Friedrich  Naumanns 
(f  1919)  half  er  kraftig  am  Aufbau  des  nationalsozialen  Vereins  mit.  Als 
sich  dieser  aufloste,  warf  er  sich  auf  die  Seite  der  Linksliberalen  und  begleitete 
mit  grdfltem  Interesse  alle  Fortschritte  der  Sozialdemokratie.  Das  sachsische 
Klassenwahlrecht  empfand  er  als  schlechtes,  langst  veraltetes  Wahlsystem 
und  bekampfte  es  mit  offenem  Visier.  Wo  er  auftrat,  setzte  er  sich  ganz  ein. 
Wo  er  eingriff,  da  fielen  scharfe  Hiebe,  aber  immer  in  vornehmster  Art  und 
mit  der  Sachlichkeit  des  edeln  Streiters. 

In  dieser  Biographie  konnen  S.s  Werke  nicht  im  einzelnen  aufgezahlt  und 
besprochen  werden.  Hier  seien  nur  einige  der  bedeutsamen  Grundgedanken, 
die  S.  in  seinen  umfassenden  und  zahlreichen  Veroffentlichungen  niedergelegt 
hat,  entwickelt. 

S.s  erstes  literarisches  Auftreten  fiel  in  eine  Zeit,  in  welcher  folgende  Gegen- 
satze  aufeinanderprallten.  Die  eine  Meinung,  vor  allem  vertreten  durch  Otto 
Gierke  (s.  DBJ.  1921,  S.  noff.),  der  1868  den  ersten  Band  seines  »Genossen- 
schaftsrechts«  herausgab,  ging  von  der  Vorstellung  aus:  es  gibt  keinen  alt- 
deutschen  Staat.  Das  frankische  Konigtum  gleicht  einer  obersten  Grundherr- 
schaft  des  Reiches.  Alles  ist  beherrscht  von  der  Idee  der  Genossenschaft.  Auch 
der  Staat  ist  eine  solche  Genossenschaft.  Die  Staatsgewalt  ist  keine  besonders 
geartete,  keine  hochste  Gewalt,  sondern  nebengeordnet  den  anderen  genossen- 
schaftlichen  Gewalten.  Die  im  Staate  wohnenden  Menschen  stehen  nicht  in 
einem  personlichen  Untertanenverhaltnis.  Sie  sind  nur  mittelbar  durch  das 
Medium  von  Grund  und  Boden  miteinander  verbunden. 

Dieser  genossenschaftlichen  Theorie  trat  S.  mit  der  ganzen  Bestimmtheit 
seiner  Dialektik  entgegen  und  stellte  das  Vorhandensein  echter  staatlicher 
Einrichtungen  und  damit  eines  echten  Staates  in  germanischer  und  frankischer 
Zeit  fest.  Vor  allem  wies  er  die  Dingpflicht  aller  freien  Leute  nach,  eine  Pflicht, 
die  man  unmoglich  als  eine  auf  Grund  und  Boden  beruhende,  rein  genossen- 
schaftliche  Pflicht  bewerten  konnte.  S.  arbeitete  jene  benihmten  Gegensatze 
heraus,  die  spater  so  viele  nachgeschrieben  und  nachgesprochen  haben: 
Staat  im  Gegensatz  zur  Genossenschaft,  Konigsgewalt  zur  Beamtengewalt, 
Amtsrecht  zum  Volksrecht,  Hundertschaftsgemeinde  zur  Wirtschaftsge- 
meinde  usw.  Die  Arbeit  wirkte  auBerordentlich  klarend  und  mancher  Grund- 


Sohm  155 

gedanke  S.s  steht  heute  unerschiittert  vor  uns.  Aber  schon  in  dieser  Studie 
zeigt  sich  eine  methodische  Schwache,  die  ihn  durch  sein  ganzes  Leben  be- 
gleitete:  iibertriebene  begriffliche  Konstruktion  des  geschichtlichen  Stoffes, 
ein  dialektisches  Spiel  mit  These  und  Antithese.  Auch  war  der  Forscher  bereits 
stark  romisch-rechtlich  befangen.  Er  glaubte  den  romischen  Gegensatz  von 
jus  civile  und  jus  honorarium  im  frankisch-deutschen  Recht  wiederzufinden 
und  baute  darauf  sein  stolzes  Gebaude  anf . 

Getreu  dem  Glauben,  die  historische  Welt  durch  die  Aufstellung  scharf  zu- 
gespitzter  Gegensatze  meistern  zu  konnen,  untersuchte  S.  den  Geist  der  mittel- 
alterlichen  Rechtswelt.  Nach  ihm  gibt  es  auf  der  Welt  nur  zwei  Rechte,  fran- 
kisches  Recht  und  romisches  Recht.  Das  salfrankische  Recht  siegt  iiber  alle 
anderen  Stammesrechte,  schlieBlich  auch  iiber  das  sachsische  Recht.  »Die 
mittelalterliche  Rechtsgeschichte  ist  die  Geschichte  des  westfrankischen,  also 
nach  moderner  Vorstellung  ausgedruckt,  des  franzosischen  Rechts.  Das  Recht 
des  deutschen  Hochmittelalters  ist  das  Recht  des  franzosisch-gotischen  Stils. « 
Nur  ein  Recht  ist  ihm  ebenburtig:  das  romische.  Der  Langobardenstaat  hat 
zah  an  romischen  Einrichtungen  festgehalten  und  von  Italien  aus  stromen 
dann  die  romischen  Rechtsideen  auch  nach  Deutschland  hinuber.  Das 
frankische  Recht  des  Mittelalters  erhalt  sich  nur  in  Partikularrechten.  »Ein 
Jahrtausend  frankischer  Rechtsgeschichte  geht  mit  der  vollendeten  Rezep- 
tiondes  romischen  Rechts  zu  Ende.«  Wir  glauben  heute  nicht  mehr  daran, 
daB  das  Problem  des  Rechts  im  mittelalterlichen  und  neuzeitlichen  Europa 
mit  der  Gegensatzlichkeit  von  zwei  Rechtssystemen  gelost  werden  konne.  Aber 
auch  hier  darf  man  sagen :  Abgesehen  von  der  GroBe  der  Konzeption  wirkte 
die  These  in  hohem  Grade  schopferisch. 

Am  bekanntesten  ist  S.  geworden  durch  den  dritten  groBen  Grundgedanken, 
den  er  zwischen  Juristen  und  Theologen,  zwischen  Protestanten  und  Katho- 
liken,  ja  in  die  Mitte  aller  Gebildeten  hineinwarf :  »Die  Kirche  ist  rechtlicher 
Verfassung  unfahig,  ja,  sie  verwirft  dieselbe.  Das  Kirchenrecht  steht  mit  dem 
Wesen  der  Kirche  im  Widerspruch. «  Er  glaubte  den  Kern  der  protestantischen, 
namentlich  der  lutherischen  Kirche  in  der  urchristlichen  Gemeinde  zu  finden. 
Wie  spater  bei  Luther,  ist  in  der  Urgemeinde  das  »Volk  Gottes«  keine  auBer- 
lich  geformte,  sondern  nur  eine  geistliche,  charismatische  Organisation,  eine 
lose  Vereinigung  zum  Sakrament  des  Abendmahls  und  zu  den  ubrigen  Heils- 
handlungen.  Alles  gipfelt  in  einem  rein  geistlichen  Verbande.  Die  Umbildung 
der  urchristlichen  Kirche  in  die  katholische  Kirche  zieht  die  Umbildung  eines 
geistlichen  Verbandes  in  einen  Herrschaftsverband  nach  sich.  Jetzt  stromen 
Recht  und  Zwang  ein.  Aber:  »Was  an  rechtlicher  Zwangsgewalt  in  der  Kirche 
wirksam  ist,  ist  durchweg  nicht  der  Kirche  zustandig,  sondern  weltliche  Ge- 
walt.  Das  Wesen  der  Kirche  ist  geistlich,  das  Wesen  des  Rechts  ist  weltlich. 
Die  Kirche  des  Urchristentums  (Ekklesia)  ist  eine  rein  geistliche,  die  katho- 
lische Kirche  eine  geistlich-weltliche,  die  evangelische  Kirche  im  Rechtssinn, 
wie  sie  heute  (1892)  vor  uns  steht,  eine  rein  weltliche  Organisation. «  In  seiner 
groBen  Untersuchung  iiber  das  Dekret  stellt  er  —  entgegen  aller  bisherigen 
Forschung  —  den  Satz  auf,  daB  dessen  Verf asser  Gratian  nicht  ein  Urheber 
der  neukatholischen  Richtung,  sondern  ein  Vollender  des  altkatholischen 
Kirchenrechts  war.  Alles,  was  Juristen  und  Theologen,  Katholiken  und  Pro- 
testanten bis  dahin  verfochten  hatten,  ist  verkehrt.  Gratian,  als  Theologe, 


156  1917 

bringt  das  alte  Sakramentsrecht  zu  hochster  Entfaltung.  Jetzt  setzt  die  Be- 
arbeitung  des  Kirchenrechts  durch  Juristen  ein.  Der  Neukatholizismus  wirft 
seit  etwa  1170  seine  Strahlen  aus  und  bringt  sie  um  1200  zu  voller  Entfaltung. 
Erst  um  1200  wird  nach  S.  die  Kirchenverfassung  auf  die  Jurisdiktionsgewalt 
aufgebaut.  Erst  um  1200  lafit  sich  deutlich  die  hierarchia  jurisdictionis  wahr- 
nehmen.  In  seinem  nachgelassenen  Werke  finden  sich  alle  diese  groBen  Grund- 
ideen  wieder,  und  die  Kampfansage  der  Kirche  gegen  das  weltliche  Recht 
wird  mit  jugendlicher  Frische  fortgesponnen.  Alle  Herrschaft  miisse  dem 
inneren  Wesen  nach  der  Kirche  fremd  bleiben.  Seit  dem  16.  Jahrhundert  gebe 
es  nur  noch  eine  einzige  offentliche  Gewalt,  den  Staat.  »Nur  noch  in  der  Form 
des  Staates  ist  das  Volk  obrigkeitlich  verfaBt,  nur  noch  in  der  Form  des  Staates 
ist  das  Volk  eine  selbstherrliche  Gemeinschaft,  nur  noch  in  der  Form  des 
Staates  ist  das  Volk  Rechtsquelle, «  lautet  eine  der  wichtigsten  Thesen,  die 
uns  so  deutlich  in  die  ganze  Denkweise  des  groBen  Dogmatikers  hineinschauen 
laBt.  Das  Wort  Dogmatiker  sei  bewuBt  hierhergesetzt :  S.  war  eben  im  Grunde 
eine  dogmatische,  keine  historische  Natur.  Immer  und  immer  wieder  unterlag 
er  der  Versuchung,  das  geschichtliche  Werden  in  scharfe  begriffliche  Kon- 
struktionen  zu  fassen.  Und  diese  Begriffe  gewann  er  weit  mehr  im  Wege  der 
Deduktion  als  im  Wege  der  Induktion.  Eine  deduktive,  dogmatisch  geartete 
Kiinstlernatur  ist  Rudolph  S.  gewesen.  Und  zu  diesem  Denken  und  zu  dieser 
Arbeitsweise  trat  auf  alien  Gebieten,  welche  kirchlichen  und  kirchenrecht- 
lichen  Boden  beruhrten,  der  Glaubenseifer  einer  tief  religiosen,  enthusiast i- 
chen  Personlichkeit.  Er  war  ein  eminent  schopferischer  Geist.  Am  Reichtum 
seiner  Gedanken  werden  noch  Generationen  zehren,  noch  Generationen  weiter- 
bauen. 

Literatur:  AuBer  den  im  Text  genannten  Schriften  S.  s.  werden  noch  die  folgenden  auf- 
gefiihrt:  Der  ProzeC  der  Lex  Salica,  Weimar  1867.  —  Das  Verhaltnis  von  Staat  und  Kirche 
an  dem  Begriff  von  Staat  und  Kirche  entwickelt,  Tubingen  1873.  —  Zur  Geschichte  der 
Auflassung.  Festgabe  fur  Thol,  Straflburg  1879.  —  Zur  Trauungsfrage,  Zeitfragen  des 
christlichen  Volkslebens,  Heilbronn  1879.  —  Die  obligatorische  Zivilehe  und  ihre  Auf- 
hebung,  Ein  Gutachten,  Weimar  1880.  —  Friinkisches  Recht  und  Romisches  Recht,  Pro- 
legomena zur  deutschen  Rechtsgeschichte,  Weimar  1880.  —  Die  deutsche  Genossenschaft, 
Festgabe  fur  Windscheid,  Leipzig  1888.  —  Die  Entstehung  des  deutschen  Stadtewesens, 
Festschrift  fur  Wetzell,  Leipzig  1890.  —  Die  sozialen  Aufgaben  des  modernen  Staates, 
Leipzig  1898.  —  Neue  Pflichten  der  Kirche,  Dresden  1906.  —  Wesen  und  Voraussetzungen 
der  Widerspruchsklage,  Leipzig  1908.  — 

Richard  Schmidt,  Worte  zum  Gedachtnis  an  Rudolf  S.  (Berichte  der  phil.-hist.  Kl.  der 
Kgl.  Sachs.  Gesellschaft  der  Wissenschaften  zu  Leipzig,  Bd.  LXIX,  S.  1 5  f f .) ;  Hans  Fehr, 
Rud.  S.,  ein  Nachruf  (Zeitschr.  der  Savigny-Stiftung  fur  Rechtsgesch.,  germ.  Abt. 
Bd.  XXXVIII,  S.  1  ff.) ;  Karl  v.  Amira  im  Jahrbuch  der  bayer.  Akademie  d.  Wiss,  Munchen 
1918,  S.  8iff. 

Bern.  Hans  Fehr. 

Stadler,  Toni  (Anton)  v.,  Maler,  *  9.  Juli  1850  in  Gollersdorf  (Niederoster- 
reich),  f  18.  September  1917  in  Munchen.  —  Sohn  eines  Wirtschaftsrates  im 
alten  Osterreich,  Stiefbruder  von  Wilhelm  Scherer,  bestand  St.  1868  in  Wien 
sein  Abiturium  und  studierte  zunachst  in  Wien  und  Wiirzburg  Medizin.  Da 
er  aber  von  Kindheit  an  gezeichnet  hatte  und  einen  unwiderstehlichen  Drang 
zur  Kunst  verspiirte,  entschloB  er  sich  1873,  trotz  seiner  Mittellosigkeit  Maler 
zu  werden  und  ging  nach  Berlin  zu  Paul  Meyerheim  (s.  DBJ.  1914 — 16,  S.  151  ff.) 


Sohm.  Stadler  1 57 

und  1878  nach  Miinchen,  wo  er  seitdem  bis  zu  seinem  Tode  geblieben  ist.  Im 
ganzen  kann  er  als  Autodidakt  angesprochen  werden.  Von  seinen  Lehrern 
und  den  Malern,  mit  denen  ihn  in  der  Jugend  Freundschaft  verband,  wirkten 
nur  Schonleber  (s.  oben  S.  134  if.)  und  in  Miinchen  Frolicher  und  Stabli 
auf  ihn  ein;  doch  kamen  seiner  angeborenen  Art,  die  Landschaft  anzusehen, 
alle  diese  weniger  entgegen  als  einige  alte  Hollander  wie  Ruisdael  und  der 
Haarlemer  Vermeer,  vor  allem  aber  Hans  Thoma.  Auch  mit  Spitzweg  ver- 
bindet  ihn  Einiges. 

In  Miinchen,  wo  er  lange  Zeit  in  dem  westlichen  Vorort  Laim  (und  zwar 
in  einem  angeblich  einst  von  Agnes  Bernauer  bewohnten  Hause)  lebte,  ging 
es  ihm  anfanglich  nicht  gut,  und  allgemein  durchgesetzt  hat  sich  St.  erst  nach 
1900.  Sein  Leben  floB  still  und  ruhig  in  stetiger  Arbeit  hin.  Studienreisen 
fuhrten  ihn  nach  Holland  und  Rom,  von  wo  eine  Anzahl  seiner  Motive  stam- 
men;  die  meisten  Bilder  aber  sind  von  der  oberbayerischen  Hochebene,  dem 
Mangfalltal,  den  ausgedehnten  Moosen  der  Munchener  Umgebung  eingegeben, 
so  daB  er  auch  schon  um  der  Gegenstande  willen  durchaus  der  Munchener 
Landschaftsschule  angehort,  deren  starken  Ausklang  er  mit  dem  ihm  ver- 
wandten  Karl  Haider  bildet.  Seit  1900  lebte  er  in  seinem  schonen,  von  Gabriel 
Seidl  erbauten  Hause.  Eine  Reise  nach  Agypten,  die  er  in  seinen  letzten 
Lebensjahren  aus  Gesundheitsriicksichten  unternahm,  ist  fur  seine  Kunst 
ohne  Belang  geblieben. 

St.  nahm  aber  nicht  nur  als  Maler  eine  bedeutende  Stellung  im  Munchener 
Kunstleben  ein,  sondern  auch  als  Mensch  und  Kunstfreund.  Seine  im  edelsten 
Sinne  urbane  und  vornehme  Personlichkeit,  sein  selbstloses  Eintreten  fiir 
andere,  vor  allem  auch  fiir  die  jungen  Kunstler,  seine  freie  und  groBziigige 
Weltanschauung,  die  fiir  das  Echte  in  jeder  Gestalt  empfanglich  war,  seine 
uneigenniitzige  Giite  und  Freundschaft  machten  ihn  von  selbst  zum  ausglei- 
chenden  Mittelpunkt  der  vielfaltig  widerstreitenden  Interessen  und  Richtungen 
in  Miinchen.  Ohne  alien  Ehrgeiz  und  ohne  sich  im  geringsten  voranzustellen, 
kam  er  zu  einer  Art  Vermittlerstellung,  wurde  zum  Fiirsprecher  und  Ver- 
teidiger  der  neuen  revolutionaren  Stromungen  (die  niemals  auf  seine  eigene 
Malweise  abfarbten)  und  zum  Vertrauten  sowohl  der  Kunstlerschaft  wie  des 
Staates  und  der  Sammler.  Als  Kunstkenner  hatte  er  den  unfehlbaren  Blick 
fiir  Qualitat.  Seine  eigenen  Sammlungen  dehnten  sich  auf  antike  Bronzen, 
Miinzen  und  Terrakotten,  japanische  Stichblatter  und  Holzschnitte,  agyptische 
Statuetten,  altpersische  Teppiche  aus.  Nach  auBen  hin  wirkte  er  als  Berater 
von  Sammlern  und  als  langjahriges  Mitglied  mehrerer  staatlicher  Kunst- 
kommissionen,  wo  er  Schlechtes  vermeiden  half,  auf  viel  Gutes  aufmerksam 
machte.  Als  Tschudi  1908  als  Generaldirektor  der  bayerischen  Museen  nach 
Miinchen  kam,  wurde  er  ihm  Freund  und  Ratgeber  und  starkste  Stiitze  gegen- 
iiber  mannigfachen  Anf eindungen ;  er  iibernahm  nach  Tschudis  Tode  von  1911 
bis  1914  selber  als  Dkiinstlerischer  Beirat  im  Kultusministerium «  seine  Nach- 
folge  im  Ehrenamt,  bis  man  in  Dornhoffer  den  leitenden  Fachmann  gefunden 
hatte.  In  dieser  Stellung  hat  St.,  ein  ganz  ungewohnlicher  Fall  in  der  Ge- 
schichte  der  Museen,  in  Gemeinschaft  mit  Heinz  Braune  das  Werk  v.  Tschudis 
in  selbstloser  Weise  fortgefiihrt,  die  von  ihm  begonnenen  Ankaufe,  vor  allem 
franzosischer  Impressionisten,  gesichert  und  weitere  Erwerbungen  in  seinem 
.Sinne  gemacht,  so  vor  allem  von  Arbeiten  Hodlers,  Liebermanns,  Triibners, 


158  1917 

Leibls,  Thomas,  Schuchs  und  Uhdes.  Ebenso  ist  seiner  einsichtigen  und  liebens- 
wiirdigen  Energie  die  Umwandlung  des  Ausstellungsbaus  am  Konigsplatz  — 
der  bis  dahin  der  Sezession  vom  Staate  tiberlassen  worden  war  —  in  ein  Mu- 
seum der  neueren  Kunst  zu  verdanken:  ein  wichtiges  Unternehmen,  das 
freilich  nur  seiner  Besonnenheit  und  Stellung  iiber  den  Parteien  moglich 
werden  konnte,  da  gar  zu  viele  Gegenwirkungen  in  der  Kiinstlerschaft  zu 
iiberwinden  waren. 

St.s  Malerei  ist  von  Anfang  an  ausschlieBlich  der  reinen  Landschaft  ge- 
widmet,  menschliche  Staffage  und  selbst  Tiere  haben  darin  keine  Stelle,  es 
sei  denn  in  winzig  kleinem  Format  der  Feme.  Er  schlieBt  den  groBen  Kreis, 
den  die  Miinchener  Landschaftskunst  beschrieben  hat,  auf  einer  hoheren  Stufe 
da  ab,  wo  sie  begann,  so  daB  hier  gewissermaBen  eine  Spirallinie  beschrieben 
worden  ist.  Immer  wurde  schon  das  Uberzeitliche  bei  ihm  betont  und  seine 
eigentumliche  Mischung  von  Realismus  und  Romantik.  In  allem  gehorte  er 
nicht  der  impressionistischen  Epoche  an,  in  die  er  doch  hineingeboren  war, 
sondern  erinnerte  an  die  Anfange  der  siiddeutschen  Landschaft  unter  Dillis 
und  Wilhelm  v.  Kobell.  Ja,  wenn  man  seine  Herkunft  von  Schleich  datiert 
und  an  dessen  klaren  Aufbau,  dramatische  Steigerung  und  Trennung  der 
Griinde,  sowie  auch  an  Spitzwegs  weite  Ausblicke  in  den  grenzenlosen  Raum 
und  stoffliche  Pointen  erinnert  (was  namentlich  R.  Oldenbourg  in  geistreicher 
Weise  getan  hat),  so  ist  doch  an  den  fundamentalen  Unterschied  des  Male- 
rischen  zu  denken,  der  ihre  Kunst  von  der  plastischen  Art  Toni  St.s 
trennt,  und  seine  Herkunft  noch  weiter  riickwarts  zu  verlegen,  in  die  An- 
fange der  Miinchener  Kunst  und  deren  Vorbilder,  die  groBen  Hollander.  Dies 
eint  ihn  durchaus  mit  Thoma  und  Haider;  alle  drei  sind  lange  Zeit  verkannt 
und  miBachtet  worden,  und  schlieBlich  hat  eine  Zeit,  die  den  Impressionismus 
iiberlebte,  ihren  wahren  und  iiberzeitlichen  Wert  erkannt  und  ihnen  den  ge- 
buhrenden  Platz  als  ganz  deutsch  empfindende  Kunstler  gegeben.  Die  Treue 
zur  Sache  und  die  Klarheit  im  plastischen  Raumaufbau  bei  ihnen  sind  uralte 
deutsche  Eigenschaften,  die  sie  Konrad  Witz  und  Altdorfer  naherstellen  als 
selbst  Schleich,  Stabli  und  Spitzweg.  Solch  ein  Gefuhl  fiir  die  tastbaren  Werte 
der  Raumbildung,  wie  sie  vor  allem  St.  besaB,  ist  angeborene  Gabe  und 
kann  durch  keine  Einfliisse  abgelenkt  werden ;  weshalb  denn  auch  Schonleber 
und  Neubert,  seine  eigentlichen  Lehrer,  wie  seine  Freunde  Stabli  und  Frolicher, 
im  Grunde  keinen  EinfluB  auf  St.  ausiiben  konnten,  und  er  seine  vorgeschaute 
Form  sich  autodidaktisch  bilden  muBte. 

Diese  Form  ist  durchaus  raumanschaulicher  Natur,  ihre  Mittel  sind  plastisch, 
Farbe  erscheint  als  sekundares  Hilfsmittel,  Stimmung  und  Romantik  als  nach- 
geordnete  Folge.  Darum  gibt  es  auch  keine  eigentliche  Entwicklung  in  seiner 
Kunst.  Am  Anfang  kann  man  noch  koloristische  Niiancen  feststellen  (wie  in 
einem  kleinen  Bilde  des  Stadelschen  Instituts),  bald  wird  das  Kolorit  neben- 
sachlich,  und  die  Reproduktion  gibt  das  Wesentliche  des  Originals  wieder.  In 
seiner  vollen  Reifezeit  um  1900  erscheint  die  Landschaft  St.s  als  einheitliche 
Darstellung  des  Raumes  mit  zeichnerischen  Mittel n.  Seine  Lithographien,  die 
mit  Einstimmigkeit  als  Hohepunkt  und  Quintessenz  seiner  Kunst  betrachtet 
werden,  fallen  in  diese  Epoche;  die  friihesten  sind  1893,  wohl  die  spatesten 
1913  datiert.  Aber  die  Kausalitat  ist  sicher  umgekehrt  zu  deuten,  als  es  ge- 
schieht :  nicht,  weil  er  sich  graphisch  betatigte,  sind  seine  Spatwerke  so  zeich- 


Stadler  159 

nerisch  geraten,  sondern  er  schuf  Lithographien  als  deutlichste  und  eindrucks- 
vollste  Bekenntnisse  seiner  immer  bewuBter  werdenden  plastischen  Gesinnung. 
Weil  ihm  die  Farbe  als  storendes  Moment  von  momentaner  Stimmung,  als 
Luftton,  immer  weniger  bequem  wurde,  konnte  er  sein  Bestes  ohne  jene 
Hemmung  in  der  einfarbigen  Zeichnung,  der  Lithographie,  am  sichersten 
geben.  Es  ist  ein  Irrtum,  die  Harte  seiner  Spatbilder  als  ein  Abgleiten  dar- 
zustellen;  just  in  der  plastischen  Klarheit  dieser  Arbeiten  gab  St.  Endgiiltiges, 
in  vollem  Gegensatz  zur  Entwicklung  rings  um  ihn,  wo  einerseits  der  form- 
auflosende  Impressionismus,  andererseits  die  reine  Farbigkeit  des  »Blauen 
Reiters*  den  denkbar  scharfsten  Kontrast  zu  seinem  Wollen  darstellten.  Das 
hat  ihn  nicht  gehindert,  den  Kiinstlern  beider  Richtungen  sein  Verstandnis, 
ja  seine  Liebe  entgegenzubringen  und  sie  mit  hochster  Tatkraft  zu  f order n. 
J  a,  es  macht  die  Besonderheit  seiner  Grofle  aus,  daJ3  er  die  Entwicklung  an- 
erkannte  und  ihre  Notwendigkeit  mit  untriiglichem  Scharfblick  einsah,  fur 
seine  Arbeit  aber  mit  derselben  Intensitat  ablehnte.  DaB  Erkenntnis  und  In- 
stinkt  in  demselben  Manne  mit  gleicher  schopferischer  Inbrunst  lebten,  ohne 
einander  zu  widersprechen,  ja,  mit  hoher  Spannkraft  sich  gegenseitig  in  ihren 
entgegenstrebenden  Tendenzen  bestarkten :  dies  erscheint  wie  ein  Wunder  von 
Selbstiiberwindung  und  flofit  das  hochste  Vertrauen  zu  den  menschlichen 
Qualitaten  St.s  ein. 

Von  dieser  Seite  erscheint  die  Wahl  seiner  Arbeitsheimat  nicht  gleichgiiltig . 
Miinchen  ist  der  Mittelpunkt  einer  Landschaft,  die  mehr  plastischen  als 
malerischen  Charakter  besitzt,  deren  Atmosphare  und  geologische  Gestaltung 
dem  raumlich  bildenden  Sinn  starke  Anziehungspunkte  bietet.  Etwas  Ahnliches 
ist  es  mit  der  romischen  Campagna,  aus  der  manche  St.sche  Bilder  stammen. 
AUes,  was  dazwischen  liegt,  vor  allem  die  hollandischen  Diinen,  hat  er  in 
seinem  Sinne  erfafit:  das  Wesentliche  sind  und  bleiben  in  seiner  Kunst  die 
riesigen  Flachen,  von  fernen  Bergen  abgefangen,  von  einem  unbegrenzten 
Himmel  mit  Schrittmacherwolken  iiberwolbt,  wie  er  sie  in  der  oberbayerischen 
Hochebene  vorfand;  oder  Bodenwellen,  die  sich  im  Vordergrunde  greifbar 
emporwolben  und  Sehnsucht  wecken,  ihre  Hohe  zu  tiberwinden,  um  ins 
Grenzenlose  zu  schauen.  Dies  ist  seine  dramatische  oder  romantische  Span- 
nung:  die  Befriedigung  im  Endlosen  oder  die  Sehnsucht  aus  dem  Beschrankten 
hinaus  ins  Unendliche,  das  immer  und  iiberall  als  wolkeniiberspannter  Himmel 
schlieflt.  Ob  er  das  plastisch  Geformte  als  Hiigel  an  die  Erde,  oder  an  den 
Himmel  als  wunderbar  geballten  Wasserdampf  versetzt,  gilt  ihm  gleich: 
wichtig  ist  nur  ihre  Funktion,  dem  Raumgefuhl  der  Unendlichkeit  als  Sprung- 
brett  zu  dienen ;  tastbare  Meilensteine  und  Merkmale  der  Tiefendimension  zu 
sein.  Erst  aus  dieser  Spannung  heraus  entsteht  im  Betrachter  das  roman- 
tische Gefuhl  der  Sehnsucht,  die  sich  iiber  die  Erde  hinausschwingen  mochte. 
Vielleieht  war  sie  das  primare  Motiv  in  der  Seele  des  Kiinstlers;  bestimmt 
erreicht  sein  Bild  diese  Wirkung,  aber  nicht  mit  sentimentalen  Mitteln,  son- 
dern sehr  sachdienlich,  sehr  herbe  mit  rationellen  Formen  aus  dem  Arsenal 
der  Raumdarstellung ;  ein  Arsenal  urdeutscher  Geisteshaltung. 

Auch  seine  Arbeitsart  weist  eindeutig  auf  diese  Bestimmung.  Vor  der  Natur 
wurde  lediglich  gezeichnet,  Einzelheiten  mit  sorgfaltiger  Exaktheit  notiert. 
Seine  Bilder  entstanden  im  Atelier;  ein  wunderbar  geschultes  Gedachtnis  er- 
machtigte  ihn  dazu.  Die  Geschlossenheit  und  GleichmaBigkeit  seiner  Raum- 


i6o  1917 

form  und  die  lyrische  Kraft  im  Ausdruck  der  Landschaft  sind  darauf  zuriick- 
zufuhren,  und  hier  beriihrt  er  sigh  mit  alien  wahrhaft  gestaltenden  Deutschen, 
nicht  blofl  Landschaftern,  sondern  vor  allem  auch  mit  Marees  und  Bocklin; 
denn  nur  aus  der  Vorstellung  wird  die  leidenschaftliche  Selbstherrlichkeit 
einer  so  ganz  personlichen  Form  geboren. 

St.s  Lithographien  entstanden  in  den  neunziger  Jahren  und  nach  1910. 
Seine  Liebe  zur  Einsamkeit  und  GroBe  der  menschenfernen  Natur  konnte  sich 
in  der  graphischen  Form  am  unmittelbarsten  aussprechen ;  selbst  die  Vor- 
zeichnungen  kommen  nicht  an  die  Kraft  der  Steindrucke  selber  heran.  Er 
arbeitete  sie  nur  fur  seine  Freunde,  ohne  alien  Ehrgeiz  des  Graphikers;  sie 
wurden  in  kleiner  Auflage  sorgfaltig  gedruckt  und  sind  von  Anfang  an  Selten- 
heiten  gewesen,  die  dem  Sammlerpublikum  unbekannt  blieben.  Die  einzige 
vollstandige  Sammlung,  32  Blatter  einschliefilich  aller  Versuche,  nebst  der 
einzigen  Radierung,  besitzt  das  Dresdener  Kupferstichkabinett.  Hier  bevor- 
zugte  St.  die  hollandische  Diinenlandschaft  und  die  Verlassenheit  der  wetter- 
gepeitschten  Ebene,  und  er  steigerte  das  Gefiihl  der  Weite  oft  bis  zum  Hero- 
ischen.  Die  Lebendigkeit  der  bewegten  Atmosphare  ist  ohnegleichen.  Wenn 
auch  von  irgendeiner  Nachahmung  nicht  die  Rede  sein  kann,  so  erinnern  diese 
Blatter  wohl  am  starksten  an  die  groBen  Hollander  des  17.  Jahrhunderts:  das 
gleiche  allumfassende  Gefiihl  fiir  kosmische  Verbundenheit  von  Erde  und 
Himmel,  das  iiber  beide  in  die  Unendlichkeit  Hinausweisende,  lebt  in  ihnen. 

Die  Einfachheit  der  Mittel,  die  im  Fortlassen  und  Andeuten  bestehen,  wird 
nur  durch  die  Technik  des  Herausschabens  von  Lichtern  mit  Messer  oder 
Nadel  unterbrochen,  wodurch  plastische  Unmittelbarkeit  gewahrt  wird. 

Ein  sorgfaltiges  Verzeichnis  der  Graphik  stellte  F.  W.  Bredt  in  den  Mit- 
teilungen  zu  den  Graphischen  Kiinsten,  Bd.  38,  S.  34  ff .  auf . 

Gem  aide  von  St.  finden  sich  in  den  Museen  von  Bremen,  Elberfeld,  Frank- 
furt a.  M.  (Stadel),  Graz  (Joanneum),  Leipzig,  Miinchen  (Neue  Pinakothek), 
Prag  (Rudolphinum),  Wien  (Staatsgalerie) . 

I,iteratiir:  Eine  zusammenfassende  Darstellung  iiber  St.  fehlt,  und  auch  er  selbst. 
der  als  Erzahler  in  Freundeskreisen  beliebt  war,  hat  sich  leider  nie  dazu  bewegen  lassen, 
seine  Memoiren  zu  schreiben.  Wichtigere  Aufsatze  und  Abschnitte  iiber  ihn  finden  sich  in  : 
Dresdener  Jahrbiicher  I,  1905,  S.  191  ff.  (Lehrs),  Kunst  fiir  Alle  21,  1905/06,  S.  73  ff. 
(F.  v.  Ostini) ;  Zils,  Geistiges  und  kiinstlerisches  Miinchen,  191 3;  Die  Graphischen  Kiinste, 
Bd.  38,  191 5,  S.  58  ff.  (F.  W.  Bredt);  Die  Kunst,  Bd.  33,  1917/18,8.  225  ff.  (A.L.Mayer); 
Kunstchronik  N.  F.  28,  1917,  S.  525  f.  (A.  L.  Mayer);  Uhde-Bernays,  Munchener  Land- 
schaftsmalerei,  1921,  S.  113  ff.;  Kunst  und  Kiinstler,  Bd.  16,  1917/18,  S.  74  f .  (A.  L. 
Mayer);  Kunstchronik,  Bd.  29,  1917/18,  S.  364  (H.Heyne);  Die  bildenden  Kiinste  II, 
1919,  S.  15  ff.  (R.  Oldenbourg). 

Berlin.  Paul  F.Schmidt. 


Steinhausen,  Heinrich,  Dichter  und  ev.  Theolog,  *  am  27.  Juli  1836  zu  Sorau, 
f  am  26.  Mai  1917  zu  Schoneiche  (Mark).  —  St.  war  der  Sohn  eines  Bataillons- 
arztes  des  12.  Infanterieregiments,  seine  Mutter  eine  geborene  Naphtali.  Er 
genoB  eine  ausgesprochen  evangelische,  heiter-harmonische  Erziehung,  deren 
Wirkung  bei  ihm  wie  bei  seinem  um  zehn  Jahre  jiingeren  Bruder,  dem  Maler 
Wilhelm  St.,  lebendig  spiirbar  blieb.  Nach  der  i6jahrig  bestandenen  Reife- 
priifung  studierte  St.  in  Berlin,  dem  neuen  Standorte  des  Vaters,  Theologie 


Stadler.  Steinkausen  x6l 

und  Philologie.  Unter  seinen  akademischen  Lehrern  iibte  der  Asthetiker  und 
Dichter  Carl  Werder  den  groBten  EinfluB  auf  inn,  Lehrer  und  Schuler  blieben 
in  Lebensfreundschaft  verbunden.  Theologisch  hat  spater  das  Werk  und  Wesen 
Soren  Kierkegaards  St.  stark  und  nachhaltig  beeindruckt.  Von  i860  bis  1868 
war  St.  Erzieher  im  Kadettenkorps  in  Potsdam  und  Berlin,  dann  wurde  er 
Pfarrer  in  Bliithen  bei  Perleberg,  in  Lindow,  in  Beetz  bei  Kremmen,  schlieB- 
lich  in  Podelzig  bei  Frankfurt  a.  Oder.  1906  trat  er  in  den  Ruhestand  und  lebte 
seitdem  in  Schoneiche  bei  Friedrichshagen.  Er  war  mit  Helene  Juliane  Thieme 
verheiratet  und  besaB  aus  dieser  Ehe  neun  Sonne,  von  denen  sich  einer  im 
Reichskolonialdienst,  einer  als  Komponist  ausgezeichnet  hat. 

Sein  erstes  dichterisches  Werk  war  die  mittelalterliche  Klostergeschichte 
» Irmela  «,  einer  der  wenigen  Romane,  die  auf  der  Bahn  von  Scheffels  »Ekkehard  « 
liegen,  ohne  in  Nachahmung  zu  verf alien  oder  nach  dem  Muster  des  archao- 
logischen  Bildungsromans  den  dichterischen  Stoff  durch  undichterische  Zutat 
zu  strecken.  Die  Erzahlung  war  gewissermaBen  der  eigene  Beleg  zu  St.s  ein 
Jahr  vordem  erschienener,  humor  istisch  iiberglanzter  Polemik  gegen  eben  jenen, 
damals  modischen,   archaologischen   Roman,   dessen  Hauptvertreter  Georg 
Ebers  St.  in  der  Schrift  » Memphis  in  Leipzig*  (1880)  bekampfte,  die  Verklei- 
dung  von  Menschen  mit  gegen wartigem  Lebensgefiihl  in  agyptisches  Gewand 
tiberlegen  nachweisend.  Die  von  keinem  Zeiterfolg  geblendete  Selbstandigkeit 
dieser  Satire  bewies  St.  auch  in  seinen  spateren  Dichtungen,  mit  denen  er  die 
rasch  beriihmt  gewordene  » Irmela  «  mannigfach  iibertraf.  Tont  in  der  wie  die 
Szenen  eines  Lustspiels  voriiberziehenden,  von  Ferdinand  Avenarius  besonders 
warm  geruhmten  Geschichte  »Herr  Moffs  kauft  sein  Buch«  (1885)  die  Polemik 
noch  mit  leisem  Begleitakkord  mit,  so  kommt  in  der  »Neuen  Bizarde«  (1890), 
insbesondere  aber  in  der  schalkhaften,  mit  sehr  feinem  Ohr  allmahlich  ge- 
steigerten  Kleinstadterzahlung  »Markus  Zeisleins  groBer  Tag«  (1883)  St.s  aus 
still  beobachtender  Menschenliebe  quellender  Humor  zu  einer,  bei  aller  Ver- 
haltenheit  befreienden  kiinstlerischen  Aussprache.  Wo  er  nicht  mitspielt,  wie 
im  »Korrektor«  (1885),  fehlt  St.  die  sonst  immer  wieder  erreichte  letzte  Lebens- 
nahe.  Aber  iiberall  meidet  er,  auch  im  Idyll,  ein  schonfarberisches  Idyllisieren 
und  enthiillt,  etwa  in  »Gevatter  Tod«  (1882),  zumal  im  Kinde  und  in  denen, 
die  gleich  dem  Kinde  einfaltigen  Herzens  geblieben  sind,  die  sozusagen  unter- 
irdische  Wirkung  der  feinen  und  zarten  Gegenkrafte  gegen  die  herabziehenden 
Machte  einer  sich  mechanisierenden  Welt.  Er  gehort  gerade  in  diesem  Betracht 
zu  Wilhelm  Raabe,  ohne  dessen  aus  scharferem  Temperament  und  groBerer 
Tiefe  stammenden  lodernden  HaB  gegen  die  »Canaille«,  aber  mit  derselben 
Nahe  zu  den  Grundkraften  deutschen  Wesens.  Stilistisch  steht  St.  den  nord- 
deutschen  Kleinrealisten  vom  Schlage  Heinrich  Seidels  oder  den  Berliner 
Alterswerken  Julius  Rodenbergs  (s.  DBJ  1914 — 16,  S.  84)  naher.  Die  bewuBte 
Bergung  in  der  GewiBheit  christlichen  Glaubens  gibt  ihm  neben  dem  Braun- 
schweiger  Meister  wie  neben  den  Berlinern  das  eigene  Gesicht,  sie  spricht  sich 
freier  in   den   aus  seinem   NachlaB  veroffentlichten   Gedichten  »Ausklang« 
(1917)  aus. 

Theologischem  Richtungshader  hielt  St.  sich  fern,  griff  aber  auch  in  kirch- 
liche  Angelegenheiten  freimiitig  ein,  wie  er  denn  im  Jahre  1881  die  Zeit- 
schrift  »Das  Pfarrhaus«  begriindete.  Mit  Rudolf  Kogel,  Ernst  Dryander 
(s.  1922),  dem  Pfarrer  und  Poeten  Emil  Frommel  war  er  befreundet  und 
DBJ  11 


162  1917 

hielt  mit  ihnen  geistigen  Austausch.  Moltke  zahlte  zu  seinen  warmsten  Ver- 
ehrern.  Mannhaft  bekampfte  St.  von  der  Griinderzeit  an,  damals  einer  der 
Rufer  in  derWiiste,  Scheinkultur,  zivilisatorisclies  Gehaben,  Bildungshochmut, 
Refonnwut,  so  in  der  unter  dem  Decknamen  Veracus  Rusticus  erschienenen 
Flugschrift  »Meletemata  ecclesiastical.  Veroffentlichungen  uber  das  Bauern- 
haus  brachten  ihn  in  die  Arbeitsgemeinschaft  mit  Avenarius  (f  1923),  dessen 
Kampf  fur  eine  neue,  gewachsene  Ausdruckskultur  im  Diirerbunde  St.  fuhrend 
mitmachte.  Seine  publizistische  Tatigkeit  nach  dieser  Richtung  war  ebenso 
weit,  wie  das  immer  aus  der  christlichen  Mitte  gespeiste  Kraftfeld  der  geistigen 
Interessen  des  charaktervollen,  unabhangigen  Mannes,  Dichters  und  Seel- 
sorgers. 

Literatur:  H.St.,  Wie  »Irmela«,  entstand.Eckart  VI.  —  M.Necker.H.  St.,  Grenzboten 
1886.  —  R.  Weitbrecht,  H.  St.,  Lit.  Echo  IV.  —  F.  Avenarius,  Vorrede  zur  St.-Schrift  des 
Diirerbundes,  Miinchen  1906.  —  H.  Spiero,  Einl.  zu  H.  St.s  Erzahlungen,  Stuttgart  1926. 

Berlin.  Heinrich  Spiero. 

Trubner,  Wilhelm,  Maler,  *  am  3.  Februar  1851  in  Heidelberg,  fam2i.  De- 
zember  1917  in  Karlsruhe.  —  Zwischen  dem  nationalen  und  dem  kunst- 
lerischen  Aufschwung  der  einzelnen  Volker  bestehen  unverkennbar  Zusammen- 
hange.  Welt-  und  Kunstgeschichte  liefern  sichere .  Beweise  dafiir.  Einen  der 
kraftigsten  bietet  das  Aufbliihen  der  deutschen  Kunst  nach  der  Wieder- 
aufrichtung  des  deutschen  Kaiserreiches.  Genau  wie  das  politische  Ereignis 
bereitete  sich  auch  der  Aufstieg  der  Kunst  jahrzehntelang  vor.  Niemals  hat 
es  in  Deutschland  eine  so  stattliche  Reihe  grofler  Maler  gegeben  wie  in  der 
Zeit  zwischen  i860  und  1890,  und  ebenso wenig  fehlte  es  an  hervorragenden 
Bildhauern  und  Architekten.  Von  bemerkenswerter  Wichtigkeit  war  der 
Wiedergewinn  aller  zur  Austibung  dieser  Kiinste  erforderlichen  technischen 
Fahigkeiten  und  Praktiken.  Die  Begriffe  Malerei  und  Plastik  erfuhren  eine 
neue  Formulierung,  und  daraus  ergab  sich  eine  Umwertung  aller  kunstlerischen 
Werte,  in  die  die  Allgemeinheit  nur  mit  groBem  Widerstreben  und  nach 
heftigem  Kampfe  sich  fand,  weil  zahllose  Publikumslieblinge  dabei  gestiirzt 
wurden.  Man  hatte  in  einer  Gefiihlswelt  gelebt  und  fand  sich  nun  von  der 
Kunst  einer  Wirklichkeit  gegenubergestellt,  die  man  der  kunstlerischen  Wie- 
dergabe  nicht  fur  wurdig  hielt,  weil  sie  zu  alltaglich  schien.  Bei  dieser  gegen- 
satzlichen  Einstellung  zog  die  Kunst  zunachst  den  kiirzeren.  Maler  wie  Leibl, 
Thoma,  Klinger,  Liebermann  wurden  mit  ihren  ersten  Werken  geradezu  ver- 
hohnt,  und  der  deutscheste  von  ihnen,  Wilhelm  T.,  mit  seinen  vorziiglichsten 
Bildern  einfach  iiberhaupt  nicht  beachtet.  Es  hat  Jahrzehnte  gewahrt,  bis 
das  Publikum  anderen  Sinnes  wurde  und  Verstandnis  dafiir  gewann,  dafl  es 
in  diesen  Kiinstlern  groBe  Meister  zu  verehren  habe,  Maler,  die  ihre  Kunst 
als  solche  machtig  vorangebracht  und  mit  ihren  Schopfungen  jetzt  Zeugnis 
ablegen  fiir  die  einstige  Machtstellung  des  deutschen  Kaiserreiches.  Auch  mit 
Wilhelm  T.s  Art  hat  die  offentliche  Meinung  sich  allmahlich  abgefunden, 
recht  begriffen  aber  eigentlich  niemals,  dafi  er  der  weitaus  selbstandigste  und 
originellste  Kiinstler  jener  groBen  Periode  gewesen  ist.  Von  Rechts  wegen 
hatte  man  ihn  ebenso  hochstellen  miissen  wie  den  Franzosen  Cezanne,  dem 
er  an  urtumlicher  Kraft  weit  iiberlegen  ist,  woraus  der  SchluB  gezogen  werden 


Steinhausen.  Triibner  1 63 

darf,  daB  bei  der  Begeisterung  fiir  diesen  ein  gutes  Stiick  Heuchelei  und 
torichte  Fremdenanbeterei  mitwirkt.  Erst  spatere  Geschlechter  werden  zu  der 
Tjberzeugung  gelangen,  daB  dem  problematischen  Franzosen  in  T.  ein  voll- 
kommener  Meister  gegenubersteht,  eine  »Natur«  im  Goetheschen  Sinne. 

Wie  die  Kunst  aller  groBen  Maler,  laBt  auch  die  T.s  sich  nicht  aus  den 
Anregungen  erklaren,  die  er  in  seinem  Leben  von  anderen  erhalten.  Sind  seine 
Friihwerke  in  Verbindung  zu  bringen  mit  den  Schopfungen  seines  ersten 
Lehrers  Canon?  Kaum!  Spurt  man  Leibl,  dessen  Kreis  er  zugezahlt  wird,  in 
den  Arbeiten  des  Einundzwanzigjahrigen?  Auch  nicht  oder  doch  hochstens 
in  der  Sorgfalt,  mit  der  er  Hande  gemalt  hat.  Von  Beginn  seiner  Kiinstler- 
tatigkeit  an  ist  der  junge  Heidelberger  ein  Original,  dessen  Bildvorwiirfe, 
dessen  Art  zu  malen  mit  denen  keines  anderen  Kiinstlers  innerliche  oder  auBer- 
liche  Ahnlichkeit  haben.  Einzig,  daB  er  wie  fast  alle  Maler  damals  seinen  Bil- 
dern die  Atelieratmosphare  gibt,  und  als  er  zwanzig  Jahre  spater,  dem  Zuge 
der  Zeit  folgend,  Freilichtbilder  malt,  haben  diese  auch  nicht  das  geringste 
gemein  mit  dem,  was  die  Pleinairisten  von  damals  schufen.  Kaum  ein  zweiter 
Maler  hat  eine  so  hohe  Vorstellung  von  der  gottlichen  Kraft  der  Kunst  be- 
sessen  wie  T.  Er  glaubte  fest  daran,  daB  die  Kunst  imstande  ware,  alles  das 
schon,  vornehm  und  kostbar  zu  machen,  was  in  der  Wirklichkeit  haBlich, 
gemein  und  verachtlich  ist,  und  hat  sich  von  Anfang  an  bemuht,  mit  seinen 
Schopfungen  Beweise  dafur  zu  lief  era.  Sehr  zu  seinem  Schaden;  denn  seine 
Bilder  wurden  hauptsachlich  darum  von  dem  Publikum  und  der  Kritik  ab- 
gelehnt,  weil  er  mit  Vorliebe  ungewohnlich  haBliche  Menschen  malte.  DaB  er 
dabei  wahre  Wunder  von  schoner  Farbe  und  herrlicher  Malerei  schuf,  wurden 
nur  wenige  gewahr,  weil  die  meisten  keinen  Unterschied  zu  machen  wuBten 
zwischen  dem  Naturschonen  und  dem  Kunstschonen  und  sich  nicht  ent- 
schlieBen  konnten,  Bilder  eingehend  zu  betrachten,  die  sie  rein  gegenstandlich 
schon  abschreckten.  Es  darf   nicht  vergessen  werden,    daB  T.  mit   Bildern 
dieser  Art  gerade  in  einer  Zeit  hervortrat,  die  in  den  Idealen  der  Renaissance 
schwelgte  und  von  jedem  Kiinstler  verlangte,  daB  er  ihre  asthetischen  Emp- 
findungen  respektierte.  Und  dann  das  Erdenfeste,  Handlungslose,  Stilleben- 
artige  von  T.s  Bildern.  Man  wollte  Bilder  haben,  bei  denen  man  sich  etwas 
denken  konnte,  die  einen  unterhaltsamen  Inhalt  hatten,  iiber  die  sich  sprechen 
lieB;  ein  bloBes  Augenerlebnis  hatte  fiir  die  Menschen  von  damals  nicht  den 
geringsten   Reiz,   und  vom  Handwerklichen  der  Malerei  hatte  man  keine 
Ahnung.  T.   aber  war  in  alledem  der  Zeit  weit  voran.  Sein  hochster  Ehrgeiz 
war,  schone  Malerei  zu  machen,  wie  sie  die  GroBen  der  Kunst,  die  Rubens, 
Frans  Hals  oder  Velazquez  hervorgebracht,  und  Farben  sollten  auf  seinen 
Bildern  leuchten,  wie  von  den  Altartafeln  der  alten  deutschen  Maler  und  von 
gotischen  Glasfenstern.  In  gewissem  Sinne  war  er  das  deutsche  Gegenstiick 
zu  Manet.  Er  wollte  auch  nicht  malen,  wie  andere  beliebten,  zu  sehen,  son- 
dern  wie  es  ihm  richtig  erschien.  Aber  wahrend  Manet  die  Fahigkeit  besaB, 
auch  als  Maler  sich  zu  objektivieren,  suchte  T.  die  individuelle  Malerei.  Das 
heiBt,  er  brauchte  sie  gar  nicht  zu  suchen,  sie  war  ihm  angeboren;  er  sah 
schon  individuell.  Es  existiert  von  ihm  eine  Kopie  nach  Rubens,  die  er  in 
Briissel  gemalt,  und  sie  beweist,  daB  er  nicht  nur  die  Wirklichkeit  auf  seine 
besondere  Weise  sah,  sondern  auch  Kunstwerke ;  denn  diese  Rubens-Kopie  ist 
in  Auffassung,  Malerei  und  Farbe  ein  echter  T.  geworden.  Obwohl  der  Maler 


164  l9l7 

bereits  in  seiner  Jugend  nach  Anerkennung  hungerte  und  viele,  ja  endlose 
Jahre  hindurch  keine  andere  fand  als  die  von  Kollegen,  wie  Leibl,  Schuch, 
Hans  Thoma,  und  die  einiger  Freunde,  wie  des  Dichters  Martin  Greif,  des 
Philosophen  Du  Prel  und  der  Kunsthistoriker  Bayersdorfer  und  Eisenmann, 
hat  er  doch  an  dem  Grundsatze  festgehalten,  Kunst  um  der  Kunst  willen  zu 
machen  und  sich  nicht  den  Anspriichen  des  Publikums  zu  beugen.  Er  konnte 
einfach  gar  nicht  anders;  denn  auch  als  er  den  Versuch  unternahm,  genre- 
hafte,  mythologische  und  phantastische  Bilder  zu  malen,  stellte  er  das  rein- 
kiinstlerische  Moment  so  stark  in  den  Vordergrund,  daB  das  Publikum  tiber- 
zeugt  war,  der  Maler  wolle  mit  diesen  Bildern  iiber  den  allgemeinen  Geschmack 
sich  lustig  machen.  Die  Unerschiitterlichkeit  seiner  Art  und  seiner  Uber- 
zeugungen  aber  macht  T.s  GroBe  aus  und  laBt  ihn  als  einen  wiirdigen  Nach- 
kommen  der  alten  deutschen  Meister  erscheinen,  deren  handwerkliche  Tiichtig- 
keit,  deren  Treue  gegen  sich  selbst  heute  so  lebhaft  bewundert  werden. 

Wilhelm  T.  kam  am  3.  Februar  185 1  als  Sohn  des  Juweliers  und  spateren 
Stadtrats  Georg  T.  in  Heidelberg  zur  Welt.  Ohne  Frage  war  die  Umgebung, 
in  der  er  aufwuchs,  bestimmend  fur  seine  Entwicklung.  Die  alte,  an  Erinne- 
rungen  reiche  Stadt,  ihre  herrliche  Lage,  die  Wohlhabenheit  im  elterlichen 
Hause,  die  Tatigkeit  des  Vaters,  die  so  eng  verbunden  war  mit  schonem 
Material  und  sorgfaltiger  und  solider  Arbeit,  haben  offenbar  den  Sinn  des 
jungen  Menschen  schon  fruhzeitig  beeinfluBt.  Kiinstlerische  Neigungen,  die 
vom  Vater  aber  aufs  entschiedenste  abgelehnt  wurden,  zeigte  bereits  der 
Knabe.  In  seinem  dritten  Sohne  wollte  der  alte  T.  namlich  sich  einen  Nach- 
folger  fiir  sein  Geschaft  erziehen.  Deshalb  wurde  der  junge  Mensch  nach  Ab- 
solvierung  der  Schulzeit  ohne  weiteres  nach  Hanau  geschickt,  um  dort  die 
notige  kunstgewerbliche  Ausbildung  zu  erhalten.  Immer  wieder  besturmte  der 
Sohn  den  Vater  vergeblich,  ihn  doch  Maler  werden  zu  lassen.  Erst  als  die 
Mutter,  die  immer  auf  der  Seite  ihres  Kindes  gestanden,  darauf  bestand,  daB 
man  doch  wenigstens  einmal  einen  Maler  fragen  mochte,  ob  Wilhelm  wirklich 
Talent  genug  besaBe,  um  den  Beruf  des  Malers  zu  ergreifen,  entschloB  sich 
der  Vater,  die  Arbeiten  des  Sohnes  dem  beruhmten  Anselm  Feuerbach  vorzu- 
legen,  der  damals  gerade  zum  Besuch  bei  seiner  Mutter  in  Heidelberg  weilte. 
T.  hat  dem  Meister  niemals  vergessen,  daB  sein  warmes  Eintreten  dem  Gold- 
schmiedssohn  den  Weg  zur  Kunst  freigemacht  und  nunmehr  dessen  heiBer 
Wunsch,  die  Kunstschule  in  Karlsruhe  besuchen  zu  diirfen,  erfullt  wurde. 
Ein  Jahr,  vom  Fruhling  1868  bis  1869,  blieb  er  dort,  um  dann  auf  den  Rat 
seines  Lehrers,  des  Schlachtenmalers  Feodor  Dietz,  nach  Miinchen  sich  zu 
begeben,  wo  er  zunachst  in  das  Atelier  des  Piloty-Schulers  Alexander  Wagner 
eintrat.  Die  bald  darauf  stattfindende  Eroffnung  der  internationalen  Aus- 
stellung  im  Miinchener  Glaspalast  aber,  in  der  so  bedeutende  Erscheinungen 
des  Auslandes,  wie  Courbet,  Millet  und  Manet  zum  ersten  Male  vor  die  deutsche 
Offentlichkeit  traten,  die  ferner  die  teilweise  besten  Werke  von  Feuerbach, 
Victor  Miiller,  Leibl,  Makart,  Griitzner,  Bocklin,  Iyindenschmit,  Piloty,  Canon, 
Franz  Adam  und  anderen  Malern  enthielt,  brachte  ihm  zum  BewuBtsein, 
daB  man  das  Beste  doch  nur  von  den  besten  Kiinstlern,  niemals  in  einer 
Massenerziehungsanstalt  erlernen  konne,  er  also  falsch  am  Orte  sei.  Der  Aka- 
demiebesuch  wurde  also  aufgegeben,  und,  da  T.  den  Maler  Hans  Canon 
bereits  in  Karlsruhe  kennengelernt  hatte,  dessen  Bilder  gut  gefunden  und  ihn. 


Triibner  1 65 

als  Lehrer  hatte  riihmen  horen,  entschloB  er  sich  kurzerhand,  diesem,  der 
damals  von  Karlsruhe  nach  Stuttgart  iibersiedelte,  dorthin  als  Schuler  zu 
folgen.  T.  hatte  nicht  besser  wahlen  konnen;  denn  obwohl  Canon  nicht  be- 
sonders  originell  war,  beherrschte  er  doch  das  Handwerk  und  dessen  Aus- 
drucksmoglichkeiten  in  ganz  iiberragender  Weise.  Er  lenkte  des  jungen  Kiinst- 
lers  Aufmerksamkeit  auf  die  besten  Vorbilder  und  lehrte  ihn,  die  Malerei  als 
hohe  Kunst  treiben.  Die  leuchtende  Farbe  T.s,  die  representative  Haltung 
seiner  Bildnisse,  seine  groBe  Auffassung  gehen  unzweifelhaft  auf  Canon  zuriick, 
ebenso  auch  seine  Vorliebe  fiir  Rubens.  Canon  muB  ein  sehr  schnell  fordernder 
Lehrer  gewesen  sein;  denn  in  seinem  Atelier  malte  T.  im  Winter  1869/70 
das  jetzt  in  der  Karlsruher  Galerie  hangende  Bild  der  beiden  Alten  »in  der 
Kirche«.  Fiir  einen  Neunzehnjahrigen  eine  iiberraschend  gute  Leistung.  Im 
Sommer  1870  schickte  der  Meister  den  Schuler  auf  Galeriestudien  nach  Frank- 
furt, Kassel,  Weimar,  Gotha,  Braunschweig,  Dresden  und  Berlin,  und  im 
Herbst  des  Jahres  zog  der  junge  Maler  wieder  nach  Munchen,  wo  er  auf  Rat 
Karl  Pilotys  in  das  eben  eingerichtete  Atelier  von  Wilhelm  Diez  als  Schuler 
eintrat.  Das  Vorbild  von  Wilhelm  Diez  bestarkte  ihn  in  seiner  von  Canon 
schon  erweckten  Vorliebe  fiir  die  Kunst  der  alten  Hollander  und  Flamen. 
Eine  starke  Anregung  gab  ihm  auBerdem  der  Verkehr  mit  dem  Wiener  Maler 
Charles  Schuch,  dessen  Beispiel  ihn  verlockte,  Landschaften  zu  malen.  Durch 
ihn  machte  er  auch  die  Bekanntschaft  Wilhelm  Leibls,  der,  nachdem  er  T.s 
Arbeiten  gesehen,  dem  jungen  Kiinstler  riet,  die  Schule  zu  verlassen  und  auf 
eigene  Hand  weiterzuschaffen.  Hatte  T.  Leibl  schon  langst  bewundert,  so 
entschied  er  sich  jetzt,  ihn  zu  seinem  Fiihrer  in  der  Malerei  zu  erwahlen.  Am 
liebsten  ware  er  dessen  Schuler  geworden;  aber  darauf  liefl  Leibl  sich  nicht 
ein,  und  so  beschrankte  das  Verhaltnis  der  beiden  sich  darauf,  dafi  T.  ein 
Bild  Leibls —  den  » Jungen  mit  der  Halskrause* —  erwarb,  um  die  Malweise 
Leibls  recht  genau  studieren  zu  konnen.  Mit  seiner  Begeisterung  fiir  den  groBen 
Kiinstler  steckte  er  eine  ganze  Reihe  von  anderen  jungen  Malern  an,  aus 
denen  der  sogenannte  »  Leibl- Kreis«  —  es  gehorten  auBer  T.,  Schuch  und 
Lang,  die  Maler  Hirth,  Alt,  Sped,  Schider,  Sattler,  Wopfner  und  Hans  Thoma 
dazu  —  sich  zusammensetzte.  Man  traf  sich  im  Cafe  Probst,  beim  Letten- 
bauer  oder  im  Orlando  di  Lasso,  wo  auch  Leibl  einzukehren  pflegte  und  den 
Mittelpunkt  der  Gesellschaft  und  der  Gesprache  bildete. 

T.  war  eine  zu  starke  Individuality,  als  daB  es  ihm  moglich  gewesen  ware, 
ganz  auf  Leibls  Art  sich  einzustellen.  Er  sah  ihm  in  der  Tat  nicht  viel  mehr 
als  gewisse  handwerkliche  Gewohnheiten,  wie  das  alia  prima-Malen,  die  ge- 
wissenhafte  Wiedergabe  von  Handen  und  den  Aufbau  des  Bildes  aus  farbigen 
Flachen  ab,  eine  Malweise,  die  er  selbst  im  Laufe  der  Zeit  immer  weiter  aus- 
bildete  und  die  fiir  ihn  iiberaus  charakteristisch  geworden  ist.  Wie  wenig  er 
an  Selbstandigkeit  durch  die  Bewunderung  fiir  Leibl  eingebiiBt,  bezeugen 
die  Bilder  » Junge  am  Schrank«,  das  »Madchen  auf  dem  Kanapee«  und  »Im 
Atelier «,  die  mit  den  in  Konkurrenz  mit  Hans  Thoma  gemalten  »Raufenden 
Buben«  samtlich  im  Jahre  1872  entstanden  sind.  Auch  das  Bildnis  seines 
Tauf paten,  des  »  Burgermeister  Hof  meister  «  in  Heidelberg,  entstammt  diesem 
Jahre.  Im  Herbst  1872  traf  er  in  Venedig  mit  Schuch  zusammen,  um  mit 
diesem  Italien  zu  bereisen.  Nachdem  sie  die  wichtigsten  Galerien  des  Landes 
gesehen,  lieBen  die  Freunde  sich  in  Rom  nieder,  um  die  gewonnenen  Erf  ah- 


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rungen  —  fiir  T.  die  reichere  Farbe  aus  dem  Studium  der  italienischen  Ko- 
loristen  und  der  handfeste  Luminarismus  der  Spanier  —  in  eigenen  Bildern 
zu  verwerten.  Aus  dieser  Zeit  stammen  die  drei  Bilder  eines  Mohren,  ein  paar 
Aktstudien,  das  Bild  »Beim  romischen  Wein«  und  der  kniend  »Singende 
Monch*.  Im  Herbst  1873  kehrte  T.  nach  Heidelberg  zuriick,  malte  in  Er- 
innerung  an  Velazquez  die  Bildnisse  der  Eltern,  das  einer  Cousine  mit  Facher, 
mehrere  Selbstbildnisse,  das  Interieur  »Im  Heidelberger  Schlofl«  und  vier 
Wildstilleben,  die  Schuch  erwarb,  um  sie  als  Vorbilder  fiir  seine  eigene  Stilleben- 
malerei  zu  benutzen. 

Der  Fruhling  1874  findet  die  beiden  Freunde  in  Briissel,  von  wo  aus  sie 
Belgien  und  Holland  bereisen,  Galeriestudien  machen  und  wo  sie  schlieBlich 
ein  Atelier  mieten,  um  festzustellen,  was  sie  bei  ihrem  Studium  profitiert 
haben.  T.  malt  in  drei  Abwandlungen  einen  »Christus  im  Grabe«  in  kuhner 
Verkiirzung  von  den  Fiifien  her  gesehen,  eine  Mischung  aus  Erinnerungen  an 
Mantegna,  Rubens,  Ribera  und  Rembrandt  und  ein  genrehaft  gehaltenes 
Bildnis  des  mit  ihnen  reisenden  Malers  Hagemeister,  dem  eine  junge  Dame 
eine  Schale  mit  Friichten  anbietet.  Fiir  den  Sommer  setzen  sich  die  Freunde 
am  Chiemsee  fest,  wo  die  ersten,  bereits  vollig  meisterhaften  Landschaften 
T.s,  zwei  auf  Grau  und  ein  dunkles  Griin  gestimmten  Bilder  des  Schlosses 
auf  der  Herreninsel,  der  »Dampfersteg«  und  ein  Bild  des  Sees  entstehen.  Vom 
Herbst  1874  bis  ebendahin  1875  absolviert  T.  seine  einjahrige  Dienstpflicht 
beim  3.  Badischen  Dragonerregiment  in  Karlsruhe,  malt  in  dieser  Zeit  nur 
einige  Selbstbildnisse  und  vereinigt  sich  danach  wieder  mit  Schueh  zu  gemein- 
samer  Arbeit  in  Miinchen.  Es  kommt  nun  zu  wahrhaften  Meisterleistungen 
auf  dem  Gebiete  der  Bildnismalerei,  als  deren  hauptsachlichste  die  »Dame 
in  Grau«,  »Maler  Schuch «,  »Dame  in  Braun«,  »Dichter  Martin  Greif «,  » Blonde 
Dame  mit  Hut  und  Pelz«,  »  Brunette  Dame  mit  Pelz«  und  »Mann  mit  rotem 
Bart«  genannt  seien.  Diese  Iyeistungen  stehen  als  Malerei  weit  iiber  allem,  was 
sonst  in  dieser  Zeit  an  Bildnissen  hervorgebracht  worden  ist,  und  zeigen,  was 
ein  begabter  Mensch  von  Rubens,  Velazquez  und  Hals  lernen  kann,  ohne  sie 
nachzuahmen.  Und  doch  hatte  T.  mit  solchen  Prachtstiicken  in  dieser  Periode 
der  falsch  verstandenen  Renaissance  nicht  den  geringsten  Erfolg,  was  ihn  sehr 
niederdriickte.  Ein  Vierteljahrhundert  spater  rissen  sich  indessen  die  deutschen 
Galerien  um  die  verkannten  Meisterwerke,  und  heute  weiJ3  man,  daB  sie  zum 
Besten  gehoren,  was  die  deutsche  Kunst  des  19.  Jahrhunderts  hervorgebracht 
hat.  T.  trostete  sich  nun  wieder  mit  Landschaftsmalen  am  Wefilinger  See, 
wo  einige  seiner  am  meisten  geschatzten  Bilder,  der  »Badeplatz«,  der  »Zimmer- 
mannsplatz«  entstanden,  denen  dann  in  Bernried  noch  ein  paar  Waldbilder 
und  der  »Kartoffelacker«  folgten.  Nachdem  im  Herbst  1876  Schuch  von  ihm 
sich  getrennt  und  in  Miinchen  der  sogenannte  Leibl-Kreis  sich  aufgelost 
hatte,  packte  T.  die  L,ust,  seinen  Munchener  Widersachern  nun  einmal  auf 
ihren  eigenen  Gebieten  Konkurrenz  zu  machen.  Er  malte  eine  Anzahl  heute 
zum  Teil  verschollener  Genrebilder,  wie  die  »Kunstpause«  in  einer  Tischler- 
werkstatt,  »Leichte  Kavallerie«,  »Modellpause«,  » Munchener  Wachtparade«, 
ferner  Phantasiebilder,  wie  die  drei  Bilder  mit  Zentaurenpaaren,  »Mars  und 
Venus  <(,  Giganten-  und  Lapithenkampfe,  die  I^iebessunderinnen  aus  i>Dantes 
H611e«,  eine  » Amazonenschlacht «,  eine  »Kreuzigung«  und  eine  » Wilde  Jagd«, 
sodann  Historien,  wie  »Gefangennahme  Friedrich  des  Schonen«,  »Tilly  reitet 


Triibner  167 

in  einen  Dom«,  und  endlich  gar  Theaterszenen  wie  »Adelheid  und  Franz*, 
♦Lady  Macbeth*;  aber  auch  mit  diesen  Schopfungen  hatte  er  keine  Erfolge, 
teils  weil  das  Gegenstandliche  auBerhalb  seiner  Begabung  lag,  teils  weil  er 
das  Reinmalerische  zu  stark  in  den  Vordergrund  gestellt  hatte  oder  zu  viel 
Wirklichkeitsgefuhl  gezeigt,  wodurch  er  den  Anschein  erweckte,  er  verspotte 
auf  seine  Weise  das,  was  andere  Kiinstler  gemacht.  Ganz  verzagt,  begab  er 
sich  1884  zum  Besuche  von  Verwandten  nach  London,  wo  er  einige  Bildnisse 
malte  und  »Ludgate  Hill«,  die  Strafle,  in  der  das  Geschaftshaus  seines  Onkels 
lag,  dessen  beruhmte  Biichersammlung  er  1885  als  Vermachtnis  des  Verstor- 
benen  der  Heidelberger  Universitatsbibliothek  iiberbrachte.  Durch  das  Erbe 
seiner  inzwischen  ebenfalls  verstorbenen  Eltern  in  eine  vollig  unabhangige 
Lage  versetzt,  war  er  jetzt  nahe  daran,  die  Malerei  einfach  aufzugeben  und 
ganz  seiner  Sammlerneigung  zu  leben ;  doch  da  er  die  Sommer  auf  dem  Lande 
zu  verbringen  pflegte,  erwachte  nach  kurzer  Pause  wieder  seine  Lust  an  der 
Natur  und  am  Landschaftern.  In  Paris,  das  er  1889  besucht,  hatte  er  die 
Bemiihungen  der  Maler  gesehen,  die  Natur  hell,  in  naturlichen  Farben  und  im 
Lichte  der  Sonne  wieder zugeben,  und  er  versuchte  nun,  am  Chiemsee  es  ihnen 
nachzutun.  Sehr  bezeichnend  fiir  diese  Bemiihungen  ist  die  »Landschaft  mit 
der  Fahnenstange«  von  1891.  Ein  Jahr  spater  lafit  er  sich  in  Seeon  nieder, 
wo  er  eine  Reihe  ausgezeichneter  Bilder  des  Klostergebietes  und  des  Sees 
malt.  Dann  folgen  Landschaften  vom  Bodensee  und  aus  dem  Schwarzwald, 
und  da  er  sich  jetzt  wieder  ganz  in  Form  fuhlt,  betatigt  er  sich  auch  wieder 
als  Bildnismaler,  portratiert  eine  Anzahl  mehr  oder  minder  schoner  bekannter 
Damen  und  Modelle,  und  zweimal  den  »Schottenjungen«.  Auch  schriftstelle- 
risch  tritt  er  hervor,  indem  er  in  einer  zunachst  anonym  erschienenen  Bro- 
schiire  »Das  Kunstverstandnis  von  heute«  dem  schlechten  Geschmack  des 
Publikums  und  den  ihm  immer  trostloser  erscheinenden  Kunstzustanden  in 
Deutschland  zu  Leibe  geht.  Um  seine  Ansichten  iiber  das,  was  er  in  der  Kunst 
fiir  gut  hielt,  in  die  Praxis  zu  ubertragen,  richtete  er  in  der  GroBen  Berliner 
Kunstausstellung  von  1895  Kollektiworfuhrungen  von  Werken  Leibls,  Hans 
Thomas,  Victor  Mullers  und  eigener  Arbeiten  ein,  die  starke  Beachtung  fanden 
und  den  Ausstellenden  mit  einem  Schlage  zur  Beriihmtheit  verhalfen.  Die 
wichtigen  deutschen  Galerien  begannen  nun,  sich  allmahlich  mit  Werken  T.s 
zu  versehen.  Nur  in  Miinchen  lieB  man  ihn  immer  noch  nicht  gelten.  Aus 
diesem  Grunde  verlieB  er  die  ihm  so  wenig  wohlwollende  Kunststadt  1896 
und  begab  sich  nach  Frankfurt  a.  M.,  wo  sein  alter  Freund  Hans  Thoma 
wirkte.  Er  wurde  nach  einiger  Zeit  Lehrer  an  dem  Stadelschen  Kunstinstitut 
und  entwickelte  als  solcher  eine  ungewohnlich  fruchtbare  Tatigkeit.  In  aller 
Stille  vollzog  sich  hier  die  Wandlung  zum  Freilichtmaler,  und  nachdem  es 
ihm  gelungen  war,  seine  Landschaften  auf  helle  Farben  und  Harmonien  zu 
stimmen,  versuchte  er,  die  neue  Anschauungsweise  auch  auf  das  Figurenbild 
und  das  Portrat  zu  ubertragen.  Zunachst  malte  er  einige  Akte  im  Griinen, 
wobei  er  die  warme,  durch  Rot  bestimmte  Farbe  des  Fleisches  durch  den 
Gegensatz  kuhler  griiner  Reflexe  sehr  wirkungsvoll  zu  heben  wuBte.  Diese 
Aktstudien  gehen  unter  den  Titeln:  »Adam  und  Eva«,  »Urteil  des  Paris «, 
♦Susanna  im  Bade«,  » Salome «  u.  a.,  fanden  jedoch  wenig  Beifall  beim  Publi- 
kum,  weil  den  malerischen  Vorziigen  durchaus  keine  geistigen  zur  Seite 
standen.  Um  so  mehr  Erfolg  hatten  die  bald  darauf  entstandenen  Reiter- 


i68  1917 

bildnisse,  weil  fiir  den  Reiter  das  Freilicht  das  Natiirliche  ist,  weil  T.s  breite 
Malerei  dem  Gegenstande  angemessen  erschien  und  sein  Gefuhl  fiir  das  Re- 
presentative hierbei  zur  schonsten  Geltung  kam.  Diese  Reiterbildnisse  ge- 
horen  nicht  nur  zu  des  Kunstlers  originellsten  Schopfungen,  sondern  auch 
zu  den  eigenartigsten  in  der  Malerei  des  19.  Jahrhunderts.  Sie  stellen  mit  ihrem 
leuchtenden  Rotbraun,  smaragdenen  Griin  und  den  bunten  Uniformen  das 
auBerste  an  Farbe  dar,  was  seit  den  Tagen  der  alten  deutschen  Meister  in 
Bildern  gezeigt  wurde,  und  sind  als  prachtvolle  Malerei  nicht  genug  zu  be- 
wundern. 

Im  Jahre  1900  vermahlte  T.  sich  mit  seiner  begabten  Schulerin  Alice 
Auerbach,  deren  reifes  und  sicheres  Kunsturteil  er  schatzen  gelernt  hatte. 

Drei  Jahre  spater  folgte  er  dem  Rufe  seines  Landesherrn,  des  GroBherzogs 
Friedrich  I.  von  Baden  zur  Ubernahme  eines  Lehramtes  an  der  Karlsruher 
Akademie.  Er  wirkte  dort  sehr  anregend  als  Lehrer  sowohl  wie  auch  als  Maler. 
Er,  den  man  in  Munchen  so  griindlich  miBachtet  hatte,  portratierte  nun,  wie 
Lenbach,  Fiirsten  und  groBe  Herren.  Seine  Bildnisse  des  GroBherzogs  von 
Baden,  des  GroBherzogs  von  Hessen,  des  Hamburger  Burgermeisters  Moncke- 
berg  stehen  turmhoch  iiber  dem  Ublichen  und  Gewohnten.  Auch  Wand- 
gemalde  wurden  ihm  in  Karlsruhe  iibertragen.  MiBgliickt  sind  ihm  im  allge- 
meinen  allerdings  die  vielen  Freilichtbildnisse,  die  er  in  dieser  Zeit  malte.  Im 
Portrat  will  man  vor  allem  den  darzustellenden  Menschen,  das  Positive  der 
Erscheinung,  nicht  zufallige  Zustande,  wie  sie  das  Spiel,  das  Sonnenstrahlen 
auf  dem  Gesicht  erzeugt.  Den  Irrtum,  dem  T.  in  dieser  Beziehung  sich  hin- 
gab,  hat  er  allerdings  reichlich  ausgeglichen  durch  die  wundervollen,  von 
starker  Empfindung  fiir  die  Natur  und  die  Herrlichkeit  ihres  Farbenkleides 
zeugenden  Landschaften,  die  er  in  Amorbach,  Hemsbach,  am  Starnberger  See 
und  im  Stift  Neuburg  malte.  Sie  stehen  in  ihrer  festen  Form,  die  nicht  ver- 
hindert,  daB  Licht  und  I^uft  voller  Leben  erscheinen,  in  ihrer  reichen  Farbig- 
keit  und  Leuchtkraft  in  der  deutschen  Kunst  unerreicht  da.  Sie  sichern  dem 
Namen  Wilhelm  Triibner  Unsterblichkeit,  soweit  diese  nicht  schon  durch  die 
meisterhaften  Schopfungen  der  Fruhzeit  begriindet  wird. 

T.s  Schriften  »Das  Kunstverstandnis  von  heute«,  »Die  Verwirrung  der 
Kunstbegrif f e «  und  »Personalien  und  Prinzipienc  sind  mehr  oder  minder  ge- 
lungene  Versuche,  der  Allgemeinheit  klarzumachen,  was  er  in  seiner  Kunst 
erstrebt  hat  und  erreicht  zu  haben  glaubt,  versehen  mit  Seitenhieben  auf 
die  akademischen  Richtungen,  denen  das  Publikum  allezeit  eine  ungleich 
groBere  Beachtung  geschenkt  hat  als  den  wirklichen  Meistern,  den  individuell 
Schaffenden.  Fiir  einen  solchen  sich  zu  halten,  hatte  T.  vollkommen  recht, 
und  daB  er  der  Kunst  selbstlos  gedient,  ist  kein  Zweifel;  aber  eine  gewisse 
Starrheit  der  Empfindungsweise  und  geistige  Unbeweglichkeit  verhinderten 
ihn,  zu  so  tieferregenden  Wirkungen  zu  kommen,  wie  sie  von  den  Schopfungen 
Diirers,  Holbeins,  Frans  Hals',  Rembrandts  oder  Velazquez*  ausgehen.  Als 
Maler  schlechtweg  indessen  steht  er  als  ein  Ebenburtiger  neben  den  Aller- 
groBten,  und  was  in  ihm  als  Anlage  steckte,  hat  er  zur  hochsten  Vollendung 
gebracht.  Von  wie  wenigen  Kiinstlern  laBt  das  sich  behaupten!  Und  noch 
eines  darf  von  ihm  gesagt  werden :  Seine  gerade  und  einf ache  Natur,  die  durch 
nichts  zu  erschiitternde  Hingabe  an  seine  Ideale,  die  Ehrlichkeit  und  Sauber- 
keit  im  Handwerklichen  seiner  Kunst  kennzeichnen  ihn  als  den  deutschesten 


Triibner.  Veith  l6o 

aller  Maler,  die  das  19.  Jahrhundert  hervorgebracht.  Sein  Schaffen  bildet 
den  einstweiligen  AbschluB  der  nihmreichen  Periode  jener  deutschen  Kunst, 
deren  grofiartige  Leistungen  aus  dem  16.  Jahrhundert  in  die  Gegenwart 
heriiberleuchten. 

L,iteratur:  Eigene  Schriften:  Das  Kunstverstandnis  von  heute,  Miinchen  1892,  Casar 
Fritsch;  Die  Verwirrung  der  Kunstbegriffe,  Frankfurt  a.  M.  1898,  Riitten  &  Iyoening; 
Personalien  und  Prinzipien,  Berlin  1907,  Bruno  Cassirer;  Van  Gogh  und  die  neuen  Rich- 
tungen  der  Malerei.  Kunst  f.  Alle,  Januar  191 5;  Der  Krieg  und  die  Kunst,  Frankfurter 
Zeitung,  21.  Januar  1916;  Der  Wert  deutscher  und  franzosischer  Kunst,  Woehenschrift 
der  Berliner  Neuesten  Nachrichten,  8.  April  191 7.  —  Monographien :  Hans  Rosenhagen, 
Nr.  98  von  Velhagen  &  Klasings  Kiinstlermonographien,  1908,  Bielefeld  und  Leipzig; 
Georg  Fuchs,  W.  T.  und  sein  Werk,  1908,  Georg  Miiller,  Miinchen;  Jos.  Aug.  Beringer, 
Klassiker  der  Kunst  XXVI,  1917,  Stuttgart.  —  Schriften:  Karl  Voll,  Zeitschrift  fur  Bil- 
dende  Kunst,  1901,  Leipzig;  Georg  Hermann,  Siidwestdeutsche  Rundschau,  1902,  Frank- 
furt a.  M. ;  Hans  Rosenhagen,  Kunst  fur  Alle,  1902,  Miinchen;  L,.  Brieger-Wasservogel, 
Kunst  der  Neuzeit  Nr.  10,  1903,  Strafiburg;  Hans  Rosenhagen,  t)ber  Land  und  Meer,  1907, 
Stuttgart;  Benno  Ruttenauer,  Propylaen,  1908,  Miinchen;  ders.,  Westermanns  Monats- 
hefte,  1909,  Braunschweig;  Hans  Rosenhagen,  DaheimNr.  14,  1909,  Bielefeld  und  Leipzig; 
Wilhelm  Michel,  Ausstellung  in  Brackls  Kunsthandlung,  19 10,  Miinchen;  J.  A.  Beringer, 
Triibner- Ausstellung  in  Karlsruhe  191 1,  Leipzig,  Kunstchronik ;  Karl  Scheffler,  Kunst  und 
Kiinstler,  191 1,  Berlin;  Robert  Breuer,  Reclams  Universum  XXVII,  191 1,  Leipzig; 
Georg  Jak.  Wolf,  Jugend  Nr.  4,  191 1,  Miinchen;  J.  A.  Beringer,  Kunst  fur  Alle,  191 1, 
Miinchen;  E.  Bender,  Kunst  und  Jugend,  191 1,  Stuttgart;  Albert  Geiger,  Der  Turmer, 
191 2,  Stuttgart;  Hans  Rosenhagen,  Kunst  unserer  Zeit,  1909,  Miinchen;  Wilhelm  Schafer, 
Deutsche  Maler,  1910,  Diisseldorf ;  J.  A.  Beringer,  Deutsche  Kunst  und  Dekoration,  1916, 
Darmstadt;  Paul  Kiihn,  Ulustrierte  Zeitung,  1909,  Leipzig;  Emil  Waldmann,  Vorwort 
zur  II.  Auflage  von  Personalien  und  Prinzipien,  Berlin;  Willy  F.  Storck,  Katalog  zur 
Triibner- Ausstellung  Basel  1927;  Wilhelm  Gobel,  ebendort,  1927.  —  Kunst geschichten : 
Richard  Muther,  Springer-Osborn,  Lubke-Semrau-Haack,  Alfred  Koppen,  Meier-Graefe, 
Rosenberg-Rosenhagen,  Richard  Hamann,  Wilhelm  Hausenstein. 

Berlin.  Hans  Rosenhagen. 


Veith,  Rudolph  Hugo,  *  am  1.  Juni  1846  in  Bobischau,  Kreis  Habelschwerdt, 
t  am  13.  Marz  1917  in  Berlin.  —  Nachdem  Rudolph  V.  die  ersten  Kind- 
heitsjahre  in  Bobischau  verlebt  hatte,  wurde  sein  Vater,  von  Beruf  Steuer- 
beamter,  nach  Breslau  versetzt.  Der  kleine  Rudolph  besuchte  dort  zuerst  die 
Elementarschule,  spater  —  von  1856  ab  —  das  katholische  Gymnasium  zu 
St.  Matthias,  das  er  1865  verlieB,  um  ein  Jahr  lang  als  Maschinenbau-  und 
Hutteneleve  in  Malapane  die  praktischen  Grundlagen  fiir  den  von  ihm  er- 
wahlten  Beruf  des  Maschineningenieurs  zu  erwerben.  Auf  der  Provinzial- 
Gewerbeschule  in  Schweidnitz  legte  er  1867  die  Reifepriifung  ab,  arbeitete  so- 
dann  in  der  Maschinenbauanstalt  des  »Fabrikenkonimissarius«  F.  G.  Hofmann 
(Maschinen-  und  Olfabrik  Koinonia)  sowie  in  den  Werkstatten  der  Oberschle- 
sischen  Eisenbahn  bis  zum  1.  Februar  1869  praktisch  und  trat  hierauf  zur  Ab- 
leistung  seiner  Dienstpflicht  als  Maschinistenapplikant  bei  der  Maschinen- 
kompagnie  der  Kaiserl.  Werftdivision  ein.  Sein  Dienstjahr  verlangerte  sich  un- 
erwartet  durch  den  Ausbruch  des  Deutsch-Franzosischen  Krieges,  wahrend- 
dessen  er  anfangs  auf  der  Panzerfregatte  »Friedrich  Karl«,  spater —  als  dienst- 
tuender  Maschinist —  auf  dem  Aviso  »Adler«  kommandiert  war. 

Nach  Kriegsende  bezog  V.  im  Oktober  187 1  die  Konigl.  Gewerbeakademie 
in  Berlin,  wo  er  sich  dem  Studium  des  Schiffsmaschinenbaufachs  widmete.  In 


170  1917 

der  Studienzeit  lieBen  ihn  sein  reger  FleiB,  sein  Streben  nach  Vervollkommnung 
seines  Wissens  und  Konnens  selbst  in  den  Akademief erien  nicht  f eiern ;  er  nutzte 
sie,  um  in  verschiedenen  Berliner  Konstruktionsbureaus  sich  zeichnerisch  und 
konstruktiv  zu  betatigen.  Aber  auch  sonst  fiillte  ihn  das  Studium  allein  nicht 
aus.  Im  akademischen  Verein  »Hutte«,  dem  er  allezeit  ein  treues  und  eifriges 
Mitglied  gewesen  ist,  beteiligte  er  sich  an  alien  wissenschaftlichen  Unterneh- 
mungen,  und  sein  den  Lernstoff  tief  durchdringender,  das  Wesentliche  stets 
scharf  erfassender  Verstand  trieb  ihn  schon  damals  dazu,  im  Verein  mit  geistig 
hochstehenden  Freunden  die  Bearbeitung  eines  fiir  Studienzwecke  bestimmten 
Lehrbuchs  der  technischen  Mechanik  zu  ubernehmen  und  damit  auch  weniger 
begabten  Kommilitonen  die  Erreichung  ihres  Ausbildungszieles  zu  erleichtern. 
Nach  Ablegung  der  Diplomprufung  am  27.  Juli  1874  tat  er  zunachst  bei  der 
Stettiner  Maschinenbau-A.-G.  Vulcan  in  Stettin-Bredow  als  Maschinenbau- 
ingenieur  Dienst,  um  jedoch  bald  in  gleicher  Eigenschaft  in  das  Konstruktions- 
bureau  der  Markisch-Schlesischen  Maschinenbau-A.-G.  vorm.  F.  A.  Egells, 
Berlin,  iiberzusiedeln,  wo  er  unter  der  trefflichen  Anleitung  des  damaligen 
Direktors  dieser  Firma,  Jungermann,  wertvolle  Anregungen  erhielt. 

Am  15.  April  1875  trat  Rudolph  V.  in  den  Dienst  der  damals  noch  kleinen, 
aber  in  langsamem  Aufbluhen  begriffenen  deutschen  Kriegsmarine  ein.  Er 
wurde  zunachst  zur  » probe weisen  Beschaftigung«  als  Marine-Maschinenbau- 
Ingenieuraspirant  der  Kaiserl.  Werft  in  Wilhelmshaven  iiberwiesen,  wo  er  sich 
schnell  die  Zuneigung  und  das  Vertrauen  seiner  Vorgesetzten  erwarb.  Schon  die 
ersten  Qualifikationsberichte  heben  seine  hervorragende  Befahigung,  seine  um- 
fassenden  Kenntnisse  und  seinen  regen  Diensteifer  hervor,  und  der  Vorschlag, 
ihn  zum  Marine-Maschinenbau-Unteringenieurzu  befordern,  brachte  zugleich — 
ein  gewiB  seltener  Fall  —  den  Antrag  an  die  Berliner  Zentralbehorde  heran, 
ihm  »in  Anerkennung  seines  FleiBes«  eine  besondere  Belobigung  zu  erteilen. 
So  arbeitsreich  diese  Zeit  war,  so  engte  sie  doch  seinen  angeborenen,  ihm  bis  ins 
hohe  Alter  treu  gebliebenen  Frohsinn  nicht  sonderlich  ein.  In  jugendlicher  Un- 
bekummertheit  durchstreifte  er  damals  im  Kreise  gleichgesinnter  Kollegen  die 
Stadtchen  und  Dorfer  der  Umgegend,  und  so  manche  Geschichte  aus  dieser 
Zeit,  so  mancher  Jugendstreich  lebte  spater  in  seinen  Erzahlungen  wieder  auf 
zur  Freude  aller,  die  das  Gluck  hatten,  ihm  in  solchen  Stunden  geruhsamer  Er- 
holung  zuhoren  zu  diirfen. 

Am  19.  Juli  1878  verheiratete  er  sich  mit  Fraulein  Katharina  Asmus;  mit 
innigem  Verstandnis  fiir  die  Eigenart  des  mit  Arbeit  und  Verantwortung  tiber- 
lasteten,  dabei  zu  immer  hoheren  Wiirden  aufsteigenden  Gatten  hat  diese  Frau 
ihm  allezeit  treu  zur  Seite  gestanden  und  Freud'  und  Leid  mit  ihm  geteilt. 

Nachdem  V.  1883  zum  Maschinenbau-Ingenieur  befordert  worden  war,  wurde 
er  1885  als  Baubeaufsichtigender  fiir  Torpedoboote  zur  Firma  F.  Schichau  nach 
Elbing  kommandiert.  Mit  diesem  Kommando  erhielt  sein  Leben  eine  entschei- 
dende  Wendung.  Schon  damals  genofl  Schichau  im  Torpedobootsbau  Weltruf, 
und  an  dieser  Statte  eines  grofiziigigen,  alle  Moglichkeiten  bis  zur  auBersten 
Grenze  erschopfenden  konstruktiven  Wirkens  konnte  V.  am  besten  den  Grund 
zu  der  Fiille  von  Sonderkenntnissen  und  -erfahrungen  legen,  die  ihn  spater  zu 
hohen  Leistungen  auf  dem  Gebiete  des  Torpedobootsbaues  befahigten.  Fiinf 
Jahre  lang  hat  er  in  dieser  Stellung  gearbeitet  und —  gelernt.  Eine  Reihe  lite- 
rarischer  Arbeiten,  die  in  der  Marine- Rundschau  abgedruckt  wurden,  legt 


Veith  I  yx 

Zeugnis  ab  von  dem  Geiste,  mit  dem  er  die  damals  gewonnenen  Eindriicke  fur 
die  weitere  Entwicklung  im  Interesse  der  Marine  nutzbar  zu  machen  be- 
strebt  war. 

1890  wurde  V.  als  Marine-Maschinenbaumeister  der  Kaiserl.  Werft  in  Kiel 
zugeteilt.  Nach  voriibergehender  Beschaftigung  im  Maschinenbauressort  er- 
nannte  man  ihn  nebenamtlich  zum  technischen  Beirat  des  Torpedoressorts  und 
iiberwies  ihn  nach  der  1891  erfolgten  Beforderung  zum  Marine-Maschinenbau- 
Inspektor  dem  letztgenannten  Ressort  zu  hauptamtlicher  Beschaftigung.  Von 
hier  aus  wurde  er  1893  »zum  Studium  des  Baues  und  Betriebes  der  Thornycroft- 
Wasserrohrkessel  fiir  Torpedoboote  bzw.  auf  Torpedobooten «  nach  England 
geschickt,  wo  er  Gelegenheit  erhielt,  aus  eigener  Anschauung  die  Arbeitsstatten 
kennenzulernen,  die  zu  jener  Zeit  im  Kriegsschiffbau  fiihrend  waren.  Wenn 
sich  die  deutsche  Marine-Maschinenbautechnik  in  der  Folgezeit  sehr  bald  auf 
eigene  FiiBe  gestellt  und  den  englischen  Lehrmeister  zum  mindesten  erreicht, 
wenn  nicht  iiberflugelt  hat,  so  durfte  —  neben  den  Maschinenbaubetrieben  der 
groBen  deutschen  Werften  und  ihren  Iyeitern  —  V.  einen  erheblichen  Anteil  an 
dieser  Entwicklung  fiir  sich  in  Anspruch  nehmen. 

An  ein  mehrjahriges  Kommando  zur  Dienstleistung  in  der  Konstruktions- 
abteilung  des  Reichsmarineamts  zu  Berlin,  wahrenddessen  er  unter  der  Ober- 
leitung  des  durch  seine  Verdienste  um  die  wirtschaftliche  Weiterentwicklung 
der  Schiffs-Dampfkolbenmaschinen  und  die  Einfiihrung  der  Wasserrohrkessel 
in  die  Marine  bekannten  Geh.  Admiralitatsrats  Langner  eine  verantwortliche 
Stellung  innehatte  und  daneben  auch  noch  die  Baubeaufsichtigung  fiir  die 
Maschinenanlagen  der  damals  beim  Stettiner  Vulcan  in  Bau  befindlichen 
Kriegsschif  f  e  ausiibte,  wurde  dem  inzwischen  zum  Marinebaurat  und  Maschinen- 
baubetriebsdirektor  Beforderten  die  technische  I,eitung  bei  der  Kaiserl.  In- 
spektion  des  Torpedo wesens  in  Kiel  iibertragen.  Hier  riickte  er  1898  zum 
Marine-Oberbaurat,  1899  zum  Geheimen  Marinebaurat  und  Maschinenbau- 
direktor  auf. 

In  dieser  Stellung,  die  ihm  zum  ersten  Male  eine  selbstandige  schopferische 

Tatigkeit  ermoglichte,  hat  V.  Leistungen  vollbracht,  die  seinen  Ruf  auch  nach 

auBen  hin  fest  begnindeten.  Die  Weiterentwicklung  der  groBen  Torpedoboote, 

die  mit  erheblichen  konstruktiven  Schwierigkeiten  verbundene  Anlage  ge- 

"trennter  Maschinenraume,  die  Beseitigung  der  anfangs  sehr  unangenehm  in 

Urscheinung  getretenen  Vibrationen  dieser  Boote  waren  neben  vielem  anderen 

sein  Verdienst.  Mit  weitem  Blick  alle  Zukunftsmoglichkeiten  erfassend,  rasch 

aus  der  Fiille  des  Angebotenen  das  Aussichtsreiche  herausschalend,  bei  allem 

Wagen  doch  nie  das  Wagen  auBer  acht  lassend,  fand  er  zur  rechten  Zeit  mit 

genialer  Sicherheit  den  Ubergang  zur  Dampf turbine,  deren  Einfiihrung  einen 

neuen  Abschnitt  in  der  Geschichte  des  Schiffsmaschinenbaus  einleitete.  Auch 

die  Bedeutung  des  Olmotors  als  Schiffsantriebsmaschine  hat  er  schon  damals 

erkannt.  In  jahrelanger,  an  Fehlschlagen  nicht  armer,  aber  trotzdem  von  un- 

beugsamer  Zuversicht  erfiillter  Arbeit,  stets  in  engster  Fiihlung  mit  der  ein- 

schlagigen  Industrie,  hat  er  die  ersten  brauchbaren  Unterseebootsmotoren 

Dieselscher  Bauart  mit  entwickeln  helfen,  wie  ja  auch  die  Entwiirfe  zu  den 

ersten  deutschen  Unterseebooten  damals  unter  seiner  I^eitung  entstanden. 

Es  konnte  nicht  ausbleiben,  daB  die  groBen  Fahigkeiten,  die  V.  als  technischer 
Leiter  des  Torpedo-  und  Unterseebootsbaus  bewiesen  hatte,  die  Aufmerksam- 


172  1917 

keit  der  ihm  vorgesetzten  Dienststellen  auf  ihn  lenkten,  als  es  sich  danim 
handelte,  die  Stelle  des  Chefs  der  Maschinenbauabteilung  im  Konstruktions- 
departement  des  Reichsmarineamts  neu  zu  besetzen.  1906  in  dieses  Amt  be- 
rufen  und  damit  an  die  Spitze  des  gesamten  Marine-  Maschinenbaus  gestellt, 
trat  V.  nunmehr  seine  hochste  und  erfolgreichste  Dienststellung  an,  in  der  er 
zunachst  zum  Geh.  Oberbaurat,  bereits  1909  zum  Wirklichen  Geheimen  Ober- 
baurat  mit  dem  Range  der  Rate  I.  Klasse  aufstieg. 

In  die  zehn  Jahre,  wahrend  deren  es  Rudolph  V.  vergonnt  war,  in  dieser 
Stellung  tatig  zu  sein,  drangte  sich  eine  gewaltige  Ftille  von  Entwicklungsarbeit 
groBen  Stils  zusammen.  Die  schon  in  ziemlich  vorgeschrittenem  Bauzustande 
befindlichen  Dampfzylinder  der  GroBen  Kreuzer  »Scharnhorst«  und  »Gnei- 
senau«  wurden  ausgebohrt  und  damit  zu  hoherer  Leistung  befahigt,  eine  Kiihn- 
heit,  die  nur  durch  die  auf  den  Torpedobooten  gewonnenen  Erfahrungen  er- 
klarlich  war.  Schnell  kam  dann  der  Ubergang  zur  Dampfturbine,  zuerst  bei  den 
Kreuzern,  dann  auch  bei  den  Linienschiffen.  GroBter  Wert  wurde  von  V.  auf 
wissenschaftliche  Griindlichkeit  bei  der  Weiterentwicklung  dieses  Maschinen- 
typs  gelegt,  und  er  scheute  sich  gar  nicht,  Wissenschaftler  der  Technischen 
Hochschulen  zur  Mitarbeit  heranzuziehen,  wo  er  sich  davon  eine  sachliche 
Forderung  seiner  Ziele  versprach.  Damit  baute  er  auch  die  gewaltigen  Lei- 
stungen  von  mehr  als  100  000  PS,  die  in  den  Maschinenanlagen  unserer  Schlacht- 
kreuzer  kurz  vor  dem  Kriege  untergebracht  waren,  auf  fester  Grundlage  auf  und 
konnte  die  Verantwortung  fiir  Schiffsturbinenanlagen  selbst  von  300  000  PS, 
wie  sie  wahrend  des  Kriegs,  unter  Einschaltung  von  Zahnradgetrieben  hohen 
Wirkungsgrades,  entworfen  wurden,  aber  des  unglucklichen  Kriegsendes  wegen 
leider  nicht  mehr  zur  Ausfuhrung  kamen,  getrost  iibernehmen.  Selbstverstand- 
lich  hat  es  dabei  an  Schwierigkeiten  nicht  gefehlt.  Aber  seine  zahe  Beharrlich- 
keit,  die  ein  als  richtig  und  erstrebenswert  erkanntes  Ziel  nie  mehr  aus  den 
Augen  lieB,  uberwand  alle  Hindernisse,  die  sich  seinem  technischen  Wollen  in 
den  Weg  stellten.  Die  Schiffsolmaschine  hat  ebenfalls  in  ihm  einen  energischen 
Forderer  gefunden.  Beweis  dafiir  sind  die  beiden  je  zwolftausendpferdigen 
Dieselmotoren,  die  auf  seinen  Antrag  schon  1909  bzw.  1910  bei  der  Maschinen- 
fabrik  Augsburg-Niirnberg  bzw.  bei  der  Fried.  Krupp  A.-G.  Germaniawerft 
bestellt  wurden  und  die  als  Mittelmaschinen  fiir  die  L,inienschiffe  » Prinzregent 
Luitpold«  bzw.  »Sachsen«  bestimmt  waren.  Diese  Groflolmotoren,  die  ersten, 
die  je  gebaut  worden  sind,  haben  nach  Beseitigung  groBer  Schwierigkeiten  1917 
ihre  Abnahmeerprobungen  erfolgreich  beendet,  und  wenn  sie  ihrem  Bestim- 
mungszweck  nicht  mehr  zugefuhrt  werden  konnten,  so  lag  das  lediglich  an  den 
Kriegs-  und  Nachkriegsverhaltnissen  in  Deutschland.  Aber  es  unterliegt  keinem 
Zweifel,  daB  Bau  und  Erprobung  dieser  Motoren  eine  Ingenieurleistung  ersten 
Ranges  waren  und  bahnbrechend  sowie  vorbildlich  fiir  den  gesamten  Schiffs- 
olmaschinenbau  gewirkt  haben.  Handelte  es  sich  hierbei  um  groBe,  langsam- 
laufende  Dieselaggregate,  so  wurde  andererseits  unter  V.s  I^eitung  auch  der 
Grund  zur  Entwicklung  kleinerer  und  leichter,  bordbrauchbarer  Schnellaufer- 
Dieselmotoren  gelegt,  wie  sie  wahrend  des  Krieges  in  den  deutschen  Untersee- 
bootsmaschinen  das  Staunen  und  den  Neid  aller  Volker  erweckt  haben.  Und 
schlieBlich  hat  er  durch  sein  Wirken  als  Prasident  des  Preisgerichts  in  den 
beiden  Kaiserpreiswettbewerben  um  den  besten  deutschen  Flugzeugmotor  auch 
der  Flugmotorenindustrie  die  Wege  zu  einer  zielbewuBten  Entwicklung  ebnen 


Veith.  Wagner  1 73 

helfen.  Nach  der  Schlacht  vor  dem  Skagerrak,  in  der  sich  die  deutschen  Kriegs- 
schiffbauten  vorziiglich  bewahrt  haben,  wurde  ihm  das  Eiserne  Kreuz  I.  Klasse 
als  Anerkennung  seiner  Iyeistungen  zuteil.  Zahlreiche  Ehrenamter  hat  er  be- 
kleidet,  stets  mit  gleichem  Erfolge,  wie  ihn  iiberragende  Klugheit  und  wohl- 
begriindete  Autoritat  zu  verbiirgen  pflegen.  Der  Verein  Deutscher  Ingenieure, 
der  ihn  zu  seinen  Ehrenmitgliedern  zahlte,  hat  ihm  die  Grashof-Denkmunze, 
die  Schiffbautechnische  Gesellschaft  ihre  goldene  Medaille  verliehen.  Die 
Technische  Hochschule  zu  Darmstadt  verlieh  ihm  die  Wiirde  eines  Doktor- 
Ingenieurs  ehrenhalber. 

Sein  ganzes  dienstHches  Leben  hindurch  war  V.  ein  trefflicher  Vorgesetzter. 
Pflichttreu  bis  zum  Letzten,  stellte  er  zwar  an  seine  Mitarbeiter  hohe  Anforde- 
rungen,  lieB  ihnen  aber,  sobald  er  Vertrauen  zu  ihnen  gewonnen  hatte,  in  ihrem 
Arbeitsbereich  groBe  Selbstandigkeit  und  erhohte  gerade  dadurch  ihre  Arbeits- 
freudigkeit  in  hohem  MaBe.  Zu  den  fuhrenden  Mannern  der  Industrie  hielt  er 
stets  enge  Beziehungen  aufrecht.  Mogen  auch  sein  gesellschaftliches  Talent, 
seine  stets  humorvolle  Erzahlungskunst  zu  dieser  Beliebtheit  ein  gutes  Teil 
beigetragen  haben,  die  Hauptursache  lag  doch  in  seinem  immer  von  sachlichen 
Gesichtspunkten  getragenen  dienstlichen  Verhalten.  Einen  schonen  Beweis 
ihrer  Zuneigung  hat  ihm  die  Industrie  anlaBlich  der  Feier  seines  70.  Geburts- 
tages  gegeben,  indem  sie  ihm  einen  groBeren  Geldbetrag  zu  beliebiger  Ver- 
wendung  zur  Verfiigung  stellte.  Er  bestimmte  dieses  Geld  zu  einer  Stiftung, 
deren  Verwaltung  er  der  Schiffbautechnischen  Gesellschaft  iibertrug  und  aus 
der  unbemittelten  Studierenden  des  Schiffbau-  und  Schiffsmaschinenbaufachs 
nicht  nur  das  Studium,  sondern  auch  nach  dessen  AbschluB  der  Ubertritt  ins 
berufliche  Leben  erleichtert  werden  sollte.  Leider  ist  diese  »Veith-Stiftung« 
durch  die  Inflation  zum  groBten  Teil  vernichtet  worden. 

Literatur:  Die  aratlichen  Akten  des  Reichsmarineamts.  —  Ein  vom  gleichen  Verfasser 
geschriebener  Nachruf  in  der  Zeitschrif t :  Der  Olmotor,  Heft  12,  vom  Marz  19 17. 

Berlin-Iyankwitz.  Wilhelm  L,audahn. 

Wagner,  Adolf,  Dr.  phil.,  o.  Professor  der  Nationalokonomie  und  Statistik 
^n  der  Universitat  Berlin,  Wirkl.  Geh.  Rat,  Exzellenz,  *  25.  Marz  1835  in 
Brlangen,  f  8.  November  19 17  in  Berlin.  —  Adolf  W.s  Leben  und  Wirken  hat  sich 
ganz  im  Rahmen  der  Universitat  abgespielt.  Ein  Jahr  nach  seiner  Promotion 
wurde  er  Professor  und  59  Jahre  ist  er  als  solcher  tatig  gewesen.  Es  wird  nicht 
viele  Professoren  gegeben  haben,  die  diese  Ziffer  erreichten. 

Adolf  W.s  Professorenzeit  zerfallt  in  zwei  ungleiche  Teile:  eine  Zeit   der 
akademischen  Wanderschaft  von  12  Jahren  und  eine  Zeit  von  47  Jahren  in 
Berlin.  In  der  kurzen  ersten  Periode  lernte  W.  das  Ausland,  allerdings  iiber- 
"wiegend  das  benachbarte  und  stammverwandte  Ausland,  in  Wien  und  Dorpat 
mit  einer  Griindlichkeit  kennen,  wie  es  bis  dahin  einem  deutschen  Professor 
der  Nationalokonomie  noch  nicht  vergonnt  gewesen  war.  Bedeutsame  Inter- 
nationale Vergleiche  drangten  sich  ihm  von  selbst  auf  und  machten  ihn  zum 
ersten  grundsatzlichen  Vertreter  der  vergleichenden  Methode.  Die  lange  Periode 
in  der  Reichshauptstadt  umfaBt  die  Jahre  von  1870  bis  1917,  also  fast  die 
ganze  Zeit  des  neuen  deutschen  Kaisertums,  fast  ein  halbes  Jahrhundert.  Auch 
das  diirfte  seinesgleichen  kaum  finden. 


174  lw 

Wie  das  auBere  Leben,  zeichnete  sich  auch  sein  innerer  Verlauf ,  trotz  leiden- 
schaftlicher  Kampfe,  durch  grofie  Stetigkeit  aus.  Es  steht  ganz  unter  dem 
Zwang  einer  inneren  Logik.  Adolf  W.  ist  als  Spezialist  in  die  Wissenschaft 
eingetreten;  man  konnte  ihn  in  der  ersten  Zeit  seiner  Laufbahn  geradezu 
den  ersten  ausgesprochenen  Spezialisten  unter  den  deutschen  Nationaloko- 
nomen  nennen.  Dann  aber  erwuchs  aus  dem  Spezialistentum  ein  immer  starke- 
rer  innerer  Erweiterungstrieb,  so  daJ3  man  am  Ende  seiner  Laufbahn  fast 
sagen  konnte,  es  habe  unter  den  Zeitgenossen  von  Adolf  W.  keinen  deutschen 
Professor  gegeben,  der  die  eigentliche  Nationalokonomie  in  solcher  Voll- 
standigkeit  erfaBte.  Nur  Alfred  Marshall  ist  ihm  vergleichbar. 

Unter  den  deutschen  Nationalokonomen,  die  in  voller  Manneskraft  die 
Griindung  und  den  Ausbau  des  Deutschen  Reiches  erlebt  haben,  nimmt 
Adolf  W.  auch  ins6fern  eine  besondere  Stellung  ein,  als  sich  die  deutsche  Ge- 
samtentwicklung  kaum  in  dem  Wirken  eines  anderen  Gelehrten  so  bedeut- 
sam  spiegelt.  Das  erklart  sich  auBerlich  aus  der  schon  erwahnten  Tatsache, 
daB  W.  die  Entwicklung  des  neuen  Deutschen  Reiches  von  Anfang  an  bis 
tief  in  den  Weltkrieg  hinein  in  einer  fur  die  Beobachtung  und  Anteilnahme 
bevorzugten  Stellung  erlebt  hat;  und  es  erklart  sich  sachlich  daraus,  daB  W. 
als  Vertreter  eines  Faches,  das  mit  den  Wandlungen  der  letzten  Jahrzehnte 
vielleicht  starker  als  ein  anderes  verkniipft  war,  seine  Gelehrtenarbeit  stets 
als  einen  Doppeldienst  fur  Wahrheit  und  Vaterland  auffaBte  und  niemals 
zauderte,  mit  seiner  ganzen  Personlichkeit  fur  das  einzutreten,  was  er  fiir 
richtig  hielt.  Weil  er  ein  Professor  im  urspninglichen  und  hochsten  Sinn  dieses 
Wortes  war,  treten  in  seiner  Personlichkeit  die  groBen  Probleme,  die  die  Zeit 
bewegten,  besonders  eindrucksvoll  in  die  Erscheinung. 

Adolf  W.  entstammt  einer  ausgesprochenen  Professorenfamilie.  Schon  sein 
Vater  (Rudolf)  und  sein  Onkel  (Moritz)  waren  bekannte  Professoren  gewesen, 
und  auch  sein  B ruder  (Hermann)  und  sein  Schwager  (Benndorf)  sind  es  ge- 
worden.  Auch  fiir  ihn  selbst  diirfte  die  akademische  Laufbahn  fruh  festge- 
standen  haben.  Anfangs  widmete  er  sich  der  Rechtswissenschaft ;  wahrend 
aber  in  der  spateren  Generation  viele  erst  im  reifen  Lebensalter  den  Ubergang 
zur  Volkswirtschaftslehre  vornahmen,  wandte  er  sich  ihr  schon  auf  der  Uni- 
versitat  ganz  zu.  Mit  dieser  Umsattlung  hangt  es  wohl  zusammen,  daB  W. 
nicht  nur  sein  Studium  lange  ausdehnte,  sondern  auch  wahrend  seiner  Studien- 
zeit  noch  nicht  zu  einer  rechten  Selbstandigkeit  in  seinen  wissenschaftlichen 
Anschauungen  gelangte.  Karl  Heinrich  Rau  hat  ihn  vielmehr  in  Heidelberg 
in  die  Lehre  der  englischen  Schule  von  der  freien  Konkurrenz  eingefuhrt,  die 
sich  damals  in  Deutschland,  trotz  Friedrich  List,  einer  fast  unbestrittenen 
Herrschaft  erf  reute.  Er  war  nicht  der  Mann  tiefer  Problemerorterung.  W.  scheint 
daher  die  ihm  iibermittelte  Lehre  zuerst  einfach  iibernommen  zu  haben  und 
erst  spater,  als  er  dem  personlichen  EinfluB  seines  Lehrers  entriickt  war,  haben 
sich  starkere  Zweifel  bei  ihm  herausgebildet. 

Auch  bei  seinem  Gottinger  Lehrer,  Georg  Hanssen,  liegt  es  ahnlich.  Zwar 
hat  W.  immer  mit  groBer  Hochachtung  von  ihm  gesprochen ;  aber  man  kann 
heute  nickblickend  Hanssen  geradezu  als  einen  Gegensatz  zu  W.  bezeichnen. 
Er  war  kein  Theoretiker,  kein  Politiker,  kein  Kampfer;  er  war  eine  stille,  in 
erster  Linie  der  Vergangenheit  zugewandte  Gelehrtennatur,  die  ganz  in  ihren 
feinsinnigen  Forschungen  aufging.  Hanssen  wTie  Rau  sind  daher  ohne  dauern- 


Wagner  I  nc 

den  EinfluB  auf  W.s  wissenschaftliche  Personlichkeit  geblieben ;  aber  auBerlich 
sollten  beide  sein  Leben  entscheidend  beeinflussen. 

Was  Hanssen  zunachst  anlangt,  so  ist  er  es  allem  Anschein  nach  gewesen, 
der  W.  bei  der  Wahl  des  Themas  zu  seiner  Gottinger  Dissertation  behilflich 
war.  Diese  Wahl  ist  fur  W.  zum  groBen  Gliick  geworden.  Er  wurde  durch  sie, 
als  erster  in  Deutschland,  mit  dem  praktisch  und  theoretisch  bedeutsamen 
Material  bekannt,  das  aus  AnlaB  der  Reform  des  englischen  Banknotenwesens 
zusammengebracht  worden  war  und  sich  nicht  nur  aus  Berichten  und  Verneh- 
mungen,  sondern  auch  aus  einer  hochstehenden  Streitschriftenliteratur  zu- 
sammensetzte.  Die  theoretischen  Auseinandersetzungen  zwischen  der  Banking- 
School  und  der  Currency-School  standen  im  Vordergrund,  Auseinander- 
setzungen, wie  sie  so  tiefgriindig  ein  Gesetzgebungswerk  noch  nicht  begleitet 
hatten. 

W.  schloB  sich  in  seiner  Erstlingsschrift  der  Banking-School,  die  in  Fullarton 
ihren  hervorragendsten  Vertreter  hatte,  an.  Er  bekannte  sich  also  als  Gegner 
der  Grundprinzipien,  auf  denen  die  Peelsche  Bankakte  aufgebaut  worden  war, 
und  iibte  insbesondere  an  den  Ausfuhrungen  des  Hauptes  der  Currency-School, 
Lord  Overstone,  eine  scharfe,  teilweise  noch  doktrinare  Kritik.  Er  oflenbarte 
sich  noch  ganz  als  Anhanger  des  Laissez-faire.  Er  glaubte  ein  »stetiges  Fort- 
schreiten  zu  freierer  Gestaltung  feststellen  zu  konnen«  und  sprach  sich  fur 
Bankenfreiheit  aus.  Charakteristisch  ist  das  Motto,  das  er  seiner  Arbeit  vor- 
ansetzt:  Free  trade  in  banking  is  not  synonymous  with  free  trade  in  swindling. 

Der  Verfasser  ist  in  dieser  Erstlingsarbeit  unzweifelhaft  mit  den  schwierigen 
Problemen  und  dem  iiberreichen  Tatsachenmaterial  innerlich  und  auBerlich 
noch  nicht  fertig  geworden.  Und  doch  lenkte  sie,  als  er  sie  1857  stark  erweitert 
unter  dem  Titel:  »Beitrage  zur  Lehre  von  den  Banken«  herausgab,  die  Auf- 
merksamkeit  in  ungewohnlichem  MaBe  auf  den  jugendlichen  Verfasser.  Denn 
sie  zeigte  ihn  vertraut  mit  einer  auslandischen  Literatur,  deren  groBe  allge- 
meine  Bedeutung  jedem  damals  einleuchtete,  und  oflenbarte  sich  auBerdem 
deutlich  als  ein  erster  Schritt  auf  einem  weiten  Wege.  Der  Eindruck,  daB  die 
angeschnittenen  Probleme  den  Verfasser  so  bald  nicht  wieder  loslassen  wiirden, 
wurde  entscheidend.  Denn  die  Entwicklung,  die  das  Wahrungswesen,  zum  Teil 
infolge  des  Krimkrieges,  in  mehreren  Festlandsstaaten  Europas  genommen 
hatte,  hatte  einen  gewissen  Haussebedarf  fiir  gut  geschulte  Geld-  und  Bank- 
theoretiker  entstehen  lassen.  Voran  stand  zunachst  Osterreich.  Es  war  mitten 
in  erregten  Erorterungen  tiber  die  Wiederherstellung  seines  zusammengebroche- 
nen  Geldwesens.  Als  gerade  damals  die  Handelsakademie  in  Wien  ins  Leben  ge- 
rufen  wurde,  lag  es  deshalb  nahe,  den  jungen  Gottinger  Gelehrten  fiir  sie  zu 
gewinnen.  W.  wurde  mit  23  Jahren  an  der  neuen  Anstalt  Professor  der  Natio- 
nalokonomie  und  Finanzwissenschaft.  Das  war  der  zweite  groBe  Glucksfall  in 
seinem  Leben.  Denn  in  Wien  boten  sich  die  Probleme,  die  er  bisher  nur  aus 
Buchern  kannte,  dem  geschulten  Blick  in  der  wirtschaftlichen  Praxis  dar,  und 
der  ubergliickliche  junge  Professor  zogerte  nicht,  sich  auf  sie  alsbald  mit  aller 
Wucht  zu  sturzen.  Erst  dadurch  wurden  seine  ubernommenen  Lehrmeinungen 
zu  lebendigen  Anschauungen.  Erst  in  Wien  rang  er  sich  zu  wissenschaftlicher 
Selbstandigkeit  durch. 

Dazu  hat  unzweifelhaft  auch  die  groBe  Wirtschaftskrise  von  1857,  ^^e  m 
England  zum  zweitenmal  zu  einer  Suspension  der  Peelschen  Akte  notigte,  viel 


176  1917 

beigetragen.  Sie  machte  W.  an  der  bisher  vertretenen  Lehre  von  der  Banken- 
freiheit  irre.  Er  sab  ein,  daB  das  Vielbankensystem  in  Krisenzeiten  eine  wirk- 
same  Kredithilfe  schwer  leisten  kann.  Er  blieb  zwar  Gegner  der  Currency- 
School  und  der  Peelschen  Bankakte,  wurde  zugleich  aber  zum  iiberzeugten 
Freund  der  Zentralisierung  der  Notenbanken.  Das  war  die  erste  scharfe  Ab- 
wendung  von  der  individualistischen  Freiheitslehre,  die  er  bei  Rau  gelernt  hatte. 
Von  gereifteren  Gesichtspunkten  aus  trat  er  so  noch  einmal  an  dasThema  seiner 
Dissertation  heran.  In  einem  neuen  Buch  liber  die  Geld-  und  Kredittheorie  der 
Peelschen  Bankakte  legte  er  1862  in  ausfuhrlicher  theoretischer  Begriindung 
den  Problemkomplex  der  englischen  Notenbankgesetzgebung  dar;  noch  ein- 
dringlicher  als  bisher  verfocht  er  das  System  der  bankmaBigen  Deckung  der 
Noten  gegeniiber  den  Grundsatzen  der  Peelschen  Bankakte  und  erweiterte 
seine  Darlegungen  zu  einer  »Schrift  liber  Geld-  und  Kreditwesen  im  allge- 
meinen«.  Dabei  vermied  er  es  streng,  zu  den  brennenden  Wahrungsproblemen 
Osterreichs  ausdriicklich  Stellung  zu  nehmen ;  er  iiberlieB  es  dem  Leser,  selbst 
die  notigen  praktischen  Folgerungen  zu  ziehen.  In  groBeren  und  kleineren 
Artikeln,  unter  denen  der  in  der  Tubinger  Zeitschrift  erschienene  »Zur  Ge- 
schichte  und  Kritik  der  osterreichischen  Bankozettelperiode«  besonders  her- 
vorgehoben  zu  werden  verdient,  befaBte  er  sich  mit  den  einschlagigen  oster- 
reichischen Fragen  ausdriicklich.  Mit  diesen  Studien  erweiterte  er  sein  Ge- 
sichts-  und  Arbeitsfeld.  Hatte  sein  Bemuhen  bisher  der  Frage  gegolten,  wie 
man  das  Banknotenwesen  am  gesundesten  aufbauen  konne,  so  befaBte  er  sich 
jetzt  auch  mit  den  Krankheitsproblemen  des  Wahrungswesens.  Aufs  sorgsamste 
arbeitete  er  die  wesentlichen  Sonderheiten  der  Papiergeldwahrung  aus.  AUer- 
dings  sollten  diese  Arbeiten  erst  auf  russischem  Boden  zu  vollem  AbschluB  ge- 
langen. 

1864  vertauschte  W.  Wien  mit  Dorpat.  So  gern  er  nach  Wien  gezogen  war, 
Dorpat  empfand  er  etwas  als  Verbannung.  Trotzdem  wandte  er  sich  auch  hier 
sogleich  den  Studien  der  russischen  Geldverhaltnisse  zu.  Die  besonderen  russi- 
schen  Probleme  scheinen  ihn  sogar,  trotz  der  Sprachschwierigkeiten,  noch 
starker  als  die  osterreichischen  gepackt  zu  haben.  Die  Hauptfrucht  seiner 
wissenschaftlichen  Arbeit  war  hier  das  Buch  »Die  russische  Papierwahrung«, 
das  1868  erschien  und  von  dem  spateren  russischen  Finanzminister  Bunge 
in  das  Russische  iibersetzt  wurde.  Damit  war  W.s  Lehre  vom  Papiergeld,  die 
als  Agiotheorie  bekannt  geworden  und  von  ihm  selbst  auch  »Kaufkraft- 
Bewegungs-Theorie«  genannt  worden  ist,  ausgereift.  Sie  ist  mit  Recht  als  ein 
»Musterbeispiel  der  Verbindung  der  Induktion  und  Deduktion«  (Altmann) 
bezeichnet  worden  und  ist  alsbald  in  der  deutschen  und  russischen  Literatur, 
vor  allem  von  A.  SchafHe  und  von  Robert  v.  Mohl  angenommen  worden.  Erst 
damit  war  W.  der  deutsche  Sachverstandige  fur  die  Fragen  des  Geld-  und 
Bankwesens  geworden ;  es  war  daher  auch  natiirlich,  daB  ihm  die  einschlagi- 
gen Artikel  im  Handworterbuch  der  Staatswissenschaften  von  Rentzsch  an- 
vertraut  wurden,  wie  er  auch  schon  vorher  mehrere  im  Staatsworterbuch 
von  Bluntschli  und  B rater  abgefaBt  hatte. 

Da  brachte  das  Jahr  1868  eine  unerwartete  Wendung.  Der  ordentliche  Pro- 
fessor der  Nationalokonomie  v.  Mangoldt,  der  in  Gottingen,  als  W.  dort 
studierte,  Privatdozent  war  und  mit  dem  W.  1862  eine  kleine  Studienreise  nach 
England  unternommen  hatte,  starb  plotzlich  am  Herzschlag.  Sein  j lingerer 


Wagner  I  yj 

Freund,  der  sich  in  diesen  Jahren  nationalen  Aufschwungs  immer  mehr  in  die 

deutsche  Heimat  zunickgesehnt  hatte,  wurde  sein  Nachfolger.  Auch  auf  dem 

deutschen  Boden  standen  zunachst  die  Probleme  des  Geld-  und  Bankwesens 

fur  ihn  im  Vordergnind.  Er  hatte  alsbald  ein  Gutachten  iiber  die  Banknoten- 

frage  in  Baden  zu  erstatten,  nnd  zwar  von  dem  Standpunkt  aus,  wie  sich  der 

Staat  zum  Banknotenwesen  zu  verhalten  habe.  Aus  diesem  Gutachten  ist  ein 

neues  Werk,  das  vielleicht  bedeutendste  von  Adolf  W.,  hervorgewachsen.  Es 

ist  das  allerdings  erst  1873,  schon  in  W.s  Berliner  Zeit,  erschienene  umfang- 

reiche  » System  der  Zettelbankpolitik«.  Es  erganzt  die  friiheren  theoretischen 

Erorterungen  aus  dem  Jahre  1862  durch  eine  wirtschaftspolitische  Monographic, 

wie  sie  so  geschlossen  und  vollstandig  auch  die  englische  Literatur  noch  nicht 

aufzuweisen  hatte.  In  ihr  wendet  W.  zuerst  ganz  umfassend  die  vergleichende 

Methode  an.  Er  behandelt  neben  Deutschland,  das  er  jetzt  auch  griindlich 

studiert  hat,  England  und  Schottland,  die  Vereinigten  Staaten,  Frankreich, 

Osterreich  und  RuBland  und  verwendet  zum  erstenmal  eingehend  die  kurz  vor 

dem  Deutsch-Franzosischen  Kriege  veranstaltete  franzosische  Bankenquete 

und  insbesondere  den  bemerkenswerten  SchluBbericht  ihres  Generalbericht- 

erstatters  de  Lavenay.  Zum  Teil  gestiitzt  auf  die  hier  gemachten  Ermittlungen, 

bietet  W.  im  Rahmen  dieses  groBen  »Handbuchs«  die  erste  zusammenfassende 

wissenschaftliche  Bearbeitung  der  Diskontpolitik.  Auch  alle  anderen  Fragen 

des  Notenbankwesens,  die  fur  den  Staat  Bedeutung  haben,  erfahren  eine  zum 

Teil  sehr  eingehende  Behandlung.  Das  Werk  sollte  zugleich  ein  »Nachschlage- 

buch«  fiir  Manner  der  Wissenschaft  und  der  Praxis  des  Geschaftslebens  und 

des  Staatsdienstes  sein.  Es  zeigt,  wie  die  eingehenden  Vergleiche  W.s  praktischen 

Blick  geschult  haben  und  ihn  zu  reifen  Anschauungen  iiber  das  Verhaltnis  von 

Theorie  und  Praxis  gelangen  lieBen.  Es  hat  fiir  die  Regelung  des  Banknoten- 

wesens  im  Deutschen  Reich  eine  grundlegende  Bedeutung  gewonnen. 

Stellt  dieses  Buch  den  auBeren  AbschluB  der  Studien  aus  der  Jugendzeit 
dar,  so  haben  doch  die  Fragen  des  Geld-  und  Bankwesens  nie  aufgehort,  W. 
zu  beschaftigen ;  erst  spat  sind  sie  jedoch  zu  einer  groBen  Gesamtdarstellung 
zusammengefaBt  worden.  Diese  Verspatung  hangt  u.  a.  mit  einem  wissen- 
schaftlich-politischen  Streit  zusammen,  den  W.  in  Berlin  mit  groBer  Leiden- 
schaftlichkeit  viele  Jahre  lang  gefuhrt  hat.  1877  hatte  namlich  der  beriihmte 
Wiener  Geologe  Ed.  SueB  (s.  D.  B.  J.  1914 — 16,  S.  93)  eine  aufsehenerregende 
Schrift  »Die  Zukunft  des  Goldes«  erscheinen  lassen.  In  ihr  gelangte  er  zu  sehr 
pessimistischen  Ergebnissen  iiber  die  Goldversorgung  der  WTelt,  und  den  Aus- 
fuhrungen  des  Geologen  schloB  sich  W.  als  Volkswirt  an.  Er  zeigte,  wie  man 
die  Schwierigkeiten  des  Ubergangs  zur  reinen  Goldwahrung  in  Deutschland 
unterschatzt  habe,  und  zogerte  nicht,  aus  der  neuen  Erkenntnis  auch  alsbald 
die  praktische  Konsequenz  zu  ziehen,  indem  er  in  den  achtziger  und  neunziger 
Jahren  sich,  gegeniiber  dem  Doktrinarismus  einzelner  Goldwahrungspolitiker, 
zu  einem  zu  weitgehenden  AnschluB  an  die  bimetallistische  Stromung  hinreiBen 
lieB.  Wenn  W.  spater  diesen  Standpunkt  wieder  aufgegeben  und  sich  ausdriick- 
lich  von  der  Doppelwahrung  abgewendet  hat,  so  bedeutet  das  aber  keineswegs 
einen  Widerruf  fruher  von  ihm  vertretener  theoretischer  tJberzeugungen.  Die 
Erklarung  dieser  Meinungsanderung  liegt  vielmehr  im  Bereiche  der  Tatsachen. 
Die  bergbauliche  Praxis  widerlegte  die  geologische  These  von  der  zu  kurzen 
Golddecke.  Sobald  das  feststand,  zog  W.  daraus  mit  derselben  Unerbittlichkeit 
dbj  12 


178  1917 

seine  Folgerungen,  wie  seinerzeit  aus  dem  Warnnife  von  Suefl  im  Vertrauen 
auf  die  Autoritat  desselben. 

Sogleich  zu  erwahnende  andere  Aufgaben  sind  es  dann  in  erster  Linie  ge- 
wesen,  welche  die  angekiindigte  lehrbuchartige  Darstellung  des  gesamten  Geld- 
wesens  lange  nicht  zustande  kommen  lieBen.  In  einer  anderen  als  der  ursprting- 
lich  geplanten  Form  ist  sie  erst  1909  als  letzte  groBe  Veroffentlichung  von  Adolf 
W.  erschienen.  Es  ist  das  die  nahezu  700  Seiten  umfassende  »Sozialokonomische 
Theorie  des  Geldes  und  des  Geldwesens«.  Aui3erlich  ist  sie  ein  Teil  der  zweiten 
Abteilung  von  W.s  theoretischer  Sozialokonomik ;  in  Wahrheit  stellt  sie  eine 
groBe  Monographic  des  Geldwesens  dar,  die  nur  mit  dem  1873  erschienenen 
Hauptwerk  von  Knies  und  dem  1903  veroffentlichten  Buch  von  Karl  Helfferich 
iiber  das  Geld  verglichen  werden  kann.  Hat  W.  es  auch  etwas  gewaltsam  in 
seinen  urspriinglich  ganz  anders  angelegten  »GrundriB«  hineingezwangt,  so 
sucht  er  doch  eine  Eigengesetzlichkeit  im  Bereich  des  Geld-  und  Kreditwesens 
darzustellen  und  geht  auf  die  Verkniipf ung  mit  dem  gesamten  Wirtschaftsleben 
nur  so  weit  ein,  als  es  die  Geldlehre  erfordert.  Damit  sind  die  Gesichtspunkte, 
welche  in  der  Inflationszeit  in  den  Vordergrund  traten,  nicht,  wie  man  wohl 
gemeint  hat,  in  unzulanglicher  Weise  beriihrt  worden.  Sie  finden  vielmehr  in 
der  isolierenden  Betrachtung  Beachtung,  und  daB  diese  Betrachtungsweise, 
wie  anderswo,  auch  hier  den  Vorzug  der  Fruchtbarkeit  hat,  kann  wohl  nur  in 
Zeiten  der  Wirrnis  iibersehen  werden.  Allerdings  findet  die  Quantitatstheorie 
unter  ihrem  Namen  keine  eingehende  Behandlung.  Unter  dem  EinfluB  von 
Tooke  war  W.  anfangs  ihr  Gegner.  Im  Grunde  aber  hat  er  sich  immer  nur  gegen 
ihre  Ubertreibungen  und  Unvollstandigkeiten  gerichtet.  Sein  Eintreten  fur 
bankmaBige  Notendeckung  beruht  auf  quantitatstheoretischen  Erwagungen, 
und  er  zuerst  hat  in  der  deutschen  Literatur  Entwertung  gegeniiber  dem 
Metallgeld  und  Wertverminderung  gegeniiber  alien  anderen  Waren  scharf  von- 
einander  gesondert.  Fiir  W.  war  es  selbstverstandlich,  daB  er  in  seinem  SchluB- 
werk  das  Wertproblem  als  »das  wichtigste  okonomische  Problem «  des  Geld- 
wesens bezeichnete  und,  wie  schon  in  seinen  ersten  Schriften,  auch  hier  wieder 
betonte :  nicht  Stoff  und  nicht  Bezeichnung  bestimmen  den  Geldwert,  sondern 
die  Funktion  des  Geldes.  Das  hat  er  mit  besonderem  Nachdruck  gegeniiber 
Knapp  hervorgehoben,  dessen  1905  erschienene  »Staatliche  Theorie  des  Geldes« 
er  als  »miBlungenen  Versuch,  in  iiberkiinstelter  Terminologie,  unter  zu  weiter 
Zuriickdrangung  der  wirtschaftlichen  Ausgangspunkte  jedes  Gelds,  mit  t)ber- 
spannung  des  staatlichen  Einflusses  auf  Geld  und  mit  falschen  Deduktionen 
aus  im  iibrigen  langst  bekannten  Vorgangen  in  reiner  Papierwirtschaft«  be- 
zeichnet.  Leider  sind  W.s  Darlegungen  nicht  zu  der  ihnen  gebiihrenden  Wirkung 
gekommen.  Daran  ist  zum  Teil  unzweifelhaft  die  besonders  schwerfallige  Dar- 
stellung dieses  Alterswerkes  schuld,  zum  Teil  aber  auch  die  Tatsache,  daB 
Knapp  die  Erorterung  allzusehr  in  theoretisch  nicht  uninteressante,  aber  im 
Grunde  doch  unfruchtbare  Nebenbahnen  hineingedrangt  hatte. 

ZWISCHEN  dem  Geldwesen,  zumal  dem  kranken,  und  dem  staatlichen  Finanz- 
wesen  bestehen  mannigfache  Beziehungen,  die  sich  im  staatlichen  Anleihe- 
wesen  zu  konzentrieren  pflegen.  Es  lag  daher  in  der  Logik  der  Dinge,  daB  W. 
in  Wien  von  der  Geld-  und  Wahrungspolitik  zum  Staatsschuldenwesen  gelangte, 
und  von  ihm  aus  fiihrte  der  Weg  von  selbst  weiter  zu  den  staatlichen  Finanzen 
im  allgemeinen.  Denn  die  groBe  Hauptfrage  ist  stets,  wann  sind  Anleihen  ge- 


Wagner  1 79 

rechtfertigt  und  wann  miissen  Steuern  erhoben  werden.  Schon  Karl  Dietzel 
hatte  diese  Frage  1855  in  seinem  »System  der  Staatsanleihen «  nach  der  Dauer 
der  Wirkung  der  Ausgaben  beantwortet/  Im  AnschluB  daran  griff  1863  der 
28jahrige  W.,  nachdem  er  drei  Jahre  vorher  schon  iiber  »das  neue  Lotterie- 
anlehen  und  die  Nationalbank«  in  Osterreich  eine  Druckschrift  herausgegeben 
hatte,  mit  einer  Arbeit  iiber  »die  Ordnung  des  osterreichischen  Staatshaushalts 
mit  besonderer  Riicksicht  auf  den  Ausgabe-Etat  und  die  Staatsschuld «  in  die 
Erorterung  ein  und  machte,  im  AnschluB  an  eine  klarende  theoretische  Dar- 
legung,  viel  beachtete  praktische  Reformvorschlage.  Auf  dem  Gebiete  der  Fi- 
nanzwissenschaft  ging  W.  also,  im  Gegensatz  zu  seinen  Geld-  und  Bank- 
studien,  von  brennenden  Problemen  der  finanziellen  Praxis  aus  und  gelangte 
erst  von  ihnen  zur  Theorie.  Von  vornherein  stellte  er  hier  eine  enge  Verbindung 
zwischen  Theorie  und  Praxis  dar,  wie  er  sie  im  Geld-  und  Bankwesen  erst  spat 
und  nie  so  vollig  erreicht  hat.  Das  hat  viel  dazu  beigetragen,  daJ3  W.  hier  noch 
schneller  als  im  Bankwesen  zum  anerkannten  Sachverstandigen  wurde.  Es 
war  daher  auch  nicht  auffallig,  daB  W.  1870  an  die  Berliner  Universitat  berufen 
wurde,  als  man  Roscher  nicht  fur  sie  zu  gewinnen  vermochte,  und  daB  der  alte 
Rau  noch  vorher  die  Fertigstellung  der  neuen  Auflage  seines  Lehrbuches  der 
Finanzwissenschaft  W.  iibertrug.  Das  war  der  Punkt,  wo  dieser  Lehrer  be- 
deutsam  in  W.s  Leben  eingriff.  Die  neue  Aufgabe,  die  er  ihm  anvertraute, 
wurde  fur  W.  zur  eigentlichen  Hauptaufgabe  seines  Lebens. 

Die  Finanzwissenschaft  war  bekanntlich  im  Ausland  ein  Teil  der  gesamten 
Volkswirtschaftslehre  geblieben,  in  Deutschland  dagegen  —  dank  den  Kame- 
ralisten  —  zu  weitgehender  Selbstandigkeit  losgelost  worden.  Diese  Isolierung 
war  ihrem  wissenschaftlichen  Charakter  zunachst  nicht  forderlich  gewesen.  Rau 
hatte  es  sich  zur  Aufgabe  gestellt,  das  dadurch  zu  iiberwinden,  daB  er  die  L,ehren 
der  Finanzwissenschaft,  nach  einer  griindlichen  Sichtung,  mit  der  englischen 
Wirtschaftslehre  von  der  freien  Konkurrenz  in  Verbindung  zu  bringen  suchte. 
Ihm  war  unzweifelhaft  ein  Fortschritt  zu  danken.  Denn  die  Finanzwissenschaft 
wurde  damit  aus  den  engen  Banden  bloBer  Routine  herausgelost ;  grundsatz- 
liche  Erorterungen  konnten  jetzt  an  die  Stelle  einseitiger  Erfahrungsregeln 
treten;  eine  Finanztheorie,  insbesondere  Steuertheorie  wurde  moglich.  Rau 
nutzte  aber  diese  Moglichkeiten  nicht  aus.  Er  beschrankte  sich  auf  eine  ziem- 
lich  auBerliche  Verbindung  der  beiden  verschiedenen  Bestandteile,  von  denen 
die  kameralistischen  nach  wie  vor  das  Ubergewicht  behielten ;  die  theoretische 
Herausbildung  der  Probleme  gelangte  bei  ihm  nicht  zu  ihrem  Recht. 

Zum  Teil  wegen  dieses  unproblematischen  Grundcharakters,  zum  Teil  aber 
auch  trotz  der  wissenschaftlichen  Schwache  hatte  sich  das  Rausche  finanz- 
wissenschaftliche  Lehrbuch  seit  dem  Beginn  seines  Erscheinens  im  Jahre  1832 
in  immer  neuen  Auflagen  auf  dem  wissenschaftlichen  Markte  erhalten.  Es  hatte 
anfangs  eine  Konkurrenz  nur  im  Roscherschen  Lehrbuch,  das  von  ahnlichem 
Vermittlungsstreben  beherrscht  war  und  seine  wissenschaftlichen  Vorziige  in 
zahllosen  Anmerkungen  versteckte.  Das  hatte  sich  jedoch  neuerdings  geandert. 
i860  hatte  Lorenz  v.  Stein  sein  Lehrbuch  der  Finanzwissenschaft  herausge- 
geben, das,  in  denkbar  scharfstem  Gegensatz  zu  Raus  Darstellung,  alles  mit 
ziigelloser  Dialektik  zum  Problem  machte  und  von  Auflage  zu  Auflage  die  er- 
staunlichsten  Veranderungen  aufwies. 

Angesichts  dieser  Lage  war  die  von  W.  ubernommene  Aufgabe  sehr  schwierig. 


i8o  1917 

Die  Neuherausgabe  muBte  eine  griindliche  Umarbeitung  werden,  und  zwar 
gait  es,  besonnen  eine  Mittellinie  zwischen  Rau  und  v.  Stein  zu  verfolgen.  Wie 
sonst  in  der  Wirtschaftswissenschaft,  muBten  auch  hier  die  Probleme  heraus- 
gearbeitet  und  durch  sorgsam  gesichtete  und  verglichene  Tatsachen,  moglichst 
von  internationalem  Umfang,  untermauert  werden  und  verlangte  auch  die 
internationale  wissenschaftliche  Literatur  griindliche  Beriicksichtigung.  Das 
alles  ist  W.  alsbald  bei  seinen  ersten  Arbeiten  klar  geworden.  Die  Veranderung, 
die  notig  wurde,  war  so  groB,  daB  er  sich  1879  mit  Recht  entschloB,  den  Namen 
des  Lehrers  aus  dem  Titel  fortzulassen.  Aber  so  klar  er  auch  das  zu  verfolgende 
Ziel  erkannte,  iiber  die  Schwierigkeiten  seiner  Erreichung  hat  er  sich  griindlich 
getauscht.  Sein  ganzes  langes  I^eben  hat  nicht  ausgereicht,  sie  zu  iiberwinden. 

Zwar  ist  W.s  Finanzwissenschaft,  die  in  vier  starken  Banden  von  rund 
3300  Seiten  vorliegt,  von  v.  Heckel  mit  Recht  »ein  Monumentalbau,  wie  die 
finanzwissenschaftliche  Weltliteratur  keinen  zweiten  aufzuweisen  hat«,  genannt 
worden,  aber  dieser  Bau  ist  unfertig  geblieben.  Auch  konnen  die  vorliegenden 
Bande  im  ganzen  nicht  als  eine  reife  Frucht  bezeichnet  werden.  Sie  fallen  in 
zwei  so  verschiedene  Bestandteile  auseinander,  daB  sie  eigentlich  nur  durch 
den  Titel  zusammengehalten  werden. 

Die  ersten  beiden  Bande  sind  der  wesentliche  Kern  des  Werkes.  Sie  sind  der 
Theorie  des  Finanzwesens  gewidmet  und  stellen  W.s  bleibende  groBe  Leistung 
auf  dem  Gebiet  der  Finanzwissenschaft  dar.  Ihre  Grundgedanken  sind  in  drei 
Auflagen  mit  emsigstem  FleiB  und  sorgsamster  Selbstkritik  immer  starker 
herausgearbeitet  worden.  Nur  ein  Vergleich  mit  dem  Voraufgegangenen  gibt 
fur  diesen  Bestandteil  den  gerechten  MaBstab. 

W.  hat  in  diesen  beiden  ersten  Banden  den  Bereich  der  Finanzwissenschaft 
erweitert.  Er  hat  insbesondere  zuerst  die  privatwirtschaftlichen  Einnahmen 
des  Staats  in  sie  umfassend  hineingezogen  und  vor  allem  die  Verstaatlichung 
der  Eisenbahn  griindlichster  Erorterung  gewiirdigt.  Er  hat  weiter  die  Finanz- 
verwaltungslehre  zu  einem  wissenschaftlichen  Bestandteil  der  gesamten  Fi- 
nanzwissenschaft zu  erheben  gesucht. 

Wichtiger  sind  die  Anderungen  grundsatzlichen  Charakters.  W.  ist  es,  nach 
Lorenz  v.  Stein,  in  erster  Linie  gewesen,  der  die  Finanzwissenschaft  an  die 
vornehtnlich  in  Deutschland  entwickelte  organische  Auffassung  vom  Staat 
angepaBt  hat,  und  er  hat  wirksamer  als  ein  anderer  die  Volkswirtschaftslehre 
und  Finanzwissenschaft,  unter  Beibehaltung  ihrer  auBeren  Trennung,  zu  einer 
groBen  geistigen  Einheit  zusammengefiigt.  Davon  ist  sogleich  noch  zu  handeln. 
Hier  muB  nur  hervorgehoben  werden,  daB  W.  aus  der  speziellen  Steuerlehre 
die  allgemeine  Steuerlehre,  die  bei  Rau  sich  kaum  in  Ansatzen  und  bei  v.  Stein 
in  vagen  Allgemeinheiten  vorfindet,  zu  einem  der  wichtigsten  Teile  der  ge- 
samten Finanzwissenschaft  entwickelt  hat. 

Dieser  erste  Hauptteil  des  groBen  finanzwissenschaftlichen  Werks  wird 
weiter  dadurch  gekennzeichnet,  daB  W.  zuerst  in  die  Finanzwissenschaft  und 
Finanzpolitik  den  sozialen  Gedanken  hineinzubringen  gesucht  hat.  Hatte  man 
bisher  fur  die  Finanzgebarung  nur  das  Ziel  der  zweckmaBigsten  Deckung  der 
offentlichen  Ausgaben  ins  Auge  gefaBt,  so  stellt  W.  jetzt  daneben  das  neue  Ziel 
der  Minderung  steigender  Ungleichheiten  in  den  Einkommen;  der  Staat  soil 
nach  ihm  befugt  sein,  mit  Steuern  »regulierend  und  veranderad«  in  die  Ein- 
kommens-  und  Vermogensverhaltnisse  der  einzelnen  einzugreifen.  Hier  ist  der 


Wagner  l8l 

Punkt,  wo  W.  die  scharfsten  Angriffe  erfahren  hat,  und  sie  gehen  zum  groBen 
Teil  iiber  einseitige  Interessenpolitik  weit  hinaus.  Heute  wird  man  einerseits 
anerkennen  miissen,  daB  der  mutig  verfochtene  soziale  Grundgedanke  W.s 
richtig  war.  W.  vor  allem  ist  es  zu  danken,  daB  heute  bei  der  Verteilung  einer 
gegebenen  Steuerlast  die  Beriicksichtigung  der  Leistungsfahigkeit  der  ein- 
zelnen  Steuerzahler  als  selbstverstandlich  erscheint,  obwohl  auch  mit  diesem 
Grundsatz  der  Steuerprogression  Gefahren  des  MiBbrauchs  verbunden  sind. 
Mit  dem  Vorschlag,  dariiber  hinaus  die  Steuer  als  Mittel  der  Sozialpolitik  zu 
verwenden,  ist  W.  aber  andererseits  auf  iiberwiegende  Ablehnung  gestoBen. 
Denn  in  der  »sozialen  Auffassung«  liegt  ein  Moment  der  Willkiir,  das  lahmend 
auf  Unteraehmungslust  und  Kapitalbildung  wirken  kann;  und  mit  Steuern 
kann  weder  die  Verteilung  der  Einkommen  noch  ihre  Verwendung  direkt  be- 
einfluBt,  sondern  nur  nachtraglich  eingegriffen  werden.  Demgegeniiber  ist 
eine  Politik  der  Prevention  vorzuziehen. 

Der  zweite  Teil,  der  aus  dem  3.  und  4.  Bande  besteht,  bietet  Finanzgeschichte. 
Einer  einheitlichen  Skizze  iiber  die  Steuergeschichte  von  den  fruhesten  Zeiten 
bis  1800  (200  S.)  folgen  fur  das  19.  Jahrhundert  Sonderdarstellungen :  zunachst 
auf  kurzem  Raum  (140  S.)  fur  England,  dann  ganz  ausfuhrlich  (549  S.)  fur 
Frankreich,  dessen  Steuerwesen  W.  das  gewaltigste  nennt,  das  die  Welt  bis- 
her  gesehen  hat,  und  in  dem  er  auch  fiir  die  Gegenwart  ein  »Lehrexempel 
groBten  Stils «  sieht,  endlich  nicht  minder  ausfuhrlich  (850  S.)  fiir  Deutschland. 
Es  soil  ten  noch  andere  Lander  folgen,  insbesondere  die  Vereinigten  Staaten. 
Dazu  ist  es  nicht  mehr  gekommen. 

Auch  dieser  geschichtliche  Teil  ist  eine  erstaunliche  Leistung.  Aus  der  ganzen 
deutschen  Literatur  kann  ihm  kein  zusammenfassendes  Werk  der  Finanz- 
geschichte zur  Seite  gestellt  werden.  Und  doch  iiberwiegt  der  unbefriedigende 
Eindruck.  Diese  umfangreichen  geschichtlichen  Darstellungen  sind,  wie  W. 
mit  starkem  Nachdruck  betont,  » nicht  aus  dem  Gesichtspunkt  des  Historikers* 
geschrieben  worden ;  sie  sollten  —  um  den  schweren  Mangeln  des  Lehrbuchs 
von  Lorenz  v.  Stein  zu  entgehen  —  die  notige  feste  Tatsachengrundlage  fiir 
die  spezielle  Steuerlehre  liefern  und  nur  »Vorbereitungen  fiir  die  Losung  der 
eigentlichen  finanzwissenschaftlichen  Aufgabe«  darstellen.  Diese  groBe  Auf- 
gabe  einer  vergleichenden  »Steuerwissenschaft«  ist  aber  nicht  mehr  zur  Losung 
gebracht  worden  und  konnte  auch  von  einem  einzelnen  —  miissen  wir  heute 
sagen — nicht  zur  Losung  gebracht  werden.  Es  lag  in  der  selbst  gestellten 
Aufgabe,  daB  nicht  mehr  als  ein  eindrucksvoller  Torso  gewonnen  werden 
konnte.  Wohl  ist  in  den  beiden  starken  Banden  manche  wertvolle  Frucht  miih- 
seliger  Sammelarbeit  enthalten ;  im  ganzen  ist  aber  nicht  zu  leugnen,  daB  auch 
W.s  Kraft  und  FleiB  an  der  Aufgabe  gescheitert  sind.  Sie  hat  auch  heute  noch 
keine  Losung  gefunden  und  wird  sie  auch  kaum  bald  finden. 

Da  W.  in  den  geschichtlichen  Vorarbeiten  seine  Kraft  verzehrt  hat,  ist  sein 
finanzwissenschaftliches  Hauptwerk  auch  auBerlich  unvollendet  geblieben. 
Die  beiden  SchluBbande,  welche  die  spezielle  Steuerlehre  und  die  Staatsschul- 
denlehre  behandeln  sollten,  sind  nicht  mehr  geschrieben  worden.  Aber  fiir 
diese  fehlenden  Bande  ist  teilweise  ein  gewisser  Ersatz  vorhanden.  W.  hat 
namlich  in  dem  der  Finanzwissenschaft  gewidmeten  Teil  des  von  Schonberg 
herausgegebenen  Handbuchs  der  politischen  Okonomie  die  spezielle  Steuer- 
lehre, soweit  sie  die  sogenannten  direkten  Steuern,  insbesondere  die  Ertrags-, 


182  1917 

Personal-,  Einkomraen-  und  Vermogenssteuer  betrifft  (215  S.),  und  ferner  die 
Ordnung  der  Finanzwissenschaft  und  den  offentlichen  Kredit  (116  S.)  behan- 
delt.  Natiirlich  war  das  Geplante  etwas  von  Grund  aus  anderes. 

AM  Schicksal  der  Finanzwissenschaft  von  Adolf  W.  war  noch  etwas  Weiteres 
beteiligt.  Die  Losung  der  Hauptaufgabe,  Finanzwissenschaft  und  Volkswirt- 
schaftslehre  in  Einklang  miteinander  zu  setzen,  war  verhaltnismaBig  leicht, 
wenn  die  Volkswirtschaftslehre  etwas  Feststehendes  war,  wie  Rau  es  noch 
glaubte.  Im  selben  MaBe,  wie  man  von  der  individualistischen  Lehre  der 
englischen  Klassiker  abwich,  wuchsen  die  Schwierigkeiten.  Dann  war  die  Auf- 
gabe  nur  losbar,  wenn  man  vorher  darlegte,  was  man  im  einzelnen  unter  Volks- 
wirtschaftslehre verstehe.  Dann  muBte  also  der  Darstellung  der  Finanzwissen- 
schaft eine  zusammenfassende  Darstellung  der  theoretischen  Volkswirtschafts- 
lehre vorausgehen.  So  gelangte  W.  mit  logischem  Zwang  zur  Abfassung  einer 
allgemeinen  theoretischen  »Grundlegung«.  Er  dehnte  dementsprechend  die 
Ubernahme  des  Rauschen  Lehrbuchs  1872  auf  die  ganze  »politische  Okono- 
mie«  aus.  Natiirlich  dachte  er  nicht  daran,  das  Ganze  allein  zu  bearbeiten. 
Ihm  lag  zunachst  nur  an  der  »Grundlegung«  fiir  das  groBe,  die  Finanzwissen- 
schaft mit  einschlieBende  Werk.  Fiir  die  iibrigen  Teile  hatte  er  urspriinglich 
Erwin  Nasse  und  nach  dessen  Tode  Heinrich  Dietzel,  A.  Buchenberger  und 
Karl  Biicher  gewonnen.  Wahrend  bezeichnenderweise  nur  Buchenberger  mit 
der  iibernommenen  Bearbeitung  des  Agrarwesens  und  der  Agrarpolitik  fertig 
wurde,  Dietzel  nach  einer  Teilveroffentlichung  die  Bearbeitung  der  theoreti- 
schen Volkswirtschaftslehre  auf  gab,  um  Pohle,  der  auch  in  den  Vorarbeiten 
stecken  blieb,  Platz  zu  machen,  und  Biicher  nicht  einmal  bis  zu  den  Anfangen 
des  von  ihm  iibernommenen  Gewerbe-  und  Handelswesens  gelangte,  stiirzte 
sich  W.  selbst  sogleich  mit  aller  Kraft  auf  die  »Grundlegung«,  so  dafl  diese 
Unteraufgabe  bald  zur  Hauptaufgabe  fiir  ihn  wurde.  So  entstand  dasjenige 
Werk,  das  man  als  das  wissenschaftliche  Hauptwerk  W.s  zu  betrachten 
pflegt  und  das  am  meisten  dazu  beigetragen  hat,  seine  finanzwissenschaftlichen 
Studien  zu  verzogern. 

W.  war  schon  in  Wien  bei  seinen  Studien  iiber  die  Peelsche  Bankakte  in 
einzelnen  Punkten  an  der  iiberkommenen  Lehre  der  Klassiker  irre  geworden. 
Er  hatte  dann  in  Dorpat  im  AnschluB  an  die  186 1  erfolgte  Aufhebung  der  russi- 
schen  Leibeigenschaft  seine  Aufmerksamkeit  auf  den  Agrarkommunismus 
in  RuBland  gerichtet,  und  damit  war  er  zuerst  auf  das  Grundproblem  des 
Eigentums  gestoBen,  das  ihn  dann  sein  Leben  lang  beschaftigt  hat.  So  war 
im  kleinen  der  Boden  vorbereitet  fiir  die  Lehren  dreier  Manner,  von  denen 
er  immer  wieder  dankbar  hervorgehoben  hat,  daB  er  von  ihnen  »mehr  und 
tiefere  und  forderlichere  Anregungen  erhalten  habe  als  von  irgendeiner  an- 
deren  Seite«.  Alle  drei  waren  zugleich  Manner,  fiir  die  W.  unzweifelhaft  auch 
darum  immer  wieder  so  warm  eingetreten  ist,  weil  ihre  Bedeutung  in  der 
zeitgenossischen  Wissenschaft  seiner  Meinung  nach  nicht  richtig  gewiirdigt 
wurde. 

Zeitlich  voran  stand  Robert  v.  Mohl.  Er  war  unzweifelhaft  unter  den  Uni- 
versitatslehrern  W.s  die  Personlichkeit,  die  ihm  am  meisten  ahnlich  war. 
Schon  die  Unermudlichkeit,  mit  der  er,  55  Jahre  lang,  mutig  zu  den  Fragen 
seiner  Zeit  Stellung  nahm,  fast  alles,  das  er  las  und  dachte,  literarisch  ver- 
wertete  und  ruhelos  immer  an  sich  selbst  besserte,  hatte  etwas  mit  W.  Ver- 


Wagner  1 83 

wandtes.  Trotzdem  hat  er  erst  nach  seiner  Studienzeit  v.  Mohls  Bedeutung 
richtig  erfaBt.  Er  wurde  aufmerksam  auf  seinen  1835  in  Raus  Archiv  er- 
schienenen  Aufsatz,  der  den  bezeichnenden  Titel  tragt:  »Uber  die  Nachteile, 
welche  sowohl  den  Arbeitern  selbst  als  dem  Wohlstand  und  der  Sicherheit  der 
gesamten  biirgerlichen  Gesellschaft  von  den  fabrikmaBigen  Betrieben  zugehen, 
und  iiber  die  Notwendigkeit  griindlicher  Vorbeugungsmittel«.  Hier  war  von 
einem  deutschen  Professor  zum  erstenmal  auf  die  schadlichen  Wirkungen 
der  neuen  Produktionsmethoden  fiir  die  gewohnlichen  Fabrikarbeiter  und 
auf  die  »drohenden  Folgen«  hingewiesen  und  dem  iiblichen  Optimismus  die 
Ansicht  gegeniibergestellt  worden,  es  sei  »fiir  den  Wohlstand  und  fiir  die  Ruhe 
von  Europa  eine  Gefahr  zu  besorgen,  wie  sie  das  rdmische  Reich  durch  den 
Sklavenkrieg,  Deutschland  durch  die  emporten  Bauern  zu  Anfang  des 
16.  Jahrhunderts  kennenlernte«.  Mohl  zog  aus  dieser  Auffassung  auch  weit- 
gehende  Folgerungen.  Was  die  Wissenschaft  anlangt,  so  rief  er  aus:  »Jede 
Stimme,  welche  sich  erhebt  zur  Bekampfung  dieser  tief  unsittlichen  und  mate- 
riell  hochst  gefahrlichen  Folge  unserer  Konkurrenz-Nationalokonomie,  ist  als 
eine  Wohltat  anzusehen«;  und  was  die  Politik  anlangt,  so  hielt  er  »eine  wesent- 
liche  Anderung  in  dem  ganzen  sozialen  Gebaude«  fiir  notig;  Selbsthilfe  geniige 
nicht;  »hier  ist  eine  Hilfe  von  seiten  der  Staatsgewalt  so  unerlaBlich  als  ir- 
gendwo«;  Fabrikgesetzgebung,  Gewinnbeteiligung,  Arbeiterfortbildung  seien 
die  wichtigsten  Aufgaben  des  Tages.  Diese  schrillen  Warnrufe,  die  v.  Mohl  — 
gleichsam  als  erster  Kathedersozialist  —  noch  vor  Rudolf  Hildebrand  er- 
schallen  lieB,  haben  auf  W.  urn  so  tiefer  eingewirkt,  als  sie  sonst  merkwiirdig 
unbeachtet  geblieben  waren;  selbst  Roscher  hat  in  seiner  Geschichte  der 
Nationalokonomik  in  Deutschland  1874  von  ihnen  keine  Notiz  genommen. 
Um  so  dankbarer  hat  W.  in  v.  Mohl  den  ersten  gesehen,  der  ihn  in  seinen  ur- 
spriinglichen  individualistischen  Anschauungen  von  Grund  aus  erschiitterte. 
Starker  noch  hat  Karl  Rodbertus  auf  ihn  gewirkt.  W.  wurde  in  Freiburg 
auf  seine  Arbeit  iiber  die  Kreditnot  des  Grundbesitzes,  deren  erster  Teil  1868 
erschien,  aufmerksam.  »Erst  jene  Schrift — so  sagt  er  selbst — hat  mir  wie 
seiten  eine  wissenschaftliche  Arbeit  imponiert  und  mein  ,Damaskus'  gegeniiber 
der  herrschenden  Smithschen  Wirtschaftslehre  mit  zum  Durchbruch  gebracht. « 
Mit  einem  Schlage  wurde  W.  jetzt  klar  »die  Einseitigkeit  der  bisherigen  Natio- 
nalokonomie  mit  ihrer  Annahme  des  bestehenden  Rechts  als  etwas  Selbstver- 
standlichem  und  im  wesentlichen  Unveranderlichem«.  Er  ging  den  fruheren 
Schriften  von  Rodbertus  nach  und  fand,  daB  er  schon  1837  vorgeschlagen 
hatte,  die  natiirliche  Freiheit  durch  ein  » System  staatlicher  Leitung«  zu  er- 
setzen;  nur  dadurch,  daB  der  Staat  sich  zum  »leitenden  Organ «  im  Wirt- 
schaftsleben  aufschwinge  und  die  Volkswirtschaft  mehr  als  bisher  zur  Staats- 
wirtschaft  mache,  konne  das  dringend  notige  »KompromiB«  zwischen  der  be- 
stehenden Gesellschaftsordnung  und  den  herandrangenden  sozialistischen  Be- 
strebungen  erreicht  werden.  Dieser  nationale  und  monarchistische  Sozialist, 
der  wie  kein  anderer  die  Staatsidee  gegeniiber  dem  Individualismus  betonte 
und  zum  Schutze  des  Staats  und  der  Monarchic  seine  sozialistischen  Lehren 
ersann,  machte  auf  W.  einen  so  starken  Eindruck,  daB  er  ihn  als  den  »Ricardo 
des  okonomischen  Sozialismus«  neben  v.  Thiinen  und  Hermann  stellt.  Er  ist 
mit  ihm  in  Briefwechsel  getreten  und  hat  dann  die  Herausgabe  seines  literari- 
schen  Nachlasses  zeitweise  geleitet.  Soweit  W.  »Staatssozialist«  ist,  ist  er  es 


184  x9i7 

durch  Rodbertus  geworden,  und  in  mehreren  Einzellehren,  wie  insbesondere 
in  seiner  Kapitallehre,  steht  er  deutlich  unter  seinem  starken  EinfluB. 

In  mancher  Hinsicht  ein  Gegengewicht  gegen  Rodbertus  war  der  dritte  Ge- 
lehrte,  dem  sich  W.  besonders  verpflichtet  gefuhlt  hat:  Albert  Schaffle.  Ihm 
hat  er  1901  zum  70.  Geburtstag  den  4.  Band  seiner  Finanzwissenschaft  »in 
dankbarer  Verehrung  des  Schulers«  gewidmet,  und  er  hat  hinzugefugt,  daB 
er  sich  bewuBt  sei,  »vielfach  in  seinen  Spuren  gewandelt  zu  haben«.  Das  bezieht 
sich,  wie  er  selbst  angibt,  in  erster  Iyinie  auf  die  »Grundlegung«,  und  zwar 
diirfte  das  in  doppelter  Weise  der  Fall  sein.  Erstens  nimmt  Schaffle  als  Kritiker 
des  Sozialismus  eine  besondere  Stellung  ein ;  kein  anderer  Deutscher  hatte  bis- 
her  einen  so  besonnenen  wissenschaftlichen  Versuch  gemacht,  in  den  Ideen 
des  Sozialismus  Wahres  und  Irriges  voneinander  zu  scheiden,  wie  er  in  seinen 
1870  veroffentlichten  Vortragen  iiber  Kapitalismus  und  Sozialismus.  Diese 
Vortrage  sollten  zugleich  »zur  Versohnung  der  Gegensatze  von  Lohnarbeit 
und  Kapital«  dienen.  Der  Kritik  entsprach  eine  positive  Darlegung,  die  sich 
zu  einer  allgemeinen  Theorie  der  Gemeinwirtschaft  ausreifte.  In  diesem  Doppel- 
streben  begegneten  sich  W.  und  Schaffle  starker  als  irgendwelche  zeitgenossi- 
schen  Nationalokonomen,  so  sehr  sie  auch  in  der  Technik  des  wissenschaftlichen 
Arbeitens  voneinander  abwichen.  Zeitweise  sind  sie  auch  auBerlich  in  der 
Schriftleitung  der  Tiibinger  Zeitschrift  fiir  die  gesamten  Staatswissenschaften 
miteinander  verbunden  gewesen. 

Unter  diesen  vielfaltigen  Einfliissen  hat  sich  W.  —  zuerst  in  einer  1870  er- 
schienenen  Schrift:  »Die  Abschaffung  des  privaten  Grundeigentums«  —  von 
der  »bequemen  StrauBenpolitik  des  optimistischen  Manchestertums«  abge- 
wendet  und  die  neueren  theoretischen  Anschauungen  herausgebildet.  Er  hat 
sie  zuerst  in  seiner  »Grundlegung  der  politischen  Okonomie«,  die  1876  zum 
erstenmal  erschien  und  in  dritter  und  letzter  Fassung  1893  und  1894  in  zwei 
starken  Banden  herausgegeben  wurde,  zu  einem  System  zusammengefaBt. 
Spater  ist  noch  aus  einem  1900  zuerst  angefertigten  VorlesungsgrundriB  die 
»Theoretische  Sozialokonomik  oder  Allgemeine  und  theoretische  Volkswirt- 
schaftslehre«  hervorgegangen,  welche  die  Grundlegung  durch  die  »Aus- 
fuhrung«,  die  urspriinglich  von  Dietzel  und  dann  von  Pohle  geliefert  werden 
sollte,  in  kurzerem  Umfang  erganzen  sollte  und  von  der  1907  ihr  erster,  hier 
in  Betracht  kommender  Band  erschien  und  1909  ihr  zweiter  iiber  das  Ver- 
kehrswesen,  der  vor  allem  von  der  bereits  besprochenen  groBen  Monographic 
iiber  das  Geldwesen  gebildet  wird,  wahrend  der  vorgesehene  dritte  Band  iiber 
»Kredit  und  Kredit-  (Bank-)  Wesen,  Versicherung  und  Versicherungswesen, 
Konsumtion  usw. «  nicht  mehr  fertig  geworden  ist. 

Die  starke  Wandlung  W.s  in  seinen  grundlegenden  Anschauungen  war  an 
sich  nichts  Besonderes.  Sie  kann  geradezu  als  eine  Erscheinung  der  Zeit  be- 
zeichnet  werden.  Ahnlich  war  z.  B.  Schmoller  (s.  oben  S.  124  ff.),  wie  er  1870 
in  seinem  Buch  »Zur  Geschichte  der  deutschen  Kleingewerbe  im  19.  Jahr- 
hundert«  bekannt  hat,  »fruher  zu  optimistisch  nach  der  hergebrachten  Ansicht 
der  liberalen  Nationalokonomie«  gewesen.  Auch  im  letzten  Ergebnis  waren 
beide  nicht  sehr  verschieden.  Beide  waren  gegen  den  »Absolutismus  der 
Losungen«,  wie  ihn  die  extremen  Befiirworter  des  » Laissez-faire «  vertraten, 
und  hielten  eine  Erganzung  der  Theorie  durch  Tatsachenermittlung  fiir  ge- 
boten;  beide  verurteilten  den  »schonfarbenden  Optimismus«  der  bisher  herr- 


Wagner  185 

schenden  Lehre,  konnten  sich  den  »mancherlei  nachteiligen  Folgen  fur  die 
Verteilung  des  gesamten  Giiterertrages  unter  die  bei  der  Produktion  betei- 
ligten  Personen«  nicht  verschlieBen  und  traten  dafiir  ein,  dafl  neben  wirt- 
schaftlichen  Gesichtspunkten  auch  ethische  Beriicksichtigung  fanden;  beide 
haben  daher  auch  bei  der  Begriindung  des  Vereins  fiir  Sozialpolitik  wichtige 
Rollen  gespielt.  W.  hat  sogar  durch  einen  kraftvollen  Vortrag  iiber  die  soziale 
Frage,  den  er  kurz  nach  seiner  Ubersiedlung  nach  Berlin  1871  hielt,  die  An- 
grifle  der  Gegner  der  Sozialpolitik,  deren  Wortfuhrer  H.  B.  Oppenheim  war, 
auf  sich  konzentriert  und  so,  als  »das  lohnendste  und  mustergultigste  Exemplar 
der  ganzen  Gattung«  des  Professorentums,  den  unmittelbaren  AnstoB  zur 
Pragung  des  neuen  Ausdrucks  »Kathedersozialismus«  gegeben.  Spater  ist  er 
allerdings  aus  dem  Verein  fur  Sozialpolitik  zeitweise  wieder  ausgeschieden, 
und  zwar  teils  urn  voile  Freiheit  im  Verfolgen  seiner  Ziele  zu  haben,  teils  aber 
auch,  weil  er,  im  Gegensatz  zu  den  Fuhrern  des  Vereins,  der  Ansicht  war,  daft 
die  wiinschenswerte  Vereinigung    wirtschaftlicher    und  ethischer    Gesichts- 
punkte  nicht  bereits  in  der  Wirtschaftslehre,  sondern  erst  in  der  Praxis  des 
Wirtschaftslebens  zu  erfolgen  habe.   Darum  wollte  er  das  protestantische 
Christentum  fiir  den  sozialen  Gedanken  zu  gewinnen  und  eine  evangelisch- 
soziale  Arbeiterbewegung,  als  Gegenstiick  zu  der  groBen  katholischen,  ins 
Leben  zu  rufen  helfen.  Aufs  lebhaf teste  nahm  er  an  dem  Evangelisch-sozialen 
KongreB  und  seinen  Arbeiten  teil  und  schloB  sich  sogar,  obwohl  er  anfangs  dem 
rechten  Fltigel  der  Nationalliberalen  oder  dem  linken  der  Freikonservativen 
angehorte,  Adolf  Stocker  an,  um  mit  seiner  Hilfe  die  konservative  Partei,  die 
dem  Christentum  am  nachsten  stand,  mit  sozialpolitischem  Geist  zu  erfullen. 
Er  hat  kurze  Zeit  auch  (1882 — 1884)  als  ihr  Mitglied  dem  Reichstag  angehort. 
Die  Gegensatze  zwischen  W.  und  der  Historischen  Schule,  deren  Fuhrung 
sich  immer  mehr  in  Schmollers  Hand  vereinigte,  gingen  aber  noch  tiefer.  Wah- 
rend  die  neue  historische  Schule  sich  von  der  klassischen  nicht  nur  in  einzelnen 
Lehren,  sondern  im  ganzen  abwandte  und  in  der  abstrahierenden  und  deduk- 
tiven  Methode  den  Hauptmangel  der  bisherigen  Lehre  erblickte,  verbrannte 
W.  nicht,  was  er  bisher  angebetet  hatte.  Er  wollte  die  Lehre  der  englischen 
Klassiker  nicht  preisgeben,  sondern  weiter  entwickeln  und  bekampfte  nicht 
die  Abstraktion  und  die  Deduktion  an  sich,  sondern  ihre  falsche  Verwendung. 
Nach  ihm  handelt  es  sich  nicht  um  die  Alternative  Theorie  oder  Tatsachen- 
kunde,  sondern  ist  beides  aufs  engste  zu  verbinden.  Noch  ehe  von  einer  neuen 
historischen  Schule  die  Rede  war,  ist  W.  in  dieser  Frage   zu  bemerkens- 
werter  Klarheit  gekommen.  Er  fuhrte  schon  1868  in  seinem  Buch  iiber  die 
russische  Papierwahrung  das  Folgende,  das  50  Jahre  spater  auch  ein  Max 
Weber  hatte  sagen  konnen,  aus:  »Die  sozialen  und  wirtschaftlichen  Organismen 
unterstehen,  wie  alles  Menschliche,  zwei  Gesetzen,  dem  Gesetz  der  gleich- 
artigen  Gestaltungstendenz  der  Erscheinungen  im  ganzen  und  dem  Gesetz 
der  individuellen  Verschiedenheiten   der  zu  einer  Erscheinungsgruppe  ge- 
horigen  Vorgange  im  einzelnen.  Die  Vereinigung  beider  Momente,  nicht  die 
ausschlieBliche  Beriicksichtigung  bloB  des  einen  oder  des  anderen  ist  das 
Richtige  und  damit  auch  die  wahre  Aufgabe  der  gelauterten  Theorie.  Aber 
begreiflich  ist  es,  daB  die  Theorie  zu  leicht  geneigt  ist,  nur  das  Gleichartige, 
die  Praxis  nur  das  Verschiedene  der  Erscheinungen  zu  beachten.«  Der  Theo- 
retiker  muB,  »um  eben  auf  das  schlieBlich  doch  die  Entwicklung  der  Erschei- 


i86  1917 

nung  nachhaltig  beherrschende  Gesetz  zu  kommen,  von  den  modifizierenden 
Umstanden  abstrahieren.  Aber  er  darf  hinterher  bei  der  Wiederanwendung 
der  Theorie  fiir  die  Praxis,  d.  h.  eben  fur  die  jeweilige  Wirklichkeit  oder  die 
Welt  des  Individuellen  nicht  vergessen,  daB  er  abstrahiert  hat  .  .  .  Der  Prak- 
tiker  aber  miifite  bedenken,  daB  seine  Routine  im  Grunde  stets  ebenfalls  auf 
einer  Theorie  .  .  .  beruht«,  die  aber  »in  der  Regel  eine  falsche  Abstraktion 
des  Gleichartigen  in  den  Erscheinungen  ist  .  .  .  Der  rat  ion  e  lie  Praktiker, 
welcher  nicht  Routinier  sein  will,  muB  sich  dieser  theoretischen  Einsicht  fiigen, 
sonst  baut  er  fiir  den  Moment,  wo  zufallig  die  Bedingungen  wirksam  sind, 
welche  er  fiir  bleibend  wirksam  halt,  nicht  fiir  die  dauernde  Zukunft.« 

Auf  Grund  dieser  Erwagungen  betrachtete  es  W.  als  seine  Aufgabe,  »zwar 
das  Gleichartige  in  den  Erscheinungen  nicht  zu  tiberschatzen  und  das  Ver- 
schiedene  nicht  zu  verkennen,  aber  dennoch  von  diesem  Gleichartigen  aus- 
zugehen  und  die  gewonnenen  allgemeinen  Grundsatze  zur  Richtschnur  auch 
bei  der  konkreten  Frage  zu  nehmen«.  Danach  hat  er  auch  stets  gehandelt. 
Von  diesem  Stand punkt  aus  ist  er  zugleich  zu  einem  Verteidiger  der  Klassiker 
geworden.  Gegeniiber  den  Vorwiirfen  eines  kalten  Utilitarismus  und  oden 
Schematism  us  betonte  er  den  hypothetischen  Charakter  jeder  Abstraktion 
und  Deduktion.  So  fuhrte  er  aus,  daB  es,  »rein  okonomische  Beweggriinde  nur 
in  der  Hypothese  gibt«,  im  Leben  haben  ihnen  sittliche  Pflichten,  wie  sie  aus 
Vermogen,  Bildung  und  gesellschaftlicher  Stellung  erwachsen,  zur  Seite  zu 
treten.  Aber  er  halt  es,  wie  schon  angedeutet  wurde,  fiir  falsch,  daraus  die 
Folgerung  zu  ziehen,  daB  die  Theorie  sich  nicht  wie  bisher  der  isolierenden 
Methode  bedienen  diirfe.  Ohne  Isolierung  sei  sie  nicht  moglich;  sie  schaffe  des- 
halb  immer  nur  »Annaherungswerte«,  »Gestaltungstendenzen«  und  bedurfe 
immer  im  konkreten  Einzelfall  der  Erganzung  durch  Tatsachenermittlung. 
Die  Forderung  miisse  also  heiBen :  den  hypothetischen  Charakter  der  Theorie 
nicht  vergessen!  Nicht  in  der  Theorie  selbst,  in  ihrer  Anwendung  liegt  der 
Mangel ! 

Es  war  nur  eine  natiirliche  Konsequenz  dieses  Standpunktes,  daB  W.  sich 
auch  der  osterreichischen  Schule  der  Volkswirtschaftslehre  nicht  so  ablehnend 
gegeniiberstellte  wie  fast  alle  Anhanger  der  historischen  Schule.  Er  bekannte 
ausdriicklich,  ihr  viel  zu  verdanken,  ohne  sich  freilich  »durchaus  auf  ihre  Seite 
zu  stellen«.  Vor  allem  Bohm-Bawerks  groBes  Werk  (s.  DBJ.  1914 — 16,  S.  3  ff.) 
riihmt  er  als  »ausgezeichnete«  Leistung.  In  dem  heftigen  Streit  zwischen 
Schmoller  und  Menger  (s.  DBJ.  1921,  S.  196  ff.  und  oben  S.  128)  steht  er  sach- 
lich  Menger  naher,  aber  innerlich  hat  er  trotzdem  Schmoller  gegen  die  »pam- 
phletistische  Polemik«  des  Wiener  Kollegen  in  Schutz  genommen.  Im  ganzen 
hat  jedoch  auch  W.  mit  der  osterreichischen  Schule  nahere  Fuhlung  nicht 
gehabt.  Wahrend  er  sich  sonst  stets  mit  Andersdenkenden  ausfuhrlich  aus- 
einandersetzte,  versagte  er  hier  zum  groBen  Teil.  Er  hat  auch  nie  eine  richtige 
Vorstellung  von  der  auBerordentlichen  Verbreitung  der  Grenznutzenlehre 
auBerhalb  Deutschlands  gewonnen. 

Auch  in  bezug  auf  die  Untermauerung  der  Theorie  mit  Tatsachenmaterial 
war  urspriinglich  ein  Unterschied  vorhanden,  der  freilich  im  Laufe  der  Zeit 
etwas  verblaBte.  Die  historische  Schule  stellte  die  Vergleiche  verschiedener 
Zeiten  und  Entwicklungsphasen  eines  Volkes  in  den  Vordergrund.  W\  dagegen 
erstrebte  »ahnliche  Vergleichungen  im  Raume,  bei  gleichzeitig  lebenden  ver- 


Wagner  1 87 

schiedenen  V61kern«.  Es  ist  klar,  daJ3  diese  international  vergleichende  Me- 
thode und  die  geschichtliche  Methode  sich  nicht  ausschlieBen.  W.  meinte  aller- 
dings,  Vergleichungen  der  zweiten  Art  hatten,  insbesondere  fur  praktische 
Zwecke,  »mehr  Wert,  weil  die  einwirkenden  Faktoren  sicherer  zu  iibersehen 
und  die  Starke  ihres  Einflusses  eher  zu  ermessen  sei«.  Er  betrachtete  insbeson- 
dere das  statistische  Verfahren  als  »das  relativ  vollkommenere  Induktions- 
verfahren«.  Aber  wenn  auch,  wie  er  meinte,  beim  historischen  Verfahren  die 
Isolierung  der  Ursache  schwieriger  ist,  so  war  er  keineswegs  gegen  wirtschafts- 
geschichtliche  Untersuchungen.  Er  hat  ja  selbst  sehr  dicke  Bande  mit  ihnen 
gefullt.  Nur  die  Identifizierung  der  Wirtschaftsgeschichte  mit  der  Wirtschafts- 
theorie  lehnte  er  scharf  ab ;  in  ihr  sah  er  einen  »  VerstoB  gegen  die  Forderungen 
der  Logik  in  der  Methodologie,  Systematologie  und  Aufgabebestimmung  der 
Wissenschaft«.  »Nicht  das  eine  oder  das  andere,  sondern  das  eine  und  das 
andere!«  Nur  keine  AnmaBung  einer  »Alleinherrschaft«! 

Trotz  der  umfangreichen  wirtschaftsgeschichtlichen  Arbeiten  W.s  bleibt  es 
Tatsache,  daB  er  sich  mit  der  Statistik  sehr  viel  lieber  befaBt  hat.  Es  ging  das 
zum  Teil  auf  Wappaus  zuriick,  der  Professor  in  Gottingen  war  und  in  dem  er 
den  »hervorragendsten  Vertreter  des  Lehramts  der  Statistik  deutscher  Zunge« 
erblickte.  Aber  auch  Qu£telet  hatte  auf  W.  groBen  Eindruck  gemacht.  Theo- 
retisch  und  praktisch  interessierten  ihn  die  statistischen  Probleme.  Er  hat 
daher  schon  1863  ein  Buch  iiber  die  »GesetzmaBigkeit  der  scheinbar  willkiir- 
lichen  Handlungen«  herausgegeben  und  ist  dabei  in  dem  Engel  und  Wappaus 
gewidmeten  zweiten  Teil  auf  die  Statistik  der  Selbstmorde  aufs  griindlichste 
eingegangen.  Wie  diese  stoffreiche  Arbeit  unter  den  statistischen  Privatarbeiten 
jener  Zeit  eine  ruhmliche  Stellung  einnimmt,  so  war  auch  W.s  Artikel  »Sta- 
tistik«  in  Bluntschlis  und  Braters  Staatsworterbuch  lange  die  umfassendste 
Bearbeitung  dieses  Themas.  W.  ist  dann  auch  in  Dorpat  Professor  nicht  nur 
der  Nationalokonomie,  sondern  ausdriicklich  auch  der  Statistik  gewesen,  und 
er  wurde,  als  er  nach  Berlin  berufen  wurde,  Mitglied  des  PreuBischen  Statisti- 
schen Bureaus.  Er  ist  als  Gutachter  in  statistischen  Fragen  verschiedentlich 
tatig  gewesen  und  hat  auch  in  seinen  iiberwiegend  theoretischen  Arbeiten 
mehrfach  eingehende  statistische  Ausfuhrungen  eingefugt,  so  in  seine  Sozial- 
okonomische  Theorie  des  Geldes  die  auBerordentlich  ausfuhrliche  »historische 
Statistik  der  Edelmetalle  «. 

Nicht  minder  wichtig  als  die  Unterschiede  in  der  Methode  sind  die  in  den 
behandelten  Objekten.  Insbesondere  einer  ist  von  groBter  Bedeutung.  Wahrend 
namlich  Schmoller  in  seinem  1900 — 1904  erschienenen  »GrundriB  der  allge- 
meinen  Volkswirtschaftslehre «  dem  Sozialismus  keinen  groBeren  Abschnitt 
gewidmet  hat  und  demgemafi  auch  in  der  Schmoller  als  Festschrift  zum  70.  Ge- 
burtstag  iiberreichten  »Entwicklung  der  deutschen  Volkswirtschaftslehre  im 
19.  Jahrhundert«  keine  der  40  Arbeiten  den  Sozialismus  besonders  behandelt, 
wahrend  auch  der  Verein  fiir  Sozialpolitik  sich  bis  zum  Kriege  mehr  um  die 
einzelnen  praktischen  Forderungen  der  Sozialdemokratie  als  um  die  Grund- 
ideen  des  Sozialismus  bekummert  hat,  ist  fiir  W.  seine  griindliche  Auseinander- 
setzung  mit  dem  Sozialismus  besonders  charakteristisch.  Er  sah  in  ihm,  mit 
einem  Gemisch  von  Bestiirzung  und  Bewunderung,  die  vielleicht  groBte  geistige 
Bewegung  der  Zeit.  Soweit  sie  sich  kritisch  gegen  den  Optimismus  der  Kon- 
kurrenztheorie  wandte,  war  nach  seiner  Ansicht,  trotz  vieler  Ubertreibungen, 


i88  1917 

»im  groBen  und  ganzen  das  Bild  nicht  unrichtig,  die  Malerei  nicht  tendenzios, 
die  Diagnose  des  Ubels  nicht  falsch«.  So  kam  er  zum  ersten  viel  umstrittenen 
SchluB :  man  muB  von  der  Kritik  des  Sozialismus  lernen  und  sich  hiiten,  die 
kritische  Betrachtung  der  Wirtschaft  zu  einem  Monopol  der  unteren  Schichten 
der  Bevolkerung  werden  zu  lassen.  Er  selbst  hat  immer  wieder  mutig  bekannt, 
viel  vom  Sozialismus  gelernt  zu  haben. 

Neben  der  Kritik  steht  das  Dogma  des  Sozialismus.  Auch  dieses  muB  mit 
groBter  Sorgfalt  zum  Gegenstand  einer  unbefangenen  Kritik  gemacht  werden. 
Die  Axiome  miissen  in  Probleme  verwandelt  werden.  Denn  »was  in  den  kriti- 
schen  Gedanken  und  positiven  Ideen  des  Sozialismus  richtig  ist,  wird  sich 
siegreich  erweisen«,  und  je  mehr  von  den  Wunschen  der  unteren  Schichten 
unerfullt  ist,  um  so  eifriger  muB  verlangt  werden,  »daB  das  Erreichbare  ge- 
schehe  und  daB  auf  das  sorgfaltigste  gepriift  werde,  was  eben  erreichbar  sei«. 

W.  hat  diese  Priifung  des  Sozialismus  mit  nie  erlahmendem  Mut  zur  Durch- 
fuhrung  gebracht  und  damit  die  theoretische  Volkswirtschaftslehre  in  bedeut- 
samster  Weise  bereichert.  Einige  seiner  Lehren  miissen  als  Hauptbeispiele  da- 
fur  kurz  hervorgehoben  werden. 

Erstens  hat  W.  eine  nationalokonomische  Rechtslehre  unter  dem  Schlag- 
wort  »Freiheit  und  Eigentum«  entwickelt.  In  ihr  wendet  er  sich  einerseits 
gegen  das,  was  Jhering  das  »Blendwerk  der  juristischen  Dialektik,  welche  dem 
Positiven  den  Nimbus  des  l,ogischen  zu  geben  versteht«,  genannt  hat,  und 
andererseits  gegen  die  Forderungen,  die  sozialistische  Demagogen  mit  »bod en- 
loser  I,eichtfertigkeit«  in  das  Publikum  tragen.  Wissenschaftlich  kann  es  sich 
weder  um  einfache  Aufrechterhaltung  noch  um  einfache  Beseitigung  des  Pri- 
vateigentums  handeln.  Die  Wissenschaft  hat  vielmehr  die  Aufgabe,  unab- 
hangig  vom  positiven  Recht,  breit  und  ausfuhrlich  zu  erortern,  wo  ist  Privat- 
eigentum  und  wo  Gemeineigentum  am  Platz,  und  W.  kam  bei  dieser  Erorte- 
rung  zum  Ergebnis,  daB  viele  Unterscheidungen  gemacht  werden  miissen.  Er 
ging  den  verschiedenen  Verwendungsarten  des  Bodens  nach  und  unterschied 
Wohnboden,  landwirtschaftlichen  Boden,  Waldboden,  Bergwerksboden,  Wege- 
boden  und  Gewasser.  Dieser  Mannigfaltigkeit  der  Bodenarten  muBte  auch  eine 
Mannigfaltigkeit  in  den  Rechtsformen  des  Bodenbesitzes  entsprechen.  Wie 
zur  Erhaltung  eines  gesunden  Bauernstandes,  des  Haupttragers  individueller 
Volkskraft,  das  Privateigentum  an  landwirtschaftlichem  Boden  unentbehrlich 
ist,  so  erschienen  ihm  staatliche  Beschrankungen,  die  bis  zur  Beseitigung  des 
Privateigen turns  gehen  konnen,  iiberall  dort  geboten,  wo  der  Boden  einen 
Monopolcharakter  tragt,  wie  bei  den  Eisenbahnen  infolge  der  Kostspieligkeit 
ihrer  Anlage,  wie  der  Bergwerksboden  infolge  der  Erschopflichkeit  der  Boden- 
schatze,  wie  auch  der  stadtische  Bauboden  infolge  seiner  Lage.  Diesen  tief- 
greifenden  Verschiedenheiten  muB  die  Rechtsordnung  sich  anpassen.  Sie  ist 
nichts  Unabanderliches,  muB  vielmehr  im  selben  MaBe,  wie  die  fortschreitende 
Entwicklung  neue  Unterschiede  hervortreten  oder  Bedeutung  gewinnen  laBt, 
gewandelt  werden.  Die  Grenzen  des  Staatsbesitzes  konnen  nicht  grundsatz- 
Hch  ein  fiir  allemal  festgelegt  werden.  Sie  nach  den  sich  andernden  Verhalt- 
nissen  im  Wirtschaftssystem  neu  zu  ziehen,  ist  fiir  jede  Zeit  eine  der  schwierig- 
sten  und  wichtigsten  Aufgaben.  Diese  hiermit  nur  angedeutete  Theorie  des 
Grundbesitzes  und  der  Grundrente  stellt  unzweifelhaft  eine  sehr  wertvolle 
Bereicherung  der  theoretischen  Erkenntnis  durch  W.  dar. 


Wagner  189 

Auch  bei  der  Kapitallehre,  die  mit  seinem  Namen  verbunden  ist,  im  wesent- 
lichen  aber  schon  anf  Rodbertus  zuriickgeht,  handelt  es  sich  darum,  zwischen 
dem  Wirtschaftlichen  und  Rechtlichen  klar  zu  scheiden.  Immer  ist  Kapital, 
ganz  unabhangig  von  der  Rechtsordnung,  zur  Gutererzeugung  notig.  Dieses 
Kapital  im  reinwirtschaftlichen  Sinn,  das  sich  vorfindet,  mag  das  Wirtschafts- 
leben  organisiert  sein  wie  es  wolle,  hat  W.  Volks-  oder  Produktionskapital  ge- 
nannt.  Es  kann  auch  in  einer  sozialistischen  Gemeinschaft  nicht  entbehrt 
werden.  Es  ist  eine  »wirtschaftliche  Kategorie«.  Das  Recht  dagegen  ist  wan- 
delbar,  und  darum  ist  jede  positive  Rechtsform  des  Kapitals  nur  eine  »ge- 
schichtlich-rechtliche<(  Kategorie.  Das  ist  der  Fall  mit  dem  auf  dem  Privat- 
eigentum  beruhenden  und  Einkommen  schaffenden  Kapital,  das  W.  als  das 
Privat-  oder  Erwerbskapital  bezeichnet.  Dieses  ist  das  Kapital,  das  der  Sozia- 
lismus  beseitigen  will;  nur  dieses  kann  beseitigt  werden.  Die  wichtige  Folge- 
rung  ist,  daB  man  bei  den  »kapitalistischen«  Folgen  auch  diese  Unterscheidung 
scharf  beriicksichtigen  muB.  Ein  groBer  Teil  der  Folgen  beruht  auf  dem  Kapital 
als  wirtschaftlicher  Kategorie,  auf  dem  Volks-  oder  Produktionskapital.  Eine 
Aufhebung  des  Privatkapitals  beseitigt  sie  nicht;  sie  bezieht  sich  vielmehr 
nur  auf  diejenigen  »kapitalistischen«  Folgen,  die  aus  der  privaten  Rechtsform 
des  Kapitals  hervorwachsen,  und  man  kann  sehr  zweifelhaft  sein,  ob  sie  die 
wichtigeren  sind.  Jedenfalls  hat  der  Mangel  einer  solchen  klaren  Unterschei- 
dung beim  Sozialismus  eine  Fulle  von  Verwirrung  hervorgerufen. 

Nicht  minder  wichtig  ist  W.s  wirtschaftliche  Motivenlehre,  die  er  selbst  den 
»Ausgangspunkt  fur  alle  weiteren  Erorterungen  in  der  Wirtschaftslehre«  ge- 
nannt  hat.  Auch  in  ihr  richtet  er  sich  gegen  zwei  Fronten :  gegen  die  Sozialisten, 
die  den  Erwerbstrieb  aus  dem  Wirtschaftsleben  ausschalten  wollen,  und  gegen 
die  Anh anger  der  historischen  Schule,  welche  in  der  Lehre  von  Adam  Smith 
liber  das  »Selbstinteresse«  eine  »bodenlose  Oberflachlichkeit<<  erblicken.  W. 
sucht  als  erster  in  sorgfaltiger  Untersuchung  festzustellen,  welche  Motive  im 
Wirtschaftsleben  uberhaupt  eine  Rolle  spielen  und  wie  sie  sich  im  einzelnen 
zueinander  verhalten,  insbesondere,  wieweit  sie  sich  ersetzen  konnen.  Er  ge- 
langt  zunachst  gegeniiber  der  historischen  Schule  zu  dem  Ergebnis,  daB  die 
Lehre  der  Klassiker  hier  zwar  erganzungsbedurftig,  aber  nicht  falsch  und  ober- 
flachlich  ist,  wenn  sie  richtig  verstanden  wird.  Er  sagt  nachdriicklich,  mit  Recht 
habe  »die  Methode  der  Deduktion  der  politischen  Okonomie  gerade  dieses 
Motiv — den  , self  interest' — als  Ausgangspunkt  genommen«.  Diese  ideal- 
typische  Abstraktion  halt  er  fiir  ein  wirksames  Hilfsmittel,  in  die  Kausal- 
zusammenhange  einzutreten.  Nur  muB  man  natiirlich  auch  hier  das  »Verifizie- 
rungsverf ahren «  nicht  vernachlassigen,  wie  es  vor  allem  die  Nachfolger  der 
klassischen  Schule  get  an  haben ;  auch  iiber  die  durch  das  Gesamtwohl  gebotenen 
Grenzen  des  Erwerbstriebes  und  die  Moglichkeiten  seiner  Kontrolle  ist  Klar- 
heit  notig.  Wichtiger  noch  ist  das  Ergebnis  gegeniiber  dem  Sozialismus:  die 
von  diesem  so  leichthin  angenommene  Ersetzbarkeit  des  Erwerbstriebes  durch 
andere  Motive  ist  ein  durch  nichts  gerechtfertigter  Optimismus.  Die  psycho- 
logischen  Griinde  sind  es  in  erster  Linie,  an  denen  die  sozialistischen  Plane 
scheitern;  sie  bauen  sich  auf  der  Annahme  »wesensanderer  Menschen«  auf. 
Was  Schaffle  zuerst  dargelegt  hat,  hat  W.  zu  einer  system atischen  Lehre  ausge- 
staltet.  GewiB  ist  sie  nichts  Fertiges  fiir  alle  Zeiten.  Insbesondere  in  der  Zu- 
ruckfuhrung  der  Motive  auf  die  Bediirfnisse  und  in  der  Differenzierung  der 


igo  1917 

Analyse  konnte  man  noch  weiter  gehen.  Aber  W.s  Motivenlehre  bleibt  eine 
theoretisch  und  praktisch  auBerordentlich  wertvolle  Leistung. 

Neben  der  Motivenlehre  hat  W.  stets  in  der  Bevolkerungslehre  den  durch- 
schlagendsten  Grund  gegen  den  Sozialismus  gesehen.  Er  hat  immer  wieder 
Malthus  gegen  MiBverstandnisse  in  Schutz  genommen,  die  Ansicht  von  Karl 
Marx,  daB  das  Ubervolkerungselend  nur  eine  Frage  der  »kapitalistischen«  Pro- 
duktionsweise  sei,  bekampft  und  auf  die  aus  der  gleichbleibenden  Natur  des 
Menschen  hervorwachsenden  grundlegenden  Bevolkerungsprobleme  hinge- 
wiesen.  Mit  Riicksicht  auf  sie  hat  er  alles  befurwortet,  was  einer  Entvolkerung 
des  platten  Landes  entgegenwirken  konnte,  inid  den  Kampf  gegen  den  »In- 
dustriestaat«  auf  genommen.  Mit  Riicksicht  auf  sie  war  er  der  Ansicht,  daB  die 
Ausfuhrung  der  sozialistischen  Plane  so  harte  Beschrankungen  der  individuellen 
Freiheit  erfordere,  daB  sie  als  untragbar  empfunden  werden  miiBten. 

Wahrend  W.  in  der  Verstandnislosigkeit  des  Sozialismus  fur  die  Bevolke- 
rungsfrage  einen  seiner  Hauptmangel  sah,  erkannte  er  immer  wieder  an,  daB 
»eine  vollstandige  prinzipielle  Behandlung  der  Einfliisse  der  Konjunktur  vor- 
nehmlich  doch  erst  den  sozialistischen  Theorien  zu  verdanken«  sei.  Schon  1879 
befiirwortete  er,  auch  hier  vom  Sozialismus  zu  lernen;  denn  »die  Signatur  der 
modernen  Volkswirtschaft«  liege  darin,  daB  die  Konjunktur  »vielfach  als 
dritter  Hauptfaktor,  von  welchem  die  Tauschwertsumme  des  Giiterbestandes 
in  der  Wirtschaft  und  des  Vermogensbestandes  einer  Person  abhangt,  neben 
die  beiden  anderen  hierfiir  maBgebenden  Faktoren,  die  Produktion  und  die 
Konsumtion,  tritt«.  Daher  hielt  er  es  auch  fiir  eine  berechtigte  Aufgabe,  den 
miBlichen  Folgen  der  Konjunktur  entgegenzuarbeiten ;  aber  das  sei  naturlich 
nur  eine  »Bekampfung  der  Symptome,  der  Folgen  des  t)bels«.  Wichtiger  sei, 
»zu  fordern,  ob  und  wieweit  das  Ubel  selbst,  der  maBgebende  EinfluB  der 
Konjunktur,  beseitigt  oder  vermindert  werden  kann«.  Das  bezeichnet  W.  als 
»die  prinzipielle  Frage  der  heutigen  Nationalokonomie<(.  Diese  klare  Erkennt- 
nis,  die  seinerzeit  nur  wenig  Beachtung  fand,  muB  sich,  fast  ein  halbes  Jahr- 
hundert  spater,  durch  eine  Wirrnis  unklarer  Plane  erst  muhsam  wieder  durch- 
ringen. 

Endlich  steht  mit  der  Motivenlehre  noch  eine  Lehre  im  Zusammenhang :  die 
Organisationslehre.  Auch  hier  hat  W.,  gestiitzt  auf  Schaffle,  in  der  wissen- 
schaftlichen  Analyse  einen  wichtigen  Schritt  voran  getan.  Er  unterscheidet 
drei  Systeme :  das  privatwirtschaftliche,  gemeinwirtschaftliche  und  karitative 
System.  Stets  sind  in  der  Praxis  des  Wirtschaftslebens  alle  drei  Systeme  mit- 
einander  vermischt.  Diese  Mischung  ist  immer  verschieden  und  gibt  der  ein- 
zelnen  Volkswirtschaft  ihr  besonderes  Geprage.  Den  wechselnden  Erforder- 
nissen  der  Zeit  diese  Mischung  anzupassen,  ist  eine  Hauptaufgabe  aller  Wirt- 
schaftspolitik.  Sie  lost  sich  in  zahlreiche  Einzelprobleme,  insbesondere  schwie- 
rige  Verstaatlichungsfragen  auf,  die  nur  in  ernster  Einzelpriifung,  nicht  durch 
Schlagworte,  gelost  werden  konnen. 

An  diese  Organisationslehre  knupfen  die  positiven  Reform vorschlage  W.s 
an.  Sie  laufen  in  der  Hauptsache  darauf  hinaus,  das  gemeinwirtschaftliche 
System  in  der  Volkswirtschaft  zu  verstarken.  Einmal  sollen  durch  eine  Reihe 
von  Verstaatlichungen  —  die  Eisenbahnen,  WasserstraBen,  Notenbanken  so- 
wie  Walder  spielen  dabei  eine  besondere  Rolle  —  besonders  schadliche  und 
verbitternde  Ausbeutungsmoglichkeiten  ausgeschaltet  und  damit  eine  hohere 


Wagner  igi 

Gerechtigkeit  in  der  Verteilung  der  Giiter  erzielt  werden.  Im  Interesse  der 
Gesamtheit  darf  der  Staat  iiberhaupt  Monopole  privater  Art  nicht  aufkommen 
lassen.  Zweitens  musse  ein  hoherer  Wohlstand  der  Arbeiterklassen  erstrebt 
werden.  »Proletarier«  wie  »Millionare«  sind  »ein  Auswuchs,  eine  soziale  Krank- 
heit«.  Die  Gegensatze  von  Arm  und  Reich  diirfen  nicht  immer  groBer  werden; 
sie  mussen  im  Gegenteil  verringert  werden,  da  die  zunehmende  Bildung  der 
Arbeiter  sie  immer  fuhlbarer  werden  laBt.  Das  ist  der  Gesichtspunkt,  von  dem 
aus  W.  auch  die  schon  besprochene  » soziale  Steuerpolitik«  befurwortet. 

W.  glaubt  im  AnschluB  an  Rodbertus  in  der  Entwicklung  des  Wirtschafts- 
lebens  ein  »historisches  Gesetz«  der  zunehmenden  Ausdehnung  der  Staats- 
tatigkeit erkennen  zu  konnen  und  meint,  wer  dieses  Gesetz  erfafit  habe,  habe 
auch  »die  Berechtigung,  zu  sagen,  was  geschehen  soll«.  Fiir  dieses  Gesetz 
ist  aber  ein  zwingender  Beweis  nicht  zu  erbringen.  Es  ist  unzweifelhaft  in 
einem  gewissen  Gegensatz  zum  systematischen  MiBtrauen,  mit  dem  der  Libe- 
ralismus  der  Staatstatigkeit  gegeniiberstand,  aufgestellt  worden;  und  mit 
Recht  ist  auch  gefragt  worden,  ob  der  Nachweis  einer  historischen  Entwicklung 
geniigen  konne,  eine  tief  eingreifende  Wirtschaftspolitik  zu  rechtfertigen. 
Solche  Zweifel  sind  urn  so  mehr  am  Platze,  als  eine  scharfe  Grenze  zwischen 
Individuum  und  Staat  nicht  zu  ziehen  ist.  W.  begniigte  sich  daher  auch  mit 
der  ganz  allgemeinen  Formel,  die  Tatigkeit  des  Staates  sei  moglichst  auszu- 
dehnen,  ohne  die  Entwicklung  des  Individuums  zu  gefahrden.  Er  verkannte 
nicht,  daB  darin  ein  gewisses  MaB  von  »Willkur«  liege.  Darum  faBte  er  auch 
selbst  »Kautelen«  ins  Auge,  und  zwar  erstens  eine  international  einigermaBen 
gleiche  Arbeitergesetzgebung,  zweitens  eine  Regelung  der  internationalen  Kon- 
kurrenz  durch  »soziale  Schutzzolle«  und  drittens  die  gesetzliche  Beseitigung  be- 
sonderer  MiBstande  der  freien  Konkurrenz  im  Borsen-,  Bank-,  Aktien-  und 
Versicherungswesen.  Auch  dann  bleibt  besonnenes  MaBhalten  oder — wie 
W.  sagt  —  eine  Beschrankung  auf  die  Falle  notig,  »wo  es  okonomisch  und  tech- 
nisch  passend  ist«.  Dtese  vorsichtige  Formulierung  kann  dariiber  nicht  tau- 
schen,  daB  W.  bei  seinen  Forderungen  einseitig  die  staatlichen  Verhaltnisse 
ins  Auge  gefaBt  hat,  die  ihm  damals  im  Deutschen  Reich  gegeben  zu  sein 
schienen.  Er  hat  es  nicht  beachtet,  daB  das  MaB  der  Staatstatigkeit  in  erster 
Linie  von  der  Art  des  Staates  selbst  abhangt:  von  dem  Grade  seiner  Stetigkeit 
und  Uberparteilichkeit,  der  Gesundheit  seiner  Traditionen,  der  Bildung  seiner 
Leiter.  Die  Gefahren  treten  urn  so  ernster  in  den  Vordergrund,  je  mehr  Garan- 
tien  besonnenen  MaBes  im  Staate  fehlen.  Seinerzeit  hat  jedoch  diese  unermiid- 
lich  verfochtene  Politik,  die  mit  dem  irrefuhrenden,  nur  fiir  Rodbertus  passen- 
den  Ausdruck  »Staatssozialismus«  bezeichnet  zu  werden  pflegt,  groBte  Be- 
achtung  gef unden ;  sie  ist  auch  von  starkem  praktischen  EinfluB  gewesen  und 
hat  einen  Sturm  von  Angriffen  gegen  W.  entfesselt.  Mit  Bezug  auf  sie  hat 
Toennies  gesagt:  » Kathedersozialismus  ist  eine  Merkwiirdigkeit,  eine  Gelehr- 
samkeit,  eine  Vermittlung.  Staatssozialismus  ist  ein  Programm.  Und  das  war 
es,  was  der  Natur  W.s  gemaB  war :  in  ihm  loderte  die  Flamme  reformatorischen 
Geistes. « 

DAS  wissenschaftliche  Lebenswerk  von  Adolf  W.  stellt  eine  gewaltige,  frei- 
lich  vielfach  unvollstandige  Einheit  dar.  Unter  dem  Zwang  der  Logik  und  dem 
Druck  eines  starken  wissenschaftlichen  Verantwortungsgefuhls  hat  sich  die 
Arbeit  eines  Spezialgelehrten,  der  fiir  monographische  Studien  ungewohnlich 


192  1917 

befahigt  war,  zu  immer  umfassenderen  Aufgaben  systematischer  Art  geweitet, 
obwohl  die  Zeit,  infolge  des  stiirmischen  Gangs  der  Entwicklung,  ihnen  abhold 
war  und  wirtschaftswissenschaftliche  Spezialstudien  einseitig  begiinstigte. 
Schmoller  hat  sich  diesem  Zuge  der  Zeit  gefiigt.  Seit  seiner  Jugendschrift 
»Zur  Geschichte  der  deutschen  Kleingewerbe  im  19.  Jahrhundert«  aus  dem 
Jahre  1870  hat  er  drei  Jahrzehnte  lang  kein  ejgentliches  Buchmehr  geschrieben 
und  erst  am  Ende  seines  Lebens  seine  Aufsatze  und  Vorlesungen  zu  einem 
Werk  zusammengefaBt,  das  mehr  das  erstaunliche  Ergebnis  einer  langen,  rast- 
losen  Lesearbeit  darstellt  als  das  geschlossene  System  einer  Wissenschaft. 

W.  dagegen  hat  sich  bereits  zu  Beginn  seiner  Laufbahn  mit  den  groBten 
Aufgaben  der  Zusammenfassung  belastet,  von  denen  er  sein  Leben  lang  nicht 
wieder  frei  wurde.  Spurt  man  in  Schmollers  »Grundrii3«  einen  Hauch  der  freu- 
digen  Stimmung  eines  Erntefestes,  so  empfindet  man  bei  den  umfangreichen 
Werken  W.s  von  Jahrzehnt  zu  Jahrzehnt  mehr,  wie  er  von  einer  Riesenlast 
bedriickt  wurde,  die  nicht  abzuwalzen  war.  W.  fuhlte  sich  gleichsam  in  geistigen 
Fesseln,  und  wenn  er  sie  auch  immer  wieder  fur  kurze  Zeit  abstreifte,  so  geschah 
es  doch  meist  mit  einem  Gefuhl  des  schlechten  Gewissens.  Die  voile  Freude 
des  Freischaffenden  hat  er  nur  selten  genossen.  In  diesem  Widerspruch  der 
logisch  erwachsenen  Aufgabe  zum  Grundcharakter  der  Zeit  und  zu  der  Lei- 
stungsfahigkeit  eines  einzelnen  liegt  in  erster  Linie  die  Tragik  dieses  Gelehrten- 
lebens. 

Erst  an  zweiter  Stelle  liegt  sie  in  der  Sonderstellung,  die  W.  lange  Zeit  in  der 
deutschen  Wirtschaftswissenschaft  angenommen  hat.  Er  schwamm  bewuBt 
gegen  den  Strom.  Darin  war  seine  wissenschaftliche  und  menschliche  GroBe 
begriindet;  daraus  erwuchs  ihm  aber  auch  immer  wieder  ein  Gefuhl  nutzlos 
vertaner  Arbeit  und  hilfloser  Isolierung.  Doch  immer  wieder  triumphierte  auch 
die  Uberzeugung  von  der  Berechtigung  und  Zukunftskraft  seiner  Methoden 
und  Lehren,  und  zum  SchluB  seines  Lebens  hat  er  die  groBe  Befriedigung  ge- 
habt,  daB  die  Gesamtentwicklung  mehr  und  mehr  in  Bahnen  einlenkte,  die  er 
selbst  zu  wandeln  und  zu  lehren  nicht  miide  geworden  war. 

Trotzdem  haben  auch  jetzt  W.s  Hauptwerke  nicht  den  EinfluB  gewonnen, 
auf  den  sie  sachlich  einen  Anspruch  hatten.  Das  hangt  mit  dem  Gewand  zu- 
sammen,  in  dem  sie  auftreten.  Schon  auBerlich  ist  es  ungewohnlich.  Wahrend 
Anmerkungen  namlich  sonst  am  FuBe  des  Textes  oder  am  SchluB  des  Para- 
graphen  untergebracht  zu  werden  pflegen,  hat  W.  sie  in  den  Text  einbezogen. 
Seine  Gedankenfuhrung  erleidet  daher  immer  wieder  Unterbrechungen  und 
Verlangsamungen.  Auch  wo  eine  groBe  L,inie  in  der  Darstellung  vorhanden  ist, 
vermag  sie  nicht  wirksam  in  die  Erscheinung  zu  treten.  Das  ist  um  so  storen- 
der,  als  W.  es  als  Pflicht  wissenschaftlicher  Griindlichkeit  und  literarischen 
Anstandes  empfand,  bei  jedem  Schritt  festzustellen,  mit  wem  er  sich  ganz 
oder  teilweise  in  tTbereinstimmung  befinde,  und  sich  mit  alien  umstandlich 
auseinanderzusetzen,  welche  irgendwie  eine  andere  Ansicht  vertraten.  Immer 
wieder  muB  der  L,eser  auf  Seitenwegen  an  kleineren  NebenstrauBen  teilneh- 
men,  die  ihn  wcnig  oder  gar  nicht  interessieren. 

Das  fiel  fort,  sobald  W.  die  schwerfallige  Riistung  des  wissenschaftlichen 
Systematikers  auszog.  Dann  konnte  seine  Personlichkeit,  die  mit  der  umstand- 
lichen  und  pedantischen  Methode  seiner  Lehrbiicher  in  scharfem  Widerspruch 
stand,  sich  frei  entfalten.  In  ihr  lebte  bis  an  die  Schwelle  des  Todes  eine  jugend- 


Wagner.  Zeppelin  103 

liche  Feuerseele.  Nicht  Gelehrter  und  Lehrer  standen  bei  ihm  im  Vordergrund, 
sondern  der  furchtlose  Kampfer,  der  gerade  aufs  Ziel  losgeht,  sich  opfert  fur 
seine  Uberzeugung,  auch  mit  Freunden  bricht,  wenn  die  Sache  es  erfordert. 
Diese  freie,  offene,  feurige  Personlichkeit  enthullt  sich  in  den  zahlreichen 
Streitschriften,  die  so  eindrucksvoll  die  miihsame  Gelehrtenarbeit  begleiten. 
Erst  Widerspruch  brachte  sie  zu  voller  Entfaltung. 

Ganz  ahnlich  auch  in  der  Lehrtatigkeit.  Die  groBen  systematischen  Vor- 
lesungen  unterdriickten  seine  Personlichkeit.  In  ihnen  trat  die  Muhseligkeit 
der  Arbeit  und  die  Unterwerfung  unter  selbst  erwahlte  Grundsatze  zu  sehr  in 
den  Vordergrund.  Fur  sie  lieB  ihm  auch  seine  wissenschaftliche  Tatigkeit 
meist  nicht  viel  Zeit  zur  Vorbereitung.  Fiir  W.  war  die  kurze  offentliche  Vor- 
lesung  der  Hohepunkt  seiner  Lehrtatigkeit.  Da  entfaltete  sich  seine  groBe 
natiirliche  Beredsamkeit,  steigerte  sich  sein  Wahrheitsdrang  zum  Bekenner- 
mut,  teilte  er  nach  links  und  rechts,  oft  herausfordernd,  lustige  Schlage  aus. 
Wenige  konnten  eine  groBe  Zuhorerschaft,  zumal  eine  studentische,  so  packen 
und  begeistern.  Und  wenn  W.  auch  wohl  kaum  ein  groBer  Lehrer  genannt 
werden  kann,  seine  tapfere,  treue  Mannesart,  seine  ganze  vorbildliche  Person- 
lichkeit machte  ihn  zum  groBen  Erzieher.  Er  hat  keine  Schule  hinterlassen,  und 
doch  war  sein  EinfluB  weitreichend  wie  selten  der  eines  Professors.  Der  auf- 
rechte,  ritterhche  Kampfer  fiir  das  Vaterland,  fiir  die  Gerechtigkeit  und  fiir 
die  Wahrheit  hat  sich,  weit  iiber  den  Tod  hinaus,  eine  Statte  in  vielen  dank- 
baren  Herzen  geschaffen. 

Literatur:  Zunachst  iiber  Wagners  Personlichkeit  im  ganzen:  Schmoller  und  Sering, 
Reden  zu  W.s  70.  Geburtstag.  Schrnollers  Jahrbuch  1905.  —  Einleitung  zur  Festgabe 
zum  70.  Geburtstag  von  Adolf  W.,  Berlin  1905.  —  Artikel  W.  im  Handworterbuch  der 
Staatswissenschaften. —  Reinhold  Seeberg,  Trauerrede  fiir  Adolf  W.,  Berlin  1918.  — 
Hermann  Schumacher,  Adolf  W.,  eine  Gedachtnisrede,  Schrnollers  Jahrbuch  19 18;  auch 
Hermann  Schumacher,  Gustav  Schmoller.  Technik  und  Wirtschaft  191 7,  Heft  8. — 
Toennies,  Adolf  W.Deutsche  Rundschau,  Band  174.  — Westphal,  Adolf  W.  Deutsche 
Akademische  Rundschau  vom  i.Mai  1927. 

Sodann  iiber  W.s  Schriften :  v.  Heckel,  Die  finanzwissenschaftlichen  Schriften  Adolf  W.s. 
Jahrbiicher  fiir  Nationalokonomie  und  Statistik  1900.  —  Entwicklung  der  deutschen 
Volkswirtschaftslehre  im  19.  Jahrhundert  (Schmoller-Festschrift),  und  zwar  insbesondere 
Hermann  Schumacher,  Geschichte  der  deutschen  Bankliteratur  im  19.  Jahrhundert;  Ger- 
lach,  Geschichte  der  Finanzwissenschaft;  v.  Heckel,  Die  Steuern.  Leipzig  1908.  —  Vogel, 
Die  finanzpolitischen  Steuerprinzipien  in  Literatur  und  Theorie.  Zeitschrift  fiir  die  ge- 
samten  Staatswissenschaften  1 9 10.  —  Schneider,  Adolf  W.s  Beziehungen  zum  Sozialis- 
mus.  Neubrandenburg  192 1.  —  Kirchner,  Adolf  W.s  Nachlafl  in  der  PreuBischen  Staats- 
bibliothek.  Schrnollers  Jahrbuch  1927. 

Berlin-Steglitz.  Hermann  Schumacher. 

Zeppelin,  Ferdinand  Graf  v.,  *  am  8.  Juli  1838  auf  dem  Landgut  Girsberg  bei 
Konstanz,  f  am  8.  Marz  1917  in  Berlin.  —  Die  Ahnen  des  Grafen  Z.  waren 
urspriinglich  in  Mecklenburg  ansassig.  Bereits  im  13.  Jahrhundert  gab  es  hier 
ein  Gut  Zepplin.  Im  18.  Jahrhundert  trat  der  Groflvater,  Ferdinand  Ludwig, 
in  wurttembergische  Dienste  und  wurde  in  den  Grafenstand  erhoben.  Graf 
Friedrich,  sein  Sohn,  war  Hofmarschall  des  Fiirsten  von  Hohenzollern.  Auf 
seinem  Gute  wurde  ihm  am  8.  Juli  1838  Graf  Ferdinand  v.  Z.  geboren.  Hier 
verbrachte  er  seine  ersten  Jugendjahre  und  wurde  von  seiner  Mutter  und  spater 
von  mehreren  Hauslehrern  unterrichtet.  Im  Alter  von  14  Jahren  kam  er  in  die 

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Realschule  nach  Stuttgart,  spater  in  die  Kadettenanstalt  Ludwigsburg  und 
wurde  1857  Leutnant.  Bereits  im  nachsten  Jahre  wurde  er  beurlaubt  und  stu- 
dierte  in  der  Hauptsache  staatswissenschaftliche  Facher  auf  der  Universitat 
Tubingen.  1859  versetzte  man  inn  in  das  Ingenieurkorps  nach  Ulm,  im  Herbst 
desselben  Jahres  kam  er  in  den  Generalquartierstab.  Im  Frontdienst  war  er 
jedoch  nicht  lange  tatig. 

Zahlreiche  Reisen,  deren  Hauptzweck  stets  militarische  Studien  waren, 
fuhrten  ihn  1861  nach  Osterreich,  Italien  und  Frankreich,  1862  nach  Belgien 
und  England.  Im  Jahre  1863  erhielt  er  Urlaub,  um  an  dem  amerikanischen 
Sezessionskrieg  als  Zuschauer  teilnehmen  zu  konnen.  Dort  machte  er  bei 
St.  Paul  seinen  ersten  Aufstieg  in  einem  Militarballon.  Seine  Studien  in  Amerika 
beschrankten  sich  jedoch  nicht  auf  das  rein  militarische  Gebiet.  Er  lernte  Land 
und  Leute  eingehend  kennen  und  unternahm  eine  Forschungsexpedition  zur 
Erkundung  der  Mississippiquellen.  1864  nach  Deutschland  zuriickgekehrt, 
zeichnete  er  sich  im  Feldzug  1866  aus. 

Als  Generalstabsoffizier  der  wurttembergischen  Reiterbrigade  nahm  Z.  an 
dem  Feldzug  1870  teil.  Zu  Beginn  dieses  Krieges  fiihrte  er  erfolgreich  eine 
wichtige  Erkundungspatrouille  durch,  durch  die  er  in  weiteren  Kreisen  iiber 
die  deutsche  Armee  hinaus  bekannt  wurde.  Es  handelte  sich  darum,  festzu- 
stellen,  ob  Mac  Mahon  in  die  Pfalz  aufmarschiere,  ob  eine  dritte  Division  bei 
seinem  Korps  sei ;  bisher  hatte  man  nur  Truppen  der  ersten  und  zweiten  Divi- 
sion festgestellt.  Spater  nahm  dann  Z.  an  dem  Kampf  bei  Worth  und  vor  Paris 
teil.  1874  wurde  er  Major,  1882  Regimentskommandeur.  In  den  diplomatischen 
Dienst  iibertretend,  war  er  1885 — 1887  Militarbevollmachtigter  bei  der  wurt- 
tembergischen Gesandtschaft  in  Berlin  und  bis  1889  Gesandter  und  Bevoll- 
machtigter  beim  Bundesrat.  1888  wurde  er  zum  General  d  la  suite  des  Konigs  von 
Wurttemberg  befordert.  In  den  Militardienst  zuriickgekehrt,  erhielt  er  1890 
eine  Kavalleriebrigade  in  Saarburg.  Jedoch  in  den  Manovern  des  nachsten 
Jahres  wurde  er  zur  Disposition  gestellt.  Dies  kam  fur  alle,  die  seine  aoBer- 
ordentlichen  militarischen  Fahigkeiten  kannten,  iiberraschend.  Seine  mili- 
tarische Laufbahn  war  abgeschlossen.  Er  hielt  dies  fur  ein  Ungliick,  jedoch 
sollte  es  sich  in  ein  Gliick  fur  die  Luftschiffahrt  verwandeln. 

Bereits  im  Jahre  1873  hat  Z.  ein  groBes,  starres,  in  Zellen  eingeteiltes  Luft- 
schiff  entworfen,  ohne  sich  jedoch  klar  zu  sein,  mit  welchen  Maschinen  es  an- 
getrieben  werden  sollte  und  welches  fur  die  Versteifung  notwendige  Metall 
verwendet  werden  miiBte.  Im  gleichen  Jahre  hielt  Dr.  Stephan  (der  spatere 
General-Postmeister)  einen  Vortrag  iiber  Weltpost  und  Luftschiffahrt,  der  ein 
Jahr  spater  veroffentlicht  wurde.  Hieraus  seien  folgende  Satze  mitgeteilt: 

»Seit  den  altesten  Zeiten  finden  sich  Spuren  davon,  dai3  der  menschliche 
Geist  sich  mit  der  Fortbewegung  des  Korpers  in  der  Luft  beschaftigt.  Die 
Gesamtsumme  der  in  Europa  und  Amerika  bis  jetzt  (1874)  ausgefiihrten  Luft- 
fahrten  belauft  sich  auf  3700.  Auf  diese  Zahl  kommen  16  Tote,  gewifi  kein  un- 
gunstiges  Resultat.  Im  ganzen  liefern  diese  Tatsachen  den  Beweis,  daB  man 
imstande  ist,  mit  dem  Ballon  langere  Reisen  zu  unternehmen.  Die  Schnellig- 
keit  und  Richtung  hangen  zurzeit  noch  freilich  ganz  vom  Winde  ab,  und  hier 
tritt  der  Kern  der  Frage  hervor.«  Ferner:  »Seit  den  Zeiten  Elisabeths  von  Eng- 
land (1558 — 1603)  beschaftigt  das  Problem  der  Nordpolexpedition  den  mensch- 
lichen  Geist;  mit  den  bisherigen  Mitteln  und  Anstalten  der  Ausfuhrung  hat 


Zeppelin  195 

es  schon  viele  Menschenleben  gekostet  und  scheint  auf  den  gewohnlichen  Wegen 
dennoch  unlosbar  zu  sein.  Wie  leicht  wiirde  das  Luftschiff  iiber  die  undurch- 
dringlichen  Eisf elder  hinwegfliegen ! «  Und  gegen^den  SchluB  des  Vortrages 
heiBtes:  »Soviel  durfte  feststehen,  daB  wenigstens  von  den  bisher  bekannten 
neueren  Erf indungen  keine  so  sehr  wie  die  Luftschif f ahrt  zu  einer  Vervollkomm- 
nnng  der  Kommunikation  der  Erdbewohner  sich  als  geeignet  erweisen  wird.« 
Aus  den  Besprechungen  iiber  seinen  Plan,  die  durch  den  Vortrag  Stephans 
angeregt  wurden,  erkannte  man,  welche  Bedeutung  Z.  der  Verwirklichung 
seines  Gedankens  beimaB.  Er  betonte  wiederholt  die  kulturelle  Aufgabe  eines 
solchen  Fahrzeuges  fur  grofle  Forschungsreisen.  Jedoch  erst  viel  spater  ver- 
lieh  Z.  seinen  Anschauungen  iiber  Lenkluftschiffe  dadurch  festere  Gestalt,  daB 
er  im  Jahre  1887  dem  Konig  von  Wiirttemberg  in  einer  Denkschrift  seine 
Gedanken  darlegte. 

»Die  Unvollkommenheit  der  Fesselballone  hatten  die  Kriegsministerien  der 
GroBstaaten  zu  der  Erkenntnis  gebracht,  daB  eine  bedeutende  Einwirkung  auf 
die  Kriegfuhrung  nur  durch  Lenkballone  zu  erreichen  sei,  und  es  seien  auch 
Aufwendungen  fur  diesen  Zweck  gemacht  worden,  wobei  Deutschland  zuriick- 
geblieben  sei,  wahrend  Frankreich,  das  nicht  mit  Mitteln  karge,  wo  es  sich  um 
militarische  Vorteile  iiber  die  Nachbarn  handle,  schon  Erfolge  auf  diesem  Gebiet 
aufzuweisen  habe,  indem  durch  das  Luftschif f  »La  France  a  der  Hauptleute 
Rinard  und  Krebs,  das  allerdings  nur  eine  Eigengeschwindigkeit  von  5  Meter- 
sekunden  habe,  die  Moglichkeit  der  Lenkung  unwiderleglich  erwiesen  sei. 

Zur  wirtschaftlichen  Nutzbarmachung  der  freien  Luftschiffahrt  fur  mili- 
tarische Zwecke  sei  daher  nur  noch  erforderlich,  daB  die  Schiffe  auch  gegen 
starkere  Luftstromungen  vorwarts  kamen,  daB  sie  erst  nach  langerer  Zeit 
(mindestens  24  Stunden)  zu  landen  genotigt  seien,  um  weite  Rekognoszierungen 
ausfuhren  zu  konnen,  daB  sie  bedeutende  Tragkraft  besaBen,  um  eine  grofiere 
Zahl  von  Menschen,  Vorraten  oder  Sprengstoffen  mitfuhren  zu  konnen.  Alle 
drei  Anforderungen  bedingten  ausgedehnte  Gasraume,  also  groBe  Luftschiffe. 
Wesentliche  Fortschritte  in  der  Vervollkommnung  der  lenkaren  Schiffe 
blieben  nur  noch  zu  machen  in  der  Findung  einer  zum  Durchschneiden  der  Luft 
geeigneten  Form  und  der  Moglichkeit  ohne  Ballastverminderung  zu  steigen  und 
ohne  Gasverlust  zu  sinken.  Gelange  es,  dieses  Problem  zu  losen,  so  sei  der 
Luftschiffahrt  eine  noch  ganz  unschatzbare  Bedeutung  nicht  allein  fur  die 
Kriegfuhrung,  sondern  auch  fur  den  allgemeinen  Verkehr  (kiirzeste  Verbin- 
dung  durch  Gebirge  oder  Meere  getrennter  Orte)  fur  die  Erforschung  der  Erde 
(Nordpol,  Innerafrika)  in  der  Zukunft  gewiB. « 

Aus  seinen  heute  noch  gultigen  und  kaum  erf ullten  Auf gaben  des  Ivuftschiff- 
baues  und  der  Luftschiffahrt  kennzeichnenden  Darlegungen  geht  klar  hervor, 
daB  Z.,  bevor  er  an  die  technische  Seite  der  Losung  des  Problems  heranging, 
die  Aufgaben  festlegte,  die  von  einem  Luftschiff  erfiillt  werden  muBten,  um 
Nutzen  zu  bringen,  und  denen  die  Einrichtungen  des  Luftschiffes  anzupassen 
waren,  f erner  daB  er  betonte,  daB  das  Luftschiff  groB  ausgef uhrt  werden  miisse. 
Verf olgt  man  die  Entwicklungsgeschichte  der  beiden  in  derLuftschiff ahrt  neben- 
einander  bestehenden  Systeme,  namlich  das  starre  Luftschiff  und  das  Prall- 
luftschiff,  so  erkennt  man  klar  den  Grund  fur  die  groBen  Erfolge  des  starren 
Systems.  Das  Pralluftschiff ,  entstanden  in  engster  Anlehnung  an  den  Frei- 
ballon,  besitzt  keine  feste  Form,  diese  mufi  vielmehr  auf  kunstlichem  Wege 


196  1917 

gegeben  und  erhalten  werden.  Beim  starren  Luftschiff  liegt  diese  im  Bau 
selbst. 

Nach  seinem  Ausscheiden  aus  dem  Militardienst  im  Jahre  1891  konnte  er 
mit  voller  Energie  und  groBer  Begeisterung  an  die  Verwirklichung  der  in  der 
Denkschrift  niedergelegten  Gedanken  herangehen.  Gemeinsam  mit  dem  In- 
genieur  Theodor  Kober  fuhrte  er  im  Jahre  1892  und  1893  die  Berechnung  und 
Zeichnung  seines  Luftschiffes  durch.  Anfang  1894  war  der  Entwurf  fertig- 
gestellt  und  wurde  im  Marz  in  einer  Denkschrift  mit  den  dazugehorigen  Zeich- 
nungen  einer  Kommission,  die  vom  Kriegsministerium  einberufen  war,  vor- 
gelegt. 

Die  Hauptkennzeichen,  die  dem  ersten  Projekt  zugrunde  lagen  und  die  be- 
zuglich  des  konstruktiven  Charakters  bis  zu  seiner  Vervollkommnung  unver- 
andert  beibehalten  wurden,  sind:  die  schlanke  Form,  das  Gerippe  aus  Alu- 
minium, die  Einteilung  des  Gasraumes  in  eine  groBe  Zahl  gleicher  zylindrischer 
Zellen,  die  Anordnung  von  zwei  getrennten  Gondeln,  eine  Kommandostelle, 
die  feste  Verbindung  der  Gondeln  mit  dem  Gerippe,  die  Anordnung  eines  Ver- 
bindungsganges  zwischen  den  Gondeln,  die  Anbringung  der  Luftschrauben  in 
Hohe  des  Luftwiderstandsmittelpunktes. 

Ausgehend  von  den  in  der  Denkschrift  niedergelegten  Gedanken,  daB  das 
starre  Luftschiff  groB  sein  miisse  und  im  Hinblick  darauf ,  daB  das  Luftschiff 
sein  Eigengewicht,  Betriebsmittel  fur  mehrere  Stunden,  Ballast,  Triebwerke 
zur  Erreichung  von  mindestens  9  m/s  Geschwindigkeit  und  die  notwendige 
Besatzung  heben  miisse,  sowie  unter  Beriicksichtigung  eines  Sicherheits- 
faktors,  betrug  die  erforderliche  Gasmenge  11 300  cbm.  AlsGas  wurde  Wasser- 
stoffgas  gewahlt. 

Die  langgestreckte  Form  des  Luftschiffes  ergab  sich  bei  dem  festgelegten 
Inhalt  aus  zweierlei  Grunden.  Entsprechend  den  Ansichten  iiber  den  Wider- 
stand  von  durch  die  Luft  bewegten  Korpern  muBte  der  Querschnitt  so  gering 
wie  moglich  gehalten  werden.  Die  andere  Forderung  bestand  darin,  daB,  urn 
ein  geringes  Gewicht  zuerzielen,  die  kleinste  Oberflache  zugrunde  zulegen  war. 
Mit  Rucksicht  auf  die  Handhabung  des  Luftschiffes  auf  der  Erde  sowie  die 
GroBe  der  Bauhalle  betrug  der  Durchmesser  11,6  m,  seine  Lange  128  m.  Die 
gewahlte  schlanke  zylindrische  Form  hatte  den  Vorteil,  eine  groBe  Zahl  gleich 
groBer  zylindrischer  Gaszellen  einbauen  zu  konnen  und  zwei  Gondeln  mit 
vollig  unabhangigen  Maschinenanlagen  anbringen  zu  konnen,  wodurch  auch 
die  Betriebssicherheit  erhoht  wurde.  Der  Bau  eines  zylindrischen  Korpers 
war  einfach.  Der  Querschnitt  durch  den  Ballonkorper  war  nicht  ein  Kreis, 
sondern  ein  24-Eck.  Die  beiden  Enden  des  Ballonkorpers  waren  eiformig 
ausgebildet.  Der  Ballonkorper  war  durch  16  Querwande  in  17  Abteilungen 
unterteilt. 

Als  Baustof f  fiir  das  Gerippe  wurde  nach  langen  Versuchen  in  der  Material- 
priifungsanstalt  der  Technischen  Hochschule  Stuttgart  unter  Leitung  von 
C.  v.  Bach  Aluminium  gewahlt.  Graf  Z.  hat  diese  Wahl  damit  begriindet,  daB 
natiirlich  unter  den  sonst  gleichen  Bedingungen  der  Zug-  und  Druckf estigkeit 
und  des  Gewichts  das  Aluminium  eine  groBere  Knickf estigkeit  aufweist  als 
Stahl.  Die  Wandstarken  der  in  Betracht  kommenden  Bauelemente  waren 
groBer  und  daher  auch  fiir  die  Bearbeitung  zweckmaBiger  als  bei  der  Ver- 
wendung  von  Stahl.  Hiermit  geht  Hand  in  Hand  eine  groBere  Widerstands- 


Zeppelin  197 

fahigkeit  gegen  rein  ortliche  Beanspruchung.  Obwohl  Holz  noch  giinstigere 
Ergebnisse  lieferte,  sah  man  von  dessen  Verwendung  aus  verschiedenen 
anderen  Griinden  ab. 

Wahrend  das  Projekt  als  Bauelemente  fur  die  Druckubertragung  Alu- 
miniumrohren,  fur  die  Zugiibertragung  Drahtseil  atis  Aluminiumbronze  vor- 
sah,  wahlte  Ingenieur  Kiibler  als  Hauptbauelement  bei  den  ersten  Zeppelin- 
luftschiffen  flache,  aus  Aluminium-T-Profilen  zusammengesetzte  Gitter- 
trager.  Beim  zweiten  Schiff  wurden  die  flachen  Gittertrager  nach  Angaben 
des  Grafen  Z.  dnrch  Dreiecktrager  ersetzt.  AuBerdem  wurde  als  Querschnitt 
nach  Angaben  Diirrs  das  16-Eck  zugrunde  gelegt. 

Der  Uberzug  des  Metallgeriistes,  die  AuBenhaut,  bestand  im  oberen  TeU 
aus  wasserdichtem  Baumwollstoff,  im  unteren,  der  groBeren  I^eichtigkeit 
wegen,  aus  diinner  Seide.  Die  Querwande  im  Schiff  bestanden  aus  den  so 
genannten  Hauptringen,  die  durch  ein  System  von  Verspannungsdrahten,  die 
quer  durch  das  Schiff  laufen  und  ein  ziemlich  enges  Netz  bilden,  versteift 
sind.  Die  Drahte  bilden  die  Wande,  die  die  Ballonzellen  voneinander  trennen. 
Die  Zellen  sind  aus  gasdichtem  Ballonstoff  hergestellt,  sie  fullen  den  Raum 
zwischen  zwei  Hauptringen,    wenn  sie  gefullt  sind,  ganz  aus. 

Die  Seitensteuer  waren  als  Schaukelsteuer  (stoffbespannte  Holzrahmen) 
ausgebildet,  die  an  beiden  Enden  angeordnet  waren.  Die  Hohensteuerung 
wurde  dadurch  ermoglicht,  daB  man  im  Laufgang  ein  Bleigewicht,  auf  einem 
Drahtseil  beweglich,  anordnete.  Nach  dem  dritten  Aufstieg  des  ersten  I,uft- 
schiffes  wurde  aber  ein  Hohenruder  angebracht.  In  den  beiden  Gondeln,  die 
erste  war  beim  Ubergang  vom  ersten  zum  zweiten,  die  zweite  vom  dritten 
zum  vierten  Viertel  der  Fahrzeuglange  starr  aufgehangt,  befand  sich  je  ein 
14,7  PS  starker  Daimler-Motor  im  Gewicht  von  385  kg  —  so  viel  wiegt  heute 
ein  Motor  von  300  PS  Leistung.  In  dem  Projekt  des  Jahres  1892  waren  zwei 
Motoren  von  je  11  PS  Leistung  und  im  Gewicht  von  je  500  kg  vorgesehen,  die 
von  der  Daimler-Motorengesellschaft  entworfen  waren.  Mittels  zweifacher 
Kegelradgetriebe  und  schragen  Wellen  trieben  die  beiden  Motoren  je  zwei 
rechts  und  links  im  Tragkdrpergerippe  in  Hohe  des  Iyuftwiderstandsmittel- 
punktes  angebrachte  Schrauben. 

Nach  wiederholtem  Zusammentreten  lehnte  die  vom  Kriegsministerium  ein- 
gesetzte  Kommission  im  Dezember  1894  das  Projekt  des  Grafen  Z.  ab.  Einer 
der  Griinde  war,  daB  die  Militarverwaltung  sie  nur  dann  als  Kriegsmittel  an- 
wenden  konne,  wenn  die  Fahrzeuge  ftir  Verkehrszwecke  bereits  vorhanden 
und  erprobt  waren.  Da  ihm  fiir  die  Durchf iihrung  seines  Planes  nicht  geniigende 
Mittel  zur  Verfiigung  standen,  wandte  sich  Graf  Z.  im  Dezember  1895  an  die 
Offentlichkeit,  um  zu  versuchen,  auf  diese  Weise  die  Mittel  aufzubringen.  Er 
veroffentlichte  eine  ausfuhrliche  Denkschrift,  in  der  er  die  bisherigen  Schick- 
sale  seiner  Erfindung  darlegte  und  die  Allgemeinheit  aufforderte,  sein  Unter- 
nehmen  zu  fordern.  Es  sollte  ein  Kapital  von  mindestens  800  000  Mark  aufge- 
bracht  werden.  Leider  fuhrte  die  auf  diese  Weise  eingeleitete  Sammlung  nicht 
zu  dem  gewiinschten  Ergebnis. 

Wahrend  der  Sammlung  der  Geldbetrage  nahmen  sich  die  deutschen  In- 
genieure  der  Sache  des  Grafen  Z.  an.  Der  Verein  Deutscher  Ingenieure  erlieB 
am  30.  Dezember  1896  einen  Aufruf ,  in  dem  zum  Ausdruck  gebracht  wurde, 
daB  nur  auf  die  gemeinniitzige  und  opferwillige  Geneigtheit  derjenigen  Kreise, 


198  1917 

die  dazu  imstande  sind,  insbesondere  also  anf  die  Geneigtheit  der  Vertreter 
der  deutschen  Industrie,  die  Hoffnung  gesetzt  werden  kann,  daB  sie  fur  die 
Forderung  einer  sehr  wichtigen  und  groBen  technischen  Aufgabe  unseres  Zeit- 
alters  zur  Aufbringung  der  bedeutenden  Mittel  sich  bereitf inden  lassen  mochte, 
ohne  welche  ein  entscheidender  Fortschritt  nicht  zu  erwarten  ist.  »Frankreich, 
Nordamerika  und  England  sind  uns  mit  bedeutenden  Aufwendungen  voraus- 
gegangen.  —  Sollte  die  deutsche  Technik  nicht  auch  ihren  Anteil  an  der  Losung 
dieser  Aufgabe  haben  und  nehmen?« 

Dieser  Aufruf  fiihrte  dann  auch  einige  Vertreter  der  deutschen  Industrie 
zur  Griindung  einer  Aktiengesellschaft,  fiir  die  auch  von  anderen  Kreisen 
Aktien  gezeichnet  wurden.  Graf  Z.  iiberaahm  die  Halfte  der  Aktien,  da  sich 
noch  nicht  geniigend  Personen  an  dem  Unternehmen  beteiligten.  Es  wurde 
eine  Aktiengesellschaft  unter  dem  Namen  »  Gesellschaft  zur  Forderung  der 
Luftschiff  ahrt«  mit  einem  Grundkapital  von  800000  Mark  im  Jahre  1899  ge- 
griindet. 

Aus  den  Mitteln  wurde  das  erste  Luftschiff  nach  dem  Entwurf  des  Grafen  Z. 
unter  der  Leitung  des  Oberingenieurs  Kiibler,  in  der  schwimmenden  Holzhalle, 
die  in  der  Bucht  von  Manzell  bei  Friedrichshafen  verankert  war,  gebaut.  Die 
weite  Flache  des  Sees,  die  keinerlei  Hindernis  bot,  erschien  das  geeignetste 
Ubungsfeld  fiir  das  Luftschiff ,  auBerdem  bot  die  nur  an  der  Spitze  verankerte 
Halle  den  groBen  Vorteil,  daB  sie  sich  immer  in  die  Windrichtimg  einstellte, 
wodurch  das  Aus-  imd  Einfahren  des  Luftschiffes  wesentlich  erleichtert 
wurde. 

Nach  vielen  Zwischenf alien  erfolgte  am  Abend  des  2.  Juli  1900  inn  8  Uhr 
unter  Fuhrung  des  Grafen  Z.  der  erste  Aufstieg.  Bei  dem  erfolgreich  durchge- 
fiihrten  kurzen  Fluge  hatten  sich  jedoch,  wie  zu  erwarten  war,  eine  groBe  Zahl 
von  Mangeln  herausgestellt,  an  deren  unverziiglicher  Abstellung  man  unmittel- 
bar  nach  der  Landung  schritt.  Besonders  betrafen  diese  das  Gerippe  imd  das 
Steuer.  Am  17.  Oktober  wurde  dann  der  zweite  Aufstieg  unternommen,  bei 
dem  sich  die  Neuerungen  gut  bewahrten.  Der  Flug  dauerte  1  Stunde  und 
20  Minuten.  Bei  dem  dritten  Aufstieg  am  24.  Oktober,  bei  dem  eine  Geschwin- 
digkeit  des  Luftschiffes  von  8  m/s  gemessen  wurde,  bewahrte  sich  die  Steue- 
rung  gut.  Nach  der  Landung  war  es  notwendig,  das  Luftschiff  neu  zu  fiillen. 
Die  Mittel  waren  jedoch  erschopft. 

Die  Gesellschaft  beschloB  im  November  1900,  sich  aufzulosen.  Graf  Z. 
erwarb  nun  von  der  Gesellschaft  das  Luftschiff  mit  allem  Zubehor.  Er  hoffte, 
die  notwendigen  Mittel  zu  erhalten,  inn  seine  Versuche  weiter  durchfiihren  zu 
konnen.  Er  wandte  sich  zu  diesem  Zweck  im  Marz  1901  an  den  Verein  Deutscher 
Ingenieure  mit  der  Bitte,  die  Kommission  des  Jahres  1896  erneut  zusammen- 
zuberufen,  um  die  auf  Grund  seiner  Versuche  gefundenen  Ergebnisse  zu  tiber- 
priifen  und  den  damaligen  BeschluB  zu  erganzen  oder  zu  berichtigen.  Der  Aus- 
schuB  trat  im  Juni  1901  in  Kiel  zusammen,  ohne  jedoch  zu  einem  bestimmten 
Ergebnis  zu  kommen.  Am  2.  Marz  1902  fand  eine  neue  Sitzung  der  Kommission 
in  Berlin  statt,  bei  der  die  verantwortlichen  Mitglieder  des  Ausschusses  —  es 
stimmten  nicht  alle  dem  Gutachten  zu — erklarten,  daB  die  friiheren  An- 
nahmen  und  Ermittlungen  durch  die  Aufstiege  zwar  bestatigt  seien,  daB  aber 
nicht  gentigende  und  gesicherte  Unterlagen  vorlagen,  um  sie  zu  erganzen  und 
zu  berichtigen. 


Zeppelin  199 

Um  seine  Versuche  fortsetzen  zu  konnen,  war  Z.  gezwungen,  zu  versuchen, 
Geldmittel  hierfiir  zusammenzubekommen.  Die  Firmen,  die  die  Rohstoffe, 
wie  Aluminium,  Ballonhiillenstoff  und  die  Motoren  liefern  sollten,  stellten  diese 
kostenlos  zur  Verfiigung.  Um  den  Zusammenbau  durchfuhren  zu  konnen, 
wurde  Z.  in  Wiirttemberg  eine  Lotterie  bewilligt.  Man  konnte  nunmehr  mit 
dem  Bau  beginnen.  Das  zweite  Luftschiff  hatte  man  in  seinen  Einzelheiten 
bedeutend  verbessert;  das  Aluminiumgerippe  bestand  aus  dreiseitigen  Langs- 
tragern,  die  auch  heute  noch  verwendet  werden.  Dagegen  fehlten  noch  aus- 
reichende  Steuer.  Die  Motorenindustrie,  die  sich  sprunghaft  inzwischen  ver- 
vollkommnet  hatte,  lieferte  Motoren  von  85  PS. 

Das  neue  Luftschiff  unternahm  im  November  1905  einen  Aufstiegsversuch, 
der  jedoch  miBgluckte.  Eines  der  Haltetaue  war  mit  einem  Knoten  in  einem 
Ring  hangen  geblieben,  wodurch  das  Luftschiff  auf  den  See  herabgedriickt 
und  infolge  des  starken  Windes  weit  in  den  See  auf  dem  Wasser  schwimmend 
hinausgetrieben  wurde.  Bei  dem  zweiten  Aufstieg  im  Jahre  1906  hatte  das 
nicht  prall  gef ullte  Luftschiff  starken  Auftrieb ;  in  500  m  Hohe  kam  es  in  eine 
starke  Windstromung  und  wurde  abgetrieben.  Es  landete  gliicklich  bei  KiBlegg 
im  Allgau,  wo  es  aber,  da  die  notwendigen  MaBnahmen  zur  sorgfaltigen  Ver- 
ankerung  fehlten,  in  der  Nacht  durch  einen  plotzlich  ausgebrochenen  starken 
Sturm  zerstort  wurde.  Es  muBte  auseinandergenom m en  werden. 

Z.  lieB  sich  durch  dieses  unvorhergesehene  Ungliick  nicht  entmutigen.  Er 
wrertete  die  auf  diesem  Flug  gewonnenen  Erfahrungen  aus  und  beschloB,  aus 
den  noch  brauchbaren  Resten  des  zweiten  Luftschiffes  ein  neues,  drittes  Luft- 
schiff zu  bauen.  Mit  diesem  Luftschiff,  bei  dem  zum  ersten  Male  genugende 
Dampfungsflachen  eingebaut  wurden,  unternahm  Z.  am  9.  und  10.  Oktober 
1906  zwei  Aufstiege,  die  glanzend  gelangen.  Die  viele  aufgewendete  Muhe  und 
die  groBen  Opfer  waren  nunmehr  von  Erfolg  gekront.  Das  Luftschiff  war  gut 
lenkbar  und  hielt  ordentlich  Kurs.  Hohen-  und  Seitensteuerung  sowie  Sta- 
bilitat  hatten  sich  bestens  bewahrt. 

Um  weitere  Versuche  durchzufuhren,  fehlten  jedoch  wieder  Geldmittel.  Nun- 
mehr griff  das  Reich  ein.  Es  wurden  die  geniigenden  Mittel  zur  Verfiigung  ge- 
stellt,  um  eine  neue  schwimmende  Halle  aufzubauen.  Wahrend  dieser  Zeit 
wurde  vom  Grafen  Z.  das  in  der  festen  Holzhalle  in  Manzell  liegende  Luftschiff 
teilweise  umgebaut  und  die  Steuervorrichtung  verbessert.  Die  Motoren  wurden 
sorgfaltig  uberpriift,  um  etwaige  Storungen  zu  verhindern. 

Ende  September  1907  war  die  neue  schwimmende  Luftschiffhalle  fertig- 
gestellt.  Es  wurden  mehrere  wohlgelungene  Fliige  durchgefuhrt,  darunter  eine 
achtstiindige  Fahrt.  Die  Geschwindigkeit  des  Luftschiffes  bet  rug  15  m/s.  Die 
Ergebnisse  des  Jahres  1907  waren  fur  den  Grafen  Z.  sehr  giinstige.  Mit  Hilfe 
des  Reiches  hatte  er  sein  Luftschiff  vervollkommnet,  wertvolle  neue  Erfah- 
rungen gesammelt,  auBerdem  eine  zuverlassige  Ballonmannschaft  ausgebildet. 
Nach  langen  Verhandlungen  entschloB  sich  der  Reichstag,  dem  Grafen  Z.  die 
Mittel  zu  bewilligen,  um  zwei  neue  Luftschiffe  bauen  zu  konnen. 

Am  Ende  des  Jahres  1907  sollte  jedoch  durch  ein  Naturereignis  wiederum 
das  Unternehmen  des  Grafen  Z.  schwer  in  Mitleidenschaft  gezogen  werden. 
Am  14.  Dezember  sank  infolge  eines  schweren  Sturmes  teilweise  die  schwim- 
mende Halle,  in  der  das  Luftschiff  untergebracht  war.  Da  die  Wiederherstel- 
lungsarbeiten  sehr  lange  Zeit  in  Anspruch  nahmen,  begann  Z.  inzwischen  in 


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seiner  auf  dem  Lande  befindlichen  Halle  mit  dem  Bau  des  vierten  Luftschiffes, 
das  am  20.  Juni  1908  zu  seiner  ersten  Fahrt  aufstieg.  Seine  Lange  betrug 
136  m,  sein  Durchmesser  13  m.  Die  Seitensteuerung  war  verstarkt  worden, 
im  Laufgang  hatte  man  eine  Kabine  eingebaut  und  die  Gondeln  ver- 
groBert.  Die  beiden  Motoren  leisteten  210  PS.  Das  Schiff  war  also  be- 
deutend  leistungsfahiger. 

Am  1.  Juli  wurde  eine  zwolfstiindige  Fahrt  iiber  der  Schweiz  erfolgreich 
durchgefuhrt,  so  daB  man  hoffte,  eine  vierundzwanzigstiindige  Fahrt  mit 
Leichtigkeit  ausfiihren  zu  konnen.  Dieser  Versuch  wurde  am  14.  Juli  gemacht. 
Jedoch  muBte  er  unterbrochen  werden,  da  ein  Motorschaden  auftrat.  Am 
4.  August  gelang  es  endlich,  den  groBen  Flug  anzutreten.  Um  6  Uhr  morgens 
stieg  das  Luftschiff  auf.  In  der  Nacht  setzte  dann  infolge  Ausschmelzen  eines 
Lagers  der  vordere  Motor  aus.  Kurz  vor  8  Uhr  morgens  am  folgenden  Tage 
muBte  das  Luftschiff,  da  es  gegen  den  stark  aufgekommenen  Wind  nicht  mehr 
vorwarts  kam,  bei  Echterdingen  notlanden. 

Das  Luftschiff  wurde  verankert.  Am  Nachmittag  dieses  Tages  um  3  Uhr 
setzte  plotzlich  eine  starke  Bo  ein.  Da  der  Wind  das  Schiff  breitseits  traf, 
rissen  die  Ankertaue.  Ebenso  konnten  die  Mannschaften  das  Luftschiff  nicht 
mehr  halten.  Das  Luftschiff  wurde  abgetrieben,  in  ungefahr  1  km  Entfernung 
vom  Ankerplatz  streifte  es  eine  Baumgruppe  und  geriet  dabei  in  Brand.  Es 
wurde  vollstandig  zerstort. 

In  alien  Kreisen  Deutschlands  war  man  nun  bereit,  dem  Graf  en  zu  helfen. 
Wenige  Tage  nach  dem  Ungliick  waren  schon  geniigende  Mittel  vorhanden, 
um  ein  neues  Zeppelin-Luftschiff  zu  bauen.  Die  Nationalspende  mit  einem  Er- 
gebnis  von  iiber  6  Millionen  Mark  fuhrte  dem  Grafen  Z.  die  Mittel  zu,  sein 
Lebenswerk  auf  finanziell  gesicherter  und  technisch  verbreiterter  Grundlage 
weiter  auszubauen.  Z.  verwandte  die  tiberwiesene  Summe  zur  Erbauung  einer 
Werft,  zur  Fortsetzung  seiner  Fahrversuche  und  fiir  wissenschaftliche  Unter- 
suchungen. 

Aus  den  Mitteln  der  Nationalspende  errichtete  Z.  die  Zeppelin-Stiftung  mit 
der  Bestimmung,  daB  alle  Einkiinfte  daraus  der  Entwicklung  der  Luftschiff ahrt 
und  deren  Verwendung  fiir  die  Wissenschaft  dienen  sollten.  Ferner  wurde  eine 
Gesellschaft  mit  beschrankter  Haftung  »Luftschiffbau  Zeppelin*  in  Friedrichs- 
hafen  gegriindet.  Die  erste  Aufgabe  dieser  Gesellschaft  war,  dem  Reich  die 
beiden  Luftschiffe  zu  liefern.  Das  beschadigte  Luftschiff  Z  3,  das  in  der  teilweise 
untergegangenen  schwimmenden  Halle  untergebracht  war,  wurde  ausgebessert 
und  iiberholt.  Dieses  Luftschiff  wurde  vom  Reich  angekauft.  Mit  einem  neuen 
Luftschiff  Z  5  unternahm  dann  Z.  Ende  August  1909  vom  Bodensee  aus  eine 
Fernfahrt,  deren  Ziel  Berlin  war.  Auf  dem  Rtickflug  muBte  man  bei  Goppingen 
eine  Zwischenlandung  vornehmen,  um  die  Betriebsstoffe  zu  erganzen.  Hierbei 
wurde  das  Luftschiff  an  der  Spitze  eingedriickt.  Man  beseitigte  die  beschadigten 
Teile,  baute  den  vorderen  Motor  aus  und  band  die  Hulle  iiber  dem  beschadigten 
Teil  zusammen.  Mit  eigener  Kraft  konnte  dann  das  Luftschiff  seinen  Hafen 
erreichen. 

Im  Jahre  1909  wurde  die  Deutsche  Luftschiffahrts-A.-G.  (Delag)  gegriindet. 
Die  Stadt  Dusseldorf  entschloB  sich,  auf  eigene  Kosten  eine  Luftschiffhalle  zu 
bauen.  Die  Delag  war  es,  die  dem  Luftschiffbau  Zeppelin  neue  Auftrage  gab 
und  somit  das  Unternehmen  lebensfahig  erhielt.  Die  Gesellschaft  fuhrte  Passa- 


Zeppelin  201 

gierfahrten   mit  Zeppelin-Luftschiffen   durch.    Ihr  gehorten  die  Luftschiffe 
*Deutschland«,  »Schwaben«,  »Viktoria  Luise«,  »Hansa«  und  »Sachsen«. 

Um  den  immer  wieder  auftretenden  Motorenschaden  abzuhelfen,  da  das 
Versagen  der  Motoren  f iir  die  Luftschif f ahrt  auBerst  verhangnisvoll  war,  wurde 
die  Motorenbau-G.  m.  b.  H.  gegnindet,  die  unter  der  Leitung  von  Maybach 
den  Bau  von  Flugzeugmotoren  aufnahm.  AuBerdem  wurde  in  Berlin  die 
Ballonhullen-G.  m.  b.  H.  gegriindet,  um  zweckmaBigen  Stoff  fiir  die  Zellen 
und  die  Hulle  zu  schaffen.  Neue  Luftschif  fhallen  wurden  in  den  verschieden- 
sten  Orten  des  Reichs,  auch  in  Berlin,  in  Potsdam,  Johannistal  und  Staken 
gebaut. 

Von  den  Mitarbeitern  des  Graf  en  Z.,  die  ihm  bei  der  erfolgreichen  Durch- 
f  iihrung  seiner  genialen  Idee  half  en,  sind  zu  nennen :  Dr.  Durr,  Chefkonstruk- 
teur  und  Direktor  der  Luftechiffbauwerft,  Kommerzienrat  Colsmann,  General- 
direktor  des  Zeppelinkonzerns,  und  Dr.  Hugo  Eckener,  der  in  aller  Welt  als 
Kommandant  des  Amerikaluftschiffes  bekannt  geworden  ist. 

Mit  dem  Passagierluftschiff » Viktoria  Luise«  wurden  1912 — 1914  489  Fahrten 
diirchgefuhrt.  In  981  Fahrtstunden  wurde  eine  Gesamtstrecke  von  54  000  km 
zunickgelegt  und  9758  Personen,  einschlieBlich  der  Besatzung,  befordert.  Das 
Passagierluftschiff  »Sachsen«  konnte  mit  einer  Geschwindigkeit  von  72  km 
pro  Stunde,  mit  1000  kg  Besatzung  und  3000  kg  Nutzlast  eine  Strecke  von 
2200  km  durchfliegen. 

Bis  zum  Kriege  waren  von  der  Heeresverwaltung  sechs  Luftschiffe  iiber- 
nommen  worden.  Bei  Beginn  des  Krieges  waren  in  Deutschland  zehn  Luftschiffe 
der  Bauart  Zeppelin  vorhanden.  Bis  zum  Kriegsende  wurden  66  Marineluft- 
schiffe  und  35  Heeresluftschiffe  fertiggestellt 

Die  Entwicklung  der  Zeppelin-Luftschiffe  mogen  folgende  Angaben  beleuch- 
ten:  Wahrend  das  erste  Luftschif  f  einen  Gasinhalt  von  11 300  cbm,  11,7  m 
Durchmesser,  128  m  Lange,  17  Zellen,  2  Motoren  von  einer  Gesamtleistung 
von  30  PS,  4  Propeller  und  eine  Geschwindigkeit  von71/2m/shatte,  hatten  die 
Luftschiffe  der  GroBkampfschiffbauart  55  200  cbm  Gasinhalt,  23,9  m  Durch- 
messer, 198  m  Lange,  19  Zellen,  6  Motoren  von  einer  Gesamtleistung  von 
1440  PS  mit  6  Propellern.  Das  Luftschiff  hatte  eine  Geschwindigkeit  von 
28,7  m/s,  die  Nutzlast  betrug  32  Tonnen,  es  konnte  ohne  Fahrtunterbrechung 
7400  km  bei  groBter  Geschwindigkeit  zuriicklegen. 

Trotz  vieler  Riickschlage  und  einer  groBen  Reihe  von  Unfallen,  von  denen 
die  Luftschiffahrt  betroffen  wurde,  hat  sich  das  geniale  Werk  des  Grafen  Z. 
sieghaft  durchgerungen.  Im  Jahre  1914  begann  Z.  auch  auf  der  Werft  in  See- 
moos,  die  der  Leitung  Dorniers  anvertraut  war,  mit  dem  Bau  von  GroBflug- 
zeugen,  ein  Gebiet,  dem  er  sich  mit  ganz  besonderem  Interesse  widmete. 

Von  den  Tagen  von  Echterdingen  bis  zu  seinem  plotzlichen  Tode  am  8.  Marz 
1917  in  Berlin  glich  sein  Leben  einem  Siegeszug.  Zahlreich  sind  daher  auch  die 
Ehrungen,  die  ihm  von  alien  Seiten  verliehen  worden  sind.  1906  wurde  er  zum 
Ehrendoktor  der  Technischen  Hochschule  Dresden  und  kurze  Zeit  danach  von 
der  Technischen  Hochschule  Stuttgart  ernannt.  Der  Verein  Deutscher  In- 
genieure  verlieh  ihm  1908  die  goldene  Grashof-Denkmiinze ;  zum  sojahrigen 
Militardienstjubilaum  verlieh  ihm  der  Konig  von  Wurttemberg  das  GroBkreuz 
des  Militarverdienstordens;  die  Universitat  Tubingen  ernannte  inn  zu  seinem 
70.  Geburtstag  zum  Doktor  der  Naturwissenschaften.  Im  Mai  1908  verlieh 


202  1917 

ihm  der  Kaiser  den  Schwarzen-Adler-Orden ;  an  seinem  75.  Geburtstag  ernannte 
ihn  eine  ganze  Reihe  von  Stadten  zu  ihrem  Ehrenbiirger,  kurz  vor  seinem  Tode 
ernannte  ihn  das  Deutsche  Museum  in  Munchen  zu  seinem  ersten  Ehren- 
mitglied. 

Graf  Z.  war  eine  iiberragende  Personlichkeit.  Dem  Ziel,  das  er  sich  auf  dem 
Gebiet  der  Luftschiffahrt  gesteckt  hatte,  hat  er  alles  andere  untergeordnet. 
Keine  Muhe,  keine  Arbeit  war  ihm  zu  schwer,  kein  Gang,  mochte  er  noch  so 
unangenehm  fur  ihn  sein  —  besonders  gilt  dies  fur  die  Zeit,  wo  er  unter  Geld- 
mangel  litt  — ,  wurde  nicht  versucht,  wenn  er  fiir  seine  Sache  eine  Fdrderung 
erhoffte.  Er  war  ein  unermudlich  Arbeitender,  oft  arbeitete  er  bis  spat  in  die 
Nacht  hinein,  urn  doch  am  Morgen  als  erster  wieder  im  Werk  tatig  zu  sein.  Ein 
eigener  Zauber  ging  von  seiner  Personlichkeit  aus.  Er  war  ein  Glucklicher, 
nicht  nur  durch  seine  Erfolge,  sondern  auch  durch  die  Eigenschaften  seines 
Gemiites.  Der  Glaube  an  sich  selbst,  tapfere  Entschlossenheit  und  Ausdauer 
hat  die  groBten,  scheinbar  uniiberwindlichen  Hindernisse  beseitigen  konnen. 
Das  deutsche  Volk  konnte  ihn  daher  nicht  hoher  ehren,  als  ihn  zu  seinem 
Nationalhelden  zu  erheben. 

Literatur:  Dr.  Stephan,  Weltpost  und  Luftschiffahrt.  J.  Springer,  Berlin  1874.  — 
Jahrbuch  der  Schiffbautechnischen  Gesellschaft  191 5,  S.  178.  J.  Springer  191 5.  —  Graf 
v.  Zeppelin,  Die  Eroberung  der  I,uft.  Vortrag,  gehalten  in  Berlin  am  28.  Januar  1908. 
Deutsche  Verlags-Anstalt,  Stuttgart  1908.  —  Luftschiffbau  Zeppelin,  Das  Werk  Zeppelins. 
Eine  Festgabe  zu  seinem  75.  Geburtstag  191 3.  J.Hoffmann,  Stuttgart.  —  L.  Durr, 
25  Jahre  Zeppelin -Luftschiffbau.  VDI-Verlag,  Berlin  1924.  —  Aug.  v.  Parseval,  Graf  Zep- 
pelin und  die  deutsche  Luftfahrt.  H.  Kleinm  A. -G.,  Berlin  1926.  —  Hans  Hildebrandt, 
Zeppelin-Denkmal  fiir  das  deutsche  Volk.  Germania-Verlag,  Stuttgart.  —  Joh.  Schwengler, 
Der  Bau  der  Starrluftschiffe.  J.  Springer,  Berlin  1925.  —  MatschoB,  Manner  der  Technik. 
VDI-Verlag,  Berlin  1925.  —  Engberding,  Luftschiff  und  Luftschiffahrt.  VDI-Verlag, 
Berlin.  —  Kollmann,  Das  Zeppelinschiff ,  seine  Entwicklung,  Tatigkeit  und  Leistung. 
M.  Krayn,  Berlin.  —  Feldhaus,  Buch  der  Erfindungen.  —  Feldhaus,  Bezwinger  der  Lufte. 
R.  Bardtenschlager,  Reutlingen  und  Stuttgart  1925.  —  Georg  Neumann,  Die  deutschen 
Luftstreitkrafte  im  Weltkriege.  Mittler  &  Sohn,  Berlin.  —  Johann  Schiitte,  Der  Luft- 
schiffbau Schutte-Lanz  1909/ 192 5.  R.  Oldenbourg,  Munchen  und  Berlin  1926.  —  Dr.  Carl 
Berg,  David  Schwarz — Carl  Berg — Graf  Zeppelin.  Ein  Beitrag  zur  Entstehung  der 
Zeppelin-Luftschiffahrt  in  Deutschland.  Selbstverlag.  —  Zeitschrift  des  Vereins  Deutscher 
Ingenieure.  —  Zeitschrift  fiir  Flugsport  und  Motorluftschiffahrt. 

Berlin.  Erich  Gossow. 

Ziese,  Carl  Heinrich,  Ingenieur  und  Inhaber  der  Schichau-Werke  Elbing 
und  Danzig,  Geh.  Kommerzienrat,  Dr.-Ing  e.  h.,  *  am  2.  Juli  1848  in  Moskau, 
f  am  15.  Dezember  1917  in  Elbing.  —  Carl  Z.  entstammte  einer  holsteinischen 
Familie,  UrgroBvater  und  GroBvater  waren  Hamburger  Burger,  letzterer 
GroBkaufmann,  der  durch  die  Kontinentalsperre  Napoleons  und  die  eng- 
lischen  Kaperschiffe  Vermogen  und  Schiffe  verlor.  Der  Vater,  Alexander 
Berthold  Z.,  geboren  1812,  ging  nach  vollendeter  Lehrzeit  nach  Kopenhagen, 
spater  nach  Paris,  wo  er  die  »Ecole  Polytechnique«  besuchte,  so  daB  er  mit 
etwa  30  Jahren  eine  russische  Staatsstellung  annehmen  konnte,  die  darin  be- 
stand,  die  zu  jener  Zeit  junge  russische  Industrie  und  die  dortigen  Bahnbauten 
zu  organisieren  und  zu  beaufsichtigen ;  daneben  baute  er  noch  eine  eigene 
Maschinenfabrik,  bis  er  durch  einen  Ungliicksfall  genotigt  wurde,  RuBland 
zu  verlassen  und  krank  nach  Deutschland  zuriickzukehren,  wo  er  1858  starb. 


Zeppelin.  Ziese  20 3 

Die  Mutter,  eine  geborene  Burchardi,  entstammte  einer  alten  Gelehrten- 
und  Predigerfamilie,  deren  Stammbaum  bis  ins  13.  Jahrhundert  zuriickreicht. 
Sie  blieb  nach  dem  Tode  des  Gatten  mit  fiinf  Kindern  zuriick,  die  zuerst  bei 
ihrem  Onkel,  Prediger  Burchardi  in  Hamburg,  dann  in  Kiel  ihre  Ausbildung 
erhielten.  Carl  Heinrich,  der  alteste  der  Sonne,  damals  10  Jahre  alt,  und  sein 
Bnider  Rudolf  kamen  in  die  ruhmlich  bekannte  Privatschule  von  Dr.  Meyer 
und  dann  aufs  Gymnasium.  Carl,  der  von  klein  auf  den  Wunsch  hatte,  In- 
genieur  zu  werden,  ging  nach  seiner  Konfirmation  als  Volontar  zur  Firma 
Schweffel  &  Howaldt,  der  Vorgangerin  der  spateren  Howaldt-Werke.  Kenn- 
zeichnend  f iir  seine  Veranlagung  und  seine  spatere  glanzende  Entwicklung  zu 
einem  der  hervorragendsten  deutschen  Ingenieure  ist  die  Bemerkung  in  dem 
Abgangszeugnis,  das  er  nach  Verlassen  der  Meyerschen  Schule  erhielt:  »Ein 
junger  Mann  von  eigentumlicher  Begabung.  Biicherweisheit  liegt  ihm  fern; 
dagegen  besitzt  er  eine  fabelhaft  leichte  Auffassung  alles  Sichtbaren,  Natiir- 
lichen  und  Zeichnerischen ;  nach  dieser  Richtung  ist  er  geradezu  genial  ver- 
anlagt. « 

Nach  Beendigung  seiner  dreijahrigen  praktischen  Lehrzeit  bei  Schweffel 
&  Howaldt  trat  er  als  Monteur  in  die  Werkstatten  von  John  Elder  &  Co. 
in  Glasgow  ein,  die  zu  jener  Zeit  die  ersten  Compoundmaschinen  (Ver- 
bimdmaschinen)  bauten,  bei  denen  wesentlich  hoher  gespannter  Dampf,  als 
bisher  ublich,  in  zwei  Zylindern  nacheinander  wirkte,  was  eine  erhohte  Wirt- 
schaftlichkeit  gegeniiber  den  alteren  Dampfmaschinen  ergab  und  fur  die  Ent- 
wicklung der  Schiffahrt  von  umwalzender  Bedeutung  wurde.  Sein  Bruder 
Rudolf  folgte  ihm  spater,  kehrte  auch  nach  dem  siebziger  Kriege  fiir  mehrere 
Jahre  nach  England  zuriick. 

Der  Ausbruch  des  Krieges  veranlaBte  beide  Bruder,  sich  zum  Militardienst 
zu  stellen.  Sie  kamen  zuerst  auf  das  Kanonenboot  »Chamaleon«,  dann  auf  das 
Zeichenbureau  der  Kieler  Werft,  und  bezogen  nach  Erledigung  ihres  Kriegs- 
dienstes  im  September  1871  die  Berliner  Gewerbeakademie  in  der  Kloster- 
straCe  (die  spatere  Technische  Hochschule),  um  Maschinenbau  und  Schiffbau 
zu  studieren.  Aus  jener  Zeit  stammen  die  Beziehungen,  die  Z.  mit  bedeutenden 
deutschen  Technikern,  damals  Studierende  der  Gewerbeakademie,  zeitlebens 
verbanden,  mit  Busley,  dessen  Name  mit  der  Entwicklung  von  Deutsch- 
lands  Schiffbau  und  Schiffahrt  verknupft  ist,  den  Werftbesitzern  Blohm  und 
Sachsenberg,  ferner  mit  Heckmann,  Oechelhauser,  Hoppe,  Max  Krause,  Pro- 
fessor Slaby,  dem  Heizungstechniker  Professor  Rietschel  (s.  DBJ.  1914 — 16 
S.  81)  und  manchen  anderen. 

Im  Herbst  1873  trat  die  entscheidende  Wendung  in  Z.s  Leben  ein :  er  erhielt 
eine  Stellung  als  Schiffsmaschinenbauer  bei  der  Firma  F.  Schichau  in  Elbing, 
die,  1837  gegriindet,  sich  allmahlich  zu  einer  bedeutenden  Maschinenfabrik  im 
ostlichen  PreuBen  entwickelt  hatte.  Ferdinand  Schichau  erkannte  sofort  die 
hohen  Ingenieurfahigkeiten,  die  in  dem  25jahrigen  Z.  steckten,  und  er  iiber- 
trug  ihm  bald  die  Leitung  des  gesamten  Schiffsmaschinenbaues.  Bis  zu  jenen 
Jahren  hatte  sich  Schichau  nur  mit  dem  Bau  von  kleineren  Handelsdampfern 
und  Baggern  beschaftigt.  Z.  steckte  seine  Ziele  weiter;  er  wandte  bald  seine 
Aufmerksamkeit  der  in  den  Anfangen  ihrer  Entwicklung  befindHchen  deut- 
schen Kriegsmarine  zu,  die  1878  die  beiden  Avisodampfer  »Habicht«  und 
*>M6wTe«  bei  Schichau  in  Bestellung  gab.  Fiir  diese  Schiffe  entwarf  Z.  Verbund- 


204  *9I7 

maschinen  von  je  600  PS  und  fuhrte  damit  als  erster  dieses  System  erfolgreich 
in  den  deutschen  Kriegsschiffbau  ein. 

Die  Torpedowaffe  hatte  Anfang  der  siebziger  Jahre  in  England  zum  Bau 
kleiner,  schneller  Schiffe,  der  Torpedoboote,  Veranlassung  gegeben;  klar  sah 
Z.  —  der  inzwischen  Schichaus  Schwiegersohn  geworden  —  die  Zukunft  dieses 
neuen  Schiffstyps  voraus  und  widmete  vom  Jahre  1877  ab  der  Entwicklung 
des  Torpedobootes  seine  voile  Arbeitskraft.  Gleich  das  erste  Boot,  fur  Rufi- 
lands  Marine  gebaut,  das  bei  18  m  Lange  16  Knoten  lief  und  unter  eigenem 
Dampf  von  Elbing  nach  Petersburg  fuhr,  war  ein  voller  Erfolg.  Rasch  folgten 
sich  die  Bestellungen  auf  solche  Boote :  nicht  nur  die  Kaiserliche  Admiralitat, 
auch  Rufiland,  Italien,  Osterreich,  China,  die  Tiirkei,  die  alle  bisher  nur  in 
England  bestellt  hatten,  wandten  sich  nach  Elbing,  und  in  den  folgenden 
Jahren  sah  das  bescheidene,  westpreufiische  Stadtchen  Schiffbau-Ingenieure 
aus  aller  Welt  in  seinen  Mauern.  Die  Anforderungen  an  die  Geschwindigkeit 
wuchsen,  und  damit  stiegen  Maschinenleistung  und  Bootsdimensionen :  1889 
war  das  russische  Torpedoboot  »Adler«  mit  27,5  kn  das  schnellste  Schiff  der 
Welt,  1898  liefen  die  chinesischen  Torpedojager  36,7  kn,  die  hochste  Geschwin- 
digkeit, die  mit  Kolbenmaschinen  je  erreicht  worden  ist.  Die  Kaiserlich  deutsche 
Marine  bestellte  vom  Jahre  1883  ab  alle  ihre  Torpedoboote  —  die  S-Boote  — 
bei  Schichau  und  gab  durch  ihre  mustergiiltige  Ausgestaltung  des  Torpedo- 
wesens  Z.  dauernd  neuen  Anreiz  zur  Weiterentwicklung  des  von  ihm  geschaffe- 
nen  Typs.  Auf  der  Pariser  Weltausstellung  des  Jahres  1900  konnte  Schichau 
250  von  ihm  gebaute  Torpedoboote  und  Torpedojager  in  Bild  und  Modell  vor- 
fuhren,  eine  Zahl,  die  bis  dahin  keine  andere  Werft  der  Welt  aufzuweisen  hatte. 

Die  Maschinenanlagen  dieser  Torpedoboote  waren  Z.s  ureigenste  Schopfung ; 
als  ein  Ingenieur  von  seltener  konstruktiver  Gewandtheit,  von  angeborenem 
sicheren  Gefuhl  fiir  die  Ausgestaltung  des  Details,  driickte  er  seinen  Schop- 
fungen  einen  Stempel  auf,  der  sie  in  auffalliger  Weise  von  alien  anderen  unter- 
schied.  Der  kiinstlerische  Sinn,  der  ihm  eigen  war,  kam  darin  zum  Ausdruck ; 
wahrend  die  meisten  Schiff smaschinen  bis  zur  Nuchternheit  »billige«  Zweck- 
formen  aufwiesen,  zeigten  Z.s  Entwiirfe  bis  hinab  zum  geringftigigsten  Detail 
eine  vollendete  Schonheit  der  Form,  die  sie  von  alien  anderen  charakteristisch 
aufs  vorteilhafteste  unterscheidet.  Die  Z.schen  Konstruktionen  wurden  vor- 
bildhch  fiir  den  Bau  leichtester  Kriegsschiff maschinen. 

Z.s  EinfluB  ging  jedoch,  was  vielleicht  zu  wenig  bekannt  ist,  iiber  die  eigent- 
liche  Maschinenkonstruktion  hinaus  und  erstreckte  sich  auch  auf  das  Schiff. 
Er  erkannte  bald,  dafi  die  aufierste  Sparsamkeit  an  Maschinengewicht,  wie 
sie  der  Torpedobootsbau  gebieterisch  fordert,  in  einem  Mifiverhaltnis  zu  der 
bislang  geubten  Praxis  der  meisten  Schiffbauer  stand,  deren  Detailkonstruk- 
tionen  nur  zu  haufig  zeigten,  daB  —  um  seine  Worte  zu  gebrauchen  —  »der 
Holzschiffbau  ihnen  noch  an  den  Fingern  klebte«.  So  wurden  denn  unter  seiner 
Leitung  all  die  tausend  Einzelheiten  des  Torpedobootes  bis  ins  kleinste  »durch- 
konstruiert«  und  in  jahrzehntelanger  Ubung  zu  mustergultigen  Typen  leichte- 
ster Schiffbaudetails  ausgestaltet.  Nur  so  erklart  es  sich,  daB  Schiff  und  Ma- 
schine  »wie  aus  einem  GuB«  erscheinen,  ein  harmonisches  Ganzes  bilden,  beide 
von  gleichem  Geiste  durchsetzt  sind.  Als  Kunstlernatur,  als  vorziiglicher 
Zeichner  von  hervorragend  malerischer  und  bildhauerischer  Begabung  reizte 
es  Z.  stets,  auch  auf  anderen  Gebieten,  die  der  Schiffbautechnik  ferner  liegen, 


Ziese  205 

sich  zu  betatigen;  mancher  dekorative  Entwurf,  manches  Mobelstiick  in 
Scbiffskajiiten  und  Salons  verdankt  seine  Entstehung  Z.s  formgewandter 
Hand. 

Die  gesteigerten  Anf orderungen  an  die  Wirtschaf tlichkeit  des  Schiffsantriebes 
bedingten  die  Weiterentwicklung  von  der  Verbund-  zur  Dreifacbexpansions- 
maschine.  Nach  Z.s  Entwurf  baute  Scbicbau  als  Versuchsmaschine  1881  die 
erste  dreikurbelige  Dreifacbexpansions-Scbiffsmascbine  anf  dem  Kontinent, 
deren  Original  als  ein  Meisterstiick  deutscher  Technik  vor  einigen  Jabren  dem 
Miincbener  »  Deutscben  Museum  «  iiberwiesen  wurde.  Der  Dampfer  »Nierstein« 
der  Dampfschiffahrtsgesellschaft  »Hansa«  wurde  1883  als  erstes  deutsches 
Schiff  mit  einer  solchen  Mascbine  ausgerustet. 

So  lange  sicb  Scbicbau  auf  den  Bau  von  Torpedobooten,  -jagern  und  Han- 
delsscbif fen  mittlerer  GroBe  bescbrankte,  reicbte  die  Elbinger  Werft  mit  ibren 
beengten  Wasserverhaltnissen  aus;  als  sicb  Scbicbau  aber  an  dem  Ausbau 
der  deutscben  Kriegs-  und  Handelsflotte,  der  Ende  der  acbtziger  Jabre  einen 
ersten  starken  AnstoB  erbielt,  beteibgen  wollte,  konnte  es  nur  durcb  Scbaffung 
einer  neuen  Werft  an  geeigneter  Stelle  gescbeben.  So  wurde  1890  an  der  Dan- 
ziger  Weichsel  ein  Gelande  von  50  ba  erworben  und  in  ktirzester  Zeit  eine  neue 
Werft  erricbtet,  die  Z.  fur  den  Bau  groBter  Kriegs-  mid  Handelsscbiffe  aus- 
riisten  UeB.  Fiir  das  erste  Kriegsscbiff,  die  Kreuzerkorvette  »Gefion«,  wurde 
dort  1891  der  Kiel  gestreckt;  1894  Hefen  die  beiden  Reicbspostdampfer  »Prinz- 
regent  Luitpold*  und  »Prinz  Heinricb«  vom  Stapel.  Bis  zu  Z.s  Tod  batte  die 
Danziger  Scbicbauwerft  der  deutschen  Flotte  iiber  20  Linienscbiffe  und  Kreuzer 
gebefert,  fiir  die  Handelsmarine  iiber  30  der  groBten  Passagier-  mid  Fracbt- 
dampfer,  darunter  aucb  das  damals  groBte  Scbiff  des  Norddeutscben  Lloyd 
»Columbus«  gebaut. 

Zu  einer  Zeit,  als  die  Anwendung  des  Stablgusses  im  Scbiff-  mid  Scbiffs- 
maschinenbau  nocb  wenig  Anklang  fand,  hatte  Z.  bereits  erkannt,  welcbe 
Bedeutung  diesem  Material  fiir  die  Zukunft  der  Scbiffbautecbnik  innewobnt; 
lange  bevor  andere  sicb  dazu  entscblossen,  verwandte  er  bei  seinen  Konstruk- 
tionen  StahlguB  und  gliederte,  um  sicb  von  den  weit  entfernten  StahlgieBereien 
unabhangig  zu  macben,  seiner  Elbinger  Werft  1898  ein  Stablwerk  an,  das  so- 
fort  fiir  die  Lieferung  groBter  GuBstiicke  eingericbtet  wurde  und  heute  bei 
einer  tagbcben  Lieferung  von  50  Tonnen  die  groBte  StablgieBerei  im  deutscben 
Osten  darstellt. 

So  entwickelte  Z.  die  Scbicbau- Werke  zu  einer  Weltfirma,  die  miter  seiner 
Leitung  tausend  Scbiff e  gebaut  und  mit  Mascbinen  von  rund  5  MilHonen  PS 
ausgerustet  batte.  Febl-  mid  Riickscblage  sind  ibm  dabei  erspart  geblieben; 
nacb  45jabriger  Tatigkeit  konnte  er  von  sicb  bebaupten,  stets  ins  Scbwarze 
getroffen  zu  baben;  sicbtbarer  Segen  rubte  auf  all  seiner  Arbeit.  Es  war  nur 
scbeinbar,  wenn  er  sicb  Neuerungen  langsamer  vielleicbt  als  andere  anschloB ; 
das  »Sensationelle«  reizte  ibn  nicbt;  batte  er  aber  einmal  das  Gute  im  Neuen 
erkannt,  dann  setzte  er  seine  ganze  groBe  Energie  und  die  groBen,  ibm  zur 
Verfiigung  stebenden  Mittel  an  die  Erreicbung  des  neuen  Zieles.  So  war  es, 
als  er  1907  den  Dampfturbinenbau  in  groBtem  Stile  aufnabm  und  den  Bau  von 
Unterseebooten  wabrend  des  Krieges  begann. 

Dem  bier  gezeicbneten  Bilde  Z.s  feblte  jedocb  ein  wichtiger  Zug,  wollte  man 
nicht  aucb  des  Reizes  seiner  Personlicbkeit  gedenken,  die  Liebenswiirdigkeit 


206  19 1 7 

erwahnen,  die  jeden  sofort  fur  sich  gewann,  der  in  die  Nahe  dieses  Mannes  kam. 
Wer  Gelegenheit  hatte,  mit  Z.  zu  verkehren,  ward  von  der  gewinnenden  Art 
bestrickt,  mit  der  er  —  gegen  Hoch  und  Niedrig  stets  gleich  —  jedem  ent- 
gegentrat,  von  jener  Form  des  Umgangs,  die  in  ihrer  Bescheidenheit  kaum  er- 
kennen  lieB,  mit  welcher  bedeutenden  Personlichkeit  man  es  zu  tun  hatte. 
Diese  Bescheidenheit  behielt  er  bis  an  sein  Lebensende,  trotz  der  hohen  Aus- 
zeichnungen,  die  ihm  von  vielen  Regierungen  zuteil  wurden,  trotz  der  Ehrungen 
seitens  der  Technischen  Hochschule  Berlin  und  des  Vereins  deutscher  Inge- 
nieure,  der  ihm  die  Grashof-Denkmunze  verlieh.  Er  stellte  den  Typus  des 
» gentleman «  in  des  Wortes  bester  Bedeutung  dar;  sein  AuBeres,  das  den  ge- 
sunden  Geist  im  gesunden  Korper  erraten  lieB,  sein  Auftreten  machten  ihn 
bei  Versammlungen  zu  einer  hervorstehenden  Erscheinung,  die  man  nicht 
iibersehen  konnte.  Er  selbst  fuhlte  sich,  ganz  im  Sinne  des  groBen  Konigs,  als 
ersten  Diener  seines  Reichs;  Glockenschlag  acht  bei  der  Arbeit,  nach  dem 
letzten  seiner  Beamten  von  der  Arbeit  gehend,  so  kannten  ihn  die  Seinen,  die 
zu  ihm  nicht  in  einem  bloBen  Verhaltnis  der  Untergebenen  zum  Herrn  standen, 
die  vielmehr  durch  sein  freundliches  Wesen,  durch  die  fast  kollegiale  Art  seines 
Umganges  an  ihn  gefesselt  wurden. 

Es  muB  aber  auch  noch  besonders  des  innigen  Verhaltnisses  gedacht  werden, 
das  ihn  bis  zum  Tode  mit  seinem  Bruder  Rudolf  (*  12.  Juni  1850)  verband, 
der,  selbst  ein  hervorragender  Ingenieur,  zuerst  lange  Jahre  in  England  als 
Schif  f  smaschinenbauer  gearbeitet  hatte  und  spater  die  Vertretung  der  Schichau- 
Werke  in  RuBland  iibernahm.  Aus  dem  jahrzehntelangen  Zusammenarbeiten 
der  Bruder  ist  die  Anregung  zu  mancher  Schichauschen  Neukonstruktion  ent- 
standen. 

Unerwartet,  mitten  in  der  Fulle  von  Arbeit,  die  der  Krieg  in  erhohtem  MaBe 
von  ihm  verlangte,  starb  Carl  Z.  nach  kurzer  Krankheit  am  15.  Dezember  191 7. 
Ihm  folgten  nacheinander  in  der  Leitung  des  Werkes  seine  Gattin  Elisabeth, 
geborene  Schichau  (f  2.  Juli  1919),  sein  Schwiegersohn,  Ingenieur  C.  Carlson 
(f  23.  Oktober  1924)  und  seine  Tochter  Frau  Carlson,  geborene  Z.  (f  4.  Marz, 
1927). 

Berlin-Charlottenburg.  Paul  Krainer. 


1918 

Bachem,  Julius,  Politiker  und  Publizist,  *  am  2.  JUH1845  inMulheim  a.  Rh., 
t  am  22.  Januar  1918  in  Koln.  —  B.  war  der  Sohn  eines  Farb-  und  Kolonial- 
warenhandlers  und  besuchte  zunachst  in  seiner  Vaterstadt  die  Realschule 
I.  Ordnung.  Unter  dem  Einflusse  seines  Vaters  entwickelte  sich  bei  ihm  ein 
starkes  Interesse  an  der  Natur,  besonders  der  Vogel-  und  Insektenwelt.  Noch 
in  spateren  Lebensjahren  betatigte  er  sich  auf  diesem  Gebiete  als  Sammler 
und  Forscher.  Nach  der  Absolvierung  der  Tertia  der  Realschule  kam  er  an 
die  Handelsschule  in  Rolduc  in  Hollandisch-Iyimburg,  wo  in  der  ehemaligen 
Augustinerabtei  mehrere  hohere  Unterrichtsanstalten  vereinigt  waren.  Da  B. 
Lust  zum  akademischen  Studium  bekam,  ging  er  zur  Lateinschule  iiber,  die 
er  mit  gutem  Erfolg  besuchte.  Dann  trat  er  in  die  Unterprima  des  Huma- 
nistischen  Gymnasiums  in  Kempen  ein,  das  er  Sommer  1864  mit  dem  Zeugnis 
der  Reife  zum  Universitatsstudium  verlieB.  In  Bonn  studierte  er  zuerst 
neuere  Sprachen  und  Naturwissenschaften,  ging  aber  nach  zwei  Semestern 
zur  Rechtswissenschaft  iiber,  der  er  sich  in  Berlin  und  Bonn  widmete.  Im 
Sommer  1868  wurde  er  nach  bestandenem  Examen  bei  dem  Kolner  I,and- 
gericht  als  Auskultator  angenommen.  Gleichzeitig  trat  er  in  die  Redaktion  der 
»K61nischen  Blatter «  ein,  die  seit  dem  1.  Januar  1869  den  Namen  »K61nische 
Volkszeitung*  fiihrten.  Bei  seiner  groflen  Willensstarke  gelang  es  B.,  seiner 
Dienstpflicht  am  Gericht  und  zugleich  seinen  ObHegenheiten  als  Redakteur 
zu  gentigen,  und  bestand  mit  gutem  Erfolge  das  Assessorexamen.  Danach 
entschied  er  sich  endgiiltig  fiir  die  Journalistik.  Seine  Tatigkeit  als  Redakteur 
f iel  zeitlich  zusammen  mit  dem  groBen  kirchenpohtischen  Konflikt  (Kultur- 
kampf),  der  1872  ausbrach.  B.  stand  an  der  Wiege  der  Zentrumsfraktionen 
des  Reichstags  und  des  PreuBischen  Landtags.  Er  erblickte  seine  Lebensauf- 
gabe  darin,  die  Grundideen  der  Zentrumspartei  und  die  praktische  Zentrums- 
politik  offentlich  zu  vertreten. 

Zu  Beginn  des  Jahres  1876  trat  der  Bonner  Privatdozent  fiir  Geschichte, 
Dr.  Hermann  Cardauns,  als  Hauptredakteur  in  die  Leitung  der  »K61nischen 
Volkszeitung«  ein.  Beide  Manner  haben  mehr  als  drei  Jahrzehnte  in  eintrach- 
tiger  Zusammenarbeit  die  Redaktion  des  sich  stetig  entwickelnden  Hauptorgans 
der  Rheinischen  Zentrumspartei  geleitet,  wobei  B.  vorwiegend  das  staatsrecht- 
Uche  und  das  sozialpolitische  Gebiet  behandelte.  Wiederholt  verdichtete  sich 
seine  publizistische  Tatigkeit  zu  konkreten  Gesetzesvorschlagen,  fiir  die  er  als 
Schriftsteller  und  Redner  unausgesetzt  bemiiht  war.  So  bei  der  zuerst  von  ihm 
planmaBig  betriebenen  gesetzhchen  Bekampfung  des  »unlauteren  Wett- 
bewerbs*,  dem  er  im  Sinne  der  franzosischen  Rechtsprechung  wider  die  Con- 


208  1918 

currence  deloyale  aus  Artikel  1382  des  Code  Civil  beizukommen  suchte.  Mehr 
und  mehr  setzte  sich  bei  den  Juristen  und  auch  in  Handelskreisen  dieser  Ge- 
danke  durch,  und  am  27.  Mai  1896  nahm  der  Reichstag  das  Gesetz  gegen  den 
unlauteren  Wettbewerb  an.  Mit  dem  Abgeordneten  Oberlandesgerichtsrat 
Roeren  gab  B.  einen  in  mehreren  Auflagen  erschienenen  Kommentar  zu  diesem 
Gesetze  heraus. 

In  ahnlicher  Weise  setzte  B.  sich  in  Zeitungsartikeln  und  inBroschiiren  fur  die 
Einfiihrung  der  sog.  bedingten  Verurteilung  ein,  durch  die  die  schwerwiegenden 
Nachteile  der  kurzfristigen  Freiheitsstrafen  abgeschwacht  werden  sollten.  Er 
hatte  die  Handhabung  des  einschlagigen  belgischen  Gesetzes  an  der  Zucht- 
polizeikammer  in  Luttich  studieren  konnen,  und  wenn  die  bedingte  Verurtei- 
lung damals  im  Deutschen  Reiche  auch  nicht  in  der  von  B.  beabsichtigten 
Weise  eingefuhrt  wurde,  so  kam  der  Grundgedanke  seit  1895  in  den  meisten 
deutschen  Bundesstaaten  doch  in  der  Weise  zur  Durchfuhrung,  dafl  die  Landes- 
justizverwaltungen  im  Verordnungswege  eine  bedingte  Strafaussetzung  mit 
Aussicht  auf  StraferlaB  im  Gnadenwege  gewahren  konnten. 

Auch  auf  dem  Gebiete  der  Kommunalpolitik  hat  B.  sich  eifrig  betatigt, 
Kaum  30  Jahre  alt  wurde  er  1875  in  der  dritten  Wahlerabteilung  in  das  Kolner 
Stadtverordnetenkollegium  gewahlt.  Der  Kampf  der  Parteien  wurde  damals 
vor  allem  in  der  dritten  Klasse  gefiihrt,  zumal  das  Wahlrecht  in  der  Rhein- 
provinz  fiir  die  stadtische  Vertretung  gesetzlich  an  einen  um  eine  Stufe  hoheren 
Zensus  gekniipft  war  als  in  den  alten  Provinzen  PreuBens,  und  da  es,  wie  auch 
in  Koln,  durch  Ortsstatut  noch  um  eine  weitere  Stufe  erhoht  worden  war.  Erst 
1892  gelang  es  bei  Gelegenheit  der  Miquelschen  Steuerreform  hauptsachlich 
durch  die  Bemuhungen  B.s  im  PreuBischen  Abgeordnetenhause,  daB  der  Wahl- 
zensus  um  eine  Stufe  herabgesetzt  wurde,  wodurch  allein  in  Koln  die  Zahl  der 
Wahler  in  der  dritten  Klasse  um  rund  8000  stieg. 

Im  Herbst  1876  wurde  B.  fiir  den  Wahlkreis  Sieg  -  Miilheim  a.  Rh.  -Wipper- 
fiirth  auch  in  das  PreuBische  Abgeordnetenhaus  gewahlt,  dem  er  bis  1890  an- 
gehorte.  Rasch  erlangte  er  in  der  Zentrumsfraktion,  aber  auch  bei  den  ubrigen 
Parteien  infolge  seiner  Rednergabe  und  seiner  Sachkenntnis  eine  angesehene 
Stellung.  Ihm  lag  neben  Windthorst,  den  beiden  Reichensperger  und  Lieber 
die  parlamentarische  Vertretung  der  politischen,  der  kirchenpolitischen  und 
der  Schulfragen  ob.  In  der  Schrift  »PreuBen  und  die  katholische  Kirche«  schil- 
derte  er  das  Verhaltnis  dieser  beiden  Gewalten  in  seiner  geschichtlichen  Ent- 
wicklung.  Als  Parlamentarier  wie  als  Journalist  hielt  B.  es  fiir  seine  vornehmste 
Pflicht,  fiir  die  Beseitigung  der  Kulturkampfgesetzgebung,  fiir  die  Freiheit  der 
Religionsubung  des  katholischen  Volksteils  und  fiir  die  verfassungsmaBige 
Gleichberechtigung  desselben  einzutreten.  Die  Erregung,  die  sich  in  katho- 
lischen Gegenden  der  Bevolkerung  damals  bemachtigt  hatte,  fiihrte  wiederholt 
zu  ZusammenstoBen  mit  den  Organen  der  Staatsregierung  und  zu  aufsehen- 
erregenden  Gerichtsverhandlungen.  Zweimal  hatte  dabei  B.  als  Rechtsbeistand 
einen  vielbesprochenen  Erfolg;  das  erstemal  1876  bei  dem  ProzeB  gegen 
21  Leute  aus  dem  Dorfe  Marpingen  (Bez.  Trier),  die  wegen  Aufruhrs  und  Land- 
friedensbruchs  angeklagt  waren,  aber  bei  der  Gerichtsverhandlung  in  Saar- 
briicken  auf  Antrag  B.s  freigesprochen  wurden.  Das  zweitemal  bei  dem  sog. 
Rheinbrohler  GlockenprozeB.  In  dem  Orte  Rheinbrohl  bei  Neuwied  hatte  der 
Biirgermeister  beim   Begrabnis  eines  zweijahrigen   Kindes  das  Lauten  der 


Bachem 


209 


Kirchenglocken  angeordnet,  und  als  die  Kirchengemeinde  dieser  Forderung 
passiven  Widerstand  entgegensetzte,  in  Koblenz  Landgendarmerie  und  Militar 
requiriert.  B.  vertrat  im  Landtage  mit  Erfolg  den  Satz,  daB  die  Glocken  in 
Rheinbrohl  der  Kirchengemeinde  gehorten  und  daB  die  Bevdlkerung  zu  der 
schroffen  MaBregel  der  Requirierung  von  Militar  keinerlei  AnlaJ3  gegeben  habe. 
Das  Oberlandesgericht  in  Frankfurt  erkannte  das  alleinige  Eigentum  der 
Kirchengemeinde  an  der  Kirche  und  dem  Kirchturm  an,  und  demgemaB  wur- 
den  der  Zivilgemeinde  die  erheblichen  Kosten  des  militarischen  Eingreifens 
wieder  erstattet. 

Als  1876  der  hundertjahrige  Geburtstag  Joseph  v.  Gorres'  gefeiert  wurde, 
war  B.  in  Koblenz  mit  fiinf  Gesinnungsgenossen,  darunter  die  Bonner  Privat- 
dozenten  Freiherr  v.  Hertling  (s.  unten  VS.  418)  und  Hermann  Cardauns, 
an  der  Griindung  der  »  Gorres-Gesellschaf  t  zur  Pflege  der  Wissenschaft  im  katho- 
lischen  Deutschland«  hervorragend  beteiligt.  Besonders  enge  verkniipfte  ihn 
mit  dieser  Organisation  die  Bearbeitung  und  Herausgabe  des  von  ihr  ver- 
offentlichten  »Staatslexikons«,  von  dem  unter  der  Redaktion  B.s  vier  Auflagen 
erschienen.  Nach  der  Fertigstellung  der  ersten  Auflage  ernannte  ihn  die  Uni- 
versitat  Lowen  zuin  Ehrendoktor  der  Staatswissenschaften.  In  ahnlicher  Weise 
war  B.  auch  fur  den  Ausbau  des  1878  gegrundeten  Augustinus-Vereins  zur  Pflege 
der  katholischen  Presse  bemiiht,  bei  dessen  Generalversammlungen  er  meist 
die  politischen  Refer  ate  erstattete. 

In  der  Mitte  der  neunziger  Jahre  des  vorigen  Jahrhunderts  verbreitete  sich 
von  Frankreich  und  Italien  her  auch  in  Deutschland  ein  von  den  sog.  franzo- 
sischen  »Fumisten«  ausgehender  Schwindel,  dessen  Urheber,  vor  allem  der 
franzosische  Schriftsteller  und  ehemalige  Freimaurer  Leo  Taxil,  auf  Grund 
willkurlicher  Erfindungen  und  Enthiillungen  in  Biichern  und  Zeitungen  die 
Freimaurerei  als  im  Bunde  mit  dem  Teufel  stehend  hinstellten.  Auf  dem  im 
September  1896  in  Trient  stattfindenden  Internationalen  Antifreimaurer- 
kongreB  sollten  diese  sensationellen  Enthiillungen  als  Beweismaterial  fiir  kirch- 
liche  MaBnahmen  gegen  die  Freimaurerei  verwertet  werden.  In  dieser  hoch- 
kritischen  Situation  gelang  es  B.  auf  Grund  seiner  personlichen  Beziehungen  zu 
einem  dieser  f ranzosischen  Schriftsteller  die  ganze  groBangelegte  Mystif ikation 
aufzudecken  und  ihre  Hintermanner  in  mehreren  Artikeln  der  Presse  zu  ent- 
larven.  Dadurch  hat  er  sich  urn  die  Bewahrung  des  deutschen  Katholizismus 
vor  der  ihm  zugedachten  Blamage  ein  groBes  Verdienst  erworben. 

B.  wollte  nach  seinen  offentlichen  Versicherungen  nichts  anderes  sein,  als 
Zentrumspublizist  und  Zentrumspolitiker  schlechthin,  so  wie  er  in  der  Schule 
Windthorsts  es  gelernt  hatte.  Trotzdem  konnte  er  nicht  verhindern,  daB  er  von 
sog.  integralen  Schwarmgeistern  als  Vertreter  einer  einseitigen  Richtung,  der 
Richtung  Bachem  oder  auch  der  Koln  -  M.  -  Gladbacher  Richtung  bezeichnet 
und  heftig  angefeindet  wurde.  Diese  kritische  Einstellung  gegenuber  der  von 
B.  vertretenen  Kulturpolitik  war  hervorgerufen  durch  einen  Artikel,  den  B. 
1906  unter  dem  Titel  »Wir  miissen  aus  dem  Turm  heraus! «  in  den  »Munchener 
Historisch-Politischen  Blattern«  (Bd.  137,  S.  376  ff.)  veroffentlicht  hatte,  und 
der  lange  Zeit  hindurch  in  der  Presse  aller  Parteien  ein  groBes  Aufsehen  erregte 
und  vielfach  angefochten  wurde.  Dadurch  wurde  der  jahrelang  wahrende  Streit 
um  den  Charakter  der  Zentrumspartei  bewirkt,  der  in  der  1910  erschienenen 
anonymen  Streitschrift  »K61n  —  eine  innere  Gefahr  fiir  den  Katholizismus « 

DBJ  14 


210  1918 

gipfelte.  Was  B.  mit  jenem  Artikel  beabsichtigte,  hat  er  in  seiner  Schrift  »Lose 
Blatter  aus  meinem  Leben«  erlautert.  Danach  wollte  er  die  starke  Verteidi- 
gungsstellung  des  Zentrums  nicht  preisgeben,  aber  anderseits  die  Zentrums- 
partei  auch  nicht  als  eine  ausschlieBlich  konfessionelle  Partei  kennzeichnen, 
sondern  er  betonte  ausdriicklich,  daB  das  Zentrum  nach  der  Absicht  seiner 
Griinder,  nach  seinem  Programm  und  nach  seiner  Geschichte  eine  politische 
nichtkonfessionelle  Partei  sei,  der  auch  jeder  Nichtkatholik,  der  dessen  Pro- 
gramm annehme,  beitreten  konne  und  dem  auch  bis  in  die  neueste  Zeit  hinein 
hervorragende  Mitglieder  des  protestantischen  Bekenntnisses  arigehort  hatten. 
Mit  dieser  Forderung  B.s  war  also  nicht  gemeint,  das  Zentrum  solle  sein  bisher 
vertretenes  Programm  aufgeben  und  sich  in  eine  rein  wirtschaftliche  Partei 
umwandeln,  wie  die  Richtungsgegner  B.s  dies  unterstellten.  Die  in  dem  Turm- 
artikel  erorterten  Gesichtspunkte  des  Verfassers  haben  sich,  nachdem  die  Mi£- 
verstandnisse  und  falschen  Auffassungen  beseitigt  waren,  allmahlich  auf  der 
ganzen  Linie  durchgesetzt. 

B.  besaB  einen  ungemein  klar  denkenden  Verstand,  eine  rasche  Auffassung 
und  eine  schier  unbeugsame  Willenskraft.  Seine  geistige  Starke  lag  auf  poli- 
tischem  Gebiete,  wo  ihn  auBer  einem  rastlosen  FleiB  ein  geradezu  divinato- 
rischer  Scharfblick  auszeichnete,  der  ihn  kommende  politische  Situationen 
sicher  vorhersehen  und  genau  berechnen  lieB.  Er  war  eine  ausgesprochene 
Kampfer-  und  Fiihrernatur  und  besafi  eine  hinreiBende  und  schlagfertige  Be- 
redsamkeit.  Er  war  eifrig  um  den  wirtschaftlichen,  sozialen  und  wissenschaft- 
lichen  Auf stieg  des  katholischen  Volksteiles  bemiiht  und  hat  diesen  durch  seine 
46jahrige  journalistische  Tatigkeit  aus  alien  Kraften  zu  befordern  gesucht,  aber 
er  hat  sich  doch  anderseits  auch  stets  fur  den  paritatischen  Rechtsstaat  und 
fiir  die  biirgerliche  Toleranz  in  Deutschland  eingesetzt  und  bewuBt  die  gemein- 
samen  Giiter  aller  Konfessionen  gepflegt. 

Literatur:  Bachem  (und  W  ein  and) :  Vor  den  Wahlen.  Mahnruf  an  das  christlich- 
konservative  Deutschland,  1871.  —  B.  (und  Semmerau) :  Lamy,  ein  Opfer  der  Geheim- 
biinde.  Auszug  aus  Brescimis  Jude  von  Verona,  1873.  —  Das  Zentrum  im  Landtag  und 
im  Reichstag,  1874.  —  Ein  Kapitel  uber  die  Polizei,  1876.  —  Strafrechtspflege  und 
Politik,  1876.  —  Gesetz  und  Recht,  1876,  2.  Auflage  1877.  —  Preuflen  und  die  katholische 
Kirche,  1884,  5.  Auflage  1887.  —  Der  unlautere  Wettbewerb,  1892.  —  Wie  ist  dem  un- 
lauteren  Wettbewerb  zu  begegnen  ?  1893.  —  Bedingte  Verurteilung,  1894.  —  Bedingte 
Verurteilung  oder  bedingte  Begnadigung,  1896.  —  B.  (und  Roeren) :  Das  Gesetz  zur  Be- 
kampfung  des  unlauteren  Wettbewerbs,  1896,  3.  Auflage  1900.  —  B.  (und  W.  Hankamer) : 
Die  Paritat  in  PreuBen,  1897,  2-  Auflage  1899.  —  Allerlei  Gedanken  iiber  Journalistik,  1905. 
—  Lose  Blatter  aus  meinem  Leben,  1910.  —  Erinnerungen  eines  Politikers,  191 2.  —  Das 
Zentrum,  191 3.  —  Der  Krieg  und  die  politischen  Parteien,  o.  J.  —  Der  Krieg  und  das 
Papsttum,  o.  J .  —  Der  Krieg  und  die  Polen,  o.  J .  —  Hsg.  J  ahrhundertf eier  zur  Vereinigung 
der  Rheinlande  mit  PreuBen,  1915.  —  Staatslexikon  der  Gorres-Gesellschaft,  1900  ff.  — 
Hermann  Cardauns,  Aus  dem  Leben  eines  Redakteurs,  191 2. 

Koln.  Karl  Hoeber. 

Ballin,  Albert,  Generaldirektor  der  Hamburg-Amerika-Linie,  *  15.  August 
1857  in  Hamburg,  f  9.  November  1918  in  Hamburg.  —  Albert  B.  wurde  in 
Hamburg  unten  im  Hafenviertel,  in  dem  heute  nicht  mehr  bestehenden  alt- 
hamburger  Hause  Stubbenhuk  17  als  dreizehntes  Kind  seines  Vaters  geboren. 
Der  Vater,  Samuel  Joel  B.,  aus  dem  kleinen  Hafenort  Horsens  an  der  Ostkiiste 
Siid-Jiitlands  stammend,  war  1832  als  Handwerker  in  Hamburg  eingewandert, 


Bachem.  Ballin  211 

hatte  es  rasch  mit  einer  Dekatier-  und  Farbereiwerkstatt,  die  schlieBlich  zur 
Fabrik  angewachsen  war,  zu  kleinem  Wohlstand  gebracht,  der  freilich  nach 
dem  groBen  Brand  von  Hamburg  1842  infolge  der  Insolvenz  groBer  Hamburger 
Firmen  wieder  zusammenbrach.  1852,  also  funf  Jahre  vor  Alberts  Geburt,  er- 
richtete  der  Vater  mit  einem  Sozius  eine  Auswandereragentur,.die  sich  bis  zu 
seinem  Tode  (1874)  miihselig  durchschlug  und  keine  besondere  Bedeutung  er- 
langen  konnte.  In  diesem  Milieu  wuchs  Albert  B.,  nahe  dem  Zentrum  des  Ham- 
burger Hafenverkehrs  und  tagtaglich  hingewiesen  auf  den  groBen,  namentlich 
nach  der  Revolution  von  1848  mehr  und  mehr  anschwellenden  Auswanderer- 
verkehr  iiber  Hamburg,  mit  hellsichtigen  Augen  auf.  Als  der  Vater,  siebzigjahrig, 
gestorben  war,  muBte  er,  noch  unmiindig,  sehr  bald  die  Fiihrung  der  Firma,  die 
nominell  der  Mutter  gehorte,  ubernehmen.  Seine  Schuljahre  hatten  ihm  auf 
verschiedenen  Lehranstalten  das  iibliche  Bildungsgut  vermittelt.  Ein  glanzen- 
der  Schuler  ist  er  niemals  gewesen.  Die  wertvollste  Ausbildung  brachte  ihm  in 
den  nachsten  Jahren  das  Leben  selbst,  zumal  er  nun  einen  eisernen  FleiB,  eine 
ungewdhnliche  Auffassungsgabe  und  einen  ganz  seltenen  Blick  fur  geschaft- 
liche  Moglichkeiten  entwickelte.  Die  kleine  Auswandereragentur  verstand  er 
als  » junger  Mann  «  sehr  bald  zu  groBerer  Bedeutung  zu  bringen,  so  daB  er  bereits 
1880  mit  seiner  Firma  einen  erheblichen  Teil  des  indirekten  Auswanderer- 
verkehrs  iiber  Hamburg,  d.  h.  den  Transport  von  Auswanderern  iiber  englische 
Hafen  beherrschte.  Reisen  nach  England  brachten  ihm  Beziehungen  aller  Art, 
verschafften  ihm  Einblick  in  die  treibenden  Krafte  des  Schiffahrtsgeschaftes 
und  in  die  damals  namentlich  in  England  aufstrebenden  GroBreedereien. 

Die  Entwicklung  der  deutschen  Reedereien  war  bis  dahin  keine  besonders 
gluckliche  gewesen.  Zwar  hatte  der  Norddeutsche  I,loyd  in  Bremen  (gegriindet 
1857)  einen  erheblichen  Teil  des  Auswandererverkehrs  iiber  deutsche  Hafen  an 
sich  ziehen  konnen,  ebenso  wie  die  Hamburg-Amerikanische  Paketfahrt  A.-G. 
(Hapag,  gegriindet  1847)  mit  wechselndem  Gliick  ihre  Beziehungen  im  Per- 
sonen-  und  Frachtverkehr  nach  Amerika  und  Westindien  ausgestaltet  hatte. 
Anfang  der  achtziger  Jahre  aber,  zu  einer  Zeit,  in  der  Bremen  in  seinen  Be- 
forderungszahlen  einen  starken  Vorsprung  vor  Hamburg  erzielt  hatte,  waren 
die  inneren  Verhaltnisse  der  Hapag  iiberaus  unsicher  und  schwankend.  Es  lag 
wie  eine  Lahmung  iiber  dem  Unternehmen.  Der  Reeder  Edward  Carr,  vorher 
Mitinhaber  der  bekannten  Firma  Rob.  M.  Sloman  jr.  stellte  der  wenig  unter- 
nehmungslustigen  Hapag  eine  Auswandererlinie  nach  Neuyork  entgegen  und 
sicherte  sich  die  Mitarbeit  der  B.schen  Agentur  mit  dem  Erfolg,  daB  die  Hapag 
trotz  ihrer  iiberragenden  GroBe  schlieBlich  dazu  iibergehen  muBte,  sich  mit 
dieser  tatkraftigen  jungen  Konkurrenz  zu  verstandigen.  Die  Carrschen  Inter- 
essen  wurden  mit  der  Hapag  vereint,  und  B.  trat,  20jahrig,  1886  als  Passage- 
leiter  in  den  Dienst  der  groBten  Hamburger  Reederei.  Zwei  Jahre  spater  wurde 
er  Mitglied  des  Direktoriums  und  abermals  einige  Jahre  spater  Vorsitzender 
des  Direktoriums  des  sich  nunmehr  » Hamburg- Amerika  -L,inie«  nennenden 
GroBbetriebes. 

War  schon  der  personliche  Aufstieg  dieses  Mannes,  den  weder  uberkommenes 
Vermogen  noch  glanzende  Verbindungen  oder  Familientradition  zur  Ver- 
fiigung  standen,  ein  namentlich  in  der  alten  patrizischen  Hansestadt  durchaus 
ungewohnlicher  Vorgang,  so  war  die  Iyeistung,  die  nun  folgte,  etwas  Erstaun- 
liches. 


212  1918 

Zunachst  organisierte  B.  den  Passagedienst  der  vergroBerten  Gesellschaft 
sowohl  in  Hamburg  als  auch  in  Neuyork  neu,  schuf  die  ersten  Grundlagen 
einer  reprasentativen  Propaganda,  die  bekanntlich  heute  ein  iiberaus  wichtiges 
Element  der  iiberseeischen  Personenschiffahrt  darstellt,  und  trieb  die  Gesell- 
schaft dazu  an,  den  Schnelldampfertyp,  mit  dem  der  Norddeutsche  Lloyd  in 
den  letzten  Jahren  vor  1886  grofle  Erfolge  erzielt  hatte,  aufzunehmen  und  fort- 
zubilden.  Der  erste  grofle  Schritt  der  Hapag  war  der  Bau  eines  Doppelschrauben- 
Schnelldampfers,  der  den  Einschrauben-Schnelldampfern  des  Norddeutschen 
Lloyd  die  Spitze  bieten  sollte.  Damit  gewann  die  Hamburg- Amerika-Linie  un- 
geahnte  Entwicklungsmoglichkeiten.  Sie  konnte  ihre  Schiffe  wesentlich  ver- 
groBern  und  wegen  der  beiden  nebeneinanderliegenden  Maschinen  verbreitern, 
ohne  daB  darunter  das  Ziel  groBerer  Schnelligkeit  litt.  Der  Norddeutsche  Lloyd, 
der  sich  zunachst  nicht  zum  Bau  von  Doppelschraubenschiffen  entschlieBen 
konnte,  muflte  bald  empfinden,  daB  ihm  ein  scharfer  Wettbewerber  in  Ham- 
burg entstanden  war.  In  den  ersten  zehn  Jahren  der  B.schen  Wirksamkeit  in 
der  Hamburg- Amerika-Linie  muBte  sich  der  Norddeutsche  Lloyd  trotz  eigener 
vortrefflicher  Entwicklung,  sowohl  was  Tonnage,  beforderte  Passagiere,  wie 
Auswandererzahl  angeht,  iiberfliigeln  lassen.  Das  Kennzeichen  der  B.schen 
Wirksamkeit  innerhalb  seiner  Reederei  war  die  f achliche  Universalitat.  Obwohl 
er  in  seinen  Lehr jahren  mit  dem  Frachtgeschaft  kaum  etwas  zu  tun  hatte, 
wirkte  er  bald  anfeuernd  auch  auf  die  Frachtlinien  der  Hamburg-Amerika- 
Linie  ein.  Die  Ausbildung  des  Borddienstes  stand  nicht  nur  unter  seiner  Auf- 
sicht,  sondern  blieb  bis  zuletzt  bis  ins  einzelne  seinem  EinfluB  unterworfen.  In 
technischer  Beziehung  stellte  er  seine  Mitarbeiter  immer  erneut  vor  neue  und 
groflere  Aufgaben.  Auf  finanziellem  Gebiet  verstand  er  es,  der  Gesellschaft, 
deren  Aktien  vorher  zeitweise  stark  angeboten  waren,  neues  Vertrauen  nicnt 
nur  in  den  hamburgischen  Wirtschaftskreisen,  sondern  im  ganzen  Reiche  zu 
verschaffen.  Die  in  finanzieller  Beziehung  durchaus  vorsichtige,  aber  auch 
wagemutige  Fiihrung  der  Gesamtentwicklung  ermoglichte  immer  neue  Kapital- 
erhohungen  und  schuf  damit  erst  die  Grundlage  zu  neuen  technischen  Fort- 
schritten.  Nicht  zuletzt  war  es  B.  zu  danken,  daB  der  Hamburger  Staat  in  weit 
groflerem  Umfange  als  f riiher  seine  Fiirsorge  der  Vertiefung  und  dem  Ausbau 
der  Unterelbe  zuwendete  (s.  Bubendey,  unten  S.  359),  so  daB  die  von  der  Ham- 
burg- Amerika-Linie  in  raschem  Tempo  geschaffenen,  immer  grofler  werden- 
den  Schiffsgefafle  fast  ausnahmslos  bis  in  den  Hamburger  Hafen  gelangen 
konnten.  Die  geniale  Beweglichkeit  seines  Geistes  und  die  vorausschauende 
Feinfuhligkeit,  mit  der  er  den  Wiinschen  des  zu  Seereisen  geneigten  Publikums 
zuvorkam,  fiihrten  in  der  Ausgestaltung  der  transatlantischen  nordamerika- 
nischen  Fahrten  zu  einer  iiberaus  sinnvollen  jeweiligen  Verlegung  des  Schwer- 
gewichts  im  Charakter  der  neu  geschaffenen  Schiffstypen,  indem  wechselweise 
im  Abstand  von  mehreren  Jahren  das  eine  Mai  mehr  der  gesteigerten  Schnellig- 
keit, das  andere  Mai  der  Bequemlichkeit  und  hervorragenden  Raumgestaltung 
an  Bord  die  groflere  Bedeutung  zugemessen  wurde.  Daneben  verstand  B.  fur 
die  europaische  Auswanderung  nach  Nordamerika  vorbildliche  neue  Grund- 
lagen zu  schaffen.  Die  Organisation  des  Auswandererdienstes  schon  an  der 
russisch-polnischen  Grenze,  die  Unterbringung  der  Auswanderer  bis  zur  Ab- 
fahrt  des  Schiffes  im  Hamburger  Hafen  in  einer  eigens  hierzu  geschaffenen 
Auswandererhallenanlage,  die  einer  ganzen  Stadt  gleicht,  und  die  gesundheit- 


Ballin  213 

liche  Sicherung  der  immer  mehr  wachsenden  Anzahl  von  Menschen  (letzteres 
namentlich  nach  dem  katastrophalen  Cholera jahr  von  1892)  wurde  so  geradezu 
zur  Voraussetzung  des  glatten  Ablaufs  jenes  Auswandererstromes,  dessen 
Hunderttausende  alljahrlich  iiber  europaische,  meist  deutsche  Hafen  eine  neue 
Lebensgrundlage  jenseits  des  Ozeans  such  ten.  —  Als  B.  in  die  Hapag  eintrat, 
lieB  diese  ihre  Schiffe  lediglich  nach  Nordamerika  und  Westindien  laufen.  In 
der  Folgezeit  steigerten  sich  die  Leistungen  der  Gesellschaft,  indem  immer 
neue  Gebiete  der  Welt  in  den  Verkehr  einbezogen  wurden.  Mit  Ausnahme  der 
australischen  Hafen  gab  es  vor  Ausbruch  des  Weltkrieges  kaum  irgendeinen 
groBeren  Hafen  an  den  Kiisten  dieser  Erde,  in  dem  nicht  die  Flagge  der  Hapag 
regelmaBig  gezeigt  worden  ware.  Die  geradezu  meisterhafte  Propaganda,  die 
unter  dem  EinfluB  B.s  sowohl  in  kunstlerischer  wie  in  literarischer  Beziehung 
ausgebaut  wurde,  fand  Unterstiitzung  in  der  Angliederung  kleinerer  Unter- 
nehmen,  die  fur  das  Urteil  des  Publikums  erhebliche  Bedeutung  hatten:  die 
Ausgestaltung  des  deutschen  Nordseebaderdienstes  und  der  Reisebureaus.  Es 
soil  nicht  behauptet  werden,  daB  alle  Einzelheiten  dieser  Entwicklung  das  per- 
sonliche  Verdienst  oder  die  ureigenste  Idee  Albert  B.s  gewesen  seien.  Er  war  viel 
zu  objektiv,  um  nicht  das  Gute  daher  zu  nehmen,  wo  er  es  fand.  Wohl  aber  war 
er  oft  derjenige,  der  den  ersten  AnstoB  gab,  und  der  nicht  ruhte,  bis  eine  Neue- 
rung  in  der  feinsten  Form  durchgefuhrt  wurde.  So  war  der  Gedanke  der  Nord- 
land-  und  Mittelmeerfahrten  mit  denjenigen  groBen  Passagierdampfern,  die  in 
der  stilleren  Zeit  im  transatlantischen  Verkehr  nicht  benotigt  wurden,  eine 
seiner  originellen,  fruchttragenden  Ideen. 

Wenn  der  alte  Satz,  daB  die  Flagge  dem  Handel  vorausgeht,  als  richtig  anzu- 
erkennen  ist,  dann  hat  Albert  B.  fur  die  Ausgestaltung  der  deutschen  Ubersee- 
wirtschaft,  fur  die  Entwicklung  des  AuBenhandels  und  gleichzeitig  auch  der 
deutschen  Industrie  eine  Riesenleistung  vollbracht.  Der  Auftrieb  seiner  Tatig- 
keit  und  seines  Unternehmens  riB  naturgemaB  andere  Unternehmungen  gleicher 
Art  zu  groBen  Leistungen  mit.  Er  hat  niemals  der  Meinung  gehuldigt,  daB, 
nachdem  die  Hamburg- Amerika-Linie  zur  groBten  deutschen  Reederei  ge- 
worden  war,  ihr  etwa  eine  Art  Monopol  oder  Vorzugsstellung  verschafft  werden 
konnte.  Trotz  seiner  guten  Beziehungen  zur  deutschen  Regierung  und  der 
Freundschaft,  die  ihn  etwa  von  der  Jahrhundertwende  ab  mit  dem  deutschen 
Kaiser  verband,  hat  er  niemals  versucht,  seiner  Reederei  Subventionen  der 
Regierung,  wie  sie  in  anderen  Landern  ublich  waren,  zuzufuhren ;  im  Gegen- 
teil,  er  war  ein  scharfer  Gegner  dieser  Art  von  Schiffahrtspolitik. 

Dem  schrankenlosen  Wettbewerb,  der  insbesondere  der  Schiffahrt  eigen  sein 
kann,  begegnete  er  mit  dem  Aufbau  einer  der  glanzendsten  internationalen 
Organisationen,  die  die  neuere  Wirtschaftsgeschichte  kennt.  Es  ist  bezeichnend, 
daB  er  bereits  als  2oJahriger  junger  Mann  beim  Eintritt  in  die  Hapag  den  Plan 
zu  einem  internationalen  Schiffahrtspool  mitbrachte.  Neben  der  iiberaus  viel- 
seitigen  Tatigkeit  des  ersten  Jahrzehnts  innerhalb  der  Hapag  war  die  Durch- 
arbeitung  dieser  Idee  und  der  allmahliche  unter  seinem  maBgeblichen  EinfluB 
zustande  kommende  Aufbau  des  transatlantischen  Passagepools,  dem  sehr  bald 
ahnliche  Organisationen  auf  alien  Schiffahrtsgebieten  folgten,  einer  der  wich- 
tigsten  Leistungen.  Die  Eigenart  dieser  groBen  Kartelle,  denen  sehr  bald  alle 
Schiffahrtsunternehmungen  angehorten,  lag  darin,  daB  zwar  die  Preise  und  die 
Linienorganisation  auf  einer  sinnreich  durchdachten  Vereinbarung  beruhten, 


214  1918 

daB  aber  gleichzeitig  den  einzelnen  Unternehmungen  hinsichtlich  der  quali- 
tativen  Ausgestaltung  ihres  Dienstes  und  der  technischen  Verbesserung  ihrer 
Schiffe  keinerlei  Schranken  gezogen  waren.  So  wurde  B.  selir  bald  als  aner- 
kannter  Fiihrer  dieser  Organisation  zu  einer  wirtschafts-politisch  bedeutenden 
Personlichkeit,  deren  EinfluB  auch  auBerhalb  der  Grenzen  groB  zu  nennen  war. 

Es  nimmt  daher  nicht  wunder,  daB  ihm  ganz  von  selbst  auch  ein  erheblicher 
politischer  EinfluB  zuwuchs,  der  keineswegs  nur  auf  seiner  Freundschaft  zum 
deutschen  Kaiser  beruhte.  Seine  Beziehungen  zu  den  Wirtschafts-  und  Finanz- 
fuhrern  der  groBen  Weltmachte,  denen  der  gewaltige  wirtschaftliche  Erfolg 
seiner  Reederei  hohe  Achtung  abgerungen  hatte,  fiihrten  ganz  von  selbst  dazu, 
auch  in  den  groBen  Fragen  der  AuBenpolitik  eine  nicht  unwesentliche  Stellung 
zu  finden.  Er  hat  freilich  niemals  eine  amtliche  Tatigkeit  auf  diesen  Gebieten 
erstrebt  oder  ubernommen.  AuBere  Ehrungen,  die  ihm  zahlreich  angeboten 
wurden,  hat  er  gering  geschatzt,  und  so  we  it  es  sich  um  Titel  handelte,  charakter- 
voll  abgelehnt.  Den  Gipfel  seiner  Laufbahn  erklomm  er  in  den  letzten  Jahren 
vor  dem  Weltkriege,  indem  er  unter  der  besonderen  Aufmerksamkeit  des 
Kaisers  den  groBen  Wurf  der  drei  Imperatorenschiff e  wagte :  Drei  Turbinen- 
schnelldampfer  von  ungeheuren  AusmaBen  mit  drei  Schrauben,  zwischen 
52  000  und  60000  Bruttoregistertonnen  mit  einer  bis  dahin  noch  nicht  gekannten 
Schnelligkeit  versehen,  mit  Bordraumen  von  bisher  ungekannter  Pracht:  ein 
dreifaches  Werk,  dessen  Vollendung  der  Weltkrieg  verhinderte.  Dampfer 
»Imperator<(  war  1913,  Dampfer  »Vaterland«  1914  in  Dienst  genommen,  wah- 
rend  Dampfer  » Bismarck «  erst  wahrend  des  Krieges  langsam  fertiggestellt 
werden  konnte. 

Damit  begann  der  tragische  Zusammenbruch  einer  seltenen  menschlichen 
Laufbahn  und  Leistung.  Der  Krieg  zerstorte  die  Organisation  der  deutschen 
Reedereien  mit  einem  Schlage.  Der  Frieden  von  Versailles  nahm  der  Hamburg- 
Amerika-Linie  den  verhaltnismaBig  groBen  Teil  der  Schiffe,  die  ihr  trotz  Ver- 
senkung  und  Wegnahme  verblieben  waren,  vollends  fort.  B.  hat  diesen  letzten 
und  schwersten  Schlag  nicht  mehr  erlebt.  Aber  sein  Geist  hatte  dieses  vor- 
laufige  Ende  seines  Lebenswerkes  vorausgefuhlt.  —  Wahrend  des  Krieges 
stellte  er  seine  Kraft  fur  die  Beratung  in  groBen  wirtschaftlichen  Fragen  und 
fur  politisch-diplomatische  Verhandlungen  soweit  moglich  zur  Verfugung.  Sein 
Urteil  iiber  die  politische  Fuhrung  des  deutschen  Volkes  wahrend  des  Krieges 
war  im  ganzen,  wenn  auch  unter  Schwankungen,  die  seinem  sanguinischen 
Charakter  entsprachen,  absprechend.  Er  begann  aus  seiner  Auslandskenntnis 
heraus  bereits  friih  daran  zu  zweifeln,  daB  es  Deutschland  moglich  sein  wiirde, 
einer  ganzen  Welt  zu  widerstehen.  Er  warnte  vor  der  Einleitung  des  unbe- 
schrankten  U-Bootkrieges  und  lieB  sich  schlieBlich  durch  die  Urteile  der  Marine- 
politiker  bestimmen,  seinen  Widerspruch  aufzugeben.  Der  Eintritt  Amerikas 
in  den  Krieg  nahm  ihm  aber  fast  alle  Hoffnungen  auf  einen  giinstigen  Ausgang, 
und  der  Gedanke,  daB  er  im  Schatten  der  durch  den  Krieg  hervorgerufenen 
Hetze  gegen  Deutschland  genotigt  sein  konnte,  eines  Tages  aus  den  Triimmern 
seines  Unternehmens  wieder  eine  neue  Reederei  aufzubauen,  hat  ihn  in  seinen 
Nerven  auf  das  schwerste  erschtittert.  Im  Herbst  19 18  wandten  sich  maB- 
gebende  Kreise,  unter  ihnen  Hugo  Stinnes,  an  Albert  B.,  seinen  EinfluB  bei 
Wilhelm  II.  im  Sinne  einer  Liquidierung  des  Krieges  einzusetzen.  Ende  Oktober 
legte  man  ihm  nahe,  die  Waffenstillstandsverhandlungen  zu  fiihren.  Er  war 


Ballin.  Baeyer  215 

bereit.  Als  der  Zusammenbruch  da  war  und  die  Erregung  der  Revolution  jede 
Arbeit  vollends  zum  Stillstand  brachte,  schlug  das  Schicksal  auch  iiber  dem 
Haupte  Albert  B.s  zusammen.  An  dem  schicksalsschweren  9.  November  1918 
schied  er  aus  dem  Leben. 

Literatur:   Huldermann,  Albert  Ballin,   1920,   2.  Auflage   1922;  P.  F.  Stubmann, 
Albert  Ballin,  1926. 
Hamburg.  Peter  Franz  Stubmann. 

Baeyer,  Johann  Friedrich  Wilhelm  Adolf  v.,  Dr.  phil.,  o.  Professor  der  Chemie 
an  der  Universitat  Miinchen,  Geh.  Rat;  *  am  31.  Oktober  1835  m  Berlin, 
•f  am  20.  August  1918  *)  in  Miinchen. — Adolf  B.  wurde  als  Sohn  des  Hauptmanns 
im  Generalstab  und  nachmaligen  Generalleutnants  Johann  Jakob  B.  und  dessen 
Frau  Eugenie,  geb.  Hitzig,  geboren.  Das  Milieu,  in  welchem  Adolf  B.  seine 
Jugend  verlebte,  ware  eigentlich  viel  mehr  dazu  geeignet  gewesen,  den  Knaben 
einem  schongeistigen  Beruf  zuzufiihren  als  der  Naturwissenschaft.  Denn  sein 
Geburtshaus  bewohnten  auBer  den  Eltern  auch  die  GroBeltern  Hitzig  und  sein 
Onkel  Franz  Kugler  (s.  DBJ.  1914 — 16,  S.  27),  ein  namhafter  Kulturhistoriker, 
und  in  deren  Kreise  hatten  einst  Chamisso  und  E.  Th.  A.  Hoffmann  verkehrt 
imd  verkehrten  in  Adolf  B.s  Jugendjahren  noch  Geibel,  Paul  Heyse  (s.  DBJ. 
1914 — 16,  S.  26ff.)(  Fontane  und  andere  Dichter  alsFreunde  und  haufigeGaste. 
Gleichwohl  wiesen  angeborene  Neigmig  und  Anregungen,  welche  der  Junge 
auf  Reisen  mit  seinem  Vater  empfing,  ihn  den  Weg  zur  Naturwissenschaft. 

Obwohl  die  von  ihm  besuchte  Schule,  das  Friedrich- Wilhelm-Gymnasium 
in  Berlin,  ihm  anfanglich  keinerlei  Anregung  in  naturwissenschaftlicher  oder 
mathematischer  Richtung  bot,  oblag  der  junge  B.,  geleitet  von  Stockhardts 
beriihmtem  Buch  »  Schule  der  Chemie «,  im  Elternhaus  mit  Eifer  chemischen 
Studien,  deren  Auswertimg  in  Experimenten  nicht  immer  den  Beifall  der 
Hausinsassen  fand.  Vom  13.  Lebensjahr  ab  gewannen  die  besonderen  Inter- 
essen  des  Jimgen  auch  durch  die  Schule  Forderung,  da  nunmehr  K.  Schellbach 
dort  ausgezeichneten  Unterricht  in  Mathematik  und  Physik  erteilte.  Die  Wir- 
kimg  von  Schellbachs  Unterricht  war  nachhaltig,  denn  als  B.  1853  das  Gym- 
nasium absolviert  hatte,  begann  er  an  der  Universitat  das  Studium  der  Mathe- 
matik und  Physik ;  der  Physiker  Magnus  und  der  Mathematiker  Dirichlet  waren 
ihm  dabei  ausgezeichnete  Lehrer.  Nach  dem  dritten  Studiensemester  wurden 
Adolf  B.s  Studien  durch  Abdienen  des  Militardienstjahres  unterbrochen.  In 
dieserZeit  vollzog  sich  in  dem  jimgen  Mann  ein  entscheidender  Wandel :  alle 
bisherigen  Neigtmgen  traten  von  nun  an  hinter  denen  zur  Chemie  zuriick.  In 
Berlin  war  damals  ein  fruchtbares  Chemiestudium  nicht  moglich,  weil  der 
Universitat  ein  chemisches  Laboratorium  fehlte.  Deshalb  trat  B.  in  das  be- 
riihmte  Laboratorium  Robert  Bunsens  in  Heidelberg  ein. 

Die  Kenntnisse  und  Fertigkeiten,  die  der  junge  Chemiebeflissene  einer 
friihen  hauslichen  Beschaftigung  mit  Chemie  zu  danken  hatte,  kamen  dem 
Studenten  B.  nun  vorziiglich  zustatten;  denn  schon  nach  Ablauf  eines  ein- 
zigen  Semesters  in  Heidelberg  wurden  seine  analytischen  Fahigkeiten  als  hin- 
reichend  anerkannt,  und  da  in  jener  Zeit  eine  anorganisch-  oder  organisch- 
praparative  Schulung  noch  nicht  tiblich  war,  durfte  B.  nun  sogleich  seine  erste 
wissenschaftliche  Arbeit  beginnen.  Das  Thema  dazu  stellte  Bunsen;  es  handelte 
sich  urn  Feststellung  des  Einflusses  von  L,icht  auf  die  Reaktionsgeschwindigkeit 

•)  1917  (nicht  19 18) :  durch  Versehen  des  Verfassers  irrtiimlich  an  dieserStelle  eingereiht. 


2l6  1918 

zwischen  Weinsaure  und  Brom.  »Mein  Anteil  an  der  Arbeit  war  naturlich  nur 
ein  rein  mechanischer,  und  die  veroffentlichte  Notiz  gab  nur  die  von  Bunsen 
mir  mitgeteilten  Gedanken  wieder«,  so  aufierte  sich  B.  selbst  iiber  seine  erste 
wissenschaftliche  Produktion. 

Vielleicht  noch  wertvoller  als  der  EinfluB  Bunsens  waren  die  Anregungen 
alterer  Praktikanten,  die  znsammen  mit  B.  den  Unterricht  des  Meisters  ge- 
nossen.  Roscoe,  Lothar  Meyer,  Pebal,  Schischkoff,  Lieben,  Beilstein,  Frapolli, 
Pavesi,  Filipuzzi  u.  a.  bildeten  fur  B.  den  anregendsten  Umgang.  Besonders 
wichtig  aber  wurde  fur  ihn  sein  Bekanntwerden  mit  August  Kekule,  der  sich 
gerade  in  Heidelberg  als  Privatdozent  habilitiert  hatte  und  ein  eigenes  Labo- 
ratorium  einrichtete.  B.  wurde  sein  erster  Praktikant  und  griff  nun  eine  schon 
im  Bunsenschen  Laboratorium,  allerdings  erfolglos,  von  ihm  begonnene  Arbeit 
iiber  Kakodylderivate  wieder  auf,  diesmal  mit  dem  Resultat,  daB  er  die 
Niederschrift  der  Ergebnisse  1858  in  Berlin  als  Dissertation  einreichen  und  die 
Doktorwiirde  erlangen  konnte. 

Wenn  auch  die  Neigungen  Kekules  zu  wissenschaftlichen  Spekulationen  von 
denen  auf  die  chemischen  Individuen  selbst  gerichteten  B.s  stark  differierten, 
so  war  Kekules  EinfluB  auf  den  jungen  Forscher  doch  zweifellos  groB.  Als 
Kekule*  kurz  nach  B.s  Promotion  seine  Arbeitsstatte  nach  Gent  verlegte,  folgte 
ihm  der  junge  Doktor  dorthin  nach.  Es  folgte  die  Zeit,  in  welcher  B.  seine 
klassischen  Arbeiten  iiber  Verbindungen  der  Harnsauregruppe  begann. 

Im  Fruhjahr  i860  kehrte  B.  nach  Berlin  zuriick  und  habilitierte  sich  hier  als 
Privatdozent.  Da  in  jener  Zeit  die  Universitat  einem  Chemiedozenten  nur  Ge- 
legenheit  zu  Vorlesungen,  nicht  aber  zu  Experimentalarbeiten  bot,  nahm  B. 
als  Hauptberuf  eine  Lehrstelle  am  »Gewerbeinstitut«  an,  wo  ihm  durch  das 
Wohlwollen  des  Direktors  Nottebohm  ein  geraumiges  Laboratorium  zur  Ver- 
fiigung  gestellt  wurde. 

Zwolf  sehr  fruchtbare  Jahre  verbrachte  B.  in  dieser  Stellung.  Es  war  die 
Zeit,  in  welcher  er  seinen  Untersuchungen  iiber  Harnsaure  feste  Basis  gab,  in 
welcher  ferner  die  bewundernswerten  Arbeiten  iiber  Indigo  begonnen  und 
(1870)  durch  eine  erste  Synthese  dieses  wichtigsten  aller  technischen  Farb- 
stoffe  gekront  wurden.  Arbeiten  iiber  die  Natur  des  Benzols,  die  Konden- 
sationen  von  Phthalsaure  mit  Phenolen  und  vieles  andere  Bedeutende  datiert 
aus  jener  Zeit. 

Eine  ganz  besondere  Fahigkeit  B.s,  wie  sie  im  gleichen  Grade  niemals  ein 
anderer  Chemiker  besaB,  tat  sich  bereits  in  jener  Entwicklungsperiode  kund: 
eine  unvergleichliche  Lehrbegabung,  das  Vermogen,  dem  Lernenden  in  gleichem 
MaBe  Begeisterung  zur  Forschung,  weiten  Blick  fiir  das  Bedeutungsvolle  und 
streng  kritischen  Sinn  einzupflanzen.  Wenn  aus  B.s  Schule  in  jenem  beschei- 
denen  Laboratorium  Manner  wie  Berend,  Grabe,  Liebermann  und  Viktor 
Meyer  hervorgegangen  sind,  so  war  dies  gewiB  kein  Zufall,  sondern  ein  hohes 
Verdienst  B.s,  das  der  Meister  auch  an  seinen  spateren  Wirkungsstatten  bis 
ins  hohe  Alter  immer  erneuerte. 

Wenn  die  Tatigkeit  am  Berliner  Gewerbeinstitut  somit  reich  an  Erfolgen 
war,  so  lieBen  ein  kargliches  Gehalt  und  die  Knappheit  der  Arbeitsmittel  B. 
doch  eine  Veranderung  seiner  Position  sehr  wiinschenswert  erscheinen,  um  so 
mehr,  als  er  nicht  mehr  fiir  sich  allein  zu  sorgen  hatte.  1868  hatte  er  namlich 
eine  Tochter  des  Geheimrats  Bendemann  als  Gattin  heimgefuhrt. 


Baeyer  217 

So  mag  B.  es  mit  Freuden  begriifit  haben,  als  1872  seine  erfolgreiche  Tatig- 
keit  in  einer  Berufung  auf  das  Ordinariat  fiir  Chemie  in  Strafiburg  Anerkennung 
fand.  Er  folgte  dem  Ruf,  wenn  die  damit  verbundenen  Veranderungen  auch 
ihre  starke  Schattenseite  hatten.  In  Strafiburg  bestand  namlich  kein  chernisches 
Universitatslaboratorium,  und  es  war  B.s  erste  Aufgabe  daselbst,  im  Garten 
des  pharmazeutischen  Instituts  ein  provisorisches  Laboratorium  zu  erbauen. 
Dazu  hemmte  Anfangerunterricht,  den  B.  in  ausgedehntem  Mafie  zu  erteilen 
hatte,  in  unerwiinschter  Weise  die  Forschungsarbeit.  Es  ist  einzigartig,  in 
welcher  glanzenden  Weise  trotzdem  B.  auch  in  Strafiburg  Schule  machte. 
In  der  Reihe  derer,  die  bei  dem  Lehrer  Anregung  und  Belehrung  suchten  und 
fanden,  finden  wir  Emil  Fischer,  Julius  Weiler,  Guido  Goldschmidt,  Julijan 
Grabowski,  E.  Hepp,  Hemilian,  Edmund  ter  Meer,  C.  Schraube,  F.  Fuchs, 
Ad.  Kopp,  N.  Gerber,  Zeidler,  R.  Schiff  u.  a.  m.,  eine  Reihe  glanzender  Namen  f 

Hatte  B.s  Wir  ken  bis  dahin  nicht  immer  den  Dank  der  Regierung  in  dem 
Mafie,  wie  B.  hatte  erwarten  konnen,  gefunden,  so  war  es  fiir  ihn  eine  urn  so 
bedeutungsvollere  Wendung,  als  nach  dem  Tode  Justus  Liebigs  (1875)  von 
Miinchen  aus  die  Einladung  an  ihn  erging,  Nachfolger  des  beruhmtesten  Che- 
mikers  jener  Epoche  zu  werden.  B.  nahm  diese  ehrenvolle  Berufung  urn  so  lieber 
an,  als  die  Regierung  in  Berlin  keinen  Versuch  machte,  ihn  in  seiner  Strafi- 
burger  Professur  zu  halten. 

Einst  hatte  Liebig  dadurch  umwalzend  auf  den  chemischen  Unterricht  ge- 
wirkt,  dafi  er  in  Giefien  das  erste  deutsche  Unterrichtslaboratorium  einrichtete. 
Spater  (1852),  als  er  nach  Miinchen  zog,  waren  seine  Neigungen  zum  praktischen 
Unterricht  aber  so  vollig  erschopft,  dafi  er  zur  Bedingung  stellte,  vom  Labora- 
toriumsunterricht  vollig  befreit  zu  sein.  So  kam  es,  dafi  B.  auch  in  Miinchen 
einen  Laboratoriumsneubau  zu  errichten  hatte.  Sein  praktischer  Sinn  bewahrte 
sich  dabei  aufs  allerbeste,  denn  wenn  seit  etwa  einem  Jahrzehnt  das  von  B. 
geschaffene  Miinchener  Institut  auch  wesentlich  erweitert  und  in  seinen  Ein- 
richtungen  verbessert  worden  ist,  so  hat  sich  B.s  Schopfung  doch  durch  f  iinf 
Jahrzehnte  aufs  beste  bewahrt. 

Die  40  Jahre,  wahrend  welcher  B.  in  Miinchen  seine  Forscher-  und  Lehr- 
tatigkeit  ausiibte,  waren  mit  einer  Fulle  von  wissenschaftlichen  Erfolgen  ge- 
segnet.  Die  Chemie  des  Indigo  fand  ihre  Vervollstandigung  in  der  Synthese 
des  Isatin  (1878)  und  zwei  neuen  Indigosynthesen  (aus  Nitrophenylpropiol- 
saure  [1880]  und  aus  O-Nitrobenzaldehyd  [1882]).  Zu  nennen  ist  weiter  die 
grofie  Reihe  von  grundlegenden  Arbeiten,  die  von  der  Chemie  der  Azetylene 
zur  sogenannten  »Spannungstheorie«,  von  hydrierten  aromatischen  Verbin- 
dungen  zu  B.s  Benzolformel  fiihrte.  Nennen  wir  noch  die  Arbeiten  iiber  Per- 
oxyde  und  Persauren,  iiber  die  Farbstoffe  der  Triphenylmethanreihe,  die 
Untersuchungen  iiber  die  basischen  Eigenschaften  des  Sauerstoffs,  so  ist  da- 
mit nur  das  Allerwichtigste  zitiert.  Ein  glanzender  Kreis  von  Schiilern  umgab  — 
wie  in  Berlin  und  Strafiburg  —  auch  in  Miinchen  den  Meister.  Unter  den 
vielen  aus  der  Miinchener  Schule,  die  in  der  akademischen  Laufbahn  sich  be- 
deutende  Namen  machten,  seien  nur  die  Namen  Otto  Fischer,  Volhard,  Claisen, 
Bamberger,  Kriifi,  Pechmann,  Curtius,  Thiele,  Konigs,  Muthmann,  Willstatter, 
K.  A.  Hofmann,  Wieland  und  Purnmerer  genannt. 

Eigenartig  war  B.s  Wirken  auf  die  chemische  Industrie.  Niemals  bestimmten 
B.s  Arbeitsplane  gewinnverheifiende  Ziele;  ihn  interessierte  das  Wissenschaft- 


2l8  1918 

liche  an  den  chemischen  Problemen  und  nicht  materieller  Erfolg.  Trotzdem 
oder  vielleicht  gerade  deshalb  hat  er  die  deutsche  chemische  Industrie  in  un- 
gewohnlicher  Weise  befruchtet.  Denn  viele  seiner  Ideen  lieBen  sich  von  der 
machtig  emporwachsenden  Farbstoffindustrie  nutzbringend  verwerten.  Und 
in  mindestens  gleichem  MaBe  erwarb  er  sich  urn  unsere  Industrie  hochstes  Ver- 
dienst  dadurch,  daB  er  ihr  vortreffliche  Chemiker  erzog. 

Am  AbschluB  seines  80.  Lebensjahres  noch  hielt  B.  seine  regelmaBigen  Vor- 
lesungen,  die  durch  den  meisterhaften  Vortrag,  den  klaren  Inhalt  und  treffliche 
Experimente  alljahrlich  ein  Anziehungspunkt  fiir  eine  groBe  Schar  Lernbegie- 
riger  waren.  Was  nicht  selten  bei  Gelehrten  ist,  die  bis  zum  hohen  Alter  ihrer 
Wissenschaft  gedient  haben,  daB  sie  namlich  sich  an  den  Ruhestand  nicht 
mehr  gewohnen  konnen,  traf  auch  bei  Adolf  B.  ein.  Am  20.  August  1918,  in 
seinem  83.  Lebensjahr,  verlosch  der  Geist,  der  durch  fast  sechs  Jahrzehnte 
seinen  Schulern  geleuchtet  hatte. 

Die  Kraft  zu  seinen  unvergleichlichen  L,eistungen  schopfte  B.  zeitlebens 
aus  einer  weisen  Lebensfuhrung,  die  zwischen  Arbeit  und  Erholung  stets  den 
richtigen  Wechsel  eintreten  lieB,  und  auBerdem  in  einem  Familienleben,  das 
ihm  seine  Gattin  und  die  Kinder,  spater  auch  eine  frohliche  Enkelschar,  sehr 
gliicklich  gestalteten. 

Berlin.  Wilhelm  Schlenk. 


Beck,  Ludwig,  Eisenhuttenmann,  *  10.  Juli  1841  zu  Darmstadt,  f  23.  Juli  1918 
zu  Biebrich/Rh.  —  B.  entstammt  einer  alten  hessischen  Beamtenfamilie.  Sein 
Vater  vererbte  den  Sinn  fiir  die  Vergangenheit  auf  seine  drei  Sonne,  von  denen 
der  spatere  General  Friedrich  B.  als  Verf asser  zahlreicher  Regimentsgeschichten, 
und  Professor  Theodor  B.  (s.  oben  S.  18  ff.)  durch  seine  Forschungen  zur  Ge- 
schichte  des  Maschinenbaues  bekannt  sind.  I^udwig  B.  besuchte  anfanglich 
das  Gymnasium  in  Darmstadt  und  dann  die  dortige  hohere  Gewerbeschule. 
Schon  mit  i63/4  Jahren  erwarb  er  sich  das  Reifezeugnis  und  bezog  die  Univer- 
sitat  Heidelberg.  Er  arbeitete  im  Bunsenschen  Laboratorium  und  wurde, 
20  Jahre  alt,  am  24.  Juli  1861  auf  Grund  einer  vor  Bunsen  (Chemie),  Kirchhoff 
(Physik)  und  Blum  (Mineralogie)  mit  Note  II  (insigni  cum  laude)  bestandenen 
Priifung  zum  Dr.  phil.  promoviert.  Nun  wandte  er  sich  dem  Studium  des 
Eisenhiittenwesens  zu  und  studierte  von  1861  bis  1863  m  Freiberg  und  dann  in 
Leoben,  wo  er  von  Peter  Tunner  angezogen  wurde.  Es  folgte  eine  praktische 
Ausbildung  in  den  Berg-  und  Hiittenwerken  zu  Ems  und  auf  der  Henrichs- 
hutte  bei  Hattingen.  Von  besonderer  Bedeutung  fiir  seinen  Entwicklungsgang 
war  ein  Aufenthalt  in  London,  der  Hauptstadt  des  damals  im  Eisenhutten- 
wesen  fiihrenden  Landes.  Er  war  dort  in  den  Jahren  1864/65  Assistent  an 
der  Royal  School  of  Mines  bei  Professor  John  Percy,  dem  ersten  I^ehrer  fiir 
Eisenhiittenkunde  seiner  Zeit.  Wie  B.  im  Vorwort  seiner  »Geschichte  des 
Eisens«  sagt,  hat  er  von  Percy  die  unmittelbare  Anregung  zur  Abfassung 
seines  Werkes  erhalten.  Percy,  der  damals  gerade  mit  seiner  » Sketch  of  the 
history  of  iron*  im  zweiten  Bande  seiner  »Metallurgie«  beschaftigt  war,  sprach 
gelegentlich  aus,  eine  ausfuhrliche  Geschichte  des  Eisens  zu  schreiben,  miisse 
einmal  eine  Aufgabe  fiir  B.  werden.  Diese  Anregung  ist  auf  einen  fruchtbaren 
Boden  gef alien. 


Baeyer.  Beck  210 

1865  bis  1867  war  B.  als  Hochofeningenieur  in  Altenhundem  im  Sauerland 
tatig.  Aber  die  iibliche  eisenhiittenmannische  L,aufbahn  sagte  ihm  nicht  zu. 
Nachdem  er  in  den  beiden  folgenden  Jahren  in  Darmstadt  und  Frankfurt  Vor- 
lesungen  iiber  Hiittenkunde  und  Geologie  gehalten  hatte,  machte  er  sich  1869 
durch  Ubernahme  der  Rheinhutte  bei  Biebrich  selbstandig.  Das  Werk  war  1857 
als  Hochofenwerk  gegriindet  worden,  konnte  sich  aber  als  solches  nicht  halten. 
B.  baute  es  zu  einer  bedeutenden  EisengieBerei  aus.  Leider  fiihrt  das  Werk 
heute  nicht  mehr  den  geachteten  Namen  L.  Beck  &  Co. 

In  Biebrich  griindete  B.  eine  Familie  und  fand  am  schonen  Rhein  eine  zweite 
Heimat. 

Es  ist  erstaunlich,  daB  B.  neben  seiner  Tatigkeit  im  eigenen  Werke  und  in 
Industrieverbanden  noch  Zeit  gefunden  hat,  sich  geschichtlicher  und  archaolo- 
gischer  Bestrebungen  anzunehmen.  Als  Forderer  und  Vorsitzender  des  Vor- 
stands  des  romisch-germanischen  Zentralmuseums,  innig  bef  reundet  mit  dessen 
Direktor  Ludwig  Lindenschmit,  hat  er  sich  verdient  gemacht.  Fast  unverstand- 
lich  aber  bleibt  es,  daB  B.  in  Biebrich  Zeit  fand,  die  geplante  »  Geschichte  des 
Eisens  «  fertig  zu  stellen.  Nachdem  sich  B.  durch  jahrelanges  Studium  vor- 
bereitet  hatte,  erschien  das  Werk  1884  bis  1903  in  fiinf  Banden  mit  iiber  6000 
Seiten  bei  Vieweg  in  Braunschweig. 

Das  Unternehmen  war  nicht  leicht  durchzufuhren.  Fur  die  altere  Geschichte 
des  Eisens  lagen  nur  Einzelstudien  vor.  Das  meiste  Material  muBte  aus  archaolo- 
gischen  Werken  und  Urkundensammlungen  zusammengesucht  werden.  Fiir  die 
neuere  Zeit  gait  es  eine  Unzahl  seltener  Werke  zu  beschaffen  und  durchzu- 
arbeiten.  Fiir  die  neueste  Zeit  erschwerte  dagegen  eine  erdriickende  Fiille  von 
Fachliteratur  den  Uberblick  und  drohte  die  Darstellung  zu  verwirren.  Eine 
weitere  Klippe  bildete  die  Begrenzung  des  Stoffes.  Eine  Geschichte  der  Eisen- 
hiittenkunde,  der  Gewinnung  und  Verarbeitung  des  Eisens  in  dem  Umfange, 
wie  sie  auf  den  Eisenhutten  betrieben  wird,  hatte  fiir  die  altere  Zeit  zu  wenig 
Stoff  geliefert  und  hatte  die  kulturgeschichtliche  Bedeutung  des  Eisens  nicht 
erkennen  lassen.  Erst  dadurch,  daB  B.  auf  kulturgeschichtlichem  Hintergrunde 
die  Geschichte  des  Eisens  aufbaute,  schuf  er  ein  Werk,  das  weit  iiber  den  Kreis 
der  Eisenhiittenleute  hinaus  Bedeutung  erlangte. 

Der  erste  Band  behandelt  das  Eisen  im  Altertum  und  im  Mittelalter.  Der 
Zusammenhang  ergab  sich  dadurch,  daB  das  Eisen  bis  ins  spate  Mittelalter 
nach  dem  »direkten«  Verfahren  gewonnen  wurde,  das  die  Naturvolker  noch 
heute  benutzen.  Eine  schwierige  Aufgabe  war  es,  die  Anfange  der  Eisentechnik 
aufzufinden.  Die  Gelehrten  hingen  mit  wenigen  Ausnahmen  der  Lehre  vom 
Bronzezeitalter  an,  d.  h.  sie  glaubten,  daB  iiberall  der  Eisenzeit  eine  eisenlose 
Bronzezeit  vorausgegangen  sei.  B.  wuBte  als  Hiittenmann,  wie  leicht  das  Eisen 
aus  seinen  Erzen  zu  gewinnen  ist,  und  griff  diese  Lehre  an.  Heute  steht  fest, 
daB  die  Reihenfolge,  in  der  die  Volker  mit  den  Metallen  bekannt  geworden  sind, 
wechselt,  und  daB  die  Eisentechnik  weit  alter  ist  als  der  BronzeguB.  Ebenso 
schwierig  war  es,  den  Anfangen  der  modernen  Eisengewinnung  im  Hochofen 
nachzugehen,  denn  fiir  das  Aufkommen  der  Hochofen  und  der  EisenguBtechnik 
lag  damals  nur  weniges  und  dabei  unzuverlassiges  Material  vor.  Trotzdem  er- 
kannte  B.  den  Zusammenhang  zwischen  dem  Aufkommen  der  Feuerwaffen  und 
der  Erfindung  des  Eisengusses,  den  er  und  jiingere  Forscher  spater  klar  be- 
wiesen  haben. 


220  1918 

Der  zweite  Band  schildert  die  Geschichte  des  Eisens  im  16.  und  17.  Jahr- 
hundert.  Die  Anfange  der  hiittentechnischen  Literatur,  die  Erzeugung  des 
Eisens  im  Hochofen  und  im  Frischfeuer,  die  hohen  Leistungen  der  GuB-  und 
Schmiedetechnik  im  16.  Jahrhundert  sowie  die  fesselnde  Geschichte  der  da- 
maligen  Eisenindustrie  in  den  einzelnen  Landern  werden  im  ersten  Abschnitt 
dieses  Bandes  behandelt.  Im  zweiten  hebt  B.  besonders  die  Anfange  der  mo- 
dernen  Technik  der  Dampfmaschine  und  der  Walzwerke  sowie  das  Aufbluhen 
der  Eisenindustrie  in  England,  Schweden  und  RuBland  hervor. 

Der  dritte  Band  umfaBt  die  Entwicklung  der  Eisenindustrie  im  18.  Jahr- 
hundert. Auf  dem  Festland  machte  die  Holzkohlentechnik,  angeregt  durch 
wissenschaftliche  Studien,  neue  Fortschritte,  wahrend  man  in  England  auf- 
bauend  auf  den  Erfindungen  von  James  Watt  und  Henry  Cort  neue  Bahnen 
einschlug. 

Der  vierte  Band  schildert  den  machtigen  Auf  schwung  der  Eisenindustrie  unter 
Englands  Ftihrungin  der  ersten  Halfte  des  19.  Jahrhunderts,  insbesondere  durch 
das  Aufkommen  der  Eisenbahnen.   Er  schlieBt  mit  Bessemers  Erfindung  ab. 

Der  fiinfte  Band  endlich  ist  dem  Zeitalter  des  FluBeisens  und  der  Riesen- 
erzeugungen  gewidmet.  Besonders  ist  dabei  die  wachsende  Bedeutung  der 
Eisenindustrie  Deutschlands  und  Amerikas  hervorgehoben. 

B.s  Schreibweise  ist  fesselnd  und  anregend.  Sein  Urteil,  dessen  Zielsicherheit 
oben  an  einigen  Beispielen  gezeigt  ist,  geht  selten  fehl.  Der  Verein  deutscher 
Eisenhiittenleute  hat  kiirzlich  eine  gedrangte  Darstellung  der  Geschichte  des 
Eisens  herausgegeben,  die  zeigt,  daB  B.s  Werk  auch  heute  nur  des  Ausbaues, 
aber  in  den  Grundziigen  nicht  der  Berichtigung  bedarf.  Auch  die  von  B.  vor- 
gezeichnete  Einteilung  des  Stoffes  konnte  beibehalten,  ja  noch  straff  er  durch- 
gefiihrt  werden.  (Geschichte  des  Eisens.  Im  Auftrage  des  Vereins  deutscher 
Eisenhiittenleute  gemeinverstandlich  dargestellt  von  Dr.  Otto  Johannsen; 
1.  Auflage  Diisseldorf  1924,  2.  Auflage  ebenda  1925.) 

Nach  Vollendung  seines  groBen  Werkes  ruhte  B.  nicht.  Er  war  der  berufene 
Berichterstatter  iiber  neue  Beitrage  zur  Geschichte  des  Eisens,  die  groBtenteils 
durch  sein  Werk  angeregt  waren.  Besonders  fesselte  ihn  dauernd  die  Geschichte 
des  Eisengusses,  fur  die  er  wert voile  Erganzungen  lieferte.  Ferner  beschaftigte 
er  sich  mit  der  Geschichte  des  Eisens  in  seiner  engeren  Heimat.  Zuletzt  befaBte 
er  sich  gemeinsam  mit  dem  Archivar  Dr.  Hans  Schubert  mit  urkundlichen 
Studien  zur  alteren  Geschichte  des  Eisens  in  Nassau,  doch  erlebte  er  die  Voll- 
endung der  Arbeit  nicht  mehr. 

Nachdem  anfanglich  B.s  » Geschichte  des  Eisens «  auf  manchen  Widerspruch 
gestoBen  war,  wurde  dem  Verfasser  spater  reiche  Anerkennung  zuteil.  1905 
erhielt  cr  den  Titel  Professor,  1909  verlieh  ihm  der  Verein  deutscher  Eisen- 
hiittenleute die  Carl  Lueg-Denkmiinze  und  1910  erfolgte  seine  Ernennung  zum 
Dr.-Ing.  E.  h.  durch  die  Technische  Hochschule  in  Aachen. 

Wie  er  sich  durch  seine  wissenschaftliche  Tatigkeit  die  Achtung  aller  er- 
worben  hatte,  so  gewann  er  sich  durch  seine  Tatigkeit  auf  sozialem  Gebiete  und 
durch  seinen  lauteren  Sinn  die  Liebe  der  Mitmenschen. 

Literatur:  Hans  Schubert,  Ludwig  B.  (Stahl  und  Eisen,  1918,  S.  789).  —  Briefliche 
Mitteilung  der  Phil.  Fakultat  der  Universitat  Heidelberg. 

Aufler  der  »(>eschichte  des  Eisens «  und  verse hiedenen  Besprechungen  und  kleineren 
Arbeiten  veroffentliehte  B.:   Beitrage  zur  Geschichte  der  Eisenindustrie  (Annalen  des 


Beck.  Below  221 

Vereins  fiir  nassauische  Altertumskunde  und  Geschichtsforschung,  Bd.  14,  1877;  ebenda 
Bd.  15,  1879,  S.  124) ;  Beitrage  zur  Geschichte  des  Eisens  in  Nassau  (ebenda  Bd.  32,  1903, 
S.  211);  Die  Familie  Remy  und  die  Industrie  am  Mittelrhein  (ebenda  Bd.  35,  1906,  S.  1) ; 
Die  alte  Bruderschaft  der  Stahlschmiede  in  Siegen  (ebenda  Bd.  37,  1908);  Zum  fiinfzig- 
jahrigen  Jubilaum  des  Regenerativofens  (Stahl  und  Eisen,  1906,  S.  1421);  Urkundliches 
zur  Geschichte  der  Eisengieflerei  (Beitrage  zur  Geschichte  der  Technik  und  Industrie. 
Jahrbuch  des  V.  d.  Ingenieure,  herausg.  von  C.  MatschoB,  Bd.  2,  Berlin  1910,  S.  83)  ;T>ie 
Einfiihrung  des  englischen  Flammofenfrischens  in  Deutschland  durch  Heinrich  Wilhelni 
Remy  &  Co.  auf  dem  Rasselstein  bei  Neuwied  (ebenda  Bd.  3,  Berlin  191 1,  S.  86);  Die  ge- 
schichtliche  Entwicklung  der  EisengieBerei  (C.  Geigers  Handbuch  der  Eisen-  und  Stahl- 
gieBerei,  Bd.  1,  Berlin  1911,  S.  1). 

Volklingen  (Saar).  Otto  Johannsen. 

Below,  Fritz  Theodor  Carl  v.,  General  der  Infanterie,  *  am  23.  September  1853 
in  Danzig,  f  am  23.  November  1918  in  Weimar.  —  Fritz  v.  B.  war  ein  Sohn 
des  preuBischen  Generalmajors  Ferdinand  v.  B.  und  seiner  Gemahlin  Therese, 
geb.  Mauve.  Er  entstammte  einer  alten  Soldatenfamilie,  die  der  Armee  viele 
hervorragende  Ftihrer  und  tapfere  Offiziere  geschenkt  hat.  Sein  Vater  erhielt 
den  Pour  le  merite  1866  als  Regimentskommandeur.  Sein  GroBvater  erwarb 
denselben  hohen  Orden  1807  als  Rittmeister  und  das  Eichenlaub  dazu  als 
Regimentskommandeur  in  den  Befreiungskriegen.  Fritz  v.  B.  erhielt  seine  Er- 
ziehung  zunachst  im  elterlichen  Hause,  dann  im  Gymnasium  zu  Gumbinnen, 
auf  der  Stadtschule  zu  Litzen  und  im  Gymnasium  zu  Ratzeburg,  schlieBlich  in 
den  Kadettenhausern  zu  Wahlstadt,  Culm  und  Berlin. 

Am  19.  April  1873  wurde  er  aus  dem  Kadettenkorps  als  Sekondeleutnant  dem 
1.  Garderegiment  zu  FuB  iiberwiesen  und  begann  damit  seine  ebenso  glanzvolle 
wie  arbeitsreiche  militarische  Laufbahn.  Abwechselnd  im  Truppendienst  und 
im  Generalstabe,  erstieg  er  rasch  eine  Stufe  nach  der  andern.  Er  hatte  reiche 
Gelegenheit,  seinen  Blick  zu  scharfen  und  seinen  Horizont  zu  erweitern.  Schon 
als  j unger  Offizier  wuBte  er  sich  ein  eigenes  Urteil  zu  bilden,  kraftvoll  trat  er 
stets  fiir  seine  Uberzeugung  ein.  Am  23.  Marz  1887  wurde  er  Hauptmann  und 
in  den  Generalstab  der  Armee  versetzt,  am  16.  Februar  1889  zur  Dienstleistung 
beim  Kriegsministerium  kommandiert,  am  22.  Marz  1891  Kompagniechef  im 
1.  Garderegiment  zu  FuB,  am  17.  Mai  1892  Generalstabsoffizier  bei  der  5.  Divi- 
sion. Am  31.  Mai  1892  zum  Major  befordert,  wurde  er  am  24.  Oktober  1893  zum 
Generalstabe  des  Gardekorps  versetzt.  Vom  20.  Mai  1896  bis  1.  April  1898 
fuhrte  er  ein  Bataillon  im  Gardegrenadierregiment  4.  Hierauf  wurde  er  mit 
Wahrnehmung  der  Geschafte  als  Chef  des  Generalstabes  III.  Armeekorps  be- 
auftragt,  am  27.  Januar  1899  zum  Oberstleutnant  befordert,  am  1.  Oktober  1899 
mit  Wahrnehmung  der  Geschafte  eines  Abteilungschefs  beim  Generalstab  der 
Armee  und  am  16.  November  1899  mit  Wahrnehmung  der  Geschafte  als  Chef 
des  Generalstabes  des  Gardekorps  beauftragt.  Der  22.  Mai  1900  brachte  seine 
Ernennung  zum  Chef  des  Generalstabes  des  Gardekorps,  der  18.  April  1901 
seine  Beforderung  zum  Oberst.  Am  14.  November  1901  sehen  wir  v.  B.  als 
Kommandeur  des  Gardegrenadierregiments  3.  Er  verstand  es  binnen  kurzem, 
die  ihm  anvertraute  Truppe  auf  eine  hohe  Stufe  der  Ausbildung  zu  bringen. 
Vor  allem  wirkte  er  auf  das  Offizierkorps  erzieherisch  ein  und  suchte  dessen 
Bildung  und  Konnen  zu  fordern.  Am  15.  September  1904  wurde  er  mit  der 
Fiihrung  der  4.  Gardeinfanteriebrigade  beauftragt  und  am  27.  Januar  1905 


222  I9i8 

unter  Beforderung  zum  Generalmajor  Kommandeur  dieser  Brigade.  Am  13.  Fe- 
bruar  1906  wurde  er  als  Oberquartiermeister  in  den  Generalstab  der  Armee  ver- 
setzt  und  gleichzeitig  mit  Wahrnehmung  der  Geschafte  des  Chefs  des  Stabes 
der  1.  Armeeinspektion  beauftragt.  In  diesen  Stellungen  war  er  einer  der 
nachsten  Mitarbeiter  und  Gehilfen  des  Chefs  des  Generalstabes  der  Armee.  Am 
18.'  Februar  1908  wurde  er  unter  Beforderung  zum  Generalleutnant  zum  Kom- 
mandeur der  1.  Gardedivision  ernannt,  am  13.  September  1912  zum  General 
der  Infanterie  befordert  und  am  1.  Oktober  1912  zum  Kommandierenden 
General  des  XXI.  Armeekorps  ernannt.  In  vorbildlicher  Weise  hat  er  sein 
Korps  fiir  den  Ernstfall  geschult,  so  daft  es  gut  ausgebildet  in  den  Weltkrieg 
ausriicken  konnte.  Bei  der  Anlage  der  Manover  setzte  er  sich  dafiir  ein,  dafl  die 
ihm  unterstellten  Truppen  in  Anlehnung  an  einen  groBeren  Truppenverband 
zu  fechten  lernten,  und  nicht  allein  als  Detachements  manovrierten.  Er  be- 
tonte  immer  wieder,  daB  im  Kriege  der  erste  Fall  fast  stets,  der  letztere  selten 
vorkommen  wiirde.  Wie  richtig  seine  Ansicht  war,  hat  der  Weltkrieg  gezeigt. 
v.  B.  hatte  ein  ungemein  klares  Urteil  iiber  Ausbildungs-  und  Fuhrerfragen. 
Seinen  Besprechungen  bei  Gefechtsaufgaben,  Besichtigungen  und  Manovern 
waren  ungekiinstelt  und  niichtern  und  doch  nie  ermiidend,  weil  sie  immer 
klarend  und  iiberzeugend  wirkten. 

v.  B.  fiihrte  sein  XXI.  Armeekorps  auch  ins  Feld.  Siegreich  kampfte  es  im 
August  1914  in  den  Gefechten  bei  Lagarde  und  Lauterfingen,  sowie  in  der 
groBen  Schlacht  in  Lothringen.  Schon  hier  zeigte  sich  v.  B.  als  ein  energischer, 
tatkraftiger  General,  der  auch  in  unklaren,  gefahrlichen  Lagen  die  Nerven  nicht 
verlor,  und  als  ein  Fuhrer,  der  sich  ein  klares  Bild  von  der  eigenen  und  der  Lage 
beim  Feinde  machen  konnte,  und  entsprechend  zu  handeln  wuBte.  Dem 
XXI.  Korps  war  ein  voller  Erfolg  beschieden.  Gelang  es  ihm  doch,  den  rechten 
feindlichen  Fliigel  einzudrucken.  Wiederholt  bot  ihm  der  Bewegungskrieg  im 
Anfang  des  Feldzuges  Gelegenheit,  Beweise  seiner  Kaltbliitigkeit  und  person- 
lichen  Unerschrockenheit  zu  geben.  Auch  in  der  mehrtagigen,  blutigen  Schlacht 
an  der  Somme  im  September  /Oktober  1914  rechtfertigte  er  das  in  ihn  gesetzte 
Vertrauen.  AnschlieBend  blieb  er  mit  seinem  Korps  im  Stellungskampf  an  der 
Somme. 

Dann  riefen  neue,  gewaltige  Aufgaben  nach  dem  Osten.  In  der  Winterschlacht 
in  Masuren  zeichnete  er  sich  erneut  aus.  War  es  doch  sein  Korps,  das  den  Ring 
auf  der  Ostseite  um  die  sich  verzweifelt  wehrenden  Russen  schloB.  Kuhn  war 
das  Wagnis,  da  die  Festung  Grodno  im  Riicken  lag,  um  so  groBer  war  der  Er- 
folg. Der  Kaiser  erkannte  seine  Leistungen  durch  Verleihung  des  Pour  le  tneritc 
an.  In  dem  vom  Armeeoberkommando  10  gemachten  Ordensvorschlage  heiBt 
es :  »  Dem  XXI.  Armeekorps  als  auBerem  schwenkenden  Fliigel  der  Armee  boten 
sich  ungewohnlich  hohe  Schwierigkeiten  durch  Wege-  und  Wetterverhaltnisse. 
Nur  der  eisernen  Energie  und  dem  rucksichtslosen  Drang  nach  vorwarts  des 
Kommandierenden  Generals  ist  es  zu  danken,  daB  die  Umklammerung  gelang. « 
Der  Marz  brachte  unter  schwierigen  Verhaltnissen  erneute,  ruhmvolle  Kampfe 
im  Osten. 

Am  4.  April  1915  wurde  v.  B.  an  Stelle  des  erkrankten  Generalfeldmarschalls 
v.  Bulow  (s.  DBJ.  1921,  S.  52 ff.)  zum  Oberbefehlshaber  der  2.  Armee  ernannt. 
t)ber  ein  Jahr  leitete  er  die  erfolgreichen  Stellungskampfe  westlich  von  St.  Quen- 
tin.  v.  B.  war  ein  Fuhrer,  den  es  aus  seinem  Hauptquartier  nach  vorn  drangte 


Below 


223 


in  die  vordersten  Schtitzengraben,  der  sich  nicht  auf  Meldungen  und  Berichte 
verlieB.  Er  wollte  selbst  wissen,  wie  es  vorn  aussah  und  in  Fiihlung  bleiben  mit 
den  braven  Feldgrauen. 

Im  Sommer  1916  hatte  v.  B.  rechtzeitig  erkannt,  daJ3  der  Feind  Angriffs- 
vorbereitungen  traf .  Er  sah  die  Gefahr,  die  seinem  rechten  Arraeefliigel  drohte 
und  meldete  an  die  Oberste  Heeresleitung.  Da  diese  aber  zur  Stiitzung  des 
osterreichisch-ungarischen  Bundesgenossen  zahlreiche  Divisionen  nach  Galizien 
und  Wolhynien  hatte  werfen  miissen  und  die  Kampfe  bei  Verdun  noch  nicht 
zum  AbschluB  gebracht  worden  waren,  konnten  wesentliche  Reserven  nicht 
zur  Verfugung  gestellt  werden.  So  muBte  die  2.  Armee  den  feindlichen  Ansturm 
zunachst  allein  aushalten.  Und  das  schier  Unmogliche  gelang.  Am  24.  Juni  1916 
eroffneten  die  Englander  und  Franzosen  ihre  seit  dem  Fruhjahr  groBzugig  vor- 
bereitete  Offensive  beiderseits   der  Somme  gegen  den  rechten  Fltigel  der 
2.  Armee.  An  diesen  Tagen  brauste  ein  Orkan  von  Eisen  und  Stahl  der  iiber- 
machtigen  feindlichen  Artillerie  und  Minenwerfer,  haufig  untermischt  mit  Gas- 
granaten  und  Gasminen,  auf  die  Infanterie-  und  Batteriestellungen.  Weit- 
tragende  Flachbahngeschutze  erreichten  tief  im  riickwartigen  Gebiet  StraBen, 
Bahnen  und  Truppenunterkunfte.  Eine  an  Fesselballons,  besonders  aber  an 
Fliegern  stark  iiberlegene,  vorzuglich  organisierte  Luftmacht  des  Feindes  be- 
herrschte  die  Luft.  Die  eigene  Artillerie  und  die  eigenen  Luftstreitkrafte 
konnten  trotz  besten  Willens  dagegen  nicht  aufkommen.  Die  Macht  des  Mate- 
rials zeigte  sich  in  ihrer  ganzen  Schwere.  Unsere  Feinde  hatten  ja  die  Hilfs- 
mittel  der  ganzen  Welt  zur  Verfugung.  Die  deutschen  Stellungen  waren  bald 
eingeebnet.  In  dem  Trichterfeld  hielten  aber  tapfere  Manner,  stiindlich  den  Tod 
vor  Augen,  trotz  namhafter  Verluste  aus.  Am  1.  Juli  brach  der  feindliche  Sturm 
los.  Der  Kampf  wogte  hin  und  her.  Immer  neue  Divisionen  warfen  die  Feinde 
in  die  Schlacht.  Die  sich  mehrere  Wochen  lang  hinziehenden  Kampfe  mit  ihrer 
groBen  raumlichen  Ausdehnung  machten  eine  Neuordnung  der  Befehlsverhalt- 
nisse  notig.  Es  war  auf  die  Dauer  unmoglich,  von  einem  Armeeoberkommando 
aus  die  gesamte  schwierige  Verteidigung  im  GroBkampf  zu  leiten.  So  wurde  am 
19.  Juli  1916  nordlich  der  Somme,  dem  Brennpunkt  der  Schlacht,  die  1.  Armee 
gebildet  und  zu  ihrem  Fiihrer  Fritz  v.  B.  bestimmt.  Ihm  unterstanden  die 
Gruppen  Stein,  Armin  und  GoBler.  Sommeschlacht :  aus  diesem  Wort  erklingt 
das  Hohelied  vom  Heldentum  des  deutschen  Frontkampfers.  Tausende  und 
Abertausende  wackerer  deutscher  Manner  kampften  und  starben  unter  unsag- 
baren  Leiden  im  Trichterfeld  des  Sommegebiets  fur  Deutschlands  Bestand. 
Tatkraftig  von  seinem  Chef,  Oberst  v.  LoBberg,  unterstiitzt,  hielt  v.  B.  die 
Ziigel  fest  in  der  Hand.  Mit  eiserner  Ruhe  traf  er  seine  Anordnungen.  So  oft  er 
konnte,  eilte  er  nach  vorn,  urn  seine  Truppen  anzufeuern.  RiesengroB  waren 
die  Anforderungen,  die  an  die  Fuhrung  gestellt  wurden.  Nur  tropfenweise 
traf  en  die  sehnsuchtig  erwarteten  Verstarkungen  ein,  die  sofort  in  den  Kampf 
geworfen  wurden,  wo  es  am  notigsten  war.  Neben  den  Heldentaten  der  tapferen 
Frontkampfer  waren  es  vor  allem  v.  B.s  iiberlegene  Fuhrung  und  seine  sach- 
gemaBen  Anordnungen,  welche  den  Erfolg  sicherten.  Der  erstrebte  Durchbruch 
des  Feindes  durch   die  deutschen  Stellungen  liber  Bapaume^ — P^ronne  auf 
Cambrai — Le  Cateau  miBlang.  Dankbar  erkannte  der  Kaiser  am  11.  August 
1916  die  Verdienste   B.s  durch  Verleihung   des  Eichenlaubs  zum  Pour  le 
merite  an. 


224  IQl8 

An  die  Sommeschlacht  schlossen  sich  die  Stellungskampfe  in  demselben 
Frontabschnitt  an  und  dann  im  Friihjahr  1917  die  Kampfe  vor  der  Siegfried- 
Stellung.  Geschickt  losten  sich  die  Truppen  v.  B.s  vom  Feinde  los  und  raumten 
auf  hoheren  Befehl  feindliches  Gebiet,  um  eine  wesentliche  Frontverkiirzung 
zu  erzielen. 

Das  Vertrauen  des  Kaisers  rief  v.  B.  im  Mai  1917  in  die  Gegend  ostlich  Reims, 
wo  die  Franzosen  zu  neuem  Schlage  ausgeholt  hat  ten.  Furchtbar  wogte  der 
Kampf  in  der  sogenannten  Doppelschlacht  an  der  Aisne  und  in  der  Champagne 
hin  und  her.  v.  B.  blieb  Sieger  und  wurde  am  20.  Mai  1917  durch  Verleihung 
von  Kreuz  und  Stern  der  Komture  des  Hausordens  von  Hohenzollern  ausge- 
zeichnet. 

Bis  Friihjahr  1918  wahrten  die  Stellungskampfe  vor  Reims.  In  dieser  Zeit 
^ntstand  unter  der  Leitung  v.  B.s  die  Neubearbeitung  der  in  weiten  Kreisen 
der  Armee  mit  groi3er  Genugtuung  begriiBten  Ausbildungsvorschrift  fiir  die 
FuBtruppen,  die  dem  Geist  der  neuen  Kampfverhaltnisse  in  hervorragender 
Weise  Rechnung  trug. 

Am  Ende  seiner  erfolgreichen  militarischen  Laufbahn  war  es  ihm,  der  sich 
in  vielen  heiBen  Abwehrschlachten  als  Armeefuhrer  bewahrt  hatte,  vergonnt, 
seine  Armee  noch  einmal  zum  Angriff  zu  fiihren.  Bei  der  groBen  Maioffensive 
vor  Reims  1918  erntete  auch  die  tapfere  1.  Armee  reichen  Lorbeer. 

Mitten  aus  siegreichen  Tagen  zwang  ihn  plotzlich  eine  Lungenentziindung 
aufs  Krankenlager.  Er  wurde  zur  Wiederherstellung  seiner  Gesundheit  nach 
Deutschland  beurlaubt  und  erlebte  dort  den  Zusammenbruch  von  Armee  und 
Vaterland.  Dies  fraB  an  seinem  deutschen  Herzen.  Er  sah  voraus,  welche 
Folgen  sich  einstellen  muBten,  und  konnte  nicht  verstehen,  daB  Deutschland 
die  Waffen  f reiwillig  aus  der  Hand  gelegt  hatte.  Als  er  Wiesbaden  infolge  feind- 
licher  Besetzung  verlassen  muBte,  zwang  ihn  sein  Kriegsleiden  in  Weimar  er- 
neut  aufs  Krankenbett.  Am  23.  November  1918  starb  er  an  Lungenentziindung. 
Beigesetzt  wurde  er  in  Berlin  auf  dem  Invalidenfriedhof. 

In  Kennzeichnung  der  Personlichkeit  lassen  dienstliche  Leistungen  wie 
private  Beurteilung  aller  derer,  die  mit  ihm  in  Beriihrung  kamen,  stets  die 
gleichen  Eigenschaften  an  ihm  erkennen.  Wie  alle  B.s,  so  war  auch  er  schlicht, 
bescheiden,  vornehm,  ritterlich  und  treu,  von  warmem,  giitigem,  frommem 
Herzen.  Er  trat  gern  in  den  Hintergrund,  wollte  stets  mehr  sein  als  scheinen. 
Die  Sache  gait  ihm  alles,  die  Person  nichts.  v.  B.  war  eine  wahrhaft  vornehme 
Personlichkeit,  der  alles  Kleinliche  fremd  blieb.  Er  war  das  Vorbild  eines  Edel- 
mannes  in  des  Wortes  schonster  Bedeutung.  Trat  er  oft  auch  zuriick,  die  ihn 
kannten,  wuBten  doch,  was  sie  an  ihm  hatten:  einen  Heerfiihrer,  der  mit 
s^trenger  niichterner  Sachlichkeit  und  scharfem  Verstande  erst  wagte,  bevor  er 
wagte,  aber  dann  auch  zu  wagen  verstand  mit  der  ganzen  Tatkraft  seines  klaren 
Willens.  Das  einmal  fiir  richtig  Erkannte  setzte  er  entschlossen  in  die  Tat  um. 
In  der  preuBischen  Garde  groB  geworden,  war  er  ein  Freund  altpreuBischer 
Disziplin,  aber  ein  Feind  jeder  unnotigen  Harte.  Warm,  voll  Fiirsorge  und 
Wohlwollen  schlug  sein  Herz  fiir  die  Truppe,  in  erster  Linie  fiir  die  Front- 
kampfer  und  besonders  fiir  die  brave  Infanterie.  Ihren  Leistungen  zollte  er 
uneingeschrankte  Anerkennung  und  aufrichtige  Bewunderung.  Das  Vertrauen 
und  die  Verehrung  fiir  Fritz  v.  B.  war  daher  groB.  Darum  standen  die  Offiziere 
unter  dem  Zauber  seiner  Personlichkeit  und  arbeiteten  gern  unter  ihm,  darum 


Below.  Buz  22S 

gingen  die  Mannschaften  fur  ihn  durchs  Feuer.  Fritz  v.  B.  ging  ganz  auf  in 
seinem  Benif,  er  war  Soldat,  nur  Soldat.  Er  kannte  nur  ein  Gliick:  restlose 
Pflichterfiillung  fiir  Konig  und  Vaterland.  Ihm  war  es  versagt,  zu  jenen  gltick- 
lichen  Feldherren  zu  gehdren,  deren  Namen  nach  glanzenden  Siegen  im  Volke 
von  Mund  zu  Mund  gehen.  Und  dennoch  zahlte  er  unzweifelhaft  mit  zu  den 
tiichtigsten  Heerfiihrern  der  deutschen  Armee  im  Weltkriege.  In  kritischen 
Lagen  traten  sein  groBes  Konnen  und  seine  hervorragenden  Ftihrereigen- 
schaften  deutlich  zutage.  Viel  hat  ihm  das  Vaterland  in  jenen  schicksals- 
schweren  Monaten  der  Sommeschlacht  des  Jahres  19 16  zu  danken,  er  war  es 
nut  vor  allem,  der  den  feindlichen  Durchbruch  mit  seinen  unabsehbaren  Folgen 
zu  verhindern  verstand.  Hat  ihn  auch  schwere  Krankheit  gezwungen,  den 
Kommandostab  aus  der  Hand  zu  legen,  das  Schicksal  hat  es  gut  gemeint.  So 
lange  er  das  Kommando  fuhrte,  wich  der  Sieg  nicht  von  den  Fahnen  seiner 
Armee.  Da  ging  es  vorwarts,  immer  vorwarts  zu  stolzen,  groflen  Erfolgen. 

Literatur:  Reichsarckiv,  Der  Weltkrieg  19 14/ 18,  Bd.  1 — 4.  —  Hermann  Stegemann, 
Geschichte  des  Weltkriegs,  Bd.  1 — 4.  —  Deutsches  Offizierblatt  1926,  Nr.  25/26.  —  Einige 
von  der  Familie  zur  Verfugung  gestellte  Brief e,  Nachrufe  und  Erinnerungen. 

Potsdam.  Ernst  Zipfel. 

Buz,  Heinrich  Hitter  v.,  Maschineningenieur,  Geheimer  Kommerzienrat, 
Generaldirektor  der  Maschinenfabrik  Augsburg-Nurnberg  A.-G.,  *  am  17.  Sep- 
tember 1833  in  Eichstatt,  f  am  8.  Januar  1918  in  Augsburg.  —  Seine  Eltern 
waren  der  koniglich  bayerische  Genieoberleutnant  Carl  Christoph  B.  und 
dessen  Ehefrau  Adolphine,  geborene  Sax.  Sein  Vater  nahm  1838  den  Ab- 
schied,  beteiligte  sich  zunachst  am  Bau  der  Eisenbahn  Miinchen — Augsburg 
und  erwarb  1841  die  Geigersche  Buchdruckerei  in  Augsburg.  Im  Jahre  1844 
ubernahm  er  pachtweise,  gemeinsam  mit  seinem  Schwager  Carl  August 
Reichenbach  die  von  Ludwig  Sander  in  Augsburg  1840  gegriindete  Ma- 
schinenfabrik, die  damals  44  Arbeiter  beschaftigte.  Bald  darauf  erwarben 
die  Pachter  das  Werk  kauflich  und  fuhrten  es  als  »C.  Reichenbachsche  Ma- 
schinenfabrik«  weiter.  Im  September  1857  trat  Heinrich  B.,  der  vorher  an 
der  Polytechnischen  Schule  in  Augsburg  und  dem  Polytechnikum  in  Karlsruhe 
studiert  hatte,  dann  im  Elsafi,  in  Paris  und  London  als  Ingenieur  tatig  ge- 
wesen  war,  als  Konstrukteur  und  technischer  Korrespondent  in  die  Fabrik 
ein,  die  damals  300  Arbeiter  beschaftigte  und  am  1.  Dezember  1857  in  die 
»Aktiengesellschaft  Maschinenfabrik  Augsburg«  umgewandelt  wurde.  Als 
am  1.  Juli  1864  der  Vater  Carl  B.  von  der  Direktion  zuriicktrat,  war  Heinrich 
B.  mit  den  Verhaltnissen  des  Unternehmens  so  wohl  vertraut,  daB  die  Direk- 
tion ihm  iibertragen  wurde.  Damit  trat  der  Mann  an  die  Spitze  des  Unter- 
nehmens, dem  es  beschieden  war,  die  Fabrik  in  wenigen  Jahrzehnten  durch 
seinen  genialen  Scharfblick  fiir  das  technisch  Brauchbare  und  wirtschaftlich 
Zweckmafiige,  durch  zahe  ausdauernde  Arbeit,  durch  treues  Festhalten  an 
den  altuberkommenen  bewahrten  Grundsatzen  auf  die  hochste  Stufe  der 
Entwicklung  zu  heben  und  ihr  einen  der  ersten  Platze  unter  alien  Maschinen- 
fabriken  des  europaischen  Festlandes  zu  sichern.  Die  Fabrik  baute  anfangs 
Wasserrader  und  Turbinen,  Transmissionen,  Dampfmaschinen  und  vor  allem 
Buchdruckschnellpressen,  war  doch  C.  A.  Reichenbach  ein  Neffe  von  Friedrich 

DBJ   15 


226  I9i8 

Konig,  der  1810  die  BuchdruckschneUpresse  erfunden  hat.  Neben  Neuerungen 
an  Wasserturbinen,  deren  rechnerische  Grundlagen  urspriinglich  von  B. 
stammten,  brachten  Verbesserungen  an  der  Reichenbachschen  SchneUpresse 
diesen  Fabrikationszweig  zu  rascher  Entfaltung.  In  inniger  Fiihlung  mit  dem 
graphischen  Gewerbe,  dessen  Bediirfnisse  nach  fortschrittlicher  Entwicklung 
rasch  von  B.  erfaBt  worden  waren,  vollzog  sich  der  Schritt  von  der  Flach- 
druckmaschine  zur  Rotationsmaschine  und  damit  zu  immer  groBeren  Lei- 
stungen.  Die  Rotationsmaschine  hat  ihren  Namen  daher,  daB  sich  ihre  Druck- 
zylinder  ununterbrochen  in  derselben  Richtung  drehen  (rotieren),  und  zwar 
die  die  Stereotypplatten  tragenden  in  der  einen,  und  die  den  Druck  aus- 
iibenden  in  der  entgegengesetzten  Richtung.  Voraussetzung  fur  ihre  An- 
wendung  war  die  Einfiihrung  des  sogenannten  endlosen  Papieres,  des  Rollen- 
papieres.  Die  erste  dieser  Rotationsmaschinen  war  auf  der  technisch  so  be- 
deutsamen  Wiener  Weltausstellung  1873  im  Betriebe  zu  sehen.  1882  wurde 
eine  solche  Maschine  bereits  alien  Anspriichen  fiir  Mehrfarbenillustration 
gerecht.  Mit  der  Zweirollenmaschine  wurde  1892  der  erste  Schritt  zur  Mehr- 
rollenmaschine  getan  und  damit  die  Leistung  sprunghaft  gesteigert.  Die  zur 
stiindlichen  Herstellung  von  200  000  Zeitungen  zu  6  Seiten  fiir  eine  groBe 
Pariser  Zeitung  gebaute  Sechsrollenmaschine  war  bei  Ausbruch  des  Welt- 
krieges  die  leistungsfahigste  des  Kontinents.  Unter  der  Direktion  B.s  verlieBen 
das  Werk  Augsburg  iiber  10  000  Buchdruckmaschinen,  die  sich  iiber  den 
ganzen   Erdkreis  verteilten. 

Als  Professor  Linde  1873  den  Entwurf  seiner  ersten  Kaltemaschine  fertig- 
gestellt  hatte,  war  der  Ruf  der  Maschinenfabrik  Augsburg  nach  der  konstruk- 
tiven  und  werkstattentechnischen  Seite  hin  bereits  so  ausgezeichnet,  daB  er 
sich  damit  keinem  Besseren  anzuvertrauen  wuBte  als  B.,  der  sofort  die  groBe 
Bedeutung  der  mechanischen  Kalteerzeugung  fiir  Industrie  und  Volkswirt- 
schaft  erkannte.  Diese  erste  Maschine  fand  in  Miinchen  bei  Gabriel  Sedlmayr 
(Spatenbrauerei)  Aufstellung.  1875  schloB  B.  im  Verein  mit  Georg  KrauB 
und  Gabriel  Sedlmayr  ein  Abkommen  mit  Linde  zur  Aufbringung  der  Mittel 
zur  weiteren  Entwicklung  und  Verwertung  der  Lindeschen  Patente.  1877 
verlieB  die  zweite  Lindesche  Kaltemaschine  die  Maschinenfabrik  Augsburg; 
diese  arbeitete  in  der  Dreherschen  Brauerei  in  Triest  bis  zum  Jahre  1908. 
1879  wurde  die  »Gesellschaft  fiir  Lindes  Eismaschinen*  gegriindet,  in  deren 
Auf  sich  tsrat  B.  eintrat,  der  damit  durch  langsichtige  Vertrage  seinem  Werk 
ein  umfangreiches  Arbeitsgebiet  fiir  Deutschland  und  fremde  Lander  sicherte. 
Die  ausgezeichneten  Erfolge  des  Linde-Unternehmens  sind  nicht  zuletzt 
dem  langjahrigen,  befruchtenden  Zusammenarbeiten  mit  der  Maschinen- 
fabrik Augsburg  und  deren  vorziigliche  Leistungen  in  Konstruktionsbureau 
und  Werkstatte  zuzuschreiben.  Tausende  von  Lindes  Kaltemaschinen  stammen 
aus  Augsburg.  Was  B.s  Verhaltnis  zur  Linde-Gesellschaft  besonders  aus- 
zeichnete,  war  sein  unermiidlicher  Eifer,  den  er  all  ihren  Unternehmungen 
entgegenbrachte.  Er  gait  auch  der  Frage  der  Gasverfliissigung,  die  im  Welt- 
krieg  fiir  Deutschlands  Riistung  von  so  schwerwiegender  Bedeutung  wurde. 
Linde  selbst  preist  in  seinem  Buch  »Aus  meinem  Leben«  die  hohe  und  gleich- 
maBige  Qualitat  der  Augsburger  Maschinen  als  ein  wesentliches  Moment 
fiir  den  Erfolg  seiner  Arbeit,  und  schreibt,  wie  sehr  B.  durch  seine  vornehme 
und  gerechte  Gesinnung  den  geschaftlichen  und  personlichen  Verkehr  durch 


Buz 


227 


Jahrzehnte  hindurch  zu  einein  ebenso  erfreulichen  als  fruchtbaren  gemacht 
hat.  Das  Zusammenarbeiten  mit  der  Iyinde-Gesellschaft  brachte  der  Ma- 
schinenfabrik  Augsburg  aber  noch  einen  sehr  groBen  indirekten  Nutzen, 
indem  sie  hierdurch  auf  warmetechnische  Fragen  gelenkt  wurde,  ihren 
Dampfmaschinenbau  auBerordentlich  forderte  und  auf  eine  sehr  hohe  Stufe 
der  Entwicklung  brachte.  Die  Fabrik  hatte  schon  von  1845  an  kleinere  Hoch- 
druckmaschinen  von  3 — 4  PS.  gebaut,  in  stehender  Anordnung  mit  obenliegen- 
der  Welle.  1856  wurde  eine  liegende  Zwillingsdampfmaschine  fur  die  Augs- 
burger  Baumwollfeinspinnerei,  1857  eme  ebensolche  fur  die  Kammgarn- 
spinnerei  Worms  gebaut.  Diese  Maschinen,  denen  bald  solche  bis  zu  300  und 
600  PS.  folgten,  hatten  Farcotsche  Expansionssteuerung  mit  unmittelbarem 
Regulatoreingriff,  Dampfmantel  und  Kondensation  unter  Flur.  Schon  friih- 
zeitig  wurden  die  Maschinen  genauen  Versuchen  auf  den  Dampfverbrauch 
unterworfen.  1871  nahm  die  Fabrik  den  Bau  von  Prazisions-Ventildampf- 
maschinen  auf  und  damit  begann  der  Siegeslauf  der  Augsburger  Dampf- 
maschinen,  die  neben  denen  von  Gebrtider  Sulzer  in  Winterthur  jahrzehnte- 
lang  die  besten  der  Welt  waren.,  1876  wurde  fiir  die  Neue  Baumwollspinnerei 
Hof  im  Gegensatz  zu  dem  bis  dahin  allgemein  ublichen  Stirnraderantrieb 
zum  erstenmal  die  Kraftiibertragung  durch  Hanfseile  bewerkstelligt.  1879 
ging  B.  an  die  Einfiihrung  der  liegenden  zweikurbeligen  Verbunddampf- 
maschine,  und  zwar  als  Erster  in  Deutschland  fiir  ortsfeste  Anlagen.  Diese 
150  PS.-Maschine  fiir  die  Augsburger  Kammgarnspinnerei  wurde  namentlich 
durch  die  daran  vorgenommenen  ausgedehnten  Versuche  epochemachend 
und  vorbildlich.  1888  lieferte  die  Firma  ihre  erste  Dreifach-Expansions- 
Dampfmaschine  von  700 — 900  PS.  an  die  Vogtlandische  Baumwollspinnerei 
in  Hof.  1894  wurde  die  erste  Dreifach-Expansionsmaschine  mit  geteiltem 
Niederdruckzylinder  und  1200  PS.  Leistung  fiir  die  Augsburger  Kammgarn- 
spinnerei gebaut,  welche  Bauart  bald  viel  Nachahmung  fand.  Im  Bau  der 
stehenden  Dampfmaschine  machte  das  Werk  urn  die  Jahrhundertwende  die 
Entwicklung  der  groBen  Elektrizitatswerke  mit.  Die  Zahl  der  unter  der  Direk- 
tion  von  B.  gebauten  Augsburger  Dampf maschinen  geht  in  viele  Tausende. 
Die  hervorragendste  und  bemerkenswerteste  Leistung  B.s,  die  in  ihren 
Folgen  auBerordentlich  weittragend  war,  und  durch  die  selbst  seine  starken 
Fahigkeiten  auf  eine  sehr  harte  Probe  gestellt  wurden,  kniipft  sich  an  das  Auf- 
treten  Rudolf  Diesels,  der  1893  in  seiner  kleinen  Schrift  »Theorie  und  Kon- 
struktion  eines  rationellen  Warmemotors«  auf  Grund  von  warmetheore- 
tischen  Betrachtungen  neue  Ideen  fiir  eine  bessere  Warmeausnutzung  vor- 
trug.  DaB  auf  Grund  dieser  Ideen  wirklich  ein  brauchbarer  Warmemotor  ent- 
stehen  konnte,  namlich  der  heute  so  auBerordentlich  wichtige,  allgemein 
als  »Dieselmotor«  bezeichnete  Olmotor,  ist  das  groBe  und  ausschlieBliche  Ver- 
dienst  von  B.  Mit  der  Geschichte  des  Dieselmotors  bleibt  daher  der  Name 
Heinrich  v.  Buz  untrennbar  verbunden.  Er  hatte  das  gute  in  den  Diesel- 
schen  Ideen  klar  erkannt  und  hielt  daran  auch  dann  noch  fest,  als  maB- 
gebende  Manner  in  Industrie  und  Wissenschaft  langst  davon  abrieten,  und 
andere  Firmen  von  ebenfalls  allererstem  Range  die  Dieselsache  nach  groBen 
Geldopfern  als  vollig  hoffnungslos  aufgegeben  hatten.  Hier  auBerte  sich  B.s 
unbeugsame  Willenskraft  von  dem  Augenblicke  an,  wo  er  eine  Sache  fiir 
gut  erkannt  hatte,  mochte  der  Weg  auch  noch  so  weit  und  noch  so  dornenvoll 


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sein.  Fast  vier  Jahre  lang  MiBerfolg  auf  MiBerfolg  mit  ungeheuren  Geld- 
opfern  (iiber  M.  400  000)  waren  vorerst  der  Lohn  fiir  sorgenvolle,  keine  Zeit 
und  Grenzen  kennende  Arbeit.  Diesel  selbst  hatte  an  der  Erreichung  eines 
marktfahigen  Motors  gezweifelt.  Die  Idee  war  geradezu  in  Verruf  gekommen. 
Unter  solchen  Umstanden  ging  B.  unter  Einsetzung  von  persdnlicher  und 
geschaftlicher  Ehre  im  Vertrauen  auf  seine  treuen  bewahrten  Mitarbeiter 
den   schier   uniiberwindlich   scheinenden   Schwierigkeiten   zu    Leibe.    Seine 
Hauptstiitzen  dabei  waren  der  damals  junge  Ingenieur  und  jetzige  Geheime 
Baurat  Dr.  ing.  Imanuel  Lauster  und  die  hochentwickelte  Werkstattentechnik 
der  Fabrik.  Die  Konstruktion  der  Dieselmaschine  muBte  von  Grund  auf 
neu  geschaffen  werden.  Und  es  gelang.  Der  ortsfeste  Olmotor  mit  der  von 
Diesel  ertraumten  Warmewirtschaftlichkeit  war  im  Februar  1897  erreicht. 
Es  folgte  dann  die  weitere  Entwicklung  zu  immer  groBeren  Leistungen, 
groBter  Betriebssicherheit  und  der  TJbergang  von  der  ortsfesten  zur  Schiffs- 
antriebmaschine,  welch  letztere  im  U-Bootkrieg  fiir  Deutschland  so  ungeheuer 
wichtig  und  wertvoll  gewesen  ist.   Sein  nie  versagender  Glaube  an  seine 
Arbeit,  seine  gesunde  Hartnackigkeit  im  Verein  mit  seinen  fiihrenden  Mit- 
arbeitern  vollbrachten  ein  Werk,  das  B.  seinen  Platz  unter  den  GroBen  der 
Technik  fiir  alle  Zeiten  sichert.  Auch  nach  Ablauf  der  Dieselschen  Patente, 
als  sich  viele   Fabriken  dem  Bau  der  Schwerolmaschine  zuwandten,  behielt 
die  Maschinenfabrik  Augsburg  ihre  fuhrende  Stellung  an  der  Spitze  aller 
Dieselmotoren  herstellenden  Werke.  Aus   ihren   Werkstatten  sind  bis  zum 
Jahre  1927  —  30  Jahre  nach  Fertigstellung  des  ersten  brauchbaren  Motors  — 
Dieselmotoren  mit  einer  Gesamtleistung  von  einundeinhalb  Millionen   PS. 
hervorgegangen ;  das  ist  schatzungsweise  der  vierte  Teil  der  auf  der  Welt 
vorhandenen  sechs  Millionen  Diesel-PS.  Baute  man  1903  noch  Maschinen 
mit  Zylinderleistungen  von  100  PS.,  so  waren  es  191 3  bereits  solche  mit 
1000  PS.  Im  Weltkrieg  nahm  der  Dieselbau  einen  auBerordentlichen  Auf- 
schwung  und  zwar  im  Bau  von  schnellaufenden  Motoren  bis  zu  3000  PS.  fiir 
Unterseeboote.  Der  groBte  Dieselmotor  der  Welt  wurde  1926  von  Blohm 
&  VoB,  Schiffswerft  und  Maschinenfabrik  in  Hamburg  —  einer  der  vielen 
Lizenznehmerinnen  der  Maschinenfabrik  Augsburg-Niirnberg  —  nach  den 
Patenten  und  Entwiirfen  von  Maschinenfabrik  Augsburg-Niirnberg  (M.A.N) 
gebaut.  Er  entwickelt  15  000  PS.  in  neun  Zylindern.  Zum  Betrieb  von  Fabriken, 
als  Antriebsmaschine  von  See-  und  FluBschiffen  und  Lokomotiven,  Kraft  - 
wagen,   sowie   als  Lokomobile  findet  der  Dieselmotor  heute   Anwendung; 
diejenige  fiir  Flugzeuge  und    Luftschiffe  steht    der  Verwirklichung    nahe. 
Fiir  GroBkraftwerke  ist  das  Vorhandensein  des  Dieselmotors  als  Momentan- 
und  Spitzenreserve  geradezu  eine  Lebensf  rage ;  verursacht  doch  die  Unter- 
dampfhaltung  von  Kesseln  und  die  Aufheizung  von  solchen  fiir  die  nur  wenige 
Stunden  dauernden  Lichtspitzen  enorme  Verluste.  Der  hohe  Stand  des  Diesel- 
motorenbaus  bei  der  Maschinenfabrik  Augsburg-Niirnberg  wird  dadurch  noch 
bestatigt,  daB  diese  Firma  mehr  als  20  Lizenzen  an  erstklassige  Firmen  des 
In-  und  Auslandes  vergeben  hat,  die  heute  alle  nach  den  Entwiirfen  und 
Planen  der  Maschinenfabrik  Augsburg-Niirnberg  arbeiten. 

Im  Jahre  1898  entschloB  sich  B.  in  richtiger  Erkenntnis  technischer  und 
wirtschaftlicher  Forderungen  der  Zeit  zur  Verschmelzung  der  Maschinen- 
fabrik Augsburg  mit  der  Maschinenbaugesellschaft  Niirnberg.   B.  war  von 


Buz  229 

1898  bis  1913  gemeinsam  mit  A.  v.  Rieppel,  Generaldirektor  der  Maschinen- 
fabrik  Augsburg-Niirnberg  A.-G.   (M.A.N.),  eines  Unteraehmens,  das  beim 
Tode  B.s  mit  rund  85  Millionen  Aktienkapital  und  Reserven  arbeitete  und  in 
seinen    Werken    Augsburg,    Nurnberg,    Gustavsburg    und    Duisburg    rund 
25  000  Arbeiter  und  Beamte  beschaftigte. 

Dem  Wohlergehen  und  den  Bediirfnissen  seiner  Beamten  und  seiner 
Arbeiterschaft  stand  B.  immer  mit  wahrhaft  sozialer  Gesinnung  gerecht 
gegeniiber.  Mannigfache  Wohlfahrtseinrichtungen  wurden  geschaffen,  deren 
Leistungen  er  durch  hohe  personliche  Zuwendungen  steigerte.  Dabei  lag  ihm 
besonders  die  Heranziehung  eines  tiichtigen  Nachwuchses  am  Herzen.  So 
kam  es,  daB  die  Arbeiterverhaltnisse  fast  patriarchalisch  blieben,  was  ein 
Blick  auf  den  alten  Arbeiterstamm,  der  noch  beim  Tode  B.s  im  Werk  Augs- 
burg tatig  war,  bestatigt.  Im  Verkehr  mit  seinen  Angestellten  war  er  jeder 
formellen  AuBerlichkeit  abhold :  Einf  achheit  und  Disziplin  waren  seine  Richt- 
punkte.  DaB  er,  der  fast  ein  halbes  Jahrhundert  lang  Tausenden  von  Arbeitern 
gut  bezahlte  Arbeit  verschafft  hat,  von  sozialdemokratischen  Fuhrern  miB- 
gunstig  beurteilt  wurde,  braucht  wohl  kaum  erwahnt  werden.  Wenn  B.  Auf- 
sichtsratstellen  annahm,  so  geschah  dies  nicht  in  seinem  personlichen,  als 
vielmehr  im  Interesse  seines  Werkes.  So  war  B.  in  den  Aufsichtsraten  folgender 
Gesellschaf ten :  Augsburger  Lokalbahn,  A.-G.  fiir  Bleicherei,  Farberei  und 
Appretur  in  Augsburg,  Gesellschaft  fiir  Markt-  und  Kiihlhallen  in  Hamburg, 
Maschinenfabrik  Augsburg-Niirnberg  A.-G.,  Gesellschaft  fiir  Lindes  Eis- 
maschinen  in  Wiesbaden,  Haunstetter  Spinnerei  und  Weberei  in  Augsburg, 
Mechanische  Seilerwarenfabrik  in  Bamberg,  Schantung-Eisenbahngesellschaft 
in  Berlin.  Als  B.  in  die  Fabrik,  das  heutige  Werk  Augsburg  der  Maschinenfabrik 
Augsburg-Niirnberg  eintrat,  hatte  diese  300  Arbeiter,  bei  seinem  Riicktritt 
als  Generaldirektor  am  1.  Juli  1913  dagegen  5500  Arbeiter  und  Beamte. 
B.  konnte  von  sich  sagen,  daB  er  der  erste  Arbeiter  in  seinem  eigenen  Werk 
war ;  er  war  in  seinen  gesunden  Jahren  der  Erste  und  der  Letzte  auf  seinem 
ebenso  verantwortungsvollen  wie  arbeitsreichen  Posten.  Ohne  zwingende 
Grande  verlieB  er  sein  Werk  nicht.  Eingedenk  des  guten  alten  deutschen 
Sprichwortes  »Fern  von  Haus  ist  nan'  bei  Schaden«  konnte  er  sich  nicht  ent- 
schlieBen,  alle  moglichen  Ehrenstellen  und  Ehrenamter  anzunehmen,  die 
einem  Manne  von  seiner  Bedeutung  und  seiner  Stellung  naturgemaB  reichlich 
angeboten  werden,  die  ihn  aber  von  seinen  Pflichten,  wie  er  sie  auffaBte,  ab- 
gelenkt  und  haufig  von  Augsburg  weggefuhrt  hatten.  Seine  Arbeit  und  Sorge 
gait  seinem  Werk,  das  er  zu  hochster  Bliite  brachte,  und  auBerdem  seiner 
Heimatstadt  Augsburg  und  deren  Industrie.  So  ist  es  seinem  Eintreten  zu- 
zuschreiben,  daB  1888  die  Augsburger  I^okalbahn  gegriindet  wurde,  deren 
Linien  alle  Augsburger  industriellen  Werke  unter  sich  und  mit  dem  Netz  der 
staatlichen  Bahnen  verbinden,  wodurch  eine  der  wesentlichsten  Bedingungen 
fiir  den  Aufschwung  der  Augsburger  Industrie  erfullt  wurde.  Der  1893  erfolgte 
ZusammenschluB  der  Augsburger  Unternehmungen  zum  Industrieverein  fand 
in  B.  eine  seiner  vornehmsten  Stiitzen.  Den  besonderen  Dank  der  Augsburger 
Bevolkerung  erwarb  sich  B.  durch  die  Griindung  des  Augsburger  Stadt- 
gartens  mit  seinen  prachtigen  Anlagen,  zu  der  er  1886  den  AnstoB  gegeben 
hat  und  dessen  Leitung,  Verschonerung  und  Bewahrung  vor  finanziellen 
Schwierigkeiten  ihm  bis  ins  hohe  Alter  eine  liebe  Aufgabe  war. 


230  19 1-8 

In  seiner  auBeren  Erscheinung  war  B.  stattlich,  hochgewachsen,  breit  und 
stark,  fast  derb  an  Gestalt  und  Gesichtsziigen,  die  kraftvoll  und  mannlich 
ebenso  unbeugsame  Willenskraft  wie  wohltuende  Herzensgtite  ausdriickten. 
B.  war  energisch  Und  zielbewuBt,  besaB  groBes  Wissen  und  starkes  Konnen, 
technischen  Scharfblick,  bedeutendes  Organisationstalent  und  eine  rastlose 
Arbeitsfreudigkeit.  Von  Hause  aus  Ingenieur,  besaB  er  gleichwohl  ein  aus- 
gezeichnetes  Verstandnis  fur  die  wirtschaftlichen  Verhaltnisse  und  besonders 
fur  die  kaufmannisch- wirtschaftlichen  Fragen  im  Betrieb  seiner  Fabrik. 
Seine  vorsichtige  Dividendenpolitik,  die  sorgfaltige  Beachtung,  die  er  den 
Amortisationskonten  und  Reserven  schenkte,  und  seine  groBziigige  Ver- 
kaufsorganisation  legen  davon  ein  beredtes  Zeugnis  ab.  Freilich,  jene  beweg- 
liche  Vielseitigkeit,  jenes  spekulative  GroBunternehmertum,  jenes  kritiklose 
Herumprobieren,  wie  man  es  anderwarts  so  haufig  sieht,  war  seinem  Wesen 
fremd.  Er  war  immer  davon  iiberzeugt,  daB  nur  bei  weisester  Selbstbeschran- 
kung  auf  wenige  Hauptgebiete  des  Maschinenbaues  eine  solche  Fabrik  hochste 
Qualitatsleistungen  hervorbringen  kann.  Diese  tlberzeugung  veranlaBte 
auch  B.,  den  Wasserturbinenbau,  in  dem  die  Maschinenfabrik  mehrere  Jahr- 
zehnte  lang  fiihrend  war,  ganz  aufzugeben,  als  am  Anfang  des  Jahrhunderts 
die  technisch-wissenschaftliche  Entwicklung  eine  derartige  geworden  war, 
daB  auf  diesem  Gebiet  nur  durch  Konzentration  und  Einrichtung  von  Ver- 
suchsanstalten  hochste  Leistungen  moglich  gewesen  waren.  AuBerordentlich 
klug,  von  ruhiger,  treffsicherer  Urteilskraft  pflegte  er  nur  auf  ganz  bestimmten, 
sicheren  Grundlagen  seine  Plane  aufzubauen  und  sie  dann,  unbekummert  um 
Hindernisse  und  die  Meinung  anderer,  unter  alien  Umstanden  zur  Durch- 
fuhrung  zu  bringen.  Die  Schopfung  des  Dieselmotors  in  der  Maschinenfabrik 
Augsburg  ist  dafiir  ein  in  der  Geschichte  des  Maschinenbaues  einzig  dastehen- 
des  Beispiel.  Er  entwickelte  dabei  eine  Ausdauer  und  Zahigkeit,  eine  Hart- 
nackigkeit  und  Unbeugsamkeit  des  Willens,  die  seinem  Wesen  fiir  die  AuBen- 
welt  und  auch  fiir  seine  Untergebenen  manchmal  einen  autokratischen  Zug 
verliehen.  Durch  den  standigen  Aufenthalt  im  Schwabenlande,  durch  seine 
enge  Zusammenarbeit  mit  Mannern  schwabischen  Stammes  mogen  diese 
im  schwabischen  Volkscharakter  so  stark  ausgepragten  Eigenschaften  auch 
bei  ihm  in  besonderem  MaBe  ausgebildet  worden  sein.  An  seiner  eisernen 
Konstitution  gingen  nahezu  sieben  Jahrzehnte  angestrengter  nimmermuder 
Arbeit  fast  spurlos  voriiber.  Im  Privatleben  war  er  ein  liebenswiirdiger,  lustiger 
Gesellschafter.  Neben  vielen  anderen  Orden  besaB  er  den  Verdienstorden 
der  Bayerischen  Krone,  mit  dem  der  personliche  Adel  mit  dem  Pradikate 
»Ritter  von«  verbunden  war.  Seinem  ganzen  Charakter  und  seiner  recken- 
haften  Gestalt  stand  die  Ritterschaft  so  gut  wie  selten  einem. 

Miinchen.  Paul  v.    Lossow. 

Cohen,  Hermann,  o.  Professor  der  Philosophic  in  Marburg  a.  d.  L.,  *  am  4.  Juli 
1842  in  Koswig  (Anlialt),  f  am  4.  April  1918  in  Berlin.  —  Seine  Eltern  waren 
Gerson  C,  Lehrer  an  der  jiidischen  Gemeindeschule  und  an  der  Stadtschule 
seiner  Heimat,  und  Friederike  C,  geb.  Salomon.  Die  fruheste  Ausbildung  des 
Kindes  lag  in  der  Hand  des  Vaters,  der  ihn  im  Deutschen,  Franzosischen  und 
Hebraischen  unterrichtete.  C.besuchte  dann  die  Stadtschule  seiner  Heimat  und 


Buz.  Cohen  231 

vom  elften  Jahr  an  das  Gymnasium  zu  Dessau,  urn  dann  von  der  Sekunda  aus 
auf  das  jiidisch-theologische  Seminar  zu  Breslau  iiberzutreten.  Von  den  zahl- 
reichen  bedeutenden  Lehrern,  die  dort  wirkten,  wollen  wir  als  die  bekanntesten 
hier  nur  Jakob  Bernays,  den  Philologen,  und  Hermann  Gratz,  den  Historiker 
des  Judentums,  nennen.  So  dankbar  C.  sein  Leben  lang  fiir  mancherlei  ge- 
diegene  und  griindliche  Kenntnisse,  die  ihm  in  dieser  Zeit  iibermittelt  wurden, 
war,  so  konnte  doch  sein  reicher  Geist  unmoglich  in  der  Vorbereitung  zum 
Rabbinat  das  letzte  Ziel  seines  wissenschaftlichen  Studiums  sehen.  Nachdem 
er  daher  als  Extraneos  sein  Abitur  am  Matthiasgymnasium  zu  Breslau  gemacht 
hatte,  bezog  er  1861  in  dieser  Stadt  die  Universitat.  Er  setzte  sein  Studium 
1864  in  Berlin  fort,  wo  er  in  den  Kreis  der  Studierenden  urn  Lazarus  und  Stein- 
thal  aufgenommen  wurde.  Unter  seinen  Lehrern  verdient  noch  der  Philologe 
Boeckh  Erwahnung.  Seine  philosophischen  Studien  umfaBten  in  dieser  Zeit 
fast  das  ganze  Gebiet  der  Geschichte  der  Philosophie,  besonders  aber  widmete 
er  sich  der  Lektiire  Kants  und  der  nachkantischen  Philosophen.  1865  promo- 
vierte  er  zu  Halle  mit  der  Schrift  »Philosophorum  de  antinomia  necessitatis 
et  contingentiae  doctrinae*.  Durch  Steinthal  war  C.  besonders  auf  Herbarts 
Lehre  aufmerksam  geworden,  und  ohne  daJ3  C.  jemals  wirklicher  Herbartianer 
gewesen  ware,  zeigen  doch  seine  Erstlingsschriften  einen  EinfluB  Herbarts  (auf 
dem  Umweg  iiber  Steinthal).  In  der  von  Steinthal  herausgegebenen  Zeitschrift 
fiir  Volkerpsychologie  erschienen  mehrere  kleinere  Abhandlungen  C.s,  von 
denen  wir  hier  nur  die  eine  erwahnen  wollen,  welche  den  Titel  tragt:  »Die 
dichterische  Phantasie  und  der  Mechanismus  des  BewuBtseins. «  Sie  ist  fiir  die 
Entwicklung  C.s  deswegen  von  Bedeutung,  weil  sich  in  ihr  bereits  Grund- 
begriffe  seiner  spateren  Asthetik  finden.  Er  leitet  in  genialer  Weise  die  Ent- 
stehung  der  Poesie  aus  dem  Mythos  ab,  erkennt  das  reine  Gefuhl  als  den 
Urgrund  kiinstlerischen  Schaffens  und  den  Vergleich  als  die  innere  Form  des 
Kunstwerks.  Erkenntnistheoretisch  ist  er  in  diesem  Werke  noch  nicht  zur 
Klarheit  vorgedrungen,  es  bedurfte  dazu  einer  intensiveren  und  liebevolleren 
Versenkung  in  Kant.  Sobald  ihm  das  Verstandnis  der  Kantschen  Philosophie 
aufgegangen  war,  machte  er  sich  an  die  Ausarbeitung  seines  ersten  groBeren 
Werkes,  das  den  Grundstein  zu  seinem  spateren  Weltruhm  legen  sollte.  1871 
erschien  »  Kants  Theorie  der  Erfahrung«.  Nur  bei  wenigen  auserlesenen  Geistern 
stieB  er  sogleich  auf  das  richtige  Verstandnis.  Die  Berliner  philosophische 
Fakultat  verhielt  sich  unter  der  Fuhrung  des  Philosophen  Trendelenburg,  den 
C.mehrfach  temperamentvoll  aber  objektiv  angegrif fen  hatte,  ablehnend  gegen 
C,  so  daB  dessen  Versuche,  sich  in  Berlin  zu  habilitieren,  fehlschlugen.  Er 
konnte  sich  damit  trosten,  daB  Friedrich  Albert  Lange,  der  giitige  und  gelehrte 
Verfasser  der  » Geschichte  des  Materialismus «  und  der  »Arbeiterfrage«  sofort 
den  Wert  seines  Buches  erkannte.  Lange,  der  damals  noch  in  Zurich  Professor 
war,  schickte  ihm  mit  einer  Empfehlung  den  jungen  August  Stadler  zu,  der 
zugleich  mit  anderen  gescheiten  jungen  Kopfen  von  dem  »Privatgelehrten«  C. 
in  das  Verstandnis  Kants  eingefuhrt  wurde.  Nachdem  inzwischen  Lange  nach 
Marburg  berufen  worden  war,  forderte  er  1873  C.  (eben  auf  Grund  seines  Kant- 
buches)  auf,  sich  in  Marburg  zu  habilitieren.  Auf  Langes  Betreiben  hin  wurde 
C.  1875  in  Marburg  Extraordinarius.  Nur  kurze  Zeit  leider  war  es  C.  vergonnt, 
mit  Lange  gemeinsam  in  Marburg  zu  wirken,  da  den  letzteren  schon  1876  der 
Tod  abrief.  Im  gleichen  Jahre  wurde  C.  sein  Nachfolger  auf  dem  philosophi- 


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schen  Lehrstuhle  an  der  Universitat.  Es  kam  nun  eine  schaffensreiche  Zeit 
fiir  C.  und  eine  groBe  Zeit  fiir  Marburg.  C.  wurde  zum  Begriinder  der  neukanti- 
schen  Marburger  Schule  und  fand  an  Paul  Natorp  (f  1924)  einen  verstandnis- 
vollen  und  gleichgesinnten  Mitarbeiter.  Eine  groBe  Anzahl  von  Schulern  lerate 
hier  die  Methode  des  Philosophierens,  denn  nur  auf  die  Methode,  nicht  auf  die 
Uberlief  erung  philosophischer  Dogmen  war  die  Einheit  der  Marburger  Schule  be- 
griindet.  Deren  Wirksamkeit  blieb  durchaus  nicht  auf  Deutschland  beschrankt, 
sondern  die  Schuler  kamen  aus  fast  aller  Herren  L,andern.  C.  hatte  sich  mittler- 
weile  mit  Martha,  geb.  Lewandowski,  verheiratet.  Das  C.sche  Haus  wurde  zum 
Mittelpunkt  reger  geistiger  Geselligkeit.  Es  verkehrten  in  ihrem  Hause  Na- 
torp, Rade,  Varrentrapp,  v.  Sybel  u.  a.  Aber  auch  Musiker  gingen  aus  und 
ein,  da  nicht  nur  C.  selbst  Verstandnis  und  Liebe  zur  Musik  hatte,  sondern 
auch  seine  Frau  als  Klavierspielerin  und  Sangerin  mehr  als  dilettantisches 
Konnen  besaB. 

Die  nachste  wissenschaftliche  Aufgabe,  die  sich  C.  stellte  und  loste,  war  die 
weitere  Durchforschung,  kritische  Darstellung  und  Fortbildung  des  Kantschen 
Systems.  So  erschienen  denn  in  kurzen  Zeitabschnitten  »Die  systematischen  Be- 
griffe  in  Kants  vorkritischen  Schriften,  nach  ihrem  Verhaltnis  zum  kritischen 
Idealismus«.  (Berlin  1873.)  »Kants  Begriindung  der  Ethik*  (Berlin  1877), 
»  Kants  Begriindung  der  Asthetik«  (1889).  Daneben  befaBte  sich  C.  in  mehreren 
bedeutenden  Universitatsreden  mit  Kant.  C.  war  keineswegs  der  erste,  der  in 
Zeiten  philosophischen  Tiefstandes  den  Geist  der  Kultur  wieder  an  Kant 
orientieren  wollte.  Schopenhauer  und  Fries  konnten  ja  neben  dem  romantischen 
Dreigestirn  Fichte,  Schelling,  Hegel  ohnehin  als  treuere  Kantianer  gelten ;  ob- 
gleich  Schopenhauer  nicht  nur  mit  seiner  Willensmetaphysik,  sondern  auch 
in  der  subjektivistischen  Auffassung  der  Kantschen  Erkenntnistheorie  und 
Fries  in  seinem  Vorurteil  gegen  das  Transzendentale  weit  von  der  rechten 
Bahn  abgewichen  waren.  Aus  den  Reihen  der  Hegelianer  selbst  hatte  Chr.  H. 
WeiBe  im  Jahre  1847,  bald  darauf  auch  Eduard  Zeller  wieder  auf  Kant  hin- 
gewiesen,  doch  waren  diese  noch  zu  sehr  in  der  Dogmatik  ihres  Meisters  Hegel 
befangen,  um  zu  einem  tieferen  Verstandnis  Kants  vorzudringen.  Dies  wurde 
zuerst  durch  Otto  L,iebmanns  Schrift  »Kant  und  die  Epigonen«  1865  ermoglicht. 
Es  muB  aber  gesagt  werden,  daB  auch  Liebmann  den  Geist  der  transzenden- 
talen  Methode  noch  nicht  rein  zu  erfassen  vermochte.  Friedrich  Albert  I*ange 
war  vor  allem  dem  ethischen  Teil  des  Kantschen  Systems  nicht  gerecht  ge- 
worden.  Erst  die  Schriften  C.s  waren  es,  welche  eine  objektive  ErschlieBung 
dieses  Systems  brachten,  und  indem  sie  auf  dem  von  Kant  vorgezeichneten 
Weg  liber  Kant  hinausgingen,  der  Philosophic  iiberhaupt  einen  machtigen 
Impuls  gaben. 

C.  faBte  das  Kantsche  System  als  Theorie  der  Erfahrung.  Wie  ist  Erfahrung 
moglich  ?  Das  ist  die  Kardinalf rage  der  kritischen  Philosophic  Erfahrung  be- 
deutet  hierbei  das  System  der  Wissenschaft,  nicht  aber  das  individuelle  Er- 
fahren  deseinzelnen.  Was  das  erkennendeSubjekt  und  das  erkannte  Objekt  sei, 
ist  selbst  eine  Frage  der  Philosophic,  die  nicht  das  eine  oder  andere  als  gegeben 
voraussetzen  darf.  Die  Kritik  der  reinen  Vernunft  richtet  die  transzendentale 
Frage  an  die  Mathematik  und  die  mathematische  Naturwissenschaft.  Welches 
sind  die  obersten  und  unerlaBlichen  Bedingungen  der  Erfahrung,  das  heiBt, 
von  welchen  »selbst  gedachten  Prinzipien«(Kategorien  und  reineAnschauungen) 


Cohen  233 

mufl  die  Wissenschaft  ausgehen,  damit  mathematische  Naturwissenschaft 
moglich  sein  soil.  In  ahnlicher  Weise  fragt  die  Ethik,  wie  sie  in  der  Kritik  der 
praktischen  Vernunft  enthalten  ist,  nach  den  obersten  Voraussetzungen  einer 
allgemeingultigen  Sittlichkeit.  Die  Kritik  der  Urteilskraft  richtet  in  ahnlicher 
Weise  die  transzendentale  Frage  auf  die  Reiche  der  Kunst  und  der  Organismen. 
Die  objektive  Richtung  der  kritischen  Philosophic  diirfte  hierdurch  vorlaufig 
zur  Geniige  gekennzeichnet  sein. 

In  der  Kritik  der  reinen  Vernunft  riickte  gemaB  der  v6n  C.  wiederentdeckten 
Unterscheidung  des  metaphysischen  und  transzendentalen  Apriori  der  Schwer- 
punkt  der  Betrachtung  ganz  und  gar  in  die  transzendentale  Deduktion  und 
das  System  der  Grundsatze.  Die  transzendentale  Apperzeption  wurde  als  ge- 
raeinsamer  Quell  der  reinen  Anschauungen  und  Kategorien  erkannt.  In  der 
dritten  Auflage  seines  kritischen  Grundwerkes  iiber  Kants  Theorie  der  Erfah- 
rung  wurde  der  Begriff  der  reinen  Anschauung  der  Kritik  unterworfen  und 
Raum  und  Zeit  als  Denkprinzipien  den  Kategorien  beigeordnet.  C.  war  es 
auch,  der  zuerst  die  Identitat  der  Begriffe  Ding  an  sich  und  Idee  nach- 
gewiesen  hat. 

In  der  Kritik  der  Kantschen  Moralphilosophie  hat  sich  C.  in  zwiefacher  Hin- 
sicht  ein  Verdienst  erworben,  indem  er  namlich  erstens  den  Zusammenhang 
zwischen  Recht  und  Sittlichkeit  wieder  offenkundig  machte  und  zweitens  die 
Kantsche  Postulatenlehre  mit  triftigen  Griinden  verwarf. 

Fur  die  Darstellung  der  Asthetik  war  vor  alien  Dingen  die  Korrektur  am 
Begriff  des  Erhabenen  von  Bedeutung,  welches  C.  schon  in  der  Schrift  » Kants 
Begriindung  der  Asthetik «  als  eine  Unterart  des  Schonen  nachwies. 

Bei  diesen  kurzen  Bemerkungen  in  bezug  auf  die  Stellung  C.s  zu  Kant  muft 
es  hier  sein  Bewenden  haben.  Wenden  wir  uns  nunmehr  wieder  seiner  Biographie 
zu.  Als  Dozent  hatte  C.  groBen  Erfolg.  Freilich  klagten  die  Studenten,  wenig- 
stens  diejenigen,  welche  den  Vorlesungen  nicht  regelmaBig  folgten,  ilber  die 
Schwierigkeit  seiner  Darstellung.  Wer  aber  den  philosophischen  Eros  in  sich 
trug,  der  muBte  von  der  Art  seines  Vortrags  machtig  angezogen  werden.  Je 
alter  C.  wurde,  desto  mehr  trat  das  religiose  Problem  ins  Zentrum  seines  Inter- 
esses.  Es  hat  ihn  zwar  von  jeher  beschaftigt,  denn  er  litt  personlich  stark  unter 
der  Inhumanitat  des  Antisemitismus.  Sein  Eintreten  fiir  die  Religion  des  ein- 
zigen  Gottes  war  vom  reinsten  sittlichen  Pathos  erfiillt.  Ubergehen  wollen  wir 
hier  seine  Auseinandersetzungen  mit  Martin  Buber  und  E.  Frankel  iiber  das 
Problem  des  Zionismus.  Im  freiesten  und  humansten  Geist  hat  er  sich  in  zahl- 
reichen  Vortragen  und  Abhandlungen  iiber  die  religiose  Frage  geaufiert.  Man 
kann  iibrigens  hier  eine  Entwicklung  seines  Denkens  verfolgen.  In  der  Schrift 
Religion  und  Sittlichkeit  (1907),  ebenso  aber  auch  im  zweiten  Teil  seines 
Systems  der  Philosophic  (Ethik  des  reinen  Willens,  2.  Aufl.,  1907)  steht  er 
noch  auf  dem  Standpunkt,  da£  im  Lauf  der  Zeit  alle  Religion  in  Sittlichkeit 
aufzuheben  sei.  Nach  und  nach  aber  gewinnt  die  Religion,  ohne  irgendwie  in 
Gegensatz  zur  Ethik  zu  kommen,  doch  eine  gewisse  Selbstandigkeit.  (Vgl. 
die  Schriften  »Der  Begriff  der  Religion  im  System  der  Philosophies,  1915,  und 
»Die  Religion  der  Vernunft  aus  den  Quellen  des  Judentums*,  posthum  er- 
schienen  1919.)  Wahrend  die  Ethik,  wie  wir  noch  horen  werden,  das  Individuum 
ganz  und  gar  auf  die  Allheit  der  Menschheit  hin  orientiert,  sollte  nunmehr  die 
Religion  fiir  das  Verhaltnis  des  einzelnen  zu  seinem  Gotte  einzutreten  haben. 


234  l(*lS 

In  stiller  Gedankenarbeit  hatte  C.  bis  zum  Jahre  1902  die  Grundlagen  des 
eigenen  Systems  der  Philosophic  gefunden.  Im  genannten  Jahr  erschien  der 
erste  Band,  die  »Logik  der  reinen  Erkenntnis«.  Obgleich  es  offensichtlich  ist, 
daB  Platon,  Leibniz  und  Kant  die  geistigen  Tauf  paten  dieses  Werkes  sind, 
so  haben  wir  es  darin  doch  mit  einem  Erzeugnis  von  hoher  Originalitat  zu 
tun.  Die  transzendentale  Fragestellung  Kants  ist  beibehalten,  aber  das  Problem 
ist  selbstandig  und  den  Fortschritten  der  Wissenschaft  entsprechend  bear- 
beitet.  C.  behandelt  die  Logik  in  erster  Linie  als  Logik  des  Ursprungs.  Der 
Ursprung  wehrt  zunachst  das  Gegebene  ab.  Das  reine  Denken  der  Wissenschaft 
muB  die  obersten  Prinzipien  und  Hypothesen,  auf  denen  das  System  der 
Wissenschaft  erbaut  werden  soil,  selbstandig  entwerfen  und  darf  sie  weder  von 
irgendwelchen  gegebenen  Dingen  noch  von  der  Empfindung  entlehnen.  Im 
wissenschaftlichen  Urteil  wird  der  allgemeine  Gegenstand  der  Natur  ent- 
worfen  und  erzeugt.  In  der  Ausfuhrung  schlieBt  sich  C.  an  die  historisch  be- 
dingte  Einteilung  der  Urteile  nach  den  Gesichtspunkten  der  Qualitat,  Quan- 
titat,  Relation  und  Modalitat  an.  Die  Urteile  der  Qualitat  entsprechen  dabei 
dem  Denken  der  formalen  Logik.  Formal  heiBt  die  Logik  hier  nicht  etwa  des- 
wegen,  weil  sie  mit  dem  Inhalte  der  Erkenntnis  nichts  zu  tun  hatte ;  denn  ein 
inhalts-  und  gegenstandsloses  Denken  kann  es  nicht  geben;  sondern  sie  heiBt 
formal,  weil  sie  die  allgemeinsten  Denkgesetze  angibt,  die  iiberall  bei  der  Ent- 
werfung  des  Gegenstandes  der  Erkenntnis  sich  fruchtbar  erweisen.  Hier  steht 
das  Urteil  oder  das  Denkgesetz  des  Ursprungs  an  der  Spitze.  Wahrend  wir  es 
uns  sonst  versagen  miissen,  die  Urteilsarten  alle  einzeln  zu  besprechen,  so 
mtissen  wir  auf  das  Urteil  des  Ursprungs  wegen  seiner  uberragenden  Bedeutung 
fiir  das  ganze  System  C.s  eingehen.  Das  Denkgesetz  des  Ursprungs  gibt  ganz 
allgemein  die  Methode  an,  wie  man  zu  einem  problematisch  entworfenen  Be- 
griff  den  erklarenden  oder  erzeugenden  Begriff,  der  die  Losung  des  vorlaufig 
gefaflten  Problems  bringt,  findet.  Es  entspricht  dem  in  der  alteren  Logik  als 
unendliches  Urteil  bezeichneten  Urteil.  GemaB  dieser  Methode  sucht  man  zu 
dem  problematisch  aufgestellten  Begriff  den  im  System  der  Begriffe  kon- 
tinuierlich  benachbarten  Begriff  als  Ursprungsbegriff.  So  wurde  der  Begriff 
des  Atoms  oder  des  Unteilbaren  erdacht,  um  das  Teilbare,  das  heiBt  die  Ma- 
terie  zu  begreifen;  ahnlich  etwa  auf  dem  Gebiete  der  Ethik  dient  der  Begriff 
der  Unsterblichkeit,  um  das  Wesen  der  sterblichen  Menschen  zu  ergriinden. 
Da  beim  Aufsuchen  des  Ursprungsbegriffs  ein  logischer  GrenzprozeB,  das  heiBt 
ein  Durchgang  durchs  Unendliche  erfolgt,  so  ist  die  Ubereinstimmung  mit 
dem  unendlichen  Urteil  offenkundig.  Der  Ursprung  nun  muB  in  alien  Kate- 
gorien  und  Urteilsarten  lebendig  bleiben :  sie  sind  gleichsam  nur  Abwandlungen 
dieses  einen  Prinzips.  Es  erstreckt  iibrigens  seine  Geltung  iiber  das  ganze  Ge- 
biet  der  Philosophic  Unter  den  Urteilen  der  formalen  Logik  oder  der  Qualitat 
finden  wir  dann  weiter  die  Urteile  der  Identitat  und  des  Widerspruchs. 

Der  nunmehr  erst  ganz  allgemein  angelegte  Gegenstand  der  Erkenntnis 
findet  seine  nahere  Bestimmung  durch  die  Urteile  der  Mathematik  oder 
Quantitat.  Die  drei  fundamentalen  Urteilsarten,  die  hier  auftreten,  sind  die 
Urteile  der  Realitat,  der  Mehrheit  und  der  Allheit.  Die  Realitat  des  Gegen- 
standes legt  die  Physik  im  Differential  oder  der  Infinitesimalzahl  fest.  Diesen 
Gedanken  hatte  C.  schon  fruher  in  einer  Schrift  iiber  das  Prinzip  der  Infinitesi- 
malrechnung  ausgesprochen.  Das  Differential  ist  gleichsam  nur  eine  Anwen- 


Cohen 


235 


dung  des  Prinzips  des  Ursprungs.  In  der  Optik,  Akustik  usw.  wird  das  sinnlich 
Gegebene  (die  Empfindung)  in  Differentialgleichungen  objektiviert.  So  ist  die 
Mathematik  fur  C.  nicht  etwa  nur  ein  auBerliches  Hilfsmittel  des  Physikers, 
sondern  ihr  kommt  konstituierende  Bedeutung  zu:  in  ihren  Begriffen  erfaBt 
der  Physiker  das  Sein.  —  Es  ist  wichtig,  zu  bemerken,  daB  C.  nicht,  wie  Kant, 
ein  besonderes  Urteil  der  Einzelheit  kennt,  denn  wie  C.  in  dem  nachsten  Urteil, 
dem  Urteil  der  Mehrheit,  zeigt,  ist  das  einzelne  iramer  Glied  einer  Mehrheit 
und  hat  nur  als  solches  Bedeutung.  In  dem  Urteil  der  Mehrheit  entwickelt  C. 
unter  anderem  den  Begriff  der  endlichen  Zahl  und  den  der  Zeit.  Da  die  Auf- 
fassung  des  Zeitbegriffs,  wie  sie  C.  zu  eigen  ist,  iiber  die  Logik  hinaus  fur  das 
System  von  Bedeutung  ist,  so  miissen  wir  ihr  wenigstens  einige  Worte  wid- 
men.  C.  geht  nicht  vom  Begriff  der  Folge  aus,  wie  es  der  Sensualismus  tut, 
dieser  halt  sich  an  die  gegebenen  Vorstellungen,  die  einander  im  Geiste 
folgen.  Aber  fur  C.  darf  kein  Gegebenes  die  Erkenntnis  bestimmen.  Es  ist 
daher  vollkommen  dem  Geist  seines  Systems  entsprechend,  wenn  er  die  Zeit 
vornehmlich  als  Antizipation,  als  Vorwegnahme  der  Zukunft  denkt.  Zuerst 
ist  die  Zukunft,  diese  verwandelt  sich  erst  in  die  Gegenwart  und  Vergangen- 
heit.  —  Das  dritte  Urteil  der  Mathematik  ist  das  der  AUheit.  Der  Sinn  der 
Mehrheit  und  demnach  auch  der  Einzelheit  wird  erst  durch  die  Allheit  ent- 
hullt.  Auch  dieses  Urteil  ist  fur  die  Ethik  von  groBter  Bedeutung.  Es  sei  im 
Vorbeigehen  angemerkt,  daB  im  Urteil  der  Allheit  auch  die  Kategorie  des 
Raumes  auftritt. 

Der  Gegenstand  der  Erkenntnis  wird  nun  immer  konkreter  bestimmt.  An  die 
Urteile  der  Mathematik  schlieBen  sich  die  der  mathematischen  Naturwissen- 
schaft  an.  Es  sind  die  Urteile  der  Substanz,  des  Gesetzes  und  des  Begriffs. 
Nachdem  mit  ihnen  der  Gegenstand  in  seinen  allgemeinen  Umrissen  ent- 
worfen  ist,  bleiben  noch  die  Urteile  der  Methodik  (Modalitat)  iiber.  Hier 
werden  die  Begriffe  der  Moglichkeit,  Wirklichkeit  und  Notwendigkeit  er- 
ortert.  Das  Urteil  der  Notwendigkeit  gibt  Gelegenheit,  die  Syllogistik  kritisch 
zu  beleuchten. 

Die  Ethik  C.s  sucht  die  Ethik  als  Logik  der  Geisteswissenschaften  und  ins- 
besondere  des  Rechts  aufzubauen.  Die  transzendentale  Frage  richtet  sich  hier 
also  auf  das  Recht  und  den  Staat  als  die  konkreten  Erscheinungsformen  der 
Sittlichkeit.  Die  Ethik  ist  die  Lehre  vom  Begriff,  besser  gesagt  von  der  Idee 
des  Menschen.  Sie  spricht  nicht  von  der  zufallig  wirklichen  Existenz  der  Indi- 
viduen,  sondern  vom  Seinsollenden,  das  heiBt  von  der  Aufgabe  einer  Willens- 
gemeinschaft  der  Menschheit.  Jeder  Begriff,  also  auch  der  des  Menschen,  ent- 
halt,  wie  die  Logik  gezeigt  hat,  die  drei  Stufen  der  Einzelheit,  Mehrheit  und 
Allheit  in  sich,  wobei  das  einzelne  gegeniiber  der  Mehrheit  und  Allheit  un- 
selbstandig  ist.  Das  bedeutet  fur  die  Ethik,  daB  der  einzelne  sein  sittliches 
Selbst  nur  in  der  Allheit  finden  kann.  Das  sittliche  Selbst  als  die  Aufgabe  der 
Willenshandlung  wird  gemaB  dem  Prinzip  des  Ursprungs  aus  dem  anderen 
geboren.  Die  Methode  aber,  die  Willensgemeinschaft  des  sittlichen  Selbstes 
zu  erzeugen,  liegt  in  der  Idee  des  Staates.  Wenn  man  vom  Staat  als  dem  Weg 
des  sittlichen  Selbst  spricht,  so  darf  man  nicht  vergessen,  daB  es  sich  urn  den 
seinsollenden  Staat,  das  heiBt  urn  die  Idee  des  Staates,  nicht  urn  den  zufallig 
wirklichen  Staat  handelt.  Diesen  letzteren  der  Idee  gemaB  zu  machen,  ist 
vielmehr  gerade  die  hochste  Aufgabe  des  Menschengeschlechts. 


236  I9i8 

Wenn  die  Ethik  das  Ideal  des  Sittlichen  entwirft,  so  entsteht  die  bange 
Frage,  ob  denn  dieses  Ideal  auch  zu  verwirklichen  sei?  Es  konnte  ja  sein,  daB 
die  Natur  des  Menschen  oder  der  Dinge  sich  den  Anforderungen  der  Sittlich- 
keit  dauernd  entzoge,  oder  daB  die  Sittenwesen  aussterben,  ehe  die  Sittlichkeit 
wirklich  wird ;  dem  widerspricht  das  Grundgesetz  der  Wahrheit.  Wahrheit  ist 
nicht  ein  bloB  logischer  Begriff,  sondern  er  greift  von  der  Logik  in  die  Ethik 
iiber.  Die  Logik  hat  es  nur  mit  der  Richtigkeit  der  Begriffe  zu  tun,  die  Wahr- 
heit aber  ist  zugleich  ein  sittlicher  Begriff.  Ira  Interesse  der  Sittlichkeit  fordert 
das  Grundgesetz  der  Wahrheit  die  Harmonie  von  Natur  und  Sittlichkeit,  das 
heiBt  die  Moglichkeit  einer  stets  fortschreitenden  Annaherung  an  das  Ideal. 
Das  Grundgesetz  der  Wahrheit  vertieft  sich  dann  in  C.s  Ethik  zur  Idee  Gottes, 
in  der  die  Sicherheit  des  sittlichen  Fortschrittes  beruht.  In  dieser  Lehre  ver- 
wertet  C.  aufs  fruchtbarste  seinen  Begriff  der  Antizipation. 

Der  Begriff  des  Willens  wird  von  C.  weder  rein  intellektualistisch  gemaB  der 
Gesinnungsethik  gedacht,  noch  auch,  wie  in  aller  utilitaristischen  Ethik,  in 
die  auBerliche  Tat  verfliichtigt.  Im  Willen  miissen  sich  Denken  und  Affekt 
vereinigen.  Das  Denken  entwirft  das  Ziel  der  Handlung,  aber  der  sittliche  Affekt 
setzt  die  Handlung  in  Bewegung.  Als  sittliche  Affekte  stellt  nun  C.  zwei  auf : 
erstens  den  Affekt  der  Achtung,  er  ist  der  treibende  Motor  aller  Handlungen, 
die  sich  auf  die  Allheit  beziehen ;  zweitens  der  Affekt  der  Liebe,  er  ist  die  Trieb- 
kraft,  die  die  Handlungen,  welche  sich  auf  die  Besonderheiten  der  Familie,  der 
Gesellschaft  usw.  beziehen,  beseelt.  Demnach  unterscheidet  C.  ein  System  von 
Tugenden  der  Achtung  und  der  Liebe,  das  seinen  Gipfel  im  Begriff  der  Humani- 
tat  findet.  In  der  Tugend  der  Humanitat  durchdringen  sich  alle  anderen  Tugen- 
den, verschmilzt  die  Achtung  und  die  Liebe.  Mit  ihr  aber  sind  wir  auch  an  der 
Grenze  der  Asthetik  angelangt. 

Die  Asthetik  weist  im  Gefuhl  der  Menschenliebe  den  Ursprung  der  Kunst 
auf.  Natur  und  Sittlichkeit  geben  den  Stoff  ab,  aus  dem  der  Kunstler  die  neue 
Wirklichkeit  des  Kunstwerks  fonnt,  die,  wie  sie  aus  dem  Eros  entsprungen  ist, 
Liebe  im  Beschauer  erweckt.  Der  Kunstler  hat  weder  Sittlichkeit  zu  lehren 
noch  die  Natur  nachzuahmen,  aber  er  muB  Herr  der  Natur  und  Sittlichkeit 
seiner  Zeit  sein,  um  beide  in  das  harmonische  Gefuhl  der  Menschenliebe  auf- 
zulosen.  Die  gefuhlsmaBige  Harmonie  von  Natur  und  Sittlichkeit  tritt  im 
Kunstwerk  als  Schonheit  in  Erscheinung;  Schonheit  ist  also  die  Grundkate- 
gorie  der  Asthetik.  Der  Kunstler  erzeugt  sein  asthetisches  Subjekt  in  und  an 
dem  asthetischen  Objekt,  das  heiBt,  dem  Kunstwerk.  Das  asthetische  Subjekt 
ist  nicht  ein  solches  des  Begriffes,  sondern  des  Gefuhls.  Das  Erhabene  und  das 
Humoristische  sind  Unterarten  des  Schonen,  die  dadurch  entstehen,  daB  ent- 
weder  die  Seite  der  Natur  oder  der  Sittlichkeit  fur  das  Gefuhl  voriibergehend 
pravaliert;  voriibergend,  denn  endlich  muB  die  Auflosung  in  die  Harmonie 
des  Gefuhls  doch  immer  erfolgen.  Von  diesen  sicheren  Voraussetzungen  aus 
entwirft  C.  das  Svstem  der  Kiinste,  das  hier  zu  reproduzieren  uns  der  Raum 
fehlt. 

Die  Marburger  Schule,  deren  anerkanntes  Haupt  C.  war,  hatte  mittlerweile 
zahlreiche  Anhanger  und  Freunde  gewonnen.  Dies  zeigte  sich  deutlich,  als  C. 
191 2  seinen  70.  Geburtstag  feierte.  Aus  aller  Herren  Landern  kamen  die  Gra- 
tulanten,  siebzig  Kollegen  und  Schuler  iiberreichten  eine  Festschrift,  auBer- 
dem  wurde  noch  eine  besondere  Festschrift  von  43  judischen  Gelehrten  ihm 


Cohen.  Crusius 


237 


dargebracht.  Nach  seinem  70.  Geburtstag  verlieB  C.  die  bisherige  Statte  seiner 
Wirksamkeit  und  siedelte  von  Marburg  nach  Berlin  iiber.  Hier  war  er  dann 
noch  eine  Reihe  von  Jahren  an  der  Akademie  des  Judentums  als  Lehrer  tatig. 
C.  war  nicht,  wie  ich  aus  einem  Mifiverstandnis  heraus  in  meinem  Cohen-Buch 
(S.  94)  angab,  Freimaurer,  dagegen  hat  er  immer  den  regsten  Anteil  am  reli- 
giosen  Leben  seiner  Glaubensgenossen  genommen. 

In  die  Zeit  seiner  Berliner  Wirksamkeit  fallen  noch  zwei  bedeutsame  Er- 
eignisse,  namlich  einmal  die  Reise  nach  RuBland  1914,  auf  der  er  von  der  ge- 
lehrten  Welt  Polens  und  RuBlands  seinem  Genie  und  seinen  Leistungen  ent- 
sprechend  geehrt  wurde;  und  die  Feier  seines  sojahrigen  Doktorjubilaums 
1915,  bei  welcher  Gelegenheit  ihm  wieder  zahlreiche  Beweise  der  Verehrung 
und  Liebe  zuteil  wurden. 

Literatur:  Eine ausfuhrlicheC. -Bibliographic  findet man  beiW.  Kinkel:  H.Cohen,  eine 
Einfuhrung  in  sein  Werk,  Stuttgart  1924,  S.  346  ff .  Wir  begniigen  uns  hier,  die  wichtigsten 
seiner  Werke  anzufuhren:  Kants  Theorieder  Erfahrung,  Berlin  1871,  2.  Aufl.  1885,  3.  Aufl. 
19 18.  —  Die  systematischen  Begriffe  in  Kants  vorkritischen  Schriften  nach  ihrem  Ver- 
haltnis  zuin  kritischen  Idealismus,  Berlin  1873.  —  Kants  Begriindung  der  Ethik,  Berlin 
1877,  2-  Aufl.  1910.  —  Das  Prinzip  der  Infinitesimalmethode  und  seine  Geschichte,  Berlin 
1883.  —  Kants  Begriindung  der  Asthetik,  Berlin  1889.  —  Logik  der  reinen  Erkenntnis, 
Berlin  1902,  2.  Aufl.  19 14.  —  Religion  und  Sittlichkeit,  Berlin  1907.  —  Ethik  des  reinen 
Willens,  Berlin  1907.  —  Asthetik  des  reinen  Gefuhls,  2  Bde.,  Berlin  191 2.  — Deutsch- 
tum  und  Judentum,  GieBen  191 5.  —  Der  Begriff  der  Religion  im  System  der  Philo- 
sophic GieCen  191 5.  —  Die  Religion  der  Vernunft  aus  den  Quellen  des  Judentums, 
Leipzig  19 19.  —  Jtidische  Schriften,  ed.  B.  Straufl,  3  Bde.,  Berlin  1924.  —  Kleine  philo- 
sophische  Schriften,  ed.  Cassirer  &  Gorland,  im  Erscheinen  begriff  en.  —  tfber  das  Leben 
Cohens  orientiert  aufler  meiner  oben  genannten  Schrift  R.  Fritzsche:  H.  Cohen  aus  per- 
sonlicher  Erinnerimg.  Berlin  1922.  —  Der  wissenschaftliche  NachlaC  findet  sich  in 
Handen  von  Frau  Martha  Cohen,  Berlin  W  10,  Dornbergstr.  6. 

Gieflen.  Walter  Kinkel. 

Crusius,  Otto,  klassischer  Philologe,  *  am  20.  Dezember  1857  m  Hannover, 
f  am  29.  Dezember  1918  in  Miinchen.  —  C.  entstammt  von  vaterlicher  Seite 
einer  meist  im  alten  Kurfurstentum  Sachsen  ansassigen  Gelehrtenfamilie,  aus 
der  sein  Oheim  Gottlob  Christian  C.  (1785 — 1848),  zuletzt  Kantor  und  philo- 
logischer  Lehrer  am  Lyzeum  in  Hannover,  als  Verfasser  eines  vielbenutzten 
Homer-Lexikons  und  kommentierter  Homer- Ausgaben  bekannt  ist ;  die  Mutter, 
eine  Niedersachsin  (geb.  Winckelmann) ,  war  mit  Heinrich  Hoffmann  von 
Fallersleben  befreundet,  der  dem  schon  seit  1861  vaterlosen  C.  ein  vaterlicher 
Freund  wurde.  Die  dem  Verfasser  des  Deutschlandliedes  eigentumliche  Mi- 
schung  naturwiichsiger  poetischer  Improvisationsgabe  und  biederer  Ge- 
lehrsamkeit  ist  nicht  ohne  Eindruck  und  Wirkung  auf  C.  geblieben.  Das 
Lyzeum  seiner  Geburtsstadt  Hannover,  eine  Gelehrtenschule  alten  und  besten 
Stils,  auf  der  er  in  politisch  bewegter  Zeit  heranwuchs,  gab  ihm  strenge  geistige 
Schulung:  es  war  Heinrich  Ludolf  Ahrens,  der  ihm  in  der  Prima  die  Augen 
fur  die  »lebendige«  antike  Welt  offnete  und  den  Ernst  sprachlichen  Studiums 
zum  vollen  BewuBtsein  brachte.  Ihm  fiihlte  er  sich  sein  ganzes  Leben  mehr 
als  irgendeinem  seiner  Universitatslehrer  zu  grenzenlosem  Dank  verpflichtet 
und  huldigte  ihm  schriftlich  und  miindlich,  so  oft  er  nur  konnte  (vgl.  auch 
das  Vorwort  zu  H.  L.  Ahrens,  Kleine  Schriften,  I,  1891).  Seinen  immer  regen 
Bildungshunger  suchte  er  durch  die  bunteste  Privatlektiire  zu  stillen;  schon 


238  I9i8 

als  Gymnasiast  hat  er  seine  besonderen  Lieblinge  Heinrich  v.  Kleist  und  Karl 
Immermann  entdeckt,  der  scheinbar  zufallige  Erwerb  der  kdstlichen  Basler 
Folio- Ausgabe  des  Petrarca  ist  gleichsam  das  Symbol  seiner  humanistischen 
Bestimmung. 

Als  C.  Ostern  1875  an  die  Universitat  Leipzig  kam,  um  klassische  Philo- 

logie  zu  studieren,  war  das  Gestirn  Friedrich  Ritschls  kurz  vor  dem  Erloschen 

(t  Nov.  1876);  es  ist  bezeichnend,  daB  ihm  bei  aller  Hochachtung  vor  der 

disciplina   Ritscheliana  seine  Schriftstellerinterpretation    »damals  meist    im 

Handwerklichen  steckenzubleiben  schien«.   Zunachst  zogen  ihn  tiberhaupt 

die   Germanisten   starker   an,   unter   ihnen   besonders    Rudolf   Hildebrands 

reicher  und  feiner  Geist;  ja  es  muB  damals  die  Gefahr  bestanden  haben,  daB 

ihn  der  von  kleinauf  leidenschaftliche  Hang  zur  Musik  ganz  der  Wissenschaft 

entfuhrte.  Klarend  und  befreiend  hat  die  groBe  Reise  gewirkt,  die  er  als 

Begleiter  einer   deutschamerikanischen    Familie    nach  seinem   5.    Semester 

im  Jahre  1877 — 1878  durch  Siiddeutschland,  Italien  und  Frankreich  machen 

konnte.  Jetzt  tritt  die  griechisch-romische  Antike  als  die  sein  Leben  bestim- 

mende  GroBe  in  den  Mittelpunkt  und  alle  anderen  Neigungen  ordnen  sich 

dem  einen  Ziele  unter.  Von  seiner  Riickkehr  nach  Leipzig  an  konzentriert 

er  sich  unter  Otto  Ribbecks  teilnahmsvoller  Leitung  ganz  auf  die  klassischen 

Studien,  als  deren  erstes  bedeutendes  Ergebnis  seine  Dissertation  de  Babrii 

aetate  1879  erschien.  Daran   schloB   sich   das  Staatsexamen  und  seine  An- 

stellung  als  Gymnasiallehrer  zuerst  am  Gymnasium  zu  Dresden-Neustadt, 

dann  nach  dem  Militarjahr  1881/82  in  Leipzig  an  der  Thomasschule  bis  1886: 

seiner  praktischen  Tatigkeit  im  Schuldienst  hat  er  immer  in  treuer  Dankbar- 

keit  gedacht.  Aber  schon  im  Mai  1883  habilitierte  er  sich  mit  einer  Arbeit 

iiber  die  antiken  Paromiographen,  die  ihn  sofort  in  die  vorderste  Linie  der 

jiingeren  Philologen  stellte.  Nachdem  er  sich  1885  mit  Franziska  v.  Bihl  ver- 

mahlt  hatte  (von   den  beiden  Sohnen  ist  der  altere,  Otto  C,  Musiker,  der 

jiingere,  Friedrich  C,  Philologe),  konnte  er  Ostern  1886  das  ihm  angebotene 

Jenaer  Extraordinariat  ausschlagen  und  dem  Rufe  an  Erwin  Rohdes  Stelle 

nach  Tubingen  folgen ;  nach  dessen  f riihem  Tode  folgte  er  ihm  auf  den  Heidel- 

berger  Lehrstuhl  1898  (nachdem  er  Halle  abgelehnt  hatte)  und  ging  schlieB- 

lich   (nach  Ablehnung  eines  Wiener  Rufes)   1903  als  Nachfolger  Wilhelm 

v.  Christs  nach  Miinchen,  wo  er  1915  zum  Prasidenten  der  bayerischen  Aka- 

demie  gewahlt  wurde.   Dieser  rasch  ansteigende  und   auBerlich  glanzende 

cutsus  honor  um  war  nur  die  gemaBe  Anerkennung  seiner  Fahigkeiten,  deren  er 

sich  selbst  stets  kraftvoll  bewuBt  war.  In  den  letzten  Tagen  des  schweren 

Jahres  1918  setzte  ein  Gehirnschlag  seinem  Leben  ein  jahes,  vollig  uner- 

wartetes  Ende. 

Die  Leistungen  des  Forschers  liegen  zunachst  auf  festumgrenzten,  der 
hohen  und  klassischen  Literatur  f ernen  Gebieten :  schon  bei  der  Dissertation 
iiber  die  Lebenszeit  des  Babrios  ist  das  Wesentliche  nicht  das  chronologische 
Ergebnis  (das  ja  auch  durch  die  Papyrusfunde  eine  Korrektur  erfahren 
muBte),  sondern  das  lebendige  Verstandnis  der  antiken  Fabel  als  einer  Aus- 
drucksform  griechischen  Volksgeistes  und  die  souverane  Beherrschung  der 
weit  iiber  die  Antike  hinaus  reichenden  Fabelliteratur.  Fiir  Babrios  hat  C. 
1897  die  maBgebende  Edition  besorgt;  die  weiter  greifenden  Plane  muBten 
unvollendet  bleiben :  sowohl  das  Corpus  fabidarum  Aesopicarum  (mit  Hausrath 


Crusius  23Q 

u.  a.),  wie  eine  Geschichte  der  antiken  Fabel  und  ihres  Nachlebens.  Was  C. 
19 13  »aus  der  Geschichte  der  Fabel «  als  Einleitung  zu  Kleukens  popularem 
Buch  der  Fabeln  veroffentlichte,  sind  kostliche  Proben  reifer  geschichtlicher 
Einsicht,  die  den  Verzicht  auf  das  Ganze  tun  so  bitterer  empfinden  lassen. 
Neben  der  Fabel  gait  seine  Arbeit  dem  Marchen,  den  Sprichwortern,  den 
religiosen  Brauchen  und  Vorstellungen  des  Volkes:  insbesondere  sollte  der 
reiche  Schatz  der  griechischen  Sprichworter,  den  er  kannte  und  liebte  wie 
keiner,  gehoben  werden.  Seine  Analecta  ad  paroemiographos  Graecos  1883 
legten  die  aufierordentlich  verwickelte  Uberlieferung  der  vorhandenen  Samm- 
lungen  klar  und  sind  noch  heute  das  einzige  Buch,  das  den  Zugang  zu  ihnen 
eroffnet;  denn  so  viel  er  (z.  T.  mit  Iy.  Cohn  zusammen)  spater  noch  zu  den 
Paromiographen  veroffentlicht  hat  (Plut.  de  proverb.  1887  u.  1895,  Ver- 
handlg.  d.  40.  Phil.-Vers.  Gorlitz  1890,  Philol.  Suppl.  1891,  Sitz.-Ber.  d. 
bayer.  Akad.  1910),  auch  hier  ist  das  am  Anfang  sicher  ins  Auge  gefafite  eigent- 
liche  Ziel,  ein  neues  Corpus  Paroemiographorum  Graecorum  (sehr  verschieden 
von  dem  alten  Gottinger)  zu  schaffen,  nicht  erreicht  worden.  Weit  zerstreut 
sind  seine  religionsgeschichtlichen  und  volkskundlichen  Aufsatze  von  der 
I^eipziger  Zeit  (Artikel  fur  Ersch  und  Gruber,  Roscher  u.  a.)  bis  zum  Beitrag 
in  der  Kuhn-Festschrift  (1916):  sie  sind  in  ihrer  Mehrzahl  Interpretations- 
versuche,  meist  von  Dichterstellen,  und  insofern  echte  Philologie.  Von  den 
dunkelsten  Regungen  der  Volksseele  und  ihren  primitiven  Ausdrucksformen 
wird  der  Weg  gesucht  zu  den  erhabensten  AuBerungen  griechischen  Geistes 
in  Lyrik  und  Drama.  Die  zeitliche  Bedingtheit  dieser  Arbeiten  offenbart  sich 
wohl  in  der  Herubernahme  mancher  »folkloristischen«  Hypothese:  aber  im 
letzten  Grunde  wurzeln  sie  doch  noch  in  den  Anschauungen  der  von  der 
romantischen  Geistesbewegung  mitbestimmten  »historischen  Schule«.  Jacob 
Grimm  hat  er  immer  mit  bewufitem  Nachdruck  »den  grofiten  Philologen* 
genannt,  und  unter  den  Altertumsforschern  verehrte  er  Otfried  Muller  als  den 
genialsten;  Wilh.  Mannhardt  aber  pries  er  unaufhorlich  als  den  Forscher, 
der  in  rastloser  Arbeit  das  Gemeinsame  in  antikem  und  nordischem  Volks- 
glauben  aufgedeckt  hatte.  Den  vom  Teubnerschen  Verlag  ausgehenden  Plan 
einer  Sammlung  seiner  Beitrage  zur  alten  Folklore  und  Dichtung  vereitelte 
der  Ausbruch  des  Krieges. 

Eine  seltsame  Gabe  der  tv%?]  war  fi